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Zum Küssen gehören zwei

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1. KAPITEL

„Lasst mich in Ruhe!“, murmelte Quinn O’Neill, als es an der Tür klingelte.

Dies war der denkbar schlechteste Zeitpunkt für eine Unterbrechung. Er hatte gerade einen Testlauf des neuen Computersystems gestartet. Wenn ein Problem auftrat, wollte er es direkt mitbekommen, anstatt hinterher Tausende Zeilen Code durchzugehen, um den Fehler aufzuspüren. Wer auch immer an der Tür stand, war nicht eingeladen und in diesem Augenblick auch nicht willkommen. Außerdem – wer schellte schon um viertel vor acht morgens bei jemandem an der Tür?

Es klingelte wieder.

Offensichtlich würde die Person nicht einfach wieder gehen. Quinn musste wohl oder übel öffnen, den Besucher so schnell wie möglich loswerden und hoffen, dass das System währenddessen nicht abstürzte.

Sie sieht aus wie eine Anwältin oder Bankerin, war sein erster Gedanke, als er die Tür öffnete. Die Frau trug einen schwarzen Hosenanzug – schlicht, aber perfekt geschnitten – mit einer blütenweißen Bluse, dazu atemberaubend hochhackige Schuhe. Weiche burgunderrote Lederhandschuhe mit passendem Kaschmirschal waren ein Zugeständnis an den kalten Novembermorgen. Ihr blondes Haar war zu einem Knoten gebunden, und sie trug kaum Make-up. Eine Brille ließ sie intellektuell und ein kleines bisschen furchteinflößend aussehen. Anwältin, entschied Quinn.

„Ja?“, fragte er gedehnt.

Als sie eine Hand ausstreckte, bemerkte er, dass sie eine große Dose und eine Pflanze bei sich hatte. „Mr. O’Neill, herzlich willkommen in Grove End Mews“, sagte sie mit einem vornehmen Akzent.

Reiches Elternhaus, vermutete er. Nach dem, was er gerade für das neue Haus in Belgravia ausgegeben hatte, durfte er davon ausgehen, dass all seine Nachbarn reich waren. Falls sie eine Nachbarin war. Aber warum sonst sollte sie mich hier willkommen heißen?

Als hätte sie seine Gedanken gelesen, stellte sie sich vor. „Carissa Wylde, Vorsitzende der Anwohnergemeinschaft.“

„Clarissa?“

„Carissa“, korrigierte sie vergnügt. „Ohne L.“

Den Fehler machten offensichtlich mehrere.

Sie lächelte ihn süß an. „Ich hoffe, Sie haben sich schon etwas eingelebt. Ich habe Ihnen ein kleines Willkommensgeschenk von der Anwohnergemeinschaft mitgebracht.“

Oh nein! Quinn hatte keine Zeit für solchen Unsinn. Eine Anwohnergemeinschaft war etwas für Wichtigtuer, die sonst nichts zu tun hatten. Er wollte damit nichts zu schaffen haben. Und war der Vorstand normalerweise nicht jemand um die fünfzig? Carissa sah aus, als wäre sie noch keine dreißig.

„Sehr freundlich von Ihnen“, erwiderte er, ohne ein Wort davon ernst zu meinen. „Aber ich möchte kein Mitglied einer Anwohnergemeinschaft werden, vielen Dank.“ Bevor sie etwas erwidern konnte, ergänzte er: „Mich interessiert weder, wer hier parkt, noch in welcher Farbe die Leute ihre Haustür streichen. Ich werde mich garantiert nicht beschweren.“

„Unsere Anwohnergemeinschaft beschäftigt sich nicht mit solchen Dingen.“ Ihr Lächeln verrutschte nicht, aber es wirkte etwas starrer. „Uns geht es um gegenseitige Hilfe.“

Ihm würde es schon helfen, wenn Carissa Wylde endlich ginge und ihn in Ruhe ließe. Jetzt.

Bevor er die Chance hatte, das auszusprechen, fuhr sie fort: „Wenn Sie zum Beispiel einen Handwerker suchen, jemanden für Arbeiten im Haus oder Garten.“

Er hob eine Braue. „Sie sind ein Kartell?“

„Nein“, entgegnete sie knapp. „Aber die Häuser hier stehen alle unter Denkmalschutz, und die meisten Leute lassen nicht jeden daran arbeiten.“

„Warum sollte ich nicht einfach jemanden von der Denkmalschutzbehörde fragen, wenn ich einen Handwerker brauche?“

„Weil meine Liste auf persönlichen Empfehlungen beruht“, erklärte sie sanft.

„Oh.“

„Willkommen in Grove End Mews, Mr. O’Neill“, sagte sie noch einmal und reichte ihm die Pflanze, die Dose und einen Umschlag, in dem er eine Begrüßungspostkarte vermutete. Anschließend wandte sie sich zum Gehen.

Gut, sie ist zu einem schlechten Zeitpunkt gekommen – aber das konnte sie nicht wissen. Die meisten Leute wären wahrscheinlich davon ausgegangen, dass er mit Auspacken beschäftigt war und sich über jede Unterbrechung freute. Schließlich war Quinn erst gestern eingezogen. Er musterte die Dose. Es sah aus, als hätte sie ihm selbstgebackenen Kuchen gebracht. Immer noch warm, der Dose nach zu urteilen. Sie ist freundlich. Hat mich willkommen geheißen. Und ich bin unhöflich. Nein, sogar unausstehlich. Kein guter Anfang.

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Ms. Wylde – warten Sie!“

Sie drehte sich um und sah ihn an. „Ja?“

„Vielen Dank für die Pflanze. Und den … äh, Kuchen.“ Jedenfalls nahm er an, dass es Kuchen war. Vielleicht hatte sie ihm aber auch Kekse gebracht.

Sie hob die Schultern. „Es ist gar nicht so einfach, sich ein Begrüßungsgeschenk für einen Mann zu überlegen. Ich bin davon ausgegangen, dass Sie keine Vase haben, also ist eine Topfpflanze wahrscheinlich die bessere Wahl. Es ist übrigens eine Dracaena, die können Sie unbesorgt auch mal vernachlässigen.“

Umso besser. Er brauchte nichts, um das er sich kümmern musste. Haustiere, Pflanzen und Kinder waren in Quinns Welt tabu.

„Danke“, wiederholte er und fühlte sich etwas ratlos. Wie hatte sie das angestellt?

„Gern geschehen.“ Ihr Lächeln kehrte zurück. „Bis bald, Mr. O’Neill.“

„Äh … ja.“ Er blickte auf den Umschlag. Quinn O’Neill stand in kühnen schwarzen Buchstaben darauf. Überrascht starrte er sie an. „Woher wissen Sie meinen Namen?“

„Ich habe überall meine Spione.“

Offenbar hatte er sie verdutzt angesehen, denn sie legte den Kopf in den Nacken und lachte. Quinn registrierte den anmutigen Schwung ihres Halses. Und er spürte den völlig aberwitzigen Impuls, sich vorzubeugen und mit seinen Lippen diese perfekten Linien nachzuziehen. Die Versuchung ließ das Blut heiß durch seinen Körper schießen – und gleichzeitig schockierte sie ihn. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal eine derartige körperliche Reaktion gezeigt hatte.

„Ich bin mit Maddie und Jack befreundet. Die beiden haben vorher hier gelebt“, klärte sie ihn auf. „Sie haben mir Ihren Namen verraten.“

„Natürlich.“ Er verdrehte die Augen. „Darauf hätte ich auch selbst kommen können.“ Spione! Natürlich weiß sie nicht, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene … oder vielleicht doch?

„Ein Umzug gehört zu den stressigsten Dingen im Leben, und ich habe Sie offensichtlich zu einem ungünstigen Zeitpunkt erwischt. Das tut mir leid. Ich lasse Sie jetzt in Ruhe weiterarbeiten. Falls Sie irgendetwas brauchen oder jemandem vorgestellt werden möchten – ich wohne in Nummer sieben.“

Wieder schenkte sie ihm ein süßes Lächeln. Fassungslos stellte Quinn fest, dass er keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Er brachte nur noch ein „Äh … ja“ heraus. Dann sah er ihr nach, wie sie rasch davonging. Ihre hochhackigen Schuhe klackerten auf dem Pflaster.

Was zum Teufel stimmt nicht mit mir?

Quinn ließ sich nie von der Arbeit ablenken. Na ja, außer damals, als er mit Tabitha zusammen gewesen war. Aber da war er einundzwanzig und naiv gewesen. Er war ihr nicht gut genug gewesen. Danach hatte er sich geschworen, diesen Fehler nicht noch einmal zu begehen und in Zukunft besser auf sein Herz aufzupassen. Er wusste, dass ihm das den Ruf eingetragen hatte, wählerisch und distanziert zu sein. Aber so war es einfacher.

Warum also lasse ich mich von einer vollkommen Fremden ablenken und verwirren?

Mach dir nichts vor. Selbst falls sie Single wäre – und so wie sie aussieht, bezweifle ich das stark –, wirst du auf keinen Fall mit ihr anbändeln! sagte er sich energisch. Für so etwas hatte er keine Zeit. Er schloss die Tür, ging zurück zum Computer und hoffte, dass in der Zwischenzeit das System nicht abgestürzt war.

Als ihre Sekretärin mit einer großen Tasse hereinkam, saß Carissa schon am Schreibtisch. Sie sah auf und lächelte. „Guten Morgen, Mindy.“

„Es tut mir leid, dass ich zu spät komme. Der Bus hatte Verspätung“, erklärte Mindy. „Morgen bleibe ich länger und hole die Zeit nach.“

Carissa lächelte und schüttelte den Kopf. „Nein, ist schon gut. Du kommst fast nie zu spät und arbeitest meist die Mittagspausen durch. Vielen Dank für den Kaffee.“

„Vielen Dank für die Brownies“, erwiderte Mindy im Gegenzug und deutete auf das Päckchen auf ihrem Schreibtisch. „Habe ich dir in der letzten Zeit eigentlich gesagt, dass du der beste Boss der Welt bist?“

Carissa lachte. „Lass das bloß nicht Sara hören! Da wir uns den Job teilen, sollten wir beide die besten sein.“

„Sara backt mir keinen Kuchen. Aber ich verrate ihr nichts. Dein Zehn-Uhr-Termin hat gerade angerufen. Er kommt eine Viertelstunde später. Ich rufe deinen Elf-Uhr-Termin an und versuche, ihn etwas nach hinten zu verschieben.“

„Wunderbar. Sollte das nicht möglich sein, versuche ich, trotzdem pünktlich fertig zu werden. Falls es doch ein paar Minuten später wird, kannst du Mr. Elf Uhr mit deinem fantastischen Kaffee ablenken.“

„Aber nicht mit den Brownies.“ Mindy lachte, als sie zur Tür ging. „Das sind nämlich meine – alles meine!“

Carissa lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und nippte an ihrem Kaffee. Komisch, sie konnte sich heute nicht konzentrieren. Normalerweise steckte sie um diese Zeit schon knietief in irgendwelchen Verträgen und Gesetzesbüchern. Aber heute wanderten ihre Gedanken immer wieder zu ihrem neuen Nachbarn.

Quinn O’Neill.

Außer seinem Namen hatte sie kaum etwas über ihn gewusst. Nur, dass er Single war, und sie glaubte, dass er etwas mit Computern zu tun hatte. Auf jeden Fall musste er gut verdienen, wenn er sich ein Drei-Zimmer-Haus in Grove End Mews leisten konnte.

Sie konnte ihn sich allerdings nicht mit Anzug und Krawatte in einem Büro vorstellen. Heute Morgen hatte er eine ausgebleichte Jeans, ein altes T-Shirt und Leinenschuhe ohne Socken getragen.

Nicht, dass jemand seine besten Sachen zum Auspacken von Umzugskisten anziehen würde. Aber trotzdem. Irgendetwas passte nicht ganz. Ihre sämtlichen anderen männlichen Nachbarn waren immer frisch rasiert, und die Frisuren saßen perfekt. Quinn O’Neills Wangen dagegen hatten zwei Tage alte Bartstoppeln geziert, und sein Haar hatte ausgesehen, als wäre er gerade erst aus dem Bett gestiegen.

Hätte ich bloß nicht daran gedacht! Prompt stellte sie sich vor, wie er aus dem Bett stieg. Nackt. Er trug nicht mehr als seine Bartstoppeln und ein verruchtes Lächeln.

Was zum Teufel tue ich da? Seit Justin hatte sie Beziehungen vermieden. Carissa traute sich selbst nicht mehr. Würde sie es beim nächsten Mal richtig machen und einen von den Guten aussuchen? Besser, sie ließ ganz die Finger davon.

Warum in aller Welt schwelge ich dann jetzt in lächerlichen Fantasien über einen Mann, den ich gerade erst kennengelernt habe und über den ich so gut wie nichts weiß? Einen Mann, der ihr außerdem sehr deutlich zu verstehen gegeben hatte, dass er nicht daran interessiert war, mit irgendjemandem in Grove End Mews Freundschaft zu schließen, und nur seine Ruhe haben wollte.

In den nächsten zehn Minuten schaffte sie es, sich auf die Akte vor ihr zu konzentrieren. Doch dann beherrschte Quinn O’Neills Gesicht wieder ihre Gedanken. Dunkle Augen, die mutwillig funkelten. Ein Mund, der Erfüllung versprach, wenn man der Versuchung nachgab. Und Haar, das aussah, als wäre es gerade von einer Geliebten zerzaust worden.

Um Himmels willen! Warum kann ich ihn einfach nicht aus dem Kopf bekommen? Hatte sie denn gar nichts aus ihren Erfahrungen gelernt? Ihr Instinkt sagte ihr, dass sie ihm trauen konnte. Aber was Justin betraf, hatte dieser Instinkt gründlich danebengelegen. Das Risiko konnte und wollte sie nicht noch einmal eingehen!

Sie zog ihre Tastatur zu sich heran und tippte Quinns Namen in die Suchmaschine.

Die interessanteste Seite über ihn fand sie in einem Online-Klatschmagazin über Prominente. Normalerweise las Carissa so etwas nicht, aber die Überschrift erregte ihre Aufmerksamkeit: Intelligent ist das neue Sexy.

Der Artikel handelte von Quinn. Er entwickelte Computersysteme für die Regierung. Was ihn noch interessanter für Carissa machte. Vielleicht war er genau das, was sie brauchte. Offenbar war er selbstständig. Was hieß, dass sie ihn vielleicht für ihre geplanten Weihnachtsprojekte einspannen konnte.

Da sie niemals Geschäft mit Vergnügen mischte, wäre sie dann sicher vor ihren Fantasien. Bei einem Businessmeeting mit ihm würde sie bestimmt nicht darüber nachdenken, wie sich seine Lippen auf ihren anfühlen mochten.

Aber wie kann ich ihn überzeugen, bei Projekt Feenstaub mitzumachen? Natürlich könnte sie ihm ein Honorar zahlen, aber sie brauchte Leute in ihrem Team, denen das Projekt wichtiger war als Geld. Sie brauchte jemanden mit einem guten Herzen.

Hat Quinn O’Neill ein gutes Herz?

Der Artikel verriet nichts darüber. Eigentlich sagte er kaum etwas über seine Arbeit. Der Journalist deutete nur an, dass es sich um ein Dienstgeheimnis handelte. Sie studierte noch einmal das Foto auf der Internetseite. Er trug einen teuren Anzug, ein blütenweißes Hemd und eine Seidenkrawatte und sah mehr nach James Bond als nach Sherlock Holmes aus.

„Mindy …“, sagte Carissa, als ihre Sekretärin mit der Post hereinkam, „… würdest du dieser Überschrift zustimmen?“

Mindy warf einen Blick auf den Titel und das Foto. „Ja, absolut.“ Sie sah Carissa an. „Warum?“

„Nur so. Ich war neugierig.“

„Ich arbeite jetzt seit fünf Jahren für dich, und in den vergangenen drei Jahren hattest du kein einziges Date. Wenn du mich jetzt fragst, ob ein Mann sexy ist …“

„Ich date nicht, weil ich keine Zeit dafür habe“, unterbrach Carissa ihre Sekretärin.

Aber sie wussten beide, dass das nicht der wahre Grund war. Genau wie sie beide wussten, dass Carissa nicht darüber reden würde. Mindy war einer von drei Menschen, die genau wussten, welche Narben Justin hinterlassen hatte – und dass das Thema ein für alle Mal beendet war.

„Will er mit dir ausgehen?“, fragte Mindy.

„Was für ein Unsinn! Nein. Er ist gerade drei Häuser weiter eingezogen, und ich dachte, ich könnte seine Kenntnisse vielleicht brauchen.“

Nachdem Mindy den Artikel überflogen hatte, hob sie die Brauen. „Meinst du für Projekt Feenstaub?“, fragte sie mit gesenkter Stimme.

„Und für die Eröffnung der Wylde-Station. Aber ich brauche eine gute Idee, um ihn zu überzeugen, mir zu helfen. Abgesehen von Geld natürlich.“

„Back ihm ein paar von deinen Brownies“, antwortete Mindy wie aus der Pistole geschossen. „Und gib sie ihm direkt, wenn sie aus dem Ofen kommen.“

„Das habe ich heute Morgen schon getan. Als Begrüßungsgeschenk.“

„Schlechte, sehr schlechte Idee.“ Mindy verdrehte die Augen. „Du hättest ihm Kuchen in der Bäckerei kaufen sollen. Deine Brownies sind etwas Besonderes, die darfst du nicht verschwenden. Sie sind deine Geheimwaffe – und die setzt man nicht am ersten Tag ein. Damit wartet man auf die perfekte Gelegenheit.“

Carissa musste lachen. „Vielleicht mag er ja gar keine Schokolade.“

„Dann wäre er sowieso der Falsche für Projekt Feenstaub.“

„Wahrscheinlich. Aber jetzt an die Arbeit! Und danke, Mindy.“

„Immer gern. Oh, und dein Elf-Uhr-Termin kommt fünfzehn Minuten später.“

„Du bist wunderbar.“

Mindy grinste. „Bring mir einfach immer schön Brownies mit.“

Als Quinns Magen knurrte, fiel ihm ein, dass er noch nicht gefrühstückt hatte. Er erinnerte sich an die Kuchendose, die Carissa Wylde ihm gegeben hatte. Und niemand war hier, der sich über Kuchen zum Frühstück beschweren konnte. Niemand, der die Kohlenhydrate zählte und dann gequält seufzte. Niemand, der ihn davon abhielt, zu tun, was er wollte.

Er öffnete die Dose.

Es duftete gut. Sehr gut.

Er nahm sich ein Stück. Es war noch warm. Außen knusprig und innen köstlich weich und saftig.

Quinn probierte einen Bissen.

Der Himmel in Kuchenform.

Hat Carissa die Brownies selbst gebacken? Falls ja, musste er herausfinden, wie er noch mehr davon bekommen konnte. Vielleicht hatte sie ja einen Computer, der Probleme machte. Etwas, das nicht lange dauerte, sie aber so dankbar sein ließ, dass sie ihm neue Brownies backte. Viel zu schnell hatte er die ganze Dose geleert.

Die Brownies lieferten ihm Energie für den ganzen Tag, bis sein Computersystem reibungslos funktionierte. Ein schneller Anruf bei seinem Kunden, um ihn zu informieren, dass er alles am nächsten Morgen in dessen Büro installieren würde, und er war fertig.

Was bedeutete: auspacken.

Nicht, dass er viele Kartons hätte. Seine Unterlagen hatte Quinn digital gespeichert, und er hatte nie den Sinn in Nippes und anderem Zierrat gesehen. Was keinen Zweck erfüllte, interessierte ihn nicht. Minimalismus passte besser zu ihm.

Die wichtigsten Dinge hatte er schon gestern ausgepackt – sein Büro und sein Bett. Der Rest konnte warten.

Er sah auf die Uhr.

Halb acht.

Ist es zu spät, um noch bei Nummer sieben zu klingeln und die Keksdose zurückzubringen? Saß Carissa Wylde vielleicht gerade beim Abendessen?

Es gab nur einen Weg, das herauszufinden. Was konnte schon Schlimmes passieren?

Quinn spülte die Dose aus, trocknete sie ab und ging zu ihrem Haus. Und das hatte nicht das Geringste mit der Tatsache zu tun, dass er den ganzen Tag ihr lachendes Gesicht vor Augen gesehen hatte … und den Schwung ihres Halses, verführerisch und einladend.

Nach seinem Klingeln öffnete sie fast augenblicklich die Tür. Sie trug immer noch ihren schwarzen Hosenanzug und die weiße Bluse. Nur die hochhackigen Schuhe hatte sie gegen Pantoffeln getauscht. Häschenpantoffeln. Normalerweise hätte er die Nase darüber gerümpft, aber bei ihr sahen sie einfach nur liebenswert und niedlich aus.

„Oh. Mr. O’Neill.“

Nachdem er heute Morgen so brummig gewesen war, überraschte es ihn nicht, dass sie ihn eher misstrauisch als erfreut ansah.

„Quinn“, erwiderte er. „Ich bringe Ihnen die Kuchendose zurück. Vielen Dank für die Brownies.“

„Gern geschehen. Ich hoffe, sie haben Ihnen geschmeckt.“

„Das haben sie. Sehr gut sogar.“

Carissa errötete bei seinen Worten, wahrscheinlich vor Freude, aber er stellte sich unwillkürlich vor, wie sich ihre Wangen aus einem ganz anderen Grund röteten. Mein Gott! Habe ich meine Libido nicht mal für zwei Minuten im Griff?

Quinn war sich ziemlich sicher, dass eine Frau wie Carissa Wylde mehr von einer Beziehung erwartete als er. Ein bisschen unverbindlicher Spaß ohne jede emotionale Nähe war alles, was er zuließ. Nichts Ernstes. Nichts Tiefgehendes. Nichts, was ihn verletzt zurücklassen konnte. Aber das hieße, dass sie diejenige wäre, die auf der Strecke bleiben würde. Und er wollte ihr nicht wehtun.

„Möchten Sie eine Tasse Tee?“, unterbrach sie seine Gedanken.

Wie furchtbar sie nach Oberschicht klingt, dachte er leicht amüsiert – und doch war sie mehr als nur ein Klischee. Sie zog ihn an. Faszinierte ihn. Eine Tasse Tee kann nicht schaden, oder? Das bedeutete noch lange nicht, dass sie sich näherkommen würden. Er verhielt sich einfach nur wie ein guter Nachbar.

„Das wäre nett“, erwiderte er. „Wenn es Ihrem Mann nichts ausmacht.“

Ihr Lächeln erstarb. „Kein Ehemann. Und selbst wenn es einen gäbe, hätte ich das Recht, einen Nachbarn zu einer Tasse Tee einzuladen.“

Das hatte offensichtlich geschmerzt. Er musste einen wunden Punkt getroffen haben. „Entschuldigen Sie, ich wollte nicht …“ Hmm. Er hatte ganz bestimmt keine veralteten Vorstellungen über die Rolle der Frau. „Ich wollte damit nicht unterstellen, dass Sie die Erlaubnis Ihres Mannes brauchen würden.“

Zuerst wirkte sie überrascht, dann erfreut. „Entschuldigung akzeptiert. Kommen Sie herein.“

Wie sehr sich ihr Haus von meinem unterscheidet! Die Luft duftete nach Bienenwachs, und das Licht wirkte warm und freundlich statt hell und zweckmäßig. Im Flur stand eine Vase mit frischen Blumen. Er hätte darauf gewettet, dass in ihrem Wohnzimmer ledergebundene Bücher standen. Carissa sah aus wie eine Frau, die lieber las, anstatt sich durch Fernsehprogramme zu klicken.

Es überraschte ihn nicht, dass die Küche makellos sauber und aufgeräumt war. Und doch sah man, dass sie häufig benutzt wurde. Carissa nahm richtige Teeblätter, keine Beutel. Quinn hatte das dumpfe Gefühl, dass die Teekanne aus massivem Silber war. So wie das Teesieb. Und Zuckertopf, Milchkännchen und die Löffel.

Geerbtes Geld? Ganz anders als bei ihm selbst. Nicht, dass es darauf ankam. Er hatte sich aus eigener Kraft hochgearbeitet und war stolz darauf.

„Milch?“, fragte sie.

„Bitte.“

Und sie schenkte ihm die perfekte Tasse Tee ein – in eine offenbar antike Porzellantasse. Das Ganze wurde noch perfekter, als sie auf einem passenden Porzellanteller Brownies auf den Tisch stellte.

„Greifen Sie zu!“

„Danke.“ Er brauchte keine zweite Aufforderung.

„So, Mr. O’Neill. Quinn.“ Sie lächelte ihn an. Er erstickte fast an seinem Brownie, als sie sagte: „Intelligent ist das neue Sexy.“

Er stöhnte auf. Denn er wusste genau, worauf sie anspielte. „Vergessen Sie einfach, was Sie in dem Artikel über mich gelesen haben. Bitte. Das Interview habe ich nur gegeben, um einem Freund einen Gefallen zu tun. Und ich habe nicht einmal die Hälfte von dem gesagt, was später veröffentlich wurde. Und ich bin nicht …“ Zeit, den Mund zu halten, bevor ich mich noch mehr in Schwierigkeiten bringe.

„Ihr Äußeres kann ich selbst beurteilen.“

Will sie damit sagen, dass sie mich anziehend findet? Sein Herz klopfte schneller.

Sie hatte keinen Ehemann. Er keine Frau.

Es gab keinen Grund, nicht …

Abgesehen davon, dass er keine Nähe wollte. Außerdem hatte er das sichere Gefühl, dass sie sich auf so etwas nicht einlassen würde.

„Stimmt denn der Rest vom Artikel? Sie entwickeln Computerprogramme?“

„Darüber darf ich nicht reden. Vieles von meiner Arbeit ist streng geheim“, erwiderte er vorsichtig.

„Und wenn Sie mir erzählen, was Sie wirklich tun, müssten Sie mich anschließend zum Schweigen bringen?“

Sie war so unwiderstehlich, dass er ein Lächeln nicht unterdrücken konnte. „Genau.“

„Sehr gut. Das bedeutet, Sie können schweigen.“

Worauf will sie hinaus? fragte er sich, nickte aber langsam.

„Stark und verschwiegen“, murmelte sie und nippte an ihrem Tee. „Aber was mich wirklich interessiert, ist, ob Sie Systeme entwickeln können.“

„Welche Art Systeme?“

„Computersysteme, und zwar intelligente.“ Sie sah ihm in die Augen. „In lächerlich wenig Zeit.“

Ja, ja und ja. „Warum?“

„Weil ich Ihnen ein Angebot machen möchte, Mr. O’Neill.“

Plötzlich sah er sie vor sich, lachend, in einem hübschen Kleid, das Gesicht zu einem Kuss erhoben.

Nein. Sollte er jemals irgendeine Beziehung mit Carissa Wylde haben, würde es eine sehr einfache, klar definierte und abgegrenzte sein. Nachbarn oder Geschäftspartner. Mehr nicht.

„Ein geschäftliches Angebot“, stellte er klar.

„Selbstverständlich.“

Er hätte erleichtert sein sollen. Stattdessen krampfte sich irgendetwas in seinem Inneren zusammen – was er nie gedacht hätte. Er wollte sich auf niemanden einlassen. Ihm gefiel sein Leben so, wie es war.

Aber sein Mund entwickelte eindeutig ein Eigenleben, denn er antwortete: „Erzählen Sie mir mehr!“

2. KAPITEL

„Bauen Sie mir einen virtuellen Weihnachtsmann!“, sagte Carissa. „Für die Eröffnung einer Kinderstation.“

„Einen virtuellen Weihnachtsmann …“, wiederholte Quinn gedehnt.

Offensichtlich war sie in der Öffentlichkeitsarbeit tätig. Das erklärte auch ihre teure Kleidung – und die Brille. Um sie seriös aussehen zu lassen. Der äußere Anschein war alles in der Öffentlichkeitsarbeit. Und dass sie auch nur in Erwägung zog, einen Auftrag zu vergeben, ohne nach dem Preis zu fragen, bedeutete, dass sie niemandem Rechenschaft ablegen musste. Also war sie Inhaberin oder Geschäftsführerin der Firma. „Was spricht gegen einen echten Weihnachtsmann?“

„Den gibt es auch, aber zuerst brauche ich den virtuellen.“

„Warum?

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