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Zur Sache, Schätzchen

PROLOG

Roxanne Archer arbeitete ihre Strategie wie ein Vier-Sterne-General aus - exakt bis in letzte Detail.

Teil eins ihres Plans beinhaltete die Fundamentlegung. Sie befasste sich ständig gedanklich mit ihrem Vorhaben. Sie ermittelte die Reiseroute. Sie listete Dinge auf, die sie benötigen würde, und sortierte sie nach Wichtigkeit. Sie berechnete den Zeitrahmen, den sie benötigen würde. Sie sparte genügend Geld. Sie eignete sich die erforderlichen Fähigkeiten an.

Das alles hatte etwa sechs Monate in Anspruch genommen.

Teil zwei ihres Plans umfasste die Erkundung im Allgemeinen und die Beobachtung eines Einzelnen. Sie beschattete mehrere mögliche Objekte, beobachtete sie einige Tage lang in ihrer natürlichen Umgebung, bevor sie sich auf eins beschränkte. Dann beschattete sie dieses eine, um alles über die Vorlieben und Gewohnheiten zu erfahren.

Das hatte fast zwei Wochen gedauert.

Teil drei des Plans war eher praktischer Natur. Tapfer begab sie sich in die Hände von Experten und ließ sich von ihnen für das Vorhaben von Kopf bis Fuß stylen. Freche Frisur, neues Make-up, manikürte Fingernägel, auffälliges Outfit. Schließlich wählte sie noch ein Pseudonym.

Das dauerte nochmals fast zwei Tage.

Dann war sie bereit für ihr Abenteuer.

Die Zeit war reif, sich einen gut aussehenden, verwegenen Cowboy zu suchen.

1. KAPITEL

“Ich warne dich, Schätzchen. Man kann mit Rodeoreitern zwar verdammt viel Spaß haben, aber in Bezug auf Frauen sind sie absolut unzuverlässig. Man kann ihnen nicht von hier bis dort trauen, und man darf ihnen kein Wort glauben. Vor allem den Gutaussehenden nicht. Das sind die Gefährlichsten. Mit ihrem Aussehen und ihrem Charme erreichen sie alles, und sie nutzen diese Möglichkeit hemmungslos aus. Es ist die Wahrheit, Schätzchen. Sei bei den gut aussehenden Männern besonders vorsichtig, oder sie brechen dir dein armes, kleines Herz.”

Roxanne Archer gingen die Worte durch den Kopf, als sie ihren Wagen vor dem Ed Earls’s Polynesian Dance Palace parkte. Resolut verdrängte sie die Warnung einer ehemaligen Barrel-Race-Reiterin aus San Antonio. Nichts würde sie von ihrem Plan abhalten.

Sie würde sich einen Cowboy suchen.

Einen gut aussehenden.

Einen verwegenen.

Wenn ihr dabei das Herz brach, nun, dann sollte es eben so sein. Sie erwartete sowieso nichts anderes. Und ein gebrochenes Herz war immer noch besser als eins, das verkümmerte, weil es brachlag. Ganz abgesehen von einem weiteren Körperteil, der aufgrund mangelnder Nutzung auszutrocknen drohte.

Sie schaltete den Motor ihres geliehenen knallroten Cabrios aus und blieb einen Moment lang ganz still sitzen. Die Hand am Schlüssel, den Fuß auf der Bremse, starrte sie auf die leuchtenden Flamingos auf dem Dach von Ed Earl’s Bar, während sie sich einige Ereignisse, besser gesagt fehlende Ereignisse, durch den Kopf gehen ließ, die sie mitten in den Sommerferien zu dieser Honky-tonk-Kneipe am Stadtrand von Lubbock, Texas, geführt hatten. Die Sachlage war ganz einfach.

Roxanne Archer war immer ein braves Mädchen gewesen – ein sehr braves Mädchen –, seit sie vor neunundzwanzig Jahren das Licht der Welt erblickt hatte. Einmal in ihrem ereignislosen Leben wollte sie das Braves-Mädchen-Image abschütteln. Wenn es überhaupt möglich war. Viel zu lange war sie ausschließlich ein braves Mädchen gewesen, und es würde nicht einfach werden, einmal das Gegenteil zu sein – selbst mit der Hilfe eines verwegenen, gut aussehenden Cowboys nicht.

Vorausgesetzt natürlich, dass sie es überhaupt schaffte, sich einen zu schnappen.

“Ich werde eben erst nach Hause zurückkehren, wenn ich mein Ziel erreicht habe”, murmelte sie trotzig vor sich hin. Sie klappte die Sonnenblende hinunter, um im beleuchteten Spiegel ihren Lippenstift zu kontrollieren – knallrot, so wie der Wagen – und sicherzustellen, dass auf der Fahrt vom Broken Spoke Motel ihre Haare vom Fahrtwind nicht völlig zerzaust worden waren. Waren sie aber. Doch wie die junge Frau, die ihr vor gerade zwei Tagen in Dallas die Haare geschnitten hatte, versichert hatte, wurde dadurch die Wirkung der Frisur noch verbessert. Roxanne lächelte ihr Spiegelbild zufrieden an.

Es war erstaunlich, wie sehr ein neuer Haarschnitt eine Frau verändern konnte. Ganz zu schweigen vom Make-up. Und der Kleidung. Vor allem, wenn sich jedes Kleidungsstück – einschließlich der aufregenden Dessous im Leoprint – so dramatisch von der Kleidung unterschied, die man normalerweise trug.

Mit dem Gefühl, ihr langweiliges Ich abgelegt zu haben und eine tolle Frau zu sein, öffnete Roxanne die Wagentür und schwang ihre Beine aus dem Auto. Sie berührte mit den Füßen den Schotterboden und richtete sich zu ihrer vollen Größe von fast einem Meter achtzig auf … und schwankte gefährlich, als die hohen Absätze ihrer nagelneuen knallroten Cowboystiefel im Kies versanken. Hastig hielt sie sich an der Tür fest und fragte sich, ob die hochhackigen Stiefel vielleicht doch ein Fehler gewesen waren. Zu Hause trug sie immer flache Schuhe oder Pumps mit einem vernünftigen Absatz, damit sie die Menschen – Männer – nicht mehr überragte als unbedingt notwendig.

Nein, dachte sie, Mädchen, die etwas erleben wollen, tragen keine vernünftigen Schuhe, egal, ob sie größer als die anderen waren oder nicht.

Außerdem hatte sie sich immer rote Stiefel gewünscht. Schon während ihrer Kindheit in Greenwich, Connecticut, hatte sie insgeheim davon geträumt, eine gefährliche Banditenkönigin wie Belle Starr oder Cat Ballou zu werden. Und sie war absolut sicher gewesen, auch wenn sie darüber nichts in den Büchern gefunden hatte, die sie gelesen hatte, dass diese Frauen rote Cowboystiefel getragen hatten. So hatte sie all ihren Mut zusammengenommen und ihre Mutter um ein Paar gebeten.

Charlotte Hayworth Archer hatte ihrer damals neunjährigen Tochter einen Vortrag darüber gehalten, wie armselig ihre Wahl von Vorbildern und Schuhwerk war, und ihr ein Paar ordentliche braune Reitstiefel gekauft, einen ordentlichen englischen Reitsattel und hatte sie für ordentliche Reitstunden angemeldet, in dem Glauben, dass Roxannes Interessen und Vorlieben dadurch in eine gesellschaftlich akzeptable Richtung gelenkt würden.

Waren sie auch.

Zum Teil jedenfalls.

Roxanne hatte gelernt, ihre Bewunderung für unkonventionelle Frauen für sich zu behalten, und nie wieder den Wunsch nach roten Stiefeln geäußert.

Nach einiger Zeit vergaß sie fast, dass sie sich jemals welche gewünscht hatte. Dressurreiterinnen trugen keine roten Stiefel, genauso wenig wie ehrenhafte Studentinnen oder Mitglieder des Debattier- oder Lateinclubs. Und ganz sicherlich war noch nie eine glänzende Studentin, die die Abschlussrede hielt, mit roten Stiefeln über die Bühne zum Rednerpult gelaufen. Ein Cheerleader vielleicht, oder ein Mitglied der Schauspielgruppe, aber Roxanne war zu groß und zu gehemmt und … nun, einfach zu blöd gewesen, um diesen Cliquen anzugehören.

Ein Mädchen, wie Roxanne es während ihrer Highschoolzeit gewesen war – groß, schlaksig, strebsam, schüchtern –, würde niemals etwas sagen oder tun, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Dieses Verhalten wurde zur Gewohnheit, und die schreckliche Teenagerzeit wurde abgelöst von einer ebenso langweiligen Zeit als Twen, ohne dass je irgendjemand von ihr Notiz genommen hätte.

Kurz nach ihrem fünfundzwanzigsten Geburtstag ging sie eine Beziehung mit einem Lehrer der exklusiven Privatschule ein, an der sie selbst englische Literatur und Latein unterrichtete. Aber auch in diesem Fall schaffte sie es nicht wirklich, seine Aufmerksamkeit für sich zu gewinnen. In den drei Jahren, die sie zusammen verbrachten, lernte er weder, wie sie ihren Kaffee mochte – mit einem halben Löffel Zucker, verdammt –, noch bemerkte er, dass sie den Orgasmus nur vortäuschte.

Genau das war der Grund, weshalb sie jetzt vor einer Honky-tonk-Bar außerhalb von Lubbock, Texas, stand. Mitten in ihren Sommerferien, in roten Cowboystiefeln und dem gewagtesten engen Rock, den sie je in ihrem Leben getragen hatte.

Roxanne Archer war endlich bereit, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, sich von alten Zöpfen zu lösen, neue aufregende Wege zu gehen und das Leben zu genießen. Mit den unvergessenen Worten ihrer Tante Mame ausgedrückt– auch einer bewundernswert unkonventionellen Frau mit einem Faible für auffallende Mode: Roxanne wollte “leben, leben, leben!”

Jedenfalls für die Dauer ihrer Ferien.

Etwas nervös fuhr sie mit beiden Händen über ihren superkurzen Minirock, um sicher zu sein, dass er noch alles verbarg, was er verbergen sollte.

Jemand pfiff anerkennend.

Roxanne erstarrte bei dem unerwarteten Geräusch. Instinktiv nahm sie die gewohnt steife Haltung an, um eine Bedrohung oder Beleidigung abzuwehren. Dann jedoch rief sie sich in Erinnerung, warum sie hier war, und entspannte sich. Schließlich hatte sie sich so auffällig zurechtgemacht, um die Aufmerksamkeit der Männer auf sich ziehen, oder? Nun, es war ihr gelungen. Jetzt musste sie nur noch entscheiden, wie sie damit umgehen sollte.

Leicht drehte sie den Kopf und lächelte ihren Bewunderer kess an.

Die Antwort kam sofort und war ausgesprochen erfreulich.

Er schwellte die Brust wie ein stolzer Hahn und kam mit dem o-beinigen Gang eines Mannes, der viele Stunden im Sattel verbracht hatte, auf sie zu. “Hallo, Schätzchen”, sagte er mit triefender Schmalzstimme.

Er war mindestens einen Meter fünfundachtzig groß, hatte ein Kreuz wie ein Bulle, und seinen Gürtel schmückte eine Schnalle, die so groß war wie ein Pfannkuchen. Sein Lächeln war freundlich und offen. Ein richtiger Cowboy. Gut aussehend. Aber leider machte er absolut keinen verwegenen Eindruck.

Und Roxanne suchte einen verwegenen.

Trotzdem, ein Cowboy war ein Cowboy, auch wenn er Sommersprossen und eine Stupsnase hatte. Sie klimperte mit den Wimpern.

“Hi, schöner Mann”, schnurrte sie. Ihr Akzent war eine fast perfekte Imitation der Barrel-Racer- Reiterin aus San Antonio, die sie vor Cowboys gewarnt hatte. Und ihre kokette Kopfhaltung war das Ergebnis zweiwöchigen Beobachtens entsprechender Mädchen und emsigen Übens vor dem Spiegel. Erstaunlicherweise funktionierte es.

Der Cowboy kam näher und legte die Hand an die Autotür. Der Geruch nach Pferden, Sattelseife und großzügig aufgesprühtem, würzigem Eau de Cologne drang ihr in die Nase. “Bist du allein hier, Zuckerpuppe?”

Roxanne unterdrückte den Wunsch, einen Schritt zurückzutreten, um diesem viel zu intensiven Duft und der ungewohnten Aufmerksamkeit eines Mannes zu entgehen. Früher hätte sie es getan. Jetzt aber schlug sie nur die Autotür zu und sah ihn dabei provozierend an. “Ich treffe mich mit jemandem.”

“Freundin?”, fragte er eifrig. Roxanne musste unwillkürlich lächeln.

“Freund.” Sie tippte mit ihrem perfekt manikürten Zeigefinger gegen seine Brust und schaute zu ihm auf. “Und er ist sehr, sehr eifersüchtig, Süßer. Ich wäre an deiner Stelle also vorsichtig.”

Der Cowboy lächelte noch breiter. “Ich bin bereit, das Risiko einzugehen, wenn du es auch bist, Puppe. Wir könnten abhauen, bevor er überhaupt merkt, dass du hier bist. Mein Truck steht dort drüben.”

Roxanne lachte und schüttelte den Kopf. Ihre Haare schimmerten in dem pinkfarbenen Neonlicht der Flamingos auf dem Dach des Ed Earl’s. “Ich möchte dein Leben nicht auf dem Gewissen haben, Süßer. Aber danke für die Einladung.” Sie seufzte voller Bedauern. “Es war ein wirklich süßes Angebot, und die Versuchung wäre groß, wenn ich nicht schon anderweitig festgelegt wäre.” Sie klimperte noch einmal mit den Wimpern. “Wirklich.”

Sie tätschelte seine Brust und drehte sich um. Langsam, um in ihren hohen Stiefeln auf dem Schotterboden nicht umzuknicken, schritt sie über den Parkplatz. Das vorsichtige Schreiten führte zu einem verführerischen Wiegen ihrer Hüften, was in flachen Schuhen niemals der Fall wäre.

Oh, es war so einfach gewesen! Wer hätte gedacht, dass es so einfach war!

Mit einem triumphierenden zufriedenen Lächeln öffnete Roxanne die Tür von Ed Earl’s Polynesian Dance Palace und tänzelte hinein, als gehörte ihr die Bar.

Es war, als beträte sie eine andere Welt – hinaus aus ihrem farblosen Leben, hinein in eines, das in allen Farben schillerte. Staunend und mit offenem Mund blieb sie stehen. Es war laut, verraucht, und die Bar wirkte heruntergekommen. Verzeihung, wundervoll heruntergekommen.

Chinesische Papierlaternen hingen in hohen künstlichen Palmen. Farbenprächtige Plastikfische baumelten von der Decke. Die Wände waren mit alten verdreckten Fischernetzen, Wasserbällen und pinkfarbenen Plastikflamingos dekoriert. Auf den Tischen standen Wackelpuppen – ähnlich denen, die man auf den Armaturenbrettern in den Autos von Leuten mit fragwürdigem Geschmack fand. Die Bedienung trug bunte Hawaiihemden und Blütenkränze aus Papier zu Jeans und Stiefeln. Die vier Mitglieder einer Cowboyband standen auf einer kleinen Bühne, die wie ein Floß aus Baumstämmen konstruiert war. Die überfüllte Tanzfläche war riesig, nierenförmig und hellblau gestrichen. Roxannes Lächeln verblasste ein wenig, als sie die Tänzer beobachtete, die über die Tanzfläche wirbelten.

Tanzen war nie ihre Stärke gewesen. Nicht, dass sie nicht gern tanzte. Doch. Aber Mädchen, die mit dreizehn schon fast einen Meter achtzig groß waren, Grips hatten und auch noch eine Brille trugen, bekamen nicht viel Gelegenheit, die Modetänze zu lernen. Ihre Mutter hatte darauf bestanden, dass sie Standardtänze lernte, natürlich. Aber was waren diese Tanzstunden peinlich gewesen! Mit einem lustlosen Partner Walzer zu tanzen, der auch noch einen Kopf kleiner war als sie! Die Discotänze, die alle Jugendlichen in ihrem Alter während der Highschoolzeit tanzten, hatte sie dagegen nie getanzt. Jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit.

Da sie dieses Mal nicht am Rande stehen wollte, hatte sie heimlich einen sechswöchigen Tanzkurs besucht, um sich auf ihr Wildwestabenteuer vorzubereiten. Aber keiner der sechs Tänze, die sie gelernt hatte, zeigte auch nur die geringste Ähnlichkeit mit dem, was sich hier auf der Tanzfläche abspielte. Offensichtlich war das junge Tanzlehrerpaar nie in einer Honky-tonk-Bar in Texas gewesen. Oder sechs Wochen hatten einfach nicht ausgereicht. Wie dem auch sei, sie konnte unmöglich …

“Wollen wir tanzen?”

Roxanne wandte den Blick von der Tanzfläche zu dem Mann, der sie angesprochen hatte. Der zweite Cowboy heute Abend, mit einem großen breitrandigen Cowboyhut, der sie anlächelte. Dieser hier war rank und schlank, hatte dunkle Augen, einen schmachtenden Blick und ähnelte in gewisser Weise John Travolta in jungen Jahren. Leider war er auch nicht älter als zwanzig. Wenn er überhaupt schon so alt war. Trotzdem, es war ermutigend, dass sie so schnell angesprochen wurde. Ein Zeichen dafür, dass ihre Wandlung vom Partytrottel zum Partygirl gelungen war. Wenn sie nicht zu neunundneunzig Prozent sicher gewesen wäre, dass sie auf der Nase landen würde, hätte sie sein Angebot vielleicht angenommen, schon aus Dankbarkeit für die Aufforderung zum Tanz.

“Danke, nein.” Sie lächelte ihn an, um die Abfuhr abzuschwächen. “Ich treffe mich hier mit jemandem.” Sie deutete über die Tanzenden hinweg auf die Bar und die Tische auf der anderen Seite der blauen Lagune. “Dort drüben.”

“Was hältst du davon, wenn ich mit dir dorthin tanze? So ein zartes Ding wie du könnte zerquetscht werden, wenn es sich allein durch das Gewühl drängelt.”

Auch ohne die Warnung der Rodeoreiterin aus San Antonio, dass die Cowboys es mit der Wahrheit nicht so genau nahmen, erkannte Roxanne Geschwätz, wenn sie es hörte. In den neunundzwanzig Jahren ihres Lebens war sie noch nie als “zartes Ding” bezeichnet worden. Mager, dürr, Bohnenstange. Ja, das waren Ausdrücke, die ihr geläufig waren. Aber nicht “zartes Ding”. Und dann noch von jemandem, der sie anlächelte, als wenn er es wirklich so meinte. Im Moment jedenfalls. Er war unwiderstehlich.

“Okay, Süßer.” Sie fühlte sich plötzlich unglaublich stark und verführerisch. Wenn sie bereits einem jungen gut aussehenden Cowboy solche schamlosen Schmeicheleien entlocken konnte, dann schaffte sie auch alles andere. Selbst tanzen in der Öffentlichkeit, ohne sich lächerlich zu machen. “Okay, einen Tanz. Der Mann, den ich treffe, kann warten.”

Er strahlte, als hätte er im Lotto gewonnen, legte den Arm um ihre Taille und zog sie auf die Tanzfläche, bevor sie ihre Meinung ändern konnte.

“Einen Tanz”, wiederholte sie.

Sie tanzten zwei Tänze.

Allerdings zählte der erste auch kaum, da die Musik schon fast vorbei war, als sie anfingen. Und der zweite war der Cotton-Eyed Joe. Es wäre ein Affront gegenüber einem Texaner, die Tanzfläche zu verlassen, wenn Cotton-Eyed Joe gespielt wurde. Roxanne fügte sich dem vorgeschobenen Argument, blieb jedoch hart, als er sie zum dritten Tanz überreden wollte. So süß er war – und er war verdammt süß! –, aber sie hatte für diesen Abend andere Pläne. Es wurde Zeit, dass sie sie in die Tat umsetzte.

“Ich treffe mich mit jemandem”, sagte sie und blieb standhaft, als ihr Partner gerade den nächsten Two Step beginnen wollte. “Und du hast versprochen, mich mit einem Tanz an die Bar zu bringen. Schon vergessen, Süßer?”

Der Cowboy zuckte etwas übertrieben mit den Schultern und führte sie dann gehorsam im Tanzschritt durch die Menge auf die andere Seite der Tanzfläche. Als sie sich der Bar näherten, wirbelte er sie mit schnellen gekonnten Drehungen herum, wobei er sie fest an seinen schlanken durchtrainierten Körper presste. Atemlos hielt Roxanne sich an seiner Schulter fest und sah lachend in das Gesicht, das nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt war. Der Ausdruck in seinen gefühlvollen braunen Augen ließ sie ihre Definition von verwegen überdenken.

“Wahnsinn.” Sie drückte ihre Hand gegen seine Brust, um sich ein wenig mehr Freiraum zu verschaffen. Im Gegensatz zu dem Cowboy auf dem Parkplatz gab er nicht bereitwillig nach. “Das war wirklich super”, sagte sie fröhlich. “Danke.”

“Ich danke dir”, erwiderte er und senkte den Kopf in eindeutiger Absicht.

Roxanne wich so weit zurück, wie es der Arm um ihre Taille zuließ.

“Soll das ein Nein bedeuten?”, murmelte er.

“Nein. Ich meine, ja. Es bedeutet Nein”, stammelte sie. Wie ein Schulmädchen empfand sie gleichermaßen Panik und Triumph.

Er wollte sie küssen!

Natürlich kam das überhaupt nicht infrage. Er war noch ein Kind. Jünger als ihr jüngster Bruder Edward. Trotzdem … dieser junge John Travolta Typ wollte sie küssen! Ein berauschender Gedanke, und wenn er ein paar Jahre älter wäre oder sie ein paar Jahre jünger, dann hätte sie sich vielleicht nicht gewehrt. Vielleicht.

“Bist du sicher, dass ich deine Meinung nicht ändern kann? Ich weiß noch einige andere …” Er zog sie fester an seinen überhitzen Körper; seine Stimme fiel eine Oktave und klang sexy und verführerisch. “… tolle Dinge, die wir zusammen tun könnten.”

“Da bin ich sicher”, erwiderte sie steif. Wie war sie in diese Situation geraten? Und wie kam sie wieder heraus? “Aber ich treffe …” Sie hielt den Atem an, als er mit dem Finger ihre Wange streifte.

“Du hast eine unglaublich zarte Haut”, murmelte er und glitt mit dem Finger weiter hinab zu ihrem Hals. In seinen Augen funkelte pure männliche Lust. “Ist das am ganzen Körper so?”

Roxanne hielt seine Hand fest, bevor er ihren Ausschnitt erreichte. “Nein”, sagte sie mit fester Stimme und entschlossenem Gesichtsausdruck, damit er nicht auf die Idee kam, ihre Meinung vielleicht doch noch ändern zu können.

Der junge Cowboy seufzte und ließ sie los. “Mir hat der Tanz viel Spaß gemacht. Die Tänze”, sagte er lächelnd und so höflich, als sei nichts gewesen. “Und wenn du deine Meinung doch noch änderst”, fügte er vielsagend hinzu, “dann ruf einfach, und ich komme angerannt.”

“Und nach wem soll ich rufen, Süßer?” Sie neigte den Kopf ein wenig und schaute ihn herausfordernd an. Anscheinend stellte sie sich beim Flirten gar nicht so dumm an, wie sie geglaubt hatte. “Nur für den Fall, dass ich meine Meinung ändere.”

“Clay.” Er reichte ihr die Hand. “Clay Madison.”

Roxanne nahm sie. “Roxy Archer”, stellte sie sich vor und nannte ihm damit die Version ihres Namens, die sie für ihr Abenteuer ausgewählt hatte.

“Es war mir ein Vergnügen, Roxy.” Er führte ihre Hand an seine Lippen und hauchte einen Kuss auf den Handrücken, bevor er sie losließ. “Denk daran, was ich gesagt habe. Ruf mich, wenn du es dir anders überlegst.”

“Das werde ich tun”, versprach sie, obwohl sie genau wusste, dass es nicht passieren würde.

Clay Madison wusste es auch. Er nickte ihr noch einmal zu, dann drehte er sich um und ließ sie am Rand der Tanzfläche stehen, während er sich einer hübschen jungen Lady in knallengen Jeans und knappem Tanktop widmete. Das Mädchen hatte ein Dekolleté zu bieten, von dem Roxanne nur träumen konnte. Selbst mit Hilfe eines Push-up-BHs würde sie so üppige Kurven nicht vortäuschen können.

“Na gut”, murmelte sie, während sie ohne Groll beobachtete, wie er das entzückte Mädchen mit denselben anmutigen Bewegungen über die Tanzfläche wirbelte, wie er es bei ihr getan hatte. “Wie gewonnen, so zerronnen.”

Sie hatte überhaupt keinen Zweifel daran, dass sie jetzt auf der Tanzfläche wäre, eng an den jungen Clay Madison gepresst, seine Hand auf ihrem Po, wenn sie zugestimmt hätte. Ein tröstlicher Gedanke. Vor Clay und dem Cowboy auf dem Parkplatz, hatte sich ihr Vertrauen in ihre Fähigkeit, sexuelle Lust in einem Mann zu wecken, eigentlich nur auf vage Hoffnung begründet. Jetzt war es bewiesen. Sie konnte es. Man brauchte dazu offensichtlich nur einen kurzen engen Rock, ein provozierendes Lächeln und die Fähigkeit, mit den Wimpern zu klimpern.

Sie war höchst erstaunt, dass sie fast neunundzwanzig Jahre benötigt hatte, um so etwas Einfaches herauszufinden. Aber jetzt, da es endlich so weit war, würde sie ihre neuen Kenntnisse gut nutzen. Zuversichtlich warf sie den Kopf zurück, drehte sich um und bewegte sich mit aufreizendem Hüftschwung in Richtung Bar, was ihr mehr als einen bewundernden Blick einbrachte.

“Ein Bier”, säuselte sie, als der Barkeeper nach ihrem Wunsch fragte.

Sie schob den Krug zur Seite, den er zusammen mit dem Bier brachte, legte ihre Hand um die kalte Flasche und schwang auf ihrem Barhocker herum, sodass sie einen Blick auf den Billardtisch am anderen Ende der Kneipe werfen konnte. Sie hob die Flasche an die Lippen und trank einen großen Schluck, ohne dabei die Männer aus den Augen zu lassen, die Billard spielten.

Da war er.

Ihr Cowboy.

Der Gutaussehende, Verwegene.

Sie senkte die Flasche und hielt sie auf ihrem nackten Knie, während sie beobachtete, wie er mit dem Queue in der Hand den Billardtisch umkreiste. Er war keine Filmschönheit wie der junge Clay Madison, aber Roxanne wollte keinen Filmstar. Sie wollte einen echten Mann. Einen hartgesottenen Cowboy und nicht die seichte Version.

Der Cowboy, der Billard spielte, entsprach genau ihren Vorstellungen.

Er war groß und schlank, hatte breite Schultern, schmale Hüften und die muskulösen Schenkel eines Reiters. Er bewegte sich um den Billardtisch mit einer faszinierenden Gelassenheit, die darauf hindeutete, dass er wusste, dass Geduld eine Tugend war. Er war älter als die meisten Rodeoreiter – eine wichtige Überlegung für eine Frau, die kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag stand – mit kleinen Lachfältchen um die Augen herum und auf den Wangen. Seine dunklen Haare waren konservativ geschnitten, weder lang noch kurz, und lockten sich ein wenig unter dem Hutrand. Er trug ein blaues Westernhemd, dazu Jeans, die zwar eng, aber nicht knalleng waren, mit einem Gürtel, dessen Schnalle von moderater Größe war. Aus seiner ganzen Haltung sprach Ruhe und Selbstbewusstsein, ohne das Bedürfnis, etwas darstellen zu müssen. Weder seinen Körper noch seine Stärke.

Roxanne hatte den Mann zwei Wochen lang heimlich beobachtet. Jetzt, da sie ihre Entscheidung getroffen hatte, starrte sie ihn offen an. Ihr Interesse an ihm war für jedermann ersichtlich.

Das Objekt ihrer Begierde stand konzentriert am Tisch, die Hüften gebeugt, den Kopf gesenkt, die Augen im Schatten des Huts verborgen, und bereitete sich auf den Stoß vor, offensichtlich immun gegen die Frau, die ihn beobachtete.

Roxanne ließ ihn nicht aus den Augen. Aus den Büchern, die sie gelesen hatte, um sich auf ihr Wildwestabenteuer vorzubereiten, wusste sie, dass der einfachste und direkte Weg für eine Frau der Blickkontakt war, wenn sie ihr Interesse an einem Mann bekunden wollte. Das Problem jedoch war, dass er zunächst einmal sie ansehen musste.

In den Büchern klang alles so einfach. Sieh ihn an, leck über die Lippen, fahr mit den Fingerspitzen wie zufällig über deinen Brustansatz oder den Glasrand, während du den Augenkontakt hältst, und schon wird er angerannt kommen. Theoretisch ja. Leider aber war nirgendwo erwähnt worden, was zu tun war, wenn er sich so sehr auf das Billardspiel konzentrierte, dass er nicht einmal merkte, dass er angestarrt wurde.

Sie wollte gerade ihre Taktik ändern und vom Barhocker rutschen und zum Billardtisch schlendern, als er plötzlich die Schultern unter dem Westernhemd anspannte. Seine Hände ruhten auf dem Queue. Er hob den Kopf, langsam, den Oberkörper immer noch über den Tisch gebeugt, als bereitete er den Stoß vor.

Sie sah sein kantiges Kinn erst, als sein Gesicht aus dem Schatten der Hutkrempe trat … die vollen sinnlichen Lippen … seine Nase … die stark hervortretenden Wangenknochen … die tief gebräunte Haut … und dann, endlich, das faszinierende Blau seiner Augen, als er direkt in ihre Richtung sah.

Ihre Blicke trafen sich.

Versanken ineinander.

Roxanne spürte den Schreck bis in die Zehenspitzen. Ruhig Blut, sagte sie sich und kämpfte gegen den Drang an, den Kopf zu senken. Bleib ruhig. Jetzt war nicht der Zeitpunkt, mädchenhaft zu reagieren und rot zu werden. Sie hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Jetzt musste sie sein Interesse so weit wecken, dass er sich ihr näherte. Sie hob ihre freie Hand, eine Geste, die sie hundertmal vor dem Spiegel geübt hatte, und berührte mit den Fingerspitzen den Rand ihrer tief ausgeschnittenen Bluse. Dabei strich sie leicht und scheinbar unbeabsichtigt über ihren vollen Brustansatz, das Ergebnis ihres Push-up-BHs.

Fasziniert und mit weit aufgerissenen Augen blickte der Cowboy auf ihre Hände. Als er ihr wieder in die Augen sah, sprachen Interesse, Neugierde und offene heiße Begierde aus seinem Blick.

Roxanne empfand gleichermaßen Angst, Erregung und pure weibliche Überlegenheit, als sie merkte, wie erfolgreich ihre Masche war. Sie hatte es geschafft. Er hing am Haken. Jetzt musste sie nur noch die Leine einziehen.

Na komm schon, dachte sie und lächelte ihn unmissverständlich an.

2. KAPITEL

Tom Steele brauchte gut zehn Sekunden, bis er überzeugt war, dass die heiße kleine Blondine an der Bar tatsächlich ihn so einladend anstarrte. Nicht, dass ihm so etwas das erste Mal passierte. Er wirkte auf Frauen. Das war schon immer so gewesen. Aber die Häschen, die sich in Kneipen wie Ed Earl’s herumtrieben, suchten normalerweise andere Trophäen, mit denen sie sich schmücken konnten – jüngere, protzigere. An Tom Steele war nichts Protziges.

Zum Ersten hatte er die dreißig überschritten, womit er fünf bis zehn Jahre älter war als die meisten Cowboys hier. Und selbst in jüngeren Tagen hatte er nie zu denen gehört, die auf wild gemusterte Hemden, glänzende Chaps in Fledermausform oder übergroße Gürtelschnallen standen. Er war ein Wochenendcowboy und stolz darauf, dass er trotz Job, einer Ranch und einer Achtzigstundenwoche noch erfolgreich Rodeos ritt.

Besser gesagt, er war ein Wochenendcowboy gewesen.

Dieses Jahr – das letzte, bevor er ganz aufhörte – wollte er die ganze Saison als Rodeoreiter verbringen, von einem Wettkampf zum anderen reisen und das lockere Leben eines professionellen Rodeoreiters genießen. Bisher beschränkten sich seine Erlebnisse jedoch auf endlose Stunden hinter dem Steuer seines Pick-ups, um von einer staubigen Stadt in die nächste zu gelangen. Er hatte sich von Fast Food ernährt und miesen Kaffee getrunken und war täglich von verächtlich schnaubenden Hengsten herumgeschleudert worden und nicht nur wöchentlich.

Trotzdem war es ein schönes Leben. Die Tage waren heiß und bestanden aus langen Phasen des Nichtstuns, nur unterbrochen von acht Sekunden anhaltenden, aufregenden Sequenzen während des Ritts. Die Nächte verbrachte er meist in Kneipen wie Ed Earl’s. Er musste sich um nichts weiter kümmern als darum, dass er seine Prämien bekam und rechtzeitig das nächste Ziel erreichte. Und seine einzige Sorge war, welches Pferd ihm per Los zugeteilt wurde. Es war ein sorgloses Leben. Nur eines fehlte. Eine letzte Sache, die sein Abenteuer perfekt machen würde.

Anscheinend sollte sich heute Nacht in dieser Hinsicht etwas ergeben.

“He, Tom, willst du die Kleine weiterhin anstarren, als hättest du den Verstand verloren, oder spielst du endlich weiter?”

Ohne den Blick von der Frau an der Bar zu wenden, richtete Tom sich auf und reichte seinen Queue dem Cowboy, der ihn angesprochen hatte. “Ich spiele”, sagte er. “Aber ein anderes Spiel.”

“He, du hast zwanzig Dollar in dieses Spiel gesteckt”, erinnerte ihn der Cowboy.

Tom warf nicht einmal einen Blick auf die zerknitterten Dollarnoten unter dem Whiskeyglas auf der Kante des Billardtisches. “Betrachte es als Strafgeld”, sagte er. “Ich glaube, ich habe gerade ein interessanteres Spiel gefunden.” Ohne weiter die Buhrufe zu beachten, die seiner Bemerkung folgten, ging er um den Tisch herum zu der Blondine an der Bar.

Er bewegte sich langsam und zielstrebig, so wie er es tat, wenn er sich der Startbox näherte, um das Pferd für den nächsten Ritt zu besteigen. Ohne sich beirren zu lassen, ging er gleichmäßigen Schrittes durch die Menge auf sie zu. Er nagelte sie mit seinem Blick fest. Sie wurde nicht nervös und sah auch nicht weg. Sie errötete nicht, kicherte nicht albern und warf auch ihren Kopf nicht verlegen zurück. Sie saß einfach da, thronte auf dem Barhocker wie eine Prinzessin – aufrecht, die langen schlanken Beine übereinander geschlagen, die Hand am Brustansatz – und beobachtete, wie er auf sie zukam.

Sie unterschied sich wohltuend von den aufgetakelten übereifrigen Groupies, die sich üblicherweise um die Rodeocowboys scharten. Unter der auffallenden Verpackung steckte eine Frau mit Klasse und verdammt aufregenden Reizen.

Ihre kurz geschnittenen blonden Haare waren zerzaust, als sei sie gerade aus dem Bett gestiegen, und sie vermittelte den Eindruck, als hätte sie nichts dagegen, sofort wieder hineinzusteigen. Ihre roten Lippen schimmerten feucht. Der kurze Rock erlaubte einen Blick auf ihre endlos langen, wohlgeformten Beine, und ihre Hüften waren die einladendsten, die er jemals gesehen hatte. Der tiefe Ausschnitt ihrer weißen Bluse enthüllte einen aufregenden Brustansatz. Und diese langen roten Fingernägel …

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