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Zum Lieben verführt

Penny Jordan

Zum Lieben verführt

PROLOG

Ilios Manos ließ den Blick über das Land schweifen, das seit nahezu fünf Jahrhunderten im Besitz seiner Familie war. Hier auf dieser felsigen Landzunge, die sich im Nordosten Griechenlands in die Ägäis erstreckte, hatte sein Vorfahr Alexandros Manos im sechzehnten Jahrhundert eine Nachbildung von der berühmten Villa Emo des sagenumwobenen Baumeisters Palladio errichten lassen.

Alexandros Manos war ein reicher griechischer Kaufmann mit eigener, zwischen Konstantinopel und Venedig verkehrender Handelsflotte gewesen. Beim Anblick des neuen Familiensitzes seines italienischen Geschäftspartners war er so neidisch geworden, dass er sich heimlich die Baupläne des bedeutendsten Architekten der Renaissance beschafft hatte, um sich in Griechenland eine Kopie der Villa errichten zu lassen. Diese hatte er Villa Manos getauft und sie mitsamt dem Land, auf dem sie stand, zu einem heiligen Vermächtnis erklärt. In seinem Testament legte er fest, dass der Besitz von Generation zu Generation weitervererbt werden und für alle Zeit in Händen der Familie bleiben sollte.

Tatsächlich hatte sich Alexandros Manos hier ein kleines Königreich geschaffen, mit sich selbst als uneingeschränktem Herrscher.

Ilios’ Großvater hatte diese auf drei Seiten vom Meer umschlossene Landzunge mit den Bergen im Norden alles bedeutet. Deshalb hatte er seinen gesamten Reichtum darauf verwendet, das Land zu beschützen. Das Land, nicht jedoch seine Söhne, die für die Verpflichtung, die ihm sein Erbe auferlegte, mit dem Leben hatten bezahlen müssen. Er hatte sie praktisch geopfert.

Und einer dieser Söhne war Ilios’ Vater gewesen.

Ilios hatte von seinem Großvater eine Menge gelernt. Vor allem aber stand für ihn unverrückbar fest, dass jeder Nachkomme von Alexandros Manos die unabweisbare Pflicht hatte, die eigenen Gefühle hintanzustellen, um zu gewährleisten, dass die heilige Fackel an die nächste Generation weitergereicht wurde. Mochte auch die Hand, die diese Fackel trug, sterblich sein, so brannte die Fackel selbst doch ewig. Ilios, der mit den alten Geschichten seines Großvaters aufgewachsen war, wusste nur allzu gut, was es bedeutete, ein Manos zu sein. Man musste bereit sein, für sein Erbe alles und jeden zu opfern.

Und jetzt war Ilios an der Reihe, seine heilige Pflicht zu erfüllen. Dazu gehörte für ihn auch, dem Familienerbe wieder seinen alten Glanz zu verleihen – etwas, das seinem Großvater verwehrt geblieben war.

Als sie noch Kinder gewesen waren, hatte sein Cousin Tino ihn ausgelacht, weil Ilios seinem Großvater versprochen hatte, dass er einen Weg finden werde, um all die Pracht und Herrlichkeit längst vergangener Zeiten wiederaufleben zu lassen. Und später hatte Tino erneut gefeixt, als Ilios sich bereit erklärt hatte, seine Schulden zu übernehmen, allerdings nur unter der Bedingung, dass dieser auf seinen Erbteil verzichtete.

Ilios schaute nachdenklich auf die Villa. In seinen markanten Gesichtszügen hatten die Geschichten von Generationen unbeugsamer Männer ihre Spuren hinterlassen. Sein Gesicht wirkte wie in Stein gemeißelt und erinnerte an die Heldengestalten der griechischen Mythologie. Seine goldenen Augen, ein Erbe der Ehefrau, die Alexandros aus einem Land der nördlichen Hemisphäre mitgebracht hatte, fixierten den Horizont.

Aber jetzt lachte Tino nicht mehr, sondern hatte alle Hände voll damit zu tun, seinen Rachefeldzug zu planen. Gerächt hatte er sich schon immer gern, auch als Junge. Neid und Missgunst seinem Cousin gegenüber hatten seit eh und je zu Tinos hervorstechendsten Charaktermerkmalen gehört. In Tinos Augen war es ein schwerer Nachteil, als Sohn des jüngeren Bruders geboren zu sein, und dafür gab er Ilios die Schuld.

Ilios stand in dem Ruf, ein knallharter Geschäftsmann zu sein. Er war berüchtigt dafür, seinen Angestellten sehr viel abzuverlangen, gleichzeitig aber war er selbst bereit, immer und überall sein Bestes zu geben.

Er hatte in der Baubranche ein Vermögen gemacht. Und das war nicht schwarzer Magie zu verdanken, sondern allein seinem Fleiß, seiner Zähigkeit und seinem unbedingten Willen zum Erfolg.

Ilios wusste, dass es viele Menschen gab, die ihm seinen steilen Aufstieg aus der bitteren Armut seiner Kindheit neideten. Ihrer Meinung nach konnte niemand so reich werden wie er – sein Vermögen bemaß sich nicht nach Millionen, sondern nach Milliarden –, ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Aus diesem Grund gab es immer genug Neider, die – nicht anders als sein Cousin – seinen Ruin herbeisehnten.

Für einen kurzen Moment badete die aufgehende Morgensonne sein Profil in purem Gold, sodass sein Gesicht an die goldene Maske Alexander des Großen erinnerte. Alexander der Große stammte aus diesem Teil Griechenlands und war der Familiensaga nach zusammen mit Ilios’ Vorfahren über diese Halbinsel gewandert.

Einige Meter weiter wartete einer seiner Vorarbeiter auf Ilios, und hinter ihm scharrten die Fahrer der schweren Kräne mit den Abrissbirnen schon ungeduldig mit den Hufen.

„Was sollen wir machen?“, fragte der Mann.

Ilios warf einen finsteren Blick auf den erst vor Kurzem fertiggestellten Apartmentkomplex.

„Abreißen. Reißen Sie das Ding ab und sichern Sie die Baustelle.“

Der Vorarbeiter wirkte schockiert.

„Aber Ihr Cousin …“

„Mein Cousin hat hier nichts zu melden. Machen Sie es dem Erdboden gleich.“

Der Vorarbeiter gab den Kranfahrern ein Zeichen. Und noch während die schweren Abrissbirnen in der Morgensonne herumschwenkten und mit ohrenbetäubendem Getöse gegen die Mauern krachten, machte Ilios auf dem Absatz kehrt und ging davon.

1. KAPITEL

„Und was willst du jetzt machen?“, fragte Charley bang.

Lizzie schaute auf ihre jüngeren Schwestern. Sofort meldete sich der vertraute Reflex, die beiden zu beschützen, und verstärkte ihre Entschlossenheit noch.

„Ich habe keine Wahl“, erwiderte sie. „Ich muss hinfahren.“

„Was? Du willst nach Thessaloniki fliegen?“

„Es ist der einzige Weg.“

„Aber wir haben kein Geld.“

Das war Ruby, mit ihren zweiundzwanzig Jahren das Nesthäkchen der Familie. Sie saß am Küchentisch, während sich die Zwillinge – Rubys fünf Jahre alte Söhne – im Zimmer nebenan auffällig still verhielten. Was wahrscheinlich damit zusammenhing, dass die beiden die seltene Erlaubnis erhalten hatten, noch eine weitere halbe Stunde fernzusehen, damit die Schwestern die bedrohliche Lage besprechen konnten.

Richtig, sie hatten kein Geld – und das war ganz allein ihre Schuld, wie Lizzie zugeben musste.

Nachdem vor sechs Jahren ihre Eltern im Urlaub von einer riesigen Welle erfasst worden und ertrunken waren, hatte Lizzie sich geschworen, alles zu tun, um die Familie zusammenzuhalten. Deshalb hatte sie damals ihr Studium abgebrochen und sich bei einer renommierten Londoner Firma für Innenausstattung beworben, in der Hoffnung, mit diesem Erfahrungshintergrund eines Tages vielleicht doch noch ihren Traumberuf als Filmdekorateurin ergreifen zu können. Charley hatte ihr Studium gerade erst begonnen, und Ruby stand kurz vor der mittleren Reife.

Sie hatten ihre Eltern sehr geliebt, deshalb war es ein furchtbarer Schlag gewesen, so aus heiterem Himmel gleich Mutter und Vater auf einmal zu verlieren. Besonders Ruby, die in ihrer Verzweiflung Trost in den Armen eines Mannes gesucht hatte, war untröstlich gewesen. Und dann hatte dieser Mann sie auch noch sitzen gelassen, obwohl sie Zwillinge erwartete.

Aber das Schicksal hielt noch weitere böse Überraschungen für sie bereit. Ihr angebeteter Vater und ihre ebenso heiß geliebte Mutter hatten für ihre Kinder eine Traumwelt erschaffen, die mit der Realität leider nur wenig zu tun gehabt hatte.

Das wundervolle gregorianische Pfarrhaus in dem kleinen Dorf in Cheshire, in dem sie aufgewachsen waren, ächzte unter der schweren Last seiner Hypotheken, ihre Eltern hatten keine Lebensversicherung abgeschlossen, ihre einzige Hinterlassenschaft war ein Riesenberg Schulden gewesen. Am Ende war den drei Schwestern nichts anderes übriggeblieben, als das Haus ihrer Kindheit zu verkaufen, um die Schuldenlast so weit wie möglich zu reduzieren.

In dem Bemühen, alles in ihren Kräften Stehende für ihre Schwestern zu tun, hatte Lizzie in Zeiten des boomenden Immobilienmarkts ihre wenigen Ersparnisse zusammengekratzt, um in einer aufstrebenden Gegend südlich von Manchester eine eigene Firma für Innenausstattungen zu gründen. Auf diese Weise wollte sie es Charley ermöglichen, ihr Studium an der Universität von Manchester fortzusetzen, während Ruby sich um die Zwillinge kümmern konnte. Sie selbst wollte sich als Geschäftsfrau etablieren und so für das Familieneinkommen sorgen.

Und in der ersten Zeit war es auch wirklich gut gelaufen. Lizzie hatte mehrere lukrative Aufträge an Land gezogen, aus denen sich Folgeaufträge entwickelt hatten. Geblendet von ihrem Erfolg, hatte sie die Chance ergriffen, von einem der Bauträger, für die sie tätig war, ein größeres Haus zu erwerben, was natürlich eine höhere Hypothekenbelastung nach sich gezogen hatte. Trotzdem war ihr das Ganze damals als durchaus vernünftig und zweckmäßig erschienen, weil sie mit den Zwillingen den zusätzlichen Platz ja dringend gebraucht hatten. Und ein größeres Auto war auch kein Luxus gewesen. Sie benötigte ein Fahrzeug, um zu den oft außerhalb gelegenen Baustellen zu kommen, und Ruby musste die Zwillinge in den Kindergarten bringen.

Aber dann war die Finanzkrise über sie hereingebrochen, und wieder war schlagartig alles anders gewesen. Die Blase am Immobilienmarkt war so überraschend geplatzt, dass sie es nicht geschafft hatten, ihre Ausgaben herunterzufahren und die Hypothekenbelastung zu reduzieren, weil der Wert des Hauses rapide gesunken war. Und Lizzie hatte plötzlich Probleme gehabt, an neue Aufträge zu kommen. Ihre Rücklagen für schlechte Zeiten hatten sich längst nicht so vermehrt wie erhofft, sodass es jetzt in finanzieller Hinsicht düster aussah.

Charley arbeitete inzwischen als Projektmanagerin für eine örtliche Firma, während Ruby immer noch zu Hause war. Obwohl sie verzweifelt versuchte, einen Job zu finden, um ebenfalls etwas zum Familieneinkommen beizutragen. Doch dagegen wehrten sich Lizzie und Charley vehement. Sie beharrten darauf, dass die Zwillinge eine Mutter brauchten, die für sie da war, genauso wie ihre eigene Mutter immer für sie da gewesen war. Als sie vor sechs Monaten die ersten Auswirkungen der Finanzkrise zu spüren bekommen hatten, war Lizzie noch guter Hoffnung gewesen, dass sie es irgendwie schaffen könnten, wenn sie sich einen Zweitjob suchte.

Doch am Ende hatte sich das alles als Illusion herausgestellt. Die Aufträge waren nicht nur bei ihr, sondern generell eingebrochen, was bedeutete, dass ihre Arbeitskraft schlicht nicht gebraucht wurde. Die meisten Firmen versuchten, sich irgendwie notdürftig über Wasser zu halten. Viele von Lizzies Kunden hatten die Verträge gekündigt, und manche schuldeten ihr immer noch viel Geld, das wahrscheinlich unwiderruflich verloren war.

Genau gesagt war die Auftragslage so deprimierend, dass Lizzie sich vorgenommen hatte, im örtlichen Supermarkt nachzufragen, ob man nicht vielleicht dort irgendeine Arbeit für sie hatte. Und dann war der Brief gekommen. Und jetzt waren sie – oder genauer gesagt war sie – in einer noch auswegloseren Situation.

Zwei ihrer neueren Kunden, für die sie bereits mehrere Aufträge durchgeführt hatte, hatten sie vor einiger Zeit beauftragt, die Innenausstattung für einen Apartmentkomplex in Nordgriechenland zu übernehmen. Die auf einer wunderschönen griechischen Halbinsel gelegene Wohnanlage sollte den Anfang eines luxuriösen und exklusiven Ferienprojekts bilden, einschließlich Villen, drei Fünf-Sterne-Hotels, eines Jachthafens, Restaurants und allem, was sonst noch dazugehörte.

Bei der Ausstattung der Ferienapartments, die in einem „edlen Notting-Hill-Stil“ gehalten sein sollten, hatte ihr der Kunde bis auf eben diese Etikettierung völlig freie Hand gelassen.

Auch wenn es von ihrer Ecke der Industriestadt Manchester bis Notting Hill ein weiter Weg war, hatte Lizzie doch sehr klar vor Augen gehabt, was ihren Kunden vorschwebte: Weiße Wände, luxuriöse Bäder mit blitzenden Armaturen und supermoderne Küchen, spiegelnde Marmorböden, exotische Pflanzen und Blumen, butterweiche Sofas …

Lizzie war mit ihren Kunden, einem Paar mittleren Alters, mit dem sie nie so richtig warm geworden war, nach Griechenland geflogen, um die Apartments zu besichtigen. Ihr erster Eindruck war ziemlich niederschmetternd gewesen, weil sie sich etwas weit Spektakuläreres und Innovativeres vorgestellt hatte als einen sechsstöckigen Betonklotz mitten in der Landschaft, der nur über einen holprigen Feldweg erreichbar war. Die luxuriöse Ferienanlage, von der ihre Kunden gesprochen hatten, ließ sich hier noch nicht einmal erahnen.

Doch als sie es gewagt hatte, leise Zweifel anzumelden, ob die Apartments wirklich gut verkäuflich seien, hatte man ihr versichert, dass sie sich ganz unnötige Sorgen mache.

„Bei dem Spottpreis, den wir investiert haben, können wir den ganzen Komplex für einen Apfel und ein Ei vermieten und würden immer noch Gewinn machen“, hatte Basil Rainhill gescherzt. Zumindest hatte Lizzie es als Scherz aufgefasst. Obwohl man das bei Basil nie so genau wusste.

Er sei mit einem Silberlöffel im Mund geboren worden, hatte seine Frau ihr anvertraut. „Außerdem hat Basil einen untrüglichen Riecher für lohnende Geldanlagen. Es ist eine Gabe, wissen Sie. Sie vererbt sich in seiner Familie weiter.“

Nur dass ihn diese Gabe jetzt verlassen hatte. Kurz bevor die Rainhills unter Hinterlassung eines riesigen Schuldenbergs auf Nimmerwiedersehen verschwunden waren, hatte Basil Rainhill Lizzie eröffnet, dass er pleite war und sie für ihre Arbeit nicht bezahlen konnte. Zum Ausgleich dafür hatte er ihr einen zwanzigprozentigen Anteil an dem Apartmentkomplex angeboten.

Das Geld wäre Lizzie natürlich lieber gewesen, aber ihr Anwalt hatte ihr geraten, das Angebot anzunehmen. Und so war sie Miteigentümerin an dem Apartmentkomplex geworden.

Bei der Ausstattung der Apartments hatte sie trotz der beschränkten Möglichkeiten ihr Bestes gegeben, und am Ende war sie mit dem Ergebnis sogar recht zufrieden gewesen. Auch wenn ihr die Idee, dass man die Apartments verkaufen könnte, von Anfang an ziemlich unwahrscheinlich erschienen war, hatte sie doch gehofft, dass man sie vielleicht an Urlauber vermieten und auf diese Weise über Umwege doch noch zu ihrem so dringend benötigten Geld kommen könnte.

Aber jetzt hatte sie diesen alarmierenden Brief mit dem unüberhörbar drohenden Unterton erhalten. Der Schreiber, ein gewisser Ilios Manos, erwartete, dass sie nach Thessaloniki kam, um sich mit ihm zu treffen. Angeblich ging es um „die Klärung gewisser rechtlicher und finanzieller Angelegenheiten, die Ihre Geschäftspartnerschaft mit Basil Rainhill und meinem Cousin Tino Manos betreffen“, wie er schrieb. Und am Ende standen da die beunruhigend ominösen Worte: „Sollte ich auf dieses Schreiben von Ihnen keine Antwort erhalten, werde ich meine Anwälte anweisen, die Angelegenheit in meinem Sinne zu regeln.“

Einen ungünstigeren Zeitpunkt für seine Einmischung hätte sich der Mann wahrlich nicht aussuchen können, gleichwohl klang der ganze Tonfall des Briefs in Lizzies Ohren zu bedrohlich, um ihn zu ignorieren. Auch wenn ihr bei der Vorstellung eines Treffens ziemlich mulmig wurde, musste sie doch an das Wohl ihrer Familie denken, das für sie an erster Stelle rangierte. Sie trug für die Menschen, die sie liebte, Verantwortung.

„Wenn dieser Grieche dich unbedingt treffen will, könnte er dir ja wenigstens das Flugticket spendieren“, brummte Ruby.

Aber Lizzie fühlte sich nicht ganz unschuldig.

„Ich habe einfach geschlafen. Mir hätte längst auffallen müssen, dass der Immobilienmarkt völlig überreizt ist.“

„Jetzt hör schon auf, dir ständig für alles die Schuld zu geben“, sagte Charley. „Wie hätte dir denn was auffallen sollen, wenn nicht mal die Regierung etwas gemerkt hat?“

Lizzie rang sich ein Lächeln ab.

„Bestimmt gibt dir die Bank doch noch mal einen Überziehungskredit, wenn du es ihnen erklärst, meinst du nicht?“, warf Ruby hoffnungsvoll ein.

Charley schüttelte den Kopf. „Im Moment beißen da alle auf Granit, sogar relativ erfolgreiche Firmen, wie man weiß.“

Lizzie nagte nachdenklich an ihrer Unterlippe. Sie fühlte sich schrecklich, obwohl sie wusste, dass Charley ihr keine Vorwürfe machte. Ihre Schwestern hatten sich stets auf sie verlassen können. Sie war die Älteste, diejenige, die Verantwortung trug und zu der die anderen aufschauten. Und sie war immer stolz darauf gewesen, dass sie es schaffte, für ihre Schwestern zu sorgen. Obwohl ihr die gegenwärtige Finanzkrise nur allzu deutlich vor Augen geführt hatte, dass dieser Stolz unangebracht und auf Sand gebaut gewesen war.

„Und was willst du jetzt machen?“, warf Ruby ein. „Wie sollst du nach Griechenland kommen, wenn nicht mal Geld für das Flugticket da ist?“

„He, Moment, da fällt mir was ein!“ Lizzie fiel ein Stein vom Herzen. „Ich habe ja noch das Eimergeld, und übernachten kann ich in einem der Apartments.“

Bei dem „Eimergeld“ handelte es sich um Münzen, die Lizzie in wirtschaftlich rosigeren Zeiten in dem dekorativen Zinneimer in ihrem Büro gesammelt hatte. Er stand jetzt in ihrem Schlafzimmer.

Zwei Minuten später beugten sich drei Köpfe über den Eimer, den sie auf den Küchentisch gestellt hatte.

„Meinst du, das reicht?“ Rubys Stimme klang zweifelnd.

Es gab nur einen Weg, das herauszufinden.

„Neunundachtzig Pfund“, verkündete Lizzie eine halbe Stunde später, als alle Münzen gezählt waren.

„Neunundachtzig Pfund und vier Pence“, korrigierte Charley.

„Und? Reicht das für ein Flugticket?“, fragte Ruby.

„Dafür werde ich schon sorgen“, gab Lizzie entschlossen zurück.

2. KAPITEL

Unmöglich! Das konnte nicht sein! Der Apartmentkomplex konnte nicht einfach verschwunden sein.

Und doch war es so.

Lizzie machte ganz fest die Augen zu und riss sie wieder auf, in der verzweifelten Hoffnung, dass alles nur ein böser Traum war. Doch vergebens. Der Apartmentblock war nicht mehr da.

Er ist nicht mehr da.

An der Stelle, an der sie das vertraute würfelförmige Gebäude erwartet hatte, war nur aufgeworfenes, flüchtig geglättetes Erdreich, in dem immer noch die Spuren der Planierraupen erkennbar waren.

Lizzie hatte einen wenig bequemen Flug hinter sich und eine lange, aufreibende Taxifahrt mit einem griechischen Fahrer, der offenbar geglaubt hatte, seine Männlichkeit unter Beweis stellen zu müssen, indem er mit halsbrecherischem Tempo über die mit Schlaglöchern gepflasterten Straßen raste.

Und hier war sie nun.

Lizzie starrte auf den zerfurchten Boden, wo der Apartmentkomplex gestanden hatte. Dann hob sie den Kopf und ließ den Blick über die Landzunge schweifen, das struppige Gras, die immer noch in winterliches Grau gehüllte Ägäis. Der kalte Wind, der übers Meer herüberwehte, schmeckte nach Salz … oder waren das ihre Tränen?

Was um Himmels willen war hier passiert? Laut Vertrag mit Basil hielt sie einen zwanzigprozentigen Aktienanteil an dem Komplex, was bedeutete, dass ihr zwei Apartments gehörten, von denen jedes einzelne einen behaupteten Schätzwert von zweihunderttausend Euro hatte. Auch wenn hunderttausend in Lizzies Augen realistischer gewesen wären, doch das spielte jetzt ohnehin keine Rolle mehr, weil sich jeder mögliche Wert buchstäblich in Luft aufgelöst hatte – zusammen mit dem Gebäude. Es war Geld, das zu verlieren sie sich schlicht nicht leisten konnte.

Was sollte sie jetzt bloß tun? Sie hatte kaum fünfzig Euro in der Tasche, kein Dach überm Kopf und keinen fahrbaren Untersatz, um in die Stadt zurückzukommen, keine Apartments – nichts. Nur einen Brief mit unüberhörbar drohendem Unterton. Der hatte sich nicht in Luft aufgelöst – ebenso wenig wie der Mann, der ihr ihn geschrieben hatte.

Ilios Manos hatte eine Stinkwut, anders konnte man es nicht bezeichnen. Und wenn er in diesem Zustand war, lud sich die Atmosphäre um ihn herum mit Blitz und Donner auf, genauso wie bei Zeus, dem Göttervater, in den alten griechischen Heldensagen.

Der aktuelle Grund für seine Wut war sein Cousin Tino. Nachdem Tinos ursprünglicher Versuch, Geld aus ihm herauszuholen, gescheitert war, versuchte dieser Idiot doch jetzt tatsächlich, ihm sein Erbe streitig zu machen, indem er behauptete, dass Ilios verheiratet sein müsse, um dieses Erbe überhaupt antreten zu können.

Anfangs war Ilios entschlossen gewesen, Tinos Drohung einfach zu ignorieren, aber seine Anwälte hatten ihn vor einem langen, kostspieligen Rechtsstreit gewarnt und ihm geraten, Tino das verlangte Geld einfach zu geben.

Aber wo gab’s denn so was? Er sollte sich von Tino erpressen lassen? Niemals. Ilios’ Mund wurde ein schmaler Strich.

„Nun, in diesem Fall sollten Sie sich besser schnell nach einer Ehefrau umsehen“, hatte ihm sein Anwalt daraufhin empfohlen.

„Auch wenn ich der Meinung bin, dass Tino am Ende vor Gericht nichts gegen mich ausrichten kann?“, hatte Ilios wütend gefragt.

„Das Problem ist, dass Ihr Cousin im Unterschied zu Ihnen nichts zu verlieren hat. Er könnte Sie über Jahre in einen komplizierten Rechtsstreit verwickeln, der Sie viel Zeit, Nerven und Geld kostet.“

Der für Ilios erst beendet sein würde, wenn er gewonnen hatte. So viel stand fest.

Sein Anwalt hatte ihm geraten, sich die ganze Sache noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen, wahrscheinlich weil er hoffte, dass Ilios am Ende einlenken und Tino die Million geben würde. Eine Summe, die für Ilios zugegebenermaßen ein Klacks war, aber das war nicht entscheidend. Entscheidend war, dass Tino von ihm Geld wollte, das ihm nicht zustand. Und da spielte Ilios nicht mit. Schon aus Prinzip nicht.

Er war gerade dabei, einen alten, kranken Olivenbaum zu fällen, als sein Blick auf das Taxi fiel, das in unglaublicher Geschwindigkeit die holprige Straße zur Landzunge heruntergerast kam. Jetzt hielt es an, um seinen Fahrgast aussteigen zu lassen. Kurz darauf wendete es und fuhr denselben Weg wieder zurück.

Ilios trat, immer noch mit dem Schutzhelm seiner Baufirma auf dem Kopf, bekleidet mit einem kurzärmligen weißen T-Shirt und Jeans, die er in seine Arbeitsstiefel gesteckt hatte, aus dem Olivenhain und beobachtete die Frau, die aufs Meer hinausschaute.

Als Lizzie sich, immer noch starr vor Entsetzen ob ihrer Entdeckung, umdrehte, sah sie den Mann, der zu ihr herüberschaute.

„Zutritt verboten!“, rief er ihr zu. „Das ist ein Privatgrundstück.“

Er sprach Englisch! Offensichtlich wusste er von dem Bauvorhaben, das hier begonnen – und beerdigt – worden war. Aber sein Ton klang so feindselig, dass Lizzie sich aufgefordert fühlte dagegenzuhalten. „Ein Privatgrundstück, das zum Teil mir gehört.“

Auch wenn das vielleicht nicht hundertprozentig korrekt war, musste ihr als Teilhaberin eines Apartmentkomplexes doch sicher auch ein prozentualer Anteil des Grund und Bodens gehören, auf dem dieser ...

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