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Zum zweiten Mal für immer

1. KAPITEL

„Entschuldigen Sie bitte – wo muss ich diesen Anmeldebogen unterschreiben?“

Renae Sanchez, Sprechstundenhilfe in der Augenarztpraxis von Dr. Sternberg, griff nach einem Stapel Klemmbretter mit den Anmeldeformularen. Mit einem geschäftstüchtigen Lächeln drehte sie sich zu dem Patienten um, der gefragt hatte.

Im selben Moment landeten die Klemmbretter laut krachend auf dem Boden. Einige der Patienten im Wartezimmer zuckten auf ihren Stühlen zusammen. Renae warf ihnen einen zerknirschten Blick zu, ehe sie die Bretter aufsammelte. Dann riss sie sich zusammen, trat an den Schalter und sah dem Mann aus ihrer Vergangenheit ins Gesicht.

Bis auf die leicht ergrauten Schläfen seines säuberlich geschnittenen kaffeebraunen Haares sah Evan Daugherty noch genauso aus wie vor sieben Jahren, als sie zum letzten Mal miteinander gesprochen hatten. Er war einer der Sargträger bei der Beerdigung ihres Mannes gewesen.

Der Mittdreißiger hatte das gebräunte Gesicht eines Mannes, der vorwiegend an der frischen Luft arbeitete. Die kleinen Lachfältchen, die sich in seine Augenwinkel gegraben hatten, gaben ihm einen jungenhaften Charme.

Bei ihrem letzten Zusammentreffen hatte er Tränen in den dunkelbraunen Augen gehabt. Sein Lächeln erstarb auch jetzt, als er sie länger anschaute.

Sie hatte ihn sofort erkannt. Er jedoch schien eine Weile länger zu benötigen, um sie zuzuordnen. Hatte sie sich in den vergangenen sieben Jahren so sehr verändert? Sie war sechsundzwanzig gewesen und im sechsten Monat schwanger mit den Zwillingen. Bei ihrem Abschied hatte sie alles nur wie durch eine Nebelwand wahrgenommen. Jetzt weckte sein Anblick in ihr sofort schmerzliche Erinnerungen. Gleichzeitig begann ihr Puls schneller zu schlagen.

Sie versuchte, sich ihre Gefühle nicht anmerken zu lassen, während sie die Klemmbretter auf dem Tresen ablegte. „Guten Tag, Evan.“

Taktvoll, wie er war, schaute er nur auf die Klemmbretter, ohne auf ihr Missgeschick einzugehen, das er durch sein unerwartetes Auftauchen verursacht hatte. „Renae. Das ist aber eine Überraschung!“

„Für mich auch“, antwortete sie. „Ich habe deinen Namen gar nicht auf der Warteliste gesehen.“

Normalerweise nahm sie die Patienten nicht selbst in Empfang, aber wie der Zufall es wollte, machte ihre Kollegin Lisa gerade Mittagspause, und Cathy telefonierte.

„Du siehst gut aus.“ Seine Stimme klang belegt. Offensichtlich fühlte er sich genauso unbehaglich wie sie.

Oder redete sie sich das nur ein? Vielleicht hatte er diesen leidenschaftlichen Kuss längst vergessen, von dem sie manchmal noch träumte und an den sie mitunter sogar tagsüber dachte. Und das nun schon zehn Jahre lang!

Noch immer schauten die Patienten neugierig zu ihr herüber. Sie bemühte sich um einen professionell-höflichen Ton und versuchte, ihre Nervosität zu ignorieren. „Was kann ich für dich tun, Evan?“

„Ich habe einen Termin bei Dr. Sternberg. Warte … hier ist meine Versicherungsnummer.“

Er schob ihr eine Karte zu. Glücklicherweise zitterte ihre Hand nicht, als sie nach der Karte griff und ihm ein Anmeldeformular reichte. „Ich mache eine Kopie für die Patientenkartei. Setz dich doch so lange hin und füll das Formular aus. Das benötigen wir von allen, die zum ersten Mal hier sind. Dr. Sternberg wird gleich für dich da sein.“

Er zögerte kurz, ehe er fragte: „Wie geht es den Zwillingen?“

„Gut, danke. Sie schießen wie Unkraut in die Höhe.“ Was für ein blödes Klischee! Noch ehe sie den Satz beendet hatte, wurde sie sichtlich verlegen.

„Entschuldige, Renae. Ein Gespräch für dich auf Leitung drei.“

Dankbar für die Unterbrechung drehte sie sich um. „Danke, Cathy. Könntest du inzwischen Mr Daughertys Versicherungskarte kopieren?“

„Natürlich.“

Mit dem Kopf deutete Renae in Evans Richtung, während sie zum Telefon griff.

Kaum hatte sie das Gespräch beendet, eilte sie auf die Toilette, wo sie sich am liebsten kaltes Wasser ins Gesicht gespritzt hätte. Dann hätte sie allerdings ihr Make-up abgewaschen, das sie am Morgen, nachdem sie in einen lavendelfarbenen Pullover und graue Hosen geschlüpft war, hastig aufgetragen hatte. Deshalb lehnte sie sich nur an die Wand und versuchte, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Bis vor fünfzehn Minuten war es ein Tag wie jeder andere gewesen. Jetzt, nachdem Evan Daugherty aufgetaucht war, hatte sie das Gefühl, das Schicksal wolle ihr eins auswischen.

Wie immer hatte ihr Arbeitstag hektisch begonnen, kaum dass um sechs Uhr der Wecker schrillte. Die Zwillinge tobten durchs Haus, auf der Suche nach ihren Schuhen und Schultaschen, und maulten über das gesunde Frühstück, das sie ihnen eingepackt hatte. In letzter Minute fiel ihnen ein, dass sie ihr Lieblingstier mitbringen sollten, weil heute in der ersten Klasse der „Tag der Tiere“ begangen wurde. Da sie sich für kein Stofftier entscheiden konnten, sah Renae sich gezwungen, ein Machtwort zu sprechen, damit sie nicht zu spät kamen. Prompt reagierte Lucy, Renaes Schwiegermutter, die bei ihr wohnte, empört, weil Renae ihre vergötterten Enkel ausschimpfte.

Nachdem Renae die Zwillinge endlich in der Schule abgeliefert hatte und auf der Arbeit eingetroffen war, empfand sie das dort herrschende übliche Chaos fast als Wohltat.

Als Sprechstundenhilfe hatte sie nicht nur tagtäglich alle Hände voll zu tun, sondern musste sich überdies noch um die beiden anderen Arzthelferinnen Cathy und Lisa kümmern. Darüber hinaus führte sie Telefongespräche, kümmerte sich um Versicherungsfragen, kontrollierte den Terminplan und sorgte dafür, dass für Patienten, die kurzfristig absagten, andere kommen konnten. Kurzum, sie war verantwortlich für den reibungslosen Praxisbetrieb und sehr stolz darauf, dass es kaum Probleme gab. Ann Boshears und Gary Sternberg, das Augenarzt-Ehepaar, das vor einem Jahr in Little Rock eine Praxis eröffnet hatte, wusste ihre Arbeit sehr zu schätzen. Renae hatte sich auf eine Zeitungsannonce bei ihnen beworben, weil sie die eintönige Büroarbeit in einer anderen Praxis nicht mehr ausgefüllt hatte.

Auch mit den Kolleginnen kam Renae sehr gut zurecht. So sehr sie ihre Kinder und Schwiegermutter auch liebte, genoss sie es, ein paar Stunden von zu Hause fort zu sein. Sie brauchte diesen Kontakt mit anderen Menschen, brauchte das Gefühl, dass sie kompetent, intelligent und eine selbstständige Frau war.

Doch das unerwartete Wiedersehen mit Evan Daugherty warf sie vollkommen aus der Bahn. Das emotionale Chaos war genauso groß wie vor zehn Jahren, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Verärgert über sich selbst holte sie tief Luft und betrachtete sich im Spiegel. Hoffentlich hatte niemand etwas von dem Gefühlsaufruhr mitbekommen, den Evans Anblick in ihr ausgelöst hatte. Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. Höchste Zeit, wieder an die Arbeit zu gehen.

Eigentlich hatte sie damit rechnen müssen, dass Evan ihr früher oder später wieder einmal über den Weg lief. Schließlich wohnten sie in derselben Gegend von Little Rock. Dank seiner Weihnachtsgrüße, die er regelmäßig verschickte, wusste sie, dass er vor drei Jahren nach seinem Armeedienst wieder zurückgekommen war. Kurz nach seiner Rückkehr hatte er mit Tate Price, einem alten Freund aus Collegezeiten, eine Firma für Landschafts- und Gartenprojekte gegründet. Tate hatte Renaes Ehemann Jason ebenfalls gekannt. In seinem Namen hatten Tate und Evan vor Kurzem eine Stiftung ins Leben gerufen. Es war zwar eine sehr nette Geste, hatte jedoch bei ihr alte Wunden aufgerissen.

Entschlossen straffte sie die Schultern und verließ den Waschraum. Zu ihrer grenzenlosen Erleichterung saß Evan nicht mehr im Wartezimmer. Wahrscheinlich untersuchte Dr. Sternberg ihn bereits. Hoffentlich kam Lisa bald aus der Mittagspause zurück, damit Renae verschwinden konnte, bevor Evan das Sprechzimmer verließ. Es war zwar feige, aber sie wollte ihm heute nicht noch einmal unter die Augen treten.

Leider war das Glück nicht auf ihrer Seite. Evan tauchte auf, als sie Cathy gerade einen Aktenordner übergab.

„Ich mache jetzt Mittagspause“, erklärte sie hastig. „Cathy kümmert sich um deine Rechnung.“ Ihr Lächeln wirkte ein wenig gezwungen. „Es war schön, dich wiederzusehen, Evan.“

Distanziert und beherrscht. Genauso, wie sie es sich vorgenommen hatte. Im Stillen gratulierte sie sich.

„Ich fand’s auch schön, dich wiederzusehen.“ Er warf ihrer Kollegin einen Blick zu, ehe er fortfuhr: „Ich wollte ohnehin wegen des Stipendiums mit dir sprechen. Vielleicht könnten wir zusammen essen gehen und das ein oder andere bereden.“

Cathy räusperte sich vernehmlich und schaute Renae aufmunternd an. Offenbar war sie der Meinung, dass sie sein Angebot annehmen sollte. Kein Wunder – Cathy versuchte schließlich andauernd, sie mit irgendjemandem zu verkuppeln. Der gutaussehende Evan war in ihren Augen bestimmt eine attraktive Alternative. Wäre da bloß nicht die tragische Vergangenheit gewesen, die sie miteinander verband – Renae hätte wahrscheinlich genauso gedacht.

„Tut mir leid, Evan, aber ich habe schon eine Verabredung“, log sie. Der Gedanke, ihm in einem Restaurant gegenüberzusitzen, machte sie ausgesprochen nervös. Da sie jedoch an dem Stipendium interessiert war, notierte sie ihre Telefonnummer auf einen Zettel, den sie ihm reichte. „Ruf mich doch mal abends an. Ich würde gerne mit dir darüber reden.“

Am Telefon würde sie sich problemlos mit Evan unterhalten können, sagte sie sich. Wenn sie ihm ins Gesicht schaute, waren die Erinnerungen einfach zu schmerzlich. Und die Gefahr, dass ihr ein peinlicher Vorfall wie den mit den Klemmbrettern noch einmal passierte, bestand ebenfalls nicht.

Wenn ihn ihre Antwort enttäuschte, so ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken, als er den Zettel zusammenfaltete und in die Brusttasche seines marineblauen Hemds steckte, das er zu seinen makellos gebügelten khakifarbenen Hosen trug. „Ich melde mich.“

Sie nickte und ignorierte Cathys missbilligendes Stirnrunzeln. Stattdessen drehte sie sich auf dem Absatz um und verschwand.

Das Restaurant lag einige Häuserblocks entfernt. Sie setzte sich an einen Tisch und vergrub das Gesicht in den Händen. Erst jetzt ließ sie ihren Erinnerungen freien Lauf.

Sechs Stunden später saß Evan in seinem Wohnzimmer und starrte trübselig auf die Skyline von Little Rock auf der anderen Seite des Arkansas Rivers. Er wohnte im Norden der Stadt und fuhr jeden Morgen über die Broadway Bridge zum „Price-Daugherty-Landschaftsbüro“, das er mit seinem Freund Tate Price gegründet hatte. Dies hier war sein Lieblingsplatz: Von hier aus hatte er einen überwältigenden Blick über die ganze Stadt.

Von Anfang an hatte er gewusst, dass Renae Ingle Sanchez auf der anderen Seite des Flusses wohnte. Bisher hatte er sich noch nicht getraut, persönlich mit ihr in Kontakt zu treten, sondern nur per Post mit ihr kommuniziert. Seit sechs Jahren schickte er ihr regelmäßig Weihnachtsgrüße und zuletzt auch Informationen über das Stipendium, das er mit seinem Partner im Gedenken an ihren verstorbenen Mann ins Leben gerufen hatte. Dabei hatte er sich immer schon gefragt, wann sie einander über den Weg laufen würden. Früher oder später musste es geschehen. Dennoch konnte er immer noch nicht fassen, dass es tatsächlich passiert war.

Nach dem Vorfall mit den Klemmbrettern zu urteilen, war sie genauso perplex gewesen wie er. Oder hatte diese Ungeschicklichkeit gar nichts mit ihm zu tun?

Wie oft hatte er in den vergangenen Monaten daran gedacht, sie anzurufen oder sich mit ihr zu verabreden? Viel zu oft. Irgendetwas hatte ihn immer zurückgehalten. Eine Art Schuldgefühl vielleicht? Und natürlich die Frage, wie sie wohl reagieren würde, wenn sie von ihm hörte. Immerhin hatte Renaes Schwiegermutter ihm damals unverblümt die Schuld an Jasons Tod gegeben. Renae hatte ihr zwar nicht zugestimmt, aber sie hatte ihr auch nicht widersprochen.

Weil sie ihre Schwiegermutter nicht noch mehr aufregen wollte? Oder war sie, wenn auch nur unbewusst, der Ansicht, dass Evan seinen Anteil an der Tragödie hatte? Ihr Schweigen hatte ihn verletzt. Er hatte sich einzureden versucht, dass sie viel zu sehr mit ihrem eigenen Leid beschäftigt war, um klar denken zu können. Er konnte ihr ebenso wenig böse sein wie – inzwischen auch – ihrer untröstlichen Schwiegermutter.

Inzwischen hatten sich andere Gefühle in seine Erinnerungen an Renae geschlichen. Darüber wollte er im Moment jedoch lieber nicht nachdenken. Stattdessen konzentrierte er sich auf ihr unerwartetes Wiedersehen.

Sie hatte sich verändert. Im ersten Moment hatte er sie gar nicht wiedererkannt. Aber als sie ihm über den Tresen direkt ins Gesicht sah, waren seine Zweifel wie weggeblasen.

Ihre Begrüßung war höflich, doch nicht besonders herzlich gewesen. Kein Wunder! Dafür war zu viel zwischen ihnen geschehen, als dass sie unbekümmert miteinander hätten umgehen können. Ganz zu schweigen davon, dass sie sich in aller Öffentlichkeit unversehens gegenübergestanden hatten. War ihr das Treffen bloß unangenehm, oder hatte es alte Wunden aufgerissen? Wer weiß …

Als sie Anfang zwanzig war, hatte er sie sehr attraktiv gefunden – zu attraktiv angesichts der Tatsache, dass sie zunächst die Freundin und dann die Frau seines bestens Freundes gewesen war. Jetzt, mit Anfang dreißig, war sie sogar noch hübscher. Damals hatte sie ihr langes wallendes Haar hellblond gefärbt; inzwischen trug sie es kurz geschnitten und war zu ihrem natürlichen, dunkleren Blond zurückgekehrt. Ohne den schwarzen Lidschatten, den sie vor Jahren bevorzugt hatte, wirkten ihre hellblauen wachen Augen größer und sanfter. Möglicherweise hatte sie ein wenig zugenommen, doch ihre sanften Kurven standen ihr sehr gut. Aus dem mädchenhaften Wesen war eine anziehende Frau geworden.

Sie hatte nicht mehr geheiratet. Ob sie einen Freund hatte? Andererseits – hatte eine alleinerziehende Mutter von sechseinhalbjährigen Zwillingen mit einer Vollzeitstelle überhaupt Zeit auszugehen? Nicht, dass es ihn etwas anging. Das hatte sie ihm, als er sie vor Jahren in einem unbedachten Augenblick gefragt hatte, unmissverständlich zu verstehen gegeben.

Es war nicht das erste Mal gewesen, dass sie sich im Streit getrennt hatten. Als sie noch mit Jason verlobt war, hatten sie und Evan sich zu einem leidenschaftlichen Kuss hinreißen lassen. Etwas Alkohol war wohl auch im Spiel gewesen. Obwohl sie es nie wieder getan hatten, war die gegenseitige Anziehungskraft seit jenem Abend geblieben. Jedes Mal, wenn sie sich nach diesem Vorfall trafen, hatte es zwischen ihnen geknistert.

Ob sie sich manchmal auch noch fragte, wie die Sache wohl ausgegangen wäre, wenn er sich in jener Situation anders verhalten hätte?

Kopfschüttelnd, als könnte er damit die Erinnerungen aus seinem Gedächtnis vertreiben, stand er auf. Es gab noch einiges zu tun. Er würde Renae anrufen – aber nur, um mit ihr über das Stipendium zu sprechen. Die Vergangenheit war vorbei – endgültig. Beide führten ein neues Leben, hatten Verantwortung. Es war zu spät, um verpassten Gelegenheiten nachzutrauern.

Er musste es sich nur immer wieder einreden – jedes Mal, wenn ihn die Erinnerungen zu überwältigen drohten, von denen er geglaubt hatte, er habe sie auf immer und ewig beerdigt.

„Mom, Daniel füttert Boomer wieder beim Essen.“

„Tu ich nicht.“ Hastig legte Daniel beide Hände auf den Tisch und bemühte sich, so unschuldig wie möglich auszusehen.

Renae schaute auf den braun-weiß gefleckten Hund, der emsig kauend unter dem Stuhl ihres Sohnes saß. „Lüg mich nicht an, Daniel. Und fütter den Hund nicht bei Tisch. Sonst muss er in den Garten, wenn wir essen.“

Daniel seufzte theatralisch. Das dunkle Haar fiel ihm in die Stirn. Renae nahm sich vor, am Samstag mit ihm zum Friseur zu gehen. Sie hätte natürlich auch Lucy bitten können, die an jedem Tag in der Woche Zeit hatte, aber Lucy bestand immer auf einem kürzeren Haarschnitt, der Daniel jetzt, wo er in die erste Klasse ging, überhaupt nicht mehr gefiel. Renae wollte keine unnötigen Diskussionen provozieren. Daniel war alt genug, um selbst zu bestimmen, was er anzog und wie seine Frisur aussah – natürlich innerhalb gewisser Grenzen.

„Hunter hat heute wieder Probleme in der Schule gehabt“, verkündete Leslie. Sie liebte es, beim Essen über ihre Schulkameraden zu klatschen. „Er wollte lieber mit seinen Farbstiften spielen, als die Rechenaufgabe zu lösen. Miss Rice hat ihm die Stifte abgenommen, und da ist er ausgerastet.“

„Hunter sollte besser auf seine Lehrerin hören.“ Missbilligend schüttelte Lucy ihren grauhaarigen Kopf. „Ich hoffe nur, dass ihr euch während des Unterrichts benehmt.“

„Natürlich, Ma’am!“, riefen beide wie aus einem Mund.

Renae hatte darauf bestanden, dass ihre Kinder in verschiedene Klassen gingen. Sie verstanden sich zwar ausgezeichnet – und da­rüber war sie heilfroh –, aber sie war der Meinung, dass jeder von ihnen einen eigenen Freundeskreis haben und nicht nur als „der andere Zwilling“ wahrgenommen werden sollte.

„Du isst ja kaum etwas“, bemerkte Lucy mit einem Blick auf Renaes Teller, den sie kaum angerührt hatte. Für ihre neunundfünfzig Jahre, von denen sie fast zwei Jahrzehnte verwitwet war, hatte sie ausgesprochen altmodische Ansichten. Trotz Renaes Kritik kleidete sie sich wie eine biedere Hausfrau, unternahm nichts, um ihren etwas plumpen Körper in Form zu halten, und widersetzte sich allen Versuchen Renaes, sie zu irgendwelchen Hobbys zu überreden. Sie gab sich damit zufrieden, für ihre Schwiegertochter den Haushalt zu machen, sich um die Enkelkinder zu kümmern und ihren zahlreichen kirchlichen Aktivitäten nachzugehen, während die Kinder in der Schule waren. „Fühlst du dich nicht wohl? Schmeckt es dir nicht?“

„Das Essen ist köstlich, wie immer, Lucy.“ Renae aß ein winziges Stück Fleisch, wie um ihre Worte zu bestätigen, und spülte ihn mit einem Schluck Pfirsicheistee hinunter. „Ich habe erst spät Mittagspause gemacht. Deshalb bin ich gar nicht hungrig.“

Lucy zog die Augenbrauen hoch. „Hast du nicht gesagt, du hättest nur ein Truthahnsandwich und ein paar Karotten gegessen? Da musst du doch Hunger haben.“ Obwohl Lucy sich nicht um die Brote kümmerte – Renae bestand darauf, Pausenbrote für sich und die Kinder selbst zu machen, um das Gefühl zu haben, nicht den kompletten Haushalt ihrer Schwiegermutter zu überlassen –, achtete sie mit Argusaugen darauf, was Renae in die Butterbrotdosen legte.

Sie verschwieg Lucy, dass ihr Sandwich noch in der Praxis im Kühlschrank lag, nachdem sie Hals über Kopf in die Mittagspause gegangen war. Sie hatte ihr auch noch nichts von dem Treffen erzählt. Vielleicht würde sie es tun, wenn die Zwillinge im Bett lagen. Auf keinen Fall wollte sie ihre Schwiegermutter aufregen. Nach all den Jahren reagierte sie noch immer gereizt, wenn Evans Name fiel.

Unruhig rutschte Daniel auf seinem Stuhl hin und her. Schwanzwedelnd und erwartungsvoll blickte Boomer zu ihm hoch. „Ich bin fertig mit meinem Essen – darf ich jetzt spielen gehen?“

„Es gibt noch Nachtisch“, erinnerte seine Großmutter ihn. „Obsttörtchen.“

Unentschlossen schaute Daniel zwischen Boomer und der Küche hin und her. „Kann ich den Nachtisch nicht später essen? Ich bin nämlich satt.“

„Dann spiel eine Stunde und iss den Nachtisch nach dem Baden“, willigte Renae ein. „Was ist mit dir, Leslie? Willst du ihn jetzt oder später essen?“

„Später“, entschied sich Leslie. „Wir wollen Boomer beibringen, wie man Bälle holt.“

„Na dann viel Glück!“, rief Lucy den Kindern lachend hinterher, als die ihr Geschirr vorsichtig in die Küche trugen, gefolgt von dem unternehmungslustigen Hund. Noch durften sie ihre Teller in der Spüle stehenlassen, aber wenn sie ein wenig älter waren, würden sie sie abwaschen und in den Geschirrspüler stecken müssen. Zu gegebener Zeit wollte Renae es ihnen beibringen. Sie hielt es nämlich für wichtig, dass jeder im Haushalt seine kleinen Aufgaben übernahm.

„Geht es dir wirklich gut?“, wandte Lucy sich erneut an Renae. So schnell gab sie nämlich nicht auf. „Irgendwie bist du heute Abend anders als sonst.“

Jetzt, wo die Kinder nicht im Zimmer waren, gab es keinen Grund mehr, mit den Neuigkeiten hinterm Berg zu halten. „Ich muss dir etwas sagen. Heute ist ein neuer Patient in die Praxis gekommen. Es ist jemand, den wir kennen.“

„Ach ja?“ Lucy legte Messer und Gabel auf den Teller und faltete die Serviette. „Wer denn?“

„Evan Daugherty.“

Fast konnte sie die Kälte spüren, die sich nach ihrer Antwort im Zimmer ausbreitete. Lucy erstarrte, und ihr Blick wurde hart. „Evan Daugherty war heute in deiner Praxis?“

„Ja. Er hatte einen Termin bei Dr. Sternberg.“

Lucy bewegte keinen Muskel. „Warum belästigt er dich? Was will er von dir?“

„Lucy, sein Besuch hatte nichts mit mir zu tun. Er wusste nicht einmal, dass ich für Dr Sternberg arbeite.“

Lucy blieb skeptisch. „Hat er versucht, mit dir zu reden?“

„Nur das Übliche. Er hat sich nach den Zwillingen erkundigt.“

„Die gehen ihn überhaupt nichts an.“

„Er wollte nur höflich sein. Schließlich waren noch andere Leute anwesend.“

„Kommt er noch mal?“

„Keine Ahnung. Wenn er einen weiteren Termin gemacht hat, dann nicht bei mir.“

Lucy schüttelte den Kopf. „Ich hoffe, er hält sich fern. Dieser Mann ist nicht gut für dich.“

Renae nahm einen Schluck Tee und wappnete sich für die Reaktion, die ihr nächster Satz auslösen würde. „Ich habe ihm meine Nummer gegeben. Er will mich irgendwann anrufen und über das Stipendium reden, das er und Tate in Erinnerung an Jason ins Leben gerufen haben.“

Wie erwartet blickte Lucy missbilligend. „Du hast ihm deine Telefonnummer gegeben? Wahrscheinlich hat er dich dazu gedrängt. Er versteht es gut, Leute zu überreden.“

„Er hat mich nicht gedrängt. Er hat nur gesagt, dass er mit mir über die Stiftung sprechen will. Ich habe ihm meine Nummer gegeben, weil ich der Ansicht bin, dass es eine ehrenwerte Sache ist. So einfach ist das.“

Selbst das Stipendium in Andenken an ihren verstorbenen Sohn konnte Lucy nicht besänftigen. „Lass dich bloß nicht mit ihm ein, Renae. Evan Daugherty schafft nur Probleme. So war er schon als Junge. Er hat meinen Jason immer in Schwierigkeiten gebracht. Er hat ihn doch auch zu diesen Motorradtouren überredet, als er sich eigentlich zu Hause mit dir um die Babys kümmern sollte.“

Ihre Stimme zitterte, als sie ihren Satz beendete. Lucy machte vor allem Evan dafür verantwortlich, dass Jason das Motorrad überhaupt erworben hatte. Evan hatte sich ein gebrauchtes besorgt, um zum College zu fahren, und Jason hatte beschlossen, sich auch eines zuzulegen. Evan hatte ihm dabei geholfen, ein Schnäppchen zu finden. Seitdem stand es für Lucy fest, dass Evan ihren Sohn dazu überredet hatte, sich eine solch gefährliche Maschine zu beschaffen.

Renae brachte es nicht übers Herz, Lucy daran zu erinnern, dass Jason derjenige gewesen war, der sich nicht von dieser letzten Tour hatte abbringen lassen. Am Wochenende wollte er wieder zu Hause sein und sich mit Renae um die Einrichtung des Kinderzimmers kümmern. Wenn die Kinder erst einmal geboren seien, hatte er argumentiert, hätte er ohnehin keine Zeit mehr für solche Ausflüge. Renae hatte klein beigegeben – wie so oft, wenn sie mit Jason diskutiert hatte. Natürlich konnte niemand ahnen, dass er nicht mehr zurückkehren würde – getötet von einem Auto, dessen Fahrer die Vorfahrt nicht beachtet hatte und mit Höchstgeschwindigkeit aus der Nebenstraße geschossen war.

Renae war dankbar, dass sie sich trotz der Auseinandersetzung mit einem Kuss von Jason verabschiedet und er sie nicht im Streit verlassen hatte.

„Diese Stiftung ist mir wichtig, Lucy.“ Sie versuchte, ebenso freundlich wie entschlossen zu klingen. „Das Jason-Sanchez-Stipendium unterstützt junge Männer, die sonst nicht die Möglichkeit hätten, aufs College zu gehen. Du weißt, dass Jason das sehr viel bedeutet hätte.“

Jason war damals Geschichtslehrer an einer Highschool gewesen.

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