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Zum Paradies mögen Engel dich geleiten

Zum Paradies mögen Engel dich geleiten,

die heiligen Märtyrer dich begrüßen

und dich führen in die heilige Stadt Jerusalem.

Die Chöre der Engel mögen dich empfangen,

und durch Christus, der für dich gestorben,

soll ewiges Leben dich erfreuen.

In Erinnerung an meine Großmutter

Maria Öing, geb. Rumpke

Tot ist nur, wer vergessen wird.

Immanuel Kant

Kurze Erklärung zu den Hauptpersonen dieses Buches

Maria Öing, geborene Rumpke

Maria wurde 1895 geboren. Als sie kaum siebzehn Jahre alt ist, verstirbt 1912 ihre Mutter, und sie versorgt ab dann ihre fünf jüngeren Geschwister (Josef, Toni, Anna, Ida, Heinrich) und den Vater, bis sie 1922 den Witwer Bernard Öing heiratet. 1933 verstirbt Maria mit nur achtunddreißig Jahren.

Bernard Öing, genannt Bernd

Geboren 1891 wächst er ohne Mutter lieblos in der Obhut von Verwandten auf. Erst nach dem Ersten Weltkrieg, in dem er als Soldat dient, kann er seine Jugendliebe Bernardine, Bendine, heiraten. Die Ehe endet nach zwei Jahren mit ihrem Tod und dem der kleinen Tochter. Wenige Monate später verliebt er sich Hals über Kopf neu und heiratet Maria. Die Ehe ist überschattet vom Tod von fünf ihrer Kinder und endet mit Marias frühem Ableben. Bernd wird zum zweiten Mal Witwer.

Rosa Öing, geborene Essmann

Sie wird die dritte Ehefrau von Bernd und Stiefmutter von Paul; in dieser Rolle tut sie sich stets schwer. Rosa und Bernd bekommen noch zwei gemeinsame Söhne: Bernd und Albert.

Rosa wird früh Witwe und steht am Ende des Krieges mit zwei kleinen Jungen allein da.

Paul Öing

Paul ist das einzige Kind von Maria und Bernd. Er kommt nie über den frühen Verlust seiner Mutter hinweg und bewahrt ihr Andenken. Im Krieg und auch in den langen Jahren der russischen Gefangenschaft hat er das Gefühl, dass sie sein Schutzengel ist. Später heiratet Paul Antonia, Idas Tochter.

Ida Koopmann, geb. Essmann

Sie ist genau wie Maria 1895 geboren und Marias Freundin seit Schultagen. Ida ist die ältere Schwester von Rosa. Ida heiratet 1920 Johannes Koopmann, genannt Hans. Mit ihm hat sie acht Kinder und führt ein glückliches und fröhliches Familienleben.

Johannes Koopmann, genannt Hans

Er heiratet 1920 in den Klempnereibetrieb ein und wird mit seiner Ida glücklich. Er ist ein fürsorglicher und humorvoller Vater, der stets besorgt um seine Kinder ist. Durch die Heirat seiner Schwägerin Rosa freundet er sich mit seinem Schwager Bernd Öing an und verspricht diesem auf dem Sterbebett, sich um dessen Söhne zu kümmern.

Antonia, genannt Toni, ist die älteste Tochter von Hans und Ida Koopmann. Sie heiratet 1956 Paul.

TEIL 1

Umbrüche und Neuanfänge 1912–1922

1. Kapitel

Als Maria mitten in der Nacht von ihrem Vater geweckt wurde, ahnte sie noch nicht, dass dieser Tag alles verändern würde.

Maria war das älteste von sechs Geschwistern. Der Vater Heinrich war Holzschuhmacher und betrieb außerdem eine eigene kleine Landwirtschaft. So konnte er seine große Familie gut versorgen. Und auch, wenn nun noch ein „Esser“ dazukam, mussten sie sich keine Sorgen machen.

Josef, die Mutter Carolina mit dem kleinen Heini, Maria und Heinrich, der Vater, vor seiner Werkstatt

Maria war schon seit fast zwei Jahren mit der Schule fertig. Sie war die Beste in ihrem Jahrgang gewesen und hatte es geliebt, zur Schule zu gehen. Zu gern hätte Maria weitergelernt, denn sie hatte davon geträumt, selbst einmal Lehrerin zu werden. Aber der Gedanke war völlig utopisch gewesen. Hier auf dem Dorf im Emsland gingen kaum Mädchen weiter zur Schule. Sie lernten Hauswirtschaft und wurden auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereitet. Einige führte ihr Weg auch ins Kloster. Dort wurden viele Frauen gut ausgebildet, und Lehrerin wäre eine Option gewesen. Doch den Schritt konnte Maria sich nicht vorstellen. Und für ihre Eltern kam das auch gar nicht infrage. Die Mutter war heilfroh, dass sie Maria hatte, die ihr ja nun voll und ganz helfen konnte. Mutter war mit ihren vierundvierzig Jahren auch nicht mehr die Jüngste und von den sechs Geburten und der vielen Arbeit schon sehr ausgelaugt. Zu allem Überfluss bekam sie nun tatsächlich noch ein Kind.

Maria war von den Geschwistern die Hübscheste. Sie hatte die großen dunkelblauen Augen ihrer Mutter und das leicht gewellte braune Haar ihres Vaters geerbt. Es war nach oben gesteckt, wie es zu der Zeit modern war. Als Schulmädchen hatte sie natürlich wie die anderen Mädchen geflochtene Zöpfe getragen, doch nun war sie ja fast eine erwachsene Frau von siebzehn Jahren. Zumindest musste sie arbeiten wie die Erwachsenen. Maria hatte ein weiches, ausdrucksstarkes Gesicht und ein liebevolles Wesen. Da sie als die älteste der Mädchen schon immer nach der Schule viel hatte helfen müssen, war sie es gewohnt, der Mutter alle schweren Arbeiten abzunehmen. Gerade jetzt noch mehr, denn Maria machte sich Sorgen um die Mutter. Seit ihrer Schwangerschaft sah sie sehr oft müde und abgespannt aus. Es ging ihr offensichtlich nicht gut, auch wenn Mutter immer wieder betonte: „Das schaffen wir jetzt auch noch, Maria. Ich hab ja dich.“

Es war der 21. Januar 1912. Diesen Tag würde Maria nie vergessen. Es war ein kalter grauer Wintermorgen. In der Nacht hatte es geschneit. Die kleinen Fenster des windschiefen Hauses waren beschlagen und voller Eisblumen. Maria war schon die halbe Nacht wach, denn der Vater war um drei Uhr an ihr Bett gekommen, in dem sie zusammen mit ihrer zwölf Jahre alten Schwester Toni schlief, und hatte sie wachgerüttelt.

„Maria, steh auf. Bei Mutter haben die Wehen eingesetzt. Ich habe Josef schon losgeschickt, die Hebamme zu holen. Mutter braucht dich. Ich kann ihr ja nicht helfen.“

Josef war ihr zwei Jahre jüngerer Bruder.

Schlaftrunken stieg sie aus dem warmen Bett. Die Schlafkammer war eiskalt, obwohl sie sich diese zu viert teilten. In dem anderen Bett schliefen die sechsjährige Ida und die neunjährige Anna. Schnell zog sie sich leise an, um ihre Schwestern nicht zu wecken, und ging in die warme Küche.

Die Küche war der Raum, von dem die anderen Zimmer abgingen. Hier spielte sich eigentlich ihr Familienleben ab. In die gute Stube kamen sie nur an besonderen Tagen, zum Beispiel an Weihnachten oder wenn Taufe, Erstkommunion oder ein anderes Familienfest anstanden.

Sie stellte einen großen Kessel Wasser auf die Küchenmaschine, die Vater schon befeuert hatte. Die „Maschine“, wie man hier sagte, war quasi der Herd und der Ofen. Sie stand wie üblich mitten im Raum und wurde mit Holzscheiten befeuert. Dann ging Maria die zwei Stufen zur „Upkammer“, hoch, wo die Eltern ihr Schlafzimmer hatten. Sie sah ihre Mutter stöhnend und schweißgebadet im Bett auf der Seite liegen. Den kleinen Heinrich, der noch keine drei Jahre alt war und eigentlich bei den Eltern schlief, hatte Vater schon zu Josef ins Bett gebracht.

„Mama, ist alles in Ordnung?“, fragte Maria und setzte sich zu ihr auf die Bettkante.

„Nein, irgendwas stimmt nicht. Aber Josef wird ja wohl gleich mit Anni kommen …“ Mutter sah Maria mit angstvollem Blick an.

„Ja, Mama, sie sind sicher bald hier. Und dann wird alles gut werden. Ich habe schon Wasser auf dem Herd, und Handtücher hol ich auch noch schnell.“

Sie ging zur Kommode und in dem Moment schrie Mutter laut auf. „Oh, mein Gott, Maria, wenn ich das überlebe, war das hoffentlich mein letztes Kind!“

„Mama, bitte, du schaffst das. Du hast das doch immer geschafft!“

„Ja, bei den anderen Geburten war ich aber auch jünger, und da war alles unkompliziert.“ Wieder stöhnte sie laut auf.

Der Wasserkessel pfiff und Maria ging in die Küche und goss das heiße Wasser in die weiße Emailleschüssel. Sie rannte zurück und setzte die Schüssel auf Mutters Nachttischchen ab. Maria machte einen Waschlappen nass und wischte ihrer Mutter den Schweiß von der Stirn. Sie hörte Stimmen.

Gott sei Dank, die Hebamme kam zur Tür herein.

„Mädchen, nun geh du mal in die Küche und lass mich man hier machen. Ich ruf dich, wenn ich was brauche.“

„Ja, aber es wird doch alles gut?“

Maria bekam keine Antwort und verließ den Raum. Beim Schließen der Tür sah sie noch, wie Anni Mutters Bauch mit dem Hörrohr abhorchte und abtastete. Sie ging wieder in die Küche.

Annis Gesicht wurde beim Abhorchen immer besorgter.

„Carolina“, fragte sie, „wann hast du denn das letzte Mal Kindsbewegungen gespürt?“

„Anni, stimmt was nicht? Ich weiß gar nicht so genau. Gestern war so viel zu tun, da habe ich nicht so drauf geachtet. Was ist denn? Ich habe mir schon gedacht, irgendwas ist anders.“ Carolina bekam große Angst.

Die Hebamme tastete den Bauch ab. Ihre Befürchtung wurde immer wahrscheinlicher. Das Kind schien tot zu sein. Das bedeutete nicht nur, dass es bei dem Geburtsvorgang nicht mithelfen konnte. Auch fragte Anni sich, wie lange es wohl schon tot war und ob Carolina schon eine Vergiftung hatte? Das würde auch ihren schlechten Zustand erklären.

Zu Carolina sagte sie beruhigend: „Die Wehen sind ja schon regelmäßig da. Das ist doch ein gutes Zeichen. Aber ich lass doch lieber auch den Doktor holen.“

In der Küche saß Maria mit Vater am Küchentisch. Josef war wieder ins Bett gekrochen. Die Hebamme kam nun zu ihnen und sagte zum Vater: „Heinrich, hol man lieber den Doktor.“ Vater sah sie erschrocken an: „Warum das denn? Haben wir doch noch nie gebraucht?“

„Das Kind scheint aber nicht mehr zu leben. Ich brauche Hilfe.“

„Oh, mein Gott! Aber Carolina schafft das doch?“

„Das hoffe ich. Und nun hol schnell den Doktor!“

„Maria, weck Josef. Er soll losrennen. Er ist schneller auf den Beinen!“, rief der Vater Maria hektisch zu.

Voller Panik lief sie zu Josef und rüttelte ihn. Er stieg sofort aus dem Bett, schlüpfte in seine Hose und zog schnell seine Holzschuhe und eine Jacke an, die auf der Diele gleich neben der Küchentür hing, und rannte wieder hinaus in den kalten Morgen. Draußen war es noch stockfinster. Es war nun bald halb fünf, und er hätte eh um fünf Uhr aufstehen müssen, um dem Vater im Stall zu helfen. Ausmisten, füttern und melken. Kühemelken machten eigentlich die Frauen, aber da war ja heute gar nicht dran zu denken.

Der eisige Wind trieb Josef Tränen in die Augen. Oder weinte er aus Angst um seine Mutter? Wenn er den Doktor holen sollte, dann war etwas ganz und gar nicht in Ordnung. Schlimme Gedanken schossen ihm unterwegs durch den Kopf. Es war leider nicht selten, dass Frauen unter der Geburt verstarben. Aber das durfte auf keinen Fall ihrer Mutter passieren!

Vater lief unruhig in der Küche hin und her.

„Maria, wo bleibt Josef denn mit dem Doktor?“, rief Anni.

Im nächsten Moment hörte Maria Gott sei Dank draußen Schritte und antwortete: „Ich hör sie grad kommen.“

„Moin, Heinrich!“ Schnell ging Dr. Brinkmann mit seinem Arztkoffer in die Schlafkammer.

Josef zog sich Schuhe und Jacke aus und setzte sich an den warmen Ofen, um sich aufzuwärmen. Niemand sagte etwas. Sie hörten nur Mutters Stöhnen und Wimmern. Anni sprach beruhigend auf sie ein.

Die Zeit schien stehen zu bleiben. Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnete sich endlich die Tür. Die alte Standuhr schlug fünf. Der Doktor stellte seinen Koffer ab und setzte sich zu ihnen an den Küchentisch. „Es tut mir leid, Heinrich. Der Junge ist tot geboren. Anni hat ihm noch die Nottaufe gegeben. Aber ihr solltet Pastor Robben holen, denn Carolina geht’s nicht gut. Sie hat viel Blut verloren. Ich fülle euch nun den Totenschein fürs Kindchen aus.“

Wortlos stand Josef auf und machte sich zum dritten Mal an diesem Morgen auf den Weg durch die Kälte.

Der Doktor verabschiedete sich und versprach, gegen Mittag wieder nach Carolina zu sehen, falls er nicht vorher geholt werden musste.

„Vielleicht schafft sie es ja auch“, sagte er beim Abschied.

Anni kam aus der Schlafkammer und sagte zu Vater und Maria: „Ihr könnt gern reinkommen. Carolina schläft jetzt. Der Doktor hat ihr ein Schmerzmittel gespritzt.“

Maria und Vater betraten den Raum. Den kleinen Jungen hatte Anni gewaschen und in Tücher gewickelt. Er lag in der Holzwiege, die Heinrich einst für Maria gezimmert hatte und in der alle seine Kinder schon geschlafen hatten. Heinrich warf einen kurzen Blick auf das Kind und setzte sich dann zu seiner Frau ans Bett. Er nahm ihre Hand und hielt diese fest. Maria stand wie starr vor dem Bett. Aber der friedliche Ausdruck der schlafenden Mutter beruhigte sie doch etwas.

„Maria, weck deine Schwestern. Wenn der Pastor kommt, können sie mitbeten“, sagte Anni.

Schweren Herzens ging Maria los und weckte Toni, Anna und Ida, die anscheinend noch nichts mitbekommen hatten.

„Aufstehen! Zieht euch schnell an, der Pastor kommt jeden Moment und gibt Mama die Letzte Ölung.“

Die kleine Ida rieb sich schlaftrunken die Augen. „Warum das denn? Ist Mama krank?“

„Das Kind ist tot geboren, und Mama geht’s nicht so gut. Wir wollen beten, dass sie es schafft.“

Anna stieß einen leisen Schrei aus, hielt die Hände vor das Gesicht und fing an zu weinen. Auch Tonis Augen füllten sich mit Tränen.

Mama war doch noch nie krank gewesen, dachte sie voller Angst.

Ida war als Erste angezogen und wollte schnell zur Mutter eilen. „Der liebe Gott wird Mama schon helfen“, beruhigte sie sich selbst.

Nun standen alle Mädchen um Mutters Bett und fingen mit Anni zusammen an, den Rosenkranz zu beten, bis Josef mit Pastor Robben eintrat. Pastor Robben segnete zunächst das tote Kind. Anni sagte ihm sofort, dass sie es notgetauft hätte, aber da wäre es leider schon tot gewesen.

„Ist gut, Anni. Wir wollen die arme kleine Seele mit in unser Gebet aufnehmen und hoffen, dass auch sie Gottes Herrlichkeit erblicken wird.“ Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf Carolina und spendete ihr das Sakrament der Letzten Ölung. Anschließend beteten alle gemeinsam noch das schmerzhafte Gesätz des Rosenkranzes.

Dann gingen alle in die Küche, und Maria machte Frühstück. Pastor Robben blieb nicht, er eilte nun zur Frühmesse in die Kirche. Eigentlich mussten die Kinder vor der Schule auch immer zur Messe, doch sie sollten heute zu Hause bleiben. Vater und Josef gingen erst mal in den Stall und versorgten die Tiere, die schon sehr unruhig waren.

Die Stimmung in der Küche war bedrückt. Maria kochte für alle den morgendlichen Haferschleim und auch einen Kaffee. Natürlich keinen richtigen. Den gab es nur sonntags. Einen Malzkaffee, den auch die Mädchen tranken.

Sie ahnte nichts Gutes. Dann kam der kleine Heini aus der Schlafkammer in die Küche getapst. Mit bloßen Füßen trippelte er zu Maria und krabbelte auf ihren Schoß.

„Ham, ham“, brabbelte er und streckte das Händchen zum Zwieback aus. Maria gab ihm einen und auch einen Becher warme Milch. Toni holte eine Decke, damit Maria Heinrich darin einwickeln konnte.

„Mama da?“, fragte er mehrmals.

Aber niemand sagte etwas dazu.

Anni stand nun auf. „Guckt, dass immer eine von euch bei Mama ist. Und wenn sie wach wird, muss sie unbedingt trinken. Ich komm später wieder.“ So verließ sie zunächst die Familie.

Maria schlug vor, dass Toni zuerst bei der Mutter wachte. Sie selbst wollte Heini anziehen, und Anna und Ida sollten die Küche aufräumen. Vater zimmerte für den toten Jungen eine kleine Kiste. Der Pastor sagte, er würde das Kind morgen Vormittag in aller Stille begraben. So konnte Carolina, wenn sie aufwachte, auch noch Abschied nehmen.

Oftmals wurden Kinder, die bei der Geburt verstarben, einfach bei jemandem mit in den Sarg gelegt, der gerade beerdigt wurde. Aber nun gab es gerade kein Begräbnis, und Mutter lebte ja Gott sei Dank noch. Es ging ihr auch tatsächlich im Laufe des Tages etwas besser, sodass alle wieder Hoffnung schöpften. Sie hatte wohl Schmerzen, aber der Doktor kam noch mal vorbei und gab ihr ein starkes Schmerzmittel.

Als Heinrich sich am Abend zu ihr ins Bett legte, fragte sie ihn besorgt: „Was du dem Doktor wohl alles bezahlen musst. Und dann noch das Kindchen begraben … Und Anni müssen wir wohl auch mehr geben als sonst.“

„Nu, mach dir man nicht so große Sorgen. Hauptsache, du bist bald wieder auf den Beinen. Was sollte ich ohne dich nur machen?“ „Ja, es wird wohl alles wieder gut werden.“ Davon war Carolina aber nicht wirklich überzeugt. Sie fühlte sich sehr schwach, und sie fror. Sie hatte das Gefühl, dass sie Fieber bekam. Doch sie sagte nichts.

2. Kapitel

Am nächsten Morgen ging Maria zuerst zur Mutter ans Bett. Der Vater war schon mit Josef im Stall. Mutter schlief noch, aber sie sah sehr fiebrig aus. Besorgt wischte Maria ihr die Schweißtropfen von der Stirn.

Schweren Herzens weckte sie ihre Schwestern, die heute bis auf Toni wieder zur Schule gehen sollten. Toni sollte ihr bei Mutters Pflege und im Haushalt helfen.

„Wie geht’s Mama?“, fragte Anna als Erstes.

„Sie schläft. Zieht euch an und macht eure Arbeit.“

Ida musste morgens nur die Hühner füttern und die Eier einsammeln. Anna und Toni melkten die Kühe. In der Zwischenzeit schmierte Maria ihre Schulbrote. Dann gingen die drei Mädchen und Josef nüchtern zur heiligen Messe. Erst in der Schulpause durften sie etwas essen. Niemand traute sich, unwürdig die Kommunion zu empfangen. Das wäre eine große Sünde gewesen. Die Geistlichen und auch ihre Lehrerin drohten so oft mit der Hölle und dem Fegefeuer, dass sie nichts riskieren wollten.

In der Messe wurde für ihren toten Bruder gebetet. Hinterher wurde Anna von ihrer Freundin Gertrud gefragt, ob das Kind wohl nun nie zu Gott kommen würde. Anna erwiderte empört, dass es doch noch getauft worden und somit ja nicht als armes Heidenkind gestorben sei.

Im Klassenraum wurden die Geschwister von der Lehrerin gefragt, wie es denn ihrer Mutter ginge, und sie war erleichtert zu hören, dass diese auf dem Weg der Besserung sei. Zu Josef sagte sie: „Junge, du gehst nach der ersten Stunde wieder zum Friedhof. Kannst bei der Beerdigung des Kindes als Messdiener dem Pastor helfen.“

Zu Hause hatte Vater schon die kleine Holzkiste zugenagelt.

„Maria, geh du man mit mir, und Toni bleibt hier bei Mama und Heini.“

Pastor Robben kam mit Josef im Messgewand. Der Pastor segnete den Sarg und sprach kurze Gebete auf Latein. Dann zogen sie zum Friedhof, und Vater trug die kleine Holzkiste bis zum Grab. Ganz hinten bei den vielen Kindergräbern war schon ein kleines Loch ausgehoben. Sie gingen durch das eiserne Friedhofstor. Schweigend stapfte die kleine Prozession durch den Schnee zum Grab. Nach einer kurzen Zeremonie verabschiedeten sie sich vom Pastor und machten sich auf den Rückweg. Josef sollte wieder in die Schule gehen. Aber gerade, als die drei über den Marktplatz liefen, kam ihnen Toni entgegengerannt.

„Papa, Anni schickt mich. Ich soll ganz schnell den Doktor holen. Mama stirbt!“

Entsetzt und schnellen Schrittes gingen die drei an der Schule vorbei, über den Kirchhof der evangelischen Kirche zu ihrem Haus. In der Küche stand die Nachbarin Theresia mit dem kleinen Heini auf dem Arm.

„Carolina hat es nicht geschafft. Der Herrgott hat sie zu ihrem Kindchen geholt.“

Anni kam aus der Schlafkammer.

„Anni, das kann doch nicht sein. Ihr ging es doch schon wieder etwas besser?“, schrie Vater verzweifelt.

„Carolina hat hohes Fieber bekommen und war sehr geschwächt von der Entbindung. Sie hatte auch viel Blut verloren. Das war alles zu viel. Ich glaube, ihr Herz hat aufgehört zu schlagen, als der kleine Sarg in die Erde gelassen wurde.“ Heinrich ging zu seiner Frau in die Schlafkammer und schloss die Tür hinter sich. In der Küche hörten sie sein Schluchzen. Dann kam Toni mit dem Doktor. Der ging direkt in die Schlafkammer und stellte bei Carolina nur noch den Tod fest.

„Heinrich, das tut mir leid. Ich dachte, sie schafft es vielleicht noch. Aber sie ist friedlich eingeschlafen.“

Das war dem Vater in diesem Moment kaum ein Trost. Er musste erst mal realisieren, dass seine Carolina nun nicht mehr bei ihnen war. Zwar gab es damals selten Liebesheiraten, aber Carolina war eine ganz besondere Frau. Das war ihm vom ersten Tag an bewusst gewesen, und die Liebe war bei ihnen beiden von Tag zu Tag mehr gekommen. Er hatte sich immer glücklich geschätzt mit Carolina an seiner Seite.

„Maria, hol du deine Schwestern aus der Schule, dann können wir alle noch bei Mama beten und sie verabschieden. Und Josef holt noch mal Pastor Robben.“ Theresia nickte den beiden zu.

Maria ging wie betäubt den kurzen Weg zur Schule. Sie klopfte und sprach mit Fräulein Fickers, der Lehrerin, die sie sofort in den Arm nahm und tröstete. Maria war ihre Lieblingsschülerin gewesen und sie wusste, was das nun für das Mädchen bedeutete.

Die zwei jüngeren Kinder folgten Maria schluchzend nach Hause. Über die Diele betrat die kleine Gruppe die Küche. Theresia hatte Heini auf dem Arm. Sie blickte die Kinder traurig an und sagte: „Nun wollen wir zu eurer Mama gehen und für sie beten.“ Schweren Herzens öffnete sie die Tür.

Im abgedunkelten Zimmer lag die Mutter friedlich in ihrem Bett. In die gefalteten Händen hatte man ihr den Rosenkranz gelegt. Der Vater saß zusammengesunken neben dem Bett auf einem Stuhl, seinen Kopf in die Hände gestützt. Die vier Mädchen stellten sich um das Bett.

Nun brach es aus Maria heraus. Die Tränen liefen und liefen. Sie schluchzte immerzu nur: „Mama, Mama.“ Maria konnte sich nicht mehr beherrschen und hatte völlig die Kontrolle über ihren Körper verloren. Sie brach innerlich zusammen. Das Weinen ihrer Geschwister nahm sie gar nicht mehr wahr. Der Vater kam und nahm sie in den Arm.

„Mädchen, ist ja schon gut.“

Er konnte jedoch auch kaum Trost und Halt geben, da er selbst ein gebrochener Mann war.

Josef kam mit Pastor Robben herein. Der Pastor drückte ihnen sein Beileid aus und fing an, mit ihnen zu beten. Josef stand sprachlos und blass am Totenbett.

Später durfte Maria mit Anni die Mutter waschen, kämmen und ihr das Totenhemd anziehen. Es half ihr, diesen letzten Dienst an ihrer Mutter tun zu dürfen.

Schon am Nachmittag wurde der Sarg gebracht, und Carolina wurde im Hausflur aufgebahrt. Nach und nach kamen alle Nachbarn vorbei, um ihr Beileid auszudrücken und sich von Carolina zu verabschieden. Die Frauen versammelten sich am frühen Abend am Sarg und beteten den Rosenkranz.

Nachdem Mutter beerdigt war, blieb Tante Mia, die im Nachbardorf wohnte, noch ein paar Tage bei ihnen und half bei allen anfallenden Arbeiten.

„Maria, du weißt ja, dass ich auf Dauer nicht hierbleiben und für zwei Familien sorgen kann. Gott sei Dank bist du ja schon fast siebzehn und musst nicht mehr in die Schule. Du hast Mama ja schon tüchtig unterstützt und bekommst das nun wohl allein hin. Toni ist ja auch schon zwölf und hilft viel mit.“

Maria blickte nur stumm aus dem Fenster in die kalte Winterlandschaft hinaus. Sie fröstelte. Vater saß wie immer seit Mutters Tod wie erstarrt am Küchentisch.

Tante Mia fuhr fort: „Das Leben muss weitergehen. So was passiert nun mal immer wieder, und andere müssen damit auch fertigwerden.“ An den Vater gerichtet sprach sie: „Heinrich, du musst wieder an die Arbeit gehen. Das hilft am besten! Denk auch an deine Kinder! Grübeln und trauern bringt doch nichts.“

„Das hätte nicht passieren dürfen! Was ist das für ein Gott, der doch nie da ist, wenn man ihn braucht?“

„Heinrich! Sag so was nicht. Du versündigst dich. ‚Dein Wille geschehe‘, das müssen wir akzeptieren.“

Bleich stand er auf und ging mit hängenden Schultern in die Schlafkammer. Es war klar, dass er da heute nicht mehr herauskommen würde.

Tante Mia schüttelte den Kopf über das Verhalten ihres Bruders. „Es ist nun so, wie es ist. Daran lässt sich nichts mehr ändern.“ Dann zog sie ihren Mantel an. „Ich komm die Tage wieder rein, Maria.“

Maria stand immer noch regungslos am Fenster. Wie aus weiter Ferne nahm sie das Weinen des kleinen Heini wahr. Der spielte mit seinem kleinen Holzpferdchen, das Vater ihm zu Weihnachten geschnitzt hatte und hatte sich nun den Kopf am Schrank gestoßen. Maria nahm ihn auf den Arm und tröstete ihn. Dann guckte sie auf die Uhr. Sie musste das Mittagessen kochen. Die anderen kamen bald aus der Schule und hatten Hunger. Wie automatisiert tat sie die Arbeit, die getan werden musste.

Am Abend lag sie müde und traurig im Bett. Toni schlief schon friedlich neben ihr. Maria lag noch lange wach, und ihre Gedanken kreisten um ihren Alltag. Nun erst wurde ihr langsam klar, dass sie mit noch nicht mal siebzehn Jahren von einem Tag auf den anderen sozusagen Mutter von fünf Kindern war. Sie hatte für diese und den Vater zu sorgen. Essen kochen, die Wäsche waschen und im Sommer den Garten bestellen und die Ernte einmachen. Sicher, Toni und Anna müssten viel helfen, und bald konnte Ida auch schon mehr tun, aber an ihr hing die Hauptlast. Sie war nun für immer an zu Hause gebunden. Vater würde sicher nicht mehr heiraten. Er war ein gebrochener Mann. Und wenn Josef irgendwann heiratete, durfte sie als „Tante“ im Haus weiter für die anderen schuften. Zu gern wäre sie auch mal aus dem Dorf gekommen.

Ihre Freundin Johanna war nun in „Stellung“ bei einer reichen Kaufmannsfamilie in Osnabrück. Wenn diese mal frei hatte und zu Hause in Lengerich war, erzählte sie, was es da im Haus alles gab. Jedes Kind hatte ein eigenes Bett. Die Mädchen hatten schöne Puppen und die kleinen Jungen einen Teddybär und eine Eisenbahn. Es gab viele Bücher und sogar ein Klavier. In der Stadt waren viele schöne Läden mit Dingen, die sie sich niemals leisten könnte. Das hörte sich an wie aus einer anderen Welt. Und manchmal träumte Maria wie viele ihrer Freundinnen, dass sich mal ein reicher Mann in sie verlieben und sie mitnehmen und heiraten würde. So wie der Prinz in den Märchengeschichten, die ihr die Mutter früher an langen Winterabenden erzählt hatte. Dann waren sie gemütlich hinterm Ofen gesessen. Mutter hatte Socken gestopft oder kaputte Kleider geflickt. Vater hatte genüsslich seine Pfeife gepafft, und sie hatte mit Josef gebannt den Erzählungen der Mutter zugehört, bis sie ins Bett geschickt worden waren. Diese schöne Zeit war nun für immer verloren. Nun war es an ihr, den Kindern ein paar heimelige Momente zu schenken. Ida und Heini waren noch relativ klein, und sie nahm sich fest vor, ihnen, so gut es ging, die Mutter zu ersetzen. Das war das Einzige, was sie nun noch für Mama tun konnte. Außerdem für deren Seelenheil und das des tot geborenen Kindes beten.

3. Kapitel

Der Sommer war in diesem Jahr besonders heiß und die politische Lage konnte man wohl ähnlich beschreiben. Österreich-Ungarn hatte Serbien am 28. Juli 1914 den Krieg erklärt, nach dem Attentat von Sarajewo, bei dem der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie-Charlotte ermordet wurden. Kaiser Wilhelm II. und Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg sagten Österreich-Ungarn ihre bedingungslose Unterstützung zu. Und am Samstag, den 1. August 1914, erklärte das Deutsche Reich als Österreichs Verbündeter Russland den Krieg.

Im Laufe des Nachmittags trafen bei den Dorfbürgermeistern im Emsland die amtlichen Telegramme zur Mobilmachung ein. So auch im beschaulichen Lengerich. Am späten Nachmittag verkündete der Gemeindevorsteher Wintermann den Mobilmachungsbefehl. Die Nachricht verbreitete sich schnell von Haus zu Haus. Die Stimmung war überwiegend bedrückt.

Es war ein warmer Augustabend und Maria hatte heute bei der Arbeit schon sehr geschwitzt. Nun saß sie noch draußen und schaute den spielenden Kindern auf dem angrenzenden Kirchhof zu. Noch vor ein paar Jahren war auch sie ausgelassen mit den Nachbarskindern dabei gewesen, und sie hatten „Verstecken“ oder „Räuber und Gendarm“ gespielt. Wenn die Jungs zu wild gewesen waren oder sich mal wieder nur geprügelt hatten, hatten die Mädchen gern „Abklatschspiele“ gespielt oder sich mit Gänseblümchen Blumenkränze fürs Haar geflochten. Sie hatte eine schöne Kindheit gehabt und dachte gern an die Zeit zurück, bevor Mutter gestorben war. Mithelfen und viel arbeiten, ja, das hatte sie seit frühester Kindheit tun müssen. Aber ihre Eltern hatten ihnen doch auch immer etwas Zeit gelassen, um Kind zu sein. Für Maria war die unbeschwerte Zeit mit dem Tod der Mutter zu Ende gewesen. Sie musste viel zu schnell erwachsen werden und Verantwortung übernehmen. Dass die Mutter infolge der Entbindung verstarb, war zu dieser Zeit kein Einzelschicksal. Aber der Gedanke, dass es anderen ebenso erging, gab ihr das Gefühl, nicht ganz allein zu sein. Sie versuchte, im Glauben und im Gebet Trost zu finden, was ihr jedoch immer seltener gelang. Oft zweifelte sie an der Güte Gottes, haderte mit ihm und verstand seinen Willen nicht. Dann kam prompt das schlechte Gewissen, und reuig beichtete sie ihre unguten Gedanken. Der Pastor brummte ihr dann drei Gesätze vom Rosenkranz auf und empfahl ihr, dringend für die verstorbene Mutter zu beten, dass diese mit all ihren Sünden vor dem Herrgott bestehen könne und aufgenommen werde im Himmelreich, ohne lange im Fegefeuer sein zu müssen.

Diese Vorstellung machte Maria Angst. Ihre Eltern hatten doch mit ihren Kindern immer zum „lieben“ Gott gebetet? Mama hatte so friedlich ausgesehen im Sarg, so erlöst. Keine Spur von Qualen im Fegefeuer. Und als der Pastor am Sarg gesungen hatte: „Zum Paradies mögen Engel dich geleiten … “, da war das doch eine schöne und wahrlich tröstende Vorstellung gewesen. Ja, die Mutter fehlte Maria sehr. Doch sie spürte sie noch ganz oft in ihrer Nähe.

Gott sei Dank hatte Vater sich auch wieder gefangen. Aber heiraten würde er sicher nicht mehr. Heinrich war nun auch schon fünfzig. Er trug seine Carolina immer in seinem Herzen. Wenn Maria jedoch noch jünger gewesen wäre, dann hätte er sich wieder eine Frau suchen müssen. Maria war nun neunzehn Jahre alt und eigentlich im heiratsfähigen Alter. Aber es war ja gar nicht dran zu denken, dass sie hier wegging. Sie war für den kleinen Heini quasi Mutterersatz. Der Junge hing sehr an ihr, und wenn er sie mal nicht fand, fing er gleich an zu weinen. Seit dem Tod der Mutter hatte er große Verlustängste.

Das war nun also ihr Leben. Manchmal träumte sie von einem besseren, einem eigenen Leben. Aber die Realität hatte sie schnell wieder eingeholt. Und nun kam auch noch der Krieg.

Vater saß bei einem Bier mit dem Nachbarn auf der Bank vor dem Haus.

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