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Zur Hölle mit Bridget

 

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

PROLOG

Ich trat das Gaspedal durch. Es fühlte sich gut an, wenigstens über etwas in meinem Leben Macht zu haben. Selbst wenn es nur die über mein Auto war, oder war es ein Spiel mit dem Schicksal: Leben oder Tod?

Die Straße war kurvenreich, Bäume zu beiden Seiten und wenig Verkehr. Ich beobachtete, wie der Zeiger des Tachometers von dreißig Meilen pro Stunde auf vierzig hochkletterte.

Das Einzige, woran ich denken konnte, war, wie traurig alle sein würden, wenn sie es erführen. Ich stellte mir die Titelseite unserer Regionalzeitung vor, die traurige Nachricht in fetten Lettern, das Rundschreiben, das in der Schule verteilt werden würde, in dem meinen verstörten Klassenkameraden Trauerhilfe angeboten wurde.

Fünfundvierzig Meilen.

Eigentlich wollte ich nicht sterben; ich wollte ihnen nur Angst einjagen. Ich wollte nur, dass sie merkten, was mir alles hätte passieren können, und dass sie sich dann schuldig fühlten, weil ihnen klar wurde, wie schlecht sie mich behandelt hatten. Ich wollte, dass sie sich bei mir entschuldigten und mich auf Knien darum baten, ihnen zu verzeihen und alles wiedergutzumachen, was sie mir angetan hatten.

Fünfzig.

Fünfundfünfzig.

Ich malte mir ihre betroffenen Mienen aus, wenn sie die Nachrichten erführen. Wie sie sich erschrocken die Hand vor den Mund hielten und mit angehaltenem Atem zuhörten, um zu erfahren, ob nicht doch noch alles gut ausgegangen war. Dann begriffen sie langsam, die Augen schreckgeweitet, dass dies nicht der Fall war oder dass die Ärzte immer noch um mein Leben kämpften. Vielleicht würden sie mich im Krankenhaus besuchen, wo ich blass, stumm und bewegungslos dalag. Sie würden angsterfüllt auf den Herzmonitor starren, die schrecklichen Pieptöne hören und voll Kummer beobachten, wie die Kurve immer wieder beängstigende Aussetzer zeigte.

Ich fragte mich, wer mich alles besuchen und wer sich vielleicht sogar weigern würde, mein Zimmer zu verlassen, bevor ich wieder aufgewacht wäre. Wer sich dafür mit den Ärzten anlegen würde, die sagten, die Besuchszeit sei längst überschritten und dass sie endlich nach Hause gehen sollten.

Dann sah ich Meredith vor mir, wie sie meinem Vater erklären musste, was während seiner Abwesenheit passiert war. Sie musste zugeben, wie schlecht sie mich behandelt hatte, und mein Vater würde sich weigern, auch nur noch ein Wort mit ihr zu sprechen. Vielleicht würde er sie sogar aus dem Haus werfen. Wahrscheinlich würde er sich schuldig fühlen, weil er nie da gewesen war.

Was war, wenn ich starb? Wer würde zu meiner Beerdigung kommen? Wer würde eine Rede halten? Welches Foto von mir, auf dem ich so bezaubernd lächelte, würden sie in dem Blumenmeer neben meinem Sarg aufstellen? Wer würde von Trauer überwältigt und weinend an meinem Sarg zusammenbrechen?

Ich hörte, wie Liam in seiner bewegenden Trauerrede schwor, sich niemals in eine andere zu verlieben.

Der Motor heulte jaulend auf, die Landschaft flitzte im Zeitraffer an mir vorbei, die Reifen schienen sich in die Fahrbahn zu fressen.

Anscheinend hatte ich meinen Tagträumen mehr Aufmerksamkeit geschenkt als der Straße und die Kurve viel zu schnell genommen. Mein Fuß schnellte vom Gaspedal auf die Bremse, um die Geschwindigkeit zu drosseln und das Auto wieder unter Kontrolle zu kriegen. Plötzlich bereute ich meine verrückten Gedankengänge. Sie waren dumm und leichtsinnig gewesen. Natürlich wollte ich nicht wirklich sterben. Ich wollte zurück zur Schule fahren und so tun, als wäre ich nie weg gewesen.

Schleudernd kam ich von der Straße ab, kreuzte haarscharf an der Böschung entlang, wo das Einzige, was mich noch aufhalten konnte, die Bäume waren.

In Sekundenbruchteilen war ich aus der Kurve geflogen, schlitterte durch hohes Gras und schrammte über Felsen. Immer noch trat ich krampfhaft das Bremspedal durch, dann gab es eine riesige Erschütterung, ich kippte und drehte mich, wusste nicht, ob ich schrie. Das Einzige, woran ich mich erinnerte, war, dass das Auto mit der Fahrerseite gegen einen wuchtigen Baum prallte.

Oh mein Gott, jetzt muss ich sterben. Eiskalte Finger schienen mein Herz zusammenzupressen. Was danach geschah, hätte ich niemals erklären können. Ich wusste nicht, ob es Traum oder Wirklichkeit war, ob ich im Fantasiereich des Zauberers von Oz gelandet war oder das alles nur in meiner Vorstellung passierte oder real war.

Es war jedenfalls nicht das, was ich erwartet hatte. Es gab keine drei Geister, die mich freundlich in Empfang nahmen, keine silbrige Riesenleinwand, auf der die Stationen meines Lebens gezeigt wurden, kein wohlmeinender Engel, der mich gnädig auf seine Flügel nahm. Da war nur eine Jury von ernst dreinblickenden Geschworenen. Es waren die Menschen, denen ich im Leben Unrecht getan hatte und die nun darüber zu entscheiden hatten, ob ich leben oder sterben sollte.

Alles war gesagt und getan. Ich konnte es nicht mehr rückgängig machen, ich konnte es nicht mehr ändern. Es war viel zu spät, die Worte zu sagen, die mich früher gerettet hätten.

Es tut mir leid.

Tut mir leid …

Tut mir leid …

Aber dazu komme ich später. Zuerst muss ich erzählen, wie ich in das Auto gekommen bin.

1. KAPITEL

Donnerstags passiert nie etwas Interessantes oder Aufregendes.

Freitag und Samstag sind Wochenende. Am Sonntag ist das Wochenende schon wieder zu Ende, es ist der letzte Tag der Woche und der letzte Tag Ruhe. Montag fängt die neue Woche an. Dienstag fühlt sich gut an. Mittwoch ist „Bergfest“, ein Ausdruck, den ich irgendwie doof finde.

Aber donnerstags ist nun wirklich gar nichts los. Die Woche ist praktisch vorbei, das Wochenende steht an, ist aber noch nicht da. Sogar in Kinderreimen ist Donnerstag immer der öde Blödtag, an dem überhaupt nichts passiert.

Laaangweilig!

Als ich am Donnerstag aufwachte, wusste ich nicht, dass es der Anfang vom Ende war. Stinknormales Wetter, die Nachbarhunde jaulten nicht, kein Meteoriteneinschlag.

Hätte ich die Reste in der Müslischale wie Kaffeesatz gelesen, wäre ich vielleicht im Bett geblieben. Oder ich hätte einfach den Bus zur Schule genommen. Stattdessen aß ich mein Müsli wie immer, trank den bescheuerten Kaffee, den meine Stiefmutter gemacht hatte (Fair Trade – heißt für mich: dünn und bitter), und sah träge nach, ob mein Handy aufgeladen war.

Genau wie jeden Tag.

Und dann stellte ich wie jeden Tag die leere Schale auf die Spüle und warf einen Blick auf die Uhr am Herd. Fünf nach sieben, das bedeutete, ich hatte noch satte zehn Minuten, bis ich zur Schule musste. Genug Zeit, um Make-up und Outfit zu überprüfen. Ich wollte gerade die Treppe hoch und in mein Zimmer laufen, da stakste meine Stiefmutter auf Highheels in die Küche.

„Hey, Bridget?“

Ich seufzte hörbar.

„Was ist?“ Mir fielen gleichzeitig eine Million Dinge ein, die ich in den verbleibenden zehn Minuten lieber getan hätte, als darauf zu warten, dass sie sich durch ein weiteres peinliches Gespräch mit mir quälte.

„Nun …“ Sie trat an den Fuß der Treppe, sodass ich sie jetzt sah. „Ich dachte gerade, dass du vielleicht … Ich meine, wenn du heute Abend noch nichts vorhast, könnten wir uns ja eventuell diesen neuen Film im Kino ansehen. Du weißt schon, den du nicht mit deinen Freundinnen sehen konntest, weil dein Vater dieses Geschäftsessen hier hatte. Erinnerst du dich? Carriage?

Während sie das sagte, zuckte sie mit den schmalen Schultern unter dem tollen Seidentop von Michael Kors, für das ich Leute ermordet hätte. Manchmal überlegte ich ernsthaft, ob sie hübscher war als ich. Ich hasste es.

„Ich habe gerade erfahren, dass dein Vater nicht vor dem Wochenende nach Hause kommt, und da dachte ich, wir könnten ein Art Frauenabend machen und etwas zusammen unternehmen.“ Sie lächelte mich zaghaft an und wartete auf eine Antwort. Und dann, nachdem ich nach einer Weile immer noch nichts gesagt hatte, plapperte sie einfach weiter. „Ich habe etwas darüber gelesen, und er scheint wirklich gut zu sein …“

„Ich weiß wirklich nicht, wovon du redest, aber ich habe heute schon etwas vor.“

Entschlossen ging ich die Treppe hoch. Natürlich wusste ich, welchen Film sie meinte, und ich war wirklich scharf darauf, ihn zu sehen. Aber mit meiner Stiefmutter ins Kino gehen – wie peinlich war das denn? Sie hätte mich genauso gut fragen können, ob ich Lust hätte, ein Bärenkostüm anzuziehen und mit ihr einen Kinderfilm in 3-D zu sehen.

„Oh, aber du warst doch so enttäuscht, als du ihn damals nicht sehen konntest …“

Bei diesen Worten blieb ich wieder stehen und beugte mich betont herablassend zu ihr hinab, als wäre sie ein kleines Kind und ich die böse Stiefmutter. „Das war nur, weil ich keine Lust hatte, bei Dads dämlichem Essen dabei zu sein, das ist alles.“

„Oh.“ Sie sah auf das Blatt Papier, das sie in der Hand hielt. Es sah aus wie der Programmzettel zum Film. Ich fühlte mich ein ganz klein wenig schuldig, als ich es mitbekam.

Sie faltete das Blatt zusammen und ging hinter mir die Treppe hoch. Ich spürte ihren Blick im Rücken. „Gut. Vielleicht findest du ja einen anderen Film, der dich mehr interessiert. Wir können auch irgendetwas anderes machen …“

Wieder blieb ich stehen und drehte mich entnervt herum. Allein die Vorstellung war mir zuwider. „Okay, Meredith, ich weiß wirklich nicht, wie ich es dir noch deutlicher erklären kann, weil du es anscheinend immer noch nicht verstanden hast. Ich will heute Abend gar nichts mit dir unternehmen. Klar?“

Ihre großen Augen schienen sich vor Erstaunen zu weiten, und ihre Unterlippe bebte. Meredith sah aus, als würde sie jeden Moment in einen ihrer üblichen Weinkrämpfe ausbrechen. Um Himmels willen, was war bloß mit ihr los? In letzter Zeit heulte sie ständig. Sie war doch erst vierzig, war das nicht etwas zu jung für die Wechseljahre?

Wie auch immer. Ich war nicht dafür verantwortlich, wenn sie überreagierte. Kein Grund, mich schuldig zu fühlen. Schließlich konnte ich nichts dafür, dass sie dauernd flennte. Es hatte nichts mit mir zu tun. Das war mir klar geworden, als sie vor dem Fernseher gesessen und Sesamstraße geschaut hatte. Obwohl ich mich gefragt hatte, warum, zum Teufel, sie allein in unserem Wohnzimmer hockte und Sesamstraße guckte.

Mit meinem 2007 Toyota Corolla (mein Vater hatte mir in einem seiner sporadisch auftretenden Anfälle, der beste Papa der Welt zu sein, sein altes Auto abgetreten, anstatt mir ein neues zu kaufen) fuhr ich zu meiner langweiligen und spießigen kleinen Privatschule, der Winchester Preparatory. Dort parkte ich auf meinem üblichen Parkplatz. Wie immer kam ich zu spät, obwohl es heute eindeutig Merediths Schuld war und nicht meine. Ist es nie.

Natürlich raste ich deshalb nicht gehetzt den Gang entlang, sondern blieb noch kurz am Getränkeautomaten stehen, um mir einen Vitamindrink zu ziehen. Ich überlegte kurz, welchen ich heute nehmen sollte, und schlenderte dann zu meinem Klassenraum. Zu Tech Ed, so nannten wir unseren Techniklehrer, der genauso überflüssig wie das gesamte Fach war.

Er hieß Mr Ezhno, und zu unterrichten war garantiert nicht seine Berufung gewesen. Er war ein schreckliches Weichei, konnte sich absolut nicht durchsetzen und war zusätzlich noch entsetzlich langweilig. Andauernd quasselte er irgendein Zeugs und versuchte, uns Dinge beizubringen, die heutzutage jeder und erst recht jeder in unserem Alter bereits konnte. Wie man einen Computer einschaltet. Wie man ein Dokument öffnet.

Wenn wir etwas anderes durchnahmen, brachte er uns zum Beispiel bei, wie man Lichtschalter baute. Wirklich dämlich, wenn man mich fragt. Denn warum sollten wir etwas erfinden, was bereits erfunden war? Ich bezweifelte stark, dass ich jemals in eine Situation geriet, in der mich jemand flehend darum bat: „Bitte, das ist ein Notfall, leg die Streichhölzer weg, und bau uns einen Lichtschalter!“

Man konnte ihm unmöglich fünf Minuten am Stück zuhören, was nicht bedeutete, dass es je jemand versucht hätte.

Jedenfalls keiner von uns.

Wenn wir vorm Computer hockten, ignorierten wir ihn einfach und schrieben stattdessen Aufsätze über Quatschthemen, machten Computerspiele oder surften im Internet. Ein paar der fleißigen Schüler erledigten ihre Hausaufgaben für andere (wichtigere) Fächer. Egal, jedenfalls tat keiner von uns das, was er von uns wollte.

Gegen Ende des Schulhalbjahrs hatte er gemerkt, dass wir ihn überhaupt nicht beachteten. Seitdem mussten wir die Bildschirme ausschalten, wenn wir sie nicht brauchten. Weswegen uns natürlich noch langweiliger war und wir ihn noch mehr terrorisierten. Wir meldeten uns und stellten extradumme Fragen, die er alle beantworten musste, für den Fall, dass eine von ihnen ernst gemeint war.

Nur ein einziges Mal, als Matt Churchill mit vollkommen ernster Miene fragte, ob es wirklich so etwas wie Magnetismus zwischen den Geschlechtern gab, weigerte sich Mr Ezhno, die „lächerliche Frage“ zu beantworten.

Aber selbst da war sein Blick unsicher geworden, und er hatte überlegt, ob Matt die Frage nicht eventuell doch ernst gemeint hatte.

Als wäre mein Stundenplan nicht schon schlimm genug gewesen, hatte ich ausgerechnet ihn in der ersten Stunde. Das machte es mir nahezu unmöglich, pünktlich zu erscheinen. Und wenn ich dann endlich eintraf, machte ich ihm zugegebenermaßen das Leben schwer.

Ab und zu spürte ich so etwas wie einen Hauch Mitleid mit diesem hilflosen Mann. Er trug ordentliche Button-down-Hemden, Jeans mit Bügelfalten und hatte eine korrekte Arbeitstasche, wöchentlich neue Kreidepackungen und bunte Sticker, die er auf die besonders gut benoteten Arbeiten klebte. Das System hatte er, wie ich zufällig wusste, von anderen Lehrern übernommen. Er war einfach ein Nerd-Lehrer, typischer Oberlehrer. Hätten die Macher von Alles Routine ihn gekannt, hätten sie Milton und seinen Darsteller rausgeworfen und Mr Ezhno bekniet einzuspringen.

Manchmal konnte ich mich einfach nicht bremsen. Dann sagte ich absichtlich etwas Doppeldeutiges, auf das Mr Ezhno keine Antwort wusste. Für gewöhnlich schickte er mich dann ins Schulbüro. Ich wurde dann zur Strafe vorübergehend vom Unterricht ausgeschlossen, und Meredith wurde mehrfach zum Elterngespräch in die Schule gebeten.

Ich hasste das.

Sie war schließlich nicht meine Mutter. Und mein Vater hatte keine Zeit, sich um so banale Angelegenheiten zu kümmern. Gott sei Dank.

Trotzdem hatten die beiden etliche Eltern-Lehrer-Treffen gehabt. Anscheinend waren sie sich immer einig gewesen und hatten jedes Mal, wie ich mir lebhaft vorstellen konnte, ein paar Gemeinheiten ausgebrütet, wie sie mir das Leben noch schwerer machen konnten. Zum Glück hatte es irgendwann aufgehört. Wahrscheinlich hatte Mr Ezhno einfach aufgegeben. Mir konnte das nur recht sein. Zugegeben, ich wollte selbst gerade einen Gang runterschalten, weil ich es wirklich etwas zu weit mit ihm getrieben hatte und partout keine neuen Schwierigkeiten gebrauchen konnte. Aber darum schien es plötzlich nicht mehr zu gehen.

Es war also 7:40 Uhr an diesem Donnerstag, als ich das Klassenzimmer betrat und direkt an Mr Ezhnos Nase vorbei lässig zu meinem Platz schlenderte. Ich streifte sein Notizheft sogar mit der Schulter. Betont langsam ging ich hinüber zu meinem Platz und setzte mich neben Jillian Orman auf den Stuhl. Ich hörte, wie die Jungs in den letzten Reihen über mich tuschelten. Es war irgendetwas Sexistisches, aber durchaus schmeichelhaft.

Dieses Mal hörte Mr Ezhno – im Gegensatz zu sonst – plötzlich auf zu reden. Er sah mich an.

„Fahren Sie ruhig fort“, forderte ich ihn auf und zog die Augenbrauen hoch, als müsste ich ihm die Erlaubnis dazu geben. Dann öffnete ich in aller Ruhe meinen Vitamindrink.

„Miss Duke, würden Sie bitte hinausgehen und draußen auf mich warten!“ Er klang müde.

„Jetzt schon?“ Gekicher in der Klasse, die es natürlich als Zuschauer genoss, wenn jemand in Schwierigkeiten geriet. Aber so schnell war ich nicht kleinzukriegen. „Aber Mr Ezhno, dabei habe ich gerade die Geschmacksrichtung gefunden, die mir hilft, mich auf Ihren Unterricht zu konzentrieren.“ Demonstrativ hob ich meinen Drink hoch und zeigte auf das Label, auf dem „Konzentrat“ stand.

Die anderen warteten gespannt, wie meine Provokation aufgefasst wurde, einige kicherten nervös. Darauf musste er einfach reagieren. Ich klimperte mit den Wimpern und warf ihm einen unschuldig naiven Augenaufschlag zu, der besagen sollte: Ich weiß gar nicht, worüber Sie sich aufregen.

Aber er wiederholte nur: „Bitte warten Sie draußen im Flur auf mich.“

Theatralisch seufzend verließ ich das Klassenzimmer. Dabei sicherte ich mir noch einen starken Abgang, indem ich hinter seinem Rücken vor versammelter Mannschaft eine Grimasse zog. Unterdrücktes Lachen begleitete mich hinaus.

Während ich unschlüssig vor dem Klassenzimmer stand und auf ihn wartete, blickte ich mich um. Einige Schüler kamen an mir vorbei. Ein paar hatten sich genau wie ich verspätet, ein paar waren auf dem Weg zur Toilette, und ein paar sollten in der ersten Stunde im Büro helfen. Ich kannte nicht alle beim Namen, aber zweifellos war ich allen bekannt. Eins der Mädchen ging auffällig schneller, als es mich sah, und blickte angestrengt auf seine Füße. Als sie an mir vorbeieilte, sah sie kurz auf und schaute in der Sekunde, als sich unsere Blicke trafen, sofort wieder weg.

Einen Moment später kam ein anderes Mädchen vorbei, das ein T-Shirt von der Schulsprecher-Wahl vom letzten Jahr trug. Auf dem Shirt stand in ausgewaschenen Lettern: Duke for SGA President! Meine Kandidatur war später zurückgezogen worden, mit der Begründung, dass ich zu viele andere Dinge um die Ohren hatte.

Das Mädchen (Suzanne?) zeigte auf ihr T-Shirt und dann auf mich, winkte und lächelte. Ich grinste oberflächlich zurück und beobachtete, wie sie weiterging. Sobald sie vorbeigegangen war, lächelte ich nicht mehr. Krank, dass sie ein Shirt von einer Wahl trug, die längst gelaufen war.

Auch andere Schüler, die vorbeigingen, winkten mir entweder übertrieben freundlich zu oder verhielten sich ähnlich wie das erste Mädchen, das sich kaum getraut hatte, mich anzusehen. So war es für gewöhnlich. Entweder waren die Leute stinkfreundlich zu mir oder entsetzlich verlegen.

Der Grund ist einfach: Mein Vater war früher der vielversprechende junge Superstar in der National Football League, bis zu jenem unglücklichen Spiel, bei dem er sich das Knie schwer verletzt hatte. War er vorher ein gut aussehender Publikumsliebling gewesen, war er danach als kompetenter Sportreporter beim Fernsehen aufgestiegen. Jeder kannte ihn, jeder Junge wollte so sein wie er, jede Frau und jedes Mädchen blieb wie angewurzelt vorm Bildschirm stehen, bis der Beitrag vorüber war. Es kam vor, dass ich ihn öfter im Fernsehen sah als bei uns zu Hause.

Egal, jedenfalls profitierte ich von seinem Ruhm. Durch seine Prominenz brauchte ich weder leitende Cheerleaderin zu sein (was gut ist, weil ich das nie geschafft hätte) noch SGA-Präsidentin zu werden (so habe ich mich getröstet, als ich vorzeitig aus dem Titelrennen ausgeschieden bin).

Ich war in jedem Fall die Schuldiva.

Als ich den Gang hinunterblickte, sah ich dort jemand stehen, der sich noch nie von meiner Herkunft hatte beeindrucken lassen. Er unterhielt sich gerade angeregt mit einem Mädchen, das ich noch nie gesehen hatte. In dem Moment kam Mr Ezhno aus dem Klassenzimmer.

„Miss Duke.“ Sorgsam schloss er die Tür hinter sich. „Ich weiß, wir haben schon oft darüber gesprochen. Aber Sie kommen immer noch zu spät zum Unterricht, und ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, was ich sonst noch unternehmen kann …“

Ich hörte ihm einfach nicht weiter zu. Er hatte recht; wir hatten diese Art von Gespräch schon oft geführt. Er würde jetzt noch eine Weile herumlabern, sagen, wie wenig respektvoll mein Zuspätkommen gegenüber meinen Klassenkameraden sei und bla, bla, bla … Dann würde er versuchen, irgendeinen Zusammenhang herzustellen, damit er mir eine Geschichte aus seiner Jugend erzählen konnte. Gähn!

Stattdessen richtete ich meine Aufmerksamkeit auf das Paar am Ende des Flurs. Sie standen immer noch vor dem Büro. Liam redete gerade enthusiastisch auf das Mädchen ein, das ich nicht kannte. Sie erwiderte etwas, das augenscheinlich urkomisch gewesen war, denn er lachte laut und zustimmend.

Meine Brust zog sich schmerzhaft zusammen, und es versetzte mir einen Stich, wie jedes Mal, wenn ich Liam sah. Es war jetzt schon so lange her, seit er Schluss gemacht hatte. Und trotzdem brach es mir immer noch das Herz, wenn ich ihn sah. Besonders wenn er mit einem anderen gut aussehenden Mädchen sprach. Ich strengte mich an, etwas von dem Gespräch aufzuschnappen, aber hundert Meter waren eindeutig außer Hörweite. Aber dann bekam ich gerade noch das Ende von Mr Ezhnos Ausführungen mit.

„… Schulverweis.“

Was? Ich musste mich verhört haben. „Wie bitte?“

Indigniert schloss er für ein paar Sekunden die Augen, bevor er antwortete. „Ich sagte, dass Ihre wiederholte Aufmüpfigkeit und die ständigen Verspätungen nicht aufgehört haben, trotz aller Diskussionen, die wir darüber hatten. Ich werde Sie jetzt ins Büro schicken, und offen gesagt, nachdem Sie so oft zu spät gekommen sind …“ Hilflos hob er ein paar Sekunden die Hände in einer Geste, die zu sagen schien: Was kann ich sonst tun? „… und das ist nun mal die übliche Bestrafung in diesem Fall.“

Mein Vater würde mich umbringen. Er würde völlig ausflippen. Aus so einem Grund hatte er mir damals auch nur sein altes Auto überlassen, anstatt mir ein neues zu kaufen, und meine Kreditkarten gesperrt. Ab und zu sagte er sogar etwas Peinliches im Fernsehen über mich, so in der Art, dass die Giants heute Abend ein todsicherer Tipp wären, aber er jetzt leider zurück an Rob übergeben müsse, weil er nach Hause zu seiner aufsässigen Tochter müsse.

„Nun, ehrlich gesagt, Mr Ezhno.“ Ich betonte seinen Namen so über alle Maßen herablassend, als wäre alles, was er eben gesagt hatte, völlig absurd. So in der Art, als ob er uns gebeten hätte, ihn von nun an Mr Arschkriecher oder so zu nennen. „Ich glaube, dass die Zeit, die wir mit diesen unsinnigen Diskussionen über mein angebliches Zuspätkommen vergeuden …“ Ich betonte die Worte sarkastisch. „… die Klasse tatsächlich mehr stört, als wenn ich weiterhin, sagen wir, dreißig Sekunden zu spät käme. Ich meine, was, glauben Sie, unterrichten Sie da drinnen?“ Bedeutungsvoll wies ich auf die geschlossene Klassentür.

Als er mich weiter anstarrte, schürzte ich nur verächtlich die Lippen und nickte ihm aufmunternd zu. So als wollte ich ihn davon überzeugen, dass er sich endlich etwas Besseres zum Anziehen kaufen sollte, das ihm auch stehen würde.

Aber er blieb hartnäckig.

„Nehmen Sie dies hier, und gehen Sie damit ins Büro.“ Mit diesen Worten überreichte er mir ein gefaltetes Blatt Papier. Ich konnte die durchscheinenden Druckbuchstaben auf der Rückseite erkennen.

Ich warf ihm einen weiteren vernichtenden Blick zu, der so etwas wie Du Loser bedeuten sollte, und stolzierte betont gleichgültig den Gang hinunter in Richtung Büro.

Wieder versetzte es mir einen kleinen Stich, als ich sah, dass Liam und das Mädchen gemeinsam verschwunden waren. Na gut, dann musste ich wenigstens nicht cool an ihnen vorbeischreiten.

Im Gehen las ich den Zettel.

Miss Duke erweist sich als dauernder Störenfried in der Klasse. Fast täglich kommt sie zu spät und unterbricht damit unliebsam den Unterricht.

Sie fragt nicht, ob sie zur Toilette gehen darf, sondern kommt und geht, wann sie will. Sie stört permanent, indem sie mit Klassenkameraden quatscht und mit irgendwelchem Unfug vom Unterricht ablenkt …

Ha! Da hatte wohl jemand null Selbstbewusstsein!

… verbringt die praktischen Übungen vorm Computer damit, im Internet zu surfen, und versucht, die Klasse zu unterhalten, indem sie sich unangemessen und rücksichts- und respektlos verhält.

An dieser Stelle hörte ich auf zu lesen. Offenbar wollte er mich als ungezogenen Klassenclown abstempeln. Ich hatte einfach keine Lust mehr darauf, diesen Unsinn zu lesen. Ich faltete den Brief mehrmals, um die Peinlichkeit zu vermeiden, dass ihn jemand jemals zu Gesicht bekäme. Dann riss ich ihn in lauter kleine Fetzen, die ich im nächsten Mülleimer entsorgte.

Warum war er auch so blöd anzunehmen, dass ich ihn tatsächlich ins Büro bringen würde?

Im Büro entschied ich mich dazu, der Sekretärin mitzuteilen, dass ich „gern mit Schulleiter Ransic sprechen möchte“, statt zuzugeben, dass ich hierhergeschickt worden war.

Sie lächelte freundlich und sagte, ich solle mich um die Ecke auf einen der Stühle setzen und warten, bis der Schulleiter Zeit für mich habe.

Ich folgte ihrer Anweisung und sah, dass schon einige Schüler warteten. Kurz überschlug ich meine Möglichkeiten.

Ich konnte mich neben Vince setzen, der anscheinend sein Leben hier verbrachte. Er saß ständig hier, jedenfalls immer, wenn ich da war. Und er versuchte jedes Mal eine unsinnige Konversation mit mir zu führen. Seine Sprüche bestanden aus abgedroschenen Phrasen wie „Hey, weshalb haben sie dich denn verdonnert?“, oder er murmelte stumpf „Scheiß Wettkampf“ oder Ähnliches vor sich hin. Er war ein Raufbold und Mobber, bekannt dafür, dass er seit Jahren Geld von Mitschülern abzockte, was ihn mir nicht gerade sympathischer machte. Er war abscheulich, genau der Typ billiger Proll, wie ich ihn hasste. Aus unerfindlichen Gründen hielt er es für seine Pflicht, anderen das Leben schwer zu machen. Außerdem wiederholte er die zwölfte Klasse schon zum zweiten Mal und wirkte mit jedem Tag abstoßender und ungewaschener. Das ergab Sinn, wenn man davon ausging, dass er sich wirklich nicht wusch. Und ehrlich, er roch auch so.

Dann konnte ich mich noch neben Brett setzen, der wahrscheinlich hier herumhing, um sich noch ein paar zusätzliche Sozialstunden abzuholen oder etwas Freiwilliges zu tun, das ihm den Weg zum College ebnen sollte, wo er unbedingt hinwollte. Er tat alles, um seine vergangenen Jahre als Rebell wiedergutzumachen.

Oder ich konnte mich neben ein Mädchen setzen, das ich an meinem ersten Schultag in der Highschool zuerst gesehen hatte.

Der Lehrer der damaligen Klasse hatte sich kaum einen unserer Namen merken können und darum gebeten, dass sich diejenigen melden sollten, deren Namen er nicht genannt hatte. Wir hatten nebeneinandergesessen. Als wir beide die Hand gehoben hatten, hatte sie sich zu mir gebeugt und gesagt: „Gott, was sind wir nur für Loser, hm?“ Dabei hatte sie nervös gelacht.

Ich erinnerte mich daran, dass ich abschätzend ihren niedrigen Pferdeschwanz, den zu hellen und glänzenden Lipgloss und ihre dünn gezupften Augenbrauen gemustert hatte. Dabei hatte ich nur gedacht: Na, eine von uns auf jeden Fall – aber nichts gesagt.

Nach allem, was ich in den letzten Jahren von ihr mitgekriegt hatte, suchte sie immer noch verzweifelt nach Freunden und war modemäßig auch keinen einzigen Schritt weitergekommen.

In der Annahme, dass er mich am wenigsten zutexten würde, setzte ich mich schließlich neben Brett. In der nächsten Sekunde erinnerte ich mich jedoch daran, dass er erst neulich versucht hatte, mich anzusprechen. Jetzt wieder.

„Hey, Bridget!“ Während er meinen Namen aussprach, winkte er mir.

Warum, zum Teufel, fuchtelte er so herum? Dachte er, ich würde mich sonst fragen, woher die Stimme kam, die mich ansprach, oder was? Ich presste die Lippen aufeinander und machte einen abweisenden Gesichtsausdruck, den man kaum als Lächeln interpretieren konnte. Mir war bewusst, dass ich unhöflich war, aber mir war wirklich nicht nach Small Talk zumute.

Zumindest sagte er dann nichts mehr. Wir saßen da und warteten, ziemlich lange, denn die anderen beiden waren vor uns ins Büro des Schulleiters gebeten worden. Als Brett aufgerufen wurde, sprang er wie elektrisiert vom Stuhl und lief, so schnell er konnte, los, fast wäre er gerannt.

Sobald er weg war, zog ich die Zeitschrift aus meiner Prada-Tasche und blätterte.

Schließlich hörte ich, wie die Sekretärin mich mit näselnder Stimme aufrief, und begab mich ins Büro des Schulleiters. Mir fiel auf, dass Brett, der gerade herauskam, jeglichen Blickkontakt mit mir mied.

Musste er gleich aus allem ein Drama machen?

Als ich würdevoll ins Büro schritt, beeilte ich mich, ein gewinnendes Lächeln aufzusetzen und die Gedanken an Brett aus dem Fenster zu werfen. Sorgsam schloss ich die Tür hinter mir.

„Guten Morgen, Schulleiter.“ Ich benahm mich, als ob wir alte Freunde wären und uns zum Mittagessen verabredet hätten. „Sie waren aber heute schon aktiv, so früh am Morgen.“ Ich wies mit einem manikürten Finger in Richtung der nun leeren Stuhlreihen.

„Nun ja, ich habe ja nur diese siebeneinhalb Stunden, um mich um all die Belange und Ängste der Schüler zu kümmern. Aus welchem Grund sind Sie hier, Miss Duke?“

Ich ließ mein Lächeln langsam verblassen und setzte einen ernsten Gesichtsausdruck auf, den ich mir ausgedacht hatte, um mich aus jeglichem Schlamassel zu retten. Mein Charme kam mir zu Hilfe, ein überaus nützliches Instrument in solchen Situationen.

„Nun …“, begann ich zögernd.

In dem Moment klingelte das Telefon auf seinem Schreibtisch. Er entschuldigte sich kurz bei mir und hob ab. Während er mit der Person am anderen Ende der Leitung sprach, beobachtete ich ihn genau. Schulleiter Ransic war etwa Ende vierzig und anscheinend früher ein gut aussehender Mann gewesen. Das Haar war nur wenig gelichtet und grau an den Schläfen. In seinem Gesicht zeichneten sich erste Falten ab, besonders wenn er sprach und lächelte. Er hatte genau die Art von blauen Augen, die bei jüngeren Typen umwerfend waren. Ich fand, dass er Ausstrahlung hatte und niemand vermuten würde, dass er an einer Schule arbeitete. Vielleicht war es die lässige Art, sich zu kleiden, vielleicht sein widerspenstiges, in alle Richtungen abstehendes Haar. Er schien absolut kompetent zu sein, aber die Tatsache, dass er sich nicht wie ein altmodischer Politiker kleidete, schien die meisten Eltern gegen ihn einzunehmen.

Selbst sein Schreibtisch sah anders aus als der von anderen Schulleitern. Da stand kein dämliches Perpetuum mobile oder ein anderes Metallspielzeug, sondern nur ein gerahmtes Foto von ihm und einer hübschen Frau, die, nach seinem nackten Ringfinger zu urteilen, seine Freundin und nicht seine Ehefrau war. Dann gab es da noch ein paar geschmackvolle Kunstgegenstände, einen Stein mit zwei eingemeißelten Gesichtern, eine handgemachte, alt wirkende Schale und ein paar Holzskulpturen. Das Einzige auf seinem Schreibtisch, das nach Arbeit und Schule aussah, war der gelbe Notizblock, der vor ihm lag.

Gerade verrenkte ich mir den Hals, um zu sehen, was darauf geschrieben stand, als er „Okay, John, wir reden später darüber“ ins Telefon sagte und auflegte. Schuldbewusst zuckte ich in eine harmlosere Kopfhaltung zurück.

„Also, legen Sie los!“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sah mich auffordernd an.

Seinem Tonfall nach zu urteilen, wusste er von meiner Schulschwänzerei. Ich musste schnell einen Plan entwickeln, um das Problem zu lösen. Einen, der einerseits das ständige Zuspätkommen erklärte und andererseits bewirkte, dass ich auch in Zukunft ausschlafen konnte. „Es ist … Es fällt mir schwer, darüber zu reden.“

Klar, weil ich immer noch nicht wusste, was ich sagen sollte.

„Es ist eigentlich eine einfache Frage: Warum können Sie nicht rechtzeitig zum Unterricht erscheinen wie jeder andere Schüler auch?“

Ich holte tief Luft. „Es geht um meine Eltern. Ich meine, um meine Stiefmutter. Ich konnte in letzter Zeit kaum schlafen, deshalb ist es schwierig für mich …“ Ich suchte nach Worten. „… früh aufzustehen, meine ich.“

„Und wieso?“

Weil ich jeden Abend bis spät in die Nacht Reality-Shows guckte und Anrufe entgegennahm oder ignorierte, wenn Mädchen mich fragen wollten, ob ich Lust hätte, mit ihnen abzuhängen, oder wenn Typen fragten, was ich am nächsten Abend vorhätte?

„Tja …“ Ich versuchte mir etwas auszudenken, das so persönlich war, dass er sich nicht trauen würde, das Thema weiter zu vertiefen, aber auch nicht zu persönlich. Sonst würde er mich vielleicht zur Schülerberatungsstelle schicken. Dort würde ich mich nicht mehr so einfach herausreden können.

„Ich höre …?“

„Na ja, wenn mein Dad da ist, gibt es immer viel Gejohle.“ Für die Redskins, die Orioles oder irgendeine andere Mannschaft, die er lauthals wie ein Irrer herumhüpfend unterstützte. Ich zögerte bedeutungsvoll, bevor ich den nächsten Satz aussprach. „Und wenn er nicht da ist, sind da andere … Geräusche.“

„Andere Geräusche?“

Zerknirscht biss ich mir auf die Unterlippe und blickte einen Augenblick beschämt zu Boden, bevor ich ihn wieder ansah und mit dem herausrückte, wovon ich hoffte, dass es ihm die Luft aus den Segeln nahm. „Meine Stiefmutter hat … Besucher. Na ja, einen besonderen Besucher. Es ist mir unangenehm, dann im Haus zu sein, weil …“ Wieder stockte ich. „Wissen Sie …“

Einen Augenblick lang hing meine Anspielung wirkungslos in der Luft, bevor er endlich zu begreifen schien. Er sah peinlich berührt aus und wandte den Blick ab.

In Wahrheit war das einzige anstößige Geräusch, das ich jemals aus dem Zimmer meiner Stiefmutter gehört hatte, wenn mein Vater nicht da war, die quäkende Stimme von Rod Steward aus seinem neuesten Album oder – noch schlimmer – die Partridge Family. Am allerfurchtbarsten aber war es, wenn sie mit ihrer dünnen Stimme mitsang.

Aber das wusste mein Schulleiter nicht.

Der einzige Mann, der je das Haus betrat, war Todd, Merediths dekorationsbesessener und schwuler Innenarchitekt, den sie seit Jahren beschäftigte und der tatsächlich einmal einen Bettüberwurf aus Chintz in mein Zimmer getragen hatte. Anscheinend hatte er die Unordnung nicht ertragen.

Aber auch das wusste der Schulleiter nicht.

„Wirklich?“ Er sagte das nicht, als würde er eine Antwort erwarten, geschweige denn eine nähere Erklärung. Deshalb fuhr ich fort: „Hmm, ja, ich meine, ich muss ihn schon fünf Tage die Woche in der Schule sehen … Dadurch wird das Ganze noch schlimmer.“ Ich versuchte eine gequälte Miene aufzusetzen. Es stimmte sogar. Todd war ständig da. Seit Meredith nicht mehr arbeitete, hatte sie nichts Besseres zu tun, als jedes Zimmer in unserem Haus vom Dachboden bis zum Keller auf den Kopf zu stellen und neu dekorieren zu lassen, von der Fußbodenleiste bis zur Deckenleuchte. Ich nahm an, dass Todd gleichzeitig einer ihrer besten Freunde war.

Wobei ich mir nicht sicher war, ob ich das traurig fand.

„Das muss schwierig für Sie sein“, sagte er zögernd. Er wirkte immer noch peinlich berührt.

Ich nickte zerknirscht. Jetzt war es an der Zeit, zur Sache zu kommen. „Verstehen Sie, ich spreche wirklich nicht gern darüber“, behauptete ich, und auch das stimmte. „Die Sache ist nur die … Es ist für mich nicht einfach. Zu Hause und in der Schule auch nicht.“

Er machte eine Pause. „Es tut mir wirklich leid, von Ihren Schwierigkeiten zu Hause zu hören. Aber ich verstehe immer noch nicht, was das mit der Schule zu tun hat.“

Warum begriff er es nicht und ließ es einfach auf sich beruhen?

Ich quälte mich und wusste nicht, was ich sonst noch sagen sollte, wie ich es am besten verpacken sollte, damit es irgendeinen Sinn ergab. „Nun, wie würden Sie es finden, wenn die beiden Leute, die Sie am meisten hassten, sich gegen Sie verschwören, für Ihre Zukunft entscheidend sind und das zum eigenen Vorteil ausnutzen?“ Ich war selbst überrascht darüber, wie gut mir der gekränkte Tonfall gelang.

Aber Mr Ransic hatte bereits sowohl die Fassung als auch die Geduld verloren. „Miss Duke, ich verstehe immer noch nicht, worüber Sie reden, und die Sache ist …“

„Ich rede über meine Stiefmutter und Mr Ezhno und ihre kleinen privaten ‚Rendezvous‘.“ Beim letzten Wort hob ich die Stimme. Mir war bis eben selbst nicht klar gewesen, wie sehr ich mich jedes Mal über diese Treffen aufgeregt hatte. All diese sinn- und hirnlosen Eltern-Lehrer-Gespräche, nach denen Meredith jedes Mal euphorisch zu mir kam und behauptete, was für ein „netter Mann“ Mr Ezhno doch wäre und dass sie beide doch nur das Beste für mich und meine Zukunft wollten, damit mir mein Benehmen auf dem College nicht zum Verhängnis würde …

„Ich meine, warum soll ich darunter leiden, wenn mein Lehrer sich ständig mit meiner Stiefmutter trifft oder umgekehrt – und versucht, sie oder sonst wen zu beeindrucken, indem er mit ihr Pläne für meine Zukunft schmiedet?“ Jetzt schnaufte ich regelrecht vor Empörung.

„Willst du damit sagen, dass …?“

„Ich habe von Anfang an gesagt, dass es persönlich ist“, presste ich hervor. „Nicht schulisch. Nicht akademisch, sondern privat!“

Jetzt hatte es ihm eindeutig die Sprache verschlagen. Dem Himmel sei Dank! Es wurde auch langsam Zeit, dass er seine Nase wieder in andere Angelegenheiten als meine steckte. Egal, worum es hier ging und ob ich mir das alles nur ausgedacht hatte.

Als er endlich so aussah, als hätte er eine annähernde Vorstellung davon bekommen, dass Mr Ezhno und Meredith etwas Persönliches gegen mich hatten und ich nun wirklich eher Hilfe als Bestrafung brauchte, murmelte er etwas darüber, wie beschäftigt er doch sei, und über dringende nächste Termine. Er stand auf, öffnete erst das Fenster und dann die Tür. Auf seiner Stirn glänzten Schweißperlen.

Ich schritt hinaus, endlich frei – und ohne bestraft worden zu sein.

Zwei Stunden später traf ich Michelle im Umkleideraum. Sie war eine meiner beiden besten Freundinnen. Unsere Spinde lagen direkt nebeneinander, dadurch konnte ich meinen Ärger bei ihr als Erstes abladen.

„Ich war heute höchstens dreißig Sekunden zu spät. Und ich war nicht einmal schuld daran! Sondern seine geliebte Meredith!“

„Ja, das ist wirklich schlimm.“ Michelle zog sich die Sportshorts an. Sie hatte sie seit dem ersten Semester, und sie passten ihr nun wirklich nicht mehr.

„Weißt du was, Michelle, du solltest dir dieses Jahr wirklich neue Shorts kaufen. Deine sitzen echt ein bisschen knapp an den Hüften. Ich glaube, sie bestellen dir sogar neue, wenn deine Größe nicht vorrätig ist.“

Ich zog meine an, bei denen ich gezwungen gewesen war, sie zwei Nummern zu groß zu kaufen, nachdem mir die letzte zu klein geworden war. Zu dem Zeitpunkt hatte ich noch nicht gewusst, dass man sie einfach bestellen konnte. Und mein Vater hatte nur gesagt, jetzt müsse ich eben mit dieser klarkommen (das war seine typische Antwort auf meine Beschwerden – es nervte mich wirklich, dass er sich permanent nicht zuständig fühlte). Und Meredith hatte in ihrer mich auf die Palme bringenden zuckersüßen Art gesagt, dass ich ja vielleicht noch hineinwüchse. Klar, als ob ich jemals freiwillig zwei Nummern zunehmen wollte!

Die Hose rutschte mir ständig runter, was nun wirklich peinlich war. „Meine dagegen ist zu groß“, sagte ich und zog demonstrativ am Taillenband. Durch das eine Hosenbein konnte ich auf meine Sportschuhe sehen.

„Also, was ist passiert, als du zu spät gekommen bist?“, fragte Michelle ungewöhnlich scharf.

„Im Prinzip hat er mich ins Büro geschickt. Mit einem blöden Zettel, auf dem stand, was für eine Landplage und Bedrohung des Schulfriedens ich doch wäre. Würg! Und dann noch, dass ich angeblich immer die anderen Schüler vom Unterricht abhalte, die alle versuchten aufzupassen.“

Ich hatte erwartet, dass Michelle erschüttert auf meinen Bericht reagierte, aber sie nestelte nur nervös an der Kordel ihrer Shorts herum.

Also fuhr ich fort: „Es war einfach zu dämlich. Dann musste ich im Wartezimmer hocken, bis ich dran war, zusammen mit drei öden Winchester Preps, auf die ich nun wahrlich nicht scharf bin.“ Wieder sah ich Michelle erwartungsvoll an.

Sie versuchte, ihr Hüftband fester zusammenzuziehen.

„Sag mal, Michelle, hörst du mir überhaupt zu?

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