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Zurück in deine Arme

wolfedynasti
stammbaum

1. KAPITEL

Den Ansturm auffallend attraktiver Menschen in dem kleinen Ort an der französischen Riviera konnte man durchaus als ein Fest für die Sinne bezeichnen. Doch nur eine der Schönheiten erregte Rafael da Souzas Aufmerksamkeit und hielt sie gefangen. Und das seit dem Tag, an dem er sie in London zum ersten Mal gesehen hatte.

Faszination und Begehren hatten in den fünf Jahren ihrer Ehe nie nachgelassen. Und das würde sich auch niemals ändern. Wie jedes Mal, wenn das betörende Supermodel Leila Santiago auf der Bildfläche erschien, verschlug es ihm auch heute den Atem, obwohl er auf die Begegnung vorbereitet war. Alles in ihm drängte auf Wiedervereinigung – von Körper und Seele.

Bevor sie heirateten, hatten sie abgemacht, den Traum von einer eigenen Familie noch eine Weile hinauszuschieben. Dafür waren beide viel zu karriereorientiert. Lieber genossen sie ein freies Leben und alle damit verbundenen Annehmlichkeiten, nur dass sie diese fortan miteinander teilten.

Zumindest für eine gewisse Zeit …

Rafaels Miene wirkte angespannt, während er über das fünfte Jahr ihrer Ehe nachdachte. Die gemeinsam verbrachten Tage konnte er an einer Hand abzählen. Ihre Karrieren erforderten einen immensen Einsatz an Zeit und Nerven – viel mehr, als sie es sich vorgestellt hatten. Doch inzwischen fragte Rafael sich, ob der berufliche Erfolg nicht ein zu hoher Preis war, zumal er sie in zwei völlig unterschiedliche Richtungen führte.

Leila war für diverse Fotokampagnen gebucht, die sie monatelang rund um den Globus führten, während Rafael ihr zauberhaftes Gesicht nur in Werbespots und auf Plakatwänden bewundern konnte. Er selbst musste hart jonglieren, um den Spagat zwischen seinem Job als technischer Berater eines Filmprojekts und der Entwicklung elektronischer Bauteile für eine neue Handy-Generation zu bewältigen, die er auch designte. Wenn die aktuelle Produktion hielt, was sie versprach, war seine Firma der Konkurrenz auf dem Weltmarkt um Lichtjahre voraus.

Dazwischen hatte das Ehepaar gerade mal ein gemeinsames Wochenende auf Aruba verbracht. Aber auch dort musste Leila ein Foto-Shooting für Bademoden absolvieren, sodass intime Momente zu zweit etwas sehr Rares, Kostbares blieben. Rafael versuchte zwar, die Gelegenheit für ein Gespräch über ihre Zukunft als Familie zu nutzen, doch die Zeit war einfach zu kurz.

„Wir werden auf dem Filmfestival in Cannes darüber reden“, versprach Leila ihm auf Aruba, während sie zärtliche Küsse auf seinem muskulösen Oberkörper verteilte. Schon in der nächsten Sekunde ging das Thema Familie in einem Ansturm geraunter Liebesschwüre und heißer Liebkosungen unter. Für Rafael war es der lustvollste und erfüllendste Sex ihrer gesamten Beziehung. In höchster Ekstase vereinigt, presste er Leilas zarten Körper fest an sein wild hämmerndes Herz. Nie hatte er sich ihr mehr verbunden gefühlt als in diesem Moment.

Und dann war es ganz plötzlich vorbei gewesen mit ihrem Idyll. Rafael verließ das Bett und seine Frau noch vor Sonnenaufgang. Genauer gesagt, nachdem Leila ihm eröffnet hatte, dass sie ihn wegen eines neuerlichen Fotoshootings nicht zur Hochzeit seines Bruders Nathaniel nach London begleiten könne.

„Ich sehe dich dann in Frankreich.“ Mehr hatte er zum Abschied nicht herausgebracht. Dafür war er viel zu ärgerlich und verletzt gewesen.

Doch diesmal würde er sich ganz sicher nicht allein mit Reden begnügen, was das Thema Familie betraf! Sie hatten eine ganze Woche hier in Frankreich. Während die Tage für Business und Promotion reserviert waren, blieben ihnen sieben magische Nächte, um ihren Plan in die Tat umzusetzen.

Bei dem Gedanken, Kinder mit Leila zu haben, erwärmte sich Rafaels Herz. Der Gedanke, gemeinsam ein von Leben und Liebe erfülltes Zuhause aufzubauen, das ihm nie vergönnt gewesen war, machte ihn überglücklich.

An der Liebe seiner Mutter hatte er zwar nie gezweifelt, doch um sie beide ernähren zu können, hatte sie quasi Tag und Nacht in mindestens zwei Jobs gleichzeitig gearbeitet. Deshalb bekam er sie als Kind nur selten zu Gesicht. Aufgewachsen war er in einer kleinen, schäbigen Behausung in Wolfstone, die man wahrlich nicht als Zuhause bezeichnen konnte.

Innerlich aufgeatmet hatte Rafael zum ersten Mal, nachdem er der qualvollen Enge und den bedrückenden Erinnerungen entflohen und in ein modernes Apartment in London gezogen war. Einen weiteren Schritt in ein selbstbestimmtes Leben bedeuteten seine Heirat mit Leila und der Umzug in ein neues Luxus-Penthouse in Rio. Es sollte fortan ihr Hauptwohnsitz sein, weit weg von seiner desaströsen Vergangenheit.

Doch auch dort vermisste er die positive Energie und Wärme einer liebevollen Familie, die er sich ein Leben lang gewünscht hatte.

Rafael sehnte sich nach einer Casa … einem echten Heim, umgeben von eigenem Land, wo Kinder genügend Platz zum Spielen und Toben fanden. Ein echtes Zuhause, das sie mit guten Erinnerungen anfüllen konnten, die ihr Leben lang Bestand hatten. Ein Platz, an dem sich alle sicher und geborgen fühlten.

Und geliebt

Eben all das, was sein aristokratischer Erzeuger ihm vorenthalten hatte.

Leila wusste, was eine eigene Familie für ihn bedeutete, und teilte seinen Wunsch. Mit ein wenig Glück würde er bald in Erfüllung gehen.

Als er sie jetzt auf sich zukommen sah, war Rafael wie immer überwältigt von ihrer Schönheit, Grazie und Anmut. Sein Verlangen nach ihr nahm ihm den Atem. Aus Angst, sie könnte nur eine Fantasiegestalt sein, wagte er nicht einen Wimpernschlag. Wenn sich das Traumbild nun unter seinem hungrigen Blick in Luft auflöste? Und mit ihm die überwältigenden Emotionen, die sie in ihm wachrief.

Seine Frau!

Unter dem Blitzlichtgewitter unzähliger Kameras, das Millionen-Dollar-Lächeln auf den anbetungswürdigen, vollen Lippen schritt sie wie eine Königin über La Croisette. Rafael machte nicht den Fehler, das Lächeln auf sich zu beziehen. Er wusste, dass es ihren Legionen von Fans gehörte. Sie beherrschte den Flirt mit der Kamera, und die Fotografen liebten sie. Wie sollten sie auch nicht?

Leila Santiago war eine zum Leben erweckte Fantasie. Die Frau, von der jeder Mann auf der Welt träumte und mit der jede Frau blind tauschen wollte.

Das Sinnbild für Perfektion. Verführerische Perfektion!

Eine Fülle goldener Locken rahmte das schmale Oval ihres Gesichts ein, das die Titelseiten internationaler Hochglanzmagazine zierte, seit sie dreizehn war. Doch das elfengleiche Wesen, das den Start ihrer kometenhaften Karriere begründet hatte, war von einer sinnlichen Frau abgelöst worden, die sich ihre zeitlose Schönheit diszipliniert und hart erarbeitete. Ihr gazellenhafter, goldgetönter Körper erweckte mehr Begehren als jede weibliche Üppigkeit.

Das scharlachrote Kleid, dessen Oberteil ihre hoch angesetzten Brüste zärtlich umschloss und in der warmen salzigen Meeresbrise verführerisch die Hüften umspielte, war ein Designertraum an sich, aber erst seine Trägerin erweckte ihn zum Leben. Rafael wusste, dass jede Kopfbewegung und jeder Schritt zu einer minutiös einstudierten Choreografie gehörte. Während er ihre langen makellosen Beine in den mörderischen Stilettos betrachtete, glaubte er sie bereits um seine nackten Hüften geschlungen zu spüren …

Das kurze Wochenende auf Aruba hatte ihm wieder eindringlich vor Augen geführt, wie schmerzlich er in diesem hektischen Jahr die körperliche Nähe zu seiner Frau vermisste. Als sie jetzt vor ihm stehen blieb, schien sie ganz kurz zu zögern, bevor sie ihre schmalen Hände auf seine Brust legte und den Kopf zum Begrüßungskuss neigte, wie es in den letzten Jahren bereits auf Hunderten von Paparazzi-Schnappschüssen festgehalten worden war. Jedes Mal ließ ihn die schmetterlingsgleiche, sanfte Berührung bis ins Innerste erbeben. War sie doch wie ein stummes Versprechen auf intime Zweisamkeit, lustvolle Stunden, die nur ihnen allein gehörten.

Mit begehrlichem Blick streichelte Rafael ihr wunderschönes Gesicht, während seine starken Hände besitzergreifend ihre schmale Taille umfassten. Leilas warme, weiche Lippen berührten flüchtig die seinen. Doch noch bevor er den kurzen Moment genießen und festhalten konnte, war er auch schon vorbei. Was ihm blieb, war ein verführerischer blumiger Duft, der seine Sinne reizte und mehr versprach.

Es musste dieses neue Parfum sein, das sie während der offiziellen Filmfestspiele hier in Cannes vorstellen und promoten würde. Zusammen mit dem Film gleichen Namens Bare Souls … Nackte Seelen.

Ein Synonym für Leila und ihn? Für ihre Beziehung? Was wussten sie wirklich voneinander? Weder sie noch Rafael waren auf der Sonnenseite des Lebens geboren worden. Doch so nah und hingegeben sie einander körperlich auch verbunden waren, hatte jeder von ihnen für sich die Dämonen der Vergangenheit weggeschlossen.

Rafael hatte seiner Frau nie erzählt, wie es war, als William Wolfes unerwünschter Bastard aufzuwachsen. Und Leila sprach nicht über den Horror einer fast tödlichen Magersucht in früher Teenagerzeit. Dennoch wusste er davon und fragte sich manchmal im Stillen, ob sie diese schlimme Phase ihres Lebens wirklich ganz überwunden hatte.

Als er jetzt in ihre leuchtenden haselnussbraunen Augen schaute, deren seelenvoller Blick schon vor dreizehn Jahren alle Herzen erobert hatte, vergaß er alles andere um sich herum. Sekundenlang fiel ihm sogar das Atmen schwer. Doch dann war der Moment vorbei, und aus dem verletzlichen Mädchen von damals war wieder die verführerische Sirene geworden, die sich ihrer Reize bewusst war und sie routiniert präsentierte, um ihr geneigtes Publikum nicht zu enttäuschen.

Selbst er war nicht immun dagegen. Sein Körper reagierte auf eine Art und Weise, die es ihm schwer machte, seine Frau nicht wie ein primitiver Urmensch einfach über die Schulter zu werfen und in seine Höhle zu verschleppen! Weit weg von den begehrlichen Blicken anderer Männer.

Mit einem letzten, an alle gerichteten Lächeln wandte sich Leila in einer graziösen Pirouette nun endgültig Rafael zu, der spontan eine Hand hob und seiner Frau sanft über die Wange strich, was der gaffenden Menge einen kollektiven Seufzer entlockte.

„Wie war Nathaniels Hochzeit?“, erkundigte sie sich. Ihre Stimme klang etwas angespannt.

„Alle haben nach dir gefragt“, entgegnete er immer noch verletzt, dass sie ihre Pläne nicht für ihn aufgegeben hatte. „Ich habe versucht dich anzurufen, um zu hören, ob du nicht doch …“

„Ich weiß“, unterbrach sie ihn rasch, „aber ich konnte wirklich nicht weg.“

Er nickte mit schmalen Lippen, weil er keine Lust hatte, sich in der Öffentlichkeit in unsinnige Diskussionen verstricken zu lassen. Doch ein seltsamer Unterton in Leilas Stimme ließ ihn überlegen, ob sie in ihrem Job vielleicht Probleme hatte, von denen er nichts wusste.

Wenn es seinen Brüdern und seiner Schwester sonderbar vorgekommen war, dass Leila sich nicht mal einen Tag für die Familienfeier hatte freinehmen können, so hatten sie es sich zumindest nicht anmerken lassen. Doch das bedeutete nicht viel, da sie einander ohnehin nicht besonders verbunden waren. Im Grunde genommen war jeder darauf bedacht, nur nicht zu viel vom anderen zu erwarten.

Und doch – oder vielleicht auch gerade deshalb – hatte das Zusammensein mit seinen Halbgeschwistern Rafaels Liebe zu Leila auf eine noch höhere, bedeutsamere Ebene erhoben. Zum körperlichen Begehren kam immer stärker ein tiefes, schwer zu definierendes Gefühl der Zugehörigkeit, das Rafael fast Angst machte. Zumal er nie mit seiner Frau darüber gesprochen hatte. Wann denn auch?

Aber jetzt hatten sie endlich Zeit füreinander!

„Unsere Suite ist bereit“, sagte er lächelnd.

Leila seufzte erleichtert auf. „Gut, ich brauche dringend einen kühlen, ruhigen Platz, um zu mir zu kommen.“

Mit einem Anflug von Besorgnis musterte Rafael ihr perfekt geschminktes Gesicht, das kein Anzeichen von Müdigkeit oder Erschöpfung erkennen ließ. Dafür glaubte er erneut so etwas wie Unsicherheit in den wundervollen braunen Augen aufflackern zu sehen. War sie vielleicht krank gewesen? Einen Arm um ihre Taille gelegt, führte er seine Frau in ihr Luxushotel. Dabei war er dankbar für die Absperrungen, die verhinderten, dass allzu anhängliche Fans ihnen folgten.

Anders als Leila mied Rafael das Scheinwerferlicht so gut es eben ging. Dass er nur ungern im Mittelpunkt allgemeiner Aufmerksamkeit stand, war auch eine Folge seiner traumatischen Jugend als ungewolltes, illegitimes Kind. Selbst wenn er längst nicht mehr Gegenstand von Klatsch und Häme war, hasste er es, von außen beurteilt zu werden. Seine Privatsphäre ging ihm über alles.

Zügig dirigierte er Leila an der eleganten Rezeption vorbei, froh dass niemand sie aufhielt, um nach einem Autogramm zu fragen oder ihnen bedeutungslosen Small Talk aufzudrängen. Auch im Lift waren sie allein. Trotzdem atmete Rafael erst richtig auf, als sie in ihrer Penthouse-Suite ankamen, von der aus sie einen fantastischen Blick auf das türkisblaue Mittelmeer hatten.

„Wie zauberhaft“, freute sich auch Leila, durchquerte rasch den großzügigen Wohnbereich und trat hinaus auf die Dachterrasse. Als sie hörte, dass Rafael ihr folgte, drehte sie sich zu ihm um. „Wann bist du angekommen?“

„Gestern, direkt aus London.“

„Hast du wenigstens genügend Zeit mit deiner Familie verbringen können?“ Im hellen Sonnenlicht wirkte ihr schmales Gesicht sehr blass und fast durchscheinend, wie Rafael besorgt feststellte.

„Ich bin am Tag der Hochzeit hingeflogen und am Morgen danach hierher“, erklärte er knapp und zuckte angesichts ihrer gerunzelten Brauen mit den Achseln. „Mein Terminplan ist genauso eng wie deiner.“

Leila nickte und wandte den Blick ab.

Obwohl Rafael extrem zurückhaltend war, was seine eigene Vergangenheit betraf, gefiel ihm die Verschwiegenheit seiner Frau gar nicht. Zu Beginn ihrer Beziehung hatte er einfach keinen Sinn darin gesehen, ihr von dem despotischen und grausamen Verhalten seines aristokratischen Erzeugers zu erzählen. Oder davon, wie sehr er emotional gelitten hatte, wenn er mitbekam, wie seine Halbgeschwister auch noch körperlich von dem tyrannischen Vater misshandelt wurden.

Einige Dinge blieben besser ungesagt und begraben.

Doch jetzt fragte er sich insgeheim frustriert, ob Leila ihm vielleicht etwas verheimlichte, was nicht in diese Kategorie fiel. Etwas, das möglicherweise auch ihre Beziehung betraf.

„Wir sollten unsere Kalender aufeinander abstimmen“, sagte er rau und schob die unliebsamen Erinnerungen erst einmal zur Seite. „Mein Pressesprecher hält es für ebenso wichtig wie medienwirksam, wenn wir uns gegenseitig bei den verschiedenen Promotion-Events während der Filmtage unterstützen.“

„Ja, natürlich. Ich hole rasch mein Handy.“

War da nicht wieder dieser Anflug von Unbehagen und Kummer in ihrer Stimme, oder täuschte er sich? Stumm sah Rafael zu, wie seine Frau ihre trendige Designertasche durchsuchte. Er sah, wie ihre Hand dabei zitterte. Unbestreitbar war sie eine der schönsten und am meisten beneideten Frauen auf der Welt, doch ihr Leben drohte immer wieder aus den Fugen zu geraten.

Leila Santiago war eine Marke, ein Label. Nach einem vorübergehenden Einbruch war sie jetzt auf dem Zenit einer unglaublichen Karriere angelangt, die ihren eigenen Regeln folgte und vollen Einsatz erforderte. Und als erfolgreiche Geschäftsfrau war sie millionenschwer.

Er selbst hatte im letzten Jahr den Status eines Millionärs gegen den eines Milliardärs eingetauscht. Ganz oben mitzuspielen bedeutete gerade in der schnelllebigen Computertechnologie-Branche der Konkurrenz stets eine Nasenlänge voraus zu sein. Sein rasiermesserscharfer Verstand und ein gewisser Killerinstinkt hatten ihn an die Weltspitze gebracht. Diesen Platz zu behalten, verlangte enorme Anstrengungen.

Doch jetzt fragte er sich, ob er dabei etwas übersehen hatte.

Leila hatte sich verändert … ohne dass er es in Worte fassen konnte. Aber wann? Fühlte er sich in seiner Ehe zu sicher und komfortabel, als dass ihm der Wandel hätte auffallen können? Wo war die lebenssprühende Zauberfee geblieben, in die er sich Hals über Kopf verliebt hatte?

Sie schien selbstsicherer zu sein als früher. Gleichzeitig wirkte sie verletzlich und auf der Hut. Aber wovor? Vor ihm? War ihre Ehe überhaupt noch so stabil, wie er bislang gedacht hatte?

Das waren nur einige der schwerwiegenden Fragen, auf die Rafael in dieser Woche Antworten bekommen wollte. Gleichzeitig drängte es ihn, Leila zu versichern, dass sich zwischen ihnen nichts geändert hatte und auch nie etwas ändern würde. Doch seine Gefühle in Worten auszudrücken, fiel ihm schwer. Das hatte er nie gelernt. Stattdessen hätte er seine Frau am liebsten mit kostbaren Geschenken überhäuft, die ihr zeigen sollten, wie viel sie ihm bedeutete.

Wie zum Beispiel Juwelen oder sein neuestes Baby, ein stylisches, ultraflaches iPhone. Gedankenverloren strich Rafael mit dem Daumen über sein neues Handy, dessen Präsentation gleichermaßen die komplette Elektronikbranche und unzählige potenzielle Käufer entgegenfieberten.

Hier in Cannes konnte es als technologisches Wunderwerk in dem Action-Thriller Bastion 9 bewundert werden, der heute Abend Weltpremiere hatte. Außerdem würden etliche VIPs eines der Objekte ihrer Begierde in den exklusiven Präsentpaketen finden, die anlässlich dieses Mega-Events verteilt wurden. In Silber und Schwarz gehalten, wie die unzähligen Pendants, die ab morgen den Weltmarkt überschwemmen würden, war das Smartphone in Rafaels Hand zusätzlich mit einer purpurnen Speziallegierung beschichtet – Leilas Farbe.

„Ich habe es gefunden!“, rief Leila triumphierend und hielt ihr altes Handy hoch.

Lächelnd streckte Rafael die Hand aus. „Ich brauche nur eine Sekunde, um den Chip auszutauschen.“

Seine Frau machte große Augen. „Was hast du da? Etwa das Zauberteil, über das alle sprechen? Ich wusste gar nicht, dass es auch in Farbe produziert wird.“

„Wird es auch nicht, zumindest nicht in den nächsten Monaten. Und diese Variante wird ohnehin nie auf den Markt kommen.“

Leila sah auf das schillernde Handy in Rafaels Hand, stutzte und sah noch einmal genauer hin. Dann legte sie eine Hand auf den Arm ihres Mannes. „Ist dieser spezielle Schriftzug auch von dir?“, fragte sie weich.

„Ja, das ist er“, murmelte er rau und übergab ihr sein Geschenk.

„Meine einzige Liebe“, übersetzte sie mit Tränen in den Augen den kursiv gedruckten, portugiesischen Schriftzug aus schwarzen Linien und Wirbeln, der sich dem Betrachter erst auf den zweiten Blick erschloss. „Wie außergewöhnlich und einfach … perfekt.“

Genau dieser Gedanke hatte ihn auch bewegt, als er Leila vor fünf Jahren zum ersten Mal gesehen hatte. Damals war es ihr gerade gelungen, an die steile Model-Karriere ihrer frühen Mädchenjahre anzuknüpfen, obwohl sie ihm zu dem Zeitpunkt eher als schmerzlich dünnes, zerbrechliches Elfenwesen mit seelenvollen Rehaugen erschienen war. Zu der Zeit hatte sie noch vollkommen unter der Knute ihrer stets präsenten Mutter gestanden, mit der Rafael gleich bei ihrer ersten Begegnung hart aneinandergeriet.

Er selbst arbeitete damals noch in der Entwicklungsabteilung einer großen Softwarefirma in London. Ein Nobody, der seine unrühmliche Herkunft als William Wolfes Bastard zu vertuschen versuchte, um den ohnehin angeschlagenen Ruf seiner Mutter zu schützen.

Das heißeste Top-Model der Saison, Leila Santiago, war engagiert worden, um einen MP3-Player der neuen Generation zu promoten, den er entworfen und designt hatte. Rafael hielt sich am Set bewusst im Hintergrund, ähnlich wie er als Kind seinen Halbgeschwistern aus der Ferne beim Spielen zugeschaut hatte. Und je länger er Leila beobachtete, desto mehr erschien sie ihm wie eine Marionette, deren Fäden ihre dominante Mutter fest in Händen hielt.

Dann begegneten sich unerwartet ihre Blicke. Für einen atemlosen Moment sah er die Qual und Unsicherheit hinter der perfekten Fassade und spürte ihre Einsamkeit, die in seinem Herzen ein Echo fand. Dieser eine Blick wühlte etwas in ihm auf, das tief in seinem Innersten verborgen lag.

Nackte Seelen …

Sie, das verlorene Geschöpf, das sich nach einem Retter sehnte, er, der unerwünschte Sprössling, auf der Suche nach einer zweiten Hälfte, um sich ganz zu fühlen … wertvoll.

Nach dem Foto-Shooting sollte es zu einem Umtrunk in einen Pub gehen. Rafael freute sich darauf, Leila bei dieser Gelegenheit näher kennenzulernen. Doch ihre Mutter machte schnell klar, dass ihrer Tochter dafür keine Zeit blieb, da sie noch ihr tägliches Work-out zu absolvieren hätte. Obwohl Leila in Rafaels Augen längst mit ihrer Kraft am Ende war, wagte sie keinen Einspruch. Als wäre sie es gewohnt, anstandslos dem Diktat ihrer Mutter zu folgen.

Das reizte Rafaels stets wachen Widerstandsgeist. Dazu gesellten sich eine ordentliche Portion männlicher Stolz und brasilianische Arroganz.

„Möchten Sie mir bei einem Drink Gesellschaft leisten?“, fragte er Leila eindringlich, sobald sie eine Sekunde unbeobachtet waren.

Sie lächelte nervös. „Meine Mutter hat bereits einen Trainer engagiert, der mich heute noch …“

„Das habe ich mitbekommen“, unterbrach Rafael sie und maß die plump wirkende, resolute Dame mit spöttischem Blick. „Warum lassen wir sie nicht einfach das Work-out absolvieren und nehmen uns den Abend frei?“, schlug er vor.

„Wir?“

„Warum nicht?“

„Aber ich kenne Sie doch nicht einmal“, protestierte Leila halbherzig.

Daraufhin stellte er sich vor und rückte sich selbstbewusst in ein strahlenderes Licht als es seinem derzeitigen Job in der Computerfirma entsprach. Aber außer ihm wusste ja auch noch niemand von seinen Visionen, geheimen Tests und neuen Verfahren, die ihn nur wenige Jahre später an die Weltspitze in der IT-Branche katapultieren sollten.

Und er berührte Leila … bewusst, aber ganz sanft und wie zufällig. Die Wirkung überraschte, ja schockierte ihn ebenso wie sie. Denn selbst der flüchtige Kontakt mit ihrer samtenen Haut warf ihn förmlich um. Die sexuelle Anziehung war so stark, dass sein Blut wie glühende Lava durch die Adern schoss, doch da war noch mehr …

„Komm mit mir, Leila …“, drängte er sie.

Nach einem ängstlichen Blick in Richtung ihrer Mutter gab sie sich einen sichtbaren Ruck und folgte ihm. Eine wundervolle Nacht lang waren sie zwei junge Liebende – Romeo und Julia –, für die nichts anderes zählte als der Gleichklang ihrer Herzen.

In dieser Nacht erfuhr Rafael, dass Leila vor einem Jahr auf offener Straße zusammengebrochen war, was einen monatelangen Aufenthalt in einer Spezialklinik für Anorexie nach sich gezogen hatte. Danach übernahm ihre energische Mutter die Regie über ihr Leben. Ihr Prinzip lautete: hundertprozentige Kontrolle, und das vierundzwanzig Stunden am Tag. Dem versuchte Leila immer wieder zu entkommen, fühlte sich aber zu schwach.

Und sein Instinkt hatte ihn nicht getrogen, sie war ebenso einsam wie er.

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