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Zugabe. Die Geschichte einer Rückkehr

HoCa-eBook-Burg

Wolfgang Niedecken | mit Oliver Kobold

Zugabe

Die Geschichte einer Rückkehr

Hoffmann und Campe

Zu alt, um jung zu sterben

Als der Pfeil des Todes mir schon bedrohlich nahe gekommen war, saß ich in einem Hotel am Stadtrand von Las Vegas und goss mir eine homöopathische Dosis Rum ein. Es war ein Schriftsteller zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, ein Sonderling und Satiriker, der das Bild vom Pfeil des Todes verwendet hatte. Mir war dieses Bild schon des öfteren begegnet. Je länger man blättert, desto häufiger stößt man auf Bekanntes, und nach und nach legt man sich einen Vorrat an Leitsprüchen, Faustregeln und Wegweisern zu. Es tat gut, ab und zu davon zehren zu können, besonders wenn einem selbst mal wieder die Worte ausgegangen waren. »Sobald wir anfangen zu leben«, schrieb Jean Paul, »drückt oben das Schicksal den Pfeil des Todes aus der Ewigkeit ab – er fliegt so lange, als wir atmen, und wenn er ankommt, so hören wir auf.« In der letzten Zeit hatte ich viel auf mein Leben zurückgeschaut. Für ein Buch hatte ich versucht, mir kostbar erscheinende Momente zu einer Geschichte zusammenzufügen. Ein paar Scherben, die einen zerbrochenen Spiegel ergaben. Und auch auf unserer letzten Platte war ich einigen Fragen nachgegangen, die man sich für gewöhnlich nur stellt, wenn man sicher ist, dass es über kurz oder lang ans Eingemachte gehen wird. Vergänglichkeit war ein Thema, das langsam drängender wurde, und es ließ sich wahrscheinlich nicht umgehen, dass mit dem Voranschreiten der Jahre die Neigung, Bilanz zu ziehen, zunahm. Trotzdem hatte ich darauf geachtet, meine Gelassenheit nicht zu verlieren. Noch nie waren gute Songs beim Knien im Beichtstuhl geschrieben worden, und auf ein Buch, das einen Prozess mit der Vergangenheit führt und der Zukunft angsterfüllt entgegensieht, konnte wohl jeder verzichten. So war bei alldem vom Tod auch nur am Rande die Rede gewesen. Der Mann im langen schwarzen Mantel strich zwar hin und wieder durch die Kulissen, eine größere Rolle war ihm aber bislang versagt geblieben. Ohnehin vertraute ich darauf, das Heranschwirren des Pfeils so rechtzeitig bemerken zu können, dass mir das entscheidende Ausweichen noch ein paar Mal gelingen würde. Ich wollte ihm auf seinem Weg zu mir noch einige Ehrenrunden verschaffen. Wie sehr man sich doch täuschen kann. Man zieht die Decke der Gewohnheit über sich, wickelt sich ein und macht es sich gemütlich, dabei sollte man lieber auf alles gefasst sein. Nie weiß man Tag noch Stunde.

Das Hotelzimmer war eines von der unauffälligen Sorte. Es wäre auch in anderen Ecken der Welt nicht groß aufgefallen. Selbst der Blick aus dem Fenster war so unspektakulär, dass man glatt vergessen konnte, wo man sich befand. Das war mir ganz recht. Ich hatte fürs Erste genug von diesem Land gesehen. Auf dem Papier waren mir die knapp zwei Wochen Urlaub, die ich mit meinem Freund Manfred Hell, dem Hellmän, und seinem zwölfjährigen Sohn Flavio schon im Sommer für Ende Oktober ins Auge gefasst hatte, als das richtige Mittel erschienen, auf andere Gedanken zu kommen. Bereits im November standen wieder zahlreiche Konzerte an, und es war dringend nötig, dass ich nach einigen anstrengenden Monaten meine Batterien einmal auflud. Eine Reise mit dem Wohnmobil durch diverse Nationalparks, durch die Wüste und über die Route 66 hörte sich da wie ein guter Plan an. Ich hatte vor, Augen und Ohren aufzusperren und mir, wenn es nötig war, auch eine Meinung zu bilden, aber vor allem wollte ich die Räder rollen lassen und meinen Gedanken nachhängen. Den Unterhalter, den Zeremonienmeister, den Gigolo am Fließband seiner Sensibilität würde ich noch früh genug wieder geben. Ich liebe diese Rollen, ich möchte ohne sie nicht leben, aber von Zeit zu Zeit ist es ganz heilsam, sich durch den Hinterausgang des Theaters hinauszuschleichen und das Stück mal wieder ganz für sich allein aufzuführen. Oder Ideen für ein neues zu sammeln.

Doch die Reise verlief anders als erhofft. Schon nach den ersten Tagen des Unterwegsseins wurde klar, dass sie sich zu einem frustrierenden Unternehmen entwickeln würde. Wir trafen auf Widerstände und Hindernisse, mit denen wir nicht gerechnet hatten. Manche von ihnen türmten sich einfach vor uns auf, für andere waren wir selbst verantwortlich. Beides zusammen ergab eine ziemlich niederschmetternde Kombination. Uns blieb kaum eine andere Wahl, als nach einer Woche die Arme zu heben und zu kapitulieren. Wir brachen den Urlaub vorzeitig ab. Am nächsten Morgen wollten wir in aller Herrgottsfrühe zum Flughafen fahren und die erste Maschine nach Chicago nehmen. Der Anschlussflug nach Frankfurt würde dann nur noch der letzte Akt einer insgesamt missglückten Erfahrung sein. Seit jeher macht mich kaum etwas trauriger als die Einsicht, den Kurs nicht mehr ändern, das ersehnte Ziel nicht mehr erreichen zu können. Es war nur ein abgebrochener Urlaub, aber es fühlte sich an wie eine Niederlage.

Ich stellte mein Schnapsglas auf den Nachttisch und kroch ins Bett. Nur wenige Kilometer weiter, mitten in der Wüste, holte das Neonlicht den Tag aus der Nacht. Vielleicht hatte Elvis die Wahrheit gesagt. Vielleicht war man wirklich nicht mehr derselbe, wenn man sich einmal ins gleißende Licht gewagt und seinen letzten Dollar für ein Spiel, einen Drink, eine Frau ausgegeben hatte. Aber vermutlich war »Welcome to Fabulous Las Vegas« auch nur ein Ortsschild, das in eine Sackgasse führte. Ich bereute es nicht, dass mein Tag nur vierundzwanzig Stunden hatte. Ich zog ein Buch den einarmigen Banditen und den Schlaf dem Rollen der Roulettekugeln vor. Vielleicht würde ich eines Tages zurückkehren und mir alles in Ruhe ansehen. Doch für heute klinkte ich mich aus. Während in den Kasinos die Würfel fielen; während sich Paare in Wedding Chapels Hals über Kopf in eine gemeinsame Zukunft stürzten; während sich ein abgehalfterter Showstar in einem der Hotels am Strip wieder einmal der Nostalgie an den Hals warf; während sich in den Bars die den Morgen fürchtenden Träume in Exzess und Selbstzerstörung flüchteten; während die mexikanischen Einwanderer die Vergnügungsarbeit für die gelangweilten Reichen verrichteten und die Touristen sich bereitwillig blenden ließen, versuchte ich einzuschlafen. Bei geschlossenen Augen war es ganz leicht, sich einen Stromausfall vorzustellen, der die ganze glitzernde Dekadenz in tiefe Dunkelheit hüllen und dabei einen Augenblick Aufatmen, einen Augenblick Stille herstellen würde. Was die Überflüssigkeit betraf, konnte es wohl nur Dubai mit Las Vegas aufnehmen. Oder manche Oligarchenstadt in der ehemaligen UDSSR.

Ich wachte mit Kopfschmerzen auf. Noch war es Nacht, ich hatte kaum eine Stunde geschlafen. Mir setzte der Rum zu. In letzter Zeit reagierte mein Körper allergisch auf Alkohol. Es war, als habe er ein neues Alarmsystem gegen alles entwickelt, was ihm vielleicht schaden konnte. Als wolle er mir mit den Kopfschmerzen etwas sagen, eine Warnung aussprechen. Viel trank ich ohnehin nicht mehr, manchmal eine Weißweinschorle oder ein Glas Barolo, das war auch schon alles. Aber selbst das genügte, um mir die Nacht und einen großen Teil des Morgens gründlich zu verderben. An diesem Abend hatte ich wider besseres Wissen gehandelt, nun bezahlte ich die Rechnung. Ich drehte mich auf den Rücken, damit die schwankende Welt langsam zur Ruhe kommen konnte. Dabei versuchte ich, möglichst flach zu atmen. Denn es waren nicht nur die Kopfschmerzen, die mich plagten. Vor einigen Tagen hatte ich mir einen Husten zugezogen, der mir erst die Stimme geraubt und dann ein unkontrollierbares Eigenleben entwickelt hatte. Er hörte einfach nicht auf. Ich hustete pausenlos. Mal war es wie ein trockenes Bellen, dann wieder wie ein heftiges Räuspern. Mittlerweile schnitt der Husten mir jeden Atemzug mit einem scharfen Messer entzwei. Ich fand keine Ruhe.

 

Am 30. März 2011 war ich sechzig Jahre alt geworden. Weil zudem Hans Heres und ich die Band fünfunddreißig Jahre zuvor gegründet hatten, gab es noch einen Grund zu feiern. Die Medien lieben Jubiläen. Sie brauchen einen Aufhänger für ihre Artikel und Sendungen, und offenbar eignen sich runde Geburtstage besonders gut dafür, mal wieder jemanden auf ein Podest zu heben. Dort hält man sich für einige Momente, ehe der nächste Jubilar ins Rampenlicht stolpert, wo ihm ein Mikrophon vor die Nase gehalten wird und er seinen Spruch aufsagen darf. Wir waren alle Teilnehmer dieses Spiels. Wenn es als eine besondere Leistung galt, sechzig Jahre alt zu werden, dann konnte man ja auch gleich noch mit dem herausrücken, was einem viel wichtiger war als die eigene Geburtsurkunde. Wir veröffentlichten eine Platte, und auch mein Buch kam rechtzeitig in die Läden. Wir zeigten, was wir zu bieten hatten. Wir erzählten, was wir zu sagen wussten, dann warteten wir auf die Reaktionen. Ich war auf alles gefasst. Über die Jahre hatte ich gelernt, dass Gegenwind aus allen Richtungen kommen konnte. Besser zog man sich eine Kapuze über und schaute sich erst einmal um, ehe man die Straße überquerte. Aber diesmal blieb die Blutgrätsche aus. Fast überall empfingen uns Anerkennung und Respekt. Auf einmal passten Dinge, die früher nie gepasst hatten. Dass ich nie viele Haken geschlagen hatte, wurde mir jetzt nicht mehr als Halsstarrigkeit ausgelegt, sondern als Konsequenz gutgeschrieben. Eine Zeitschrift nannte mich sogar den »Unbeirrbaren«. Es klang beinahe frustriert. Sie hatten begriffen, dass ich den einmal gewählten Weg nicht mehr zugunsten von überraschenden Abstechern in Richtung Anpassung verlassen würde. Dass ich nur noch meiner eigenen Nase folgen wollte. Als unbeirrbar zu gelten schenkte einem große Freiheit. Die Einflüsterer und selbst ernannten Karriereplaner, die einen mit ihren Ratschlägen und Winkelzügen verrückt machen konnten, waren jedenfalls lange schon verstummt. Sie hatten resigniert und sich neue Opfer gesucht. Manche von ihnen behaupteten nun sogar, schon immer auf der richtigen Seite gestanden zu haben. Ich ließ sie in ihrem Glauben. Jeder braucht es ab und zu, sich selbst etwas vorzumachen, um durch den Tag zu kommen.

So langsam fanden wir uns in einer ungewohnten Situation wieder. Dreißig Jahre nach »Verdamp lang her« und vierzehn Studioalben nach »… für usszeschnigge!« mussten wir uns dagegen wehren, dass man immer öfter versuchte, uns den Stempel eines One Hit Wonders aufzudrücken. Die Gefahren lauerten überall, in Radiosendungen, in Zeitungsinterviews, in Talkshows. Man musste höllisch aufpassen. Wenn man sich erst einmal zum Handschlag durchgerungen hatte, war es zu spät. Dann war das Schicksal besiegelt, dann galt man schnell als Attraktion von gestern, an der der Zahn der Zeit nagte. Ich selbst stellte mir in schwachen Stunden gelegentlich vor, wie es wäre, die Zügel schleifen zu lassen, meine Kräfte zu schonen und ausgetretenen Pfaden zu folgen. Warum sollte ich es den Leuten unnötig schwer machen? Ich stellte eine Setliste zusammen, bei der auch noch der letzte Konzertbesucher jedes Lied kennen würde. Eine Oldieparade, die Dienst nach Vorschrift verrichtete. Eine Geisterbeschwörung mit angezogener Handbremse. Aber dann verwarf ich diese Idee schnell wieder. Ich hatte nicht vor, nur noch aufgewärmtes Essen zu servieren, um dann für immer im Dunst der Vergangenheit zu verschwinden. Ich mochte unsere alten Songs, aber nur in Verbindung mit neuem Material brachten wir sie wirklich noch einmal zum Funkeln. Ich wollte die ganze Geschichte erzählen, nicht nur den Teil, den jeder auswendig kannte.

Zu den neueren Kapiteln zählte das Stück, das unserem aktuellen Album seinen Namen gab. »Halv su wild« gehörte zu der Sorte Songs, die eintreten, ohne vorher anzuklopfen. Auf einmal stehen sie in der Tür und sehen nach dem Rechten. Widerstand ist zwecklos. Bei Licht betrachtet trat »Halv su wild« die Flucht nach vorne an. Der Text machte keinen Hehl daraus, dass er nicht zuletzt aus Redensarten bestand, aus stärkenden Wendungen und blitzschnell abgefeuerten Aufmunterungen – sich nicht hängenzulassen, auf die eigenen Stärken zu vertrauen, dem neuen Morgen mit Zuversicht entgegenzublicken und noch vielem mehr, was man in der Eile zusammenrafft, um jemandem aus der Klemme zu helfen. War Not am Mann, konnte man den Song problemlos im Erste-Hilfe-Koffer bei sich tragen. Er nahm es mit den Dämonen auf, die es, im Gegensatz zu ihren ebenfalls gefährlichen, aber letztlich beflügelnden Brüdern, nur darauf abgesehen hatten, alles kaputt zu machen und nichts als Schutt und Selbstzweifel zu hinterlassen. Abgeschaut hatte ich mir den Optimismus des Songs von meiner Frau. Von ihr hatte ich gelernt, welche Wirkung ein versetzter Stoß in die Rippen entwickeln kann. Sie ist Meisterin im Wiederaufrichten. Weil ich davon beiläufig in einem Interview erzählte, brachte mir das gleich am nächsten Tag in einer Kölner Zeitung die Schlagzeile »Niedecken: Liebes-CD für Tina« ein. Für den Ausgleich meines Romantikkontos konnte das nur von Vorteil sein.

Wir schickten »Halv su wild« als Single ins Rennen. Wir trauten es dem Song zu, auch im Radio zu zünden. Die Zeiten hatten sich geändert. Mittlerweile hatte man als Band, die sich über das Albumformat definiert, noch maximal eine Chance, in die Playlisten zu kommen und so auf sich aufmerksam zu machen. Die meisten Sender spielten Musik, die niemanden irritierte und auch sonst nicht weiter störte, und um sich dazwischenquetschen zu können, musste man schon einen guten Tag erwischen. Fest stand nur, dass sich zumindest für uns ein Hit nicht planen ließ. Er musste einem schon in den Schoß fallen. Es war wie mit dem Verlieben. Wenn man es am meisten ersehnt, passiert es nie, und zurück bleiben dann nur ein schales Gefühl und eine fremde Wohnung, in der man nichts verloren hat. »Halv su wild« war uns dagegen einfach zugestoßen. Ein glückliches Aufeinandertreffen von Textidee und Musik, auf das wir große Hoffnungen setzten. Sogar dialektunkundige Hörer würden die Botschaft verstehen, und die Versicherung, dass die Welt trotz aller Sorgen schon nicht untergehe, hörte wohl jeder gern.

Aber die Welt ging unter. Am frühen Nachmittag des 11. März bebte die Erde in Japan, kurz darauf überrollte ein Tsunami die Küste, das Landesinnere und schließlich die Generatoren der Kernkraftwerke von Fukushima. Die Reaktoren explodierten, Brennstäbe schmolzen, radioaktive Strahlen wurden freigesetzt. Fast zwanzigtausend Menschen starben, und über hunderttausend verloren alles, was sie besaßen. Wahrscheinlich konnten sie nie mehr in ihre Häuser zurückkehren, und es wusste keiner, welche gesundheitlichen Langzeitschäden sie davongetragen hatten. All das war entsetzlich, doch dazu kam noch, dass zumindest die nukleare Tragödie ohne weiteres hätte vermieden werden können. Jedes Kind konnte sich ausrechnen, dass es dort, wo zwei Kontinentalplatten aufeinanderstoßen, zwangsläufig immer wieder zu Erdbeben kommen würde. Es waren menschenverachtende Zyniker, die an einem solchen Ort Kernkraftwerke errichteten und sich dann mit der Sicherheit ihrer Reaktoren brüsteten. Diese Leute hatten Arroganz und Gier gegen Vernunft und Weitsicht eingetauscht. Ihnen war es egal, welche Welt sie ihren Enkeln hinterließen, solange nur der Rubel im Hier und Jetzt rollte. Dass die Jagd nach Profit ihnen auch gleich die Lizenz zum Töten mit in die Hand gab, erfüllte sie womöglich noch mit Stolz und nährte ihren Größenwahn.

Am 14. März hatten wir vorgehabt, im »ARD Morgenmagazin« »Halv su wild« in einer Unplugged-Version zu spielen. Als der Termin Monate zuvor vereinbart worden war, hatten wir uns vorgestellt, den Leuten mit unserem Song den Start in die neue Woche ein wenig angenehmer zu gestalten. Nun war es der Montagmorgen nach der Katastrophe. Wir konnten uns nicht allen Ernstes auf Barhocker setzen und »Driss passiert« singen, während in Japan der Ausnahmezustand herrschte. Der Song hatte plötzlich alle Harmlosigkeit eingebüßt, für seine guten Wünsche war die Realität zwei Nummern zu groß geworden. Er hätte auf die Zuschauer wie eine abgeschmackte Verharmlosung gewirkt. Wir verzichteten auf den Auftritt, und ich fuhr allein ins Studio. Zwischen den Liveschaltungen nach Fukushima, den Nachrichtenblöcken und Kommentaren wurde ich zu unserem neuen Album interviewt, aber sowohl die Fragen des Moderators als auch meine Antworten schienen alle Relevanz verloren zu haben. Sie klangen wie der halbherzige Versuch, Normalität vorzugaukeln, während alle Welt wusste, dass etwas aus den Fugen geraten war. Also redeten wir am besten gleich ganz über das Unglück und seine Folgen. Dabei hatte ich nichts mitzuteilen, was in irgendeiner Form hilfreich gewesen wäre. Ich war genauso ratlos und wütend wie alle anderen.

»Halv su wild« blieb in den Startlöchern hängen, und daran änderte sich auch nichts mehr. Der Begriff Rohrkrepierer musste völlig neu definiert werden. Die Sender ließen die Finger von dem Song. Sie hatten mit Recht Angst, pietätlos zu wirken, wenn sie ihn spielten. Und als sich die Wogen langsam glätteten, waren wir schon längst abgehängt. Seit »Aff un zo« hatten wir uns bei einer Single nicht mehr so sicher gefühlt. Der Song wäre der ideale Einstieg in unser Jubiläumsjahr gewesen, aber das Rennen fand ohne ihn statt. Wenigstens konnte er so zeigen, ob er genug Potenzial hatte, uns selbst über einige geplatzte Hoffnungen hinwegzutrösten.

 

An meinem Geburtstag ließ ich das Auto vor unserem Büro in der Sternengasse stehen. Ich ging den Weg zum Rhein zu Fuß. Ich wusste, dass ich nur diese halbe Stunde ganz für mich hatte. Mehr Zeit blieb nicht zwischen dem traditionellen Familienfrühstück, bei dem mich mein Neffe Harald mit dem Schild überrascht hatte, das über dem Laden meiner Eltern angebracht gewesen war, und dem auf mich wartenden öffentlichen Feier-Marathon. Zumindest für ein paar Minuten wollte ich in Ruhe über dieses Datum nachdenken, von dem alle zu glauben schienen, es würde mich in irgendeiner Form verändern. Aber natürlich war das Unsinn. Wenn ich über die Straße blickte, sah ich das Haus, in dem Charly Oehl einst sein Musikhaus betrieben hatte. Dort hatte mir meine Mutter im September 1967 meine erste elektrische Gitarre gekauft. Spätestens seit diesem Tag wollte der Junge, der ich einmal war, auf seine Phantasie vertrauen, mit ihr der Welt zu Leibe rücken und dabei versuchen, sie in einen aufregenderen Ort zu verwandeln. Daran hat sich auch fast fünfundvierzig Jahre später nichts geändert. Ich schaute noch immer durch die zwei selben Löcher in meinem Schädel und strengte mich an zu verstehen, was ich sah. Am besten gelang mir das, wenn ich es in eine Geschichte kleidete. Dann taten sich manchmal die entscheidenden Lücken im Dickicht auf. Das Licht ging an, die Dinge huschten an ihren Platz und hörten auf, einem Angst und Schrecken einzujagen. Geschichten nahmen die Wirklichkeit auseinander und setzten sie dann neu zusammen. Sie waren Landkarten, mit denen man durchs Leben kam. Manchmal verhilft eben erst das Lügen der Realität zu ihrer Wahrheit. Vermutlich besteht darin das ganze Geheimnis.

Abb. 2

Ich gelangte über die Hohe Pforte in die Fußgängerzone, dann bog ich ab und ging über das Kopfsteinpflaster der Altstadt hinunter zum Fluss. Die Kneipen und Lokale machten gerade erst auf. Jemand leerte einen Eimer Schmutzwasser in den Rinnstein, zwei Männer unterhielten sich in einer fremden Sprache. Am Ufer fochten Jogger, Radfahrer und Hundebesitzer ihre üblichen Kämpfe aus. Wenn ich die Augen zusammenkniff, konnte ich in der Ferne schon die »MS Rheinenergie« ausmachen, ein großes Veranstaltungsschiff, das ich mir als Ort für die abendliche Feier ausgesucht hatte. Beim Näherkommen sah ich, dass oben auf Deck Fernsehteams ihre Kameras aufbauten, gerade fand eine Lichtprobe statt. Sie warteten schon auf mich. In ein paar Minuten würde ich mich in einen bunten Strandkorb setzen und mir einige möglichst schlaue Sätze zum Älterwerden einfallen lassen müssen. Dabei gab es doch eigentlich gar nichts zu sagen. Das Alter entsteht ja gerade nicht aus einem ruhigen Abspulen der Jahre. Das Ganze ist keine Sache sicheren Voranschreitens. Viel eher glaubte ich daran, dass man ab und zu Schleusen passieren und Erschütterungen hinnehmen musste, die einem auf einen Schlag klarmachten, dass nun etwas Neues kam. Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, die »MS Rheinenergie« links liegen zu lassen und einfach weiterzugehen, immer weiter, an den Kilometersteinen entlang, und dabei dem Fluss, den Ufersteinen, den Wolken ihre Geheimnisse abzulauschen oder es jedenfalls zu versuchen, wie ich es schon als Kind getan hatte, wie ich es noch immer wollte. Wherever that river goes that’s where I want to be.

Die Idee, die Party auf dem Rhein abzuhalten, trug ich seit zehn Jahren mit mir herum. Und das, obwohl ich damals, an meinem fünfzigsten Geburtstag, die Stadt bewusst verlassen hatte. Die Gratulanten würden vor verschlossenen Türen stehen, und die Festredner konnten sich ihre Mühe sparen. Ich war einfach nicht da. Ich wollte entführt werden. Das Ziel überließ ich dem guten Geschmack meiner Familie. Erst auf dem Flughafen von Zürich, als wir uns nach der Anschlussmaschine umsahen, wurde die Katze aus dem Sack gelassen. Wie so viele vor ihm führte auch dieser Weg nach Rom. Et in Arcadia ego. Wir logierten in einem Hotel an der Spanischen Treppe und passten unseren Rhythmus dem der Stadt an. Ich warf Rom Blicke zu wie ein Tourist. Wir verbrachten Stunden im Kolosseum, folgten antiken Fußspuren, und abends hatte ich ein Date mit Botticellis Nichte. Sie und die Kinder an meiner Seite zu wissen ließ es mich leicht verschmerzen, dass die Zeit, die mir blieb, um mein Meisterwerk zu malen, wieder ein bisschen weniger geworden war.

Mit der Ruhe war es am Tag der Rückreise vorbei. In Zürich verpassten wir den Anschlussflug nach Köln, was Tina seltsamerweise völlig aus der Fassung zu bringen schien. Ich konnte mir ihre Nervosität nicht erklären. Ich freute mich eher, dass wir zwei Stunden später als geplant zu Hause eintreffen würden. Urlaube mit allen vier Kindern waren selten, und der Alltag begann ohnehin noch früh genug wieder. Erst in Köln wurde mir schlagartig bewusst, dass unsere Verspätung auch dort für Aufregung gesorgt hatte. Einige Herrschaften hatten deutlich länger als geplant auf ihren von Tina eingefädelten Auftritt warten müssen. In der Ankunftshalle erwartete mich ein befremdlicher Anblick. Sechs zum Teil mit überdimensionalen Schnäuzern ausgestattete Fußgängerzonenperuaner in voller Montur, mit knallbunten Strohhüten und Ponchos aus einer Kunstfaser, die die Flauschigkeit echter Lamawolle beinahe noch übertraf, hatten Haltung angenommen und standen in Formation, jeder ein Instrument in der Hand. Wie ich auf den ersten Blick erkannte, waren darunter leider auch etliche Panflöten. Einer der Musikanten, der kleinste und zierlichste, hielt einen Shaker in der rechten Hand. Wenn man es nicht besser gewusst hätte, hätte man ihn mühelos für eine Frau mit jamaikanischen Wurzeln halten können. Den merkwürdigsten Eindruck hinterließ jedoch der Dirigent der Schar. Er hatte sich aus unerfindlichen Gründen als Trainer Ewald Lienen verkleidet und gab nun das Kommando zum Start. Es ertönte der weltweit erste Inka-Remix von »Aff un zo«. Das Schicksal hatte sich die denkbar grausamste Strafe für mein Verschwinden am Geburtstag ausgedacht.

Abb. 3

Meine Band und Ewald Lienen so zu sehen und vor allem zu hören hatte mich schon zum Vergnügen aller Umstehenden vor Lachen zusammenbrechen lassen. Vollends fertig war ich jedoch, als die musikalischen Botschafter aus dem Hochland zur Glanznummer ihres Repertoires kamen, einer Panflötenfassung von Led Zeppelins »Kashmir«. Sie hätte selbst Godzilla, der immerhin die Coverversion von Puff Daddy überlebt hatte, den Rest gegeben, so lieblich waren die Klänge, die da das Ohr umschmeichelten. Es war der Auftakt zu einem langen Fest. Auf dem in den dreißiger Jahren erbauten Ratsschiff »Stadt Köln«, dem ältesten der Köln-Düsseldorfer-Flotte, kam es später auf Chippendale-Möbeln und vor holzgetäfelten Wänden noch zu zahlreichen weiteren denkwürdigen Ständchen, Stegreifreden und Verbrüderungen. Julian Dawson packte seine Gitarre aus, Carl Carlton trieb mit Mitgliedern von Mother’s Finest die Temperatur nach oben, und selbst der Hellmän trat als Sänger auf, nachdem man ihm vorher glaubwürdig versichert hatte, dass es keine Bootlegs von der Feier geben würde. Ganz am Ende des Abends stand ich mit Tommy Engel auf der Brücke. Tommy besaß den Bootsführerschein, und man hatte ihm bereitwillig das Steuer überlassen. Wenn man in Köln durch die Nacht fahren wollte, konnte es keinen besseren Kapitän geben. Ich sah dem langsamen Vorbeigleiten des Ufers unter einem fast sternenklaren Himmel zu und beschloss noch an Ort und Stelle, irgendwann einmal meinen Geburtstag wieder auf dem Rhein zu feiern. Dann aber nach Möglichkeit ohne Panflöten.

Dass man mich mit diesem Instrument überhaupt aus der Fassung bringen konnte, verdankte ich einem Urlaub genau drei Jahre zuvor. Tina und ich hatten es Ende März 1998 gewagt, mit unseren beiden kleinen Töchtern zum ersten Mal eine richtige Fernreise zu unternehmen, und der indische Bundesstaat Goa schien uns ein kinderfreundliches Ziel. Goa war Indien für verträumte Anfänger. Hob man den Blick, nahmen einen die Türme der mächtigen katholischen Kirchen gefangen – steinerne Überbleibsel einstiger portugiesischer Kolonialträume. Und auch etwas vom entspannten Geist, den die Hippies in den sechziger Jahren mitgebracht hatten, wehte noch immer durch die Fenster der ihrem Schicksal überlassenen Herrenhäuser und an den Stränden, über die morgens die friedlichen Prozessionen der Kühe zogen. In meinem Gepäck befanden sich einige Songs, die ich betexten wollte. Major hatte sie mir auf einen DAT-Recorder gespielt. Er war verliebt in das Gerät, und das musste ich nun ausbaden. Ich kam mit der neuen Technik einfach nicht zurecht. Nie fand ich das Stück wieder, das ich brauchte. Entweder spulte ich zu weit zurück, oder ich platzte mitten in einen Refrain. Die kleinen Kassetten trieben mich in den Wahnsinn. Trotzdem schaffte ich es, in Indien einen Song über die Kölner Sporthalle zu schreiben. An meinem sechzehnten Geburtstag hatte ich dort mein allererstes Rock-’n’-Roll-Konzert erlebt und dieselbe Luft wie Brian Jones und die anderen Rolling Stones geatmet. Der Zufall bescherte mir dabei denselben Platz unter der großen Uhr, von dem aus ich als Kind zusammen mit meinem Vater einmal die Eislaufrevue »Holiday on Ice« verfolgt hatte. Mein Vater schwärmte für Eiskunstlauf. Es schien, als befriedigten die Sprünge und Hebefiguren eine tief in ihm schlummernde Sehnsucht nach Schönheit und Eleganz, die er sich sonst meistens verkniff. Mir blieb diese Faszination letztlich genauso fremd wie ihm meine jugendliche Hingabe an den Rock ’n’ Roll. Mir ging es um Spaß, Erlösung und das Versprechen eines intensiven Lebens. Preisrichter hatten da nichts verloren. Um das Ausführen vorgegebener Pirouetten sollten sich andere kümmern.

Außer den Beatles und Bob Dylan sah ich im Lauf der Zeit dann fast alle meine Helden in der Sporthalle: am 17. Mai desselben Jahres die Beach Boys, später die Kinks, Led Zeppelin, Jimi Hendrix, die Small Faces, Bob Marley, Eric Clapton, Frank Zappa, Procul Harum. Und auch die Stones noch einmal, am 18. September 1970, Jimi Hendrix’ Todestag. Es waren heilige Bühnenbretter, und wann immer ich mit BAP später selbst auf ihnen stand, spürte ich die Aura, die von diesem Ort ausging. Nun sollte die Sporthalle abgerissen werden, die Bagger waren schon bestellt, und weil ich mir sicher war, dass keiner der Stadtoberen auf die Idee kommen würde, mit einer Plakette oder einer Inschrift an die Halle zu erinnern, tat ich das in einem Song. Er handelte von Erinnerungen, die keiner dem Erdboden gleichmachen konnte. Ich gab ihm den Titel »Hück ess sing Band enn der Stadt«.

Abb. 4

Wir besuchten einen Flohmarkt im Landesinneren von Goa. Dabei fiel uns leider auch ein Restaurant auf, das uns Freunde bereits in Deutschland empfohlen hatten. Man würde dort sensationell gut essen, zudem sei die Atmosphäre einzigartig. Wir dürften uns das nicht entgehen lassen. Schon der Anblick des Hauses ließ keinen Zweifel daran, wie der Abend verlaufen würde. Alle Wände waren rosa gestrichen. Auf der ganzen Welt hätte ich exakt ein einziges rosa Haus freiwillig und gern betreten, nur stand das in West Saugerties in Woodstock und nicht in Goa. Aber ich konnte Tina den Wunsch schlecht abschlagen, auch wollte ich kein Spielverderber sein, also unterdrückte ich meine Fluchtreflexe, und wir betraten das Restaurant, das seinen unfassbaren Namen stolz über dem Eingang verkündete: »Orgasmic Food«. Überall im Haus war Sand ausgekippt worden, um die Illusion eines Strands zu erzeugen. Sanfte und sehr sanfte Kellner geleiteten die Gäste durch den Sand hinaus in den Garten, wo an Tischen die Speisen serviert wurden. Die orgasmische Krönung von alldem waren jedoch die mit Strickleitern erreichbaren, in den Baumkronen errichteten Stoffzelte. Flackernde Teelichter ließen darauf schließen, dass sich auch dort Menschen zum Essen versammelt hatten und begierig darauf warteten, von erbarmungswürdigen Lakaien, die ihre Teller den ganzen schwankenden Weg hinauf balancieren mussten, bedient zu werden. Glücklicherweise waren Isis und Jojo noch viel zu klein für solch einen Platz in der Höhe, aber der Abend verlief auch so schon strapaziös genug. Das tropische Klima setzte uns zu, die Kinder wurden quengelig, das Essen kam nicht, und ich konnte meine schlechte Laune nicht länger verbergen. Den letzten Tiefschlag versetzte mir die Musik, die in Endlosschleife durch das Ambiente säuselte. Songs über tote Blondinen, passend gemacht für Aufzüge, Kaufhäuser und Nepplokale: die größten Hits von Elton John, gespielt auf der Panflöte.

Erst viele Jahre später fand ich einen Verbündeten im Kampf gegen derlei Grauen. Ich las John Nivens Roman »Gott bewahre«. In seinem Buch schickt Niven Gottvater und Jesus hinunter in den zehnten Höllenkreis, sie sind mit Luzifer zum Essen verabredet, um mit ihm einige wichtige Dinge zu besprechen. Als sie den Aufzug verlassen und des Teufels höchsteigenes Restaurant betreten, wird ihnen klar, mit welchem Gegner sie es zu tun haben. Und ich erlebte beim Lesen ein Déjà-vu. John Niven musste für seinen Roman in Goa recherchiert haben. Es konnte gar nicht anders sein. Nur ein wenig dichterische Freiheit hatte er sich anschließend herausgenommen. In seiner Hölle spielten die Panflöten »Hip to Be Square« von Huey Lewis & the News. Und an den Wänden hingen, das war besonders perfide, Goldene Schallplatten von Genesis.

 

Auf der »MS Rheinenergie« hatte bereits der Papst gastiert, da konnte mit meiner Heiligsprechung nicht mehr viel schiefgehen. Beim Weltjugendtag in Köln war Benedikt XVI. mit seinem Gefolge den Rhein auf- und abgefahren und hatte die Gläubigen am Ufer gesegnet. Man konnte sich entscheiden, ob man darin ein ernst zu nehmendes religiöses Ritual oder nicht doch eher einen längst aus dem Ruder gelaufenen Personenkult sehen wollte, hohl und pompös. Der Bibelspruch zum Anlass war so clever ausgewählt worden, dass er beide Deutungen zuließ: »Wir sind gekommen, um IHN anzubeten.« Zwischen dem Bedürfnis nach Orientierung und der Neugier, mit der die Schaulustigen ihre Hälse reckten, verlief vermutlich nur ein schmaler Grat. Die Erleuchtung verkleidete sich als Spektakel, der Messias war eine Touristenattraktion. Wenigstens schrieb man den Spruch den Heiligen Drei Königen zu. So blieb die Sache in der Familie. Jeder baute sich eben den Altar, den er brauchte, um morgens aus dem Bett zu kommen. Solange meiner mit Musikern, Malern und Autoren bestückt war, konnte mir Indoktrination ebenso wenig anhaben wie Fanatismus. Heiligkeit lebte in der Kunst Tür an Tür mit dem Risiko, sich unendlich zu blamieren. Ich kannte keinen, der davor gefeit war.

Ich war froh, dass meine Geburtstagsfeier mit dem Stapellauf für unser neues Album zusammenfiel. Dass ich selbst etwas zur Party beitragen konnte und nicht dazu verdammt war, nur die Kerzen auf der Torte auspusten zu dürfen, beruhigte mich. Von der Bühne aus ließen sich Gefühle leichter steuern. Wurde es zu emotional, konnte man im Handumdrehen die entgegengesetzte Richtung einschlagen. Ich hatte mir vorgenommen, dafür zu sorgen, dass die neuen Songs nicht vom Anlass überstrahlt wurden. Dafür waren sie mir zu wichtig. Jede neue Platte schrieb die vorangegangene fort, mochte sie sich auch noch so sehr von ihr unterscheiden. Der Ansatz blieb immer der gleiche. Man legte Zeugnis ab von dem, was man in der letzten Zeit getrieben hatte. Was einem aufgefallen war, was einen berührt und geärgert hatte, wie man sich selbst sah und wem man sein Auge und Ohr geliehen hatte, um sich inspirieren zu lassen. Wirklich erkennen ließ sich das aber erst mit dem Abstand einiger Jahre. Lernte das Kind gerade erst laufen, war man vollauf damit beschäftigt, ihm bei seinen ersten Schritten zu helfen. Dann zählte nur der Moment. Fürs Sortieren, Einkleben und Beschriften der Bilder blieb später noch genug Zeit.

Auf dem Schiff war Platz für alle: Familie, Freunde, Weggefährten, Fans. Ich hatte darauf geachtet, dass die Feier sich nicht zu einer exklusiven Veranstaltung entwickeln, sondern denen offenstehen würde, die gerne kommen wollten. Eintrittskarten waren persönlich verschickt worden, aber auch ganz normal über unsere Homepage beworben und in den Handel gelangt. Wir brauchten Türsteher nur, um die Karten abzureißen, nicht um Gesichtskontrollen vorzunehmen. Ich wollte mich nicht abschotten, sondern ein Konzert geben. Wer nur kam, um gesehen zu werden und sich als Teil eines Geheimbundes zu fühlen, hatte kaum eine Chance, auf seine Kosten zu kommen.

In den Tagen zuvor hatte ich keine ruhige Minute gefunden. Zwischen Interviews und Fototerminen war ich nicht imstande gewesen, mir Gedanken über meine Ansagen auf dem Schiff zu machen. Zwar wusste ich, dass ich mich fast immer auf spontane Einfälle verlassen konnte, aber gerade das aus dem Augenblick Geborene war oft nur der Endpunkt einer langen Kette von Überlegungen. Man musste das Konzept erst einmal schreiben, um es umschmeißen zu können. Als wir die Bühne betraten und ich mich umsah, merkte ich, dass meine Sorgen unbegründet waren. Wohin ich auch blickte, sah ich bekannte Gesichter. Es war, als seien die Menschen, von denen ich in meiner Autobiographie erzählt hatte, von den Buchseiten zurück in die Realität gesprungen. Mit fast jedem, der oben auf der Empore stand, verband ich gemeinsame Erlebnisse und Anekdoten. Ich musste nur auswählen, welche davon zu den einzelnen Stücken passten, dann formulierten sich die Ansagen von ganz allein. Jetzt kam es mir zugute, dass nicht wenige der neuen Songs die Geschichten aus dem Buch kommentierten und auf eine andere Weise erzählten. Sie waren wie Postkarten im Verhältnis zu einem Roman. Hin und wieder muss man die Lupe nehmen, damit einen das Panorama nicht erschlägt.

Einer dieser Songs hieß »Et Levve ess en Autobahn«. Er stellte sich auf die Schultern von Riesen. Mit ihm variierte ich das uralte Bild der Straße als Lebensweg samt aller Sackgassen, Einbahnstraßen und Kreuzungen, die neue Begegnungen ermöglichen, aber auch Abschiede bedeuten können. Wege, die für einige Zeit parallel verlaufen und dann doch wieder überraschend auseinandergehen, sodass man nichts anderes tun kann, als an einem sonnigen und leeren Morgen die Jacken zu tauschen, den Handschlag zu verweigern und wieder einmal von vorn anzufangen, so wie Zack und Jack in Jim Jarmuschs Film »Down by Law«.

Den Einfall zu »Et Levve ess en Autobahn« verdankte ich einem Konzert von Paul McCartney in der Kölnarena. McCartney hatte unter anderem »The Long and Winding Road« gespielt, jene allerletzte Beatles-Single, die wegen des klebrigen Klangsirups, mit dem Phil Spector über sie hergefallen war, für so viel Ärger in der ohnehin schon heillos zerstrittenen Band gesorgt hatte. Nackt, ohne Chor und Streicher, war der Song eine berührende Meditation über Ziele, die in immer weitere Ferne rücken, über regennasse Nächte, die nie mehr dem Morgen zu weichen scheinen, und über den Mut der Verzweiflung, mit dem man trotzdem immer wieder die Schuhe schnürt. Der Song fasste das in ganz wenige Zeilen. Er war alles andere als geschwätzig. Er ersetzte langatmige Litaneien und anstrengende Plädoyers und konzentrierte sich aufs Wesentliche. Ich konnte mir sogar sehr gut vorstellen, dass man ihn bei meiner Beerdigung spielte. Blumen und Nachrufe würde man sich dann sparen können. Nach McCartneys Konzert redete ich darüber mit Hellmäns Frau Vivien. Meine Bemerkung verfolgte sie bis in den Schlaf. Erst einige Tage darauf erfuhr ich, dass ich Vivien einen handfesten Albtraum beschert hatte, der von meinem Ableben handelte und von durchkreuzten Plänen. Vivien rechnete nämlich fest damit, dass ich dereinst bei ihrer Beerdigung »Chippendale Desch« spielen würde, und da sollte auf keinen Fall etwas dazwischenkommen.

Als ich die Geschichte auf dem Schiff zum Besten gab, fiel mir auf, dass es an diesem Abend überhaupt etwas morbide zuging. Ich hatte meinen Geburtstag unter das Motto »Too old to die young« gestellt. Man musste der Wahrheit ins Gesicht sehen. Es war zu spät, noch einen Aufnahmeantrag für den Club 27 zu stellen. Dieser Club hatte zwar berühmte Mitglieder, und er garantierte ewige Jugend, aber wahrscheinlich hätten Brian Jones, Jimi Hendrix, Jim Morrison oder Janis Joplin noch einige Zugaben dem allzu strikten Curfew vorgezogen. Es gab nicht nur die Alternative, entweder in jungen Jahren hell zu verbrennen oder mit der Zeit langsam zu verlöschen. So einfach lagen die Dinge nicht. Man musste sich der Herausforderung des Weitermachens stellen. Es war erst vorbei, wenn man nicht mehr in der Lage war, sich verblüffen zu lassen oder für etwas zu begeistern. Das wollte ich mit dem Motto zum Ausdruck bringen. Ein Memento mori, das sich klar auf die Seite des Diesseits schlug. Mochte alles Irdische vergänglich und meinetwegen von einer höheren Warte aus besehen auch nichtig sein, ich zog daraus nicht den Schluss, mich von der Welt abzukehren. Das Leben braucht keine Begründung. Ich liebte es so, wie es war.

Das Konzert begann nach einer launigen Geburtstagsrede von Frank Laufenberg. Auf neue Songs folgten alte, dann wieder neue. Die Publikumsreaktionen zeigten mir, dass unsere Einschätzung richtig gewesen war. Wir hatten ein gutes Album aufgenommen. Mit ihm würde es sich wieder eine Weile auf der Straße aushalten lassen, ohne dass es langweilig wurde. Statt der geplanten eineinhalb waren zweieinhalb Stunden vergangen, als das Schiff langsam wieder Kurs auf die Anlegestelle nahm. Schuld an der Verlängerung waren nicht nur meine Ansagen, die denen die gebührende Ehre erwiesen, die es mir in den vergangenen Jahrzehnten ermöglicht hatten, meinen Traum zu leben. Bevor ich auch nur ein Wort zu unserem Song »Woröm dunn ich mir dat eijentlich ahn?« sagen konnte, tauchten zudem die ehemaligen Kölner Fußballprofis und Alt-Internationalen Hannes Löhr, Bernd Cullmann, Wolfgang Weber, Matthias Scherz und Christian Springer wie aus dem Nichts für eine rot-weiße Spontanbesetzung der Bühne auf. Einige Minuten lang war die FC-Welt noch einmal so heil wie in den siebziger Jahren. Die »MS Rheinenergie« hieß »MS Müngersdorf«, mein Verein war das »Real Madrid vom Rhein« und ein Titelgewinn eine realistische Möglichkeit. Erst als wir mit dem Song loslegten, der einen Katastrophensamstag von der Heimniederlage bis zum abendlichen Hugh-Grant-Film im Kino schilderte, war ich wieder in der tristen Gegenwart angekommen. Glücklicherweise machte ich mir mit zunehmendem Alter immer weniger aus der FC-Tragödie. Seltsam nur, dass meine Freunde, wann immer ich versuchte, ihnen von dieser Einsicht zu erzählen, nichts anderes zu tun hatten, als laut loszulachen. Offenbar mangelte es mir in diesem Punkt ein wenig an Glaubwürdigkeit.

Ich hatte die Dimensionen des Abends und die Temperaturen auf dem Schiff unterschätzt. Meine zwei für das Konzert vorgesehenen Shirts waren hoffnungslos durchgeschwitzt. Mit ihnen konnte ich mich hinterher nicht mehr blicken lassen, ohne Naserümpfen zu ernten. Also griff ich in den Koffer und zog mein eigentlich fürs Hotel und für die Nacht eingepacktes Schlaf-T-Shirt heraus. Ein hellblaues, ausgewaschenes Souvenir von unseren Weihnachtskonzerten in der Eifel neun Jahre zuvor, bei denen wir alles aufgeboten hatten, was uns zum Fest so eingefallen war, etwa einen Saxophonisten mit Engelsflügeln oder einen Polizeichor, der »Stille Nacht« und »Drink doch eine met« sang. Mit diesem T-Shirt konnte ich mich zwar nicht unbedingt auf einen roten Teppich trauen. Aber es war trocken und strahlte Gemütlichkeit aus. Ich hatte nun frei und setzte mich auf den Bühnenrand. Einige befreundete Kollegen hatten in den vergangenen Wochen konspirative Mails mit meiner Frau getauscht und sprangen jetzt aus der Torte, um mich mit ihren Geburtstagsliedern zu überraschen. Nachdem wir schon früher am Abend zusammen mit Gentleman »Redemption Song« gespielt hatten, begann nun Julian Dawson solo, dann mischten sich die Brüder Wingenfelder sowie Christof Stein-Schneider unter die BAP-Musiker und beschworen den Geist von Fury in the Slaughterhouse mit ihrem bekanntesten Stück. Die Furys waren in den zwanzig Jahren ihres Bestehens Verbündete gewesen, die ihre Zukunft dem Rock ’n’ Roll geopfert hatten. Junge, dann etwas ältere Männer, die ihrem Schwur treu bleiben wollten, sich durch nichts jemals auseinanderbringen zu lassen, und dann doch erkennen mussten, dass ihnen das Leben nach und nach die Kraft dazu nahm. Für diesen Abend wehte der Wind über dem Rhein noch einmal Erinnerungen an frühere, andere Tage herbei. Ein Drehen am Radio in der Nacht, das zufällig ein altes Lieblingsstück ins Zimmer holt; ein Lied, mit dem man sich selbst in den Schlaf singt, um die Wände am Näherrücken zu hindern. »Won’t Forget These Days« war das »Für ’ne Moment« der Furys, Visitenkarte und Glaubensbekenntnis zugleich. Die Geschichte einer Band in vier Minuten.

Beim Schreiben von »Für ’ne Moment« hatte ich nicht nur an die Überzeugungstäter der ersten wechselnden BAP-Besetzungen mit ihrer Proberaum-Unschuld und ihren Plänen, die nicht weiter als bis zum Ende des Abends reichten, gedacht. Insgeheim hatte ich noch etwas weiter ausgeholt. Durch die Zeilen des Songs fuhr auch ein VW-Bus, auf den »Stowaways« gepinselt war und der einer Art Beatles-Coverband gehörte, die aber glücklicherweise bald schon das Englisch-Wörterbuch ins Altpapier warf und so sang, wie sie redete. Die Bläck Fööss waren die Geschichtsschreiber Kölns. Mochten die Archive auch einstürzen, in den Songs der Fööss fand man alles aufbewahrt. Eine alternative Chronik, eine Erzählung in Volksliedern, ein Buch, das man auf jeder Seite aufschlagen konnte, und überall erfuhr man etwas über die Menschen dieser Stadt, ihren Alltag, ihre Hoffnungen und ihre stillen Gebete. Mitte der neunziger Jahre hatte Tommy Engel die Band verlassen. Der, der ging, und die, die blieben, schafften es fortan, den Rang des gemeinsam Erreichten zu bewahren, indem sie sich nicht mit dem Waschen schmutziger Wäsche aufhielten. Man musste nicht um jeden Preis befreundet bleiben, aber man konnte versuchen, sich nicht von Groll und Bitterkeit dazu verleiten zu lassen, der Vergangenheit Unrecht zu tun.

Jetzt stand Tommy Engel mit den Bläck Fööss Erry Stocklosa und Bömmel Lückerath bei »Für ’ne Moment« zum ersten Mal wieder gemeinsam auf einer Bühne. Drei Indianer, die die Friedenspfeife rauchten und kein Wort über die Außergewöhnlichkeit des Augenblicks verloren. Die knorrig-lakonische Art, mit der sie mir das Geburtstagsgeschenk ihrer Reunion machten, raubte mir meine Selbstbeherrschung. Ich wusste, wie groß der Schatten war, über den jeder der drei gerade sprang. Vor dem Auftritt hatten wir beschlossen, uns noch an eine ungeprobte Version von »Pänz, Pänz, Pänz« zu wagen, aber als es so weit war, hatte Bömmel eine andere Idee. Leise wie eine Fingerübung und doch für alle vernehmbar spielte er das Intro von »Enn unsrem Veedel«, dann hörte er auf und wartete die Reaktionen ab. Das Intro war wie eine vorsichtig gestellte Frage, wie ein probeweise unterbreitetes Angebot, das jederzeit zurückgezogen werden konnte. Aber Erry wollte davon nichts wissen. Wenn es bedeutend wurde, schwenkte auch er vom Dialekt ins Hochdeutsche um: »Spill wigger! Du musst nicht aufhören jetzt, schäm dich doch nicht, Bömmel!«