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Zu viele Morde

Colleen McCullough

Zu viele Morde

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt

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Inhaltsübersicht

APRIL 1967

Kapitel eins

Kapitel zwei

Kapitel drei

Kapitel vier

Kapitel fünf

Kapitel sechs

Kapitel sieben

Kapitel acht

Kapitel neun

MAI 1967

Kapitel zehn

Kapitel elf

Kapitel zwölf

Kapitel dreizehn

Leseprobe aus Ein kalter Mord

Kapitel eins

 

Für WAYDE

loyal, liebevoll, herzlich, großzügig.

Der beste Sohn, den ein Vater sich wünschen könnte.

APRIL 1967

Kapitel eins

Mr. Evan Pugh

Paracelsus College

Chubb University

Holloman, Conn.

 

Sehr geehrter Mr. Pugh,

ich gebe mich geschlagen. Die 100 000 $ wurden in Ihrem Zimmer im College deponiert, so wie Sie es in Ihrem Brief vom 29. März verlangt haben. Ich werde sicherstellen, dass meine Anwesenheit am College harmlos wirkt, sollte ich entdeckt werden. Bitte verlangen Sie nicht noch mehr Geld von mir. Meine Taschen sind leer.

Mit freundlichen Grüßen,

die Quasselstrippe

 

Evan Pughs Hände zitterten, als er das Schreiben las, das in einem schmucklosen weißen Umschlag in sein Fach gelegt worden war, nur mit seinem Namen und Anschrift versehen, wie der Brief selbst mit Schreibmaschine getippt. Die dunkle viereckige Öffnung seines Faches war jedes Mal leer gewesen, wenn er auf dem Weg nach unten zum Frühstück und zum Mittagessen nachgesehen hatte. Jetzt, um halb drei, hatte er seine Antwort.

Auf den Fluren war kein Mensch, als er sich im Foyer auf den Weg die geschwungene offene Treppe hinauf machte. Das Paracelsus College war ein neues Institut in einem Gebäude, das von einem weltberühmten Architekten und Chubb-Absolventen entworfen worden war. Die Böden und Wände waren aus Marmor, Steingärten, die zu klein waren, um sie zu betreten, wurden von Glas umschlossen. Die Neonbeleuchtung wirkte kalt, und großartigen Raumschmuck gab es nicht. Oben, wo Evans Schlafsaal lag, ersetzten grau gestrichene Wände und grauer Kunststoffboden den weißen Marmor – eher praktisch als schön, dennoch sehr luftig und geräumig. Nicht anders die Räume, wofür die Paracelsus-Bewohner ihrem Architekten tief verbunden waren, der natürlich selbst noch unter dem Gräuel gelitten hatte, sich in einem 1788 erbauten Institutsgebäude eine kleine Zelle mit jemandem teilen zu müssen. Also hatte er das neue Paracelsus mit großen Räumen und reichlich Badezimmern ausgestattet.

Das Obergeschoss war ebenfalls menschenleer. Evan schlich den Korridor entlang und betrat sein Quartier, wo er sich mit einem kurzen Blick vergewisserte, dass sein Zimmergenosse Tom Wilkinson gerade in der Vorlesung war. Man musste auf Nummer sichergehen: Selbst so zielorientierte Typen wie angehende Medizinstudenten schwänzten bisweilen den Unterricht. Aber Evans war allein.

Erstaunlicherweise herrschte in dem Zimmer kein Durcheinander. Jeder der jungen Männer besaß ein Auto, also standen keine Fahrräder herum, und auf dem Boden häufte sich keines der für Studenten so typischen Sammelsurien aus Kisten. Ein deckenhohes Bücherregal trennte ihre beiden großen Schreibtische, die vor den Fenstern standen. Links und rechts der Zimmertür stand jeweils ein übergroßes Einzelbett, und in jeder der beiden langen Wände befand sich eine weitere Tür. Wilkinson, ein fröhlicher junger Mann, hatte Poster von sexy aussehenden Filmstars an seinen Wänden, doch die von Evan Pugh waren kahl bis auf eine Pinnwand, an die einige Notizen und ein paar Fotos geheftet waren.

Er ging direkt zu seinem Schreibtisch. Darauf sah es noch genauso aus, wie er ihn verlassen hatte. Keine der Schubladen war abgeschlossen. Evan öffnete eine nach der anderen und überlegte, wie dick ein solches Bündel Geldscheine wohl sein könnte. Das kam ganz auf die Stückelung der Banknoten an, dachte er, als er die letzte Schublade zuschob. Keine Scheine, kein Bündel, wie groß oder klein auch immer. Er blickte zu seinem Bett, ein Durcheinander aus Laken und Decken, ging hinüber und durchsuchte es – kein Geldbündel, weder darin noch darauf oder darunter.

Als Nächstes kontrollierte er die Bücherregale, mit demselben Ergebnis. Hinterher fragte er sich allerdings, wie er ein solcher Idiot hatte sein können. Wie sollte sein Opfer denn wissen, welche Seite des Raumes er bewohnte? Oder, dass es überhaupt aufgeteilt war? Sein Zimmernachbar war unordentlich, aber selbst das sorgsame Durchsuchen jeder Ecke von Toms Zimmerseite förderte kein Bündel Geldscheine zutage.

Also blieb nur noch die Kammer. Diesmal durchwühlte er Toms Kammer zuerst, allerdings ohne Erfolg. Dann öffnete er die Tür zu seiner eigenen. Mit diesen begehbaren Kleiderschränken offenbarte sich das wahre Genie des Architekten; er war jemand, der wusste, wie viel Krempel sich bei jungen Männern – und Frauen –, die sich ein Zimmer teilten, während eines Jahres so ansammelte. Die begehbaren Wandschränke nahmen die ganze Länge des Raumes ein und waren einen Meter tief. An einem Ende waren Gestelle mit Schubladen angebracht, dann kamen offene Regale und danach eine Freifläche, die sich über eine Hälfte des Schrankes zog. Der einzige Nachteil waren die funzeligen Glühbirnen, wegen der Angst des Dekans vor Bränden in geschlossenen Räumen. Lediglich Fünfundzwanzig-Watt-Birnen, keinen Deut heller. Die Türen federten wieder zu, wenn man sie öffnete. Noch so eine Zwangsvorstellung des Dekans; er hasste Unordnung und sah in allen geöffneten Schubladen und Türen nicht nur potentielle Unfallquellen, sondern auch rechtliche Haftpflichtgefahren.

Evan schaltete das Licht in der Kammer an und betrat sie. Die Tür schwang hinter ihm zu, aber daran war er gewöhnt. Er sah das Bündel sofort, das mit einer Kordel von der Decke hing. Begierig eilte er darauf zu, weder überrascht, dass sein Opfer die Abgeschiedenheit der Kammer gewählt hatte, noch, dass es auf der Seite hing, wo sich weder Schubladen noch Regale befanden. Er schaute nicht hoch zur Decke, sondern blickte nur bis zur Höhe des Bündels, das trotz des Lichtes deutlich erkennbar in Klarsichtfolie eingewickelt war. Man sah die Banknoten ganz genau: Einhundert-Dollar-Scheine. Sie schienen neu zu sein, ohne die dicken Ecken, die Scheine bekamen, wenn sie durch viele Hände gingen. Ein nettes, flaches, ziegelsteingroßes Paket.

Unvermittelt, als seine Hände schon nach dem Paket griffen, hielt Evans einen Moment inne und dachte an das gewaltige Ausmaß seines Coups, den Triumph, von dem er niemandem erzählen konnte, solange er die Quasselstrippe weiter erpressen wollte. Wollte er mit den Erpressungen weitermachen? Letztendlich brauchte er das Geld gar nicht; es war lediglich die Waffe der Wahl. In was er sich sonnte, war das Wissen, dass er, Evan Pugh, nur ein neunzehnjähriger Zweitsemester des Chubb, die Macht hatte, einen anderen Menschen bis hin zum Punkt extremer mentaler Tortur zu quälen. Oh, welch ein tolles Gefühl! Natürlich würde er die Quasselstrippe weiter erpressen!

Er setzte seine Bewegung fort und ergriff das in Klarsichtfolie gewickelte Paket. Als es sich nicht lösen ließ, zog er daran, mit einem kräftigen ungeduldigen Ruck, so dass er es bis auf Hüfthöhe herunterzog. Seine Hände folgten dem Paket, ohne es loszulassen.

Im selben Moment gab es ein lautes Geräusch, ein Stöhnen und ein Zischen. Als die entsetzlichen Schmerzen seine Oberarme und den Brustkorb erfassten, dachte Evans tatsächlich, ein Dinosaurier hätte ihn gebissen. Er ließ das Paket fallen und umklammerte das, was auch immer ihn verschlang, und seine Finger schlossen sich um den kalten Stahl, der in seinem Fleisch festsaß – nicht einer, sondern eine ganze Reihe von Dolchen, tief in seinem Fleisch, bis auf die Knochen.

Der Schock war für einen Schrei zu groß gewesen, aber nun begann er schrill zu brüllen, heiser, wobei er sich fragte, warum sein Mund voller Schaum war, doch er schrie, schrie, schrie …

Das Geräusch drang aus der Kammer ins Zimmer, aber es war niemand da, der es hörte. Dass es nicht bis auf den Flur drang, lag an dem Architekten, der viel von Schallschutz hielt und mit einem großzügigen Budget ausgestattet gewesen war. Die Parsons hatten etwas wirklich Erstklassiges haben wollen, wenn sie sich schon von einem Rodin und ein paar Henry Moores trennen mussten.

 

Evan Pugh brauchte zwei Stunden, um zu sterben. Seine Beine versagten ihren Dienst, seine Atmung war ein verzweifeltes Keuchen. Sein einziger Trost war der Brief der Quasselstrippe, den die Polizei in seiner Tasche finden würde.

 

»Ich glaube es nicht!«, rief Captain Carmine Delmonico. »Und der Tag ist noch nicht mal vorbei. Wie spät ist es, zum Teufel?«

»Gleich halb sieben«, ertönte Patrick O’Donnels Stimme aus der Kammer.

Carmine kam durch die Tür, deren Federn inzwischen gelöst worden waren, und betrat eine surreale Szene, wie aus einem Horrorkabinett. Patsy hatte in der Kammer die Fünfundzwanzig-Watt-Funzeln des Dekans durch zwei Jupiterlampen ersetzt, und jeder Teil der Einrichtung schien in Flammen zu stehen. Die Leiche, die schlaff von der niedrigen Decke baumelte, zog seinen Blick als Erstes in ihren Bann. Die Oberarme und der Brustkorb befanden sich auf grausame Weise im Kiefer von etwas, das dem Gebiss eines weißen Hais aus rostigem Stahl ähnelte.

»Himmel!«, keuchte Carmine und ging so vorsichtig wie möglich um die Leiche herum. »Patsy, hast du schon jemals so etwas gesehen! Und was zum Teufel ist das?«

»Eine riesige Bärenfalle, glaube ich«, sagte Patsy.

»Eine Bärenfalle? In Connecticut? Außer vielleicht in Kanada oder bei den Hinterwäldlern war in den letzten hundert Jahren kein Bär auf dieser Seite der Rockies.« Carmine besah sich die Stellen des Brustkorbs des jungen Mannes, an denen die Zähne deutlich bis zum Metallrahmen eingedrungen waren. »Obwohl ich annehme«, fügte er hinzu, »dass wahrscheinlich noch ein paar Leute ein solches Teil in einer vergessenen Ecke ihrer Scheune herumliegen haben.«

Er trat zurück und ließ Patrick seine Untersuchung beenden, dann sahen sich die beiden Männer an.

»Ich muss wohl das ganze Teil mitnehmen«, sagte Patrick. »Es hier drinnen zu öffnen, traue ich mich nicht – das Ding hat eine Feder, die einem die Hand glatt absäbelt, wenn wir das Teil nur halb aufziehen und es uns erwischt. Die Decke hier drinnen ist viel niedriger als die im Zimmer, aber es muss einen Balken geben. Na, toll.«

»Sie ist mit einer Kontermutter verschraubt«, sagte Carmine, »also muss es einen Balken oder einen Sparren geben. Zeit für die Kettensäge? Bricht dann das Gebäude zusammen?« Er entdeckte das in Plastik gewickelte Päckchen und bückte sich, um es in Augenschein zu nehmen. »Wenn sich im Inneren nicht nur weißes Papier befindet, ist das eine Menge Geld. Ein Köder für den Gierigen. Der Junge hat es gesehen, danach gegriffen und saß damit sprichwörtlich in der Falle.«

Dann nahm Carmine den Rest der Kammer in Augenschein, mit dem für jeden Studenten ein Traum in Erfüllung gegangen sein musste, dachte er. Die Bärenfalle war über einer freien Fläche befestigt worden.

»Der Typ, der die Bärenfalle aufgestellt hat, kannte die Bauweise des Gebäudes«, sagte er. »Das Ding wurde festgeschraubt und hat sich keinen Zentimeter bewegt, als es zugesprungen ist.«

»Zumindest ist es nicht mehr offen, Carmine. Meine Jungs werden es schon abmontieren können. Hast du genug gesehen?«

»Ich denke schon. Aber kannst du das glauben, Patsy?«

»Nein. Damit sind es zwölf Tote innerhalb von achtzehn Stunden.«

»Wir sehen uns in der Leichenhalle.«

 

Carmines Kollegen Abe Goldberg und Corey Marshall standen wie benommen neben Evan Pughs Schreibtisch.

»Zwölf Opfer, Carmine?«, fragte Corey, als Carmine sich zu ihnen gesellte.

»Zwölf und fast alle komplett verschieden. Obwohl das hier den Hauptgewinn absahnt, Jungs – eine Bärenfalle. Das Opfer ist ein schmalbrüstiges Weichei, und die Falle hat ihn so stark zerquetscht, dass er daran gestorben ist.«

»Zwölf Opfer!«, sagte Abe atemlos. »In der ganzen Geschichte von Holloman hat es noch nie zwölf Morde an einem Tag gegeben, Carmine. Vier waren das Höchste, als diese Motorradgang sich auf dem Parkplatz des Chubb Bowl eine Schießerei lieferte, und das war einfach und noch nicht einmal eine Überraschung. Das hattest du in einer Woche abgehakt.«

»Na ja, ich bezweifle, dass mir das in diesem Fall gelingen wird«, meinte Carmine.

»Stimmt«, sagten beide Sergeants unisono.

»Aber«, sagte Abe und versuchte seinem Boss Mut zu machen, »es sind ja nicht alles deine Fälle. Ich weiß, dass Mickey McCoster und sein Team von ihrer Drogenfahndung entbunden werden können, und Larry Pisano arbeitet schon an den Erschießungen. Das sind drei weniger, bleiben noch neun.«

»Es sind alles meine Fälle, Abe. Ich bin der Captain der Detectives. Was bedeutet, jeder von euch wird auf ein Opfer angesetzt – ihr kennt meine Methoden besser als Larrys Jungs.« Er runzelte die Stirn. »Aber nicht heute Abend. Geht nach Hause, esst ein schönes Abendbrot und seht zu, dass ihr eine ordentliche Mütze Schlaf bekommt. Wir treffen uns morgen früh um neun im Büro des Commissioners, okay?«

Sie nickten und gingen.

Carmine ließ die ausgesprochen großzügige Studentenbude und den eklatanten Unterschied zwischen der Seite des Opfers und der seines Zimmernachbarn, der ihn gefunden hatte, noch eine Weile auf sich wirken.

Tom Wilkinson wartete in einem Raum, den ihm der Dekan vorübergehend zur Verfügung gestellt hatte. Einer von Patsys Technikern hatte ihn zu seinem alten Zimmer begleitet, nachdem Evans Tür zur Kammer abgeriegelt worden war, und überwacht, wie er sich ein paar Bücher, Kleidung und andere Kleinigkeiten zusammensuchte. Nach einem Blick auf die Liste des Technikers ging Carmine zurück, um das Zimmer genauer zu untersuchen. Die beiden jungen Männer hätten genauso gut eine Linie in der Mitte ziehen können, so unterschiedlich waren die beiden Seiten. Tom war planlos und unordentlich, wohingegen Evan Pugh geradezu pedantisch war. Selbst die Notizzettel an der Pinnwand waren ordentlich im Winkel ausgerichtet. Eine kurze Durchsicht ergab keinerlei Hinweise, warum er ermordet worden war; es waren nur Merkzettel, die Wäsche am soundsovielten aus der Reinigung abzuholen sowie Briefmarken, neue Socken und Briefpapier zu kaufen. Die Fotos waren alle von wärmeren Orten als Holloman – Palmen, leuchtend bunte Häuser, Strände. Und ein Haus, vor dem ein Mann und eine Frau in Abendkleidung standen, die wohlhabend wirkten.

Als der Schreibtisch nichts mehr hergab, ging Carmine, um mit Tom Wilkinson zu sprechen, der kläglich auf der Kante seines Bettes saß. Er unterschied sich ganz erheblich von Evan Pugh, das zeigte schon ein kurzer Blick: hochgewachsen, auf diese blonde Art gutaussehend, sportlich, mit großen, blauen Augen, die Carmine mit einer Mischung aus Angst, Entsetzen und Neugier anstarrten. Nicht die Augen eines Bärenfallen-Mörders, entschied Carmine. Der junge Mann war billig gekleidet – weder in Kamelhaar noch in Kaschmir.

Wilkinson versuchte, ohne zu stammeln, seine Geschichte von dem Blut, das unter Evans Kammertür heraussickerte, vorzubringen, und wie er Evans rief, keine Antwort bekam und dann die Tür öffnete. Ab da wurde es für ihn schwieriger, logisch zu bleiben, doch Carmine gab ihm Zeit, sich zu erholen, und erfuhr dann, dass Tom weder lange drinnen geblieben noch die Sauerei untersucht hatte. Einige der Medizinstudenten aus den ersten Semestern, denen oft ein Hang zum Makaberen anhaftete, hätten das vielleicht getan. Wenn er das Geld gesehen hatte, so erwähnte er es zumindest nicht, und Carmine nahm an, dass er es nicht bemerkt hatte. Dieser Student kratzte all sein Geld zusammen, um am Paracelsus bleiben zu können, und wäre sicherlich schwer in Versuchung geraten, das Paket zu klauen, bevor irgendjemand anderes es registriert hätte. An seiner Kleidung waren keine Blutspuren, und er war um die Pfütze aus Blut herumgegangen, als er die Kammer betrat. Auf dem Weg hinaus war er weniger vorsichtig gewesen, aber der Typ, der ihn zurück zu seinem Zimmer begleitet hatte, hatte ihm die Turnschuhe abgenommen, erklärte er und wackelte durch die Löcher in seinen Socken mit den Zehen. Die Turnschuhe wären ganz neu, und sie würden ihm fehlen, also versprach Carmine ihm, er bekäme sie so schnell wie möglich wieder.

»Mochten Sie Ihren Zimmergenossen?«, fragte Carmine.

»Nein«, sagte Tom unverblümt.

»Warum nicht?«

»Ach, meine Güte, er war so ein Waschlappen

»Sie wirken gar nicht so wie jemand, der andere schnell verurteilt, Tom.«

»Bin ich auch nicht, Captain, und ich komme auch mit einem Waschlappen klar, wenn es ein ganz normaler Waschlappen ist. Aber das war Evan nicht. Er war so – von sich eingenommen! Ich meine, selbst klatschnass wog er höchstens fünfundvierzig Kilo und hatte ein Gesicht wie Miss Prissy aus dem Foghorn Leghorn Cartoon. Aber er fand nicht, dass er merkwürdig aussah. Wenn man ihn sprechen hörte, vermittelte er den Eindruck, als ob Typen, die so aussahen wie Miss Prissy, genau das waren, was die Welt brauchte. Er hatte ein so dickes Fell, dass nicht mal eine Panzerfaust es eindellen konnte.«

»Wie war er im Unterricht? Hatte er gute Noten?«

»Überall A-plus«, sagte Tom niedergeschlagen. »Er war Klassenbester und hat selbst besser gezeichnet als der Rest von uns. Uns gingen seine Zeichnungen des Kranialnervs eines Dornhais oder eines Augapfels von einem Ochsen, die hochgehalten wurden, damit alle sehen konnten, wie anatomische Zeichnungen auszusehen hatten, langsam tierisch auf den Sender. Mann, er war eine Nervensäge! Es wäre ja alles in Ordnung gewesen, wenn er es uns nicht andauernd unter die Nase gerieben hätte, besonders Typen wie mir, mit einem Stipendium. Ich meine, ich werde wahrscheinlich zur Army oder der Marine gehen müssen, um von den Schulden wieder herunterzukommen.«

»Hat er die Gesellschaft seiner Kommilitonen gesucht?«

»Himmel, nein! Evans hat schräge Sachen gemacht, zum Beispiel nach New York zu fahren, um sich eine Oper oder ein Theaterstück anzusehen. Er hat nie einen Avantgarde-Film der Chubb Film Society verpasst, hat Karten zu Wohltätigkeitsbanketts gekauft oder zu einem dieser Vortragsabende in einem Country Club, wenn irgendein arschkriechender Politiker eine Rede gehalten hat – total schräg. Danach hat er uns vollgesülzt, als wären wir Bauerntölpel. Wenn mich wirklich etwas überrascht, dann, dass noch niemand hier am Paracelsus ihn mal so richtig verdroschen hat.«

»Hatte er einen bestimmten Tagesrhythmus? Hatte er irgendwelche unangenehmen Angewohnheiten?«

Tom Wilkinson blickte ihn verständnislos an. »Nein, aber, ja, was den bestimmten Tagesrhythmus angeht. Außer, man nennt seine Arroganz und die Angeberei unangenehm.«

»Um wie viel Uhr haben Sie ihn entdeckt?«

»Ungefähr um sechs. Ich habe ein Auto, damit ich zum Mittag- und zum Abendessen zum College zurückfahren kann. Die Cafeteria auf dem Science Hill ist teuer, und meine Schwester hat mir ihre alte Karre gegeben, als sie sich ein besseres Auto gekauft hat. Benzin kostet fast nichts, und die Mahlzeiten hier sind Teil meiner Kost und Logis. Außerdem ist das Essen gut. Die Physiologie-Vorlesung im Burke Biology Tower war um halb sechs zu Ende, danach bin ich nach Hause gefahren.«

»Sind die meisten Ihrer Vorlesungen in Science Hill?«

»Klar, speziell für die Anfänger. Wir haben ein paar Dilettanten in unserem Jahrgang, die Kunstgeschichte und solchen Quatsch studieren, aber deren Vorlesungen sind auch woanders. Das Einzige, was Paracelsus hat, das ungefähr einem Unterrichtsraum entspricht, ist ein Vorlesungssaal, den der Dekan dazu benutzt, uns Predigten über Sauberkeit und Vandalismus zu halten.«

»Vandalismus?«

»Ach, das ist bloß der Dekan. Die Erstsemester werden ein bisschen unruhig und machen solche Sachen, wie schmutzige alte Ziegelsteine in Piero Conduccis Steingarten zu werfen. Sie müssen einen kleinen Kran benutzen, um sie wieder herauszuholen. Ich würde es auch nicht als Vandalismus bezeichnen, wenn man einer nackten Frauenstatue Nuttenunterwäsche anzieht, oder Sie, Sir?«

»Wahrscheinlich nicht«, sagte Carmine, ohne eine Miene zu verziehen. »Ich entnehme dem, dass alle Studenten in Ihrem Flügel Zweitsemester sind, richtig, Tom?«

»Ja, Sir. Vier Flügel, einen für jeden Jahrgang. Evan und ich haben ein Zimmer im Obergeschoss, aber unten sind noch mehr Zweitsemester.«

»Also, in der Annahme, dass die meisten von Ihnen Medizinstudenten sind, heißt das, dass der Flügel zwischen Mittag und sechs Uhr abends verlassen ist, richtig?«

»Ja, genauso ist es. Wenn jemand zu krank ist, um den Unterricht zu besuchen, muss er ins Lazarett. Dort gibt es eine ausgebildete Krankenschwester. Gelegentlich schwänzt ein Student auch eine Stunde, weil er in einem wichtigen Aufgabengebiet Stoff aufarbeiten muss, aber so etwas gibt es derzeit nicht in unserem Stundenplan.«

»Und was ist mit morgens?«

»Dasselbe. Ich glaube, der Dekan versucht, morgens die Handwerker kommen zu lassen, damit er sie besser im Auge behalten kann.«

Carmine stand auf. »Danke, Tom. Ich wünschte, alle meine Augenzeugen wären auch nur halb so aufrichtig. Gehen Sie und essen Sie zu Abend, auch wenn Ihnen im Moment nicht nach essen ist.«

 

Von da aus ging es zum Dekan Robert Highman. Als Carmine die eleganten, aber offenen Treppen hinabstieg, hielt er an, um sich mit dem breiten, gedrungenen X, dem Zentrum des Paracelsus College, vertraut zu machen. In jedem Flügel wohnten Studenten, aber die Mitte beherbergte die Büros und die Wohnungen der Lehrkörper des College. Der Dekan und der Schatzmeister hatten hier geräumige Wohnungen, während die Viertsemester in Wohnungen ohne Küche am hinteren Ende der jeweiligen Flügel lebten, und vier ähnliche Wohnungen waren von Doktoranden belegt, die nichts mit der Verwaltung zu tun hatten.

Die Büros befanden sich unten, die Wohnungen des Dekans und des Schatzmeisters oben. Die Eingangshalle war relativ groß und wirkte, da Essenszeit war, recht verlassen. Der Tresen, an dem während der Bürozeiten ein Angestellter arbeitete, war unbesetzt, und die Büros, in die man durch Glaswände einen guten Einblick hatte, waren ebenfalls leer.

Carmine ging weiter die Treppe hinunter und blieb kurz vor dem Tresen stehen, um sich zu fragen, wie er wohl den Dekan ausfindig machen sollte.

Ein fröhliches Stimmengewirr entsprang dem gegenüberliegenden Ende des Zentrums, und Carmine bereitete sich auf das Betreten eines Saales mit vierhundert essenden jungen Männern vor, doch dann trat ein kleiner Mann in einem Anzug mit Weste aus einem Seiteneingang des Speisesaals, sah Carmine und kam auf ihn zu. Er watschelte wie eine Ente, obwohl er kein Übergewicht hatte, sondern nur X-Beine. Sein Gesicht war rund und rot, sein braunes Haar licht, aber gewissenhaft so gekämmt, dass möglichst viel Kopfhaut bedeckt war, und in seinen dunklen braunen Augen lag ein Blitzen, das Carmine verriet, dass er in der Lage war, die meisten der Paracelsus-Bewohner einzuschüchtern. Aber niemand hätte ihn gutaussehend genannt.

»Dean Highman«, sagte Carmine und schüttelte ihm die Hand. Guter, fester Händedruck.

»Kommen Sie mit nach oben in meine Wohnung«, sagte der Dekan, hob die Klappe des Tresens und schloss eine Glastür auf. Dann fuhren sie in einem engen Fahrstuhl in den ersten Stock, eine deutlich sanftere Fahrt als bei so kleinen Fahrstühlen üblich.

»Dean Dawkins – Paracelsus’ erster Dekan und mein Vorgänger – war querschnittsgelähmt«, erklärte Highman, als sie nach oben glitten, »aber seine Qualifikationen überwogen beides, seine Behinderung und diesen Einbau.« Er kicherte. »Princeton dachte, sie hätten ihn.«

»Eat your heart out, Princeton«, sagte Carmine grinsend.

»Sind Sie ein Chubber, Captain?«

»Ja, Jahrgang achtundvierzig.«

»Ah, dann waren Sie einer der jungen Männer, die unser geliebtes Heimatland verteidigt haben. Aber Sie müssen schon vor dem Krieg angefangen haben.«

»Ja, im September 1939. Ich hatte mich direkt nach Pearl Harbor gemeldet, wodurch ich meine bereits gesammelten Punkte für den Herbst 1941 verloren habe. Nicht, dass mich das groß kümmerte. Die Japsen und die Nazis standen an erster Stelle.«

»Sind Sie verheiratet?«

»Ja.«

»Kinder?«

»Eine Tochter aus erster Ehe, Sophia, inzwischen sechzehn, und einen fünf Monate alten Sohn«, antwortete Carmine und fragte sich, wer hier eigentlich das Verhör durchführte.

»Wie heißt er?«

»Immer noch nicht entschieden.«

»Ach herrje. Ist das ein ernster, ehelicher Zwischenfall?«

»Nein, eher eine anhaltende, gutmütige Debatte.«

»Sie wird gewinnen, Captain. Das tun sie immer.« Dean Highman setzte seinen Gast in einen Ledersessel und ging zum Barwagen. »Sherry? Scotch? Whiskey?«

»Sie haben mir keinen Gin angeboten, Dean.«

»Sie sehen weder aus wie jemand, der gerne Gin trinkt, noch verhalten Sie sich so.«

»Da haben Sie recht. Ich nehme gern einen Whiskey, mit Soda und Eis, um ihn zu ertränken.«

»Immer noch im Dienst, was?« Der Dekan setzte sich mit seinem eigenen, großzügig eingeschenkten Glas Sherry. »Schießen Sie los, Captain.«

»Wenn ich Mr. Pughs Zimmergenossen, Mr. Wilkinson, richtig verstehe, ist das College während der Vorlesungszeiten verlassen?«

»Absolut. Jeder Student, der während der Vorlesungszeiten durch die Korridore wandert, kann sicher sein, dazu befragt zu werden. Nicht, dass das oft passiert. Paracelsus wurde von der Parsons-Stiftung speziell für Medizinstudenten im Klinikum gestiftet und gebaut.«

Carmine verzog das Gesicht. »Oh, diese Bande!«

»Sie scheinen sie zu kennen.«

»Ich hatte vor einem Jahr einen Fall, der mit einer ihrer gestifteten Einrichtungen zu tun hatte.«

»Ja, dem Hug«, sagte Dean Highman und nickte. »Ich vertraue fest darauf, dass der Mord an Mr. Pugh das Paracelsus nicht in ein solches Desaster verwickelt.«

»Ich kann Ihnen versichern, dass wir versuchen werden, unsere eigenen Mitteilungen milde zu formulieren.«

Der Dekan beugte sich vor, der Sherry war vergessen. »Ich befürchte das Schlimmste, Captain. Wie ist Mr. Pugh gestorben?«

»Zwischen den Zähnen einer Bärenfalle, die in seiner Kammer aufgehängt worden ist.«

Das rötliche Gesicht wurde bleich, und der Sherry lief Gefahr, verschüttet zu werden, bis der Dekan das Glas hob und es mit einem Zug leerte. »Meine Güte! Hier? Im Paracelsus?«

»Leider ja.«

»Aber was können wir tun? Ich schwöre, niemand hat heute etwas Außergewöhnliches bemerkt! Ich habe nachgefragt, ganz sicher!«, jammerte der Dekan.

»Das verstehe ich, aber morgen werden wieder Detectives herkommen und noch viel mehr Fragen zu diesem Thema stellen, Mr. Highman. Weswegen ich sicherstellen möchte, dass jedes einzelne Mitglied Ihrer Belegschaft, einschließlich Hausmeister, Müllmänner, Gärtner, Hausmädchen und andere, die nicht zur Fakultät gehören, den ganzen Tag anwesend sind. Jeder von ihnen wird Fragen beantworten müssen. Keiner wird unfreundlich behandelt werden, doch jeder wird einzeln befragt werden«, sagte Carmine mit stählerner Stimme.

»Ich verstehe«, sagte der Dekan.

»Wie gut kannten Sie Evan Pugh, Dean?«

Highman runzelte die Stirn, leckte sich die Lippen und entschied, sich ein weiteres Glas Sherry einzuschenken. »Evan Pugh war ein schwieriger junger Mann«, sagte er, als er wieder in seinem Sessel saß und an seinem Glas nippte. »Ich befürchte, dass ihn eigentlich niemand wirklich kannte – oder, vielleicht noch wichtiger, dass ihn niemand leiden konnte. Ich habe schon seit vielen Jahren mit jungen Leuten zu tun, aber darunter waren nur wenige Evan Pughs. Ich weiß gar nicht so recht, wie ich seine Persönlichkeit beschreiben soll, außer, dass sie – abstoßend war. Ich behaupte nicht, auf dem Laufenden zu sein, was die moderne Wissenschaft angeht, aber ich habe etwas über Substanzen namens Pheromone gelesen. Sie werden ausgeschüttet, um andere anzuziehen, speziell das andere Geschlecht. Die Pheromone, die Evan Pugh ausschüttete, waren abstoßend.« Er zuckte mit den Schultern und nahm einen Schluck Sherry. »Mehr kann ich Ihnen nicht sagen, Captain. Ich kannte ihn eigentlich überhaupt nicht.«

Carmine blieb noch eine Weile, bis er seinen Drink geleert hatte, plauderte mit dem Dekan über die College-Stiftung durch den Parson-Clan, dessen Wohltätigkeiten – inzwischen Millionen über Millionen – immer auf die Medizin ausgerichtet waren. Roger Parson seniors Wahl von Piero Conducci als Architekten überraschte ihn nicht; wenn die jüngeren Mitglieder des Clans die Wahl gehabt hätten, wäre Paracelsus gewiss an einen konservativeren Architekten gegangen. Es musste sie sehr geschmerzt haben, ihre Edition der Bürger von Calais herzugeben, aber sie hatten eingewilligt; sie stand an dem Junior/Senior-Ende des X des Zentrums, inmitten eines der Conduccis Glaswand-Stein-Gärten und sah so umwerfend aus, wie es ein Rodin tun sollte.

»Ich denke mir«, sagte der Captain der Detectives ernst, »dass alle Lastkräne in der Umgebung von Paracelsus strengstens kontrolliert werden.«

»Das würden sie, wenn irgendeiner aufgetaucht wäre, aber es freut mich, zu sagen, dass das noch nie geschehen ist. Und es gibt an der Chubb noch viele andere Kunstwerke, die viel leichter zu stehlen sind als unser Rodin.«

»Und es werden noch viel mehr, wenn das Museum für italienische Kunst gebaut wird – viele Canalettos und Tizians werden dann aus den Tresoren kommen. Falls sich die Thanassets jemals entscheiden können, wo das Museum stehen soll«, sagte Carmine.

»Eine großartige Universität«, sagte der Dekan gewichtig, »sollte in Kunstwerken schwimmen! Ich danke Gott jeden Abend für die Chubb.«

 

Es war kurz nach acht, als Carmine in die rechtsmedizinische Abteilung des County Services Buildings in der Cedar Street kam. Der Rechtsmediziner war sein Cousin ersten Grades, obwohl niemand jemals vom Aussehen her auf eine Blutsverwandtschaft getippt hätte. Patrick hatte blaue Augen und rotbraunes Haar, mit einer hellen, sommersprossigen Haut; Carmine hatte dunkelbraune Augen und schwarzes, welliges Haar, das er bändigte, indem er es kurz hielt. Sie waren die Kinder der Cerutti-Schwestern, von denen eine einen O’Donnell und die andere einen Delmonico geheiratet hatte. Obwohl Patrick zehn Jahre älter war als Carmine und der glücklich verheiratete Vater von sechs Kindern, hätte kein noch so großer Unterschied die innige Zuneigung, die die beiden füreinander hegten, schmälern können. Als einziger Sohn war Carmine seit seinem dreizehnten Lebensjahr vaterlos aufgewachsen, der verwöhnte Liebling einer verwitweten Mutter und vier älterer Schwestern, ohne dass ihm ein männliches Vorbild im täglichen Überlebenskampf half, bis der zweiundzwanzigjährige Patrick in sein Leben trat und diese Lücke füllte. Es war jedoch keine väterliche Beziehung, sie fühlten sich eher wie Brüder.

Als amtlicher Leichenbeschauer sowie auch als Rechtsmediziner hatte Patrick es geschafft, die meisten seiner Gerichtsverpflichtungen auf dem Rücken seines Vertreters Gustavus Fennel abzuladen, der es liebte, bei Gericht aufzutreten und einen ununterbrochenen Kleinkrieg mit Euer Ehren Douglas Thwaites zu führen, Hollomans übellaunigem Richter am Amtsgericht. Patrick war vollkommen von der neuen Kriminalwissenschaft gefesselt und hielt seine Abteilung ständig auf dem Laufenden, was die aktuellen Entwicklungen in dieser launischen Disziplin betraf, mit seinen Blutgruppen, Haaren, Fasern und allem, was ein Krimineller als Signatur hinterließ. Es hatte ihm ständig Kopfschmerzen bereitet, dass ihm die Mittel fehlten, analytische Geräte zu kaufen, doch im Kielwasser der Auflösung des medizinischen Forschungsinstituts, besser bekannt als das Hug, hatten ihm die Parsons ein Elektronenmikroskop geschenkt, ein Zeiss-Mikroskop, diverse andere Spezialmikroskope, neue Spektrometer und einen Gaschromatographen. Diese, zusammen mit den neuesten Zentrifugen und anderen, kleineren Apparaten, die ihren Weg aus dem Hug zu ihm gefunden hatten, ermöglichten es ihm, das beste kriminaltechnische Labor im Staat zusammenzustellen und – merkwürdigerweise – Hartford dazu zu bringen, Anträge für weitere Geräte zu genehmigen. Wenn man so großzügig von den Parsons beschenkt wurde, bekam man offensichtlich beim Governor gleich noch Pluspunkte dazu.

Das Leichenschauhaus selbst war mit Bahren vollgestellt, etwas, das eigentlich nur nach einem Flugzeugunglück oder einer Massenkarambolage passierte. Doch jede dieser ruhigen, bedeckten Gestalten war ein Mordopfer. Dazu kamen die anderen Leichen, die nach der Aufmerksamkeit des Rechtsmediziners verlangten: unerklärliche Todesfälle, diejenigen, bei denen sich der Arzt weigerte, den Totenschein zu unterschreiben, und jeder andere Todesfall, bei dem die Polizei eine Obduktion wünschte.

An einer Seite des Raumes war eine Reihe von Stahltüren in die Wand eingelassen, insgesamt sechzehn, und der Raum glich einem Bienenkorb, als zwei Techniker dabei waren, bereits untersuchte Leichen aus den Schubladen wegzuräumen, ohne sie mit den Mordopfern zu verwechseln und anderen, die noch nicht in den Schubladen gelandet waren. Draußen auf dem Ladedeck, wusste Carmine, warteten Vans oder Leichenwagen, die von verschiedenen Bestattungsinstituten geschickt worden waren, um die freigegebenen Leichen abzuholen.

Er ging in den Obduktionssaal, wo Patrick an einem langen Edelstahltisch mit einem großen Waschbecken an einer Seite und Abflusskanälen an der anderen Seite stand. Ein paar gewöhnliche Fleischwaagen hingen an einem gut zugänglichen Platz, und diverse Wagen mit abgedeckten Instrumenten standen in der Nähe.

Evan Pugh war aus der Bärenfalle befreit worden; sie lag auf der Marmoroberfläche einer Bank ein wenig abseits. Carmine ging zuerst hinüber und starrte sie an, klug genug, sie nicht anzufassen. So ausgebreitet wie jetzt, war die Falle an ihrem drehbaren Scharnier sechzig Zentimeter breit und ihre verschmierten, schrecklichen Zähne jeweils fünf Zentimeter lang. Ohne Widerhaken oder gezackter Säge, einfach nur messerscharf. Der Teil, der an die Decke der Kleiderkammer geschraubt worden war, war so breit, dass ein Mann seinen Fuß auf jeder Seite aufsetzen konnte, um ihn auf die übliche Weise, folgerte Carmine, auseinanderzuziehen. Es gab sechs Schraublöcher, drei auf jeder Seite, eines je in der Mitte und zwei an den Seiten. Diese waren nicht ursprünglich an der Falle vorhanden gewesen, sondern erst kürzlich hinzugefügt worden. Die gesamte restliche Oberfläche war stark verrostet, während in den Löchern das frische Metall glänzte. Der Täter hatte sie selbst gebohrt.

»Hauche die Falle noch nicht einmal an, Carmine«, sagte Patrick vom Tisch aus. »Wer auch immer sie für diesen Einsatz gereinigt hat, benutzte Phosphorsäure zum Reinigen der Scharniere, um den Rost zu entfernen, und hat den Druck auf der Platte so eingestellt, dass sie auf jedes Ziehen reagiert, selbst bei einem solchen Schwächling wie unserem Opfer. Mich fasziniert, dass er die Chuzpe hatte, dieses Teil so kaltschnäuzig hier aufzustellen und in der Lage war, die Muttern bis zum Anschlag festzuziehen, ohne die Falle auszulösen. Himmel! Ich bekomme schon einen Schweißausbruch, wenn ich nur daran denke.«

Carmine ging hinüber zum Tisch. »Irgendwelche Anhaltspunkte, Patsy?«

»Genau genommen sogar ein paar ganz hervorragende. Hier, lies das. Es war in der Hosentasche des Opfers.«

»Nun, das beantwortet eine ganze Reihe von Fragen«, sagte Carmine und legte den klaren Plastikumschlag wieder zurück zu Pughs anderen Habseligkeiten. »Unter anderem erklärt es das Geld. Hast du das Päckchen geöffnet? Enthält es hundert Hunderter?«

»Ich weiß nicht. Dieses Bonbon habe ich für dich aufgehoben. Ich habe zwar das Blut abgewaschen und die erste Lage des Einwickelpapiers entfernt, aber ich bezweifle, dass ich darauf irgendwelche anderen Fingerabdrücke finden werde als die von Pugh.«

Carmine nahm das Paket Geldscheine und eine Haushaltsschere und schnitt die vielen Lagen Klarsichtfolie auf. Er hatte zwischen der obersten und untersten Banknote weißes Papier erwartet und war erstaunt, dass jede einzelne Banknote ein echter Hundert-Dollar-Schein war. Vor einem Jahr hatte es eine Schwemme von falschen Hundert-Dollar-Scheinen gegeben, und ihm war gezeigt worden, worauf er zu achten hatte, aber diese hier waren alle echt. Was für ein Erpressungsopfer konnte es sich leisten, tausend Hunderter im Verlauf eines Mordes zu verlieren?

»Das Geld verkompliziert die Sache nur«, sagte er, legte es in eine Stahlschale und machte den Deckel zu, bevor er seine Handschuhe abstreifte. »Es sind hunderttausend, brandneu, aber die Nummern sind nicht komplett fortlaufend. Ich muss sie dem FBI geben, um ihre Herkunft herauszufinden.« Er lehnte sich gegen ein Waschbecken an der Wand. »Ich frage mich, womit die Quasselstrippe nicht nur den Mord, sondern auch den Verlust von so viel Geld rechtfertigt? Wer immer er ist, weiß, dass keine Hoffnung besteht, seine Auslagen jemals zurückzubekommen – oder seinen Brief. Was uns sagt, dass er sich keine Sorgen macht, wir könnten seinen wirklichen Namen ausfindig machen oder welcher Art die Erpressung war.«

»Abgesehen von Erpressung ist Hass ein weiteres Motiv«, sagte Patsy und entnahm der bösen Wunde am Oberkörper eine Probe. »Wir reden hier von physischer Qual, einem langsamen Tod.«

»Aber kein öffentlicher Denkzettel.«

»Nein. Eine private Rache. Die Quasselstrippe macht sich keine Gedanken darüber, dass die Details seines Verbrechens an die Öffentlichkeit gelangen, sondern all sein Wahn zielt auf Evan Pugh. Wer auch immer er ist, er ist niemand, der Aufmerksamkeit erheischen will.«

»Ich vermute, das war Pughs erster Erpressungsversuch. Mann, ich gäbe was darum, wenn ich Pughs Brief vom neunundzwanzigsten März in die Finger bekommen könnte!« Carmine ballte seine Hände. »Aber die Quasselstrippe wird ihn verbrannt haben. Angenommen, er hat ihn am neunundzwanzigsten März bekommen. Das bedeutet, dass er diesen unglaublichen Gegenschlag innerhalb von fünf Tagen ausgebrütet hat. Und er muss gewusst haben, dass Pugh keine Beweise von der Erpressung zurücklassen würde. Also gibt es keine Fotos, Briefe, Notizen. Pugh hatte keinen Schlüssel zu einem Bankschließfach, noch nicht einmal einen, von dem er glaubte, er sei raffiniert versteckt. Auch kein Schlüssel zu einem Bahnhofsschließfach. Natürlich könnte er etwas an seine Eltern geschickt haben, aber ich vermute, eher nicht.«

»Ach, komm, Carmine!«, entgegnete Patsy. »Wenn Erpressung im Spiel ist, gibt es immer Indizien, selbst, wenn es nicht mehr ist als der niedergeschriebene Hergang eines Zwischenfalls.«

»Hier nicht«, sagte Carmine und reckte sich. »Ich bin davon überzeugt, dass die Quasselstrippe in absoluter Sicherheit agierte. Jetzt, wo Pugh tot ist, besteht keine Bedrohung mehr. Die Beweise der Erpressung sind mit ihm gestorben.«

»Bullen-Instinkt?«, fragte Patsy.

Schon halb durch die Tür, hielt Carmine inne. »Wie kommst du mit dem Chaos klar?«

»Als Erstes, keine Einweisungen von außerhalb. Die letzte unserer bereits untersuchten Leichen geht noch bis zehn Uhr heute Abend ins Beerdigungsinstitut. Das schafft uns den Platz, um die Mordopfer unterzubringen und all die, mit denen ich noch nicht durch bin. Ich habe Gus und seine Jungs in die Labors von North Holloman geschickt, um dort die Fälle von außerhalb abzuarbeiten, bis wir mit dem Schlimmsten durch sind.«

»Der arme Gus! North Holloman ist eine Müllhalde.« Carmine ging weiter. »Morgen früh um neun, Meeting in Silvestris Büro, okay?«

 

Die Lichter von Hollomans Ostküste funkelten zwischen dem reichen Baumbestand hindurch, für den Holloman so berühmt war, als Carmine seinen Ford Fairlane an diesem Abend kurz vor neun in der East Circle parkte. Er ging den steilen, gewundenen Weg zu seiner Haustür hinunter, drehte den Türknauf und trat ein. Desdemona machte sich nicht die Mühe, abzuschließen, in der Annahme, dass kaum ein Krimineller auf die Idee käme, in Captain Delmonicos Haus einzudringen. In einer größeren Stadt wäre das vielleicht nicht so, aber in Holloman wusste jeder, wo Carmine lebte.

Seine Frauen waren in der Küche versammelt, die so groß war, dass sie dort essen konnten, wenn sie keine Gäste hatten, und so das Esszimmer mit dem exquisiten Lalique-Tisch und passendem Kronleuchter für festlichere Anlässe schonen konnten. Die Küche war strahlend weiß und klinisch sauber; was die Inneneinrichtung betraf, hatte Carmines zweite Frau eher seinem als ihrem eigenen Geschmack nachgegeben und die Entscheidung nie bereut.

Sie stand an der recht hohen Küchentheke und legte letzte Hand an eine Schale Lasagne, während ihre Stieftochter enthusiastisch den Salat in Angriff nahm. Desdemonas Haar war etwas wirr, weil sie ständig mit der Hand hindurchfuhr. Sie war in der Küche immer noch eine Anfängerin, die sich ständig Sorgen machte, was ihre Kochkunst betraf, doch Lasagne war ein relativ sicheres Gebiet. Carmines Mutter und Schwestern hatte sich ihrer angenommen, also war das, was sie lernte, in erster Linie süditalienische Küche. Für Desdemona, englisch bis in die Fingerspitzen, war das schon fast außerirdisch, aber auch sie hatte ihre kleinen Triumphe. Eine Freundin, die aus Lincoln zu Besuch gekommen war, hatte ihr beigebracht, wie man einen traditionellen Schmorbraten und einen Lancashire Hotpot machte, was beides von ihrem Mann und seiner Familie mit großem Genuss verspeist wurde.

Als sie sich umdrehte, um Carmine zu begrüßen, sah man, dass sie ein eher unscheinbares Gesicht hatte, mit einer recht großen Nase und einem markanten Kinn, doch wenn sie lächelte, erfasste ein Strahlen ihr Gesicht. Ihre Augen waren wunderschön, groß, ruhig und von einer Farbe wie dickes Eis. Die Mutterschaft hatte sie mit einem Busen beschenkt, der alles gewesen war, was ihr noch zu einer fabelhaften Figur gefehlt hatte. Da ihre wohlgeformten Beine überproportional lang waren, fanden Männer sie recht attraktiv. Sie ging zu Carmine und küsste ihn, während Sophia von einem Fuß auf den anderen hopste und wartete, bis sie an der Reihe war.

Mit ihren fast siebzehn Jahren sah seine Tochter unbestreitbar zauberhaft aus. Sie kam nach ihrer Mutter Sandra, die eine Hollywood-Karriere angestrebt hatte. Sophia war naturblond, hatte blaue Augen, feine Gesichtszüge, und ihre Figur war der Traum aller jungen Mädchen. Aber während ihre Mutter als Kokserin immer noch an der Westküste lebte, hatte Sophia mehr gesunden Menschenverstand, als ihr Vater oder ihr Stiefvater, der berühmte Filmproduzent Myron Mendel Mandelbaum, sich bei Sandras Tochter je erhofft hatten. Sie war aus L. A. hergezogen, als Carmine und Desdemona vor neun Monaten geheiratet hatten, und bewohnte den Traum eines jeden Teenagers: einen zwei Stockwerke hohen Turm mit Dachterrasse. Obwohl sie auch eine kleine Küche hatte, aß sie eigentlich immer gemeinsam mit ihrem Vater und ihrer Stiefmutter, mit der sie sich hervorragend verstand.

Desdemona in einem Arm, umarmte Carmine mit dem anderen seine Tochter, die ihm einen schmatzenden Kuss gab.

»Lasagne!«, sagte er erfreut. »Seid ihr sicher, dass es euch nichts ausmacht, so spät zu essen? Ganz ehrlich, ich bin auch mit einem Teller aufgewärmtem Essen zufrieden.«

»Sophia und ich sind aufgeklärte Frauen der modernen Welt«, war die Antwort seiner Frau. »Wenn man zu früh isst, wacht man mit einem Mordshunger lange vor dem Frühstück auf. Wir trinken nachmittags um vier Tee, und das reicht uns.«

»Was macht Wie-heißt-er?«, fragte er und lächelte zärtlich.

»Julian geht es prima«, sagte seine Mutter, »und natürlich schläft er.«

»Gib doch klein bei, Daddy«, meinte Sophia. »Julian ist ein guter Name.«

»Er ist albern«, sagte Carmine. »Du kannst nicht von meinem Sohn erwarten, mit einem albernen Namen auf die St. Bernard zu gehen.«

Sophia kicherte. »Ach komm, Daddy! Er ist so ein kleiner Haudegen, dass er eher ein ›Big Julie aus East Cicero, Illinois‹ wird.«

»Zum Teufel mit Guys and Dolls«, rief Carmine. »Schwuchtelig oder ein Gangster, Julian passt nicht. Er braucht einen ganz normalen Namen! Ich mag John, nach meinem Großvater Cerutti. Oder Robert, Anthony, James!«

Die Lasagne wurde angeschnitten; woher wusste Desdemona, wann er zum Abendessen erscheinen würde? Sophia füllte Salat in Schalen und schüttete die gewünschten Dressings darüber, füllte die Gläser, mit einem guten roten Italiener, bis auf ihr eigenes, in das sie ein Drittel Rotwein schenkte und es dann mit Mineralwasser auffüllte. Dann setzten sie sich.

»Wie wäre es mit Simon?«, fragte Sophia hinterlistig.

Carmine zischte zurück wie eine gereizte Schlange. »Albern bis schwuchtelig!«, entgegnete er barsch. »Was in England als normal gilt, ist eine Sache, aber das hier ist nicht England!«

»Du hast Vorurteile gegen Homosexuelle«, sagte Desdemona gelassen. »Und sag nicht ›schwuchtelig‹!«

»Nein, ich habe keine Vorurteile! Aber ich habe auch nicht vergessen, wie schwer es die Klassenkameraden einem Kind mit einem schicken Namen machen können«, sagte Carmine und wehrte sich immer noch standhaft. »Es geht nicht darum, ob ich Vorurteile habe, es geht um die Kinder, mit denen unser Sohn zusammen die Schule besucht. Wirklich, Desdemona, das Schlimmste, was die Eltern einem Kind antun können, ist, ihn oder sie mit einem dämlichen Namen zu belasten, und mit dämlich meine ich albern, schwuchtelig oder idiotisch!«

»Dann ist Julian noch die beste Wahl unter den schlechten«, sagte Desdemona. »Ich mag ihn! Hör doch mal, wie das klingt, Carmine, bitte. Julian John Delmonico.«

»Pah!«, schnaubte Carmine und wechselte das Thema. »Das ist eine echt gute Lasagne. Sie ist besser als die meiner Mutter, fast so gut wie die von Großmutter Cerutti.«

Desdemona errötete vor Freude, aber was immer sie auch sagen wollte, Sophia kam ihr zuvor.

»Rate mal, wer morgen ankommt, Daddy?«

»Wenn du in diesem Ton sprichst, junge Dame, kann das nur einer sein – Myron«, sagte ihr Vater.

»Oh«, sagte Sophia verblüfft. Dann erhellte sich ihre Miene wieder. »Er hat es nicht gesagt, aber ich weiß, dass er kommt, um mich zu besuchen. Das Dormer hat Semesterferien, und ich habe ihm einen kleinen Wink gegeben.«

»Mit einem Zaunpfahl, was? Ich habe Arbeit bis über beide Ohren, er hätte sich keinen besseren Zeitpunkt aussuchen können«, sagte Carmine und lächelte.

»Schlimm?«, fragte Desdemona.

»Grauenvoll.«

»Was ist denn los, Daddy?«

»Du kennst die Regeln, Kind. Keine Polizeiangelegenheiten zu Hause.«

 

Auf dem Weg ins Bett ging Carmine kurz ins Kinderzimmer, wo sein namenloser Nachwuchs zufrieden in seiner Wiege schlummerte. Sophia hatte ihn einen kleinen Haudegen genannt, und das war eine passende Beschreibung; der Junge hatte einen kräftigen Knochenbau und war ausgesprochen groß, hatte den muskulösen Oberkörper seines Vater, ohne dick zu sein. Sein dichtes, lockiges Haar war schwarz, und seine Haut hatte dieselbe satte Farbe wie die seines Vaters. Im Grunde ähnelte er seinem Vater sehr, bis auf die Größe. Den Füßen und Händen nach zu urteilen, würde er weit über eins achtzig werden, wenn er groß war.

Dann erinnerte sich Carmine an die Worte des Dekans über Ehefrauen, und plötzlich wurde es ihm klar. Dieser Junge konnte problemlos jeden Namen tragen; niemand würde ihn jemals einschüchtern oder verspotten. Vielleicht brauchte er sogar einen leicht albernen Namen, um seine Kraft und Größe im Zaum zu halten.

Als Carmine also neben Desdemona unter die Decke schlüpfte, drehte er sich zu ihr, nahm sie ganz in den Arm, Körper an Körper, mit verschlungenen Beinen. Er küsste ihren Nacken; sie erschauerte und schmiegte sich an ihn.

»Julian«, sagte er. »Julian John Delmonico.«

Sie juchzte vor Freude auf und begann, ihn zu küssen. »Carmine, Carmine, danke! Du wirst es nie bereuen! Und unser Sohn auch nicht. Er kann jeden Namen tragen.«

»Das ist mir auch gerade klar geworden«, meinte er.

Kapitel zwei

Das Büro von Commissioner Silvestri war geräumig, obwohl es nur selten so vielen Personen Platz bieten musste, wie sich an diesem vierten April um neun Uhr morgens dort eingefunden hatten.

Holloman, eine Stadt mit 150 000 Einwohnern, war nicht groß genug für ein eigenes Morddezernat, besaß aber drei Teams von Detectives, die in allen Arten von Schwerverbrechen ermittelten. Captain Carmine Delmonico leitete die gesamte Abteilung und hatte nominell zwei Lieutenants unter sich, die allerdings in aller Regel in Eigenverantwortung arbeiteten. Lieutenant Mickey McCoster und sein Team waren nicht anwesend; er war derzeit in eine laufende Ermittlung des FBI im Zusammenhang mit Drogenvergehen eingebunden und stand daher für andere Aufgaben nicht zur Verfügung, was Silvestri ärgerte, da er komplett übergangen wurde. Somit waren an diesem Morgen außer Carmine und seinen beiden Sergeants, Abe Goldberg und Corey Marshall, auch Lieutenant Larry Pisano und dessen beide Sergeants anwesend, Morty Jones und Liam Connor. Ebenfalls dabei war der stellvertretende Polizeichef Deputy Commissioner Danny Marciano, der Ende 1968 in Pension gehen würde. Im Widerspruch zu seinem eindeutig italienischen Namen floss in Marcianos Adern eher nordeuropäisches Blut, denn er war hellhäutig, hatte Sommersprossen und blaue Augen. Larry Pisano ging bereits Ende dieses Jahres in Pension, 1967, was Carmine in gewisse Schwierigkeiten brachte, denn seine beiden Sergeants standen nach ihrem Dienstalter vor Pisanos Männern zur Beförderung für die nächste frei werdende Stelle als Lieutenant an. Weil dies mit einer saftigen Gehaltserhöhung und deutlich mehr Eigenständigkeit verbunden war, konnte er weder Abe noch Corey verübeln, dass sie nachrücken wollten.

Silvestri selbst, ein reiner Verwaltungsmann, der noch nie seine Waffe benutzt hatte, wurde nie als Weichei abgetan; im Zweiten Weltkrieg hatte er zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter auch den höchsten militärischen Orden, die vom Kongress verliehene Medal of Honor. Bei seiner Rückkehr ins Holloman Police Department jedoch hatte er sein wahres Talent als Verwaltungsbeamter entdeckt und wurde einer der besten Polizeichefs, den die Stadt je hatte. Er war ein südländisch wirkender, gutaussehender Mann, der immer noch die Frauen in seinen Bann zog, die Leute an eine Raubkatze erinnerte und absolut loyal hinter seiner Mannschaft stand, für die er gegen jeden in den Ring steigen würde, vom FBI bis zur Regierung in Hartford, der Hauptstadt Connecticuts. Silvestri hatte nur zwei Schwächen. Die eine war sein Schützling Carmine Delmonico. Die andere seine Angewohnheit, an nicht angezündeten Zigarren zu nuckeln und zu kauen. Mit seinem Hang zum Diabolischen hatte er bereits vor langer Zeit bemerkt, dass Danny Marciano diese Zigarren auf den Tod nicht ausstehen konnte, und er brachte es immer wieder fertig, seinen Stumpen so dicht wie nur irgend möglich unter Marcianos Nase zu halten.

Unter normalen Umständen blieb sein markantes Gesicht während einer Konferenz relativ ausdruckslos, aber an diesem Morgen war es eindeutig grimmig. Sowie Patrick O’Donnell zur Tür hereinkam und sich auf den letzten freien Stuhl gesetzt hatte, kam Silvestri direkt zur Sache.

»Carmine, bringen Sie mich auf den neuesten Stand«, kommandierte er und kaute an einer Zigarre.

»Jawohl, Sir.« Ohne einen Blick auf die Unterlagen zu werfen, die auf seinem Schoß lagen, fing Carmine an. »Der erste Anruf kam gestern Morgen um sechs Uhr aus dem Ruderclub des Chubb. Ihre erster Achter hatte, sobald es hell genug war, mit dem Training begonnen – offenbar waren die Verhältnisse auf dem Pequot River so perfekt, dass der Trainer sie alle früh aus dem Bett gezerrt hatte. Sie hatten hart trainiert und wollten wieder anlanden, als zwei Ruder auf einen Gegenstand kurz unter der Wasseroberfläche stießen – die Leiche eines kleinen Kindes. Patsy?«

Patrick übernahm im selben Atemzug. »Ein Kleinkind, ungefähr achtzehn Monate alt, gekleidet in Dr. Dentons und mit einer superdicken Windel, wie sie manche Institutionen an Familien mit behinderten Kindern verkaufen. Alle Anzeichen weisen auf ein Down-Syndrom hin. Die Todesursache war nicht Ertrinken; das Kind wurde mit einem Kissen erstickt. Der Tod trat gegen vier Uhr morgens ein.«

Carmine machte weiter. »Die Identität des Kindes war ein Rätsel. Niemand hatte eine Vermisstenanzeige für ein Kind mit Down-Syndrom aufgegeben. Corey?«

»Um zwei nach acht bekamen wir einen Anruf von einem gewissen Mr. Gerald Cartwright, dessen Haus direkt am Pequot River in der Nähe des Chubb Rowing Club liegt«, sagte Corey, der damit kämpfte, seine Stimme ruhig und gelassen zu halten. »Er war einen Tag unterwegs gewesen und fand seine Frau tot in ihrem Bett vor, und ihr jüngster Sohn, ein Kind mit Down-Syndrom, wurde vermisst.« Er verstummte.

Zurück zu Carmine. »Zu diesem Zeitpunkt waren bereits eine Reihe anderer Dinge passiert. Eine Prostituierte, die wir alle gut kennen – Dee Dee Hall –, lag in einer Allee hinter der City Hall mit aufgeschlitzter Kehle. Der Notruf kam vier Minuten vor sieben, und ihm folgte um sieben Uhr zwölf ein Notruf aus dem Haus von Mr. Peter Norton, der gestorben war, nachdem er ein Glas frisch gepressten Orangensaft getrunken hatte. Also bat ich Abe, sich um den Mord an Dee-Dee zu kümmern, Corey übernahm die Cartwright-Sache, und ich selbst fuhr zum Norton-Haus. Ich fand die Frau des Opfers vor, zusammen mit zwei Kindern – ein achtjähriges Mädchen und ein fünfjähriger Junge –, allesamt Nervenbündel, speziell die Frau, die sich benahm, als sei sie dement. Alle Details habe ich von dem Mädchen, das schwört, es wäre der Orangensaft gewesen. Das Glas stand halbleer auf dem Frühstückstisch. Die Frau presst ihn jeden Morgen und geht dann hoch, um die Kinder zu wecken und anzuziehen. Während dieser Zeit – ungefähr zehn Minuten – stand das Glas unbeobachtet auf dem Tisch, also gab es ein Zeitfenster, in dem jemand etwas in den Saft hineingetan haben könnte.«

»Ich habe die Reste des Glases Orangensaft und das Glas«, sagte Patsy, der sein Kinn in die Hand stützte und müde aussah. »Obwohl ich noch keine analytischen Ergebnisse bekommen habe, vermute ich, dass Mr. Norton mit einer großen Dosis Strychnin vergiftet wurde.« Er verzog das Gesicht. »Kein angenehmer Weg, zu sterben.«

»Während ich bei den Nortons war«, fuhr Carmine fort, »wurde ich zu einem Fall von Vergewaltigung mit Mord nach Sycamore gerufen. Ich habe Corey geschickt. Bericht, Corey?«

»Die Leiche wurde bei dem Vermieter des Mädchens entdeckt«, sagte Corey. »Ihr Name ist Bianca Tolano. Sie lag auf dem Boden, nackt, die Hände hinter dem Rücken gefesselt. Sie war gefoltert worden, und um ihrem Hals lag ein Paar Strumpfhosen. Aber ich glaube nicht, dass sie an Strangulation gestorben ist, Carmine. Ich glaube, sie starb an der zerbrochenen Flasche in ihrer Vagina.«

»Stimmt, Corey«, sagte Patsy. »Die Obduktion steht noch aus, aber ich habe eine erste Untersuchung durchgeführt. Die Strumpfhose war umgebunden und wurde dann zwischendurch wieder abgenommen, als Form der Folter.«

»Himmel!«, rief Silvestri. »Werden wir belagert?«

»So hat es sich gestern definitiv angefühlt«, meinte Carmine. »Ich war immer noch dabei, Mrs. Norton brauchbare Informationen abzuringen, als der Anruf wegen der Erschießung der schwarzen Putzfrau und zwei schwarzen Highschool-Studenten kam – laut dem Polizisten, der die Meldung gemacht hatte, allerdings keine Bandenangelegenheit. Es passierte, als er seine Runde machte. Ich habe die Sache an Larry abgegeben. Larry?«

Larry Pisano, ein Mann mit hellbrauner Haut, der eine mittelmäßige Karriere hinter sich hatte, wackelte kläglich mit seinen Augenbrauen. »Nun, Carmine, es mag relativ normal geklungen haben, aber glaube mir, das ist es nicht. Ludovica Bereson ist eine Putzfrau – sie hat zwischen Montag und Freitag in fünf Haushalten gearbeitet. Sie wurde von ihren Arbeitgebern sehr geschätzt, hat sich nie gedrückt und nie Anlass zur Beschwerde gegeben. Sie hatte viel Humor und legte Wert auf ein warmes Mittagessen. Ihren Arbeitgebern war das mit dem warmen Mittagessen recht, denn sie war eine gute Köchin und hat immer mehr gekocht und ihnen zum Abendessen etwas dagelassen. Sie wurde mit einer kleinkalibrigen Waffe in den Kopf geschossen und war sofort tot. Niemand hat es gesehen, aber – und das ist interessant – es hat auch niemand gehört.

Cedric Ballantine war sechzehn Jahre alt, ein guter Student und ein Anwärter für ein Football-Stipendium an einem Top-College. Er hat hart gearbeitet und war nie in Schwierigkeiten. Er wurde mit einer Pistole etwas größeren Kalibers in den Hinterkopf geschossen.

Morris Brown war achtzehn Jahre alt, ein Top-Student, keine Schwierigkeiten. Es war eine ziemlich große Waffe – eine 45er vielleicht, mit der man ihm in die Brust geschossen hat. Es hat weder jemand gesehen noch gehört, wie die beiden Jungen erschossen wurden. Alle drei Opfer hatten Rückstände von Schießpulver um ihre Wunden, also wurden sie aus nächster Nähe erschossen. Derselbe Streifenpolizist, ja, aber Cedric und Morris wurden an gegenüberliegenden Ecken seines Gebietes erschossen und Ludovica in der Mitte. Ich habe Morty und Liam Jagd auf Patronenhülsen machen lassen, aber nada – und nicht, weil sie etwas übersehen hätten! Ich kann dir sagen, Carmine, es war eine verdammt glatte Operation! Und die Opfer? Drei total harmlose schwarze Leute!«

»Ich bezweifle, dass ich sie mir heute noch vornehmen kann«, sagte Patsy mit einem Seufzer. »Die Vergiftungsfälle haben Vorrang.«

»Vergiftungsfälle?«, fragte Silvestri.

»O ja«, erwiderte Carmine. »Mrs. Cathy Cartwright, die Mutter des Kindes mit dem Down-Syndrom, hat keinen Selbstmord begangen. Sie wurde mit irgendeiner Injektion umgebracht. Patsy sagt, sie hätte sich die Nadel nicht selbst an diese Stelle der Vene setzen können. Dann haben wir noch Peter Norton mit dem Strychnin und den Dekan John Kirkbride Denbigh des Dante Colleges im Chubb, der eine tödliche Dosis Zyankali in seinem Jasmintee zu sich genommen hat. Ganz abgesehen von dem Oberboss der Cornucopia, Desmond Skeps.«

Dem Commissioner fiel die Kinnlade herunter. »Heiliger Himmel! Desmond Skeps ist tot?«

»Leider ja. Und glauben Sie nicht, dass mir nicht auch schon die Idee gekommen wäre, dass all die anderen Morde einfach nur ein Weg waren, Skeps’ Tod etwas weniger wie das Ziel des ganzen Manövers aussehen zu lassen«, sagte Carmine mit finsterem Gesicht. »Wenn es weniger gewesen wären, hätte ich auch dazu tendiert, aber nicht bei so vielen. Von welcher Seite auch immer man es betrachtet, zwölf Morde an einem Tag sind viel zu viele für eine kleine Stadt wie Holloman.«

»Lassen Sie mal sehen«, meinte Silvestri und benutzte seine Finger. »Das Baby. Die Mutter des Babys. Der Typ mit dem Strychnin im O-Saft. Der Vergewaltigungsmord. Die Prostituierte – arme, alte Dee-Dee. Mir ist, als ginge sie auf dem Strich, seit ich ein kleiner Junge war … Drei Schwarze, erschossen. Der Dekan des Dante Colleges mit Zyankali. Der Oberboss der Cornucopia. … Das sind zusammen zehn. Wer noch, um alles in der Welt?«

»Eine einundsiebzig Jahre alte Witwe, die auf zwei Hektar Land etwas außerhalb der Stadt lebt. Sie wurde von ihrer Putzfrau entdeckt, in einem zerwühlten Bett, immer noch mit einem Kissen über dem Kopf. Und als Letztes ein Medizinstudent des Chubb im zweiten Semester, der jemanden namens Quasselstrippe erpresst hat.« Carmine seufzte. »Vier Vergiftungen, ein Sexualverbrechen, drei Erschießungen, das gewalttätige Ende einer Nutte, zwei Erstickungen mit einem Kissen und eine Bärenfalle.«

»Eine Bärenfalle?«

Carmine beendete seine Beschreibung des Mordes an Evan Pugh, als der Kaffeewagen anrollte, ein besonderer für den Commissioner, der mit frischem Plundergebäck und Rosinenbagels von Silberstein’s bestückt war sowie mit deutlich besserem Kaffee. Alle erhoben sich dankbar und streckten sich, bevor sie über den Kaffeewagen herfielen.

Sobald er konnte, nahm Carmine Silvestri zur Seite.

»John«, begann er mit gedämpfter Stimme, »die Presse wird sich hier drin suhlen. Wie können wir sie mir vom Leibe halten?«

»Ich bin noch nicht sicher«, sagte Silvestri ähnlich leise. »Ich vermute, wir haben noch ein paar Stunden, bevor wir sie mit etwas füttern müssen. Ich habe schon ein paar Ideen, aber ich brauche noch etwas Zeit, um mich für die beste Art des Angriffs zu entscheiden.«

Carmine schmunzelte. »Angriff?«

»Volle Attacke! An dem Tag, an dem ich mich von ihnen bloßstellen lasse, gehe ich in Rente.«

Nach einer dringend benötigten Viertelstunde, in der über alles geredet wurde, außer den Morden, war es leichter, zu der drohenden Krise zurückzukehren.

»Wie wollen Sie die Sache anpacken, Carmine?«, fragte Silvestri.

»Abgesehen von meiner Rolle als Koordinator«, sagte Carmine, »gibt es ein paar Fälle, die ich selbst bearbeiten möchte, und zwar die Vergiftungsfälle und die Bärenfalle. Larry, du und deine Jungs, konzentriert euch auf die Erschießungen und Dee-Dee Hall. Die alte Dame, Beatrice Egmont, geht an Abe, weil Corey bereits an dem Vergewaltigungsopfer arbeitet.«

Niemand hatte etwas einzuwenden, obwohl die Aufteilung der Arbeit ihrem Captain fast die Hälfte der Fälle bescherte. Außerdem fragte niemand, was Carmine wegen Jimmy Cartwright, dem Kleinkind, unternehmen wollte.

»Wie kann ich helfen?«, fragte Silvestri.

»Geben Sie uns ausreichend Zivilfahrzeuge und halten Sie genügend Fahrer bereit«, sagte Carmine spontan. »Wir werden bergeweise Unterlagen produzieren, und Zeit im Auto ist Arbeitszeit. Also will ich, dass ihr alle im Fond sitzt und eure Berichte schreibt.«

»Sie bekommen Ihre Wagen und Fahrer«, versprach Silvestri. »Danny, du bist die Verbindungsstelle.«

 

Von der Adams Street aus sah das Cartwright Haus nicht wirklich nach Wohlstand aus; beim Blick hinten hinaus aber wurde klar, dass es sich hierbei um ein Objekt der Spitzenklasse handelte. Das Haus war ein weißer Schindelbau mit dunkelgrünen Fensterläden, es befand sich auf einem extrem langen, drei Hektar großen Grundstück am Flussufer, das von einer sehr hohen Hecke umgeben war. Die Eingangstür lag um die Ecke Richtung Westen, vom Garten durch die hohe Hecke getrennt, in der ein wundervolles, verschlossenes Tor eingelassen worden war.

Carmine klopfte und fühlte sich seltsam verlassen. Normalerweise würden Abe und Corey bei ihm sein, die den Schauplatz des Ereignisses genauso intensiv unter die Lupe nehmen würden wie er selbst. Nun, das ist heute nicht möglich, dachte er, und wartete darauf, dass jemand auf sein Getrommel an der Tür reagierte. Eine Minute verging, dann eine weitere. Er war kurz davor, sein Klopfen zu wiederholen, als die Tür sich einen Spalt öffnete, und Gerald Cartwright herausspähte.

»Mr. Cartwright?«

»Ja.«

»Captain Carmine Delmonico, Polizei Holloman. Darf ich hereinkommen, Sir?«

Die Tür öffnete sich weiter, und Gerald Cartwright trat zurück.

Er sah genauso aus wie ein Mann, der gerade seine Frau und sein jüngstes Kind durch einen Mord verloren hatte: zusammengesunken, verzweifelt, verwirrt und in großer Trauer. Ein Mann von Anfang vierzig, durchschnittliche Statur und Hautfarbe. Unter normalen Umständen hätte er wahrscheinlich einen gastfreundlichen und durchaus charmanten Eindruck vermittelt, wie es dem Inhaber nicht nur eines, sondern gleich zweier sehr erfolgreicher Restaurants ja auch gut zu Gesicht stand. Bevor er zu diesem Gespräch aufbrach, hatte sich Carmine mit dem Hintergrund von Gerald Cartwright vertraut gemacht.

Interessanterweise waren Gerald Cartwrights zwei Unternehmen sehr unterschiedlich, und er war auch kein Koch. Er besaß ein erstklassiges französisches Restaurant, das l’Escargot in Beechmont, New York, sowie ein Schnellrestaurant, das Joey’s in der Cedar Street in Holloman, direkt neben den Türmen des Science Hill der Chubb’s. Beide Lokale liefen hervorragend. Cartwright hatte ein Konto bei der Second National, wo seine Einlagen mehr als ausreichten, um die anfallenden Kosten zu decken; sein richtiges Geld hatte er jedoch bei Merill Lynch, Pierce, Fenner & Smith in einem Portfolio aus Aktien und Wertpapieren angelegt. Angesichts des Auftauchens der Quasselstrippe hatte Carmine nach ungewöhnlich hohen Abhebungen Ausschau gehalten, aber nichts dergleichen war passiert.

Er folgte Cartwright ins Wohnzimmer, in dem gute, aber keine kostbaren Möbeln standen, Dinge, die vernünftige Eltern mit vier Kindern aussuchten. Durch die Doppelglastür blickte man in einen riesiges Empfangszimmer, das deutlich besser eingerichtet war. Für Kinder tabu, vermutete Carmine.

Gerald Cartwright setzte sich, nahm sich ein Kissen und drückte es an sich.

»Sie waren vorletzte Nacht nicht zu Hause, Mr. Cartwright?«

»Nein«, sagte Cartwright und atmete schwer. »Ich war in Beechmont.«

»Wo Sie ein Restaurant besitzen.«

»Ja.«

»Bleiben Sie oft über Nacht in Beechmont?«

»Ja. Ich habe Familie dort, genauso wie meine Frau, und wir haben eine kleine Wohnung über dem Restaurant. Ich esse normalerweise mit meiner Mutter, sie lebt zwei Türen weiter.«

»Abgesehen davon, dass Ihre Familie dort lebt, was macht das l’Escargot so besonders, dass Sie häufiger nachts nicht zu Hause sind?«

Cartwright blinzelte bei der Erwähnung seines Restaurants. »Es ist ein französisches Feinschmeckerlokal, Captain, und mein Koch, Michel Moreau, ist ziemlich berühmt. Aber er ist eine Primadonna und bekommt immer mal wieder Wutausbrüche. Aus irgendeinem Grund bin ich der Einzige, der mit ihm umgehen kann, und wenn ich ihn verliere, geht mein Laden den Bach runter. Die Leute fahren achtzig Meilen, um im l’Escargot zu essen, es gibt eine dreimonatige Warteliste. Also bleibe ich zwei- oder dreimal pro Woche dort, nur damit Michel glücklich ist. Cathy hatte dafür immer Verständnis, selbst wenn es alles für sie schwerer machte. Wir haben drei Kinder an der Dormer School, und das kostet eine ganze Menge.«

»Genauso wie die Hypothek dieses Anwesens, Mr. Cartwright.«

»Ja – und nein.« Er schluckte und presste das Kissen fester an sich. »Wir haben es zu einem guten Zeitpunkt gekauft und unser Darlehen zu vier Prozent bekommen. Angesichts der Grundstücksgröße in dieser Nachbarschaft sowie der Lage am Fluss ist es fünf- oder sechsmal so viel Wert, wie wir dafür bezahlt haben. Das Haus war in gutem Zustand, und es fielen bisher keine großen Reparaturen an.« Er kämpfte gegen die Tränen, die ihm über die Wangen rollten. »Oh, es ist so furchtbar! Die Kinder wussten, dass irgendetwas los war, aber ich bin hereingekommen, noch bevor eines von ihnen nach oben gegangen ist, um zu sehen, wo ihre Mum bleibt. Oder Jimmy. Vor Jimmy hätten sie das getan, aber er – er hat alles verändert.«

»Das Down-Syndrom, meinen Sie?«

»Ja. Nach seiner Geburt haben sie uns gesagt, sie hätte eine Fruchtwasseruntersuchung machen lassen sollen, doch als meine Frau schwanger war, hatte uns das niemand vorgeschlagen. Niemand hatte uns vor der Gefahr von Schwangerschaften jenseits der vierzig gewarnt. Ich meine, wir hatten bereits drei normale Kinder.«

Sein Unmut half ihm, den Schock und den Schmerz zu überwinden. Carmine saß und hörte zu.

»Jimmy hat so viel von Cathys Zeit in Anspruch genommen, trotzdem konnte ich nicht öfter hier sein. Ich habe versucht, einen Manager für das l’Escargot einzustellen, aber es hat nicht funktioniert. Wir hatten keine andere Wahl, ich musste nach Beechmont.« Die Tränen rannen in Strömen.

»Ich nehme an, dass das tatsächliche Problem Ihrer Frau die drei anderen Kinder waren«, sagte Carmine sanft.

Gerald Cartwright schaute überrascht auf. »Wie haben Sie das erraten?«

»Das ist eine übliche Reaktion in Familien, die plötzlich ein behindertes Kind bekommen. Der Neuankömmling nimmt jede Minute der Mutter in Anspruch, aber die anderen Kinder sind noch nicht erwachsen genug, um das Problem wirklich zu verstehen«, sagte Carmine ruhig. »Also lehnen sie das neue Baby ab. Wie alt sind Ihre Kinder?«

»Selma ist sechzehn, Gerald junior ist dreizehn, und Grant ist zehn. Ich hatte angenommen, Selma würde die Verbündete meiner Frau werden, aber sie war so … bockig. Es machte in der Schule die Runde, dass sie einen zurückgebliebenen Bruder hatten, und sie reagierte ziemlich schlecht darauf. Eigentlich reagierten alle drei schlecht.«

»Wie genau haben sie reagiert, Mr. Cartwright?«

»In erster Linie haben sie sich geweigert, Cathy zu helfen, die keine Zeit hatte, ihnen die Schulbrote zu machen oder eine ...

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