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Zum Anbeißen süß

1. KAPITEL

Polizeichef Mitch McKee hatte beinahe schon den Ortsausgang von Chapel, Tennessee, erreicht, als er den Polizeiruf hörte. Nach einem langen Tag voll ermüdender Diskussionen mit dem Stadtrat sehnte er sich danach, endlich aus der Stadt herauszukommen. Chapel war eine kleine Universitätsstadt in der Nähe von Chattanooga, die voller Stolz auf eine lange Geschichte zurückblicken konnte, in der Alkoholschmuggler und Schwarzbrenner eine ebenso wichtige Rolle spielten wie ehrwürdige, reiche, alte Familien. Im Augenblick war Mitch aber keineswegs von Stolz auf seine Heimatstadt erfüllt, sondern eher von Verärgerung, denn der Stadtrat kam ihm wie eine Herde sturer Maulesel vor, die nicht akzeptieren wollten, dass die Zukunft auch an Chapel nicht vorbeiging. Während der fruchtlosen Debatten war Mitch mehr als einmal kurz davor gewesen, die Geduld zu verlieren.

Wie viel lieber wäre er angeln gegangen!

“Les, ein Wagen liegt in der Ravenswood Road im Graben”, erklärte Myra von der Funkzentrale. “Es soll sich um eine hilflose junge Frau handeln”, fügte sie noch hinzu und lachte leise.

“Bin schon unterwegs”, erklang die Stimme des Hilfssheriffs, der heute Abend Dienst hatte. “Es ist sowieso nicht viel los.”

Mitch hatte Schwierigkeiten abzuschalten. Als Polizeichef war er offensichtlich für alles und jeden verantwortlich. Aber wenn es hart auf hart kam, erwarteten die Leute im Rathaus von ihm, dass er sich genau nach ihren Vorstellungen richtete.

Das konnte man mit ihm nicht machen.

Sicher, die wilden Zeiten des Mitch McKee waren vorbei. Inzwischen hatte er bei den Marines gedient und hatte sogar eine Reihe von Auszeichnungen bekommen. Aber wenn es darum ging, sich nach bestimmten Regeln zu richten, dann konnte er nur diejenigen befolgen, die er auch selbst akzeptierte.

Wenn er an die absurden Vorschläge des Bürgermeisters in Sachen Verkehr dachte, dann packte ihn immer noch die kalte Wut.

Um sich abzulenken, wollte Mitch Les zu Hilfe kommen, zumal die Ravenswood Road auf seinem Weg lag. Und ein Auto aus dem Dreck zu ziehen war immer noch besser, als sich über die verrückten Ideen des Bürgermeisters zu ärgern. Ihm graute es schon vor der nächsten Versammlung.

Fünfzehn Minuten später leuchtete Mitch die Bremsspur auf dem Asphalt der Ravenswood Road ab und schüttelte den Kopf.

“Sie trainieren wohl für die Formel 1, was?”, fragte er die gut angezogene Rothaarige, die auf der Fahrertür ihres auf die Seite gekippten goldfarbenen Mercedes saß.

“Ich bin eine ausgezeichnete Fahrerin”, entgegnete die junge Frau nachdrücklich. “Ich habe nur gerade telefoniert, als das Reh über die Straße lief.”

“Kein Wunder, dass es sich beeilte. Ein telefonierender Fahrer kann zur tödlichen Gefahr werden. Nach Ihrer Bremsspur zu urteilen, haben Sie anscheinend mit der Flugsicherung telefoniert. Sie müssen ja geflogen sein.”

Die junge Frau schlug ein Bein über das andere, und Mitch wünschte, er könnte ihr eine Decke über die Knie legen, um nicht abgelenkt zu werden. Irgendetwas an ihr kam ihm bekannt vor, aber er war ziemlich sicher, sie nie zuvor gesehen zu haben. Diese Beine hätte er nicht vergessen.

“Sie brauchen sich nicht um mich zu kümmern”, sagte die Rothaarige. “Ich habe bereits dem Mechaniker meines Vaters Bescheid gesagt. Er wird mich abschleppen.”

“Mechaniker meines Vaters” – wie sich das anhörte, und mit welcher Selbstverständlichkeit sie das sagte! Mitch kniff die Augen zusammen, um sie besser sehen zu können. Jetzt erkannte er sie. Natürlich, es war Kate Sutherland, die jüngste Tochter des reichsten Mannes von Chapel. Die erwachsene Ausgabe des jungen Mädchens, von dem Mitch in der Highschool schon fasziniert gewesen war. Er hatte sich allerdings an ihre Stimme nicht mehr erinnert, aber wahrscheinlich hatte Kate damals nicht viel gesagt.

Verdammt.

Mitch sah Les an, der kurz nach ihm angekommen war, und schüttelte den Kopf. Terence Sutherlands Tochter. Von allen Frauen der Welt ausgerechnet sie … “Tut mir leid, Miss Sutherland, aber wir müssen die Sachen leider zu Protokoll nehmen. Außerdem müssen wir Sie bitten, sich einem Alkoholtest zu unterziehen.”

“Das meinen Sie doch wohl nicht ernst!”, stieß sie empört hervor.

“Leider doch, Madam. Das sieht das Gesetz vor, und ich bin hier in Chapel derjenige, der dafür verantwortlich ist, dass das Gesetz auch eingehalten wird. Aber erst einmal sollten Sie da aus dem Graben herauskommen.”

“Ich möchte lieber hierbleiben, bis Ramey kommt.”

“Wie Sie wollen.” Mitch sah Les an. “Da ich schon auf dem Weg nach Hause und entsprechend umgezogen bin, muss ich mich wohl schmutzig machen. Aber ich möchte, dass Sie den Alkoholtest übernehmen.”

“Okay, Chief”, antwortete Les.

Mit einem missmutigen Blick auf seine Lieblingsstiefel stieg Mitch in den schlammigen Straßengraben. Als er nahe an das Auto herangekommen war und die junge Frau genau sehen konnte, hätte er am liebsten wieder geflucht. Die zierliche Schönheit, die ihn während seines letzten Jahres auf der Highschool immer wieder neugierig gemustert und an manchen seiner wilden Träume sicher nicht ganz unschuldig gewesen war, hatte sich in eine hinreißende Frau verwandelt. Jetzt wandte sie sich ab und tat so, als nähme sie ihn gar nicht wahr. Ohne sie um Erlaubnis zu fragen, schob er die Arme unter ihre beeindruckenden Beine und hob sie hoch.

Kate wand sich empört. “Ich habe Ihnen gesagt, dass ich hier warten will. Lassen Sie mich sofort herunter, oder ich erstatte Anzeige wegen sexueller Belästigung.”

“Das werden Sie nicht tun, aber ich werde ins Protokoll aufnehmen, dass Sie nicht einverstanden waren.” Behutsam stieg er mit ihr den Hang hoch. “Wenn es gegen das Gesetz verstößt, eine Frau aus dem Dreck zu ziehen, dann muss man dieses Verbrechen meiner Erziehung anlasten. Meine Mutter hat immer gesagt: ‘Lass nie eine Frau im Dreck sitzen’.” Les lachte, und Mitch fuhr fort: “Warum färben Sie sich die Haare?” Ihre natürliche Haarfarbe war Braun.

“Woher wissen Sie …” Sie lehnte sich weit zurück und sah ihn genauer an. Er fühlte, wie sie sich anspannte, aber sie sagte nichts.

“Das ist ja wie früher. Immer, wenn ich in der Schule mit dir sprechen wollte, warst du verschlossen wie eine Auster. Aber du brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen, ich bin jetzt ein respektiertes Mitglied der Gemeinde. Die wilden Zeiten sind vorbei. Dein Vater selbst hat meine Wahl zum Polizeichef unterstützt.”

“Mein Vater …”, mit einer einzigen Drehung hatte sie sich aus Mitchs Armen befreit, sowie sie die Straße erreicht hatten, “… hat noch nicht einmal den Verstand eines Flohs.”

Mitch sah sie verblüfft an und suchte nach einer passenden Antwort, was ihm nicht leichtfiel. Zu eindeutig hatte er auf sie reagiert, als er sie auf den Armen trug. “Willst du ihn damit beleidigen oder mich?”, fragte er grinsend.

Kate wusste nicht, ob sie sich frustriert die Haare raufen oder sich auf die Straße setzen und heulen sollte. Ausgerechnet Mitch McKee war hier der oberste Gesetzeshüter! Sie hatte ein wenig mit dem Deputy flirten wollen, damit er keine Anzeige erstattete. Das kam jetzt nicht mehr infrage. Mitch war der erste Junge in der Schule gewesen, der sie vollkommen durcheinandergebracht hatte. Stundenlang hatte sie seinen Namen in ihr Tagebuch gemalt und hatte sich immer wieder in den Gebäudetrakt der höheren Klassen geschlichen, um ihn zu sehen. Oft hatte sie beobachtet, wie er mit den anderen bösen Jungs auf dem Parkplatz stand und rauchte. Aber wenn er sie ansprach, brachte sie kein Wort heraus, und ihr Herz klopfte, als wollte es zerspringen.

Und jetzt stand er hier vor ihr und sah selbst in Jeans und schlammbespritzten Stiefeln umwerfend aus. Hatte es irgendwann in ihrem Leben mal eine Zeit gegeben, in der sie nicht von Mitch McKee hingerissen gewesen war?

Aber jetzt war sie erwachsen, und das musste sie ihm zeigen.

“Eigentlich euch beide, sofern du, was die Politik angeht, mit ihm unter einer Decke steckst.”

Mitch hob abwehrend die Hände. “Davon war nie die Rede.”

Der Abschleppwagen kam, und alle drei sahen auf.

“Ich werde darauf achten, dass er deinen Wagen nicht noch mehr demoliert”, erklärte Mitch. “Und Sie, Les, holen schon mal den Testapparat, damit Miss Sutherland ins Röhrchen pusten und dann wieder nach Hause fahren kann.”

“Eine Sekunde noch …”

Mitch stützte die Hände auf die Hüften und wandte sich ihr wieder zu, ganz Polizist. “Wenn du einen Anwalt brauchst, kannst du ihn mit deinem Handy anrufen. Sonst puste ins Röhrchen und füll die Formulare aus. Dann kannst du gehen. Wenn ein 50.000-Dollar-Auto zu Schrott gefahren wird, muss ein Protokoll gemacht werden.”

Ohne ein Wort zu sagen, ging Kate zu dem Polizeiwagen. Gut, dann machte sie eben den albernen Test. Sie hatte sowieso nichts getrunken, sie hatte nur geheult. Das war schließlich nicht verboten. Und was das Auto anging, das war ihr ziemlich egal. Ihr Vater würde ihr zehn neue Wagen kaufen, wenn sie ihn nur in seinem schönen neuen Leben nicht störte.

Mitch half dem Fahrer des Abschleppwagens, das Seil am Mercedes zu befestigen. Seine Stiefel waren sowieso schon schmutzig. Der gute Ramey blickte verschlafen drein, als hätte man ihn gerade aus dem Bett geholt. Mitch sah, wie Kate Les ihren Führerschein gab. Sie wirkte eigentlich eher durcheinander als betrunken.

Er hatte nicht darauf geachtet, ob sie einen Ehering trug. Ob sie immer noch Sutherland hieß? Vielleicht war sie ja nach San Francisco gezogen, hatte irgendeinen Chad oder Brad geheiratet und das kleine hinterwäldlerische Chapel für immer hinter sich gelassen. So etwas Ähnliches hatte er auch getan, als er, allerdings auf intensive Empfehlung von Richter Wrensdale, beschloss, zum Militär zu gehen. Sonst wäre er wegen Autodiebstahls ins Gefängnis gewandert. Aber er wollte damals sowieso die ganze Stadt und ihre Bewohner vergessen, wenn ihm das auch in Bezug auf Kate nie gelungen war. Zu deutlich erinnerte er sich an ihr zartes Gesicht, vor allem, als sie nach dem Tod ihrer Mutter wieder das erste Mal in die Schule gekommen war. Ihren traurigen Blick würde er nie vergessen.

Während er zu dem Polizeiwagen hinüberging, hörte er Les zu ihr sagen: “So, und jetzt pusten Sie.”

Mitch sah, wie Kate das Röhrchen an den Mund hob, und musste sich abwenden. Schon auf den bloßen Anblick von Kates Lippen, die sich um das Röhrchen schlossen, reagierte sein Körper in einer Art und Weise, die ihn verlegen machte.

Schnell ging er zu seinem Jeep. Ob sie eine Ahnung hatte, welche Wirkung eine so harmlose Geste auf ihn hatte? Mann, Mitch, was ist mit dir los?, dachte er. Schließlich hatte er schon ganz andere Sachen gesehen. Er konnte sich seine Reaktion nur mit dem Schock darüber erklären, dass die süße kleine Kate sich zu so einer aufregenden Frau entwickelt hatte. Es war so, als wenn das Mädchen von nebenan sich plötzlich in ein Playboy-Bunny verwandelte und man den Blick nicht mehr von der Aufklappseite losreißen konnte.

Aber Kate hatte weder nackt posiert, noch hatte sie ihn irgendwie verheißungsvoll angesehen. Sie hatte nur den Alkoholtest gemacht, so wie er es befohlen hatte.

“Chief?”

Mitch drehte sich um. Les kam auf ihn zu. “Miss Sutherland ist nüchtern.”

“Gut, dann lassen Sie sie gehen.” Auch Mitch wollte los. Die Sache wurde ihm viel zu kompliziert. Die Vergangenheit geriet in Konflikt mit der Gegenwart, der “Playboy” mit dem Jahrbuch der Highschool.

“Ich möchte Ihnen herzlich danken, Deputy, dass Sie mir kein Ticket geben”, sagte Kate.

Mitch blickte Les, der nervös wirkte, durchdringend an. Kate verdiente einen Strafzettel, aber Mitch wollte nicht weiter darauf bestehen.

Les tippte sich an den Hut. “Wir sind froh, dass Ihnen nichts passiert ist, Madam. Danke auch für Ihre Hilfe, Chief.” Er nickte Mitch zu, ging zum Polizeiwagen und fuhr los.

Mitch sah dem Wagen hinterher und wandte sich dann an Kate. “Ich dachte, du bist nach Kalifornien gezogen.”

“Bin ich auch.” Sie blickte auf den Abschleppwagen. Ramey hatte ihren Wagen gerade aus dem Graben gezogen.

Er wechselte das Thema. “Dein Wagen sieht ziemlich schlimm aus.”

Ihr Gesichtsausdruck blieb unbestimmt. “Findest du? Ein paar Beulen machen ihn doch nur interessanter.”

Zu dieser Untertreibung fiel Mitch nichts mehr ein. Auf alle Fälle würde sie mit dem Auto nicht fahren können. Und da es in Chapel keine Autos zu mieten gab, beschloss er, ihr anzubieten, sie mitzunehmen, auch auf die Gefahr hin, dass sie ihn abblitzen ließ. “Irgendjemand muss dich nach Hause fahren.”

Ihr Gesicht verhärtete sich. “Dies ist nicht mein Zuhause. Ich will weder zu meinem Vater noch zu meiner Schwester.”

“Ach so.”

“Ich wohne bei meiner Freundin Julie. Da du offenbar ein phänomenales Gedächtnis hast, wirst du dich sicher an Julie Taylor erinnern, jetzt Julie Blake.”

“Oh, ja, ich kenne die Blakes. Cal und ich gehen manchmal zusammen angeln.” Jetzt stellte er endlich die Frage, die ihn schon die ganze Zeit beschäftigte: “Wie lange werden du und dein Mann in der Stadt sein? Die Reparatur des Wagens wird eine Weile dauern.”

“Ich werde auf alle Fälle bis zum Klassentreffen am nächsten Wochenende hier sein. Kommst du auch?”

Er antwortete nicht gleich. Warum sollte er zu ihrem Klassentreffen gehen, wenn er noch nicht einmal zu seinem eigenen gegangen war? “Ich war doch in einer anderen Klasse.”

Ramey kam auf sie zu und wischte sich die Hände an einem schmierigen Lappen ab. Er schien abfahrbereit zu sein.

“Was wirst du machen, ich meine, wegen eines anderen Autos?”, fragte Mitch. Vielleicht brauchte Kate Sutherland seine Hilfe gar nicht, aber er wollte sie ihr wenigstens anbieten. Überrascht sah er, dass sie lächelte, obgleich ihr Tränen in den Augen standen.

“Ich werde Daddy sagen, er soll mir einen neuen kaufen.”

Ihre Worte hätten ihn eigentlich abstoßen sollen, aber irgendwie bewirkten sie das Gegenteil. Er nahm sie beim Arm und zog sie zu seinem Jeep. “Komm, steig ein. Ich fahre dich schnell zu Julie.” Und als sie sich leicht sträubte, fügte er hinzu: “Mein Auto ist sauberer als Rameys. Ich habe dich doch nicht aus dem Dreck gezogen, damit du aussiehst, als sei es dein Hobby, Dieselmotoren zu reparieren.”

Er sah, wie sie Ramey in seinem verschmierten Overall aufmerksam musterte. Dann ließ sie zu, dass Mitch ihr die Beifahrertür öffnete.

Während der ersten Meilen sagten sie keinen Ton. Kate saß in sich versunken neben ihm, und Mitch hatte den Eindruck, dass sie den Unfall erst jetzt registrierte. Er ließ sie in Ruhe, aber das hatte er auch auf der Highschool getan, und es hatte sie beide kein Stück weitergebracht.

Deshalb sagte er schließlich: “Wie lange die Schulzeit doch schon zurückliegt.”

Kate schniefte kurz und setzte sich dann gerade hin. “Ja, das stimmt.” Sie sah ihn an. “Wie ist es dir ergangen? Ich dachte, du warst bei der Marineinfanterie?”

Er warf ihr einen misstrauischen Blick zu, musste aber feststellen, dass sie ehrlich interessiert wirkte. “Es ist mir gut gegangen, ich meine, ich kann zufrieden sein. Wenn vielleicht auch nicht so zufrieden wie du.” Er zuckte mit den Schultern. “Ein paar Jahre haben sie mich beim Militär geschliffen. Dann hat man mich für einen bestimmten Job in die Wüste geschickt. Das habe ich auch überlebt. Und dann kam ich wieder nach Chapel zurück und wurde ein musterhafter Bürger.” Er lachte.

“Der Polizeichef”, sagte sie.

“Ja.” Er runzelte die Stirn. “Leider muss ich mich dabei mehr mit Politikern herumschlagen, als dass ich richtige Polizeiarbeit leisten kann. Und ich weiß noch nicht, ob mir das auf die Dauer gefällt. Aber ich habe den Job übernommen, und nun mache ich ihn auch erst mal.”

“Deine Mutter ist sicher stolz auf dich.”

Mitch wunderte sich, dass Kate sich an seine Mutter erinnerte. “Ich glaube, sie war es. Ich bin froh, dass sie noch auf mich stolz sein konnte, nach all dem, was sie mit mir durchmachen musste. Sie hat getan, was sie konnte, aber ohne die Unterstützung meines Vaters konnte sie mich nicht bändigen. Ich war immer der Meinung, ich wüsste selbst genau, was gut für mich war. Und ich war größer und stärker als sie.” Bei der Erinnerung daran, wie seine winzige Mutter sich vor ihm aufbaute und ihm gute Ratschläge gab, musste er lächeln. Dann zögerte er kurz, aber er wusste, er musste es Kate sagen. “Sie starb vor zwei Jahren.”

“Oh, entschuldige, ich wusste nicht …”

“Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Du bist schon lange weg, da gibt es keinen Grund, noch mit den Leuten von früher Kontakt zu halten.”

Er musste an einer roten Ampel halten und blickte Kate an. Sie wirkte immer noch sehr traurig, und er hatte den dringenden Wunsch, sie aufzuheitern. Vielleicht sollten sie irgendwo noch einen Kaffee trinken.

“Und du? Wie ist es dir ergangen?”, fragte er.

“Oh, danke, gut.” Sie sah aus dem Fenster.

“Ich habe gehört, dass du einen Superjob in San Francisco hast.” Er bemühte sich, das Gespräch in Gang zu halten.

Kate sah ihn an und lächelte kurz. “Wenn du mit ‘super’ gut bezahlt meinst, dann kann man das wohl behaupten.”

Die Ampel sprang auf Grün, und er fuhr wieder an. “Na ja, Geld ist ja nicht alles, vor allen Dingen für jemanden, der …”

“Aus reichem Haus kommt?”, vollendete Kate seinen Satz.

Mitch war irritiert. “Nein, das meine ich nicht. Zumindest nicht so. Ich kenne deine Familie, und ich weiß, dass du durch sie gewisse Vorteile hast. Doch was mich viel mehr interessiert, ist, ob dir deine Arbeit Spaß macht.”

“O ja.”

“Wunderbar. Aber willst du mir nicht endlich sagen, was du eigentlich tust?”

Kate lachte leise, als sie seine Frustration bemerkte, und er hatte plötzlich das Gefühl, einen großen Sieg errungen zu haben. Immerhin hatte er sie, die kurz davor war, in Tränen auszubrechen, zum Lachen gebracht.

“Ich arbeite als Headhunter”, sagte sie lächelnd.

“Als was?”

“Die größten Unternehmen des Landes beauftragen unsere Firma, für sie die besten und intelligentesten Mitarbeiter zu finden.”

“Aha. Und wie findet man die?”

“Wir stehen in engem Kontakt mit den besten Universitäten, sind im Internet und versuchen, die guten Leute von anderen Unternehmen abzuwerben. Manchmal komme ich mir vor wie ein räuberischer Hai.”

“Ein solches Leben ist ja wirklich ein enormer Kontrast zu unserem verschlafenen Chapel. Kein Wunder, dass es dir gefällt.” Mitch schwieg und dachte daran, wie oft er erwogen hatte, seine Heimatstadt zu verlassen. Nach dem Tod seiner Mutter hielt ihn hier im Grunde überhaupt nichts mehr. “Vielleicht kannst du ja auch für mich einen Job finden.” Das meinte er nicht so ganz ernst, denn er hielt sich nicht für den Besten und Intelligentesten in seinem Beruf.

“Bist du mit deinem Job nicht zufrieden?”, erkundigte sie sich.

Er dachte einen Augenblick nach. Er liebte die Polizeiarbeit und hatte keine Probleme, sich dafür einzusetzen, dass die Gesetze befolgt wurden, aber sein Job als Chef der Polizei … “Er ist nicht sehr aufregend”, antwortete er und hielt vor Julies und Cals Haus.

Kate drehte sich zu ihm um, und er stellte den Motor ab. “Vielen Dank, dass du mich hergefahren hast, Chief”, sagte sie ernsthaft, öffnete die Beifahrertür und stieg aus. “Und was deinen Job betrifft, der deiner Meinung nach ruhig etwas aufregender sein könnte – man sollte immer vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht. Gute Nacht.”

2. KAPITEL

Am nächsten Morgen saß Kate ihrer Freundin am Küchentisch gegenüber. Sie hatte das Gesicht in die Hände gestützt und starrte verzweifelt in ihre halb leere Kaffeetasse.

“Oh, Julie, was soll ich nur tun?”

Julie lachte. Sie war beinahe im siebten Monat schwanger und schon ziemlich rundlich. “Meiner Ansicht nach solltest du gar nichts anderes tun als einfach so weiterleben wie bisher. Und vielleicht etwas vorsichtiger fahren.”

“Ich hätte nie in diese Stadt zurückkommen sollen.” Kate seufzte leise. “Ich hatte die Hoffnung, dass sich irgendetwas da oben auf dem Hügel verändert hätte. Dass vielleicht mein Vater …”

“Weißt du, ich verstehe dich einfach nicht. Du solltest dich irgendwo niederlassen und selbst eine Familie gründen, anstatt immer darüber nachzudenken, wie du dem König da auf dem Hügel ein Lob abringen kannst. Seit Jahren versuchst du das nun schon, aber er hat sich nicht im Geringsten geändert. Und jetzt …”

Kate blickte die Freundin an, und heiße Tränen stiegen ihr in die Augen. Ja, sie hatte wirklich alles getan, damit ihr Vater mit ihr zufrieden sein konnte. Trotzdem würde er wohl nie richtig stolz auf sie sein, egal, wie viele Stipendien sie bekam oder welch tollen Job sie hatte. Denn er hatte jetzt endlich einen Sohn.

Kate nahm die Serviette und wischte sich die Augen. “Ich weiß. Und mir ist klar, wie neurotisch ich wirken muss. Aber seit meine Mutter starb, habe ich nur noch ihn und Carrie. Ich hoffe immer noch, dass er es lernt, mich zu lieben, wenn ich mir nur besondere Mühe gebe.”

“Ich möchte ja nicht beleidigend sein”, sagte Julie, “aber ich bin nicht sicher, ob dieser Mann überhaupt ein Herz hat. Ich darf gar nicht daran denken, was du alles getan hast, um ihm deinen Wert zu beweisen. In der Schule warst du doch der reinste Überflieger. In San Francisco gehörst du zur High Society, und du hast einen Job mit einem Supergehalt. Und dann siehst du noch aus, als gehörtest du auf die Titelseiten der Hochglanzmagazine. Wir anderen Mädchen …”, sie strich sich über den Bauch, “… sind hiergeblieben und kriegen Kinder.”

“Da alle meine Bemühungen sowieso keinen Eindruck auf meinen Vater gemacht haben, hätte ich genauso gut ein wildes Leben führen können.”

Julie lächelte verschmitzt. “Dafür ist es nie zu spät.”

“Was soll das heißen?”

“Nun, das schwarze Schaf der Stadt zu sein, erscheint mir sehr viel amüsanter, als immer nach der Pfeife deines Vaters zu tanzen. Zumal ihm das ja vollkommen egal ist. Du bist nicht mehr minderjährig, er hat über dich nicht zu bestimmen. Vielleicht wird es Zeit, mal etwas Verrücktes zu tun.”

Kate starrte sie mit offenem Mund an, und Julie fuhr fort: “Wenn ich nur nicht so unförmig wie ein Wal wäre, würde ich dir mit Kusshand dabei helfen, die ganze Stadt tüchtig aufzumischen.”

“Die Stadt aufmischen?”, wiederholte Kate. “Weshalb sollte ich das tun?”

“Weil Chapel, Tennessee, Kate Sutherland keine Beachtung schenkt. Sie sehen in dir nur die Tochter von Terence Sutherland. Alles, was du tust, wird ihm sofort hinterbracht werden.” Julie lehnte sich zurück, legte die Hand auf ihren Bauch und lächelte zufrieden. “Wenn ich doch nur Mäuschen sein könnte …” Doch sie verlor keine Zeit. “Los, hol deinen Terminkalender, damit wir eine Liste machen können.”

“Eine Liste wovon?”

Julie hob amüsiert die Augenbrauen. “Eine Liste all der Dinge, die böse Mädchen gern tun.”

Alles hätte Kate damals auf der Highschool dafür gegeben, zu den bösen Mädchen zu gehören. Es war nicht die Freiheit, die sie ihnen neidete, oder ihre Verachtung für jede Art von Autorität. Nein, sie hatte sie nur beneidet, weil sie den Mut besaßen, die älteren Schüler anzusprechen und mit ihnen zu flirten, selbst mit Mitch McKee.

“Hörst du mir eigentlich zu?”, fragte Julie.

“Nicht richtig.” Kate lächelte, als Julie sie etwas befremdet anschaute. “Ich habe nur gerade an Mitch gedacht. Es war ein Schock, als ich ihn gestern Abend sah.”

“Das kann ich mir vorstellen. Er sieht noch besser aus als damals, findest du nicht?”

Besser?,

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