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Zurück in den Armen des Griechen

1. KAPITEL

Tessa Wilson war erstaunt, wie gut sie sich heute Abend amüsierte. Während sie an ihrem Retsina nippte und den Tanzenden zuschaute, wiegte sie sich zu der griechischen Musik in den Hüften. Sie hatte seit fast zwei Jahren nicht mehr getanzt. Nicht mehr, seitdem sie Adrian – und Naxos – verlassen hatte.

Warum nur musste Nicole ausgerechnet Naxos für ihre Hochzeit auswählen? Tessa hatte sich geschworen, niemals zurückzukehren, aber es war undenkbar, nicht zur Hochzeit ihrer einzigen Schwester zu erscheinen.

Adrianos Katsaras, dachte Tessa und seufzte leise. Seit ihrer Trennung war kein Tag vergangen, an dem sie nicht an ihn gedacht hatte. Rasch schüttelte sie den Kopf, als wollte sie eine lästige Fliege vertreiben. Sie würde sich diesen Abend nicht von den Gedanken an Adrian verderben lassen.

Als die griechische Band einen Syrtaki spielte, reihte Tessa sich in die fröhliche Schar der Tanzenden und überließ sich dem mitreißenden Rhythmus der Musik. Als das Hochzeitspaar unter dem Beifall der Gäste die Tanzfläche betrat, sah sie auf.

Liebevoll betrachtete Tessa ihre Schwester. Nicole war zwei Jahre jünger als sie, wirkte jedoch mit ihren weiblichen Formen fraulicher als sie selbst. Mit ihren vierundzwanzig Jahren sah sie immer noch wie ein junges Mädchen aus.

Das weich fallende schneeweiße Seidenkleid betonte Nicoles weiche Rundungen und bildete einen aufregenden Kontrast zu ihren pechschwarzen langen Locken. Nur die himmelblauen Augen hatten die beiden Schwestern gemeinsam.

Richard sah seine frisch angetraute Ehefrau verliebt an. Nicole lachte glücklich und griff nach seiner Hand. Die beiden wirkten, als hätten sie sich gerade erst kennengelernt, dabei waren sie schon seit ihrer Schulzeit ein Paar.

Tessa gönnte Nicole ihr Glück von ganzem Herzen, und Richard war mit der Zeit fast ein Bruder für sie geworden. Dennoch fühlte sie einen kleinen schmerzhaften Stich, als sie jetzt dem strahlenden Hochzeitspaar zuschaute. Wie schön musste es sein, mit dem über alles geliebten Menschen vor den Altar zu treten, um den Rest des Lebens miteinander zu verbringen.

Plötzlich sah sie wieder Adrians Gesicht vor sich, hatte sein mitreißendes Lachen im Ohr. Für einen Moment überwältigte sie die Sehnsucht nach ihm so sehr, dass sie ihr den Atem raubte. Mit aller Kraft drängte Tessa die Erinnerung wieder zurück. Nach all der Zeit war sie endlich wieder auf ihrem geliebten Naxos, und sie sollte das Beste aus ihrer Zeit hier machen, anstatt sie mit quälenden Erinnerungen zu vergeuden.

Ihre Eltern kamen seit dreißig Jahren nach Naxos. Während der Schulzeit ihrer Töchter nur in den Ferien, doch vor fünf Jahren hatten sie ihre kleine Buchhandlung in London verkauft und ihre gesamten Ersparnisse in eine Olivenplantage auf Naxos gesteckt. Tessa und Nicole hatten seitdem so viel Zeit wie möglich bei den Eltern verbracht, doch seit der Trennung von Adrian war Tessa nicht mehr zurückgekehrt.

Richard begleitete Nicole seit Jahren auf die Insel. Mittlerweile war er hier selbst ganz zu Hause. Er sprach sogar ein wenig Griechisch, wenn auch längst nicht so gut wie Tessa und Nicole, für die es ihre zweite Muttersprache war.

In den vergangenen zwei Jahren hatte Tessa sich manchmal so sehr nach Naxos gesehnt, dass sie kaum atmen konnte. Doch die Vorstellung, zurückzukehren und Adrian wiederzubegegnen, war noch quälender gewesen.

Schon wieder Adrian, dachte sie ärgerlich. Ihre Erinnerungen an ihn hatten bereits mehr als genug fröhliche Augenblicke ruiniert. Anstatt sich wie ihre Freundinnen in Diskotheken und mit Verabredungen zu amüsieren, hatte sie in den letzten zwei Jahren ihre gesamte Energie ihrer Arbeit als selbstständige Innenarchitektin gewidmet – mit großem Erfolg. Es wurde höchste Zeit, diese unselige Liebe zu Adrian zu vergessen und endlich wieder ihr Leben zu genießen.

Sie wollte nicht mehr an ihn denken! Doch das war hier noch viel schwieriger als zu Hause in London. Auf Naxos erinnerte sie jeder Atemzug an ihn. Die Luft besaß hier ihren ganz eigenen Duft nach Sonne, Meer und wilden Kräutern, und wenn die Musik für einen Augenblick schwieg, konnte man das Geräusch der Wellen hören, die sich auf dem Strand vor der Taverne brachen.

Mit einem großen Schluck leerte Tessa ihr Glas, stellte es auf einem Tischchen ab und erwiderte das Lachen eines jungen Mannes, der ihr den Arm zum Tanz bot. Sie schätzte ihn auf Anfang zwanzig. Nach seinen kinnlangen sonnengebleichten Haaren und der sportlichen Figur zu urteilen, war er einer der vielen Surfer, die im Sommer auf Naxos lebten. Ein Junge noch, schoss es Tessa durch den Kopf. Adrian war schon damals ein Mann gewesen. Aber kein Wunder, er war schließlich acht Jahre älter als sie.

Schluss jetzt mit Adrian! ermahnte sie sich ärgerlich. Sie lehnte sich in den Arm ihres Tanzpartners und ließ sich von ihm über die Tanzfläche wirbeln.

„Ich kann nicht mehr, ich muss eine Pause machen!“, japste sie einige Zeit später.

„Kann ich dir was zu trinken holen?“, fragte der junge Mann, während er versuchte, ihr tief in die Augen zu schauen. „Vielleicht noch ein Glas Retsina?“

„Danke, ein Wasser wäre schön“, antwortete Tessa freundlich.

Sie nahm sich vor, nicht noch einmal mit ihm zu tanzen. Sie war nicht in der Stimmung zu flirten und wollte ihm keine falschen Hoffnungen machen.

Tessa kannte ihre Wirkung auf das andere Geschlecht, auch wenn sie sich mit ihrer blassen Haut, den hellblauen Augen und ihren glatten blonden Haaren viel zu farblos fand. Schon als kleines Mädchen hatte sie sich gewünscht, so dunkel wie ihre Schwester zu sein.

Ohne großes Interesse beobachtete sie, wie sich ihr Tanzpartner durch die Menge zur Bar schob. Wieso konnte sie sich nicht in einen netten jungen Mann wie ihn verlieben? Doch bisher hatte ihr Herz nur bei Adrian schneller geklopft.

Sie zuckte die Schultern und ließ ihren Blick über die Schar der Hochzeitsgäste schweifen. Viele waren aus England angereist, dazu hatten Nicole und Richard auch alle Freunde eingeladen, die sie im Laufe der Jahre auf Naxos gefunden hatten.

In der Taverne waren alle Tische und Stühle an die Wände gerückt worden, um Platz zum Tanzen zu schaffen. Der große Raum war bis auf den letzten Platz gefüllt, ebenso wie die Strandterrasse, und die Gäste schienen sich großartig zu amüsieren.

Plötzlich erstarrte Tessa. Alles drehte sich um sie, und ihre Kehle schnürte sich zu. Nein! Das konnte nicht sein! Sie zwang sich noch einmal hinzuschauen. Diesmal war kein Irrtum möglich. Das Blut wich ihr aus dem Gesicht.

Am anderen Ende des Raums stand Adrian. Er trug einen hellen Sommeranzug, der seine Bräune betonte. Mit seiner hochgewachsenen athletischen Gestalt überragte er alle anderen Anwesenden.

Er hatte sich kaum verändert. Sein markantes Gesicht mit den ausgeprägten Wangenknochen und dem energischen Kinn wirkte inmitten der lachenden Menschen um ihn herum verschlossen, ja sogar hart. Aber Tessa konnte sich nur allzu gut daran erinnern, wie jungenhaft er aussah, wenn er lachte.

Ihre Knie gaben nach, und sie griff Halt suchend nach einer Stuhllehne. Mit einem Mal fühlte sie sich wieder wie das junge Mädchen, das zum ersten Mal in seinem Leben verliebt war. Wo war die erwachsene Frau geblieben?

Wieso war Adrian hier? Nicole wusste zwar nicht, was damals zwischen ihnen vorgefallen war, doch sie hatte fest versprochen, ihn nicht einzuladen.

Nur langsam drang die besorgte Stimme ihres Tanzpartners zu ihr durch: „Geht es dir nicht gut, Tessa? Du bist ja weiß wie die Wand!“

„Keine Sorge!“ Sie riss sich mühsam zusammen. „Alles in Ordnung. Es ist nur ein bisschen heiß hier.“ Sie wedelte sich mit beiden Händen Luft zu und versuchte zu lächeln.

„Bist du sicher?“ Der junge Mann runzelte zweifelnd die Stirn. „Du siehst aus, als hättest du gerade einen Schock bekommen.“

Sie nahm das Wasserglas, das er ihr reichte, und trank einen großen Schluck. „Danke. Jetzt geht es mir schon viel besser.“

Er wirkte noch nicht ganz überzeugt. „Du bist immer noch ganz blass. Sollen wir vielleicht nach draußen gehen?“

„Das ist wirklich lieb von dir, aber ich habe nur Kopfschmerzen. Ich glaube, das letzte Glas Wein war zu viel.“ Sie bemühte sich um einen scherzhaften Tonfall. „Ich gehe mich erst einmal frisch machen. Wir sehen uns dann später.“

Sie drehte sich um und schob sich durch die Menge zum Ausgang. Sie musste dringend hier raus, bevor Adrian sie entdeckte.

Kurz bevor sie die Tür erreicht hatte, fragte eine tiefe Stimme auf Griechisch: „Darf ich um diesen Tanz bitten?“

Tessa sprang vor Schreck einen Schritt vorwärts, doch eine Hand fasste mit hartem Griff nach ihrem nackten Arm und hielt sie fest. Ihre Haut glühte unter den viel zu vertrauten Fingern, und diese Stimme hätte sie unter Tausenden wiedererkannt. Sie musste ihn nicht ansehen, um zu wissen, wer hinter ihr stand. Doch wie unter einem inneren Zwang wandte sie sich um.

„Hallo, Tessa.“ Adrians Lächeln erreichte nicht seine Augen. „Lange nicht gesehen.“

„Ja.“ Sie nickte, während sie verzweifelt versuchte, gelassen zu wirken. Plötzlich schien der Raum viel kleiner geworden zu sein.

„Lass uns tanzen!“

„Ich … tut mir leid, aber ich kann nicht“, stotterte sie. Schon bei dem Gedanken, in seinen Armen zu liegen, wurde ihr schwindelig. „Ich wollte gerade gehen.“

Seine Augen wurden schmal. „Schon so früh?“

„Ich … ich habe Kopfschmerzen“, murmelte Tessa. „Bitte entschuldige mich.“

„Das werde ich nicht.“

„Wie bitte?“

„Ich muss mit dir reden.“ Ohne ein weiteres Wort nahm er sie bei der Hand und zog sie hinter sich her zum Ausgang.

Tessa zitterten die Knie, und ihr Herz raste. Auch die vergangenen zwei Jahre hatten nichts an seiner atemberaubenden Anziehungskraft geändert. Noch nie hatte sie einen anderen Menschen so intensiv wahrgenommen wie ihn. Ob auch er es fühlte? Unsinn! sagte sie sich. Dazu hasste er sie viel zu sehr.

Noch immer hielt Adrian mit festem Griff ihre Hand; seine Berührung hatte nichts Liebevolles an sich. Mit großen Schritten lief er über den Strand, und Tessa musste sich anstrengen, mit ihm mitzuhalten. Erst als sie die Lichter der Taverne und die Feiernden hinter sich gelassen hatten, blieb Adrian stehen.

Über dem Meer hing groß und schwer der volle Mond, doch im Moment wirkte das Bild ganz und gar nicht romantisch auf sie, sondern eher bedrohlich, ebenso wie Adrian.

Entsetzt spürte sie, wie ihr vor Sehnsucht nach einem Lächeln von ihm die Tränen in die Augen stiegen, und sie wandte den Kopf ab. „Wieso tust du das?“, fragte sie mit zitternder Stimme.

„Was?“

Sie schluckte. „Mich hinter dir her an den Strand zerren. Du hast mir vor zwei Jahren sehr deutlich klargemacht, was du von mir hältst. Offensichtlich hat sich daran nichts geändert. Was willst du also von mir?“

„Ich will gar nichts von dir. Es geht um Nikos.“

Tessa unterdrückte ein Aufstöhnen, als Adrian seinen Bruder erwähnte. „Wie geht es ihm?“, fragte sie leise.

Er sah sie kalt an. „Was denkst du, wie es ihm geht? Er wird nie wieder richtig laufen können. Er hat seine Karriere verloren, sein ganzes Leben.“

„Du wirst mir wohl für immer die Schuld an seinem Unfall geben, nicht wahr?“ Tessa wandte sich ab und sah aufs Meer hinaus. Sie wünschte sich verzweifelt, sie könnte die Zeit noch einmal zurückdrehen.

Adrians Wangenmuskeln spannten sich an. „Wem sonst? Wärest du nicht …“ Er unterbrach sich und atmete tief durch. „Aber ich bin nicht hier, um dir deine Schuld vor Augen zu halten. Du musst mit Nikos reden.“

„Wieso? Hat er nach mir gefragt?“

„Nein, ganz im Gegenteil. Er weigert sich, auch nur ein Wort über dich oder den Unfall zu verlieren. Aber ich bin überzeugt, dass er sich damit auseinandersetzen muss, wenn er jemals darüber hinwegkommen will. Nikos … es geht ihm nicht gut. Er hat sein Training und seine Therapie aufgegeben, und ich weiß nicht, was ich noch für ihn tun kann.“

„Es tut mir leid“, flüsterte Tessa. „Ich habe gehört, dass du ihn zu den besten Ärzten nach Amerika gebracht hast. Ich hatte so sehr gehofft, dass sie ihm helfen könnten.“

„Immerhin sitzt er nicht mehr im Rollstuhl“, antwortete Adrian bitter. „Aber selbst der beste Arzt kann keine Wunder bewirken.“

Tessa hörte den Schmerz in seiner Stimme. Sie wusste, wie sehr er seinen Bruder liebte. Nikos war achtundzwanzig, vier Jahre älter als sie selbst. Er war gerade dreizehn geworden, als seine Eltern bei einem Bootsunglück ums Leben kamen.

Adrian hatte damals nicht nur eine Art Vaterstelle für Nikos übernommen, sondern auch die Verantwortung für die beiden Hotels der Familie. Dies war ihm nicht besonders schwergefallen, denn schon vorher war er trotz seiner Jugend die rechte Hand seines Vaters gewesen.

Vielleicht ist Nikos aus diesem Grund schon immer insgeheim eifersüchtig auf Adrian gewesen, schoss Tessa durch den Kopf. Das würde erklären, was er seinem Bruder vor zwei Jahren angetan hatte – von dem Adrian jedoch nichts wusste.

„Lebt Nikos bei dir?“, fragte sie leise.

„Ja.“ Adrian sah sie nicht an.

Für einen Moment dachte Tessa daran, wie glücklich sie einmal mit Adrian gewesen war. Es kam ihr vor, als wäre dies in einem anderen Leben gewesen.

„Du hast dich gar nicht von deinem Begleiter verabschiedet“, sagte Adrian plötzlich kalt.

„Mein Begleiter?“, wiederholte Tessa verständnislos. „Meinst du etwa meinen Tanzpartner? Ich weiß nicht einmal seinen Namen.“

„Dafür habt ihr euch aber großartig amüsiert.“ Adrians Stimme war schneidend.

Tessa wurde es heiß bei dem Gedanken, dass er sie offensichtlich eine ganze Weile beobachtet hatte.

„Nun, du hast ja nie sehr lange gebraucht, um mit Männern … intim zu werden“, fuhr Adrian verächtlich fort. „Vielleicht schwirren sie darum wie die Fliegen um dich herum.“

Obwohl es Tessa schon lange klar war, wie Adrian über sie dachte, zuckte sie bei seinen Worten zusammen, als hätte er sie geschlagen, und das Blut stieg in ihre Wangen. Sie wusste nicht, worüber sie sich mehr ärgerte, über Adrians Unverschämtheiten oder darüber, dass er sie noch immer so sehr verletzen konnte.

„Ich habe mit dem Jungen getanzt, mehr nicht!“, rief sie aus. „Und selbst wenn, ginge dich das überhaupt nichts an!“

„Nichts könnte mich weniger interessieren als deine Liebhaber.“ Adrian wandte sich abrupt ab und ließ sie stehen. Nach zwei Schritten drehte er sich noch einmal um. „Ich erwarte dich morgen Abend um sieben“, teilte er ihr kalt mit. „Du weißt ja, wo ich wohne.“

„Ich … ich glaube nicht …“

„Ist nach allem, was du angerichtet hast, ein Abendessen wirklich zu viel verlangt?“, fragte Adrian kalt. „Ich weiß, dass du nicht in der Lage bist, Verantwortung zu übernehmen, aber zumindest das bist du Nikos schuldig.“ Er wartete nicht auf ihre Antwort.

Tessa sah ihm nach, wie er mit langen Schritten über den Strand ging, bis ihn die Nacht verschluckt hatte. Erst jetzt fiel ihr auf, wie weit sie sich von der Taverne entfernt hatten. Nur leise mischte sich die Musik der Hochzeitsfeier mit dem Zirpen der Grillen und dem Geräusch der Wellen, die sich auf dem Sand brachen.

Tessa merkte, wie ein Schluchzen in ihrer Kehle aufstieg. Es war ein Fehler zurückzukommen, dachte sie verzweifelt. Während Tränen über ihre Wangen strömten, lief sie immer weiter über den Strand.

Eine ganze Weile später ließ sie sich keuchend in den Sand fallen und schlug die Hände vors Gesicht. Ihr Körper glühte wie im Fieber. Sie sehnte sich nach der Kühle des Meeres, doch sie brachte es nicht über sich, ins Wasser zu gehen. Am Meer war sie Adrian zum ersten Mal begegnet. Fünf Wochen lang waren sie seit dem Tag zusammen glücklich gewesen, und sie hatte für immer auf Naxos bleiben wollen. Dann war in einer einzigen Nacht alles zerstört worden.

Tessa kauerte sich im Sand zusammen und schluchzte hilflos. Sie konnte nicht aufhören, zu weinen.

Die Zeit heilt alle Wunden, sagte man. Doch das stimmte nicht. Sie liebte Adrian noch immer. Ebenso verzweifelt und hoffnungslos wie am Tag ihrer Trennung. Und es tat noch immer genauso weh, dass sie seine Liebe für immer verloren hatte.

Adrian ballte vor Wut die Hände, als er den schnellen Schlag seines Herzens spürte. Wie war es möglich, dass diese Frau noch immer derart heftige Gefühle in ihm auslöste? Reichte es nicht, dass ihretwegen vor zwei Jahren seine Welt zerbrochen war?

Er hatte sie zutiefst geliebt, doch sie hatte ihn belogen und betrogen. Ohne sie würde sein Bruder heute seinen Traum leben und ein erfolgreicher Fußballer sein, anstatt verbittert und ohne jeden Lebensmut Tag für Tag nur aufs Meer hinauszustarren.

Adrian hatte jeden Grund, Tessa zu hassen. Was er auch tat. Und dennoch begehrte er sie mit einer fast schmerzhaften Intensität. Als er in ihre Augen geschaut und ihre Stimme gehört hatte, hätte ein Teil von ihm am liebsten ihre zarten Schultern gepackt und sie geschüttelt. Zugleich wollte er sie an sich ziehen und seinen Mund auf ihre Lippen pressen.

Wie unschuldig und mädchenhaft Tessa noch immer aussah! Doch heute kannte er sie zu gut, um darauf hereinzufallen.

2. KAPITEL

Als Tessa am nächsten Abend den Wagen vor Adrians Haus parkte, zuckte sie unter dem Schmerz ihrer Erinnerungen zusammen. Alles hier sah noch genauso aus wie vor zwei Jahren. Das flache lang gestreckte Haus schimmerte blendend weiß unter dem wolkenlosen Himmel.

Mit seinen meerblauen Fensterläden und Türen und den leuchtend roten Kaskaden der Bougainvilleen hätte es einer Postkarte entsprungen sein können. Tessa ließ den Blick über die Olivenbäume im Garten hinunter zum dunkelblauen Meer wandern. Sie erinnerte sich an kühle Zimmer hinter den dicken Mauern und eine Terrasse so groß wie ein Ballsaal, über der die Sonne aufging und die ab dem frühen Nachmittag im Schatten lag.

Plötzlich dachte sie an den letzten glücklichen Tag zurück, den sie mit Adrian verbracht hatte. Sie waren mit seinem Boot hinausgefahren und hatten einige Fische gefangen. In einer kleinen Bucht hatte Adrian Anker geworfen, und sie waren durch das warme kristallklare Wasser zu der Insel geschwommen.

Am Strand suchten sie Treibholz, Adrian entzündete ein Feuer und grillte die Fische. Nach dem Essen fielen Tessa die Augen zu. Erst Adrians zarte Küsse weckten sie.

„Ich konnte nicht länger widerstehen“, flüsterte er zärtlich.

Tessa war so glücklich wie noch nie in ihrem ganzen Leben. Sie war nie zuvor mit einem Mann zusammen gewesen, doch trotz ihrer mangelnden Erfahrung wusste sie, dass Adrian ihr Schicksal war.

Ihre Wangen glühten, als sie daran dachte, wie sie sich ihm mit all ihrer unschuldigen Leidenschaft angeboten hatte. Doch er hatte sie liebevoll zurückgewiesen.

„Unser erstes Mal soll etwas ganz Besonderes sein, mein Liebling“, hatte er sanft erwidert. „Und wir haben noch ein ganzes Leben vor uns.“

Tessa war so versunken in ihre Erinnerungen, dass sie Adrian zuerst nicht bemerkte, der jetzt langsam zu ihr kam. Erst bei dem Geräusch seiner Schritte schrak sie auf und sah ihn durch das offene Autofenster an.

Das Haus hat sich vielleicht nicht verändert, Adrian dagegen schon, schoss ihr durch den Kopf. Gestern hatte sie nicht bemerkt, wie sehr. Erst jetzt, im hellen Licht der späten Nachmittagssonne, sah sie, dass sich die feinen Linien um seine dunklen Augen vertieft hatten. Sein Haar war so schwarz wie früher, aber an den Schläfen entdeckte sie erste silberne Fäden, und sie erschrak über die kalte Trostlosigkeit in seinen Augen.

Er war nicht weniger attraktiv, doch er sah härter und noch männlicher aus als vor zwei Jahren. Für einen Augenblick sehnte Tessa sich nach seinem strahlenden Lächeln, das sie damals so oft gesehen hatte.

„Bist du mit deiner Musterung fertig?“, fragte er spöttisch.

Sie zuckte zusammen, als Adrian die Wagentür öffnete.

„Du hast dich verändert“, murmelte sie und stieg aus.

„Im Gegensatz zu dir.“ Adrians Worte klangen nicht wie ein Kompliment.

Als sie mit zitternden Knien neben ihm her zum Haus ging, konnte sie fast körperlich spüren, wie sehr er sie hasste. Ich hätte niemals herkommen dürfen, dachte sie, während ihr Herz so heftig klopfte, als wollte es aus ihrer Brust springen.

Adrian hielt ihr die Tür auf. „Gehen wir hinein.“ Sein Gesicht war so ausdruckslos wie seine Stimme.

Tessa dachte an das erste Mal, als Adrian ihr sein Haus gezeigt hatte. Schon damals hatte sie die schlichte Eleganz der kühlen weiß getünchten Räume beeindruckt. Im Stillen schimpfte sie mit sich, weil sie einfach nicht vergessen konnte. Die Vergangenheit war vorbei – ein für alle Mal beendet! Nichts konnte das ändern.

Adrian führte Tessa in das große Wohnzimmer. Die hohen Fenster boten eine herrliche Aussicht auf das blaue Meer, doch Tessa hatte keinen Blick für die atemberaubende Aussicht. Sie sah nur Nikos, der am Fenster saß und hinausschaute. Bei ihrem Eintritt drehte er sich um. Als er sie erkannte, zuckte er zurück, als wäre er geschlagen worden.

„Wieso ist sie hier?“, fuhr er seinen Bruder an.

Als Adrian schwieg, ging Tessa langsam zu Nikos und reichte ihm die Hand. „Hallo Nikos“, sagte sie leise.

Sie hoffte, dass sich das Entsetzen über seinen Anblick nicht in ihrer Miene spiegelte. Nikos hatte nichts mehr mit dem kraftvollen Athleten gemeinsam, der er vor seinem Unfall gewesen war.

Damals hatte er für die griechische Fußballnationalmannschaft gespielt und ein kleines Vermögen verdient, das er mit vollen Händen ausgegeben hatte. Die Frauen hatten ihm zu Füßen gelegen, was er skrupellos ausgenutzt hatte. Jetzt war sein hübsches Gesicht hager geworden, seine Wangen waren eingefallen. Seine dunklen Locken, die er früher mit einem Haarband zurückgebunden hatte, waren kurz geschoren.

Nikos sah mit deutlichem Abscheu auf Tessas Hand, so als könnte er es nicht über sich bringen, sie zu berühren.

„Wir haben uns auf Nicoles Hochzeitsfeier getroffen, und ich habe Tessa zum Essen eingeladen“, erwiderte Adrian leichthin, als wüsste er nicht, wovon Nikos redete. Seine Miene wurde weicher, als er seinen Bruder anschaute. Dann wandte er sich an Tessa. „Setz dich. Was kann ich dir zu trinken anbieten?“

„Ein kleines Glas Weißwein, bitte!“, murmelte sie.

Sie setzte sich auf das weiße Sofa vor dem Fenster. Nikos stand auf und ging zu einem anderen Sessel, der weit von ihr entfernt war. Tessa hielt den Atem an, als sie seine schweren, ungleichmäßigen Schritte sah. Während Adrian fort war, um den Wein zu holen, breitete sich drückendes Schweigen aus.

Tessa zitterte am ganzen Körper. Sie hatte nicht erwartet, dass die Begegnung mit Nikos ihr so nahegehen würde. Fieberhaft suchte sie nach einer Ausrede, um sich noch vor dem Essen wieder zu verabschieden.

Was hatte Adrian sich von dieser Begegnung versprochen? Ihr Besuch hatte keinen Sinn. Es war ganz offensichtlich, dass Nikos nichts mit ihr zu tun haben wollte.

Hätte sie nur damals Nikos’ Einladung nicht angenommen – das Unglück wäre nie passiert! Wäre ich noch immer mit Adrian glücklich, wenn ich mich damals anders entschieden hätte? fragte sie sich traurig.

„Was willst du hier? Wolltest du mit eigenen Augen sehen, was du angerichtet hast?“

Tessa zuckte zusammen, als Nikos’ hasserfüllte Stimme sie jetzt aus ihren Erinnerungen riss. „Es tut mir unendlich leid, was damals passiert ist, Nikos“, antwortete sie leise. „Aber warum gibst du mir die Schuld daran? Du weißt genau, dass ich nichts Unrechtes getan habe.“

„Weil ich ohne dich noch mein Leben hätte!“ Voller Bitterkeit schlug Nikos mit der Faust auf sein verletztes Bein. „Oder willst du das etwa abstreiten?“

„Bitte, dein Wein, Tessa.“ Adrian war unbemerkt hereingekommen und reichte ihr ein beschlagenes Glas.

Als Tessa die Hand ausstreckte, merkte sie, wie sehr ihre Finger zitterten. Mit einem leisen Klirren stellte sie das langstielige Weinglas auf dem Tisch ab.

„In zehn Minuten ist das Essen fertig. Maria hat auf der Terrasse gedeckt“, sagte Adrian, als hätten sie sich zu einem gemütlichen Abend getroffen.

Tessa räusperte sich. „Ich …

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