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Zum Heiraten verführt

Penny Jordan

Zum Heiraten verführt

PROLOG

Alexander Konstantinakos, milliardenschwerer, einflussreicher Vorstandschef der traditionsreichen internationalen Container-Schifffahrtslinie, die sein verstorbener Großvater gegründet hatte, stand im eleganten Wohnzimmer seiner Villa und schaute unverwandt auf das Display des Mobiltelefons in seiner Hand. Dort sah man eine Frau und zwei kleine Jungen, die allem Anschein nach Zwillinge waren.

Schwarzhaarig, dunkeläugig und mit olivenfarbener Haut, blickten die Kinder dem Betrachter offen in die Augen, dazwischen die Mutter, die ihre Arme um ihre Schultern gelegt hatte. Alle drei trugen recht ärmlich wirkende Kleidung.

Jetzt hob Alexander – für seine Familie Sander –, hochgewachsen und dunkelhaarig, mit ausgeprägten ebenmäßigen Gesichtszügen, in denen Generationen von Siegern ihre Spuren hinterlassen hatten, den Kopf und lauschte der Anklage seiner Schwester nach.

„Also wirklich, Nikos, das müssen einfach deine Söhne sein“, hatte sie ihren jüngeren Bruder soeben beschuldigt. „Die Ähnlichkeit ist unübersehbar, und du hast schließlich in Manchester studiert.“

Sander brauchte keinen zweiten Blick auf das Foto zu werfen, das seine Schwester am Flughafen von Manchester mit ihrem Handy geschossen hatte, um zu wissen, dass Elena mit ihrem Verdacht goldrichtig lag … was die Ähnlichkeit betraf zumindest. Die Gesichter der beiden Jungen hatten sich blitzartig in sein Gehirn eingebrannt.

„Na, hör mal, das wüsste ich aber“, protestierte Nikos und schaute hilfesuchend zu seinem älteren Bruder. „Wirklich, Sander, sie sind nicht von mir, das kann ich beschwören.

„Natürlich sind das deine“, beharrte Elena. „Ein Blick reicht, und man weiß Bescheid. Nikos sagt nicht die Wahrheit, Sander. Diese Kinder haben unser Blut in den Adern.“

Sander schaute auf seine beiden jüngeren Geschwister, die wieder einmal dicht davor waren, sich in die Haare zu geraten. Sie lagen nur zwei Jahre auseinander, während ihn selbst fünf Jahre von Elena und sieben von Nikos trennten. Nach dem Tod ihres Großvaters war er der einzige Erwachsene in der Familie und eine Art Vaterersatz für sie gewesen. Deshalb war ihm oft gar nichts anderes übrig geblieben, als bei ihren Streitereien den Schiedsrichter zu spielen.

Doch dies hier war kein Fall für einen Schiedsrichter.

Sander betrachtete noch einen Moment das Foto, dann gab er sich einen Ruck und sagte: „Unser Blut schon, aber nicht das von Nikos. Nikos sagt die Wahrheit. Das sind nicht seine Kinder.“

Elena starrte ihn an.

„Woher willst du das wissen?“

Sander wandte sich zum Fenster um. Sein Blick schweifte in die Ferne, wo der Himmel mit der tiefblauen Ägäis verschmolz. Sein Herz hämmerte vor Wut, auch wenn er äußerlich ruhig wirkte. Lange verdrängte Erinnerungen stiegen in ihm auf.

„Ich weiß es, weil sie von mir sind.“

Seine Schwester riss schockiert die Augen auf.

Aber sie war nicht die Einzige, die schockiert war, wie Sander zugeben musste. Er war nicht minder erschüttert gewesen, als er auf dem Handydisplay die Frau zwischen den beiden Jungen erkannt hatte, die ihm so ähnlich sahen. Seltsamerweise wirkte sie heute jünger als vor sechs Jahren, als er sie in diesem Club in Manchester kennengelernt hatte.

Sander presste den Mund zusammen. Die Erinnerung an jene Nacht hatte er bewusst verdrängt. Ein One-Night-Stand mit einem provokant gekleideten, zu stark geschminkten alkoholisierten Mädchen, das sich ihm an den Hals geworfen hatte. Die Initiative war eindeutig von ihr ausgegangen, aber er hatte mitgemacht. Auf jeden Fall war diese Begebenheit absolut nichts, worauf ein Mann stolz sein sollte, nicht einmal wenn er – wie in seinem Fall – mildernde Umstände geltend machen konnte. Sie war eins dieser Mädchen gewesen, die kamen, um sich einen der gutverdienenden Fußballstars zu angeln, die in dem Club verkehrten. Geldgierige, berechnende junge Frauen, die nur darauf aus waren, ein möglichst großes Stück vom Kuchen zu erhaschen und dafür bedenkenlos ihren Körper in die Waagschale warfen. Der Club war bekannt dafür, dass er solche Frauen anzog.

Sander hatte Sex mit ihr gehabt, weil er wütend gewesen war – auf sie, weil sie so schamlos war, und auf seinen Großvater, weil der ständig versuchte, sich in seine ureigensten Angelegenheiten einzumischen, und zwar in einem Ausmaß, das schlicht nicht tolerierbar war. Und dazu war noch die stets in seinem Unterbewusstsein brodelnde Wut auf seine Eltern dazugekommen – auf seinen Vater, weil er tot war, auch wenn seitdem schon so viele Jahre vergangen waren, und auf seine Mutter, weil sie seinen Vater nur aus Berechnung geheiratet hatte. Dieser ganze lang angestaute Groll war an jenem Abend zum Ausbruch gekommen, und das Ergebnis hatte er jetzt vor sich.

Seine Söhne.

Seine.

In diesem Moment wurde er von einem Gefühl überschwemmt, das unvergleichbar war mit allem, was er kannte. Es war ein Gefühl, von dem er nie geglaubt hätte, dass er es jemals empfinden könnte. Sander war ein moderner Mensch, ein Mann, der an Dinge wie Vernunft und Verstand glaubte und nicht an Gefühle. Schon gar nicht an die Art Gefühle, wie er sie im Augenblick verspürte. Irgendetwas zerrte mit aller Macht an ihm, ein Urinstinkt, der darauf beharrte, dass die Kinder eines Mannes – besonders seine Söhne – zu ihm gehörten.

Diese Jungen waren sein eigen Fleisch und Blut. Ihr Platz war nicht in England, sondern bei ihm. Nur an seiner Seite konnten sie lernen, was es bedeutete, ein Konstantinakos von Theopolis zu sein, allein bei ihm konnten sie in ihr Erbe hineinwachsen. Er würde sie auf die besten Schulen, auf Eliteuniversitäten schicken und ihnen beibringen, was wirklich wichtig war im Leben. Blieb nur noch die Frage, wie viel Schaden sie durch die Frau, die sie zur Welt gebracht hatte, bereits genommen hatten.

Sander hatte diese Kinder gezeugt, ohne je von ihrer Existenz zu erfahren, doch nun, da er von ihnen wusste, konnte ihn nichts, aber auch gar nichts davon abhalten, sie nach Theopolis zu holen, den einzigen Ort, an den sie gehörten.

1. KAPITEL

Die Türklingel schrillte. Ruby stieß eine Verwünschung aus. Sie blieb auf Händen und Knien am Boden und hoffte, der Besucher möge aufgeben, damit sie in Ruhe weiterputzen konnte. Aber es klingelte erneut, lange und durchdringend, regelrecht unverschämt diesmal.

Ruby fluchte und kroch rückwärts aus der Toilette im Erdgeschoss. Sie fühlte sich verschwitzt und klebrig und hatte nicht die geringste Lust, sich bei ihrem Kampf gegen den Schmutz stören zu lassen, weil sie die Zeit nutzen wollte, solange die Zwillinge in der Schule waren. Aber was blieb ihr anderes übrig? Mit einem unwirschen Stöhnen richtete sie sich auf und strich sich mit beiden Händen die weichen blonden Locken aus dem Gesicht, bevor sie zur Eingangstür des Hauses ging, das sie mit ihren beiden älteren Schwestern und ihren Zwillingssöhnen bewohnte. Dort angelangt riss sie die Tür auf.

„Also wirklich, ich …“ Der Rest ihres Satzes blieb ihr im Hals stecken, als sie sah, wer da auf ihrer Schwelle stand.

Schock, Ungläubigkeit, Angst, Wut, Panik und noch etwas, das sie in der Eile nicht zuordnen konnte, explodierten mit so einer ungeheuren Wucht in ihr, dass sie ganz weiche Knie bekam.

Natürlich war seine Kleidung – im Unterschied zu ihrer eigenen – von auserlesener Eleganz. Der dunkle Geschäftsanzug war garantiert nicht von der Stange, das hellblaue Hemd gestärkt und makellos gebügelt, während sie eine alte Jeans und ein ausgeleiertes T-Shirt trug. Obwohl es natürlich völlig egal war, wie sie aussah. Sie wollte ihn schließlich nicht beeindrucken, oder? Und erst recht hatte sie keinen Grund, sich zu wünschen, dass er sie begehrenswert fand.

Die Jahre schienen spurlos an ihm vorübergegangen zu sein. Sein Gesicht war unverändert, dieses Gesicht, von dem sie erst in ihren Träumen und später in ihren Albträumen verfolgt worden war. Genau genommen sah er sogar noch aufregender, noch männlicher aus als in ihrer Erinnerung, die bernsteinfarbenen Augen, die sie einst so fasziniert hatten, immer noch genauso zwingend.

Die Überraschung, die ihr für einen Moment die Sprache geraubt hatte, verwandelte sich in Angst. Instinktiv versuchte Ruby, ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen, um nicht nur ihn als Person, sondern auch alles, wofür er stand, aus ihrer Welt auszuschließen. Aber Sander war schneller. Er stellte einen Fuß zwischen die Tür, und einen Augenblick später war er im Haus. Ruby erkannte mit Schrecken, dass sie mit ihm in dem kleinen Vorraum, in dem es nach Putzmitteln roch, gefangen war.

Nach Putzmitteln und seinem – Sanders – Duft, den der Putzmittelgeruch nicht überdecken konnte … Ruby spürte, wie sich ihr die Nackenhaare aufstellten, sie bekam eine Gänsehaut. Das war lachhaft, absolut lachhaft. Sander bedeutete ihr nichts, genauso wenig wie sie selbst ihm in jener Nacht etwas bedeutet hatte … Aber darüber sollte sie jetzt wirklich nicht nachdenken. Sie musste sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren, nicht auf das, was irgendwann einmal gewesen war – und sich an das Versprechen halten, das sie den Zwillingen bei ihrer Geburt gegeben hatte: dass sie ihre Vergangenheit hinter sich lassen würde.

Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, dass diese Vergangenheit sie einholen könnte, doch genau das war jetzt passiert.

„Was willst du hier?“, fragte sie schroff.

Auch wenn sein Mund mit dieser schön geformten Oberlippe und der vollen Unterlippe rein ästhetisch gesehen das Versprechen von Sinnlichkeit perfekt einlöste, hatte doch der Blick, den er ihr zuwarf, ganz und gar nichts Sinnliches. Und seine Worte waren so eisig wie die Luft an jenem Wintermorgen, an dem er sie vor diesem Hotel in ein Taxi gesetzt hatte.

„Die Antwort kennst du, da bin ich mir ganz sicher“, sagte er in einem Englisch, das genauso flüssig und akzentfrei war, wie sie es in Erinnerung hatte. „Ich will meine Söhne.“

Deine Söhne?“ Es gab nichts, womit er Ruby mehr gegen sich hätte aufbringen können. Ihr normalerweise blasses Gesicht errötete vor Entrüstung, und ihre blaugrünen Augen sprühten Funken.

Es war mehr als sechs Jahre her, seit dieser Mann sie mit der größten Selbstverständlichkeit der Welt benutzt und weggeworfen hatte wie ein altes Taschentuch. Wie ein billiges, aus einer spontanen Laune heraus gekauftes Kleidungsstück, das sich bei genauerem Hinsehen als unbrauchbar erwiesen hatte. O ja, natürlich war ihr klar, dass sie für das, was in jener Nacht passiert war, niemand anders als sich selbst verantwortlich machen konnte. Immerhin war sie es ja gewesen, die mit ihm – beschwipst oder nicht – geflirtet hatte, ganz egal was für Entschuldigungen sie für ihr peinliches Benehmen auch im Nachhinein finden mochte. Jawohl, sie schämte sich für ihr Verhalten, aber für das Ergebnis in Gestalt ihrer wunderschönen, heiß geliebten Söhne schämte sie sich ganz bestimmt nicht. Für die Zwillinge hatte sie sich keine Sekunde geschämt und würde sie sich auch nie schämen. Vom ersten Moment an war sie entschlossen gewesen, ihnen eine gute Mutter zu sein, auf die die beiden stolz sein konnten, eine Mutter, die ihr verbürgtes Recht auf Leben keine Sekunde lang infrage gestellt hatte, ganz egal wie sehr sie die Umstände ihrer Zeugung auch bedauern mochte.

Ihre Söhne waren alles für sie, ihre Söhne waren ihr Leben.

„Meine Söhne …“, begann sie.

„Meine Söhne, meinst du wohl. In meinem Land hat nämlich automatisch der Vater das Sorgerecht für seine Kinder.“

„Du bist aber nicht der Vater meiner Söhne“, behauptete Ruby entschieden.

„Du lügst“, konterte Sander, während er ein Foto aus der Tasche zog und ihr hinhielt.

Ruby spürte, wie ihr alles Blut aus dem Gesicht wich. Sie sah es sofort: Das Foto stammte von jenem Tag, an dem die ganze Familie ihre mittlere Schwester, die nach Italien fliegen wollte, zum Flughafen gebracht hatte. Die Zwillinge waren ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.

Sander, dem nicht entging, dass Ruby blass geworden war, gestattete es sich, ihr einen triumphierenden Blick zuzuwerfen. Natürlich waren das seine Söhne. Das war ihm auf Anhieb klar gewesen. Die verblüffende Ähnlichkeit mit ihm hatte ihn in seinen Grundfesten erschüttert wie nichts jemals zuvor.

Dem Detektiv, den er mit der Suche beauftragt hatte, war es nicht schwergefallen, Ruby aufzuspüren. Beim Lesen des Abschlussberichts hatte Sander allerdings gestutzt. Die Nachforschungen der Detektei hatten ergeben, dass Ruby eine fürsorgliche, aufopferungsbereite Mutter war, von der auf keinen Fall anzunehmen war, dass sie ihre Kinder jemals freiwillig aufgeben würde. Nach einigem Nachdenken war Sander dann allerdings zu der Überzeugung gelangt, dass Rubys Liebe zu seinen Söhnen sein stärkstes Argument war.

„Der Platz meiner Söhne ist bei mir, die Insel, auf der ich lebe, ist ihr Zuhause, das sie eines Tages erben werden. Nach unserem Gesetz gehören sie mir.“

Gehören? Kinder sind kein Besitz, und kein Gericht in diesem Land würde es je wagen, sie mir wegzunehmen.“

Panik flackerte in ihr auf, aber sie war wild entschlossen, sich nichts anmerken zu lassen.

„Glaubst du das wirklich? Wo du im Haus deiner Schwester lebst, das mit Hypotheken belastet ist, die abzutragen das Geld fehlt? Außerdem hast du weder Arbeit noch ein eigenes Einkommen. Du hast ja nicht einmal einen Beruf, während ich meinen Söhnen alles bieten kann. Bei mir bekommen sie ein richtiges Zuhause, eine gute Erziehung, eine erstklassige Ausbildung und eine aussichtsreiche Zukunft.“

Obwohl sie völlig geschockt war, was er alles über sie herausgefunden hatte – er musste einen Privatdetektiv engagiert haben –, war Ruby immer noch entschlossen, sich nicht von ihm einschüchtern zu lassen.

„Gut möglich, dass du rein materiell gesehen die besseren Möglichkeiten hast. Aber kannst du ihnen auch die Liebe geben, die sie brauchen? Wohl kaum … weil du sie nämlich nicht liebst. Wie solltest du auch? Du kennst sie ja nicht einmal.“

So … darauf sollte er jetzt erst einmal antworten. Doch obwohl sie sich tapfer behauptet hatte, war ihr unterschwellig klar, dass Sander eine Wahrheit ausgesprochen hatte, die sie auf Dauer nicht ignorieren konnte. Und irgendwann würde sie gezwungen sein, dieser Wahrheit ins Auge zu blicken.

„Natürlich bin ich mir bewusst, dass sie eines Tages mehr über ihren Vater werden erfahren wollen“, räumte sie ein.

Dieses Eingeständnis fiel ihr nicht leicht. So wie es ihr auch nicht leichtgefallen war, den Zwillingen auf ihre Frage, ob sie denn einen Vater hätten, zu antworten. Sie hatte ihnen erzählt, dass ihr Daddy weit weg in einem fremden Land lebte, was ja auch den Tatsachen entsprach. Allerdings war ihr dabei zum ersten Mal richtig bewusst geworden, was es für ihre Kinder bedeutete, ohne die Liebe ihres Vaters aufwachsen zu müssen. Und eines Tages würden es nicht mehr die Fragen zweier kleiner Jungen sein, die schnell ablenkbar waren, sondern die von Jugendlichen, die sich weigerten, sich mit so einer vagen Antwort abspeisen zu lassen.

Instinktiv wich Ruby Sanders Blick aus, um zu verhindern, dass er ihre Beunruhigung spürte. Sie wusste schon jetzt, wie schwer es ihr fallen würde, den Zwillingen irgendwann die ganze Wahrheit zu erzählen. Das war ein Problem, das ihr seit Jahren auf der Seele lag. Im Moment schienen die beiden ihren Daddy noch nicht zu vermissen, in ein paar Jahren jedoch würde sich unweigerlich eine Lücke auftun, die zu füllen ihr Probleme bereiten dürfte. Jetzt hatte Sander diese Ängste, die sie mehr oder minder erfolgreich verdrängte, wieder an die Oberfläche gezerrt. Für Ruby gab es nichts Wichtigeres, als ihren Söhnen eine gute Mutter zu sein. Sie wollte ihnen das Gefühl geben, dass sie in jeder Sekunde ihres Lebens um ihrer selbst willen geliebt wurden und in Ruhe und Geborgenheit aufwachsen konnten, ohne sich über die Probleme der Erwachsenen den Kopf zerbrechen zu müssen. Deshalb war sie auch fest entschlossen, sich nie mit einem Mann einzulassen. Weil sie ihren Söhnen eventuelle Enttäuschungen mit einem Ersatzvater ersparen wollte.

Jetzt aber wurde sie von Sander gezwungen, über all diese Fragen nachzudenken. Darüber, dass ihre Söhne ihr eines Tages Vorwürfe machen könnten, weil sie ihnen den Vater vorenthalten hatte. Über die Tatsache, dass sie keinen Vater hatten, der sie liebte.

Wut, mit Panik vermischt, stieg in ihr auf.

„Was soll das?“, fragte sie. „Die Zwillinge bedeuten dir nichts. Sie sind fünf Jahre alt, und du wusstest bis vor Kurzem nicht einmal, dass sie existieren.“

„Letzteres stimmt. Aber wenn du behauptest, dass meine Söhne mir nichts bedeuten, irrst du dich ganz gewaltig. Vor allem fühle ich mich verpflichtet dafür zu sorgen, dass sie in meiner Familie aufwachsen.“

Natürlich hatte er nicht vor, ihr von diesem seltsamen Sog zu erzählen, von diesem Urinstinkt, den er beim ersten Anblick der Zwillinge verspürt hatte. Er verstand ja selbst nicht, was da mit ihm passiert war. Er wusste nur, dass dieser Urinstinkt ihn angetrieben hatte, nach England zu fliegen, und dass er entschlossen war, das Land nicht ohne seine Söhne zu verlassen.

„Es fällt dir doch bestimmt nicht leicht, für sie zu sorgen … so ganz ohne Einkommen, meine ich.“

Sander machte sich Gedanken darum, wie sie zurechtkam? Ruby schüttelte gereizt den Kopf. Sie hätte ihm gern erzählt, dass es viel schlimmer gewesen war, mit siebzehn entdecken zu müssen, dass sie Kinder von einem Mann unter dem Herzen trug, der sie benutzt und weggeworfen hatte, aber sie sagte nichts.

„Selbst angenommen, deiner älteren Schwester gelingt es, die Hypothek abzutragen und das Haus hier zu halten“, er blickte sich vielsagend um. „Hast du dich schon mal gefragt, was passiert, wenn eine deiner Schwestern heiraten möchte und auszieht? Oder vielleicht sogar beide? Du bist finanziell im Moment vollkommen von ihnen abhängig. Eine gute Mutter wie du wünscht sich natürlich, dass ihre Kinder möglichst sorgenfrei aufwachsen können und die beste Ausbildung erhalten. Bei mir wäre ihnen beides garantiert, außerdem bin ich bereit, dir großzügig Unterhalt zu zahlen, damit du ein eigenständiges Leben führen kannst. Wenn man so jung ist wie du, ist es doch bestimmt kein Vergnügen, ständig zwei kleine Kinder am Hals zu haben.“

Ihr Argwohn war also begründet gewesen. Ruby presste die Lippen zusammen. Glaubte er wirklich allen Ernstes, sie könnte bereit sein, ihm ihre Söhne zu verkaufen? Begriff er denn gar nicht, wie unmoralisch dieses Angebot war? Oder war ihm das schlicht egal, Hauptsache, er bekam seinen Willen?

Andererseits fühlte sie sich angesichts seiner Entschlossenheit aufgefordert, ihre Reaktion sorgfältig abzuwägen. Auf jeden Fall war es nicht ratsam zuzugeben, dass sie nicht gerade auf Rosen gebettet war, weil zu befürchten stand, dass er diese Information zu einem späteren Zeitpunkt gegen sie verwenden könnte. Deshalb versuchte sie ihre Wut in Zaum zu halten und erklärte mit erzwungener Ruhe: „Die Zwillinge sind erst fünf. Jetzt wo sie zur Schule gehen, kann ich meine Ausbildung beenden. Und um mein Vergnügen brauchst du dir keine Gedanken zu machen, das habe ich nämlich reichlich mit meinen Söhnen.“

„Das kann ich mir offengestanden nur schwer vorstellen, wenn ich daran denke, unter welchen Umständen wir uns kennengelernt haben“, konterte Sander maliziös.

„Das war vor sechs Jahren, außerdem war ich damals …“ Ruby unterbrach sich. Sie war ihm keine Rechenschaft schuldig. Die Menschen, die sie liebten – ihre Schwestern – wussten und verstanden sehr gut, was sie damals zu ihrem unverantwortlichen Verhalten getrieben hatte. Ihre Liebe und Unterstützung für sie hatten niemals nachgelassen. Sie schuldete Sander gar nichts und schon gar keine Erklärung für jenen Abend. „Damals war damals und heute ist heute“, beendete sie nicht ganz schlüssig, dafür umso entschiedener ihren Satz.

Als Ruby den wissenden Blick auffing, den Sander ihr zuwarf, wollte sie protestieren. Du irrst dich. Ich bin nicht so wie du denkst. Aber ihr gesunder Menschenverstand und ihr Stolz verhinderten, dass sie die Worte aussprach.

„Ich bin bereit, dir eine großzügige Abfindung zu zahlen, wenn du mir die Zwillinge überlässt“, wiederholte Sander. „Mehr als großzügig. Denk dran, wie jung du bist. Du kannst noch einiges erreichen im Leben.“

Genau gesagt war er richtig erschrocken, als er erfahren hatte, dass sie an jenem Abend erst siebzehn gewesen war. So aufreizend zurechtgemacht, hatte er sie viel älter geschätzt. Sander zog finster die Augenbrauen zusammen. Und was wäre gewesen, wenn er ihr wahres Alter gekannt hätte? Hätte er … hätte er was? Ein ernstes Wörtchen mit ihr geredet und sie ins nächste Taxi gesetzt? Wenn er sich an diesem Abend nur halbwegs unter Kontrolle gehabt hätte, wäre er überhaupt nicht mit ihr ins Bett gegangen, ganz egal wie alt sie war. Doch dem war leider nicht so gewesen. Er hatte die Beherrschung verloren und hatte sie einfach vernascht. Weil er so wütend und frustriert gewesen war wie noch nie zuvor in seinem Leben. Gott sei Dank war ihm so etwas danach nie wieder passiert. Es war wie ein Vulkanausbruch gewesen, ein Feuersturm der Bitterkeit, der ihn zu einem Verhalten getrieben hatte, für das er sich heute noch in Grund und Boden schämte. Auch wenn für viele andere Männer so etwas völlig normal sein mochte, fand er selbst es absolut unakzeptabel. Er hatte jedoch lernen müssen, dass kein Mensch unfehlbar war – auch er nicht. Doch seit er mit dem Ergebnis seines Fehltrittes in Gestalt seiner Söhne konfrontiert war, sah Sander es als seine Pflicht an, dafür zu sorgen, dass die beiden nicht unter seinem Verhalten leiden mussten. Um das sicherzustellen, war er gekommen.

Nur deshalb?

Ruby schüttelte ungläubig den Kopf.

„Du willst mir meine Kinder abkaufen, meinst du das?“

Sander hörte die Feindseligkeit in ihrer Stimme mitschwingen und sah sie auch in ihren Augen aufblitzen.

„Denn genau das sagst du ja“, fuhr Ruby hitzig fort. „Und wenn ich auch nur eine einzige Sekunde lang erwogen hätte, dich am Leben meiner Söhne teilhaben zu lassen, müsste ich spätestens jetzt meine Meinung ändern. Es gibt nichts, aber auch gar nichts, was mich dazu bewegen könnte, die Gefühle meiner Söhne aufs Spiel zu setzen, indem ich dir erlaube, in irgendeiner Form mit ihnen in Kontakt zu treten.“

Ihre Worte trafen ihn mehr, als Sander zugeben wollte. Er war ein stolzer, einflussreicher Mann, der nicht nur daran gewöhnt war, dass seine Anweisungen widerspruchslos befolgt wurden, sondern auch, dass man ihm allseits Respekt und Bewunderung zollte. Deshalb traf ihn Rubys Widerspenstigkeit umso mehr. Zurückgewiesen zu werden war eine neue Erfahrung für ihn, aber von einer Frau zurückgewiesen zu werden, die er als billiges Flittchen in Erinnerung hatte, war schlicht unvorstellbar – auch wenn von diesem Flittchen jetzt nichts mehr sichtbar war. Sie trug eine ausgewaschene Jeans mit einem schlabberigen T-Shirt, war ungeschminkt, und die wild gelockte blonde Mähne fiel ihr offen auf die Schultern. Sander wurde bewusst, dass er nicht umhin kam, seine Taktik zu ändern, wenn er seine Mission erfolgreich beenden wollte.

„Vielleicht gibt es ja tatsächlich nichts, was ich dir anbieten könnte, aber wie ist das mit meinen Söhnen? Du hast eben von ihren Gefühlen gesprochen. Dann solltest du dich fragen, was sie wohl fühlen, wenn sie irgendwann erfahren, dass du ihnen den Vater vorenthalten hast.“

„Das ist nicht fair“, fuhr Ruby empört auf, obwohl ihr klar war, dass Sander einen wunden Punkt getroffen hatte.

„Vor allem ist es nicht fair, meinen Söhnen zu verwehren, dass sie ihren Vater kennenlernen und die Kultur, ...

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