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Zur Liebe entführt

Lee Wilkinson

Zur Liebe entführt

1. KAPITEL

Es war ein schöner Junitag. Nach einem unangenehm kühlen Frühling kündigte ein wolkenloser blauer Himmel den Sommer an. Die dann übliche Dunstglocke lag noch nicht über London. Stattdessen ging ein laues Lüftchen, das Fahnen und Markisen flattern ließ und einem mitten in der Stadt das Gefühl gab, am Meer zu sein.

Obwohl Perdita Boyd sich Sorgen wegen der finanziellen Probleme ihrer Firma „JB Electronics“ machte, hob der Sonnenschein ihre Laune und ließ sie ein wenig beschwingter die schicke Piccadilly Road entlanggehen.

Perdita war groß und schlank und besaß eine natürliche Anmut, sodass sich die Männer nach ihr umdrehten, auch wenn sie, wie gerade, ein streng geschnittenes Businesskostüm und die Haare zu einem Knoten geschlungen trug. Sie selbst hielt sich eher für unscheinbar, mit ihren blasstürkisblauen Augen und dem hellblonden Haar. Hätte sie gewusst, welche Wirkung sie erzielte, wäre sie erstaunt gewesen.

Selbst der ältere, zunächst übel gelaunte Bankmanager, mit dem sie sich an diesem Morgen getroffen hatte, hatte sie schließlich angelächelt, auch wenn er ihre Bitte wegen eines Darlehens abschlagen musste.

Nach dem Verlassen der Bank hatte Perdita mit dem kurzen Spaziergang versucht, ihre Laune zu heben, damit sie etwas hoffnungsvoller erschien, wenn sie jetzt ihren Vater besuchte. Er erholte sich in einer Rehabilitationsklinik von einer Herzoperation.

John Boyd saß in seinem Zimmer am Fenster, mit Blick auf die gepflegten Anlagen. Er sah nett aus, war groß und erst fünfundfünfzig Jahre alt. Trotz seines graublonden Haars wirkte er immer noch jungenhaft, was sicher mit an der leichten Lücke zwischen den vorderen Schneidezähnen lag.

„Du hattest kein Glück, stimmt’s?“, fragte er, als seine Tochter ihn zur Begrüßung auf die Wange küsste.

Sie schüttelte den Kopf und nahm ihm gegenüber Platz. „Nein, leider nicht. Der Bankmanager war zwar nett, konnte uns aber weder ein neues Darlehen anbieten noch eine größere Kreditlinie einräumen.“

Ihr Vater seufzte. „Da unsere Niederlassung im Silicon Valley noch schlechter dasteht, bleibt uns wohl leider nichts anderes übrig, als mit Salingers zu verhandeln.“

„Das wird nicht leicht. Jetzt haben sie uns da, wo sie uns immer haben wollten.“

„Trotzdem müssen wir verhindern, dass sie eine Anteilsmehrheit erlangen. Fünfundvierzig Prozent ist das höchste der Gefühle.“

„Ich tue mein Bestes.“

„Wenn es unbedingt sein muss, kannst du auf fünfzig Prozent gehen. Wann wirst du dich mit ihnen treffen?“

„Gleich morgen früh in ihrer Niederlassung in der Baker Street.“

„Gut, wir haben keine Zeit zu verlieren. Wer trifft sich mit dir?“

„Mr. Calhoun, einer ihrer besten Leute.“

„Ich habe von ihm gehört, offenbar eine harte Nuss.“

Ein Klopfen an der Tür kündigte an, dass gleich das Mittagessen hereingebracht wurde.

„Ich gehe dann mal lieber.“ Perdita gab ihrem Vater zum Abschied noch einen Kuss.

„Für morgen drücke ich dir die Daumen. Obwohl ich nicht glaube, dass wir sofort etwas erreichen.“

„Falls die Möglichkeit zu einer Einigung besteht, musst du dann erst mit Elmer Rücksprache halten, Dad?“

„Nein, er hat mir freie Hand gelassen, um die Firma zu retten. Sagst du mir bitte gleich nach deinem Treffen mit Calhoun Bescheid, wie es gelaufen ist?“

„Natürlich.“

Perdita und ihr Vater hatten sich immer sehr nahe gestanden, und ihr war bewusst, wie sehr es ihn belastete, gerade in diesem entscheidenden Moment außer Gefecht gesetzt zu sein.

Mit wehmütigem Lächeln fügte sie hinzu: „Ich weiß, dass es dir lieber wäre, wenn du diese Verhandlung führen könntest oder Martin, aber …“

„Und genau da täuschst du dich. Du hast das Zeug dazu, und in diesem speziellen Fall stehen deine Chancen beträchtlich besser als meine oder Martins.“

Martin war der einzige Sohn von Elmer Judson, John Boyds amerikanischem Geschäftspartner. Er leitete den technischen Kundendienst ihrer Firma und wohnte mit ihnen zusammen in London. Dabei war Martin nicht nur Elmers ganzer Stolz, sondern auch immer schon Johns Favorit in Sachen Ersatzsohn gewesen.

Wenn ihr Vater also behauptete, dass ihr in dieser Situation am meisten zugetraut werden konnte, ein positives Ergebnis zu erlangen, war das ein großes Lob.

Erfreut über seinen Vertrauensbeweis ging Perdita durch den Park zurück. Da sie hungrig war, aß sie auf einer Bank in der Sonne das Sandwich, das ihr Sally, die Haushälterin, am Morgen eingepackt hatte.

Perdita war auf dem Weg ins Büro in der Calder Street. Dort würde sie noch schnell einen Kaffee trinken, bevor sie mit der Nachmittagsarbeit begann. Solange sich ihr Vater von seiner Operation erholte und Martin sich in Japan aufhielt, leitete sie die Firma. Während Perdita mit diesem zusätzlichen Druck klarkommen musste, hatte sie auch noch letzte Vorbereitungen für ihre Eheschließung mit Martin zu treffen, die in sechs Wochen stattfinden sollte. Inzwischen war immerhin ein Ende der Hochzeitsvorbereitungen abzusehen. Mit der Kirche war alles geregelt, der Caterer war gebucht, ihr Kleid wurde von einem französischen Edelschneider maßangefertigt, und gestern hatte sie ein Festzelt für den Garten ihres Hauses, das in einer eleganten Londoner Wohngegend lag, bestellt.

Jetzt muss ich nur noch …

Perditas Gedankengänge wurden jäh unterbrochen und in eine andere Richtung gelenkt, als sie einen großen, gut gebauten Mann mit dunklen Haaren vor dem noblen „Piccadilly’s Arundel Hotel“ aus einem Taxi steigen sah. Vor Schreck blieb Perdita wie angewurzelt stehen.

Nein, das konnte doch nicht wahr sein! Aber nachdem der Mann den Taxifahrer bezahlt hatte und sich dem Hoteleingang zuwandte, wusste sie, dass sie sich nicht geirrt hatte. Dieses scharf geschnittene, gut aussehende Gesicht hätte sie unter Tausenden wiedererkannt.

„Du meine Güte!“, hauchte sie. Das war Jared Dangerfield, dessen Anblick nach all dieser Zeit immer noch dafür sorgte, dass ihr Herz schneller schlug.

Er hatte den Eingang erreicht und sah sich um, als habe er ihre Anwesenheit gespürt. Früher wusste er immer sofort, wo sie war, selbst wenn er einen mit Menschen gefüllten Raum betrat. Als er sich nun in ihre Richtung wandte und sich ihre Blicke trafen, war sie wie vom Donner gerührt. Während sie nur dastand und ihn ansah, lächelte er – mit etwas Verzögerung, und er sah traurig aus.

Sie erschauerte. Der Augenblick, den sie immer gefürchtet hatte, war gekommen. Gleich darauf breitete sich Adrenalin in ihrem Körper aus, und obwohl sie wusste, dass Jared sie nicht einfach so gehen lassen würde, lief sie blindlings los. Als er versuchte, ihr zu folgen, hielt ein weiteres Taxi vor dem Hotel, um einen Gast abzusetzen. Kurz entschlossen stieg Perdita ein und setzte sich mit weichen Knien auf die Rückbank.

„Wo soll’s denn hingehen?“, fragte der Fahrer lakonisch, während er sich in den fließenden Verkehr einfädelte.

Nach wie vor galt all ihre Aufmerksamkeit Jared, der ihnen nachblickte, und so antwortete sie instinktiv vorsichtig: „Zum oberen Ende der Gower Street.“

Auf der Piccadilly Road herrschte reger Verkehr, und sie kamen nur langsam voran. Immer noch pochte das Blut vor Aufregung in ihren Ohren, während sie durchs Heckfenster nach hinten sah. Offenbar folgte ihr Jared nicht, trotzdem dauerte es ein paar Minuten, bis ihr Herz aufhörte, so heftig zu schlagen und sie wieder normal atmen konnte.

Sie war in Sicherheit. Zumindest für den Augenblick. Aber was, wenn es Jared gelungen war, ihren Wohnort ausfindig zu machen? Perdita erschauderte. Gleich darauf erinnerte sie sich an sein Lächeln vor dem Hotel, und es lief ihr noch einmal eiskalt den Rücken hinunter.

Der Jared, in den sie sich verliebt hatte, war leidenschaftlich und fürsorglich gewesen, mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und Fairness. Trotzdem hatte er sich schon damals auch gern über Konventionen oder moralische Bedenken hinweggesetzt und rücksichtslos seine eigenen Interessen verfolgt. Wieder lief ihr ein Schauder über den Rücken. Dann biss sie die Zähne zusammen. Jetzt nur nicht den Kopf verlieren.

Es kam doch vor allem darauf an, weswegen Jared in London war. Vielleicht hatte es gar nichts mit ihr zu tun. Vielleicht war er nur zu einer Geschäftsreise aus den USA herübergekommen. Oder vielleicht machte er Urlaub. Seine Mutter stammte aus Chelsea, und er hatte immer eine Schwäche für London gehabt.

Aber keine dieser Möglichkeiten erschien logisch. Sein Hotel war etwas für Reiche, und als Perdita das letzte Mal von Jared gehört hatte, war er völlig mittellos gewesen. Womöglich übernachtete er auch gar nicht in der Nobelherberge, sondern aß dort nur zu Mittag.

Um sich zu beruhigen, atmete sie tief durch. Vielleicht war es lediglich ein unglücklicher Zufall gewesen, dass sie sich gesehen hatten. Wäre sie nicht ausgerechnet in dem Moment vorbeigekommen, als Jared das Taxi verließ, hätte sie überhaupt nicht erfahren, dass er sich in der Stadt aufhielt.

Und er wüsste nicht, dass sie hier lebte.

Als sie vor drei Jahren von Kalifornien nach Hause zurückgekehrt waren, hatte ihr Vater alle möglichen Vorkehrungen getroffen, um ihren genauen Aufenthaltsort geheim zu halten. Er änderte sowohl den Namen als auch die Adresse der Firma, kaufte ein anderes Haus in einer anderen Wohngegend und ließ ihre Telefonnummer nicht ins Verzeichnis aufnehmen. Kurz gesagt, er machte es Jared so schwer wie möglich, sie zu finden.

Schwer, aber nicht unmöglich …, dachte sie.

„Soll ich Sie hier rauslassen?“, drang da die Stimme des Fahrers zu ihr durch.

„O ja, danke.“

Perdita zahlte und stieg aus. Es waren noch etwa vierhundert Meter bis zu ihrem Büro. Aber sie hatte sich absichtlich nicht vor der Haustür absetzen lassen, für den Fall, dass es Jared gelungen sein sollte, sich die Nummer des Taxis zu notieren.

Ihre Knie fühlten sich immer noch weich an, und sie wünschte, Martin wäre in London und nicht in Japan.

Während sie versucht hatte, Jared zu vergessen, war Martin wie ein Fels in der Brandung für sie gewesen, und sie vermisste seine beruhigende Anwesenheit. Er war ein großer, attraktiver Mann mit hellem Haar und intensiv blauen Augen und würde sicherlich einen guten Ehemann und Vater abgeben.

Trotzdem hatte sie sich drei Jahre Zeit gelassen, ehe sie seinen Heiratsantrag annahm. Jetzt wünschte Perdita, sie wären längst Mann und Frau. Dann könnte sie eher glauben, dass die Vergangenheit mit Jared hinter ihr lag. Dabei empfand sie für Martin keineswegs die leidenschaftliche Liebe, die sie für Jared empfunden hatte. Und das wollte sie auch nicht. Es war zu traumatisch gewesen und hatte ihr nichts als Enttäuschung und Herzschmerz gebracht.

Zumindest sagte sie sich das.

Für Martin fühlte sie nur Dankbarkeit und so etwas wie geschwisterliche Zuneigung. Trotzdem wollte er sie, und zwar seitdem er sie damals in Kalifornien kennengelernt hatte. Sie war zufrieden damit, dass sie ihn glücklich machen konnte. Er würde zwar niemals ihre Welt aus den Angeln heben, aber er würde ihr auch niemals wehtun.

Als John und Elmer von der Neuigkeit erfahren hatten, waren sie beide sehr erfreut gewesen.

„Ich wusste immer, wie er für dich empfindet“, sagte Elmer, „deshalb war ich nicht überrascht, dass er dir nach England gefolgt ist. Ich freue mich, dass sich seine Hartnäckigkeit endlich ausgezahlt hat. Es gibt niemanden, den ich lieber als Schwiegertochter hätte.“

Parallel dazu erklärte ihr Vater: „Ich kann dir gar nicht sagen, wie erfreut ich darüber bin, dass du dich am Ende für Martin entschieden hast. Diesem Dangerfield konnte man nicht trauen, und er hätte es auch nie zu etwas gebracht. Ich hatte schon befürchtet, du würdest niemals über ihn hinwegkommen.“

Nur Perdita wusste, dass sie das auch immer noch nicht war.

Mittlerweile saß Perdita wieder am Schreibtisch und versuchte zu arbeiten, konnte sich aber nicht konzentrieren. Ständig dachte sie an Jared und an früher. Bis halb fünf Uhr hatte sie kaum etwas erledigt und wollte schon nach Hause gehen, als das Telefon klingelte. Helen, ihre Assistentin, teilte ihr mit, dass Mr. Calhouns Sekretärin sie zu sprechen wünschte.

„Danke, Helen.“ Perdita nahm das Gespräch entgegen und befürchtete das Schlimmste.

„Miss Boyd, ich habe eine Nachricht für Sie“, erklang eine kühle geschäftsmäßige Frauenstimme. „Leider muss Mr. Calhoun Ihr Treffen absagen.“

Oje! Salingers stellte den Rettungsanker dar, den ihre Firma unbedingt brauchte. „Können Sie mir den Grund dafür nennen?“, fragte Perdita und bemühte sich, unaufgeregt zu klingen.

„Mr. Calhoun muss morgen in die Staaten fliegen. Er könnte Sie höchstens ganz früh am Flughafen treffen.“

„Ja, das ginge – natürlich.“ Ohne groß nachzudenken griff Perdita nach diesem Strohhalm.

„In diesem Fall bräuchte ich Ihre Privatadresse, dann lasse ich Sie morgen um sechs Uhr dreißig abholen.“

Perdita nannte ihr die Straße und die Hausnummer und dankte ihr. Daraufhin rief sie ihren Vater an, um ihm die geänderte Terminplanung mitzuteilen.

Das Telefonat hatte Perdita gedanklich kurzfristig von Jared ablenken können, doch als sie danach zu Fuß nach Hause ging, kamen die Erinnerungen unaufhaltbar zurück. Sie war in den Vereinigten Staaten von Amerika geboren, aber ihre Mutter starb kurz nach der Geburt und ihr trauernder Vater war daraufhin mit ihr nach England zurückgekehrt.

Nachdem Perdita die Schule beendet hatte, reiste sie mit ihrem Vater zu einem längeren Geschäftsaufenthalt nach Kalifornien. Sie wohnten bei Elmer, in seinem großen Haus in San Jose.

Bereits nach wenigen Tagen lernte Perdita Jared auf einer Party kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Jared kam ihr gleich wie ein Seelenverwandter vor. Doch am Ende hatte sich das alles nur als eine Illusion, eine große Lüge herausgestellt.

Jared war ein charismatischer Mann, auf den die Frauen flogen. Aber er hatte immer nur Augen für sie. Trotzdem kämpfte Perdita zu Beginn ihrer Beziehung mit der Eifersucht. Dazu musste ihn eine andere Frau nur anlächeln. Als sie ihm das eingestand, küsste er sie und sagte: „Es gibt keinen Grund zur Eifersucht, Darling. Ich brauche nur eine Frau, um glücklich zu sein, und diese Frau bist du. Es wird niemals eine andere für mich geben.“

Sie wollte ihm so gerne glauben, und es wäre ihr auch beinah gelungen, wäre da nicht der schreckliche Abend in Las Vegas gewesen und der Albtraum, der ihm folgte.

Perdita erinnerte sich noch an Jareds hartnäckiges Schweigen, als ihr Vater ihn ein Schwein und einen herzlosen Casanova nannte und ihn des Hauses in San Jose verwies. Sie wusste auch noch genau, wie Jared sich geweigert hatte, ohne sie zu gehen, und Elmer und Martin ihm drohten. Selbst da hatte Jared weiter geschwiegen und ihr Geheimnis nicht preisgegeben.

Vielleicht hatte er erwartet, dass sie etwas sagte. Es hätte ihren Vater schockiert, aber die Judsons wären wenigstens nicht auf ihn losgegangen. Und dann gab es ein Handgemenge.

Jared hätte sich durchaus verteidigen können, aber er schlug kein einziges Mal zurück. Trotzdem gelang es Elmer und Martin nur mit vereinten Kräften, ihn hinauszuwerfen. Perdita stand nur dabei, weinte sich die Augen aus und ignorierte Jareds flehentliche Bitten, mit ihm zu kommen.

Den endgültigen Schlag versetzte ihm ihr Vater, als er sich weigerte, „Dangerfield Software“ eine bereits zugesagte Finanzspritze zu geben. In letzter Minute hielt er die vertraglich vereinbarte Summe zurück und brachte Jareds Firma damit an den Rand des Ruins.

Selbst danach gab Jared nicht auf, sie zur Rückkehr zu bewegen. Nachdem sie wochenlang weder seine Briefe noch seine Telefonanrufe beantwortet hatte, erschien er in den Büroräumen ihres Vaters im Silicon Valley, um unter vier Augen mit ihr zu sprechen.

Perdita war immer noch sehr verletzt, weil er sie betrogen hatte, und fand, dass er nichts sagen konnte, das etwas an der Situation geändert hätte. Deshalb verweigerte sie ihm ein Gespräch und bat ihn, zu gehen. Doch er blieb und schwor einmal mehr, unschuldig zu sein. Außerdem warf er ihr vor, dass sie ihm nicht vertraue, weil sie ihn nicht richtig liebe.

Die letzte Behauptung trieb ihr Tränen in die Augen, aber sie kämpfte gegen die Gefühle an. Martin und ihr Vater standen neben ihr und sie sagte Jared, dass sie ihn nie wiedersehen wolle. Als er trotzdem nicht ging, hatten die beiden ihn zu seinem Wagen „begleitet“.

Das letzte Mal, als sie miteinander sprachen, war am Telefon gewesen. Als sich Perdita dazu imstande fühlte, rief sie ihn an und wiederholte, dass sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wolle und sie mit ihrem Vater die Staaten verlasse.

Daraufhin drohte er ihr, dass er sie nicht einfach so gehen lassen würde. „Früher oder später werde ich dich finden“, sagte er, „egal, wo du bist.“

Während sie jetzt an diesen Satz dachte, bekam sie eine Gänsehaut.

Auch wenn das alles in ihrer Erinnerung noch so präsent war, war es doch fast drei Jahre her. Nach so langer Zeit hatte er sich bestimmt eines Besseren besonnen. Das Leben ging weiter. Wahrscheinlich war er inzwischen verheiratet und hatte sie vergessen.

Aber was, wenn nicht? Was, wenn er ihretwegen in London war? Was, wenn es ihm endlich gelungen war, sie ausfindig zu machen?

Doch da ging bestimmt die Fantasie mit ihr durch. Sie musste damit aufhören und sich auf den morgigen Termin konzentrieren – das wichtigste Meeting ihres Lebens.

Nach einer buchstäblich schlaflosen Nacht, in der Perdita vergeblich versucht hatte, nicht an die Vergangenheit zu denken, stand sie um halb sechs Uhr auf, duschte und zog sich an.

Nach einem kritischen Blick in den Spiegel legte sie noch ein wenig Make-up auf, nahm ihre Handtasche und wollte gerade die Treppe hinuntergehen, als ihr Sally von unten zurief: „Der Wagen ist jetzt da.“

„Ich komme.“

Die Haushälterin hatte darauf bestanden, mit ihr aufzustehen, und wartete nun in der Eingangshalle. „Ich hoffe, dass alles gut geht.“ Mit leicht geröteten Wangen drückte sie Perdita an sich. „Ich habe wirklich nur dein Bestes im Sinn“, erklärte sie dann, und Perdita wunderte sich ein wenig über diese Bemerkung, erwiderte dann aber die Umarmung.

„Danke, ich rufe dich an, Sally, und sage dir Bescheid, wie es gelaufen ist.“

Draußen stand eine dunkelblaue Limousine, und der Fahrer öffnete Perdita die Tür.

Am Flughafen wurden sie von einem jungen Mann begrüßt. „Ich bin Richard Smith und arbeite für Salingers“, stellte er sich höflich lächelnd vor.

Zu Perditas Überraschung eskortierten die beiden Männer sie daraufhin durch eine Glastür zu einer Landebahn, auf der ein Privatjet stand.

„Hat Mr. Calhouns Sekretärin Ihnen nicht gesagt, dass Salingers’ Führungskräfte üblicherweise an Bord der Maschine frühstücken?“, fragte Mr. Smith, als er Perditas Verwunderung bemerkte.

„Nein, das hat sie nicht. Aber es ist ja auch nicht so wichtig. Ich habe eben nur erwartet …“ Der Rest des Satzes ging unter, während man ihr bedeutete, die Gangway hinaufzusteigen.

Oben erwartete sie ein weiß gekleideter Steward, der sich als Henry vorstellte. Gleich darauf bat er Perdita, an einem bereits gedeckten Tisch Platz zu nehmen, auf dem sogar ein Sektkühler mit einer Flasche Champagner stand. „Darf ich Ihnen etwas anbieten? Eine Tasse Kaffee oder vielleicht ein Glas Champagner?“

Auf keinen Fall konnte sie um diese Uhrzeit Alkohol trinken. Sie musste einen klaren Kopf behalten. „Eine Tasse Kaffee, bitte.“

Der Steward erfüllte ihren Wunsch und zog sich zurück. Perdita war so in Gedanken über das bevorstehende Gespräch, dass sie es nicht gleich bemerkte, als sich das Flugzeug bewegte. Als es ihr bewusst wurde, wollte sie erst nach dem Steward klingeln, doch dann dachte sie, dass der Pilot wahrscheinlich nur die Position änderte, weil bald die ersten Jets starten würden. Sie setzte sich wieder und nippte an ihrem Kaffee, als sich die Kabinentür öffnete und ein großer, breitschultriger Mann mit dunklem Haar und grau-silberfarbenen Augen hereinkam.

Natürlich erkannte sie ihn sofort. Sie stellte die Tasse so heftig wieder auf den Unterteller, dass sie ein wenig Kaffee verschüttete. Sprachlos und mit großen Augen sah sie ihn an und fragte sich, ob das mit der Operation ihres Vaters und den finanziellen Problemen der Firma in Verbindung mit dem Wiedersehen von Jared alles zu viel für sie geworden war.

„Hallo Perdita.“

„Was machst du denn hier?“, fragte sie heiser.

„Ich vertrete Sean Calhoun.“ Jared klang ganz normal, beinah freundlich, aber seine grauen Augen sahen so kalt aus wie der Atlantik im Winter. „Wenn du die Firma deines Vaters retten möchtest, musst du mit mir verhandeln.“

2. KAPITEL

Perdita sprang auf. Ihr Herz raste, sie konnte kaum atmen. „Ich … Ich verstehe nicht. Heißt das, du arbeitest für Salingers?“

„Nicht so ganz.“

„Soll das ein Witz sein?“

„Nein.“

„Wenn du nicht für Salingers arbeitest …“

„Ich arbeite nicht für die Firma, aber man könnte sagen, ich bin in ihrem Namen hier.“

Perdita schüttelte den Kopf. „Nein, nein … Selbst wenn ich dann warten muss, verhandele ich lieber mit Mr. Calhoun. Ich will nicht mit dir reden.“

„Ich fürchte, dir bleibt keine andere Wahl. Wie ich schon eingangs erwähnte, musst du mit mir vorliebnehmen, wenn du die Firma deines Vaters retten willst.“

Perdita drückte ihre Handtasche an sich und machte einen Schritt auf die Tür zu. Aber groß und breitschultrig wie Jared war, versperrte er ihr den Weg.

„Ich will gehen“, sagte sie panisch.

„So leicht gibst du auf?“

„Nein, ich werde mit Salingers sprechen, ihnen alles erklären und darum bitten, dass sie mir jemand anderen schicken.“

„Ich fürchte, das wäre zwecklos.“

„Warum?“

„Weil mir die Firma gehört.“

„Dir?“, hauchte Perdita.

„Ja“, antwortete er lächelnd. „Deshalb schlage ich vor, dass du dich wieder hinsetzt und wir uns wie geplant beim Frühstück über die anstehenden Probleme unterhalten.“

„Nein, ich will jetzt gehen, weil du mir bestimmt nicht helfen wirst.“

„Da irrst du dich. Ich bin ziemlich sicher, dass wir zu einer Vereinbarung gelangen können, die uns beide zufriedenstellt.“

„Ich traue dir nicht.“

„Das wirst du schon müssen. Ohne meine Hilfe geht JB Electronics unter, und das weißt du auch.“

Da hatte er recht. Aber sie glaubte einfach nicht, dass er ihr wirklich helfen wollte.

Das Flugzeug ruckelte mehrmals, und am Rande registrierte Perdita, dass sie sich immer weiter vom Terminal entfernten. Das machte ihr noch mehr Angst, und sie wiederholte heiser: „Ich will gehen.“

Doch Jared rührte sich nicht von der Stelle. „Wie ist es denn derzeit um die Gesundheit deines Vaters bestellt?“

„Wie bitte?“

„Ich habe gehört, dass er sich erst vor Kurzem einer schwierigen Herzoperation unterzogen hat. Kann er zusätzlichen Stress verkraften?“

Perdita wurde ganz blass, stand nur da und sah ihn wie gebannt an.

„Sei doch vernünftig, und rede mit mir.“

„Das würde doch zu nichts führen.“

„Lass uns erst einmal frühstücken. Dann sehen wir weiter, okay?“

Es klopfte, und der Steward streckte den Kopf durch den Türspalt. „Entschuldigen Sie, Sir, aber der Pilot sagt, wir hätten in einer Minute die Möglichkeit zu starten.“

„Danke, Henry.“ Jared wandte sich wieder an Perdita. „Sieht so aus, als müsste unser Frühstück noch warten, bis wir in der Luft sind.“

Wie, in der Luft?

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