Logo weiterlesen.de
Zu viel ist nicht genug

Über die Autorin

Die Französin Edwige Martin war Verkäuferin in einem Pariser Luxusstore. Nach vier Jahren schlecht bezahlter Arbeit, heftigem Konkurrenzdruck und unzähligen launenhaften Kunden hatte sie die Nase voll. Nun enthüllt sie als ihr Alter Ego Charlotte die schmutzigen Geheimnisse, die sich hinter leuchtenden Vitrinen, glitzerndem Geschmeide und teuren Handtaschen verstecken.

Schwan.jpg

Inhalt

Januar

Februar

März

Schlussverkauf

Die Zeremonie

Juli

Sommer

September

Oktober

November

Dezember

Der Brief

Die Weihnachtsfeier

Danksagung

Schwan.jpg

Januar

Verfügen Sie über Erfahrungen im Verkauf?«, fragt mich die Angestellte in der Zeitarbeitsfirma.

»Durchaus. Ich habe einige Zeit bei einem jungen Modedesigner in der Rue de Grenelle in Paris gearbeitet.«

»Und wie steht es im Bereich Luxusfashion?«

»Da kenne ich mich leider weniger aus.«

»Ihr Profil erscheint uns eigentlich recht vielversprechend, allerdings haben wir zurzeit leider nichts für Sie im Angebot. Oder warten Sie! Möglicherweise hätte ich da etwas in den Galeries Lafayette, aber da müssen wir erst sehen … Mögen Sie Parfüms?«

»Aber ja, sogar sehr.«

»Nächste Woche wird der neue Duft von Dior vorgestellt. Im Beisein von John Galliano! Das Event ist äußerst anspruchsvoll geplant, und wir suchen noch jemanden für die Eröffnungsveranstaltung.«

Der Vorschlag kommt völlig unverhofft und entspricht genau dem, wonach ich suche. Ich bin drauf und dran, vor Begeisterung zu platzen.

»Das wäre wunderbar«, erkläre ich mit einem breiten Lächeln.

»Wir suchen jemanden, der während des gesamten Abends unter der großen Kuppel umherspaziert und die Kundinnen parfümiert.«

Will ich das?

»Wären Sie interessiert?«

Hm.

»Wären Sie interessiert?«

Perle.jpg

Nach einer betriebsbedingten Kündigung, zwei Jahren Arbeitslosigkeit und ein paar Aushilfstätigkeiten sehe ich mich leider gezwungen, die Dienste einer Zeitarbeitsfirma in Anspruch zu nehmen. Meine unbezahlten Rechnungen stapeln sich. Mir bleibt keine andere Wahl. Als mich zwei Tage nach dem Vorstellungsgespräch ein Vermittler anruft und mir eine Anstellung in der Rue du Faubourg-Saint-Honoré anbietet, sehe ich endlich ein winziges Licht am Ende des Tunnels. Ich als Verkäuferin für luxuriöse Designermode? Es hätte wirklich schlimmer kommen können, oder?

An einem kalten Morgen mit Temperaturen um die null Grad begebe ich mich forschen Schrittes in die Rue du Faubourg-Saint-Honoré. Die heimliche Rivalin der eleganten Shopping-Meile Avenue Montaigne wirkt mit ihrem pieksauberen Bürgersteig und ihren aneinandergereihten Luxusboutiquen wie eine Filmkulisse. Ein echter Mythos! An der Place de la Madeleine steige ich aus der Metro und gehe voller Vorfreude auf das Geschäftshaus zu. Mein Herz pocht wild vor Aufregung. Mit fröstelnd hochgezogenen Schultern und eingehüllt in einen langen, schwarzen Mantel nähere ich mich der angegebenen Adresse.

Es ist noch früh am Morgen. Paris beginnt eben erst langsam zu erwachen. Die Place de la Concorde, die ich in einiger Entfernung passiere, ist noch leer. Ich fühle mich wie in einem lebensgroßen Stadtmodell oder in einer hübschen Postkarte, auf der die Zeit stehen geblieben ist. Nach einem kurzen Blick in die Auslagen des Faubourg hebe ich die Augen zu den acht berühmten Goldbuchstaben: MONTEZZO. Das Firmenschild mit dem magischen Namen, der Millionen Fans wohlige Schauder verursacht. Steif vor Kälte und mit eisigen Zehen in meinen Pumps betrete ich das Pantheon, in dem Luxus auf italienische Art zelebriert wird.

Die riesige, hohe Eingangshalle ist leer. Ich habe den Eindruck, mich in einem großen Hotel zu befinden. Mir ist, als wäre ich an einen höchst feierlichen, nur wenigen Privilegierten vorbehaltenen Ort katapultiert worden. Alles hier ist überdimensioniert: der Raum, die Treppen und sogar die Vasen mit den ausladenden Hortensiensträußen. Außer einigen Reinemachefrauen, von denen kaum ein Flüstern zu hören ist, scheint hier niemand zu arbeiten. Die Putzfeen stecken in blauer Arbeitskleidung, bewegen sich wie winzige Ameisen lautlos über den taupefarbenen Teppichboden und polieren das Mobiliar sorgfältig mit weißen Tüchern. Im gesamten Raum herrscht feierliche Stille. Die Regale sind aufgeräumt, auf den Stellagen hängen Kleidungsstücke in exakt gleichen Abständen. Die von großen Spiegeln, Glasvitrinen, Holztresen mit Chrombeschlägen und riesigen Teppichen mit dem berühmten Monogramm MM beherrschte Umgebung wirkt einschüchternd, kühl und fast klösterlich ruhig. Alles ist an seinem Platz und peinlich sauber. Bald wird der Tempel des Luxus seine Pforten öffnen und seine Anhänger empfangen. Die Zeremonie kann beginnen. Für mich ist es eine Premiere und ich habe Lampenfieber.

Perle.jpg

Eine alte Frau mit gebeugtem Rücken und einer Brille auf der Nasenspitze holt mich ab und begleitet mich in die Umkleideräume im Untergeschoss der Boutique. Auf der Treppe grummelt sie vor sich hin. Sie stellt sich als Carmen vor und ist die Hüterin der Uniformen bei Montezzo. Nachdem sie einige unverständliche Worte gemurmelt hat, fordert sie mich auf, mein Haar zusammenzubinden und die Dienstkleidung in den Farben des Hauses anzuziehen. Es handelt sich um einen hellbraunen Hosenanzug mit passenden Pumps, eine Seidenbluse und ein Seidentuch mit dem Logo MM. Na toll. Jetzt fehlen eigentlich nur noch Handschuhe, um wie eine unterwürfige Zofe im Dienst auszusehen. Coffee or tea?

»Sind Sie die Neue?«, fragt Carmen.

»Ja«, bestätige ich.

»Welche Schuhgröße haben Sie?«

»39.«

»Hier, probieren Sie die 41er an. Wir haben gerade nichts anderes da.«

»Aber die verliere ich doch!«

»Ach was, legen Sie einfach Sohlen rein.«

Anschließend überreicht sie mir den Rest meiner Uniform: ein nicht mehr ganz frisches T-Shirt, das nach Schweiß riecht, sowie eine Bluse, die schon mehrfach gewaschen wurde und eingelaufen ist. Als ich endlich angezogen, gekämmt und frisch geschminkt vor ihr stehe, entlässt sie mich mit einigen guten Ratschlägen in meinen ersten Tag.

»Sehen Sie bloß zu, dass Sie immer das Tuch tragen! Wenn nicht, bekomme nämlich ich den Ärger!«

Ich steige die Treppe hinauf und begegne den anderen Angestellten, die alle genau wie ich gekleidet sind. Wie Klone. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich brauche diesen Job. Unbedingt. Sonst bleibt mir nur noch die Sozialhilfe.

Montezzo: Das Label wurde 1910 in Mailand ins Leben gerufen, trägt den Namen seines Gründers Paolo Montezzo und gilt als Symbol für Luxus und Eleganz. Das international renommierte Unternehmen blickt auf eine hundertjährige Geschichte zurück.

Das Label verkauft neben Lederwaren auch Schuhe, Prêt-à-porter, Seide, Schmuck, Accessoires für Haustiere und Kosmetik im oberen Preissegment. Die Marke zählt zu den führenden Labels des Weltmarkts und gehört zur Gruppe WLG, Worldwide Luxury Goods.

Das Unternehmen beschäftigt sechstausend Mitarbeiter in zweihundertzwanzig Niederlassungen auf der ganzen Welt und macht einen Umsatz von zwei Milliarden Euro.

Die Philosophie des Unternehmens zielt darauf ab, mithilfe außergewöhnlicher Produkte Träume zu realisieren und den Kunden einzigartige und unvergessliche Erlebnisse zu bescheren. Dazu gehört auch ein ganz besonders abgestimmter, hochqualitativer Service. Wichtig sind in diesem Zusammenhang eine gewisse Exklusivität und italienische Qualitätsarbeit.

Mehr als zehn Jahre habe ich in der Werbung gearbeitet. Es waren Jahre, die mich absolut desillusioniert haben. Am Ende hatte ich es satt, an Kundenmeetings teilzunehmen, bei denen sich jeder nur selbst reden hören wollte. Ich war es müde, immer wieder neue Ideen zu produzieren, bis tief in die Nacht hinein Layouts zu entwerfen, nur, um sie gleich anschließend wieder zu vernichten. Und ich war meinen Artdirector leid, der sonnenbankgebräunt in Dolce & Gabbana herumstolzierte und von morgens bis abends wie ein Endlosband den Satz wiederholte: »Do you know what I mean?«

Noch heute wird mir schlecht, wenn ich an meine Arbeit in der Werbeagentur zurückdenke. Ich habe Werbekampagnen für alle möglichen Parfüms durchgeführt, aber auch für wundersame Crèmes zur Verminderung von Falten, für schimmernde Lippenstifte und energetisierende Haarshampoos. Ich glaube, ich habe die gesamte Kosmetikindustrie durchgemacht.

Mein Artdirector lebte in New York, flog ausschließlich mit der Concorde und pflegte seinen Geburtstag an Bord mit dem Personal von Air France zu feiern. Das Flugzeug war sozusagen sein Zweitwohnsitz. In Paris stieg er im Hotel Costes ab. Häufig trafen wir uns zu Arbeitsmeetings in seiner Suite und ließen uns dabei vom Zimmerservice verwöhnen oder genossen den Pool. Unser Artdirector nahm nach ausgiebiger Massage in einen Bademantel gehüllt und mit Blaumetallic lackierten Fußnägeln an den Sitzungen teil. Das Geld floss in Strömen. Die Agentur gab es aus, ohne auf die Höhe der Beträge zu achten.

Dann aber kam die Krise, und die Kunden machten sich rar. Flüge mit der Concorde gab es nicht mehr. Wenn überhaupt, flog man Economy. Auch mit Spesen, Prämien und Boni war es vorbei, ebenso wie mit dem Zimmerservice. Und irgendwann wurde die Agentur geschlossen.

Perle.jpg

Es ist zehn Uhr. Mélany, die Directrice der Abteilung für Damenoberbekleidung, heißt mich aus der Höhe ihrer eins achtzig willkommen. Sie ist höchstens dreißig Jahre alt, sieht aber aus wie vierzig. Make-up und Concealer benutzt sie wie eine Art Kriegsbemalung. Sie ist groß, sehr schlank, hat dunkle Haare und braune Augen und trägt die Uniform der Abteilungsleiterin voller Stolz. Ihr Charisma und ihre Statur verleihen ihr etwas Offizierhaftes. Eigentlich fehlen ihr nur noch die Rangabzeichen.

Mélany stammt aus London und arbeitet erst seit kurzer Zeit in Paris. Nach einem hervorragenden Schulabschluss hat sie ihren Magister in Französisch gemacht und anschließend bei Selfridges angefangen, wo sie schnell zur Führungskraft avancierte. Sie spricht perfekt Französisch mit einem winzigen englischen Akzent. Mit knappen Worten stellt sie mich dem Rest der Belegschaft vor, um abschließend mit einem merkwürdigen Anflug einer Art Humor festzustellen:

»In diesen vier Wänden ist Denken mit Ungehorsam gleichzusetzen. Hier stellt man keine Fragen, hier befolgt man Befehle.«

Damit ist die Marschrichtung vorgegeben. Mélany verschwindet, um einen Kaffee zu trinken. Ich stehe ein wenig verloren zwischen den anderen Verkäufern herum. Da ist Florent, ein junger, spindeldürrer Mann, dessen einziger Schmuck – ein Zungenpiercing – so gar nicht zu dem Bild passen will, das man allgemein von Verkäufern in der Luxusbranche hat. Suzanne ist mit achtundfünfzig Jahren die älteste Verkäuferin der Boutique, die junge Russin Tatiana stammt aus Moskau. Suzanne erklärt mir die Grundzüge meiner Arbeit und zeigt mir den Weg zum Lager.

»Es ist ziemlich einfach, du wirst schon sehen. Ein bisschen wie eine Schatzsuche.«

Sie händigt mir eine Magnetkarte und den Zugangscode aus. Zurechtfinden muss ich mich selbst.

Das Lager befindet sich zwei Stockwerke weiter oben. Um hinzukommen, sind mehrere Etappen zu meistern. Das Ganze erinnert an einen gut bewachten Tresor.

Zunächst steige ich die erste Treppe hinauf, durchquere einen Flur und gebe einen Code ein, der die Tür zu einem weiteren Gang öffnet. Von dort aus geht es die zweite Treppe hinauf. Die Tür am Ende lässt sich mit der Magnetkarte öffnen. Jetzt befinde ich mich in dem Flur, der an der Änderungsschneiderei entlangläuft. Die folgende Tür ist die zum Lager und ebenfalls mit der Magnetkarte zu öffnen. Etwa dreißig weitere Stufen höher erreiche ich schließlich die Höhle des Ali Baba. Den letzten Rest Orientierung habe ich inzwischen längst verloren. Sesam öffne dich!

Im Lager reihen sich Kleiderständer und Ablagen aneinander, so weit das Auge reicht. Mich schwindelt. Ich stehe in einem unglaublichen Ankleidezimmer, das es wert wäre, über einen roten Teppich betreten zu werden. Langsam gehe ich durch die Reihen. Ich entdecke Persianermäntel, mit Nerz und Luchs gefütterte Jacken, Kleider aus Seidentaft, Blousons aus Schlangen- und Krokoleder, mit Swarovskisteinen bestickte Bustierkleider und Abendroben aus bedrucktem Seidenmusselin, die mit Halbedelsteinen besetzt sind. Traumhaft! Ich stehe tatsächlich leibhaftig vor den Wunderdingen, die ich jahrelang in Modezeitschriften bestaunt hatte. Am liebsten würde ich sie alle anprobieren, mich eines nach dem anderen in jedes dieser atemberaubenden Stücke hüllen und zu einer von Blitzlichtgewitter geblendeten Göttin werden.

Nachdem ich jedes einzelne der extravaganten Teile genau unter die Lupe genommen habe und fast in Trance die Reihen entlanggeschritten bin, setze ich mich für ein paar Minuten wie geblendet auf einen herumstehenden Schemel. Ich brauche einige Zeit, um den Eindruck zu verdauen.

In der Rue du Faubourg-Saint-Honoré tief unter mir herrscht Hektik. Das schrille Pfeifen der Verkehrspolizisten und hupende Autos locken mich ans Fenster. Von hier aus kann ich über die Dächer von Paris hinwegblicken. Unten auf dem dicht befahrenen Platz thront die wuchtige Kirche La Madeleine. In der Rue Royale, die den Faubourg kreuzt, wartet eine lange Menschenschlange vor der berühmten Konditorei Ladurée. Ein Stückchen weiter hinten ragt die goldbepuderte Spitze des Obelisken auf der Place de la Concorde hervor. Während ich mich noch in Gesellschaft der begehrtesten Klamotten dieser Zeit unter dem Dach verlustiere, klingelt das Telefon.

»Hallo Charlotte? Hast du dich verirrt?«

»Äh, nein. Wer spricht da?«

»Tatiana. Du musst runterkommen. Mélany veranstaltet ihr Briefing.«

Ich kehre auf den Boden der Tatsachen zurück. Mélany hat sich mit den Händen auf dem Rücken vor ihrem Team aufgebaut und läuft mit zielstrebigen Schritten auf und ab. Wie ein General, der seine Truppen einnordet. Das Briefing findet jeden Morgen pünktlich um elf Uhr in den Räumen der Abteilung Prêt-à-porter statt.

»Zunächst möchte ich Charlotte willkommen heißen, die seit heute bei uns arbeitet. Unsere heutigen Tagesziele sehen folgendermaßen aus: Im Bereich Prêt-à-Porter streben wir die Marke von 13 000 Euro an. Die letzte Woche ist ganz gut gelaufen, und so sollte es auf jeden Fall weitergehen. Denkt bitte daran, die Ware in der Auslage aufzufüllen, damit nichts fehlt, und verplempert eure Zeit nicht mit Schwatzen. Money talks! Ich wünsche allen einen schönen Tag.«

Sie spricht ungefähr so sanft wie Margaret Thatcher. Unser kleines Regiment macht sich sofort an die Arbeit. Ein wenig verloren bleibe ich stehen, weil ich nicht weiß, was ich tun soll. Das Verkaufspersonal wieselt geschäftig umher. Florent stürmt an mir vorbei, um Nachschub für die Auslage aus dem Lager zu holen. Unmittelbar vor mir bleibt er plötzlich stehen und bemerkt spöttisch: »Hier riecht es nach Schweiß, findest du nicht?«

Was mich besonders beeindruckt, sind die Größe und die Aufteilung der Geschäftsräume. Die Boutique ist ein wahres Labyrinth auf drei Ebenen, eine Art Mini-Einkaufszentrum. Im Erdgeschoss befindet sich die Herrenabteilung, wo es Maßanzüge, Koffer und Schuhe gibt. In der Mitte der Abteilung schwingt sich eine Glastreppe nach oben, die die Kunden in den ersten Stock zu beamen scheint. Oben betritt man das Reich der Lederwaren, jener typischen Accessoires des Labels, mit denen Aufstieg und Ruhm des Hauses begannen. In Nischen aus Akazienholz sind wie Kunstwerke beleuchtete Handtaschen ausgestellt. Einige Einzelstücke hat man in Glasvitrinen gesperrt. Es sind Taschen aus Pythonnappa, die als Köder dienen und um die 13 000 Euro kosten. Exemplare aus Krokoleder bringen es sogar auf 25 000 Euro. Dabei kann einem wirklich der kalte Schweiß ausbrechen. Verkäufer in Uniform bewachen die Einzelstücke. Die fünfzig Angestellten des Hauses bilden eine wahre Fremdenlegion aus etwa zwanzig Nationalitäten – angefangen bei Niederländern und Iranern über Deutsche, Italiener, Russen, Brasilianer, Chinesen, Franzosen, Japaner, Marokkaner und Schweden bis hin zu Engländern –, um den Anforderungen einer internationalen Kundschaft Rechnung zu tragen.

Die Kollektion der Damenschuhe wurde sorgfältig auf Plexiglassockeln dekoriert und wie der Boden eines Dancefloors ausgeleuchtet. Ein großer Würfel aus Spiegelglas dient den Einzelstücken der letzten Modenschau als Präsentierteller. Overknee-Stiefel mit Fünfzehn-Zentimeter-Absatz für 1 900 Euro thronen neben Krokostiefeletten für 11 000 Euro wie seltene, von Gläubigen verehrte Reliquien. Es handelt sich um die Kollektion »Beverly Hills«, ein Name, der bei Kundinnen eine begehrliche Gänsehaut hervorruft.

Durch die Räume klingt sanfte Musik. Ein Stück der Band Phoenix begleitet die Kundschaft auf ihrer Suche nach dem heiligen Gral. Die Schmuckabteilung, ebenfalls im ersten Stock, wirkt mit ihrem sanften Licht und ihrem plüschigen Ambiente so diskret wie ein Beichtstuhl. In den Vitrinen glitzern Gold und Edelsteine. Geheimnisvoll, weil ohne Preisangaben. In der zweiten Etage gelangt man schließlich in die Abteilung für Damenoberbekleidung, deren VIP-Salon noch einen Stock höher die Spitze der Pyramide bildet. Zu dieser Insel des Friedens gelangt man mittels eines Aufzugs, der die Kundinnen direkt von der Rue du Faubourg-Saint-Honoré ganz nach oben transportiert. Eine geradezu engelhafte Stimme verkündet das Stockwerk, und im VIP-Salon gleiten die Türen wie von Zauberhand zur Seite. Hier scheint die Kollektion schwerelos in der Luft zu hängen. Man hat den Eindruck, in eine psychedelische Atmosphäre einzutauchen, die nur einigen wenigen Fashionistas vorbehalten ist. Schlicht und fast einschüchternd wirkt der Floor – so wird die Abteilung des Prêt-à-Porter von Insidern genannt. Wie eine Oase für exquisite, in milchiges, durchscheinendes Licht getauchte Kleidungsstücke. Eine zauberhafte Fata Morgana in der Spitze dieses großen, pyramidenförmigen Labyrinths.

Seit gut zehn Minuten stecke ich in dem Flur fest, der zum Lager führt. Mit den Armen voller Kleider stehe ich im Dunkeln und schaffe es einfach nicht, die Tür mit meiner Magnetkarte zu öffnen. Jemand betritt den Flur. Einer der Sicherheitsleute eilt zu meiner Rettung.

»Funktioniert Ihre Magnetkarte nicht?«

»Eigentlich schon. Ich kapiere nicht …«

»Also wissen Sie, das kann auch nicht klappen, wenn Sie die Karte für die Kaffeemaschine benutzen.«

In der Dunkelheit habe ich die beiden Karten miteinander verwechselt. Der Mann öffnet mir die Tür. Endlich bin ich wieder frei. Aber woher wusste er, dass ich dort festhing? Als ich mich umblicke, erkenne ich in einer Ecke des Flurs eine Überwachungskamera.

Nach und nach stelle ich fest, dass überall im Geschäft solche Kameras hängen. Natürlich – denn schließlich gilt es, ungeheure Werte zu schützen. Und aus diesem Grund wird jede unserer Bewegungen von einem Kontrollzentrum im Untergeschoss aus minutiös verfolgt. In diesem Raum hängen etwa dreißig Monitore, die alle gleichzeitig das Bild wechseln und über die jede einzelne Etage überwacht wird. Hier befindet sich auch das Hauptquartier der Sicherheitsleute, die meinem Retter Patrick unterstehen.

Patrick sieht ein bisschen aus wie Frankenstein. Er hat abstehende Ohren, die ihn ein wenig dümmlich erscheinen lassen. Wenn er sich aufregt, bilden sich kleine Speichelklümpchen in seinen Mundwinkeln, ein weißlicher Schaum, der beim Trocknen aussieht wie saure Milch. Patrick ist der Chef der ganzen Sicherheitstruppe. Zu den Männern gehört auch Momo, ein kleiner Dicker, dessen lautlose Fürze Ausdünstungen hinterlassen, bei denen einem schlecht werden kann. Régis ist Karatemeister und popelt den ganzen Tag in der Nase, Djamel wünscht sich nichts sehnlicher, als eines Tages zur Kripo zu gehen, und Mamadou gibt vor dem Eingang zur Boutique den Türsteher, als handele es sich um einen Privatclub. Als Team sind die fünf unschlagbar. In ihren schwarzen Anzügen und immer mit einem Funkgerät am Ohr, halten sie sich für die Superhelden des Geschäfts. Ihre Aufgabe besteht hauptsächlich darin, die im Laden ausgestellte Ware zu schützen und uns zu helfen, Dieben auf die Spur zu kommen. Der Aufenthaltsraum für die Belegschaft, in dem auch gegessen wird, ist eine Art Erweiterung des Hauptquartiers unserer Sicherheitskräfte. Zwischen den beiden Mikrowellen, dem Wasserspender und dem Getränkeautomat befindet sich ein schwarzes Brett, an dem Phantomzeichnungen ertappter Diebe und Vergrößerungen der von den Überwachungskameras geschossenen Bilder ihrer Gesichter zu sehen sind. Es sieht ein bisschen so aus wie bei der Kripo, und Djamel legt großen Wert darauf, dass alles möglichst authentisch wirkt.

»Hauptquartier Sicherheit, Djamel – ich höre.«

»Djamel, in der zweiten Etage befindet sich eine verdächtige Kundin. Over.«

»Verstanden. Beschreibung? Over.«

»Etwa fünfzig, blond, weißer Pulli. Over.«

»Okay, ich sehe sie auf Kamera drei. Over.«

»Djamel, der Lieferant von Pizza Hut ist da«, unterbreche ich ihn.

»Mist. Ausgerechnet jetzt.«

»Die Verdächtige verlässt die Abteilung. Fehlalarm! Over.«

»Okay. Die Jungs können jetzt Mittag machen. Die Pizza ist gerade gekommen.«

Punkt zwölf geht der erste Teil der Belegschaft zum Essen in den Aufenthaltsraum hinunter. Jedem steht es frei, außer Haus zu speisen oder sich etwas mitzubringen, allerdings lassen die horrenden Preise im Viertel den meisten keine Wahl. Auch ich bleibe mit meiner Tupperdose, meinem Joghurt und meiner Clementine im Haus. Mit den anderen Verkäufern setze ich mich an den großen Tisch und lausche interessiert dem Klatsch aus dem Laden und den Lebensgeschichten der anderen, als Florent mit großem Getöse die Tür aufreißt.

»Du liebe Zeit, ist mir warm. Ich schwitze wie ein Stier. Meine Pospalte ist klatschnass!«

Das Verkaufspersonal schwatzt. Die Nase tief in Klatschmagazine vergraben, kommentieren sie die Skandale der letzten Tage. Man spricht über alles Mögliche: Paparazzifotos, den neuesten Tratsch und die schmutzige Wäsche der Stars. Alles liegt auf dem Tisch. Alle haben etwas zu den Promis zu sagen, die sich in den Zeitschriften zur Schau stellen. Interessant ist, dass auch der Aufsichtsratsvorsitzende unserer Firmengruppe regelmäßig in diesem Familienalbum auftaucht, seit er eine Schauspielerin geheiratet und ein Kind mit ihr bekommen hat.

»Hast du diesen Sänger gesehen? Neulich war er bei uns im Geschäft und hat den neuesten Chronometer erstanden. Jetzt schau dir das an … er ist tatsächlich mit einem Kerl zusammen.«

»Und die da erst. Stolziert doch tatsächlich mit einer Amalfi-Handtasche über den Strand von Saint-Tropez. Blöde Kuh!«

In der Mittagspause können sich alle sichtlich entspannen und das Leben der Reichen und Schönen Revue passieren lassen. Ich beobachte und höre schweigend zu. Auch Carmen äußert sich nicht. Sie beschäftigt sich unbeirrbar mit ihrer Fernsehzeitung, kreuzt die Sendungen an, die sie sich anschauen möchte – vor allem die Topmodel-Abende – und endet mit dem Kreuzworträtsel. Mamadou löst Sudoku-Aufgaben. Patrick spielt Air Penguin auf seinem iPhone und lacht vor sich hin. Mit weit geöffnetem Mund voll zerkauter Pizza. Ein wirklich frugales Mahl. Unter der Neonbeleuchtung des Untergeschosses schaufele ich das Essen aus meinem Plastikbehälter in mich hinein und spüle mit einem Kaffee nach. Niemand stellt mir Fragen, niemand interessiert sich für mich. Ich fühle mich einsam und wünsche, die Probezeit wäre schon zu Ende. Aber zunächst muss ich mich beweisen.

Die Angestellten bei Montezzo stehen in dem Ruf, Koryphäen des Verkaufs zu sein, denn bei ihnen kleidet sich der Jetset ein – angefangen bei den Showstars bis hin zur Politprominenz. Für mich ist das alles neu. Ich muss meinen Platz erst noch finden, was sicherlich nicht leicht werden wird. Jetzt im Augenblick scheine ich allerdings eher unsichtbar zu sein, und sicherlich bin ich deutlich weniger glamourös als die Fotostrecken der Promis.

Perle.jpg

»Sind Sie zum ersten Mal in Paris, Madame?«

»Oh ja. First time. Paris ist wundervoll. Paris is beautiful. I love Paris!«

»Und welche Sehenswürdigkeiten werden Sie besichtigen?«

»Dior, Chanel, Vuitton, Hermès …«

Perle.jpg

Die Angestellten tuscheln miteinander, hören aber sofort auf, als ich in ihre Nähe komme. Dieses Misstrauen mir gegenüber stört mich. Ich fühle mich unbehaglich.

»Sag mal, Neue, kannst du ein Geheimnis für dich behalten?«, spricht Florent mich schließlich an und drückt mir ohne weitere Erklärung zwei Sammelmappen in die Hände.

Ich bin zu jeder Schandtat bereit, um endlich akzeptiert zu werden.

»Du weißt doch, dass jeder sich beim Kommen und Gehen ein- und ausstempeln muss, und hast sicher bemerkt, dass die Stempeluhr alles minutengenau registriert, oder?«, fragt er weiter.

»Ja, das weiß ich.«

»Also, tatsächlich ist es so, dass keiner von uns wirklich zu der Zeit aufkreuzt, die von der Maschine registriert wird.«

»Und das heißt?«

»Wenn ich zum Beispiel länger als eine Stunde Mittagspause machen will, stemple ich mich aus, gehe anschließend noch mal heimlich nach oben und gebe Tatiana meine Karte. Dann verschwinde ich in aller Gemütsruhe, weil ich weiß, dass Tatiana mich genau eine Stunde später wieder einstempelt, obwohl ich länger weg bin. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß – kapiert?«

»Und was ist mit der Chefin?«

»Oh, von Mélany haben wir nichts zu befürchten. Man braucht ihr nur zu sagen, dass man sich im Lager im Untergeschoss aufhält. Sie ist viel zu beschäftigt, um jemanden auf den Monitoren zu suchen. 1 500 Quadratmeter bieten eine Menge guter Verstecke.«

Wer die Einstandsbedingungen akzeptiert, hat die Chance, nach und nach in den Club aufgenommen zu werden. Das kleine Geheimnis ist mein erster Schritt in den Kreis der Verkäufer im Bereich Prêt-à-porter, und ich bin wild entschlossen, eine Mitgliedskarte zu bekommen.

Ich lege die von Florent überreichten Sammelmappen auf den Ladentisch und blättere sie durch. Es sind Kataloge von der Croisière und der Fashion Show. Die Fotos zeigen von Seite eins bis Seite zweiundvierzig einen aktuellen Look an immer demselben Model. Meine Aufgabe besteht darin, mir die Kollektion genau einzuprägen und sie sozusagen meinem fotografischen Gedächtnis einzuverleiben. Aufmerksam studiere ich jedes einzelne Outfit und suche in den Regalen das Äquivalent dazu. Ich merke mir die Namen der unterschiedlichen Stoffarten und lese die zugehörigen technischen Beschreibungen in englischer Sprache, in denen jeweils auf Material, Stickerei oder Druck eingegangen wird. Die Entwürfe der Chefstylistin Isabella Canalli werden bis ins kleinste Detail erklärt und die Kleidungsstücke auch als Schnittmuster präsentiert, um Aufbau und Herstellung zu verdeutlichen.

»This season the collection is built around a luxurious interpretation of a Spanish authenticity that makes reference to traditional flamenco icons …«

Weil ich mir nichts sehnlicher wünsche als eine Festanstellung, tauche ich gewissenhaft in dieses kleine Lexikon des Luxus ein. Viel Zeit bleibt mir nicht für meine Aufgabe. Tag für Tag lerne ich meine Lektion und wiederhole sie jeden Abend auf dem Heimweg in der Metro.

Während meiner Probezeit beobachte ich die Arbeitsweise der Verkäufer mit großer Aufmerksamkeit und mache sie mir nach und nach zu eigen. Wie verhält man sich gegenüber den Kundinnen? Gibt es eine Art Protokoll, das man befolgen muss? Sind bestimmte Worte zu vermeiden? Habe ich eine Gebrauchsanweisung zu respektieren?

Der Umgang der Angestellten mit der Kundschaft scheint mir leicht erlernbar und keine große Zauberei. Natürlich sind ein angemessener Empfang und ausgesuchte Höflichkeit ebenso Grundbedingung wie der ganz besondere Service eines großen Hauses, das ausschließlich mit Luxusgütern handelt. Manchmal gebe ich vor, einen Kleiderbügel aus einer der Kabinen zu holen, um meine Kollegen in Aktion zu belauschen. Die Befürchtungen der ersten Tage lösen sich nach und nach in Wohlgefallen auf. Allerdings kenne ich die Kollektion noch immer nicht aus dem Effeff und irre mich häufig. Als eine Kundin mich nach einer flare pant (Schlaghose) fragt, hole ich ihr eine bootcut (mit weitem Bein) aus dem Lager. Manchmal vergesse ich auch noch, in welchen Farben und Materialien wir bestimmte Kleidungsstücke vorrätig haben. Einer Kundin, die sich nach der Zusammensetzung eines Kleiderfutters erkundigt, weiß ich nicht zu antworten. In solchen Situationen beginne ich, wild drauflos zu fabulieren. Wichtig ist nur, unschlagbar zu wirken.

Die Arbeit im Verkauf hat Ähnlichkeiten mit einem Kampf in einer Arena, bei dem man in jedem Augenblick präsent sein muss und den nur der Beste gewinnen kann. Ich bin extrem nervös, versuche meine Unruhe aber hinter einer ruhigen Fassade zu verbergen. Das wiederum verursacht mir Dauerkopfschmerzen. Eine Schachtel Aspirin gehört zu meinem täglichen Survival-Kit.

Trotz meiner ersten zaghaften Annäherungen an die Gruppe spricht mich eigentlich nie jemand an. Ich tröste mich mit jeder Menge Bounty aus dem Automaten. Das kann mir wenigstens niemand übel nehmen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Zu viel ist nicht genug" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen