Logo weiterlesen.de
Zum Geburtstag einen Mann

Kate Hardy

Zum Geburtstag einen Mann

1. KAPITEL

Er war perfekt.

Absolut perfekt!

Lässig gegen die Steinsäule vor dem Bürogebäude gelehnt, blickte er mit grüblerischer Miene auf die Themse. Das weiße, am Kragen geöffnete Hemd und die dunkle Anzughose saßen wie angegossen und betonten seinen schlanken, athletisch gebauten Körper. Doch trotz seiner konservativen Kleidung wirkte er nicht wie ein Geschäftsmann oder Banker. Etwas Rastloses, Ungezähmtes ging von ihm aus, was durch den brütenden Ausdruck auf seinem männlich schönen Gesicht noch verstärkt wurde. Sein schwarzes, lockiges Haar war zerzaust, als würde er sich ständig mit den Fingern hindurchfahren, und er schien mit den Gedanken weit weg zu sein.

Ein großer, dunkler Fremder.

Geheimnisvoll und hinreißend attraktiv.

Genau das, wonach Jane gesucht hatte.

Worauf wartete sie dann noch? Warum ging sie nicht schnurstracks auf ihn zu und tat, was sie sich vorgenommen hatte?

Weil du eine feige Memme bist!, schalt Jane sich im Stillen.

Ihre Mitbewohnerin Charlie hätte es durchgezogen. Sie wäre einfach auf ihn zugesteuert, hätte ihn geküsst und ihm dann lächelnd einen schönen Tag gewünscht, bevor sie unbekümmert davongeschlendert wäre. Aber im Gegensatz zu Charlie, die weder Tod noch Teufel fürchtete, fehlte ihr, Jane, ganz offensichtlich der Mumm für eine so abenteuerliche Aktion.

Es war ohnehin eine idiotische Idee. Wer ging schon auf einen völlig Fremden zu und küsste ihn?

Trotzdem wäre es sicher eine aufregende Erfahrung gewesen, denn dieser Mann war wirklich atemberaubend.

Aus einem plötzlichen Impuls heraus zog Jane ihr Handy aus der Tasche. Wenn sie schon nicht den Mut hatte, ihn zu küssen, würde sie wenigstens ein Foto von ihm machen, um ihren Mitbewohnerinnen zu zeigen, wie die vollkommene Verkörperung ihrer romantischen – und erotischen – Fantasien aussah.

Sie hob das Handy an die Augen, aktivierte den Zoom, um ihn größer ins Bild zu bekommen, und drückte auf den Auslöser. In diesem Augenblick wandte er sich in ihre Richtung und sah, was sie tat.

O nein, das hatte ihr gerade noch gefehlt!

Jane wollte sich eilig aus dem Staub machen, war aber nicht schnell genug. Mit wenigen Schritten war der schöne Unbekannte bei ihr und umfasste mit stählernem Griff ihr Handgelenk. „Darf ich erfahren, was das gerade sollte?“, erkundigte er sich in scharfem Tonfall.

„Ich … ich weiß nicht, was Sie meinen …“, stammelte sie mit hochrotem Kopf.

„Sie haben mich gerade fotografiert.“

Was für eine grauenhaft peinliche Situation! Jane wünschte inständig, der Erdboden möge sich auftun und sie verschlingen. Er sah sie mit den schönsten grüngrauen Augen an, die sie je gesehen hatte, doch leider konnte sie weder Wärme noch Sympathie darin entdecken.

„Also?“, hakte er unerbittlich nach.

Jane suchte fieberhaft nach einer plausiblen Erklärung, aber ihr Kopf war wie leergefegt. „Hören Sie, es tut mir wirklich leid …“

So hätte es absolut nicht laufen sollen!

„Vielleicht wären Sie erst einmal so nett, mich loszulassen“, bat sie den Fremden und versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien.

Er hielt sie weiter fest. „Sie haben mir immer noch nicht meine Frage beantwortet.“

„Es tut mir leid“, erklärte Jane erneut. „Es … es war nur so ein dummer Impuls.“

Als er nach kurzem Zögern endlich ihr Handgelenk freigab, schaltete sie ihr Handy aus und schob es hastig in die Tasche zurück. „Und in diesem Moment“, fügte sie mit zusammengebissenen Zähnen hinzu, „würde ich mich am liebsten in Luft auflösen, bevor mich noch jemand mit seinen Blicken tötet.“

Zu ihrer Überraschung lächelte er. Es war ein Lächeln, das ihn im Bruchteil einer Sekunde von einem finsteren Kerl in einen unwiderstehlichen Herzensbrecher verwandelte.

Jane spürte, wie ihre Knie weich wurden.

„Ich habe eine bessere Idee“, sagte er. „Trinken wir einen Kaffee zusammen.“

„Kaffee …?“, konnte sie nur entgeistert wiederholen.

„Sie schulden mir noch eine Erklärung, und da ich das Gefühl habe, dass es eine längere Geschichte wird, fände ich es bedeutend gemütlicher, sie mir in einem Café anzuhören.“

„Aber …“ Jane zog verwirrt die Stirn kraus. „Machen Sie nicht gerade eine Pause von einer Besprechung oder so etwas? Jedenfalls sahen Sie für mich so aus.“

Er zuckte gleichmütig die Schultern. „Es ist eine grauenhaft langweilige Besprechung, und ich bin sicher, dass man auch ohne mich zurechtkommt.“

„Müssen Sie nicht vorher Ihr Jackett holen?“

„Ich hatte gar keins dabei.“ Er marschierte einfach los, und Jane folgte ihm unwillkürlich.

„Aber Sie können doch nicht einfach …“

„Sang- und klanglos von dem Meeting verschwinden?“, ergänzte er amüsiert. „Harry ist zwar Kummer von mir gewohnt, aber Sie haben recht. Es wäre nur höflich, Bescheid zu sagen, dass ich nicht wiederkomme.“

„Wer ist Harry?“ Die neugierige Frage war Jane herausgerutscht, bevor sie es verhindern konnte.

„Harry kümmert sich um meine geschäftlichen Angelegenheiten und sorgt dafür, dass ich regelmäßig zu öden Besprechungen wie dieser erscheine.“ Ohne seinen Schritt zu verlangsamen, zückte er ein flaches Handy und tippte rasch eine Nummer ein. „Harry? Hör zu, du wirst jetzt wahrscheinlich sauer auf mich sein, aber … Was soll das heißen, du hast es gewusst? … Ja, ich weiß, und es tut mir auch echt leid … Ja, sicher, ich rufe dich später an, okay? Bis dann.“

Als er sein Handy wieder in die Hosentasche schob, standen sie bereits vor dem kleinen Bistro, das sich ganz in der Nähe des Bürogebäudes befand. Er hielt Jane die Tür auf, dirigierte sie zu einem Fenstertisch mit Blick auf den Fluss und erkundigte sich, was sie trinken wolle. Kurz darauf kehrte er mit zwei Cappuccinos vom Tresen zurück.

„Also“, begann er, nachdem er ihr gegenüber Platz genommen hatte. „Zuerst einmal wüsste ich gern, wie Sie heißen.“

„Jane.“ Unter seinem intensiven Blick stieg ihr das Blut in die Wangen. „Jane Redmond.“

Er nickte knapp. „Mitch Holland.“

Vermutlich eine Abkürzung für Mitchell, überlegte Jane. Allerdings war dieser Vorname eher in Amerika gebräuchlich, wohingegen sein Akzent unüberhörbar britisch war. Sehr kultiviert, mit einem leicht elitären Touch.

Er trank einen Schluck von seinem Cappuccino und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Und nun bin ich sehr gespannt zu erfahren, warum Sie mich heimlich fotografiert haben.“

Jane wich seinem Blick aus und drehte nervös ihre Kaffeetasse zwischen den Händen. Da er eindeutig nicht die Absicht hatte, sie vom Haken zu lassen, würde sie ihm wohl oder übel eine Erklärung für ihr seltsames Verhalten liefern müssen.

„Also gut“, sagte sie schließlich. „Aber ich warne Sie, es wird sich ziemlich kindisch anhören.“

„Verraten Sie es mir trotzdem.“

„Heute ist mein fünfundzwanzigster Geburtstag.“

„Herzlichen Glückwunsch“, erwiderte er trocken. „Und weiter?“

Verflixt, dieser Mann war wirklich erbarmungslos. „Ich …“ Jane biss sich auf die Lippe und wünschte sich weit weg. Dann gab sie sich einen Ruck. „Alle haben es vergessen“, platzte sie heraus. „Meine Eltern, mein Bruder, meine Arbeitskollegen … sogar meine Mitbewohnerinnen.“

Energisch blinzelte sie die aufsteigenden Tränen zurück, straffte die Schultern und zwang sich, ihm direkt in die Augen zu sehen. Auf keinen Fall sollte er sie für eine selbstmitleidige Heulsuse halten.

„Da ich mir extra für diesen Tag Urlaub genommen hatte, stand ich vor der Wahl, zu Hause zu bleiben und mir selbst leidzutun oder den Tag zu nutzen, um all das in die Tat umzusetzen, was ich schon immer gern tun wollte und wozu ich bisher nie gekommen bin.“ Sie seufzte und zuckte leicht die Schultern. „Und ich habe mich für Letzteres entschieden.“

„Und was wollten Sie schon immer gern tun?“, erkundigte Mitch sich interessiert.

Jane atmete tief durch. „Ganz oben auf der Liste stand, einen großen, dunklen, attraktiven Fremden zu küssen“, eröffnete sie ihm, bevor der Mut sie wieder verließ. „Aber da ich dazu zu feige war, habe ich Sie stattdessen fotografiert.“

Um seine Mundwinkel zuckte es. „Sie hatten vor, mich zu küssen?“

Jane, die sich innerlich vor Verlegenheit krümmte, erwiderte nichts. Einen Moment lang, der ihr wie eine Ewigkeit erschien, musterte Mitch sie schweigend. Dann beugte er sich vor, legte ihr die Hand in den Nacken, und im nächsten Augenblick spürte sie seine warmen festen Lippen auf ihren.

London verblasste. Die Geräusche im Café – plappernde Stimmen, das Klappern von Geschirr, gedämpfte Musik – drangen wie von fern an Janes Ohr, während sie mit geschlossenen Augen hingebungsvoll seinen Kuss erwiderte. Sie nahm den herben Zitrusduft seines Rasierwassers wahr, das feine Knistern seines Hemdes. Seine Lippen schmeckten angenehm leicht nach Kaffee, gewürzt mit einer erregenden Prise Männlichkeit …

Erst als Mitch ihren Mund wieder freigab, wurde Jane bewusst, wo sie sich befand und dass ihre Finger in seinem weichen, sexy zerzausten Haar vergraben waren.

Du lieber Himmel!

Geschah das wirklich ihr, der ach so vernünftigen, stets besonnenen Jane Redmond? Noch nie hatte jemand sie so gekonnt geküsst, dass sie buchstäblich Zeit und Raum vergaß.

Und dann auch noch ein völlig Fremder!

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte Mitch wieder, aber diesmal klang seine Stimme weich und geradezu verboten sinnlich.

Noch vor einer Viertelstunde hatte Mitch nicht einmal gewusst, dass Jane Redmond überhaupt existierte.

Dennoch hatte er sie geküsst.

Ausgiebig und in aller Öffentlichkeit.

Und dieser Kuss hatte ihn so erregt, dass er Mühe hatte, seine Libido wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Es war verrückt!

Er sollte jetzt seinen Cappuccino austrinken, sich höflich von ihr verabschieden und schleunigst das Weite suchen.

Die Tatsache, dass er nicht die geringste Lust dazu hatte, war besorgniserregend, und der drängende Wunsch, mehr über Jane Redmond zu erfahren, geradezu alarmierend. In seinem Leben war kein Platz für eine Frau. Warum, zum Teufel, beließ er es dann nicht bei dieser einmaligen Entgleisung, sondern erkundigte sich stattdessen nach den anderen unerledigten Punkten auf ihrer Liste?

„Warum willst du das wissen?“, fragte Jane ihn berechtigterweise, denn es sollte ihm herzlich egal sein, was sonst noch auf ihrer Liste stand.

„Weil die meisten Dinge zu zweit mehr Spaß machen als allein“, hörte Mitch sich sagen.

„Heißt das, dass du mir deine Begleitung anbieten willst?“

Nein, nein und nochmals NEIN!

„Ja.“

Jane musterte ihn zweifelnd. „Ich glaube nicht, dass das, was ich vorhabe, dir Spaß machen würde.“

Genau. Und wenn er noch einen Funken Verstand besaß, würde er jetzt sagen: Da hast du völlig recht, Jane. Alles Gute für dich und noch einen schönen Geburtstag.

Aber es war lange her, dass Mitch sich so stark zu einer Frau hingezogen gefühlt hatte, und er war noch nicht bereit, dieses Gefühl loszulassen.

„Warum lässt du es nicht auf einen Versuch ankommen?“, forderte er sie heraus.

Sie hob das Kinn. „Na schön. Ich möchte in einen der Brunnen am Trafalgar Square steigen.“

Mitch verzog keine Miene. „Kein Problem. Wir müssen nur zusehen, dass wir den Videokameras ausweichen.“

„Was für Videokameras?“

„Denen, die die Stadtverwaltung dort angebracht hat. Auf dem Brunnenrand sitzen und Fotos machen ist okay, aber ins Wasser zu steigen ist ein Verstoß gegen die öffentliche Ordnung und somit eine strafbare Handlung.“

„Ach so …“ Sie tat so, als würde es ihr nichts ausmachen, aber die Enttäuschung war ihr deutlich anzumerken. „Na dann hat sich dieser Punkt wohl erledigt.“

„Nicht unbedingt“, wandte Mitch ein. Er sollte jetzt wirklich den Mund halten, doch die Vorstellung, mit dieser bezaubernden Fremden namens Jane Redmond einen ganzen Tag lang alle möglichen verrückten Dinge zu unternehmen, war unwiderstehlich.

„Es gibt einen ähnlichen Brunnen in der Nähe, der meines Wissens unbewacht ist“, informierte er sie. „Dort können wir in der Mitte stehen, während um uns herum eine Wand von Wasser hochschießt.“

Sie betrachtete ihn skeptisch. „Das würdest du im Leben nicht machen.“

Wollte sie ihm damit sagen, dass sie ihn für einen Feigling hielt?

„Wieso bist du davon so überzeugt?“

Ihr Blick streifte sein edles Hemd. „Weil du für das, was ich vorhabe, nicht gerade passend angezogen bist.“

Sie selbst trug ein schlichtes blassrosa T-Shirt. Und dazu – Jeans? Als Mitch sie hierhergelotst hatte, hatte er gar nicht auf ihre Kleidung geachtet. Er hatte nur ihre strahlend blauen Augen wahrgenommen, ihr kinnlanges hellbraunes Haar und die Tatsache, dass sie etwa einen halben Kopf kleiner war als er. Alles in allem war sie der Typ nettes, sympathisches Mädchen von nebenan.

Genau die Art von Frau also, von der man besser die Finger ließ.

Er warf einen kurzen Blick unter den Tisch. Keine Jeans, sondern eine leichte Leinenhose. Dazu flache, bequeme Halbschuhe. „Für eine Moorwanderung oder etwas in der Art bist du auch nicht gerade ausgerüstet“, stellte er fest.

„Ich trage bequeme Sachen, die sich dafür eignen, an einem warmen Apriltag durch die Stadt zu laufen.“

Mitch deutete auf sein maßgeschneidertes Hemd aus ägyptischer Baumwolle – ein dekadenter Luxus, der ihm die ungeliebten Aufenthalte in der Stadt ein wenig versüßte. „Und wer sagt, dass das hier nicht bequem ist?“

Jane blickte darauf ebenfalls unter den Tisch. Als sie seine handgearbeiteten italienischen Schuhe sah, zog sie spöttisch die Brauen hoch. „Die würdest du dir bestimmt nicht in einem Springbrunnen ruinieren.“

„Warte es ab“, forderte er sie heraus. „Und was kommt nach dem Springbrunnen?“

„Auf das Monument bei der St. Paul’s Kathedrale steigen. Danach im Dom selbst die Flüstergalerie ausprobieren.“

Dieses Mal konnte Mitch das Grinsen nicht unterdrücken. „Wie alt warst du, als du die Liste aufgestellt hast? Lass mich raten … fünfzehn?“

Jane errötete bis in die Haarwurzeln, was Mitch ganz entzückend fand.

„Ich sagte ja, dass es kindisch klingen würde“, murmelte sie und wandte den Blick ab.

„Für mich hört es sich nach Spaß an“, versicherte er ihr und meinte es auch so. „Und was dann?“

Sie sah ihn ungläubig an. „Du meinst es also tatsächlich ernst?“

„Und ob.“

„Aber du …“

„Meine Zeit gehört mir“, nahm er ihren Einwand vorweg.

„Und du hast keine … ich meine, gibt es niemanden, der etwas dagegen haben könnte?“

„Nein.“ Früher einmal hatte es jemanden gegeben, aber die Erinnerung blendete Mitch rasch aus. „Und ich stehe auch nicht für eine feste Bindung zur Verfügung.“ Besser, er machte es gleich von Anfang an klar. Einen Tag lang Spaß zu haben war in Ordnung. Aber dass ein Tag auf den nächsten folgte, bis eine ausgewachsene Beziehung daraus geworden war, kam nicht infrage. Er war Single und wollte es auch bleiben.

Jane hob das Kinn. „Darauf habe ich es auch nicht im Geringsten abgesehen“, informierte sie ihn steif. „Außerdem warst du derjenige, der sich mir als Begleiter angeboten hat.“

Mitch hob beschwichtigend die Hände. „Ja, natürlich“, gab er bereitwillig zu. „Und was ist mit dir? Gibt es in deinem Leben jemand Speziellen?“

„Nein.“ Ein Anflug von Herausforderung flackerte in ihren blauen Augen auf. „Und nur für die Akten: Ich suche auch nicht danach.“

„Gut“, meinte er. „Dann wissen wir ja beide, wo wir stehen. Heute ist dein Geburtstag, und ich wette, dass wir jede Menge Spaß haben werden.“ Und danach geht jeder von uns wieder seiner Wege. „Was hast du noch auf der Liste?“

„Mit einem Boot die Themse bis Greenwich herunterfahren“, begann Jane aufzuzählen. „Das Observatorium besuchen und die Meridianlinie überschreiten. Danach Tee im Ritz …“ Sie hielt inne und zog die Nase kraus. „Ich hoffe nur, man muss vorher nicht reservieren, denn das habe ich nicht getan.“

„Wir können es zumindest versuchen. Und wenn das nicht klappt, gehen wir eben zu Brown’s oder ins Savoy.“

Jane lächelte. „Ich hätte nie gedacht, dass ich meinen fünfundzwanzigsten Geburtstag mit einem Wildfremden verbringen würde.“

Einen Geburtstag, an den niemand gedacht hatte. Dabei war Jane Redmond trotz ihres relativ durchschnittlichen Aussehens niemand, den man leicht vergaß. Sie hatte etwas an sich, das Mitch schon jetzt nicht mehr losließ. Etwas, das er nicht analysieren wollte, denn schließlich ging es hier nur darum, einen unterhaltsamen Tag zu verbringen.

„Hey, ein Vierteljahrhundert ist ein Anlass, den man feiern sollte. Wie kommt es überhaupt, dass deine Familie es vergessen hat?“

Sie zögerte sichtlich. „Na ja, eigentlich haben sie es nicht wirklich vergessen.“

„Das verstehe ich nicht.“

Jane seufzte. „Meine Eltern sind Archäologen. Sie sind wirklich brillant, aber was Termine und solche Dinge betrifft, sind sie ziemlich realitätsfremd.“

„Mit anderen Worten, ihnen ist nicht klar, was heute für ein Tag ist?“

Es hatte nicht wie Kritik klingen sollen, aber offenbar verstand Jane es so. „Sie leben ganz für ihre Arbeit, und das finde ich völlig in Ordnung“, erklärte sie und hob kämpferisch das Kinn. „Ich weiß, dass sie mich lieben. Wahrscheinlich haben sie gestern eine Geburtstagskarte eingeworfen und ganz vergessen, dass die Post aus der Türkei etwas länger braucht, um in London anzukommen.“

Das kam Mitch irgendwie bekannt vor. „Und dein Bruder?“

„Alex ist auch Archäologe. Wie meine Eltern lebt er auf einem anderen Stern. Und in einer anderen Zeitzone als der Rest von uns.“ Sie zuckte die Schultern. „Wie gesagt, es ist nicht so, dass es ihnen egal wäre. Und wenn es ihnen wieder einfällt, werden sie sich vermutlich schrecklich schuldig fühlen.“

„Was ist mit deinen Freunden und Kollegen?“

Mitch sah, dass es ihr Mühe bereitete, ihr tapferes Lächeln aufrechtzuerhalten. „Meine Freundinnen, mit denen ich zusammenwohne, haben zurzeit viel Stress bei der Arbeit, und meine Kollegen …“

„Auch Archäologen?“ Mitch konnte nicht widerstehen, sie ein wenig aufzuziehen.

Jane schüttelte den Kopf. „Nein, sie arbeiten wie ich als Archivare.“

Er zog die Brauen hoch. „Die Schreibtischversion eines Archäologen?“

„So etwas in der Art“, bestätigte sie. „Anstatt unser Leben damit zu verbringen, in schmutzigen Gräben herumzukriechen, suchen wir nach Hinweisen in alten Papieren.“

Abgekapselt von der Welt. Eingeschlossen in die Vergangenheit.

„Das klingt …“ Sicher und monoton. „… interessant.“ Es war das diplomatischste Wort, das Mitch dazu einfiel.

„Das ist es auch“, bestätigte sie eifrig. „Es ist unglaublich aufregend, etwas zu entdecken, das für immer verloren geglaubt war, oder auf eine Information zu stoßen, die plötzlich etwas erklärt, worüber man sich schon jahrelang den Kopf zerbricht.“

„Warum bist du nicht Archäologin geworden wie der Rest deiner Familie?“

„Als ich fünfzehn war, forschten meine Eltern bei Ausgrabungen in Vindolanda, einer ehemaligen römischen Festung am Hadrianswall. Alex und ich waren bei ihnen, und so habe ich von den Briefen von Vindolanda erfahren.“

Ihre Augen leuchteten auf, und Mitch erkannte in ihnen dieselbe Leidenschaft, die auch er für seine Arbeit empfand.

„Ich war völlig fasziniert davon und wusste sofort, dass ich genau das tun wollte: alte Handschriften entziffern, den Code knacken und den Dokumenten die Geheimnisse der Vergangenheit entlocken.“

Einerseits verstand Mitch sie, andererseits fiel es ihm schwer nachzuvollziehen, wie man sich für etwas so … Lebloses begeistern konnte. „Was ist denn an der Gegenwart verkehrt?“, fragte er sie.

„Nichts. Ich interessiere mich nur einfach für die Vergangenheit. Aber jetzt bist du an der Reihe. Was ist dein Beruf?“

„Sturmjäger“, teilte er ihr lakonisch mit.

Was?“ Jane sah ihn an, als wäre ihm plötzlich ein zweiter Kopf gewachsen.

„Ich bin Sturmjäger“, wiederholte er amüsiert. „Ich spüre extreme Unwetter auf und fotografiere sie.“

Ihre Augen weiteten sich. „Du meinst Tornados?“

„Ja, unter anderem.“

„Also arbeitest du in Amerika?“

„Manchmal. Allerdings hat es im Vereinigten Königreich bisher mehr Tornados pro Quadratkilometer gegeben als irgendwo sonst auf der Welt.“

„Du machst Witze.“

„Absolut nicht. Im Durchschnitt sind es zwischen dreißig und vierzig pro Jahr. Die meisten davon sind aber klein und dauern nicht sehr lange. Außerdem treten sie meistens in ländlichen Gegenden oder in Küstennähe auf, sodass man kaum von ihnen hört. Die großen, die tausende von Gebäuden zerstören, sind ziemlich selten.“

„Ein Sturmjäger …“ Jane konnte es immer noch nicht fassen. „Ist es in deinem Meeting heute darum gegangen?“

„Nicht direkt. Das fand wegen einer Ausstellung meiner Fotos statt.“ Er schnitt ein Gesicht. „Ich habe deswegen schon gestern den ganzen Tag dort verbracht und es gehasst. In geschlossenen Räumen fühle ich mich sehr schnell unwohl. Ich bin viel lieber draußen.“

Jane blickte durchs Fenster zum wolkenlos blauen Himmel hoch. „Auch dann, wenn nirgends ein Wirbelsturm in Sicht ist?“

„Auch dann“, bestätigte er lächelnd und trank seinen Kaffee aus. „Und jetzt lass uns zu diesem Brunnen fahren.“

2. KAPITEL

Mitch konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt einen Tag so unbeschwert genossen hatte. Sie waren bei dem Brunnen gewesen und wie ausgelassene Kinder geschickt in die Mitte gesprungen – gerade noch rechtzeitig, bevor die Fontäne wieder hochschoss und sie nass wurden. So bildete sich eine geschlossene Wasserwand um sie herum, und auch seine Schuhe blieben verschont.

Später hatten sie die dreihundertelf Stufen hohe Wendeltreppe des Monuments erklommen und auf der Aussichtsplattform den überwältigenden Blick auf London genossen. In der Flüstergalerie der St. Paul’s Kathedrale gleich nebenan hatte er Jane vom einen Ende leise „Happy Birthday“ gewünscht, und sie hatte vom anderen Ende „Danke“ zurückgeflüstert.

Als sie nun die Goldene Galerie am höchsten Punkt des Doms betraten, zog Mitch sie sanft in die Arme und küsste sie in knapp hundert Metern Höhe zum zweiten Mal an diesem Tag. In seinem Kopf drehte sich alles, und das hatte nichts mit Höhenangst zu tun. Als er sich schließlich von ihr löste und ihr in die Augen schaute, sah er, dass es ihr genauso ging.

Anziehung auf den ersten Blick.

Eine völlig unerklärliche, verrückte Anziehung.

Mitch wusste, dass er nicht Janes Typ war. Sie würde auf jemanden stehen, der gern in der Vergangenheit herumstöberte, anstatt sie lieber ruhen zu lassen. Der sichere, normale Dinge tat und dessen Arbeit ihn nicht regelmäßig in die unmittelbare Nähe von rasend schnellen Wirbelstürmen führte.

Aber das war kein Problem für ihn, denn sie war ebenfalls nicht sein Typ. Nicht dass er überhaupt einen hätte. Nicht mehr.

„Mitch?“

Er riss sich aus seinen Gedanken und berührte kurz ihre Wange. „Es ist nur ein Geburtstagskuss“, sagte er in leichtem Tonfall.

Auch wenn es sich nach mehr anfühlte.

Nach verdammt viel mehr, um ehrlich zu sein …

Als sie den Landungssteg bei Westminster hinuntergingen, um Karten für die Schiffstour zu kaufen, legte er Jane den Arm um die Schultern, und nachdem sie auf einer der Sitzbänke Platz genommen hatten, zog er sie ein wenig an sich. Es war nur eine leichte Berührung, und doch war sich Mitch sicher, das Pulsieren ihres Blutes zu spüren.

Und jeden Schlag seines eigenen Herzens.

Heute war Jane einmal nicht das Superhirn, wie ihre Freundinnen sie scherzhaft nannten. Nicht das Organisationsgenie ihrer Wohngemeinschaft und auch nicht die höfliche, ruhige Archivarin, die geduldig alte Handschriften entzifferte und den Besuchern half, Dokumente zu finden.

Heute amüsierte sie sich einfach nur und tat all die Dinge, die sie schon immer hatte tun wollen und für die sie nie Zeit gefunden hatte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Zum Geburtstag einen Mann" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen