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Zuckerwatte für zwei

Kate Hardy

Zuckerwatte für zwei

1. KAPITEL

Das war bestimmt nur ein furchtbarer Albtraum. Es durfte einfach nicht wahr sein!

Daisy verspürte eine leichte Übelkeit. Sie schloss die Augen und kniff sich in den Arm. Als das wehtat, wurde ihr noch übler, und sie öffnete die Augen wieder.

Jemand war ins Jahrmarktmuseum eingebrochen. Nach der Anzahl der zertrümmerten Flaschen beim Pferdekarussell und dem Erbrochenen zu urteilen, waren es offenbar mehrere, noch dazu ziemlich betrunkene Personen gewesen. Halbstarke, die das Café als Wurfbude missbraucht, die Glasscheiben mit Steinen zerschmettert und es witzig gefunden hatten, den Karussellpferden die Schwänze abzuschneiden und sie mit obszönen Graffitis zu verunstalten.

Daisy war schon immer praktisch veranlagt gewesen und konnte so gut wie alles reparieren, aber das hier nicht – zumindest nicht schnell genug. Sie würde mehrere Tage dafür brauchen, den kleinen Jahrmarkt wieder so herzurichten, dass Familien und Kinder ihn sicher benutzen konnten.

Wer, um alles in der Welt, tat so etwas? Warum zerstörte jemand etwas so Wunderschönes, ein kleines technisches Wunderwerk von historischem Wert – einfach zum Spaß?

Mit zitternden Händen zog Daisy ihr Handy heraus und meldete den Schaden bei der Polizei. Danach rief sie ihren Onkel an. Das tat sie nur sehr widerstrebend, denn es war sein freier Tag. Außerdem bedeutete das Museum auch Bill sehr viel – er hatte sein halbes Leben hinein investiert.

„Bill, hier ist Daisy. Bitte entschuldige, dass ich dich so früh am Sonntagmorgen anrufe, aber …“ Sie schluckte und unterbrach sich.

„Daisy, ist alles in Ordnung?“, fragte Bill besorgt. „Was ist denn passiert?“

„Letzte Nacht wurde auf dem Jahrmarkt randaliert. Ich weiß nicht, wie die Einbrecher hereinkommen konnten.“ Daisy war sich absolut sicher, dass sie am Vorabend alles abgeschlossen hatte. „Aber es wurde eine Menge Glas zerschmettert, und sie haben die Karussellpferde beschädigt.“ Sie biss sich auf die Lippe. „Die Polizei ist schon auf dem Weg. Wir können heute nicht öffnen, und morgen wahrscheinlich auch nicht.“

Warum musste das unbedingt so früh in der Saison passieren? Da sie den Museumsjahrmarkt mit äußerst knappen Mitteln führten, würde diese Sache ein riesiges Loch ins Budget reißen. Zwar konnte alles repariert werden, aber es würde dauern. Daisy mochte gar nicht an die finanziellen Verluste denken, die entstehen würden, bis sie wieder öffnen konnten. Enttäuschte Touristen würden vielleicht nie mehr wiederkommen und auch ihren Freunden und Bekannten abraten. Und das würde sich auch auf das künftige Geschäft auswirken.

Ohne eine angemessene Besucherzahl hätten sie kein Geld für die geplanten Restaurierungsarbeiten. Dann würde das antike Kettenkarussell, das Daisy im vergangenen Jahr gerettet hatte, ein weiteres Jahr vor sich hinrosten. Zum Reparieren wäre es danach wahrscheinlich zu spät. Und das schöne Fahrgeschäft, das die Besucher eigentlich begeistern sollte, wäre nur noch ein Haufen wertloses Metall. Dann hätte Daisy umsonst das viele Geld ausgegeben und Bill dazu überredet, das Karussell zu kaufen. Dabei hatte sie ihm doch beweisen wollen, dass er ihr die Leitung des Jahrmarkts beruhigt übergeben konnte, wenn er in einigen Jahren in den Ruhestand ging. Ich hätte das Geld nicht ausgeben, sondern lieber für einen Notfall wie diesen aufsparen sollen, dachte Daisy verzweifelt.

„Ich werde vor der Polizei eine Aussage machen müssen, weil ich den Einbruch entdeckt habe. Aber sie wollen auch mit dir sprechen. Es tut mir so leid, Bill.“

„Schon gut, Liebes, ich mache mich gleich auf den Weg“, erwiderte Bill tröstend. „In zwanzig Minuten bin ich da.“

„Danke. Ich hänge jetzt ‚Geschlossen‘-Schilder auf und rufe dann die Mitarbeiter an.“ Daisy beendete das Gespräch und schob das Handy wieder zurück in ihre Tasche. Mit starrem Blick betrachtete sie die hölzernen Pferde des viktorianischen Karussells, das ihr Urgroßvater einst gebaut hatte und bei dem sogar noch die Original-Jahrmarktsorgel erhalten war. Am liebsten hätte sie die verstümmelten Pferde umarmt und getröstet. Doch das war natürlich albern und würde möglicherweise die Spuren verwischen, die die Randalierer hinterlassen hatten. Außerdem waren die Pferde aus Holz und hatten keine Gefühle. Aber Daisy hatte ihr ganzes Leben mit ihnen verbracht und konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie als kleines Mädchen auf ihnen geritten war. Es war, als wäre jemand auf ihrer Kindheit herumgetrampelt.

Daisy hatte zehn Jahre ihres Lebens damit verbracht, den Jahrmarkt hier mit aufzubauen: zehn Jahre, in denen sie unter anderem eine sehr anspruchsvolle Ausbildung zur Maschinentechnikerin absolviert hatte und sich dafür gegenüber ihren Eltern, Lehrern und Freunden hatte rechtfertigen müssen. Zehn Jahre, in denen sie Menschen davon hatte überzeugen müssen, dass sie das Richtige tat. Oft hatten diese geglaubt, es besser zu wissen. Und ihr Exfreund Stuart hatte sie sogar vor die Wahl gestellt: er oder der Jahrmarkt.

Daisy war die Wahl allerdings nicht besonders schwergefallen: Jemand, der sie verändern und von dem abhalten wollte, was sie liebte, war ganz einfach nicht der richtige Mann für sie. Mit der Entscheidung gegen ihn hatte sie die richtige Wahl getroffen, und zwar für sie beide. Denn inzwischen war Stuart mit einer anderen Frau verheiratet und hatte zwei kleine Kinder, mit denen er regelmäßig auf den Jahrmarkt ging. Schon komisch, dass er nun auch erkennen konnte, was sie darin sah.

Doch jetzt war es zu spät, auch wenn Stuart nicht verheiratet gewesen wäre. Daisy hatte kein Interesse mehr. Die zwei Freunde, die sie nach ihm gehabt hatte, waren Stuart unangenehm ähnlich gewesen. Auch sie wollten Daisy verändern und wünschten sich statt einer sachkundigen Mechanikerin eine mädchenhafte, femininere Freundin. Da beschloss Daisy, der ganzen Angelegenheit ein Ende zu setzen und sich ausschließlich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Denn dort wurde sie zumindest so akzeptiert, wie sie war. Sie konnte gut zuhören, hart arbeiten und hatte Talent. So, wie einst ihre Großmutter.

Nachdem Daisy alle ‚Geschlossen‘-Schilder an den Eingängen angebracht hatte, ging sie am Schreibtisch die Liste mit den freiwilligen Helfern durch. In diesem Moment kamen Bill und seine Frau Nancy herein.

„Ich kann es einfach nicht fassen“, sagte Bill mit düsterer Miene, als Daisy den Telefonhörer auflegte. „Diejenigen, die das hier gemacht haben, würde ich zu gern mal in die Finger kriegen, um ihnen eine ordentliche Abreibung zu verpassen.“

„Ich würde sie am liebsten mit Marmelade beschmieren und den Wespen überlassen“, erwiderte Daisy. „Oder sie unter die Straßenwalze bekommen. Warum macht jemand so etwas?“, fragte sie aufgebracht und ballte die Hände zu Fäusten. „Das will mir einfach nicht in den Kopf!“

„Ich weiß, Liebes“, sagte Bill und umarmte sie. „Die viele harte Arbeit, die alle geleistet haben – alles umsonst …“

„Und all die Leute, die heute herkommen wollten, werden so enttäuscht sein!“ Daisy atmete durch und fügte hinzu: „Vielleicht sollte ich Annie anrufen.“ Ihre beste Freundin war Redakteurin bei der Lokalzeitung. „Sie kann bestimmt dafür sorgen, dass im Radio über den Vorfall berichtet wird, damit niemand umsonst herkommt und vor verschlossenen Türen steht.“

„Gute Idee, Darling“, fand Nancy.

„Ich rufe gerade alle Helfer an und gebe Bescheid, dass sie zu Hause bleiben können“, berichtete Daisy. „Bisher baten alle darum, dass wir ihnen sagen, wenn die Polizei fertig ist, damit sie dann kommen und helfen können.“

„Wir haben wirklich Glück mit unseren Leuten.“ Bill seufzte. „Und jetzt ruf du Annie an, während Nancy und ich die Freiwilligenliste weiter abarbeiten.“

„Zuerst setze ich Wasser auf“, entgegnete Nancy. „Wir haben noch Milch im Bürokühlschrank. Ich hole nachher mehr, wenn wir wieder ins Café dürfen, aber vorerst dürfte es genügen. Wir können wohl alle eine Tasse Tee zur Stärkung gebrauchen.“

Mitten in der Polizeibefragung tauchte Annie auf – ausgerüstet mit Schokoladenkuchen und einem Fotografen. „Kuchen, weil es damit allen besser geht, und Fotos, weil das hier bestimmt auf die Titelseite kommt. Du bist einfach perfekt dafür, Daisy.“

„Du willst mich fotografieren?“ Daisy war verblüfft. „Warum denn? Spricht der Anblick hier nicht für sich?“

„Du kennst doch das alte Sprichwort – ‚Ein Bild sagt mehr als tausend Worte‘. Und du bist einfach sehr fotogen“, erklärte ihre Freundin. „Jeder wird dir ansehen, wie sehr dich diese Sache aufwühlt. Dein trauriger Gesichtsausdruck wird dir viel Mitgefühl einbringen.“

„Ich will kein Mitgefühl. Ich will nur, dass mein Jahrmarkt wieder aussieht, wie er sollte!“

„Das weiß ich doch, Darling“, sagte Annie beschwichtigend. „Der lokale Radiosender und das Fernsehen werden über die Sache berichten, du kannst also bekannt geben, dass der Jahrmarkt bis Ende der Woche geschlossen bleibt. Außerdem werden die Leute gleichzeitig auf euch aufmerksam, sodass ihr mit ein bisschen Glück nächstes Wochenende viel mehr Besucher haben werdet, weil auch Schaulustige herkommen werden, um zu gaffen.“

Daisy schnitt ein Gesicht. „Annie, das ist schrecklich.“

„So sind die Menschen nun mal“, stellte Annie nüchtern fest. „Übrigens betrachtet dich der Polizist da drüben schon die ganze Zeit ziemlich interessiert. Lächle ihn doch mal an!“

„Annie!“ Fassungslos sah Daisy ihre beste Freundin an. Der Jahrmarkt war in Gefahr, und da dachte Annie darüber nach, sie mit einem Mann zusammenzubringen?

„Durch deine Arbeit hier triffst du ja nicht gerade häufig alleinstehende Männer, geschweige denn Männer unter fünfzig“, erwiderte Annie ungerührt. „Also: Carpe diem, nutze den Tag. Er ist ziemlich niedlich. Und ganz eindeutig interessiert.“

Ich aber nicht, vielen Dank“, entgegnete Daisy.

„Würde es dich stören, wenn ich mich mit ihm unterhalte?“

„Tu, was du nicht lassen kannst, solange du dabei kein Blind Date für mich vereinbarst“, antwortete Daisy mit düsterer Miene. „Nicht jeder sucht einen Lebenspartner.“

„Du bist also nur mit deinem Kater absolut glücklich und zufrieden?“ Annie wirkte nicht sonderlich überzeugt.

„Ja, bin ich. Titan leistet mir gute Gesellschaft und ist außerdem sehr anspruchslos.“

Annie schnaufte ein wenig spöttisch. „Ein Kater, der eine Schwäche für gedünsteten Lachs hat und in jedem Zimmer ein weich gepolstertes Körbchen, ist also ‚anspruchslos‘?“

„Na gut, vielleicht nicht völlig anspruchslos“, räumte Daisy ein. „Aber er stellt zumindest weniger Ansprüche, als ein Mann es tun würde.“ Immerhin wollte ihr Kater nicht, dass sie sich änderte und ‚femininer‘ wurde. Er liebte sie genau so, wie sie war. „Im Moment ist er allerdings nicht sehr glücklich, weil ich ihn in meinem Büro eingeschlossen habe, damit er nicht in die Glasscherben tritt.“ Daisy unterbrach sich und fragte stirnrunzelnd: „Warum sprechen wir eigentlich darüber? Ich weiß, dass du mit Ray glücklich bist, Annie, und das freut mich sehr für dich. Aber mir geht es wirklich gut so.“

„Hm.“ Annie sah ihre Freundin an. „Also gut, dann rede ich jetzt mit dem Polizisten, weil ich ein paar Informationen für meinen Artikel brauche. In der Zwischenzeit wird mein Kollege fotografieren, wie verzweifelt du aussiehst.“

„Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, wenn ein Foto von mir in der Zeitung abgedruckt wird“, sagte Daisy zweifelnd.

„Pech. Ich habe es schon mit Bill abgesprochen. Er findet, dass du hübscher bist als er. Also hast du wohl keine andere Wahl“, erwiderte Annie lächelnd.

Daisy seufzte. „Annie Sylvester, du bist eine ziemlich abgebrühte Journalistin.“

„Allerdings“, bestätigte ihre Freundin fröhlich und umarmte sie. „Und sobald die Polizei sagt, dass wir mit dem Aufräumen anfangen können, helfe ich dir dabei, die Scherben aufzufegen und die Schmierereien abzuschrubben. Ich werde Ray anrufen, damit er auch kommt und Hand anlegt.“

„Danke. Du hast etwas gut bei mir.“

„Ach, Unsinn. Dafür sind Freunde doch da“, widersprach Annie. Dann zögerte sie kurz. „Hast du dem Rest deiner Familie eigentlich schon Bescheid gesagt?“

„Nein.“ Daisy hob ein wenig trotzig das Kinn. Sie hatte ihr Leben ausgezeichnet im Griff und konnte so gut wie alles problemlos wieder in Ordnung bringen. Trotzdem behandelte ihre Familie sie nach wie vor als das Nesthäkchen, dem man aus der Klemme helfen musste. Das machte Daisy noch wahnsinniger als die Ansicht ihrer Familie, eine erfolgreiche Karriere und ein gutes Einkommen wären wichtiger als Zufriedenheit mit der Arbeit. Natürlich würden sie kommen, wenn sie sie anriefe. Aber sie würden sich auch in all ihren Vorurteilen bestätigt sehen.

„Bill, Nancy und ich kommen schon zurecht“, sagte Daisy deshalb.

„Manchmal bist du ein bisschen zu stolz“, schalt Annie sie sanft.

„In dieser Hinsicht werden wir uns wohl nicht einig.“ Daisy seufzte. „Ich habe meine Familie wirklich gern, und wir kommen auch gut miteinander aus – meistens zumindest. Aber ich habe keine Lust auf eine Moralpredigt oder ein ‚Ich hab’s dir doch gesagt!‘. Und das müsste ich für ihre Hilfe in Kauf nehmen, wie du ja selber weißt. Also halte ich sie lieber aus der Sache raus.“

„Wie du meinst, Liebes. Aber sollten sie es nicht lieber von dir persönlich erfahren, anstatt es morgen auf der Titelseite der Zeitung zu lesen?“

Daisy wusste, dass ihre Freundin recht hatte. „Also gut, ich verspreche dir, dass ich heute Abend mit ihnen rede“, gab sie nach, dann würde sie schon so viel wie möglich repariert haben.

Der restliche Tag schien mit Aussagen gegenüber der Polizei sowie Teekochen zu vergehen, während alle darauf warteten, dass die Mitarbeiter der Spurensicherung ihre Arbeit beendeten. Als es dunkel wurde, hatten Daisy und ihre Helfer die Fenster des Cafés provisorisch mit Brettern verschlossen und angefangen, die aufgesprühte Farbe zu entfernen.

Doch am Montagmorgen erreichten sie weitere schlechte Nachrichten. „Die Versicherung sagt, dass sie für den Schaden nicht aufkommt“, berichtete Daisy Bill. „Vandalismus ist drei Jahre lang von der Haftung ausgeschlossen.“

Sie seufzte. „Offenbar wurden die Versicherungsbedingungen geändert, als Derek krank war, und damals hat es niemand bemerkt.“ Derek war Bills bester Freund und ihr Versicherungsmakler.

„Heißt das, wir müssen selbst für den Schaden aufkommen?“

Daisy nickte düster. „Die Versicherung kann uns einen Glaser empfehlen, aber wir werden die gesamten Reparaturkosten tragen müssen.“

„Und Fensterglas kostet ein kleines Vermögen.“ Bill fluchte leise und schüttelte den Kopf. „Das können wir uns nicht leisten. Wir können es uns jedoch ebenso wenig leisten, das Café nicht wieder in Ordnung zu bringen.“

Daisy holte Luft. „Das ist alles meine Schuld. Weil ich dich dazu überredet habe, das Kettenkarussell zu kaufen.“

„Liebes, das war doch ein Schnäppchen. Und wir hätten uns vor Wut geohrfeigt, wenn wir diese Gelegenheit nicht ergriffen hätten. Darum geht es nicht.“ Bill seufzte. „So wie der Aktienmarkt sich entwickelt hat, sind meine Anlagen praktisch nichts mehr wert. Und du weißt ja so gut wie ich, dass wir den Jahrmarkt mit äußerst knappen Mitteln führen. Wenn ich meine Bank um einen Kredit bitte, würden sie mich nur auslachen, weil wir ihn gar nicht zurückzahlen könnten.“

„Nicht mit den Einnahmen des Museums“, entgegnete Daisy. „Aber ich habe ja noch mein Haus.“ Sie hatte von ihrer Großmutter ein kleines Reihenhaus geerbt. „Ich kann die Bank dazu überreden, mir eine Hypothek zu gewähren.“

„Angesichts deines Einkommens würden sie dir keinen Penny leihen“, widersprach Bill. „Und ich würde ohnehin nicht zulassen, dass du dich wegen dieser Sache verschuldest. Nein, Darling.“

„Der Jahrmarkt ist aber auch mein Erbe“, gab Daisy zu bedenken. Ihr Onkel hatte oft gesagt, dass sie das Kind war, das er und Nancy nie bekommen hatten. „Dein Großvater war mein Urgroßvater.“

Daisy atmete tief ein. Seit dem Vortag dachte sie darüber nach, was Annie gesagt hatte. Vielleicht hatte ihre beste Freundin doch recht. Es war nicht ganz fair gewesen, ihrer Familie nur per SMS von dem Vorfall zu berichten und dann das Handy auszuschalten, um nicht erreichbar zu sein. Doch Daisy hatte sich nicht damit befassen wollen, wie ihre Familie die Situation sah – und ihr deshalb auch nicht die Chance gegeben, ihr zu helfen. Aber vielleicht wurde es Zeit, dass sie dem Jahrmarkt zuliebe ihren Stolz einmal überwand. Diese Angelegenheit konnte sie wirklich nicht alleine in Ordnung bringen, sondern sie musste sich aus der Klemme helfen lassen.

„Wir könnten Dad, Ben, Ed und Mikey bitten, uns zu helfen. Das würden sie bestimmt tun, schließlich ist es ja auch ihr Erbe.“

„Nein, das geht nicht. Ben muss an seine junge Familie denken, Ed und Mikey haben riesige Hypotheken, und dein Dad geht bald in den Ruhestand.“ Bill seufzte. „Um seine Anlagen steht es außerdem auch nicht besser als um meine.“

Außerdem war der Jahrmarkt in den Augen ihrer Familie eine Spinnerei von Bill, die Daisy davon abhielt, eine echte, ernst zu nehmende berufliche Laufbahn einzuschlagen. Und darum vermied sie es, mit ihren Verwandten über dieses Thema zu sprechen.

Bills Miene war düster. „Wir müssen uns einen Geldgeber außerhalb der Familie suchen.“

„Aber wer würde mitten in einer Wirtschaftskrise in einen Museumsjahrmarkt mit dampfbetriebenen Fahrgeschäften investieren?“

„Die Preise für Dampfmaschinen schießen in die Höhe“, entgegnete Bill. „Also werden manche Investoren ihre Mittel hier als sicherer angelegt betrachten als in Aktien.“

Daisy schüttelte den Kopf. „Investoren stellen immer Bedingungen. Und sie werden das Ganze nicht so sehen wie wir. Uns geht es schließlich nur darum, unser Erbe zu bewahren. Bestimmt würden sie die Eintrittspreise erhöhen und mehr Artikel im Laden anbieten wollen, damit die Einnahmen steigen. Und was ist, wenn sie sich irgendwann wieder zurückziehen? Wie sollen wir dann das Geld aufbringen, um ihren Anteil zurückzukaufen?“

„Ich weiß es nicht, Liebes“, antwortete Bill niedergeschlagen. „Wir könnten den snowman’s engine verkaufen.“

Dieser Dampfmotor war ein kleines Vermögen wert. Aber es war auch der letzte Motor, den Bell’s je gebaut hatte, und Daisy hatte vier Jahre damit verbracht, ihn wieder herzurichten.

„Kommt nicht infrage!“, entgegnete sie deshalb energisch. „Wir müssen eine andere Möglichkeit finden!“

„Das wird schwierig, Liebes, sofern wir nicht im Lotto gewinnen oder feststellen, dass es doch die gute Märchenfee gibt. Wir werden uns nach einem Teilhaber umsehen müssen.“

„Oder nach einem Sponsoren“, ergänzte Daisy seufzend. „Ich setze jetzt erst einmal Teewasser auf. Dann überlegen wir uns, was wir einem Sponsoren bieten könnten, schreiben eine Liste aller Geschäftsleute vor Ort und teilen uns die Anrufe.“ Sie umarmte ihren Onkel und fügte hinzu: „Wir werden unseren Silberstreif am Horizont schon finden.“

Felix nahm den Telefonhörer ab. „Gisbourne“, meldete er sich.

„Oh, wie gut, dass du da bist, Felix.“

Felix seufzte innerlich. Selber schuld, dachte er. Warum hatte er auch nicht nachgesehen, wer da anrief? Jetzt würde seine Schwester sich bei ihm beschweren, anstatt auf den Anrufbeantworter zu sprechen. Er konnte also nicht vorspulen oder die Nachricht löschen und dann behaupten, das Gerät wäre kaputt.

„Guten Morgen, Antonia.“

„Mummy sagt, du würdest dich vor der Party am Wochenende drücken.“

Antonia kam immer direkt zur Sache. „Ja, tut mir leid, meine Liebe. Ich schaffe es nicht, weil ich bei der Arbeit so viel zu tun habe.“

„Hör doch auf“, sagte Antonia verächtlich. „Du bist durchaus in der Lage, zur Party zu kommen und deinen geschäftlichen Kram morgens zu erledigen, bevor irgendjemand anders im Haus überhaupt ans Aufstehen denkt.“

Das stimmte, hieß aber nicht, dass Felix es auch wollte.

„Mummy möchte wirklich gerne, dass du kommst.“

„Nur, weil sie schon wieder eine ‚passende Partnerin‘ für mich gefunden hat.“ Felix seufzte. „Antonia, ich möchte nicht heiraten. Ich werde niemals heiraten.“

„Versuch mir nicht einzureden, dass dich Frauen nicht interessieren. Ich habe neulich das Foto von dir in den Klatschzeitungen gesehen, auf dem eine gewisse Schauspielerin sich dir an den Hals warf. Oder willst du etwa behaupten, ihr wärt nur gut befreundet?“

„Nein. Es war …“ Felix unterbrach sich und schüttelte gereizt den Kopf. „Meine Güte, Antonia, du bist meine kleine Schwester. Ich werde nicht mein Liebesleben mit dir erörtern.“

„Du meinst wohl eher dein nicht vorhandenes Liebesleben“, entgegnete Antonia trocken. „Deine Beziehungen überdauern doch nie mehr als drei Verabredungen.“ Sie seufzte. „Mummy möchte einfach nur, dass du glücklich bist! Das möchten wir alle.“

„Ich bin glücklich. Ich habe eine schöne Wohnung in London-Docklands, ein erfolgreiches Unternehmen – und eine Allergie gegen Frauen, bei denen gleich die Hochzeitsglocken läuten.“ Er machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach. „Ich wünschte wirklich, unsere Mutter würde mich endlich in Ruhe lassen.“

„Hättest du bei der armen Tabitha damals keine kalten Füße bekommen, wärst du jetzt verheiratet, und Mummy wäre glücklich und zufrieden“, erklärte Antonia.

Sie vielleicht, dachte Felix. Aber ich sicher nicht. Seine Ehe wäre ein absoluter Albtraum geworden. Einen Moment lang fragte er sich, ob er seiner Familie nicht doch die Wahrheit über seine ehemalige Verlobte Tabitha erzählen sollte. Doch dann würden sie Mitleid mit ihm haben, was noch schlimmer wäre als die unablässigen Verkupplungsversuche. Unter dem Strich war es besser, dass seine Familie ihn für einen notorischen Herzensbrecher hielt, dem nur noch die richtige Frau fehlte.

Doch in Wirklichkeit brauchte Felix niemanden, er war mit seinem Leben absolut zufrieden. Er liebte seine Arbeit, die ihn ausfüllte, und Frauen, denen klar war, dass er keine langfristige Beziehung anstrebte, sondern nur ein bisschen Spaß haben wollte.

Denn er hatte nicht vor, jemals wieder so eine Situation zu erleben wie mit seiner früheren Verlobten. Auf keinen Fall sollte sein Herz noch einmal so verletzlich sein.

„Komm schon, Felix, so schlimm wird es nicht werden“, sprach Antonia weiter.

Oh doch, das wird es, dachte er. Seine Mutter hatte ihn sicher schon sämtlichen langbeinigen blonden Frauen in ganz Gloucestershire vorgestellt, weil sie dachte, dass ihm langbeinige blonde Frauen gefielen. Und das stimmte auch. Er wollte nur keine heiraten – er wollte überhaupt nicht heiraten.

„Ich habe ziemlich viel zu tun, Antonia, und rufe dich nachher zurück. Okay?“

Antonia seufzte. „Also gut. Aber tu es wirklich, sonst rufe ich nämlich dich an.“

„Ist angekommen. Bis dann, Sweetie.“

Felix legte auf und lehnte sich stirnrunzelnd zurück. Er musste sich eine wasserdichte Ausrede ausdenken, um nicht zu seinen Eltern zu müssen. Das Traurige war, dass er ein reines Familienwochenende auf dem Land wirklich genossen hätte. Er mochte seine Eltern, seine Schwestern und seine Schwager.

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