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Zur Leidenschaft verführt

Penny Jordan

Zur Leidenschaft verführt

1. KAPITEL

„Sind Sie Charlotte Wareham, die Projektmanagerin von Kentham Brothers?“

Charlotte – Charley – Wareham schaute von ihrem Laptop auf und blinzelte in die grelle italienische Sonne. Sie war eben erst von einem späten Mittagessen zurückgekehrt, aus einem kleinen Straßencafé um die Ecke, wo sie zu einer Tasse köstlichem Cappuccino eilig ein Sandwich gegessen hatte. Ihr Meeting mit den beiden Beamten, die seitens der Stadt für das Projekt – die Restaurierung eines verfallenen öffentlichen Gartens – zuständig waren, hatte weit länger gedauert als erwartet. Die englische Firma, bei der Charley angestellt war, hatte sie beauftragt, das Projekt zu leiten, das bis zur Fünfhundertjahrfeier der Stadt abgeschlossen sein sollte.

Der Fremde, der jetzt vor ihr stand, war sichtlich ungehalten … wütend, um genau zu sein. Daran ließen die Gesten, mit denen er auf die billigen Steinurnenimitate und andere Muster von Kopien deutete, die Charley für den Kunden zur Ansicht bestellt hatte, keinen Zweifel.

Sie hatte auf seine Frage noch nicht einmal geantwortet, da fuhr er auch schon erbost fort: „Und was sind das hier für Scheußlichkeiten?“

Aber es war nicht sein Zorn, der Charley für Sekundenbruchteile in ungläubige Schockstarre versetzte. Irgendwo sehr weit hinten in ihrem Hinterkopf wurde ihr blitzartig klar, dass dies ein Mann war, dem sich kaum eine Frau jemals verweigern konnte oder das auch nur erwog.

Das war ein Mann, der seinen Geschlechtsgenossen haushoch überlegen war – ein Mann, prädestiniert, starke Söhne zu zeugen, denen er seinen Stempel aufdrückte, ein Mann, der sich nahm, was ihm gefiel, und der einer Frau im Bett so viel Lust schenkte, dass allein die Erinnerung daran ausreichte, sie für den Rest ihres Lebens an ihn zu binden.

Ich muss zu lange in der Sonne gesessen haben, dachte Charley zitternd. Solche Gedanken hatte sie sonst nie … niemals.

Sie rief sich ungehalten zur Ordnung, während sie ihren Laptop vom Schoß nahm und sich von der Steinbank, auf der sie saß, erhob.

Der Mann war groß und dunkelhaarig und wirkte wie ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch. Und er sah wirklich atemberaubend aus. Das ebenmäßige, arrogante, wie gemeißelte Gesicht zeugte von aristokratischen Vorfahren. Er hatte olivfarbene Haut und überraschend helle, stahlgraue Augen, in denen im Moment unverhüllte Verachtung stand.

Charley beendete den Blickkontakt, aber damit löste sie ihr Problem auch nicht, weil sie gleich darauf feststellen musste, dass ihr Blick wie magnetisch von seinem Mund angezogen wurde. Sie versuchte wegzuschauen, schaffte es jedoch nicht. Ihre Haut begann zu kribbeln, aber es war zu spät. Die Wahrnehmung von ihm als Mann traf sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und zwar mit schockierender Dringlichkeit. Ihr Mund wurde trocken, ihre Nerven spielten verrückt. Sie spürte, wie ihre Lippen weich und anschmiegsam wurden, so als wollten sie sich auf den Kuss eines Liebhabers vorbereiten. Er schaute jetzt mit zusammengekniffenen Lidern auf ihren Mund. Den Ausdruck in seinen Augen konnte sie nicht erkennen, aber irgendwie zweifelte sie keine Sekunde daran, dass es mit Arroganz gepaarte Verachtung für ihre Schwäche war. Ein Mann wie er würde niemals so auf den Mund einer Frau blicken wie sie eben auf seinen Mund gestarrt hatte. Ein Mann wie er würde niemals einen derartigen Kontrollverlust erleiden.

Mühsam um Fassung ringend setzte sich Charley ihre Sonnenbrille wieder auf, die sie sich ins Haar gesteckt hatte. Aber auch das rettete sie nicht, wie ihr sofort klar wurde. Er hatte ihre Reaktion längst mitbekommen, und die Geringschätzung, die über sein Gesicht huschte, verriet nur allzu deutlich, was er von ihr hielt. Ihr Gesicht, ihr ganzer Körper brannte in einer Mischung aus Ungläubigkeit und Scham, wobei sie immer noch zu verstehen versuchte, was da eben mit ihr passiert war. Sie hatte noch nie – absolut nie – auf einen Mann derart reagiert, es war so ungewöhnlich, dass sie sich in ihren Grundfesten erschüttert fühlte. Wie konnte das sein? Und dann ausgerechnet auch noch bei diesem Mann! Sie verspürte den fast unwiderstehlichen Drang, ihre Lippen zu berühren, um zu überprüfen, ob sie wirklich so angeschwollen waren wie sie sich anfühlten.

Der Vorfall musste eine Reaktion auf all den Druck und Stress sein, der mit diesem Projekt einherging. Das war die einzig rationale Erklärung. Warum sollte sie wohl sonst in dieser für sie völlig untypischen Weise reagieren? Obwohl ihre Sinne immer noch verrücktspielten. Ihr Künstlerauge erfasste die primitive männliche Kraft, die sich da unter einem unübersehbar teuren dunkelgrauen Anzug bündelte. Ein Anzug, der einen jener muskelgestählten Körper verhüllte, die den berühmten florentinischen Bildhauern und Malern im Mittelalter so darstellenswert erschienen waren.

Mit Verspätung wurde ihr klar, dass er immer noch auf eine Antwort wartete. Um wenigstens etwas verlorenes Terrain zurückzugewinnen, reckte Charley kämpferisch das Kinn und sagte: „Richtig, ich arbeite für Kentham Brothers.“ Sie unterbrach sich und blickte, sich innerlich windend, auf das in der Tat recht schäbige Sammelsurium aus Imitaten, das dem Fremden so missfiel, bevor sie fortfuhr: „Und diese Scheußlichkeiten da kosten in Wahrheit richtig Geld.“

Um seine Mundwinkel huschte ein Zucken. Diese verächtliche Reaktion, die offensichtlich nicht nur den Dummys, sondern auch ihr selbst galt, bestätigte Charley alles, was sie längst wusste. Die deprimierende Wahrheit war, dass es ihr an Schönheit, Stil und Eleganz ebenso gebrach wie den Imitaten an künstlerischer Ausstrahlung. Und dieses Wissen – das Wissen, dass sie von einem Mann, von dem jede Frau nur träumen konnte, als mangelhaft eingestuft wurde – veranlasste sie, trotzig fortzufahren: „Obwohl Sie das eigentlich nichts angeht … Signor …?“

Die dunklen Augenbrauen zogen sich zusammen, während sich das Stahlgrau seiner Augen in geschmolzenes Platin verwandelte und er mit einem abschätzigen Blick auf sie sagte: „Nicht Signor, Mrs. Wareham. Ich bin Raphael Della Striozzi, Graf von Raverno. Man nennt mich hier in der Stadt auch Il Conte, genauso wie vor mir meinen Vater und davor meinen Großvater und meinen Urgroßvater, immer so weiter durch viele Jahrhunderte.“

Er war ein Graf? Nun, sie dachte ja gar nicht daran, jetzt vor Ehrfurcht zu erstarren. Besonders nicht, da er es offensichtlich erwartete.

„Ach ja?“ Wieder reckte sie das Kinn, eine Angewohnheit, mit der sie sich bereits als Kind vor elterlicher Kritik zu schützen versucht hatte. „Nun, ich denke, ich darf Sie trotzdem darauf aufmerksam machen, dass der Zutritt zu diesem Garten aus Sicherheitsgründen verboten ist … sogar für Menschen mit einem Titel. Deshalb hängen hier nämlich überall die Warnschilder. Im Übrigen schlage ich vor, dass Sie sich an die zuständige Behörde wenden, falls Sie an den Restaurierungsarbeiten irgendetwas zu bemängeln haben!“

Raphael starrte sie in wütender Ungläubigkeit an. War das die Möglichkeit? Sollte es diese Ausländerin – eine Britin, dem Akzent nach zu urteilen – allen Ernstes wagen, ihm den Zutritt zu diesem Garten zu verweigern?

„Hören Sie, ich bin nicht irgendjemand. Der Garten war früher im Besitz meiner Familie, und einer meiner Vorfahren hat ihn der Stadt vermacht.“

„Das ist mir bekannt“, erwiderte Charley. Sie hatte sehr sorgfältig recherchiert, nachdem man ihr die Projektleitung übertragen hatte. „Der Garten war ein Geschenk der Ehefrau des ersten Grafen an die Bewohner der Stadt. Sie wollte sich damit für die Gebete der Menschen bedanken, weil sie nach vier Töchtern endlich einen Sohn zur Welt gebracht hatte.“

Raphaels Mund verdünnte sich zu einem schmalen Strich, bevor er erwiderte: „Danke. Ich kenne meine Familiengeschichte.“

Und die Vorstellung, dass der Garten, der Teil dieser Familiengeschichte war, derart verschandelt zu werden drohte, erfüllte ihn mit einem unbändigen Zorn, der sich jetzt ganz aktuell gegen Charlotte Wareham richtete. Sie war eine betont unauffällige junge Frau, ungeschminkt, mit braunem, von ein paar helleren Strähnen durchsetztem Haar, der es offenbar ziemlich egal war wie sie aussah. Im Vergleich mit den atemberaubend schönen Frauen aus der Renaissance schnitt sie genauso niederschmetternd schlecht ab wie diese grässlichen Imitate im Vergleich zu den prachtvollen Originalen, die einst den Garten geschmückt hatten.

Er schaute wieder auf Charley und runzelte irritiert die Stirn, weil ihn sein zweiter Blick auf sie zwang, seine eben getroffene Einschätzung leicht zu revidieren. Jetzt konnte er sehen, dass ihr ungeschminkter rosa Mund weich wirkte. Die Lippen waren voll und schön geschwungen, Nase und Kinnpartie elegant geformt. Und ihre langbewimperten Augen waren jetzt nicht mehr einfach nur blau, sondern leuchteten blaugrün wie die sturmumtoste Adria.

Völlig egal wie sie aussieht, dachte Raphael wütend.

Als Charley einfiel, dass ihre Eltern sie immer wieder ermahnt hatten, nicht gleich mit einer Bemerkung herauszuplatzen, sondern erst nachzudenken, wurden ihre Wangen vor Verlegenheit heiß. Bis zu diesem Moment war sie eigentlich davon ausgegangen, dass sie mittlerweile gelernt hatte, ihre Spontaneität im Zaum zu halten, aber dieser Mann hier, dieser … dieser Graf hatte ihr bewiesen, dass sie sich geirrt hatte. Er hatte sie schlicht auf dem falschen Fuß erwischt, aber sie war wild entschlossen, sich nichts anmerken zu lassen.

„Schön, aber auch wenn Sie der Graf von Raverno sind, ist mir doch nicht bekannt, dass Sie in irgendeiner Form an diesem Projekt beteiligt wären. Soweit ich weiß, ist die Stadt für die Restaurierung des Gartens zuständig, ungeachtet der Rolle Ihrer Vorfahren. Sie haben kein Recht, hier zu sein.“

Titel hin oder her, sie war jedenfalls entschlossen, sich nicht von ihm einschüchtern zu lassen. Das Projekt lag ihr ohnehin seit Wochen schwer im Magen. Ihr Chef hatte ihr das Leben so zur Hölle gemacht, dass sie am liebsten alles hingeworfen hätte. Was in Krisenzeiten wie momentan allerdings wenig ratsam war. Deshalb hieß es für sie: Gute Miene zum bösen Spiel machen. Ihre Familie – zwei Schwestern und ihre beiden kleinen Neffen – war dringend auf ihr Einkommen angewiesen, besonders nachdem die Firma ihrer älteren Schwester Lizzie ebenfalls schwer unter der anhaltenden Wirtschaftskrise zu leiden hatte.

Und ihr Chef glaubte ihr ständig unter die Nase reiben zu müssen, dass sie bei der hohen Arbeitslosigkeit froh sein konnte, überhaupt noch einen Job zu haben. Aber Charley wusste natürlich, warum er das dauernd so betonte: Weil es seine Tochter, die seit Kurzem ebenfalls in der Firma arbeitete, auf ihre Stelle abgesehen hatte. Als ihr zu Ohren gekommen war, dass Charley die Leitung für das neue Projekt in Italien übernehmen sollte, hatte sie geschäumt vor Wut.

Charley hatte nur Glück gehabt, weil sie fließend Italienisch sprach. Sonst hätte man ihr die Projektleitung wahrscheinlich nicht übertragen. Obwohl sie nach Beendigung dieses Projekts ihren Job vielleicht sowieso los sein würde, aber bis dahin gab es noch Hoffnung. Deshalb musste sie jetzt einfach nur ganz ruhig bleiben, was ihren Job betraf. Aber das bedeutete noch lange nicht, dass sie sich von diesem arroganten Idioten hier alles gefallen lassen musste … ganz bestimmt nicht.

Raphael registrierte, wie sich die Wut in ihm staute, brodelnd und zischend wie glühende Lava.

Nachdem der Stadtrat den Beschluss gefasst hatte, den verfallenen Garten am Stadtrand restaurieren zu lassen, hatte Raphael – ursprünglich aus reiner Neugier – nach den Originalplänen gesucht, in der Annahme, sie könnten sich bei der Restaurierung als nützlich erweisen. Als er dann erfahren hatte, dass die Stadt eine viel kostengünstigere Lösung favorisierte, war er empört gewesen. Und als man ihm auf seine Anfrage hin erklärt hatte, dass der Garten entweder mit dem zur Verfügung stehenden schmalen Budget restauriert werden oder aber ganz aufgelöst werden würde, weil er in seinem verwahrlosten Zustand eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit darstellte, war Raphael vor Wut fast der Kragen geplatzt.

Noch viel weniger als die städtischen Pläne für die Restaurierung des Gartens gefiel Raphael allerdings die Wirkung, die diese junge Britin auf ihn ausübte. Am allerwenigsten aber gefiel ihm die Wut, mit der er auf sie reagierte. Diese Wut musste er unter allen Umständen unter der Decke halten, jederzeit und in jeder Lebenslage.

Jähzorn und Grausamkeit hatten in seiner Familie eine uralte schlimme Tradition. Sie waren das dunkle Zwillingspaar, aus dem Männer hervorgegangen waren, deren Taten niemals in Vergessenheit geraten durften. Ein sehr düsteres Erbe, das bedauerlicherweise auch ihm im Blut lag. Deshalb hatte er sich bereits als Dreizehnjähriger am Sarg seiner Mutter geschworen, nie eigene Kinder zu haben, damit dieser Zweig der Familie ausgemerzt wurde.

Unbewusst schweifte Raphaels Blick zu dem mit einem schweren Vorhängeschloss gesicherten Tor des Gartens. Sein dunkles Erbe warf einen langen Schatten, dem zu entkommen unmöglich war. Es hing über ihm wie ein Damoklesschwert, ein Fluch, der sich jederzeit entladen konnte.

Raphael hatte gelernt, seine Dämonen in Schach zu halten, indem er sich auf seinen Verstand und seine Wertmaßstäbe verließ. Doch diese Britin hatte schlafende Ungeheuer geweckt. Er hätte sie am liebsten gepackt und geschüttelt, bis sie begriff, was für einen Schaden sie diesem wertvollen historischen Bestand zufügen wollte, und es kostete ihn einiges, sich davon abzuhalten.

Schon als man ihm im Rathaus stolz die Pläne für die Restaurierung präsentiert hatte, war seine Selbstbeherrschung auf eine harte Probe gestellt worden. Und jetzt auch noch diese … diese Person hier, so dünn und zerbrechlich, dass ein laues Lüftchen sie wegwehen konnte. Diese Frau, die es tatsächlich wagte, ihm den Zutritt zum Garten seiner Urahnen zu verweigern. Und die zu allem Überfluss auch noch Beifall erwartete für ihren schändlichen Plan, wertvolle Kunstobjekte durch Kopien zu ersetzen, die an Scheußlichkeit kaum zu überbieten waren.

„Sie haben kein Recht, hier zu sein …“, hatte sie gerade gesagt. Wirklich nicht? Nun, wenn er dieses Recht nicht hatte, würde er es sich eben nehmen. Und das bedeutete, aus dem Garten das zu machen, was dieser seiner Meinung nach sein sollte, und mit ihr würde er …“

Mit ihr würde er was? Kurzen Prozess machen?

Nein! Niemals. Er würde nicht die Beherrschung verlieren, auf gar keinen Fall. Um nichts auf der Welt würde er sich die Kontrolle über diese dunkle Macht aus der Hand nehmen lassen, die in ihm ihr Unwesen trieb.

Er musste sich sofort an die Verantwortlichen wenden, um sie für einen Plan zu gewinnen, der eben in seinem Kopf Formen anzunehmen begann. Das Projekt gehörte in kompetentere Hände, und zwar sofort.

Charley, die keine Ahnung hatte, was in dem Italiener vorging, war überrascht und erleichtert, als er abrupt kehrtmachte und sich mit langen Schritten entfernte. Energisch ging er auf den glänzenden Sportwagen zu, der in einiger Entfernung parkte und ebenso stahlgrau war wie seine Augen.

2. KAPITEL

Verärgert schaute Charley auf ihre Armbanduhr. Wo blieb bloß der Spediteur, der die kostspieligen Anschauungsobjekte transportieren sollte? In einer Viertelstunde würde ihr Taxi hier sein, das sie nach Florenz zum Flughafen bringen sollte, und sie war viel zu gewissenhaft, um einfach wegzufahren, ohne sich mit eigenen Augen davon überzeugt zu haben, dass die Dummys wohlbehalten auf dem Rückweg zu dem Lieferanten waren. Jetzt bereute sie es, nicht selbst mit der Spedition verhandelt, sondern sich auf das Angebot der Stadt verlassen zu haben.

Ihr Zusammenstoß mit dem „Grafen“ hatte sie mehr verwirrt als sie sich eingestehen wollte. Seitdem waren zwei arbeitsreiche Tage vergangen, in deren Verlauf sich die enorme Aufgabe, diesen Garten zu restaurieren, erst nach und nach so richtig zeigte. Insgeheim hatte es Charley zutiefst frustriert, erkennen zu müssen, dass das ihr zur Verfügung stehende Budget bei Weitem nicht ausreichen würde, um dem Garten seine alte Pracht auch nur annähernd wieder zurückzugeben. Und jetzt musste sie auch noch auf direktem Weg nach Hause fliegen, weil ihr Chef sich geweigert hatte, ihr zwei Tage Urlaub zu geben, obwohl sie sich so gern ein wenig in Florenz umgesehen hätte. Auch wenn das genau genommen natürlich sowieso ein Luxus gewesen wäre, der ihr eigentlich nicht zustand. Denn wie könnte Charley Geld nur für sich allein ausgeben, solange die ganze Familie Schwierigkeiten hatte, ihr Dach überm Kopf zu behalten?

Jetzt bog ein Lieferwagen um die Ecke der staubigen Straße und hielt mit quietschenden Bremsen direkt vor ihr an. Zwei junge Männer sprangen heraus, von denen einer die hintere Ladeklappe öffnete, während der andere schnurstracks auf die Dummys zusteuerte.

War das die Spedition, die die Stadt angeheuert hatte? Charley musterte die Männer argwöhnisch, und ihr Argwohn wandelte sich in Bestürzung, als sie sah, wie fahrlässig die beiden die abzuliefernde Fracht behandelten.

Aber es kam noch schlimmer. Charley wollte ihren Augen kaum trauen, als zwei der steinernen Imitate in den Laderaum flogen und mit lautem Scheppern zu Bruch gingen.

„Halt! Aufhören!“, rief Charley den beiden Männern zu, während sie zu den verbliebenen Mustern rannte und sich schützend davorstellte.

„Wir haben den Auftrag, die Sachen hier wegzuschaffen“, wurde sie von einem der beiden höflich, aber entschieden informiert.

„Den Auftrag? Von wem?“

„Vom Conte“, gab der Mann kurz angebunden zurück, während er sich daranmachte, den nächsten Dummy einzuladen.

Vom Conte? Wie konnte er es wagen! Viel wichtiger jedoch als die Antwort auf diese Frage erschien es Charley im Moment, die beiden Männer von ihrem Tun abzuhalten.

„Aber das geht doch nicht“, protestierte sie entrüstet. „Hören Sie sofort auf damit!“ Die Dummys hatten einen Wert von über tausend Pfund, und sie trug die Verantwortung. Als Charley den Kopf wandte, sah sie aus dem Augenwinkel mit hoher Geschwindigkeit ein stahlgraues Auto herankommen – ein Auto, das ihr unangenehm bekannt vorkam. Es hielt in einiger Entfernung in eine Staubwolke gehüllt an. Als der Fahrer ausstieg und auf sie zukam, bestätigte sich ihre Befürchtung. Il Conte.

Sobald er in Hörweite war, stellte Charley ihn zur Rede: „Wie kommen Sie dazu, solche Anweisungen zu erteilen? Ihre Leute ruinieren die Dummys. Irgendwer wird für den Schaden aufkommen müssen, aber ich bestimmt nicht …“

„Ich habe die Entsorgung der billigen Imitate angeordnet. Ab sofort bin nämlich ich für das Restaurierungsprojekt zuständig.“

Charley glaubte sich verhört zu haben. Was hatte er gesagt? Er war jetzt für das Projekt zuständig? Und auf seinen Wunsch hin wurden die Dummys entsorgt? Hieß das womöglich, dass sie selbst auf seinen Wunsch hin ebenfalls entsorgt werden würde? War sie überflüssig geworden? Aber brauchte sie wirklich eine Antwort auf diese Frage?

Wie vor den Kopf geschlagen beobachtete Charley, wie die letzte steinerne Plastik in den Van geladen wurde.

„Wo bringen Sie sie hin? Das ist Diebstahl, hören Sie!“ Doch jeder Versuch ihn umzustimmen, war sinnlos, weil der Conte, ohne sie weiter zu beachten, auf die beiden Männer zuging und irgendetwas zu ihnen sagte. Charley blickte wieder auf ihre Uhr. Für die Dummys konnte sie nichts mehr tun. Aber wo blieb ihr Taxi? Wenn es nicht bald kam, würde man sie nicht nur für den Verlust der Anschauungsmaterialien haftbar machen, sondern sie würde auch noch ihren Flug verpassen. Was ihr Chef dazu sagen würde, wollte sie sich lieber nicht vorstellen.

Sie kramte in ihrer Tasche nach ihrem Handy, um im Rathaus nachzufragen, wo man das Taxi für sie angefordert hatte.

Der weiße Van war inzwischen weg, und der Graf kam wieder auf sie zu.

„Wir haben einiges zu besprechen“, sagte er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

„Ich warte auf mein Taxi, ich muss zum Flughafen.“

„Die Bestellung wurde storniert.“

Storniert? Charley war mittlerweile so aufgeregt, dass ihr ganz schlecht war, sie war jedoch entschlossen, sich keine Blöße zu geben.

„Kommen Sie mit“, befahl er schroff.

Sie sollte mitkommen? Wohin? Charley wollte widersprechen, aber sie zögerte, weil ihr klar wurde, dass er ein Mann war, der keinen Widerspruch duldete.

Und wenn schon, dachte sie trotzig. Er konnte sie schließlich zu einer Kooperation nicht zwingen.

Aber dann tat sie doch, was er von ihr verlangte … obwohl sie es nicht wollte. Sie erschauerte. Was war los mit ihr?

Er ging bereits mit langen Schritten zu seinem Wagen, wobei er völlig selbstverständlich davon ausging, dass sie ihm folgte. Bei dem Sportwagen angelangt hielt er die Beifahrertür auf, damit Charley einsteigen konnte.

Hieß das, dass er sie zum Flughafen bringen wollte? Und wie war es zu verstehen, dass jetzt plötzlich er für das Projekt zuständig war?

Charley musste nicht viel Fantasie aufbieten, um ihn sich zu Zeiten der Medicis in Florenz vorstellen zu können, als einen dieser reichen und einflussreichen Bankiers und Kaufleute, die die Politiker manipuliert und für ihre eigenen Zwecke einzuspannen versucht hatten, notfalls sogar mit Waffengewalt. Wenn er damals gelebt hätte, hätte er sich bestimmt rücksichtslos genommen, was er wollte, das spürte man an der gefährlichen Aura, die er ausstrahlte. Charley erschauerte wieder, und diesmal ging mit der körperlichen Reaktion eine höchst beunruhigende Bewusstwerdung von ihm als Mann einher.

Er war kein Mensch, der Mitleid mit Schwächeren hatte, besonders nicht, wenn sie ihm im Weg standen. Aber Charley hatte Wichtigeres zu tun, als sich über ihn den Kopf zu zerbrechen. Zum Beispiel musste sie dafür sorgen, dass sie ihren Job behielt, und zwar unter allen Umständen. Andernfalls würde die gesamte Sorge für die Familie allein an ihrer älteren Schwester Lizzie hängen bleiben. Wo Lizzie doch sowieso schon viel zu selbstlos war und immer zuerst an die anderen dachte. So viel Edelmut war schon fast ungesund. Hinzu kam, dass Lizzie alle Opfer, die sie brachte, auch noch als völlig selbstverständlich hinstellte, sodass kein Mensch je auf die Idee kam, sie könnte sich vielleicht ein eigenes Leben wünschen. Was man von ihr, Charley, nicht so ohne Weiteres behaupten konnte. Bei ihr gab es durchaus Momente, in denen sie gegen eine gewisse Schwermut ankämpfen musste, weil sie damals gezwungen gewesen war, ihr Kunststudium an den Nagel zu hängen.

Raphael glitt hinters Steuer, schlug die Fahrertür zu und startete den Motor.

Im Rathaus war man mehr als erfreut gewesen, die Verantwortung für das Gartenprojekt an ihn abgeben zu können, besonders nachdem er angeboten hatte, die Finanzierung selbst zu übernehmen. Die chronisch leeren Haushaltskassen hatten zu dieser Entscheidung natürlich nicht unwesentlich beigetragen. Aber war da neben überraschter Dankbarkeit nicht auch eine Spur Angst in der Reaktion der Verantwortlichen spürbar gewesen? Oder bildete Raphael sich das nur ein?

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