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Zufall!?. Eine Spurensuche in außergewöhnlichen Biographien

HoCa-eBook-Burg

Reinhold Beckmann | und Sabine Paul

Zufall!?

Eine Spurensuche in außergewöhnlichen Biographien

Fotos: Paul Ripke

Hoffmann und Campe Verlag

Vorwort

Was ist eigentlich ein Zufall? Diese Frage ist schwieriger zu beantworten, als man denkt. Der Duden zeigt sich wenig hilfreich, verweist nur auf das, »was man nicht vorausgesehen hat, was nicht beabsichtigt war, was unerwartet geschah«. Das alles trifft auch auf das Schicksal zu, dennoch scheinen die beiden nichts gemein zu haben. Der Zufall begegnet uns meist als verspielter Luftikus, der uns tändelnd im Vorübergehen streift, ein bisschen Goldstaub auf unserem Weg verstreut und dann eilends wieder entschwindet. Das Schicksal hingegen, der existenzielle Zwilling des Zufalls, ist eine weitaus härtere Nuss. Es waltet bedrohlich als strenge, unbeugsame Macht, dringt strafend mit »Schlägen« in die menschliche Existenz ein. Es kann bestenfalls »gemeistert werden«, nimmt aber meistens unbeirrbar »seinen Lauf«. »Das Schicksal ist«, wie es Peter Ustinov formulierte, »zu ernst, als dass man es dem Zufall überlassen kann.«

Neugierig geworden durch viele außergewöhnliche Biographien, mit denen wir uns über die Jahre journalistisch beschäftigt haben, wollten wir wissen, welche Rolle der Zufall für den einen oder anderen erfolgreichen und bemerkenswerten Lebensweg gespielt hat. Lagen dem Erfolg immer Genie oder Wahnsinn zugrunde? Steckt in jedem erfolgreichen Menschen zumindest immer ein Nanogramm Galilei, ein Quäntchen Bismarck oder eine Prise Beethoven? Reichen ein klares Ziel vor Augen und der brennende Wunsch, es zu schaffen? Oder bedarf es zusätzlich doch der Gunst der Stunde, der Laune eines Augenblicks, des richtigen Moments am richtigen Ort?

Wenn ich diese Fragen mir selbst stelle, fällt mir auf: In meinem Leben hat sich der Zufall oft als kein schlechtes Ziel erwiesen. Weder Sportreporter noch Fernsehmoderator standen für mich auf dem Lebensplan. Ich wollte am liebsten Filme machen. Diesem Ziel war ich schon recht nahe, als ich Anfang der achtziger Jahre in der Kölner Filmproduktion Tag/Traum arbeitete. Aber weil ein Redakteur sich ausgedacht hatte, die zahlreichen in der Stadt gastierenden Künstler kurz vor ihrem Auftritt mit einem Interview live in der Garderobe zu überraschen, stand ich eines Tages, mit einem Mikrophon bewaffnet, vor einem nahezu nackten Udo Jürgens, der gerade von einem Masseur traktiert wurde. Startschuss für die Serie »Backstage« und meinen Einstieg beim Fernsehen. Und mit meinem Weg in den Sportjournalismus lief es nicht viel anders.

In unseren Gesprächen zeigte sich, dass jeder der Begegnung mit dem Unerwarteten eine andere Bedeutung zumisst, mancher eine größere, mancher gar keine, die meisten halten es mit einem entschiedenen Mal-so-mal-so. Was macht die Einschätzung so schwierig? »An den Zufall zu glauben, entspricht der Entmündigung der Willensfreiheit«, sagt Ranga Yogeshwar. Deshalb mögen einige den Zufall gar nicht und versuchen, ihn in Schach zu halten, soweit es nur geht – wie beispielsweise Bundeskanzlerin Angela Merkel –, andere sind der unerschütterlichen Überzeugung: Es gibt keine Zufälle! Stattdessen schwören sie auf den Einfluss des Schicksals, einen höheren Plan, die Macht der Naturgesetze. Seit zweitausend Jahren versuchen viele große Geister, diese Frage zu klären, sogar die moderne Physik müht sich um eine eindeutige Antwort, aber bisher Fehlanzeige.

»Gott würfelt nicht«, entschied Albert Einstein, als die Quantenphysik jeder inneren Ordnung eine Absage erteilte. Er behauptete, dass die Welt im Innersten keinen Prinzipien gehorcht, aber beweisen konnte Einstein das nicht. Auch die Mathematik hilft nicht weiter. Sie kann zwar mit riesigen Datenmengen Wahrscheinlichkeiten berechnen – die Gewinnchancen eines Lottospielers, die Lebenserwartung aller vegetarisch lebenden Dackelbesitzer oder die Wahrscheinlichkeit, an einer seltenen Art von Zeckenbissen zu sterben. Auch dass in einer Gruppe von 23 Menschen die Wahrscheinlichkeit mehr als 50 Prozent beträgt, dass zwei von ihnen am selben Tag Geburtstag haben. (Wir waren trotzdem amüsiert, dass Carl Djerassi und Dieter Nuhr beide am 29. Oktober geboren sind!) Doch wer wissen will, ob es ein Zufall ist oder nicht, einen verschollen geglaubten Freund genau in dem Augenblick zu treffen, in dem man nach Jahren mal wieder an ihn denkt, dem kann auch die höhere Mathematik nicht helfen.

Die Hirnforschung liefert immerhin einen wichtigen Hinweis: Die Mechanismen unserer Wahrnehmung sind evolutionären Ursprungs. Unser Gehirn ist darauf programmiert, nicht an Zufälle zu glauben, sondern aus geringsten Bruchstücken Zusammenhänge und Ursachen zu erkennen. So kann sich das Individuum in der Welt orientieren. Es kann lebensrettend sein, aus dem Rascheln im Gebüsch auf das Nahen des Tigers zu schließen. Wenn es nur eine Maus war, hat man sich halt umsonst erschreckt, ist aber immerhin nicht als Abendessen verspeist worden. Für jegliches Ereignis schnell eine Erklärung parat zu haben, gibt uns außerdem das angenehme Gefühl, die Kontrolle zu behalten und selbstbestimmt handeln zu können. Doch ist das nun alles eine Illusion?

Die Bandbreite von Erklärungen für den Ausgang eines Fußballspiels beispielsweise ist beeindruckend. Der Trainer der Siegermannschaft kann en détail erläutern, mit welcher Taktik er seine Elf zum unausweichlichen Erfolg geführt hat. Ganz anders hört sich das beim Trainer der unterlegenen Mannschaft an. Der Misserfolg ist oft auf unglückliche, nicht vorhersehbare Ereignisse wie parteiische Schiedsrichter, unverhältnismäßig viele Latten- und Pfostenschüsse oder ein überraschendes Formtief zurückzuführen. Kurzum, die Niederlage wird erklärt als ein dummer, ärgerlicher Zufall. »Sieger« hingegen, das hat schon Nietzsche festgestellt, »kennen keinen Zufall.«

 

Und was folgt daraus als Handlungsanweisung fürs eigene Leben: Fatalismus oder Detailplanung? Beides falsch, sagen die Psychologen, sinnvoll sei es vielmehr, dem Zufall eine Chance zu geben. Das bedeute nicht, erwartungsvoll auf dem Sofa auszuharren und auf eine glückliche Fügung zu warten, sondern aktiv die Wahrscheinlichkeit für freundliche Zufälle zu erhöhen. Ein Meister in diesem Fach scheint zum Beispiel Mario Adorf zu sein. Von ihm haben wir erfahren, wie man die eigene Sichtbarkeit für Fortuna steigern kann, indem man etwa höllische Schmerzen aushält und dafür dann am Ende eine wegweisende satanische Charakterrolle ergattert. Roman Herzog hingegen hat uns erzählt, wie man es als wachsames, flexibles Geißeltierchen zum Bundespräsidenten bringen kann und als verliebter Türmer auf einer schwäbischen Raubritterburg landet. Sahra Wagenknecht berichtet, wie sie der teuflische Thomas-Mann-Held Adrian Leverkühn zum politischen Engagement animierte. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen spricht über einen ordinären Plattfuß, dem sie Eheglück und Kindersegen verdankt. Der Unternehmer Jürgen Großmann schuckelt im VW Cabrio der Mutter zwei australische Manager durch den Ruhrpott und rettet die Klöckner-Werke. Reinhold Messner macht auf seiner Gartenmauer Bekanntschaft mit der Tücke des unbedachten Moments, die fast seine einzigartige Bergsteigerkarriere beendet. Der Aufstieg des Kabarettisten Dieter Nuhr beginnt mit einer halb abgetrennten Hand, und die »Tintenherz«-Autorin Cornelia Funke offenbart, welche Rolle ein kleiner, amerikanischer Junge für ihre Weltkarriere spielte.

Wir tun oft so, als sei Erfolg ausschließlich eine Frage der persönlichen Leistung. Doch die Geschichten, die wir gehört haben, lassen vermuten, dass die Dinge nicht ganz so einfach liegen. Sie erzählen stattdessen von Menschen, die etwa eine außergewöhnliche Chance bekamen, großen Einsatz zu zeigen, die diese Chance ergriffen und dies zufällig zu einem Zeitpunkt, an dem die Gesellschaft diesen spontanen Einsatz belohnte. So bezeichnet Helmut Schmidt zwar überraschend, aber nicht ohne Grund die Hamburger Sturmflut als einen der entscheidenden Zufälle in seinem Leben. Carl Djerassi ist überzeugt, wäre er mit seinem entscheidenden Coup, der Entwicklung der chemischen Formel für die Antibabypille, 15 Jahre später dran gewesen, wir hätten bis heute keine Pille! Oder Hildegard Hamm-Brücher: Ihre liberale Stimme, ihr Einsatz für eine aufgeklärte Bürgergesellschaft prägten das Gesicht ihrer Partei in den Bonner Jahrzehnten, heute ist sie nicht einmal mehr Mitglied der FDP.

Und noch etwas anderes zeigt sich in den Geschichten: Niemand, kein Musikstar, kein Profisportler, kein Spitzenpolitiker, nicht einmal ein Wissenschaftsgenie, schafft es ganz allein. Der Zufall oder was man dafür hält, muss schon ein bisschen zu Hilfe kommen, bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Zufällig hatte ein WDR-Redakteur mitgehört, wie ich Kollegen damit unterhielt, prominente Fußballreporter zu imitieren. Ich hatte damit wohl bei ihm den Eindruck erweckt, Fußballspiele kommentieren zu können. Vielleicht hätte ich ohne diese Begegnung nie den Anruf bekommen, ich solle am nächsten Wochenende über das Spiel Bad Honnef gegen Schwarz-Weiß Essen aus der Amateur-Oberliga Nordrhein berichten. Ich hatte so etwas noch nie gemacht, lediglich mit meinen Brüdern in Kindertagen jeden Sonnabend vor dem Radio die Fußballberichte verfolgt und Reporterstimmen imitiert. Und nun sollte ich selber ran?

Das Spiel damals endete übrigens 1:0 für den Außenseiter Bad Honnef gegen den bis dahin ungeschlagenen Tabellenführer Schwarz-Weiß Essen.

Das Urteil von einem der Wortführer der europäischen Aufklärung mutet schon sehr streng an: »Zufall ist ein Wort ohne Sinn; nichts kann ohne Ursache existieren.« Hat Voltaire recht? Martin Walser ist überzeugt davon. Ist also alles durch Ursache und Wirkung miteinander verbunden? Wissen wir vielleicht einfach noch nicht genug? Wer wollte behaupten, dass die Menschheit die höchste Stufe der Erkenntnis bereits erreicht hat? Wer könnte ausschließen, dass zwischen Ereignissen, die uns zufällig erscheinen, nicht doch erklärbare Zusammenhänge existieren, wir diese aber einfach noch nicht sehen können? Nur – ist das eigentlich wirklich wichtig?

Nach unseren Gesprächen haben wir festgestellt, dass jeder Mensch seinen eigenen Zufallsgenerator hat. Er sieht sich in seinem Leben irgendwann mit Ereignissen konfrontiert, die für ihn nicht vorhersehbar waren. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Ereignisse einen festen Platz im Universum haben, für manche eine Art Fingerabdruck Gottes sind oder einfach mal so geschehen. Entscheidend ist, wie man mit überraschenden Erfahrungen umgeht. Was die Geschichten der Menschen in diesem Buch verbindet, ist die Haltung, im Unerwarteten eher die Chancen als die Schwierigkeiten zu sehen. So wird Zufall zu einer sympathischen Begegnung mit dem Leben. Eine Weichenstellung, die uns das Schicksal für einen Moment anbietet, damit wir was daraus machen. Mal für den Augenblick oder manchmal sogar für ein ganzes Leben.

Reinhold Beckmann

Mario Adorf

Schauspieler

»Fortuna ist zwar blind, aber nicht unsichtbar – also, man kann das Glück ergreifen, es kommt nicht unbedingt von selber.«

Wie zufällig ist Wahrnehmung? Wenn man sich gerade ein rotes Auto gekauft hat, sieht man plötzlich überall rote Autos. Wenn man sich den Arm gebrochen hat, sieht man erstaunt, wer noch alles den Arm in der Schlinge hat. Und wenn man gerade entdeckt hat, dass man gerne Schauspieler würde, dann fällt einem auch eher ein unscheinbares Schild ins Auge, das man unter anderen Umständen vielleicht übersehen hätte.

Mit 22 Jahren ist der Student Mario Adorf von Zürich an die Isar gereist, er ist auf Zimmersuche, um im nächsten Semester beim berühmten Professor Arthur Kutscher Theaterwissenschaft zu studieren. Auf der Suche in der Münchner Innenstadt fällt sein Blick an einem alten Haus, an dem die Spuren des Krieges noch deutlich sichtbar sind, auf ein blaues Emailschild mit roter Schrift: Otto-Falckenberg-Schule, Schauspielschule der Münchner Kammerspiele.

Ohne groß nachzudenken, geht er hinein. Der Hausmeister ist unwillig und rückt nur widerstrebend ein Aufnahmeformular heraus, weil eigentlich Ferien sind und es »für dieses Joar eh zu spät iss«. Adorf füllt den Antrag aus, setzt seine Zimmersuche fort und fährt dann wieder heimwärts nach Mayen in der Eifel, wo er mit seiner Mutter in bedrückender Armut lebt.

Sein Vater, ein italienischer Chirurg, katholisch und entsprechend streng verheiratet, hatte der Mutter vorgeschlagen, den Sohn in einer Pflegefamilie unterzubringen und das Leben als seine heimliche Geliebte in Kalabrien fortzuführen, aber das kam für Alice Adorf nicht infrage. Sie wollte ihr Kind nicht weggeben, kehrt stattdessen mit dem Neugeborenen nach Deutschland zurück. Dort schlägt sie sich mühselig mit Näharbeiten durch, den kleinen Mario bringt sie, als er drei Jahre alt ist, notgedrungen im Waisenhaus unter. Bei den Nonnen im »Spitälchen« fühlt sich der Junge aber durchaus wohl. In der Frühmesse singt der fleißige Ministrant inbrünstig: »Maria zu lieben ist allzeit mein Sinn«, denkt dabei aber an Gertie, seine erste Liebe, doch mit viel schauspielerischer Phantasie und in heiligem Ernst betet er Wort für Wort die lateinische Liturgie herunter – weshalb sie bei ihm, wenn er ministriert, fast zehn Minuten länger dauert als bei den anderen. 1939 ist damit Schluss, zu Kriegsbeginn am 1. September wird das Waisenhaus aufgelöst, die Nazis brauchen ein Lazarett, Mario kommt zurück zu seiner Mutter.

Für die Napola, Hitlers Nachwuchsschule, war Adorf nicht reinrassig genug, trotzdem wollte er gerne »dazugehören«. Der 13-Jährige meldet sich freiwillig zum Kriegsdienst, wird Melder und gehört zu Hitlers letztem Aufgebot. Mit zwei Panzerfäusten wird er zur Verteidigung einer Panzersperre geschickt. Vielleicht verdankt er in dieser Zeit nur dem Zufall sein Leben: Ein mutiger Unteroffizier, der die letzten Zuckungen der Naziidiotie ignoriert, schickt den wehrwilligen Pimpf »kurz bevor die Amerikaner kamen« nach Hause. »Waffen vorsichtig in die Büsche legen, Uniform aus und heim zu Mutti.«

Die tapfere Schneiderin Alice ist stolz auf ihren Sohn. Wenn wieder mal ein Mayener Spießer den »Bankert von Alice« hänselt, kontert die ledige Mutter trocken: »Der ist auch keinem Graf aus dem Arsch gekrochen.« Seine Zukunft sieht sie ganz pragmatisch: »Lernst du in der Schule, machst du dein Abitur, lernst du nicht, wirst du Metzger.« Der Schlachthof ist ihm erspart geblieben, für ihn geht es ganz woanders, in einer der renommiertesten Schauspielschulen des Landes, um die Wurst. Denn tatsächlich – Wochen später flattert eine gute Nachricht ins Haus: Antrag angenommen, Aufnahmeprüfung am 31. März, morgens 10 Uhr, Mamma mia.

Aber der Kandidat macht sich eher mutlos auf den Weg, mit der bösen Ahnung, dass »ich die Prüfung nicht bestehe«. Es kommt tatsächlich wie befürchtet zum kapitalen Desaster. Adorf spielt den Max Piccolomini aus Schillers »Wallenstein« so übereifrig, dass er krachend von der Bühne segelt. Jede heutige Casting-Show-Jury hätte den Tölpel vermutlich mit einem höhnischen »Voll verkackt, Alter« für immer entlassen. Auch Falckenbergs Lehrkörper ringt entgeistert, wenn auch lachend, die Hände. Aber der Intendant der Kammerspiele, Hans Schweikart, findet den Sturzflug gar nicht übel: »Der Kerl hat zwei Dinge, die wirklich selten sind – Kraft und Naivität.« Der vermurkste Max fällt, aber nicht durch – ein Mirakel, das man plausibel-transzendental wohl nur mit einer besonders gut gelaunten Vorsehung erklären kann. Es ist jedenfalls die Geburtsstunde einer fulminanten Künstlerkarriere.

Die Schule bietet dem Adorf’schen Spieltrieb aber viel zu wenig Praxis. Mit ein bisschen Dusel immerhin darf der Kraftkerl mit dem pechschwarzen Haar und dem stechenden Blick bisweilen »in ganz kleinen Röllchen« an den Münchner Kammerspielen auftreten, die eng mit den Falckenbergern kooperieren. Und wie man einem glücklichen Zufall geschickt auf die Sprünge hilft, beweist Adorf bei einer Shakespeare-Inszenierung des Regie-Gurus Fritz Kortner: Obwohl der alte Fritz ungebetene Proben-Zaungäste verabscheut, schleicht er sich heimlich in eine Loge. Als der Regisseur seinen Assistenten August Everding anweist, einen Falckenberg-Schüler für eine mimische Miniatur zu engagieren, sprintet das Cleverle raus und dem Nachwuchssucher Everding »zufällig« in die Arme: »Mario, gut, dass ich dich sehe, ich hab eine kleine Rolle für dich.«

Wie sehr empfindet Adorf seine Karriere dem Zufall oder gar dem Schicksal geschuldet? Er mag es irdischer, eine Nummer kleiner und weniger beliebig: »Das Bild von der Fügung«, sagt er versonnen, »hat mir immer besonders gefallen, weil es etwas Handwerkliches hat: Dinge fügen sich zusammen, wie ein gut gemachtes Möbelstück, wo die Ecken und Kanten genau aufeinanderpassen.« Zeitlebens ist er hellwach, wenn sich die Chance bietet, mit Spiellust, Charme und Geistesblitzen eine Rolle zu ergattern. »Fortuna ist zwar blind, aber nicht unsichtbar«, erkennt er und für die launische Göttin hat er immer ein scharfes Auge, denn »man kann sein Glück ergreifen«.

So kommt er auch zu seiner ersten Filmrolle. Eigentlich will er nur einem Falckenberg-Mitschüler einen Gefallen tun, dieser hat einen Termin zum Vorsprechen beim »08/15«-Regisseur Paul May und braucht jemanden, der ihm die Stichworte gibt. Aber der Regisseur ist schwer zufriedenzustellen, lässt die Szene immer wieder spielen. Adorf will helfen und schlägt ungebeten eine hübsche Inszenierungs-Pointe vor – er bekommt die Winzlingsrolle, die eigentlich dem anderen zugedacht war.

Rastlos ist er auf »Aufmerksamkeit« bedacht, unermüdlich ersinnt er sprachliche Gags, witzige Pointen, szenische Kabinettstückchen. Mal zieht er sich Fäden durch die Zähne über die Lippe, um eine Hasenscharte vorzutäuschen. Mal besorgt er sich für die Rolle eines Gerichtsschreibers selbst einen Stenographenapparat, um eigensinnig auf die Tasten einhauen zu können. »Was macht der Kerl da?«, stöhnen entnervt die Kollegen, allen voran der arrivierte Großschauspieler Siegfried Lowitz. Regisseur Schweikart jedoch ist begeistert: »Adorf, machen Sie das. Das ist toll, das ist authentisch.« Im Drama »Die Hinschlachtung der Unschuldigen« ersinnt er, als Schwachsinniger pausenlos Papierschnitzel durch die Luft flattern zu lassen, und vergrätzt damit erneut den Starmimen Lowitz. Der Regisseur Günter Rennert aber ist entzückt, »ging auf die Knie vor mir« und sagte: »Machen Sie das nicht anders bis zur Premiere.«

Das Publikum liebt die Rampensau, die Kritiker applaudieren. Was ihn natürlich zusätzlich animiert, dem Affen das nächste Mal wieder Zucker zu geben. Nach mehr als fünfzig Jahren kann er noch den Satz aus einer »Macbeth«-Kritik, einem gnadenlosen Verriss, auswendig: »Aus dem kleinen Stamm des Kammerspielensembles ragte Mario Adorf hoch empor.« Es ist oft so ein kleiner, unscheinbarer Wink des Schicksals, den der Schauspieler beherzt und meisterhaft aufgreift und sich damit einen Karrierekick verschafft. »Jeder Mensch«, sagt er, »hat ja ein bestimmtes Potenzial«, das er nutzbringend abrufen kann. »Es fällt einem zu oder es fällt.« Und was der stämmige Halbitaliener abrufen kann, spricht sich schnell herum in der Branche.

Der Hollywood-Filmer Robert Siodmak, der von dem Radau-Stenographen hört, engagiert ihn 1957 für seinen Psychothriller »Nachts, wenn der Teufel kam« – obwohl ihn Adorf zunächst nicht interessiert, weil er ihm als Frauenmörder nicht dämonisch genug gucken kann. Als Siodmak jedoch anschließend bemerkt, dass Adorf mit einem schmerzhaften Muskelriss zum Vorstellungstermin in der Bar aufgekreuzt war, erregt das das Mitgefühl des leidenschaftlichen Hobbyheilpraktikers. Der Regisseur bugsiert ihn ins Hotel Vier Jahreszeiten, befiehlt: »Ziehen Sie mal die Hose runter!« und besprüht das lädierte Bein »vom Knöchel bis zum Po« mit einem Vereisungsspray. Dann schleppt er den nun nicht mehr lahmen Adorf zurück in die Bar und verkündet: »Das ist mein Teufel, jetzt schaut mal, wie böse der gucken kann.« Adorf, glücklich über das neue Engagement, aber keinesfalls von seinen Schmerzen erlöst, wird klar, »der hat einen Heilfimmel«. Also schreitet er tapfer krückenlos aus der Kneipe, um Siodmaks Heilungstriumph nicht zu zerstören.

Es sind die Jahre, als Adorf eine übersichtliche »Beamtenlaufbahn« an den Kammerspielen fürchtet und im Ausland sein Glück sucht. Doch in Italien, seinem Sehnsuchtsland, erhofft Adorf vergeblich mediterrane Herzenswärme. Sein römischer Vater Matteo Menniti verweigert hartleibig jede Begegnung. Die großen Regie-Cäsaren wie Visconti sind meist antifaschistische Linke und zeigen dem deutschen Exoten die kalte Schulter. Dennoch dreht er etliche Filme, die dem guten Ruf nicht schaden.

Fremd und gefühlsfern bleibt ihm auch Hollywood mit seinem »allgegenwärtigen, rücksichtslosen Ehrgeiz«. Zwar verspricht ein Agent: »Du kannst hier großartig als Film-Mexikaner leben.« Aber Adorf macht sich nichts aus Sombreros, will sich nicht dauernd um Rollen balgen, die bis dahin unweigerlich der Abo-Mexikaner Anthony Quinn besetzte. Einmal immerhin hätte er garantiert als Latino glänzen können, wenn er Sam Peckinpahs Stellenangebot für den Kultwestern »The Wild Bunch« angenommen hätte. Schrecklich bereut hat er auch, dass sein glückliches Händchen so schmählich versagte, als Billy Wilder ihn für das Meisterwerk »Eins, zwei, drei« verpflichten wollte: »Ich wollte keine Chargen spielen, erst recht nicht den dritten Russen.« Das war eine große »Dummheit«, die Mutter Alice aber umgehend mit einer tröstenden Parole lindert: »Wer weiß, wozu das gut war.« Und siehe, es wurde sogar sehr gut.

Denn in der alten Welt fügt sich fast alles glücklich für den Künstler. Dem Zufall braucht er fortan nicht mehr nachzuhelfen. Mit Ehefrau Monique lässt er sich in St. Tropez, »unserem Dörfchen«, in der Nachbarschaft von Brigitte Bardot, einer »verbitterten Menschenfeindin«, nieder. Mario Adorf, der einst verlachte »tumbe Eifelbauer«, wird zum vielgeliebten, vielgerühmten Komödianten, der in ungezählten Film- und Fernsehstücken alles spielt, was das Charakterfach hergibt – Bösewichte und Banausen, Schurken, Snobs und Edelmänner. »Richtig Glück«, sagt er, »haben mir die Dialektrollen gebracht.« Besonders die rheinländischen: Er ist der Kommissar Beizmenne in der »Verlorenen Ehre der Katharina Blum«, der Nazivater des unbestechlichen Zwergs Oskar Matzerath in Schlöndorffs oscargekrönter »Blechtrommel«, und im TV-Serial »Kir Royal« macht er den neureichen rheinischen Klebstoff-Fabrikanten Heinrich Haffenloher mit einem einzigen grandiosen Spruch zur Kultfigur: »Isch scheiß disch so watt von zu mit meinem Jeld.«

Inzwischen in München, wohlversorgt mit Pflege und Komfort, beäugt Mutter Alice kritisch ihren umschwärmten Mario, warnt streng vor imageschädlichen Reklameeinkünften (»Werbung machst du mir nicht!«) und sortiert rigoros eingehende Drehbücher: »Schrott.« »Kann man lesen.« »Gut.« Lebenslang verbindet ihn eine innige Liebe mit der leidgeprüften, unsentimentalen Frau, die »mir als Mann nie so ganz getraut hat«. Es ist berührend, wie sich die Stimme dieses 82-jährigen Mannes verändert, wenn er über seine Mutter spricht und ihre Bedeutung: »Das Wichtigste im Leben hat mir meine Mutter beigebracht, das ist ganz klar. Sie hat mir gezeigt, wie man auch mit unglücklichen Vorgaben ein Leben bewältigt.« Ihr Motto »Wer weiß, wozu es gut ist« hat er übernommen, und »weitgehend die Dinge geschehen lassen«, nichts erzwungen.

Wir sitzen draußen in der Sonne, aber sie wärmt nicht mehr richtig, es ist schon Herbst. In dieser leisen Melancholie der Natur die Frage zum Abschluss: Nimmt die Gelassenheit, das Vertrauen in die Dinge, die sich letztlich fügen, mit dem Alter noch weiter zu? Nicht in Bezug auf die letzten Dinge: »Ich möchte nicht so unglücklich sterben wie meine Mutter.« Sie wollte nie ein Pflegefall werden. »In den letzten zwei, drei Jahren, sie war fast neunzig, sagte sie: Warum sterbe ich nicht. Ich habe keine Lust mehr.« Sie erzählt dem Sohn, sie habe für alle Fälle im Keller einen Strick vorbereitet. Der schaut sofort im Keller nach, findet aber nichts. Nach einem Schlaganfall und halbseitiger Lähmung tritt ein, was die Mutter so gefürchtet hatte, ihre letzten Wochen werden qualvoll. Als aber die Ärztin fragt: »Sie müssen essen, Frau Adorf, sonst sterben Sie – also, was wollen Sie?«, antwortet sie, die früher so nicht enden und unbedingt vorher sterben wollte: »Leben!« Das kann der Sohn nicht vergessen.

Eher anrührend einer ihrer letzten Dialoge: »Du kriegst ein schönes Grab in Grünwald.« »Nein, wenn mal keine Blumen da sind, werden die Leute sagen: Guck mal, das ist das Grab vom Adorf seiner Mutter.« »Das kann man doch organisieren.« »Ja«, hat sie entgegnet, »aber dann sind die Blumen nicht von dir.« Der Sohn hat ihren letzten Willen getreulich erfüllt, seine hochbetagte Mutter auf See bestattet. »Wenn ich jetzt immer höre, wie schön das Alter ist – diese kollektive Seniorenfröhlichkeit, die ist mir sehr, sehr verdächtig.«

Peter Maffay

Rocksänger

»Ich bin nicht sicher, ob die Weichenstellungen in meinem Leben, die nach Zufall aussahen, wirklich zufällig waren.«

Der 23. August 1944 war für Rumänien der Tag der Befreiung von rechter Militärdiktatur und Bündnistreue mit Nazideutschland, der 23. August 1963 war für Peter Alex Makkay die Befreiung aus einem »hermetisch abgeschlossenen Land«, der kommunistischen Volksrepublik Rumänien. »Duazeci si trei august Libertate n’ea adus«, skandiert der 13-Jährige die rumänische Befreiungsparole auf dem Weg zum Flieger: »Der 23. August hat uns die Freiheit gebracht.« Wom. Die Ohrfeige des Vaters brennt auf der Haut. Ihm fehlt die Unbeschwertheit des Sohnes, er hat Angst, dass im letzten Moment noch etwas schiefgehen kann, der fröhliche Schlachtruf des Sohnes von den Sicherheitsorganen vielleicht als Despektierlichkeit ausgelegt wird und Maßnahmen verlangt. Der Vater hat seit seinem ersten Ausreiseantrag Ende der fünfziger Jahre die Geheimpolizei Securitate fürchten gelernt. Sie haben ihn regelmäßig nachts abgeholt.

Von Bukarest über Budapest, weiter über Wien geht der Flug nach Köln, schließlich nach München, dann landet die Familie Makkay in einem freien Land, Peter atmet den Duft der großen, weiten Welt, den nun auch er an jeder Straßenecke kaufen kann: Peter-Stuyvesant-Zigaretten. In Kronstadt, dem heutigen Brasov, hatte er viele Abende vor dem einzigen Ausländerhotel herumgelungert, Kaugummi oder Zigaretten geschnorrt und leere Stuyvesant-Schachteln vom Boden aufgesammelt, die Nase hineingedrückt und von der westlichen Welt geträumt, von der er dann glaubte zu wissen, wie sie riecht. Im Flugzeug hält ihm die Stewardess ein Körbchen mit Kaugummis unter die Nase. Er nimmt eines. »Du kannst ruhig mehr nehmen«, ermuntert sie ihn. Als er zögert, nimmt sie eine Handvoll, reicht sie ihm lächelnd. »Bis dahin«, erzählt er, »kannte ich nur weniger oder gar nichts, mehr war völlig neu für mich.« Das ist ein halbes Jahrhundert her, Peter Maffay inzwischen 63 Jahre alt und der erfolgreichste Rockmusiker Deutschlands, aber diese Stewardess scheint er für Sekunden genau vor Augen zu haben. Und das markige Gesicht dieses Mannes wirkt plötzlich weich, wie das eines staunenden 13-jährigen Jungen. In solchen Momenten findet man Kapitalismus schön und menschlich.

Was als Übergang geplant war, wurde das neue Leben. Eigentlich waren die Makkays auf dem Weg nach Amerika, zur Großmutter nach New Jersey, die das Geld für die Ausreise aufgebracht hatte, die hoffte, nach 14 Jahren endlich ihren Sohn wiederzusehen und den Enkel Peter kennenzulernen. Aber die Einreisequoten für die USA waren im Sommer 1963 schon erfüllt, das bedeutete zwei Jahre Wartezeit in Waldkraiburg. Kismet? Schicksal? »Wir kennen die Spielregeln nicht, die unser Leben bestimmen«, sagt Peter Maffay, »und ich bin nicht in der Lage zu sagen, ob die Weichenstellungen in meinem Leben, die nach Zufall aussahen, auch wirklich zufällig waren.« Wir sitzen im Hotel beim Frühstück, Maffay ist mit seiner fünften – und wohl auch letzten – Tabaluga-Tournee unterwegs. Glaubt er, dass ein so musikbesessener und gitarrenverliebter Mensch wie er in Rumänien kein Musiker geworden wäre? Maffay zieht eine Augenbraue hoch: »Kennen Sie einen rumänischen Rockmusiker?« Rock ’n’ Roll passte nicht ins System, erklärt er, war ein Zeichen westlicher Dekadenz, genauso wie lange Haare oder Bluejeans: »Nein, alle dort, Eltern, Lehrer, Verwandte, hätten mich auf etwas Bürgerliches getrimmt, um unter den dortigen Vorzeichen überleben zu können.«

Die Vorzeichen im bayerischen Vertriebenenstädtchen Waldkraiburg waren erzkonservativ und spießig, aber es war auch ein junger und dynamischer Ort, erst nach dem Krieg für die vielen Aussiedler und Flüchtlinge gegründet. Der Wille zum Neuanfang und die Hoffnung auf ein besseres Leben beherrschten den Alltag, beflügelten auch die Makkays nach ihrer bleiernen Zeit als geächtete deutsche Siebenbürgen-Minderheit in Rumänien. Vater Wilhelm findet schnell Arbeit als Autoschlosser, Mutter Augustine kommt in einer Knopffabrik unter, und Peter muss natürlich zur Schule, will aber einfach nur Musik machen. Sonst nix. Nach einem halben Jahr hat er durch verschiedene Schülerjobs das Geld für die erste Gitarre zusammen: Sie kostet 70 Mark, stammt aus dem Polizeifundus, und der Hals ist gebrochen. Der wird vom Vater aber schnell repariert, der 14-Jährige gründet seine erste Band: »The Beat Boys«.

Die Schule entwickelt sich zum Störfaktor. Peter löst das Problem, indem er morgens brav in den Schulbus ein-, an der nächsten Haltestelle allerdings wieder aussteigt und sich direkt in den »Weißen Hirsch« begibt, das damalige Epizentrum für die Waldkraiburger Jugend. Im Keller gibt es neben Getränke- und Vorratslagern einen ungenutzten Raum, vier mal vier Meter: Peters Probenraum. Im Sommer 1966 bleibt der hoffnungsvolle Jungmusiker das erste Mal sitzen, 1968, nachdem er das zweite Mal das Klassenziel nicht erreicht hat, geht er nach München, um eine Lehre als Chemigraph zu machen, »aber ich habe es nicht gelernt, ich habe es nur versucht, wie alles andere auch«.

Das Münchner Märchen des Peter Maffay ist eine liebgewonnene Tellerwäscherlegende des Showbiz: Talentierter Musiker, der selbstvergessen in kleinem Club Bob-Dylan-Songs auf der Gitarre klampft, wird zufällig von erfolgreichem Produzenten entdeckt und über Nacht mit erster Schallplatte zum Superstar. So romantisch war es mitnichten. Als junger Musiker wusste man damals, in welchen Clubs sich die Scouts der Plattenfirmen umsahen, also setzte man alles daran, dort engagiert zu werden, so auch Peter Maffay und Margaret Kraus, mit der er damals im Duo auftrat. »Und dann kam – der liebe Gott hilft, wenn er wirklich will – eines Abends Roswitha, die Frau von Michael Kunze, herein.« Im Sommer 1969 war Michael Kunze allerdings noch nicht der erfolgreichste deutsche Musical-Produzent und tausendfache Songtexter, sondern war gerade 25 Jahre alt und hatte einen Song mit dem Titel »Du« geschrieben, für den er einen geeigneten Sänger suchte. Wer ist geeignet für Textzeilen wie »Du bist alles, was ich habe auf der Welt, Du bist alles, was ich will. Yeah … Du, Du allein kannst mich verstehn. Du, Du darfst nie mehr von mir gehn.«? Kunze fand, Peter Makkay wäre es, aus Makkay wurde Maffay, und am 15. Januar 1970 erschien die Single »Du«.

Das war’s dann aber auch schon. Kein Mensch spielte den Song. »Michael Kunze ist mit mir in seinem weißen Opel auf Senderreise gegangen, quer durch die Republik, und wir haben uns nicht gescheut, Klinken zu putzen. Ich habe in Diskotheken gespielt noch und nöcher und mir die ersten Erfahrungen an irgendwelchen Bars ersoffen, wo ich abgehangen habe, weil das irgendwie dazugehörte damals. Das Tingeln musste man überstehen und abkönnen.« Aber die Ochsentour lohnte sich. »Du« eroberte die Tanzflächen und wurde überall gespielt, obwohl das Lied noch nie im Radio zu hören gewesen war. »Daraufhin wollten die Leute den Song auch zu Hause hören, haben die Scheibe gekauft, und so hat er sich durchgesetzt.« Erst im Mai legte Frank Elstner den Song das erste Mal bei Radio Luxemburg auf, im Juni war »Du« die Nummer eins der Single-Charts – genau eine Woche lang. Dass die Platte dort wochenlang aushielt, gehört auch ins Reich der Legenden. Damals war das auch ganz egal. Das Lied war längst der Sommerhit 1970.

Noch heute findet Peter Maffay, »es gibt kaum etwas Geileres als eine Nummer eins«, insofern hat er nie bereut, die damalige Chance ergriffen zu haben, aber in seinem Herzen war er immer ein Rocker, den wollte er leben. Nur war das gar nicht so einfach, sein erster Hit klebte mit seiner honigsüßen Dickflüssigkeit an ihm und zog immer dieselben Bienen an. Zuerst trennte er sich von Kunze, wechselte die Plattenfirma und tingelte im rostigen Mercedesbus mit den Krautrockern »Sahara« in und um München. Mitte der Siebziger zeigte er den deutschen Liedermachern, wie man in ihrem Revier einen Hit landet: Er bekannte autobiographisch »Und es war Sommer« und implantierte in der Nation schwüle Sommer-Sehnsüchte, indem er sie im Nachhinein an seiner Mannwerdung teilhaben ließ. Etwas später entdeckte er Hermann Hesses »Steppenwolf« für sich, brachte seine erste Rock-LP heraus, auf der er dessen menschlich-wölfische Künstlereinsamkeit mit seinem Talent zum zarten harten Mann mixte. Der Erfolg gab ihm uneingeschränkt recht. Das Pathos der Auskopplung von »So bist Du« entsprach (und entspricht) dem Wunsch vieler Verliebter, endlich hatten sie einen, der es für sie aussprach: »Und wenn ich geh, dann geht nur ein Teil von mir. / Und gehst Du, bleibt Deine Wärme hier. / Und wenn ich wein, dann weint nur ein Teil von mir, / und der andere lacht mit Dir.« So war er. Maffay 1979.

Bis dahin also viel Ausdauer, harte Arbeit und ein Ziel, das Maffay nie aus den Augen verloren hat. »Seitdem ich weiß, dass Dylan scheiße singt und trotzdem geiler klingt als alles andere, glaube ich nicht allein an Talent, sondern daran, dass diejenigen eine Perspektive haben, die einen Bilderrahmen ausfüllen können, die Konturen haben und nicht austauschbar sind. Talent alleine, das reicht bei weitem nicht aus, auf eigenen Beinen zu stehen.« Austauschbar war er schon lange nicht mehr, es wurde also Zeit für einen freundlichen Zufall.

Es ist ein Lied, ganz unerwartet, es berührt etwas in ihm, lässt ihn nicht mehr los: »Ich habe den Song im Radio gehört, fand den wunderschön. Komposition und Sprache waren so anders, keine Anglizismen, anderer Satzbau, sehr fein, sehr auf den Punkt, sehr literarisch. Mir gefiel das.« Maffay geht zu seinem langjährigen Freund Dieter Viering, Promoter von Telefunken Decca: »Wer singt das?« »Keine Ahnung.« »Dann finde mal raus, wer das ist.«

Die Band heißt Karat. Ihr Lied »Über sieben Brücken musst du gehn«. Als die Band aus Ostberlin kurz darauf in Wiesbaden auftritt, fährt Maffay hin und bittet die Musiker, den Titel nachspielen zu dürfen. Karat willigt ein, und Maffay produziert seine, mit einem Saxophon-Solo aufgemotzte, Version des Liedes. Das Album »Revanche«, das den Titel enthält, verkauft sich über zwei Millionen Mal. Die Mauer steht noch, und die Ost-Band darf nicht im Fernsehen des Klassenfeinds auftreten, deshalb ist es Peter Maffay, den die Leute mit dem Titel verbinden. »Als der Song dann erfolgreich war, und wir darauf hingewiesen haben, dass er von Karat stammt, da hat man das zum Teil sehr zu unseren Gunsten ausgelegt. Deutsch-deutscher Dialog – alles Schwachsinn, daran habe ich keine Minute gedacht.«

Die siebte Brücke war überquert, der Rockmusiker Maffay stand im hellen Schein. Und lebte die Rockmusiker-Romantik: Live hard, die young. Maffay hielt sich dran. »Zwei Flaschen Whiskey am Tag, drei Flaschen Whiskey am Tag sind eigentlich ein Ausdruck von Hilflosigkeit, nicht von Souveränität. Auf die Bühne zu gehen und Gitarren zu zerhacken, ist keine Kunst, und es ist kein Attribut für Qualität. Das ist einfach der ausgestreckte Mittelfinger und nichts anderes.« Aber damals glaubten viele seiner Kollegen und eben auch er, dass die Gesellschaft »einen Rockmusiker erst wirklich ernst genommen hat, wenn er kaputt genug war, wenn er abgedriftet war, wenn er schräg war, wenn er Hotelzimmer zerlegt hat. Das musste man sich erarbeiten, vor allem ersaufen.«

Bei Maffay kam dazu, dass er polarisierte wie kaum ein anderer, die Leute liebten oder hassten ihn, durch die einen verdiente er Millionen, für die anderen gab es keinen Kompromiss bei seiner Person. 1982, es war wieder einmal Sommer, knapp 30 Grad heiß, und Maffay betrat stolz die Bühne vor 70000 Menschen in Erwartung einer weiteren Musikerwerdung, geadelt als Vorgruppe der Stones. Aber es waren nur »die anderen« im Publikum. »Ja, das war der Beginn meiner Ökolaufbahn. Da flog so viel Gemüse auf die Bühne, damit konnte man schon einen Laden aufmachen. Das war bitter. Aber letztlich – wenn das damals nicht passiert wäre, wären wir größenwahnsinnig geworden.«

Aus der Distanz von 30 Jahren lässt sich altersweise darüber reflektieren, in der Situation dürfte es sich anders angefühlt haben. Aber da ist Maffay durchaus ehrlich mit sich, zumal das nicht die einzigen schmerzlichen Erfahrungen dieser Zeit waren: Im Oktober 1983, das Land war friedenspolitisch aufgewühlt und protestierte inbrünstig gegen amerikanische Fremdbestimmung und Raketen, trat Maffay mit anderen prominenten Musikern zum Abschluss einer Friedensdemo auf dem Neu-Ulmer Volksfestplatz auf, oder besser: er wollte auftreten. Doch die gut 150000 Menschen pfiffen ihn gnadenlos aus. Auf einem Transparent musste er lesen »Lieber Pershing 2 als Peter Maffay«. Nach nur einem Lied gab er auf. »Mit Abstand betrachtet, halte ich das für eine gute Fügung. Es war genau zum richtigen Zeitpunkt. Wir verkauften tonnenweise CDs und dachten, alles ist möglich. Dann haben wir richtig eins aufs Maul gekriegt, aber ordentlich. Das hat in jeder Form wehgetan. Das hat das Ego verletzt.

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