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Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitat
  8. 1. Kapitel
  9. 2. Kapitel
  10. 3. Kapitel
  11. 4. Kapitel
  12. 5. Kapitel
  13. 6. Kapitel
  14. 7. Kapitel
  15. 8. Kapitel
  16. 9. Kapitel
  17. 10. Kapitel
  18. 11. Kapitel
  19. 12. Kapitel
  20. 13. Kapitel
  21. 14. Kapitel
  22. 15. Kapitel
  23. 16. Kapitel
  24. 17. Kapitel
  25. 18. Kapitel
  26. 19. Kapitel
  27. 20. Kapitel
  28. Danksagung

Über die Autorin

Henrike Heiland, geboren 1975, studierte Neuere Englische Literatur in Gießen und Durham und sammelte währenddessen Theatererfahrung als Schauspieldramaturgin und Opernregieassistentin. Nach ihrem Studium war sie als Drehbuchlektorin tätig und arbeitete dann als Redakteurin für internationale TV-Koproduktionen bei KirchMedia. Heute lebt sie als freie Autorin in Berlin und schreibt u. a. für das ZDF.

When I’m not with you my dreams are so very dark

When I’m not with you I dream of my hair just falling out

When I’m not with you I walk dark tunnels of my heart

When I’m not with you everything just comes apart

(»It’s you«, P. J. Harvey)

1.

Die frische Brise, die landwärts von der Ostsee her wehte, schaffte es nicht, den Gestank des verbrannten Leichnams erträglicher zu machen.

»Durch den Mund atmen!«, rief ihnen ein Spurensicherer zu. Erik Kemper nickte nur.

Es war drei Uhr an einem Samstagmorgen im September, und der Fundort im Überseehafen Rostocks war mit starken Scheinwerfern ausgeleuchtet. Die Männer von der Kriminaltechnischen Untersuchung fotografierten noch und suchten die Gegend ab. Erik sah sich langsam um, vermied es aber, direkt auf das Opfer zu sehen.

»Was legt hier nachher ab?«, fragte er Micha Anders, der sich gerade mit einem der Hafenpolizisten unterhalten hatte.

»Nur Frachter, wir können gut absperren. Im Moment liegen auch nur diese beiden Schiffe hier, und die waren definitiv die ganze Zeit dicht. Da konnte niemand rauf, um sich zu verstecken. Ich denke, die können raus.«

In Eriks Kopf hämmerte es. Er hatte fast nicht geschlafen, und als er sich endlich zwang, zu dem Opfer hinüberzusehen, schaffte er es kaum, seinen Blick scharf zu stellen.

Die Leiche und der Boden darum herum in einem Radius von ungefähr zwei Metern waren mit weißem Feuerlöschpulver bedeckt. Unmöglich zu sagen, ob es sich einmal um einen Mann oder eine Frau gehandelt hatte. Wie es aussah, hatte das Feuer Kleidung, Haut, Haare und Fleisch fast vollständig aufgefressen. Das Opfer lag auf dem Rücken, die Arme, die Hände zusammengekrampft, ob vom Feuer oder vom Todeskampf, war unklar. Die verkohlten menschlichen Überreste waren mit dem asphaltierten Boden des Parkplatzes, der an einer der Anlegestellen des großen Überseehafens lag, fast verschmolzen. Im gleißenden Scheinwerferlicht sah Erik noch Dampf aufsteigen.

»Wo ist der Typ mit dem Feuerlöscher?«, fragte er dann und sah sich suchend um.

Micha deutete auf einen kahlköpfigen, leicht übergewichtigen Mann Ende vierzig in Flanellhemd und Jeans, der mithilfe eines Sanitäters versuchte, das Feuerlöschpulver von Körper und Kleidung zu entfernen.

»Hat die Windrichtung in der Aufregung nicht beachtet«, erklärte Micha. »Dieter Lindpointner heißt er. Österreicher.« Er sagte es in einem Tonfall, als würde die Herkunft des Mannes alles erklären.

»Seine Hose ist offen.«

Micha nickte und fuhr sich mit beiden Händen durch die kurzen blonden Haare. »Er hatte hier eine geschäftliche Verabredung mit einer Dame.«

»Ah ja?«

»Aus dem Blow Job ist dann aber nicht mehr so viel geworden. Sie hatte noch nicht richtig angefangen, als er das Feuer gesehen hat und losgerannt ist.«

»Dann hat sie ihren Job aber nicht sehr gut gemacht«, bemerkte Erik trocken und massierte mit einer Hand seinen Nacken. Die Kopfschmerzen blieben. »Und dieser Lindpointner, oder wie er heißt, hat gleich mit dem Feuerlöscher herumgefuchtelt? Was, wenn das Opfer noch gelebt hätte? An dem Zeug kann man ersticken!«

»Die Kollegen haben ihn blasen lassen …« Angesichts der ungewollten Zweideutigkeit musste Micha grinsen, riss sich aber sofort wieder zusammen, als er Eriks ernstes Gesicht sah. Er räusperte sich umständlich und fuhr fort: »Jedenfalls hatte er so viel Promille, dass es mit der Logik nicht mehr so weit her war.«

Erik schüttelte langsam den Kopf. »Hat er irgendwas gesehen? Vielleicht, wie jemand weggelaufen oder weggefahren ist? Wo ist die Frau?«

»Die Frau ist abgehauen. Er hat zwar versucht, sie zu beschreiben, aber es wird eine Weile dauern, bis wir sie gefunden haben, wenn wir sie überhaupt finden. Gesehen hat er nichts, nur das Feuer.«

Erik sah wieder zu dem Mann, der sein weiß gepudertes Gesicht in den Händen hielt und offenbar weinte. Der Sanitäter, gerade mal Anfang zwanzig, sah reichlich überfordert aus und klopfte dem Österreicher hilflos auf die Schulter.

»Scheiße, der Arme. Erst ein Coitus Interruptus, und dann das hier. Hoffentlich war die Kleine nicht zu teuer.« Micha lachte kurz über seinen eigenen Witz, verstummte dann aber wieder, als Erik nicht reagierte.

»Was ist mit den Autos? Irgendwie muss der Tote doch hergekommen sein«, wechselte Erik das Thema.

»Wir haben bisher kein Auto gefunden, aber die Taxifahrer werden noch angefragt. Das dauert allerdings.«

»Was ist mit anderen Truckern? Und die Kollegen von der Hafenpolizei haben doch ihr Büro keine hundert Meter von hier! Ist denn nachts keiner von denen da? War da vorne nicht auch so eine Art Kneipe? Oder hat die nur tagsüber auf? Und ein Duty-free-Shop? Irgendwas gab’s da doch immer!« Erik spürte, wie seine überreizten Nerven plötzlich mit ihm durchgingen. Hoffentlich merkte Micha nicht, dass er vor Erschöpfung zitterte.

»Hier hatte nichts mehr geöffnet. Außerdem hab ich schon alles veranlasst. Die Kollegen haben sich jeden vorgenommen, den sie finden konnten, und bis jetzt heißt es, dass niemand etwas gesehen hat. Bist du okay?«, fragte Micha seinen Chef leicht besorgt und verwundert.

»Ja, ja, ich hab nur schlecht geschlafen … Vergiss es. Sag mal, war nicht eigentlich Kai für das Wochenende eingeteilt?«, fiel ihm plötzlich ein. »Wo ist er?«

»Kai hat heute Geburtstag und wollte reinfeiern. Wir haben getauscht«, erklärte Micha.

Erik rieb sich mit unsicheren Händen die Augen und atmete tief durch. Seinen Fehler bemerkte er zu spät. Angewidert von dem Geruch verzog er das Gesicht. »Okay, lass uns gehen. Wir machen morgen weiter, die kommen hier auch ohne uns klar. Ruf die anderen an, das Wochenende ist gestrichen. Wir treffen uns gleich um … na, sagen wir acht, ich muss wenigstens noch mal zwei oder drei Stunden schlafen.«

Micha setzte gerade dazu an, etwas zu sagen, als einer der Spurensicherer zu ihnen herüberbrüllte.

»Wir haben ein Handy!«

»Wo kommt das denn plötzlich her?«, rief Erik zurück. Die zwei oder drei Stunden Schlaf konnte er jetzt streichen.

»Wäre fast ins Hafenbecken gefallen, ist aber auf einem Mauervorsprung gelandet.«

Erik ließ sich eine Taschenlampe geben und ging zu dem Geländer, das den Parkplatz zum Wasser abgrenzte.

»Hier?«, fragt er. Der Kollege nickte. Erik sah zurück zu dem Toten, dann wieder zu der Stelle, an der das Handy gelegen hatte. »Gab offenbar ein Handgemenge«, überlegte er laut. »Gehört wahrscheinlich dem Opfer.«

»Oder dem Täter?«, warf Micha ein.

»Vielleicht … Aber ich tippe auf das Opfer. Wenn der Täter genug Zeit hatte, einen Brand zu legen, hätte er doch auch nach seinem Handy gesucht.«

»Es war dunkel, er dachte, es sei ins Wasser gefallen.«

»Wir werden es bald wissen. Wenn wir Glück haben, kann uns der letzte Anrufer einige Fragen beantworten.« Erik zog sich Plastikhandschuhe über, nahm das Gerät vorsichtig in die Hand und klickte sich im Menü zu den Ruflisten durch. Micha schaute ihm neugierig über die Schulter.

»Hm, letzter ausgehender Anruf … war gegen elf. Ein anderes Handy. Mal sehen.« Erik probierte die Nummer und hielt das Telefon so, dass beide mithören konnten, doch es kam nur eine automatische Ansage: »… versuchen Sie es später noch einmal.«

»Na gut, dann nicht. Letzter angenommener Anruf … heute kurz nach Mitternacht. Ein Festnetzanschluss in Rostock.«

Er drückte auf die Verbindungstaste. Sie warteten auf das Freizeichen, und es klingelte fast zehnmal, bis sich endlich eine verschlafene Stimme meldete.

»Hallo?«, murmelte jemand undeutlich.

»Entschuldigung, wer ist denn da?«, fragte Erik.

»Hauser«, lallte es schlecht gelaunt in der Leitung. »Es is scheiße spät, verdammt, was soll das?«

»Hauser?«, wiederholte Erik verblüfft. »Kai, bist du das?«

Schlaf hatte er keinen mehr bekommen. Gleich würde er sich mit seinen Kollegen von der Mordkommission zusammensetzen und die Aufgaben für die nächsten Tage verteilen. Erik durchforstete seinen Schreibtisch nach Zigaretten. Er hatte sie zu Hause vergessen, als er zum Tatort gefahren war. Vielleicht ein Zeichen. Vielleicht sollte er endlich damit aufhören.

Micha war nicht an seinem Platz, ihn konnte er nach keiner fragen. Erik hatte nicht die leiseste Ahnung, wo sich der Kollege die meiste Zeit aufhielt, jedenfalls nicht in seinem Büro. Dennoch blieb seine Arbeit nie liegen. Eriks Theorie war, dass sich Micha an ruhigen Abenden und an den Wochenenden ins Büro setzte, um nachzuarbeiten, was zwischen Fußballgerede, Kaffeetrinken und Rauchen mit den Kollegen auf der Strecke geblieben war. Eine Vermeidungsstrategie. Micha mied so seine Freundin: Er machte Überstunden in der Hoffnung, sie würde seiner dadurch überdrüssig. Selbst Schluss zu machen, dazu fehlte ihm der Mumm, und vielleicht auch eine adäquate Nachfolgerin.

Erik sah auf die Uhr. Er hatte noch etwas Zeit. Was war schon dabei, einen Blick in Michas Schreibtisch zu werfen? Micha nahm sich auch ständig von seinen Kippen, ohne vorher zu fragen. Er wurde schnell fündig, zündete sich eine Zigarette an und sog gierig den Rauch ein. Was in den letzten Stunden passiert war, rechtfertigte diesen kleinen Diebstahl unter Kollegen, dachte er.

Sie hatten Kai sofort abgeholt und mit auf das Präsidium genommen. Kai war derart betrunken gewesen, dass er mit dem Telefonhörer in der Hand im Flur eingeschlafen war. So fanden sie ihn, als sie durch die nur angelehnte Tür sein Haus betraten. Als Micha und Erik ihn weckten, erschrak er kurz und freute sich dann über ihr Erscheinen bei seiner Party, um sofort wieder ins Reich der Träume hinüberzugleiten. Erst als Micha ihn unter die kalte Dusche stellte, kam er wieder zu sich und konnte sich offenbar nicht entscheiden, ob er es prima finden sollte, die beiden zu sehen, oder ob er es eher als schlechtes Zeichen zu werten hatte.

Erik hatte sich derweil im Haus umgesehen. Die Party war zwar nicht mehr in vollem Gange, aber es saßen noch ein paar Gäste – vier junge Männer und ein Mädchen, alle etwa Anfang zwanzig – bei Kerzenschein in der Küche und rauchten Joints.

Erik hatte die Personalien der fünf aufgenommen. Micha gesellte sich nun zu ihm und teilte ihm mit, dass sich Kai gerade umzog. Außerdem hatte Micha vom Badezimmerfenster im oberen Stockwerk aus gesehen, wie zwei Personen aus dem Haus gerannt und mit Fahrrädern weggefahren waren. Er hatte im fahlen Morgenlicht nur sehen können, dass es zwei Mädchen waren, die eine blond, die andere dunkelhaarig.

»Wer war das?«, fragte Erik in die Runde.

Einer der Jungs antwortete liebenswürdig: »Richtig liebe Mädchen, wirklich. Wahnsinnig nett …« Er nickte mit Nachdruck.

Erik verdrehte die Augen und überließ ihn Micha. Dann ging er nach oben, um Kai zu suchen.

Kai saß auf dem Badewannenrand und rubbelte sich die kurzen rotblonden Haare trocken. »Was ist denn bloß los?«, lamentierte er mit schwerer Zunge, als ihm dämmerte, dass Erik und Micha nicht zum Gratulieren vorbeigekommen waren.

»Lass uns in Ruhe im Büro darüber reden«, sagte Erik.

Kai ließ das Handtuch sinken und starrte seinen Chef an. »Was ist denn los?«, wiederholte er. »War die Musik zu laut? Oder hat jemand Pillen eingeworfen, scheiße, das ist es, stimmt’s? Dabei hab ich ihnen extra gesagt, nicht mit mir, Leute, hab ich gesagt, nicht in diesem Haus, ihr wisst ja, ich bin Polizist, also Finger weg. Ehrlich, Chef …« Kai sah plötzlich aus wie ein kleiner Junge, der mit seinem Fußball eine Fensterscheibe zertrümmert hatte.

»Wenn es bloß wegen der Gras rauchenden Witzbolde in deiner Küche wäre …«, begann Erik. »Nein, es geht um einen … äh … Todesfall.«

»Och Mensch, ich hab mir extra freigenommen und den Dienst getauscht, du kannst doch jetzt nicht im Ernst verlangen, dass ich mit zur Arbeit komme?«, protestierte Kai, der weit davon entfernt war, irgendetwas zu verstehen.

Also fasste Erik knapp das Wichtigste zusammen und packte Kai ins Auto, um mit ihm zur Kriminalpolizeiinspektion in der Blücherstraße zu fahren.

»Du musst doch wissen, wen du zwischen zwölf und halb eins angerufen hast«, drängte Erik, als von Kai immer nur verständnisloses Kopfschütteln kam. Sie saßen mittlerweile in Eriks Büro.

»Ich hatte ’ne Party, da hätte doch jeder das Telefon nehmen können … Außerdem haben wir alle um zwölf angestoßen! Ich hab heute Geburtstag«, fügte er leise anklagend hinzu und rieb sich die Stirn. Erik seufzte.

»Kai, bitte versuch dich zu konzentrieren. Hast du vielleicht jemanden gesehen, der von deinem Apparat aus telefoniert hat, oder hat dich jemand gefragt, ob er telefonieren kann?«

Kai schüttelte weiter einfach nur den Kopf. »Echt, keine Ahnung!«

»Du hast doch sicherlich Zeugen dafür, dass du die ganze Zeit auf deiner Party warst?«, fragte Erik eindringlich.

Kai wurde blass. Er griff nach dem Becher Wasser, den Erik ihm hingestellt hatte, und trank ihn in einem Zug aus. Dann rieb er sich mit beiden Händen das Gesicht, und endlich antwortete er: »Nein. Ich war nicht die ganze Zeit da. Ich war zwischendurch an der Tankstelle, um Nachschub zu besorgen.«

»Du bist in dem Zustand noch gefahren?«

Kai hob nur die Schultern.

»Na gut. Egal. Das kann ja nicht so lange gedauert haben an der Tankstelle. Deine Freundin kann dir bestimmt ein Alibi geben oder jemand von den anderen …« Erik verstummte, als er sah, dass Kai den Kopf schüttelte.

»Hör mal, Erik, ich hab immer noch nicht ganz kapiert, was eigentlich passiert ist und warum du mich das alles fragst. Ich weiß nur, dass ich keinen Scheiß gemacht hab. Außer besoffen zu fahren, ja, das war ziemlicher Mist. Es war kurz vor zwölf, wir wollten anstoßen, und Tanja hat angefangen rumzunerven, dass nicht mehr genug zu trinken da ist. Wir haben uns gestritten, sie hat mir Vorwürfe gemacht, ich sei zu dämlich, meine eigene Party in den Griff zu bekommen, und außerdem hätte ich lauter fremde Schlampen eingeladen. Ihre Worte, nicht meine.«

»Wen meinte sie damit?«

»Ach, ein paar Freundinnen von mir. Sie ist wahnsinnig eifersüchtig, das war wohl der wahre Grund, warum sie fünf Minuten vor meinem Geburtstag ausgetickt ist.« Er winkte ab. »Sie hat mir nicht mal gratuliert, ich hatte schlechte Laune und bin dann irgendwann nach zwölf los, um noch Getränke zu holen. Dann ist mir unterwegs schlecht geworden, ich musste anhalten und kotzen, und dann hab ich ein bisschen im Auto gedöst. Ich war bestimmt über eine Stunde unterwegs. Und als ich wieder zu Hause war, muss ich gleich irgendwo eingeschlafen sein.«

»So wie deine Gäste aussahen, sind sie eh keine zuverlässigen Zeugen«, brummte Erik. Kai hob nur die Schultern. »Wir brauchen jetzt als Erstes die Namen von allen, die bei dir waren. Irgendeiner muss ja das Telefon benutzt haben.« Erik hatte keinen Zweifel daran, dass Kai die Wahrheit sagte. Aber als Micha hereinkam und mit steinerner Miene auf seinen Platz zusteuerte, merkte Erik, wie sich sein Magen zusammenzog.

»Was gibt’s?«, fragte er den Kollegen. Micha setzte sich an seinen Tisch und rieb sich das Kinn.

»Wir haben einen Taxifahrer gefunden, der eine Fahrt zum Seehafen gemacht hat, und zwar gegen halb eins. Der Fahrgast war ein gewisser Dennis Scholz, wohnt in der Haedgestraße. Das Handy aus dem Hafen ist ebenfalls auf diese Person registriert. Ich hab eine Streife dort vorbeigeschickt, keiner macht auf, keiner geht ans Telefon, Durchsuchungsbeschluss ist beantragt. Scholz ist mehrfach vorbestraft wegen Körperverletzung und einiger Drogendelikte. Seit ungefähr einem Jahr ist er wieder auf Bewährung draußen, aber nicht mehr aufgefallen.«

»Dennis Scholz, kenn ich nicht«, murmelte Kai.

»Da warst du noch auf der Polizeischule, als der Ärger mit ihm losging. Es war ganz groß in der lokalen Presse. Na schön. Wir finden schon raus, wer angerufen hat. Die von der Tankstelle können bestimmt sagen, dass du da warst, und es gibt doch irgendwo einen Beleg«, sagte Erik zuversichtlich.

Kai schüttelte den Kopf. »Nein, ich war zwar da, aber dann hab ich gemerkt, dass ich gar kein Geld dabeihabe. Ich weiß noch, als ich zurückkam, war plötzlich wieder genug zu trinken da. Keine Ahnung, wo das herkam. Vielleicht war doch noch etwas im Keller gewesen, und jemand hat es geholt …«

»Kai«, unterbrach Micha plötzlich. »Der Taxifahrer hat gegen halb eins im Hafen einen dunklen 3er BMW gesehen, in dem jemand gewartet hat. Du hast einen dunkelblauen 3er BMW

»Aber den bin ich gar nicht gefahren!«

»Von deinem Haus in Hinrichsdorf ist es nicht weit zum Hafen. Vielleicht fünf Minuten, keine zehn«, überlegte Erik laut. Ihm wurde immer unwohler. »Wir müssen dringend alle deine Gäste befragen. Was du jetzt brauchst, ist ein Alibi.«

»Ich habe aber keins!«, rief Kai verzweifelt.

»Das mit dem Auto kann ein Zufall gewesen sein, ich meine, dunkle 3er BMWs gibt es doch wie Sand am Meer …«, versuchte Erik ihn zu beruhigen, aber Micha schüttelte den Kopf.

»Hansa-Aufkleber hinten links auf dem Kofferraumdeckel. Wie bei Kai. Sehr großer Zufall.«

»Ich bin doch gar nicht mit meinem Auto gefahren, sondern … mit dem von Tanja!«, verteidigte sich Kai.

»Eben hast du gesagt, deine Freundin wäre seit kurz vor Mitternacht verschwunden gewesen«, hakte Erik nach.

»Ja, aber ihr Auto stand da, und ich dachte, ich nehme ihres, dann kann ich es gleich noch volltanken und ihr einen Gefallen tun. Wir tauschen oft die Autos.«

»Hat sie vielleicht dein Auto gefahren? Hast du es gesehen, als du weggefahren bist?«, drängte Erik ihn.

Kai blickte unruhig im Raum umher. »Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht …«, sagt er leise.

Mehr hatten sie danach nicht mehr aus ihm herausbekommen. Erik konnte sich noch immer keinen Reim darauf machen. War einer seiner Kollegen in einen Mord verwickelt? Welche Kontakte hatte Kai zu dem Drogendealer? Sagte der Junge die Wahrheit? Scholz war mit dem Taxi gefahren, jemand anderes mit Kais BMW. Der BMW war nun nicht mehr im Hafen. Dafür eine Leiche und das Handy von Scholz. Der Fahrer des BMWs musste also der Mörder von Scholz sein. Oder machte er gerade einen riesigen Denkfehler? Erik drückte die Zigarette aus. Er wünschte sich endlich Schlaf und Klarheit im Kopf. Jetzt war es fast acht, die anderen warteten bestimmt schon auf ihn. Nur ein Telefonat musste er noch führen, diesmal mit seinem Chef, dem Fachkommissariatsleiter, und dazu schloss er die Tür. Die Entscheidung, die es zu treffen galt, wollte er auf keinen Fall alleine verantworten.

Als Erik in das Besprechungszimmer kam, brummte er kurz »Guten Morgen«, dann setzte er sich. Die Kollegen sahen zum Teil noch müde aus, doch die Stimmung schien gut. Nur Kai war sehr blass.

Micha, bis vor Kurzem noch bei der Spurensicherung, seit ein paar Monaten sein Stellvertreter, lümmelte wie üblich auf seinem Stuhl, rauchte scheinbar gedankenverloren vor sich hin, bekam aber ganz genau mit, worüber sich die anderen unterhielten. Die anderen, das waren neben Kai noch Olaf Nies und Andreas Reeken. Olaf war ein cleverer Ermittler, wenige Jahre älter als Erik, aber frei von jedem Ehrgeiz. Etliche Dienstaufsichtsbeschwerden, die er im Laufe der Jahre bekommen hatte, weil er sein Temperament nicht immer im Griff hatte, standen seinem beruflichen Weiterkommen im Weg, aber das störte Olaf nicht.

Andreas war erst seit gut drei Jahren in Eriks Abteilung. Erik gegenüber war er schon immer zurückhaltend gewesen, wohl wegen einer unverhohlenen Abneigung gegenüber Kollegen – oder Menschen generell –, die aus Westdeutschland kamen. Andreas sagte immer noch Westdeutschland, wie so viele andere auch. Man kam entweder aus dem Osten und wusste genau Bescheid, oder man kam aus dem Westen und hatte keine Ahnung, wie es in Rostock lief. Erik hatte einmal einen seiner langen Vorträge über die Faulheit der Wessis, für die sie auch noch mehr Geld bekamen, zufällig mit angehört. Direkt hatte er mit ihm aber nie darüber gesprochen.

Olaf und Andreas diskutierten das bevorstehende Spiel von Hansa Rostock gegen den VfL Bochum. Micha hörte zu und strahlte gelangweilte Herablassung aus. Er hielt sich für den einzig wahren Fußballexperten. Besonders, wenn es um Hansa Rostock ging. Normalerweise hätte Kai fleißig mitdebattiert, doch heute Morgen war alles anders.

In ein paar Minuten würde auch Helmut Reuter zu ihnen kommen. Seit einem Jahr war er der neue Fachkommissariatsleiter. Da Reuter erst gar keine Zweifel daran aufkommen lassen wollte, dass er den Job gut machen würde, ließ er sich so oft es ging bei Besprechungen blicken. Am liebsten wäre er außerdem an jedem Tatort, ungeachtet der Schwere des Verbrechens, mit dabei gewesen. Eines Tages wird er in seinem Übereifer noch selbst von Haus zu Haus gehen und Zeugen befragen, dachte Erik.

»Noch ein paar Minuten, wir warten auf Helmut«, erklärte er.

»Kurzes Update«, bat Olaf Nies. »Andreas und ich sind die Einzigen, die noch gar nichts wissen.«

»Ich werde nicht alles zweimal erzählen«, antwortete Erik. Olaf rollte daraufhin nur mit den Augen. »Wir könnten schon mal Malte aus dem Urlaub zurückpfeifen, ich bin mir sicher, dass wir Verstärkung brauchen.«

»Gerd könnte doch für ein paar Tage … Bei denen ist gerade nicht so viel los. Soweit ich weiß, sitzt er an alten, ungeklärten Brandstiftungen«, schlug Olaf vor.

»Nur wenn es sich nicht vermeiden lässt. Ich habe keine Lust, unsere Kostenstelle mal wieder mit jemandem zu belasten, der acht Stunden am Tag Zeitung liest. Also, was ist mit Malte? Wo steckt der noch gleich? Micha, schick ihm doch schon mal ’ne SMS zur Vorwarnung.«

Malte Böttcher war ein junger Kollege, der wie Helmut Reuter vor einem Jahr aus Schwerin nach Rostock gekommen war. Zwar war er im Umgang mit Menschen sehr unsicher, und Erik schickte ihn stets nur mit Bauchschmerzen zu einer Zeugenbefragung, dafür kannte er sich mit Computern aus wie kein anderer. Im Zusammentragen von Daten war er ein Genie, und im Analysieren von Indizien ebenfalls.

Olaf Nies meckerte noch weiter vor sich hin, weil er nicht wusste, was los war. Andreas zog Micha mit dem 4:1-Debakel gegen die Sechziger auf, was Micha nur mit einem herablassenden Blick kommentierte, während er Malte eine SMS tippte. Er stieß langsam den Rauch aus und sagte dann: »Am Montag werden wir’s sehen gegen Bochum. Einfach abwarten.«

»Gegen Bochum? Niemals! Wetten?«

»Mit dir wette ich doch nicht.«

Andreas wandte sich beleidigt von ihm ab, dann fragte er Kai: »Sag mal, was hältst du eigentlich von dem neuen Trainer?«

Noch bevor Kai reagieren konnte, ging die Tür auf, und Helmut Reuter kam herein. Er nickte und setzte sich neben Erik. »Wie besprochen«, sagte er nur.

Erik sah in die Runde. Stumm und erwartungsvoll saßen die Kollegen vor ihm.

»Heute Morgen gegen ein Uhr hat die Feuerwehr einen Notruf erhalten, dass es im Überseehafen im Bereich des Getreidehafens einen Brand gibt. Eine Frau hat den Notruf anonym gemacht. Als die Feuerwehr eintraf, war der Brand bereits von einem LKW-Fahrer, Dieter Lindpointner aus Graz, gelöscht worden. Lindpointner war kurz zuvor noch mit einer Prostituierten zusammen gewesen. Wir vermuten, dass es sich bei dieser auch um die Anruferin handelt. Die Fahndung nach ihr läuft bereits. Der Mann war schwer angetrunken und hat daher nicht gemerkt, was er zu löschen versuchte, nämlich den Leichnam eines vermutlich einunddreißigjährigen Mannes, und dass er mit dem Löschpulver des Feuerlöschers sämtliche Spuren zerstörte.« Erik machte eine kurze Pause und sah in die Runde. Die Kollegen nickten schweigend, machten sich Notizen.

»Demnach wissen wir schon, wer der Tote ist?«, fragte Olaf.

»Die Obduktion muss es noch bestätigen, aber es gibt Hinweise darauf, dass es sich bei dem Toten um Dennis Scholz handelt.«

»Sicher ist es nicht«, meldete sich Micha zu Wort, und Erik ärgerte sich darüber, dass er selbst so vorschnell mit seinen Schlussfolgerungen gewesen war. »Wir haben das Handy von Scholz direkt neben der Leiche gefunden. Scholz hat einige Vorstrafen wegen Körperverletzung. Die erste mit vierzehn. Dann kamen Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz hinzu. In den letzten zehn Jahren ist er zweimal wegen Dealens geschnappt worden, die letzte Verhandlung hatte große Aufmerksamkeit in der Presse bekommen, weil er unter Verdacht stand, Drogen an Minderjährige abgegeben zu haben. Das konnte man ihm aber nicht nachweisen. Seit einem Jahr ist er wieder auf Bewährung draußen. Ich lasse gerade anfragen, was die Kollegen vom Rauschgiftdezernat dazu sagen.«

Helmut Reuter schaltete sich ein. »Ich habe eben noch ein bisschen telefoniert … Die vom Rauschgift sind der Meinung, dass, nachdem am Jahresanfang ein paar Nester gründlich ausgeräuchert wurden, die kleinen Dealer nachgerückt sind.« Zusammen mit den Zollfahndern hatten die Rauschgiftermittler mehrere hundert Kilo Kokain im Seehafen sichergestellt, einen Zigarettenschmugglerring gesprengt und die großen Drogendealer der Stadt festgenommen. Doch für jeden, der verhaftet wurde, gab es zwei neue, die seinen Platz einnahmen. Dennis Scholz, bis vor Kurzem selbst nur ein Gelegenheitsuser, der Stoff an Studenten vertickte, war in der Hierarchie aufgestiegen. Einen seiner Drogendeals im Hafen zu vermuten, lag nahe.

Erik übernahm wieder das Wort. »Wir haben eine Hausdurchsuchung in der Wohnung von Scholz beantragt. Andreas, kümmerst du dich bitte darum?« Er spürte, wie Helmut Reuter plötzlich unruhig wurde. Der Vorgesetzte tippte ihm leicht gegen den Ellenbogen. Erik seufzte. »Na gut. Bevor ich die Aufgaben verteile, muss ich Kai bitten zu gehen.«

Kai, der die ganze Zeit in einer Art Halbschlaf auf seinem Stuhl zugebracht hatte, reagierte zeitverzögert. Er starrte noch eine Weile vor sich hin, dann schüttelte er sich und fragte verwirrt: »Was ist los?«

»Kai, ich muss dich bitten zu gehen«, wiederholte Erik. »Helmut und ich sind der Meinung, dass du vorerst von den Ermittlungen ausgenommen sein solltest.«

»Warum denn? Nur weil irgendein Arsch auf meiner Party telefoniert hat? Was kann denn ich dafür?«

Nun mischte sich Helmut Reuter ein. »Junge, sieh mal, das kommt gar nicht gut an, wenn du einerseits auf der Zeugenliste stehst und andererseits selbst rumschnüffelst. In ein paar Tagen ist die Sache geklärt, dann kommst du wieder«, sagte er in seinem etwas altväterlichen Tonfall, der Erik noch nie so fehl am Platz erschienen war wie heute.

»Ihr suspendiert mich vom Dienst?«

»Natürlich nicht. Du bleibst ein paar Tage zu Hause und ruhst dich aus. Sieh es doch als Geburtstagsgeschenk an. Wenn wir dich im Dienst lassen und es rauskommt, gibt es spätestens beim Prozess Probleme. Und die Presse wird uns zerreißen. Das siehst du doch ein«, sagte Reuter beschwichtigend.

»Was hat er denn gemacht?«, fragte Olaf verständnislos.

»Ich hab gar nichts gemacht! Ich hatte nur ’ne Party am Laufen!«, rief Kai.

»Der letzte empfangene Anruf auf dem Handy des Toten kam aus Kais Haus«, erklärte Micha. »Und ein Wagen ist im Hafen gesehen worden, dessen Beschreibung auf Kais Karre passt.«

»Oh Scheiße, Kai, bleib mal echt lieber zu Hause …«, begann Olaf.

Erik schnitt ihm das Wort ab. »Wir glauben dir, Kai, aber du musst uns auch verstehen. Gib vorsichtshalber auch deine Waffe ab, es ist besser so, okay?«

Kai stand mit einem Ruck auf und verließ wortlos den Raum.

2.

Kriminaloberrat Roland Behrens saß an diesem Samstagmorgen um halb zehn in seinem gemütlichen Ledersessel und las, wie üblich, Zeitung. Der Sessel war so gestellt, dass er, hob er den Blick von der Zeitung, durch die großzügige Terrassentür nach draußen in seinen Garten sehen konnte, den nur ein Deich von Strand und Meer trennte. Das Wetter war durchwachsen, in diesem Moment aber zauberte der Wind ein tänzelndes Spiel von weißen Wolkenfetzen auf den blauen Himmel.

Nur, dass sich Roland Behrens heute nicht daran erfreuen konnte. Er war nervös und fahrig. Dabei war es doch ein ganz normaler Samstagmorgen, versuchte er sich immer wieder einzureden.

»Schläft Lilly noch?«, rief er seiner Frau Karen zu, die eben aus der Küche in den offenen Wohnbereich kam.

»Ich habe gerade bei ihr geklopft, sie hat gesagt, sie kommt gleich.«

»Geklopft? Hat sie wieder abgeschlossen?« Behrens versuchte, möglichst gleichgültig zu klingen.

»Roland, du weißt, warum sie abschließt. Lass sie doch«, erwiderte seine Frau leicht gereizt, während sie begann, den Frühstückstisch zu decken. Er beobachtete sie einen Moment schweigend, bis ihm auffiel, dass sie für die ganze Familie deckte – für vier Personen. Schnell sprang er auf und ging auf sie zu, um sie in den Arm zu nehmen.

»Oh Liebes, wir sind doch nur zu dritt«, sagte er sanft. Seine Frau wand sich aus der Umarmung.

»Das vierte Gedeck ist nicht für Noemi. Lilly hat Besuch.«

Es klang gleichgültig, wie seine Frau es sagte, dachte Behrens erschüttert, so als sei ihre Tochter Noemi nur mal eben für ein paar Tage verreist. Doch in Wirklichkeit würden sie Noemi heute Nachmittag wieder im Krankenhaus besuchen. So wie jeden Tag, wann immer sie Zeit hatten. Behrens selbst ging oft auch zweimal täglich zu ihr, morgens und abends. Und jeden Tag redete er sich aufs Neue ein, dass es ihr bald wieder besser gehen würde, dass sie bald nach Hause kommen dürfte. Doch er wusste, es würde noch sehr lange dauern. Wenn sie überhaupt je wieder zurückkam.

»Hat Lilly einen jungen Mann dabei?«, fragte er, während er Karen half, den Tisch zu decken. Aber sie schüttelte den Kopf.

»Ich glaube, es ist einfach eine Freundin. Von hier aus wieder in die Stadt zu kommen ist ja nicht so einfach. Mitten in der Nacht so eine Strecke mit dem Fahrrad zu fahren ist viel zu gefährlich. Und die Mädchen haben kein Geld für Taxis.«

Plötzlich klingelte es an der Haustür.

»Erwartest du jemanden?«, fragte Karen erstaunt. Behrens runzelte die Stirn.

»Um diese Zeit? Sicherlich nicht.«

Er ging in den Flur, um die Haustür zu öffnen. Vor ihm standen Erik Kemper, der Leiter der Mordkommission, und Micha Anders, dessen Stellvertreter. Beide sahen sehr ernst aus.

»Ist was mit Noemi?«, fragte Behrens sofort, ohne eine Begrüßung abzuwarten. Die beiden warfen sich einen Blick zu, den er nicht deuten konnte, dann schauten sie ihn wieder an.

»Guten Morgen erst mal«, sagte Erik Kemper, und sein Kollege murmelte auch etwas in der Art. »Eigentlich geht es um deine andere Tochter. Um Lilly.«

Behrens wusste nicht, wie lange er dort vor den beiden stand, während sich seine Gedanken überschlugen. Was konnte mit dem Mädchen bloß sein? »Aber sie ist hier, ihr geht es gut«, brachte er endlich hervor.

»Dürfen wir reinkommen?«, fragte Erik und lugte über Behrens’ Schulter.

»Natürlich, wir wollten gerade … Aber ja, kommt rein.« Er ließ die beiden an sich vorbei ins Haus und zeigte ihnen den Weg ins Wohnzimmer. Erik kannte das Haus, er war hier schon öfter zu Gast gewesen. Für Micha Anders war es der erste Besuch, und Behrens bemerkte, wie er sich bewundernd – oder war es neidisch? – umsah.

Behrens’ rotes Klinkerhaus in Hohe Düne war großzügig gebaut, stilvoll und teuer eingerichtet. So wie es eben war, wenn zwei Personen in einem Haushalt gut verdienten, dachte Behrens ärgerlich. Denn es gab derzeit keinen Grund, auf irgendetwas in seinem Leben neidisch zu sein.

Er bot den beiden einen Platz auf der eleganten englischen Ledercouch an und setzte sich wieder in seinen Sessel. Karen begrüßte die beiden nur kurz und zog sich dann wieder in die Küche zurück.

»Was ist passiert?«, fragte er, als seine Frau die Tür geschlossen hatte.

»Wie geht es Noemi?«, wich Erik der Frage aus.

»Gut, gut, jeden Tag besser. Sie kommt bald wieder nach Hause«, log Behrens, und noch als er es sagte, merkte er, wie sehr er sich mit dieser Antwort beeilt hatte. Viel zu schnell war sie gekommen. »Aber deshalb seid ihr nicht hier, sondern wegen Lilly …?«

»Es ist nichts Schlimmes mit ihr, wirklich nicht. Wir brauchen sie nur für eine Zeugenbefragung«, beruhigte ihn Erik.

»Wieso das?« Behrens versuchte, sich wieder ganz locker zurücksinken zu lassen, und hoffte, dass den beiden seine Nervosität nicht auffiel.

»Letzte Nacht ist im Seehafen jemand ermordet worden. Wie, wissen wir noch nicht. Der Täter hat danach Feuer gelegt und dadurch die meisten Spuren zerstört. Die Obduktion wird es zeigen. Aber darum geht es nicht direkt, sondern vielmehr – wir wissen vermutlich, wer der Tote ist. Wir haben ein Handy bei der Leiche gefunden. Und der letzte Anrufer auf dem Apparat war ein Kollege von uns. Kai Hauser.« Erik machte eine kurze Pause, um zu sehen, wie Behrens reagierte. Behrens wusste, er müsste jetzt bestürzt sein, aber die Erleichterung darüber, dass nichts Schlimmes mit Lilly zu sein schien, war größer. Trotzdem machte er ein Gesicht, von dem er hoffte, dass es angemessen betroffen aussah.

»Es war zumindest seine Festnetznummer. Kai hat von gestern auf heute eine Party gegeben, und er kann sich nicht erinnern, wer sein Telefon benutzt hat. Er sagt, er selbst war es nicht, und ich glaube ihm. Ich will ihm glauben«, fügte Erik mit Nachdruck hinzu.

»Das lässt sich doch bestimmt irgendwie feststellen?«, sagte Behrens zuversichtlich. »Keine schöne Sache, aber sicher auch kein Beinbruch. Wenn du dir sicher bist, dass er damit nichts zu tun hat!«

»Sein Auto wurde wahrscheinlich im Hafen gesehen, und er hat kein Alibi«, erklärte Micha Anders.

Behrens starrte ihn an. »Das ist … allerdings nicht gut. Verstehe. Ihr müsst ihn von den Ermittlungen fernhalten.«

»Haben wir schon.«

»Der arme Kerl … Ich hoffe, das klärt sich alles bald.« Behrens schüttelte den Kopf. Dann fiel ihm wieder ein, warum sie hier waren. »Aber was hat Lilly mit all dem zu tun?«

Erik und Micha sahen sich wieder kurz an, dann sagte Erik: »Wir müssen mit deiner Tochter reden, weil sie auch auf der Party war. Wir befragen alle Gäste, ob sie sich daran erinnern können, dass jemand Kais Telefon benutzt hat. Und zwar um kurz nach zwölf Uhr nachts.«

Behrens erhob sich, um den beiden zu signalisieren, dass für ihn das Gespräch beendet war. Er lächelte sie an.

»Kein Problem, ich frage sie und sage euch dann Bescheid.«

»Wir würden sie aber gerne selbst befragen«, sagte Micha Anders bestimmt.

»Nein, wirklich, sie schläft noch, ich mache das schon.« Er warf beiden einen auffordernden Blick zu und fügte abschließend hinzu: »Danke, dass ihr extra vorbeigekommen seid.« Endlich standen auch Erik und Micha auf und gingen widerstrebend in den Flur hinaus. Behrens hörte seine Frau in der Küche und die Schritte von zwei Personen im oberen Stockwerk. Er musste die Kollegen schnell loswerden, aber die beiden blieben noch einmal im Flur stehen.

»Wir brauchen eine offizielle Aussage, da wäre es gut, wenn einer von uns persönlich mit deiner Tochter reden könnte«, erklärte Erik noch, als Lilly mit einem jungen Mädchen auf der Treppe erschien.

»Hallo, Lilly«, sagte Erik freundlich. Lilly grüßte beiläufig zurück und war zu Behrens’ Erleichterung schon wieder verschwunden, bevor Erik noch etwas zu ihr sagen konnte. Das andere Mädchen folgte Lilly auf den Fersen, nachdem sie den Männern kurz zugenickt hatte.

»Ist das Aline König? Uns wurde gesagt, dass sie mit Lilly auf der Party war«, fragte Micha Anders.

»Wer? Nein, ich weiß nicht … Das ist eine Freundin von Lilly, ich rede gleich mit den beiden und rufe euch dann an«, sagte Behrens und hielt mit einem gezwungenen Lächeln die Haustür noch ein Stück weiter auf. »Ihr entschuldigt mich, aber wir würden jetzt gerne frühstücken …«

Immer noch widerstrebend gingen die beiden Kommissare nach draußen, dann blieben sie ein zweites Mal stehen.

»Ist noch etwas?« Behrens bemühte sich, nicht ungeduldig zu klingen.

»Frag die beiden bitte, warum sie aus Kais Haus abgehauen sind, als sie uns gesehen haben«, sagte Erik, und seine Stimme klang ernst. »Es geht um einen Kollegen.«

»Ich ruf dich an«, erwiderte er nur und schloss die Tür. Er brauchte einen Moment, um sich zu sammeln und durchzuatmen. Die beiden mussten denken, er wäre völlig durchgedreht. Er, der Leiter der KPI, benahm sich, als hätte er etwas zu verbergen. Das hatte er ja auch. Und er hatte Angst davor, dass seine Tochter mehr erzählen würde, als ihm lieb war. Das wollte er verhindern, auch wenn er nicht wusste, wie lange es gut gehen würde. Lilly hatte ihren eigenen Kopf, und seit ein paar Wochen schien er keine seiner beiden Töchter mehr wiederzuerkennen. Sie waren für ihn unberechenbar geworden. Und wenn er mit etwas nicht klarkam, dann mit unberechenbaren Ereignissen in seinem Privatleben.

Behrens ging ins Esszimmer und gesellte sich zu den drei Frauen. Karen schien sich gerade mit Lillys Freundin bekannt zu machen. Die junge Frau war kleiner als Lilly und sehr dünn, sie wirkte fast schon zerbrechlich. Ihre Haut war von durchscheinender Blässe und stand in starkem Kontrast zu ihren langen braunen Haaren. Doch das Auffallendste an ihr war ihr schmales Gesicht. Alles darin schien zu groß geraten. Ihre Lippen waren ungewöhnlich breit, ihre Nase zu lang und spitz, ihre weiten dunklen Augen wirkten riesig wie in einem Manga. Es war unmöglich zu schätzen, wie alt sie war. Sie konnte fünf Jahre jünger, aber genauso gut auch fünf Jahre älter sein als Lilly.

»Das ist Aline«, stellte Lilly sie ihm lakonisch vor. Roland Behrens gab Aline die Hand, dann setzte er sich zu ihnen, und sie begannen das Frühstück. Karen glänzte wie üblich in der Rolle der perfekten Gastgeberin und plauderte mit den Mädchen über einen Film, der gerade angelaufen war.

»Wart ihr gestern noch auf einer Party?«, fragte er leichthin, nachdem er ein paar Minuten unbeteiligt zugehört hatte. Lilly sah ihn misstrauisch von der Seite an.

»Warum?«, wollte sie wissen.

»Bei Kai Hauser?«, fragte er weiter. »Nur, weil es da so einen Zwischenfall gab und meine Mitarbeiter mich gebeten haben … Du kennst doch Herrn Kemper und auch Herrn Anders, die beiden von eben …«, sagte er umständlich. Er spürte, wie ihn Karens Blick plötzlich fixierte. »Nichts Aufregendes, wirklich«, beeilte er sich zu sagen. »Nur, ob ihr euch erinnern könnt, ob gegen Mitternacht oder kurz danach jemand bei Kai telefoniert hat.«

Die beiden Mädchen sahen sich an.

»Wenn ihr nichts gesehen habt, ist das kein Problem. Das erwartet niemand von euch. Ich rufe die Kollegen an und sage ihnen Bescheid«, sagte Behrens, und er fühlte sich merkwürdig erleichtert. »Außerdem haben sie sich noch gewundert, warum ihr weggegangen seid, als sie zu Kai kamen, aber ihr habt meine Kollegen wahrscheinlich gar nicht gesehen, und es war Zufall, weil ihr ohnehin auf dem Weg nach Hause wart.«

Er legte ihnen bereits die Antworten in den Mund. Er formulierte, was er Erik Kemper sagen würde. Mit einem erzwungen strahlenden Lächeln sah er die Mädchen an. »Dann wäre doch alles in Ordnung, nicht wahr, ihr müsst nicht mit denen reden. Falls euch jemand fragen sollte, verweist ihr einfach darauf, dass es schon eine Aussage gibt. Ich rufe gleich nach dem Frühstück Herrn Kemper in der KPI an.« Zufrieden griff er nach der Kaffeekanne, um sich einzuschenken.

»Du kannst denen gerne sonst was erzählen«, sagte Lilly gelassen. »Aber wenn du es genau wissen willst, wir haben telefoniert.«

Behrens kam erst wieder in der Realität an, als er seine Frau verärgert aufschreien hörte.

»Pass doch auf, Roland! Du verschüttest ja den Kaffee!«

Anne lag noch im Bett, als ihr Telefon klingelte. Sie hörte es im Wohnzimmer vor sich hin schrillen, reagierte aber nicht. Obwohl sie gestern kaum etwas getrunken hatte, fühlte sie sich verkatert. Hoffentlich war es nicht Erik Kemper, dachte sie. Jeder, nur nicht Erik Kemper.

Das Telefon hörte gar nicht mehr auf. Der Anrufer ließ es so lange durchklingeln, bis die Verbindung zusammenbrach, nur um dann erneut anzurufen. Es musste Erik sein. Wer sonst wäre so unverschämt. Verärgert darüber, dass sie mal wieder vergessen hatte, ihren Anrufbeantworter einzuschalten, taumelte sie aus dem warmen Bett und eilte über den Flur in das andere Zimmer ihrer kleinen Wohnung.

»Wahlberg«, meldete sie sich heiser. Sie räusperte sich, hatte aber nicht den Eindruck, dass ihre Stimme davon besser wurde.

»Warum ist Ihr Handy aus?« Sie erkannte Roland Behrens’ Stimme.

»Vielleicht, weil Wochenende ist?«, antwortete sie irritiert.

»Hab ich Sie geweckt?«, wollte er wissen.

»Schon in Ordnung.« Sie räusperte sich wieder. »Ist etwas mit Noemi?«

»Mit Lilly. Ich muss mit Ihnen über sie sprechen. Kommen Sie bitte.« Dann legte er einfach auf. Anne starrte den Hörer in ihrer Hand an.

Behrens saß zusammengesunken in seinem Lesesessel und starrte zur Terrassentür hinaus.

»Ich verliere sie beide«, sagte er anstelle einer Begrüßung. Dabei sah er sie nicht einmal an. Anne setzte sich ruhig auf das Sofa und wartete ab.

»Sie rebelliert, glaube ich. Ich weiß es nicht. Rebellieren sie in dem Alter noch? Tun sie das denn nicht nur in der Pubertät?«

»Was ist passiert?«, fragte Anne, so ruhig sie konnte. Behrens hatte sich in den letzten Wochen sehr verändert. Er war nicht mehr höflich und aufmerksam, nicht mehr souverän und ruhig wie früher. Er war ein Nervenbündel, und sie konnte es ihm nicht verdenken. Die offizielle Variante lautete, dass seine Tochter Noemi mit einem schwierigen Infekt auf der Intensivstation lag. Die Wahrheit aber kannten nur wenige Menschen, und sie gehörte dazu. Die Wahrheit war zu schrecklich, sodass sie es nicht einmal im kleinsten Kreis wagten, sie auszusprechen.

Behrens saß unbeweglich in seinem Sessel und starrte weiter nach draußen. »Ein Mord im Seehafen, der letzte Anruf für das Opfer kam vom Apparat eines Kollegen, Kai Hauser. Er feierte gerade seinen Geburtstag und kann sich nicht erinnern, wer telefoniert hat«, sagte er monoton. Dann drehte er sich zu ihr. »Und meine Tochter hat nichts Besseres zu tun, als mir zu sagen, dass sie diejenige war, die telefoniert hat! Verstehen Sie das? Ich verstehe es nicht!« Er sank wieder in seinem Sessel zusammen und schüttelte ungläubig den Kopf.

Anne hatte Mühe, ihm zu folgen. Sie fühlte seine tiefe Verzweiflung, seine Ratlosigkeit, sie konnte nachempfinden, wie ausweglos ihm alles erscheinen musste. Aber um ihm helfen zu können, musste sie zunächst alles verstehen. Nachdem sie von ihm die wichtigsten Fakten über den Toten im Seehafen erfahren hatte, kehrte sie wieder zu seinem eigentlichen Problem zurück.

»Ihre Tochter hat bei dem Mann, der jetzt tot ist, angerufen?«, tastete sie sich vor.

Behrens schüttelte den Kopf. »Sie macht sich einen Spaß daraus, mich genau das glauben zu lassen. Verstehen Sie das?«, fragte er wieder.

»Natürlich verstehe ich das«, sagte Anne, und Behrens sah sie überrascht an. »Sie will Ihre Aufmerksamkeit, die braucht sie gerade sehr dringend.«

Behrens betrachtete sie eine Weile schweigend, dann glitt zum ersten Mal seit Langem ein Lächeln über sein Gesicht. »Sie haben recht. Wäre ich nicht so mit mir selbst und mit Noemi beschäftigt, hätte ich auch von selbst darauf kommen müssen. Wie dumm von mir.«

»Sagen Sie’s ruhig. Zu irgendwas müssen wir Psychotanten doch gut sein«, grinste Anne, und endlich war Behrens’ Stimmung ein wenig besser.

»Sie haben sich wochenlang nur um Noemi gekümmert«, fuhr Anne fort. »Tag und Nacht gab es kein anderes Thema. Sie haben ihre gesamte Familie dazu gebracht zu lügen, wegen Noemi. Dass Lilly durcheinanderkommt, liegt doch auf der Hand. Sie kennt ihren Vater als grundehrlichen Mann, und nun zwingt er sie, eine Lüge zu leben. Sie haben die beiden mehr als zwanzig Jahre gleich behandelt, und plötzlich ziehen Sie eine der anderen vor. Lilly erkennt ihren Vater nicht mehr wieder, sie kennt ihre Position in der Familie nicht mehr, und – wohl das Schlimmste von allem – sie hat ihre Schwester nicht mehr, mit der sie über so etwas reden konnte. Aus der Vertrauten von einst ist plötzlich die Feindin, die Konkurrentin um die Liebe und Zuneigung der Eltern geworden.«

Behrens nickte nur langsam zu allem, was sie sagte, und sah dabei wieder durch die Glastür in die Ferne. Anne hatte seine Ehefrau bereits bemerkt, doch Behrens zuckte zusammen, als Karen sprach.

»Ich glaube, das stimmt nicht ganz. Noemi und Lilly haben sich schon vor einiger Zeit voneinander entfernt.« Karen hatte Tee gemacht, den sie nun den beiden einschenkte. »Seit Noemi einen Freund hatte, ist einiges anders geworden. Aber die beiden konnten sich schließlich nicht ewig wie siamesische Zwillinge benehmen.«

»Das haben sie doch gar nicht!«, warf Behrens scharf ein.

»Das haben sie sehr wohl, und wir hätten viel früher etwas dagegen tun sollen«, entgegnete Karen kühl und gefasst.

»Frau Behrens, ich glaube nicht, dass dies …«, begann Anne, aber die andere Frau ließ sie nicht ausreden.

»Du hast sie immer exakt gleich behandelt, und genau das war dein Fehler. Als gäbe es sie nur im Doppelpack, zu hundert Prozent identisch, nur weil sie gleich aussehen und dieselbe DNS haben.«

»Hätte ich etwa eine offensichtlich bevorzugen sollen? Dann hättest du mir jetzt genau das vorgeworfen!«, entrüstete sich Behrens. Er sprang auf und begann, im Zimmer umherzulaufen. Karen hob nur eine Augenbraue, während sie ihn distanziert musterte.

»Ich bin froh, dass du sie wenigstens auseinanderhalten kannst, wenn sie vor dir stehen«, erwiderte Karen in einem emotionslosen Ton, als kommentierte sie das Wetter. »Dir ist nie aufgefallen, dass sie ganz und gar nicht gleich ticken. Wir hätten sie früher trennen müssen. Aber das wolltest du ja nicht.« Mit diesen Worten verließ Karen den Raum.

Behrens brauchte einen Moment, um sich zu fangen. »Das kann sie doch nicht ernst meinen!«, keuchte er schließlich und ging zur Tür, um ihr nachzugehen.

»Lassen Sie sie. Wenn Sie sich jetzt anschreien, bringt das niemandem etwas.«

Behrens hielt inne, dann ging er wieder zu seinem Sessel und setzte sich. »Wenn sie mich wenigstens anschreien würde, ginge es mir vielleicht etwas besser, aber so …«, seufzte er. »Erkennen Sie sie wieder? Noch vor ein paar Wochen hätte ich sie als warmherzig, lebenslustig und einfühlsam bezeichnet. Und jetzt … Meine Töchter drehen durch, meine Frau verwandelt sich in einen Eisblock, und ich belüge meine Kollegen!« Er lachte bitter. »Hab ich noch irgendwas vergessen?«

»Sie sprechen freiwillig mit einer Psychologin darüber«, ergänzte Anne trocken.

»Auch das noch«, stöhnte Behrens. »Wenn Lilly eine Aussage macht, kommt wahrscheinlich alles andere auch raus«, ergänzte er nachdenklich.

»Dann kommt ziemlich sicher alles andere auch raus«, sagte Anne. »Das hätte es vielleicht schon längst gemusst.«

Sie las den Horror in Behrens’ Augen. »Dann bin ich meinen Job los«, sagte er tonlos.

»Wenn Sie Pech haben, ja«, sagte Anne ernst.

3.

Nicht träumen«, sagte Micha zu ihm. Erik schüttelte sich. Tatsächlich war er mit den Gedanken ganz woanders gewesen.

»Entschuldige. Gerade alles ein bisschen viel«, murmelte er. Sie standen in der Wohnung von Dennis Scholz. Die Kollegen von der KTU durchstöberten emsig jeden Winkel. »Haben wir schon was aus dem Krankenhaus gehört?«

»Er wird’s überleben. In erster Linie war es der Schreck, der ihn umgehauen hat. Der Junge hat gerade seine Grundausbildung hinter sich und ist noch nicht richtig in die Uniform reingewachsen, und schon zieht ihm einer was über den Schädel.«

Erik musterte seinen Kollegen von der Seite. »Hat er nun wen gesehen oder nicht?«

»Er hat nichts mitbekommen. Er ist sich nicht einmal sicher, ob es einer oder mehrere waren.«

Erik seufzte. »Bestimmt erzählt er, es war ein Zehnereinsatzkommando, damit er nicht als Depp dasteht.«

Erik und Micha waren auf dem Rückweg in die Stadt gewesen, als der Anruf gekommen war. In die Wohnung von Dennis Scholz war eingebrochen worden, der uniformierte Kollege, der eigentlich hingeschickt worden war, um die Wohnung zu sichern, bis die Leute von der Kriminaltechnischen Untersuchung und der Mordkommission eintrafen, war von dem unbekannten Eindringling niedergeschlagen worden. Die KTU-Männer hatten den benommenen Kollegen in der von dem Einbrecher bereits gründlich durchwühlten Wohnung gefunden.

Einer Eingebung folgend hatte Erik nach Erhalt der Nachricht Micha dazu genötigt, den Wagen zu wenden und kurz bei Kai Hauser vorbeizufahren. Aber sie hatten weder ihn noch sein Fahrzeug zu Hause vorgefunden, sein Handy war ausgeschaltet.

Andreas Reeken und ein paar Spurensicherer, die gerade Kais Haus durchsuchten, hatten ebenfalls nichts von ihm gehört oder gesehen.

»Der BMW«, begann Erik. »Hat den schon jemand abgeholt?«

Micha schüttelte langsam den Kopf. »Ich weiß nicht …«, antwortete er zögerlich.

Erik schnaubte aufgebracht. »Muss ich euch denn alles diktieren?«

Andreas hatte das Gespräch mit angehört und mischte sich ein: »Seinen Wagen haben wir nicht gefunden, damit ist er vermutlich unterwegs. Da waren wir wohl zu spät.«

Erik hatte genervt mit den Augen gerollt und sich jeden weiteren Kommentar verkniffen. Dann waren sie zurück in die Stadt gefahren, um der Durchsuchung von Scholz’ Wohnung beizuwohnen.

Es handelte sich um eine im Grunde recht hübsch und praktisch geschnittene Zweiraumwohnung mit einem kleinen Balkon. Der Bewohner hatte sie allerdings mit viel zu großen, alten Möbeln, die nicht zueinanderpassten, vollgestellt. In der Küche stapelten sich ungespülte Teller, Tassen und Gläser mit eingetrockneten Resten. Jedem Raum hätte eine Grundreinigung gutgetan, und doch war es nicht die hoffnungslose Verwahrlosung, die sie manchmal in Wohnungen von Drogenabhängigen und Alkoholikern vorfanden. Es sah eher aus, als fehlte dem Bewohner jeder Ordnungssinn.

»Was fehlt, kann uns wohl niemand wirklich sagen, oder?«, bemerkte Micha.

Erik nickte, mit den Gedanken nur halb bei der Sache. Dann sagte er abrupt: »Ich rede jetzt mal mit Kais Freundin, die wohnt nur eine Straße weiter. Wenn er da nicht ist, geht die Fahndung nach ihm und seinem Wagen raus. Wenn ich zurück bin, hat einer von euch alle Leute von der Party angerufen und kann mir haarklein erzählen, was da gestern los war. Und seht zu, dass ihr mir die Nutte vom Hafen ranschafft.« Dann drehte er sich um und ließ einen ziemlich verdutzten Micha zurück.

Tanja Schlüter wohnte nur zwei Minuten zu Fuß von Dennis Scholz entfernt. Viele junge Leute lebten hier in der KTV, der Kröpeliner Tor-Vorstadt. Es war die beliebteste Wohngegend für die Rostocker Studenten, voller Kneipen und Restaurants, voller Leben. Erik klingelte, und aus einem der oberen Fenster brüllte direkt darauf eine Stimme: »Verpiss dich endlich, Scheißbulle!« Erik trat einen Schritt zurück, um zu sehen, wer ihn da so freundlich begrüßte. Aus einem Fenster im dritten Stock starrte ein jungenhaftes Gesicht mit kurz geschnittenen, verwuschelten braunen Haaren. Erik brauchte einen Moment, bis er merkte, dass es kein Mann war, sondern eine etwa zwanzigjährige Frau, die nun nicht mehr fluchte, sondern etwas verwirrt stammelte: »Oh, ich dachte, es ist mein Freund … Zu wem wollten Sie denn?«

»Wenn Sie Tanja Schlüter heißen, dann zu Ihnen. Ich bin übrigens auch ein Scheißbulle.«

Das Mädchen wurde knallrot und zog sich sofort vom Fenster zurück. Nur eine Sekunde später summte der Türöffner, und Erik konnte das Haus betreten.

Sie wartete schon an der Wohnungstür auf ihn. Ihr Gesicht war immer noch gerötet, vielleicht vor Aufregung. Vielleicht aber auch vom Weinen, ihre Augen waren verquollen. Aus der Nähe sah Tanja Schlüter immer noch sehr jungenhaft aus. Sie war ausgesprochen schlank, fast schlaksig, und ungewöhnlich groß für eine Frau. Ihr ungeschminktes Gesicht war hübsch, wirkte aber androgyn. Sie trug jedoch ein sehr knappes, tief dekolletiertes Jeanskleid. Erik vermutete, dass dies ihre Art war, ihre Weiblichkeit zu zeigen.

»Sie sind also sein Chef?«, fragte sie ohne Umschweife, als er seinen Namen nannte. Erik nickte. »Ich dachte, er sei zurückgekommen, also entschuldigen Sie den Ausbruch«, erklärte sie, nachdem sie ihm einen Platz in ihrer Küche angeboten hatte. Ein Brett war an der Wand angebracht, davor boten zwei Barhocker Gelegenheit zum Sitzen. Erik fühlte sich etwas unsicher in dieser Position. Sein Barhocker erschien ihm wackelig, Tanja Schlüter hingegen saß kerzengerade auf ihrem, als sei sie darauf geboren.

»Wann haben Sie ihn denn zuletzt gesehen?«, wollte Erik wissen, während er versuchte, die Balance zu halten.

»Braucht er ein Alibi?« Sie lächelte über ihren Scherz. Aber als Erik ihr Lächeln nicht erwiderte, wurde sie unsicher. »Er braucht nicht wirklich ein Alibi? Ich meine, er ist doch Polizist …« Ihre Stimme verlor sich.

Erik erklärte ihr knapp, worum es ging. Nachdem er sie noch einmal gefragt hatte, wann sie Kai zuletzt gesehen hatte, dachte sie einen Moment nach.

»Warum wollen Sie das wissen, wenn es doch um gestern Nacht geht?«

»Bitte antworten Sie einfach. Sie werden von Kai wissen, dass wir mit Zeugen nicht über alles reden können.«

»Er ist vor ein paar Minuten gefahren. Er kam früh am Morgen, vielleicht gegen halb neun. Ich habe ihn aber weggeschickt. Wir hatten uns am Tag zuvor gestritten, und ich wollte erst wieder mit ihm reden, wenn er ganz nüchtern ist. Mein Auto stand vor dem Haus. Ich glaube, da hat er sich zum Schlafen reingesetzt. Dann kam er eben noch mal, aber ich habe ihn wieder nicht reingelassen. Daraufhin ist er weggefahren.«

»Mit Ihrem Wagen?«

»Allerdings! Daran konnte ich ihn schlecht hindern.«

Kai war also die ganze Zeit hier in der Nähe gewesen.

»Hat Kai gestern Nacht zwischen Mitternacht und halb eins telefoniert, bevor er weggefahren ist?«

Tanja Schlüter sah ihn verwirrt an. »Er ist nachts weggefahren?«, fragte sie.

»Wo waren Sie nach dem Streit mit ihm? Er hat gesagt, Sie hätten ihm gar nicht mehr gratuliert. Aber Ihr Auto stand noch vor seinem Haus. Mit dem ist er dann gefahren.«

Sie machte große Augen. »Betrunken, mit meinem Auto? Das wird ja immer besser. Ich meine, heute Morgen mit dem Restalkohol … Aber gestern Nacht war er sternhagelvoll!« Nun war sie wieder richtig sauer auf ihn. Plötzlich hörte Erik Schritte, und ein Mann trat zu ihnen in die Küche.

»Die Party war ein ziemliches Durcheinander, müssen Sie wissen«, sagte der Mann. »Letztlich waren viel mehr Leute da als geplant, es ist unglaublich viel getrunken worden, und ich denke, Kai hatte schon lange vor Mitternacht keine Kontrolle mehr über irgendetwas, am wenigsten über sich.«

Die Ähnlichkeit Tanjas mit dem etwa zehn Jahre älteren Mann war nicht zu übersehen. Auch er war sehr groß und dünn mit kurz geschnittenem, widerspenstigem braunen Haar, und die Gesichtszüge, die ihr etwas Jungenhaftes verliehen, ließen ihn weicher wirken. Seine Stimme war heller, als Erik bei einem Mann seiner Körpergröße erwartet hätte. Er stellte sich vor als Thorsten Schlüter, Tanjas Bruder.

»Meine Schwester hat sich bei mir ausgeheult, nachdem sie gestritten hatten, und dann hab ich sie gleich in ein Taxi gesetzt. Das Beste, was man machen kann in so einer Situation. Dem anderen zeigen, dass er nicht so einfach alles bekommt.«

Erik wunderte sich etwas über Schlüters letzte Bemerkung, ging aber nicht darauf ein, sondern notierte sich nur den Namen des Taxiunternehmens.

»Demnach sind Sie noch länger geblieben als Ihre Schwester. Darf ich einmal fragen, worum es bei dem Streit ging?«

Die Geschwister sahen sich kurz an, der Bruder nickte aufmunternd. Tanja Schlüter antwortete: »Wie Thorsten gerade gesagt hat, plötzlich waren lauter Leute da, die niemand eingeladen hatte, die Getränke wurden knapp, und Kai hatte um zehn Uhr schon so viel getrunken, dass ihm alles egal war. Ich meine, er war doch der Gastgeber! Aber irgendwie hat er wohl erwartet, dass ich ihm die Party schmeiße, und das wollte ich nicht. Schon gar nicht, als diese komischen Weiber aufgetaucht sind.«

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