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Zu verkaufen: Mariana, 15 Jahre

Über die Autorin

Iana Matei, geboren 1964 in Bukarest, studierte Psychologie und lebte viele Jahre in Australien. Mit ihrem Sohn zog sie in den Neunzigerjahren wieder nach Bukarest, wo sie Trauma-Patienten half. Über das rumänische Jugendamt wurde ihr das erste Mädchen vermittelt, seither hat sie mit internationalen Hilfsmitteln den Verein Reaching out und ein Heim gegründet und engagiert sich europaweit in ihrem Kampf gegen den Menschenhandel.

Iana Matei

Zu verkaufen:
Mariana, 15 Jahre

Mein Kampf gegen den Mädchenhandel

Aus dem Französischen von
Monika Buchgeister

Inhalt

Über die Autorin

Ein Telefongespräch

Menschenhandel

Die Wände haben Ohren

Die Revolution

Auf der Flucht

Unter der Sonne Australiens

Straßenkinder

Verkauft: Mariana

Durchgangsland Jugoslawien

Das Haus auf dem Hügel

Panik

Zehn Gebote

Zerbrochene Puppen

Es kann jeder Frau passieren

Journalisten

Rumänische (Un)gerechtigkeit

Europäische Zusammenarbeit

Ein Leben nach dem Straßenstrich

Ein Hotel in den Karpaten

Alltag

Nachwort – König Löwe hat einen sehr kleinen Schwanz

Ein Telefongespräch

Hallo, ist dort Ionela?«

»Ja.«

»Ich bin Iana Matei. Ich nehme an, Peppi hat dir gesagt, dass ich anrufen werde. Sie hat dir erklärt, wer ich bin, oder?«

»Ja, ja, ich weiß Bescheid.«

»Kannst du sprechen? Oder hört dir jemand zu?«

»Nein, es geht. Ich bin gerade allein.«

»Peppi hat mir gesagt, dass du meine Hilfe brauchst. Stimmt das?«

»Ich weiß nicht …«

»Hast du Angst?«

»Ja.«

»Vertraust du mir?«

»Ich glaube schon.«

»Gut, dann werde ich dich da rausholen.«

Ionela ist fünfzehn Jahre alt und arbeitet als Sex-Sklavin. Das ist beinahe schon alles, was ich von ihr weiß, aber es ist für mich mehr als genug: Ich muss dieses Mädchen retten. Ein Anwalt hat mich heute Morgen alarmiert. Am Telefon hat er mir erklärt, er sei von einer Spanierin namens Peppi beauftragt worden, die sich Sorgen um das Schicksal einer von Menschenhändlern entführten rumänischen Jugendlichen macht. Soweit sie weiß, ist Ionela einer Roma-Familie in die Hände gefallen. Zunächst hatte eine bereits recht alte Frau aus dieser Familie, die zugleich als Zuhälterin fungierte, Ionela den Vorschlag gemacht, sie bei sich, ihren beiden Söhnen und ihrer Tochter aufzunehmen, da die Eltern von Ionela unentwegt Streit miteinander hatten. Ionela musste als Gegenleistung mit der Frau auf einem Markt arbeiten, aber drei Monate später verkündete die Alte ihr trotzdem: »Unterkunft und Verpflegung sind zu teuer. Du hast mich bereits sehr viel Geld gekostet, es wird allmählich Zeit, dass du deine Schulden abbezahlst. Meine Söhne haben eine Arbeit für dich in der Türkei gefunden. Morgen fährst du dorthin.«

In der Türkei wurde Ionela geschlagen und mit dem Tode bedroht. Man brach ihren Willen, und sie tat, was man von ihr verlangte: Sie schlief mit fremden Männern. Nach einer Polizeirazzia auf ihrem Straßenstrich wurde sie nach Rumänien zurückgeschickt, wo ihre Zuhälterin sie bereits am Flughafen in Empfang nahm, um sie sofort nach Spanien zu verfrachten. Unmittelbar nach ihrer Ankunft dort versuchte Ionela, sich mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen. Ein paar Tage später noch einmal. Beim dritten Versuch hatte sie so viele Tabletten geschluckt, dass sie vollkommen entkräftet war und ihr Zuhälter, einer der Söhne der alten Roma-Frau, sie nicht mehr auf die Straße schicken konnte. Ionela musste eingesperrt im Zimmer eines erbärmlichen Hotels ausharren, aber auch dorthin schickte der Zuhälter einige Kunden. Einem dieser Kunden, einem Spanier, kam sie reichlich jung vor.

»Wie alt bist du?«

»Fünfzehn.«

Ohne die betäubende Wirkung der Medikamente hätte sie vermutlich niemals gewagt, die Wahrheit auszusprechen. Der Mann war zutiefst erschrocken und bombardierte sie mit Fragen. Schließlich erzählte Ionela ihm ihre ganze Geschichte. Entsetzt berichtete der Kunde alles seiner Mutter, und beiden war sofort klar: Das Mädchen musste aus den Händen dieser Schurken befreit werden. Am nächsten Tag ging der Kunde noch einmal zu dem Hotel, wo er erneut einen Besuch bei Ionela aushandelte. Er nahm sie ganz einfach mit und setzte sie mit ein paar Euro in der Tasche in einen Bus zurück nach Rumänien. Er versprach sogar, ihr regelmäßig Geld per Postanweisung zu schicken.

In ihrer Heimat suchte Ionela Zuflucht bei einer Tante, wo die Mutter der Roma-Familie sie jedoch alsbald aufspürte. Das war vorauszusehen: Ein Zuhälter weiß alles über seine Opfer, denn über dieses Wissen kann er Druck auf sie ausüben. Die Zuhälter fingen Ionela vor dem Haus ihrer Tante ab und zwangen sie, in ihr Auto zu steigen. Die Tante versuchte tapfer einzugreifen, aber die Zuhälterin fand die richtigen Worte, um sie einzuschüchtern: »Komm bloß nicht auf die Idee, die Polizei zu verständigen. Wenn du uns Schwierigkeiten machst, halten wir uns an deine Tochter.«

Das saß. Ihre Tochter war dreizehn Jahre alt. Die Tante hielt den Mund. Die Menschenhändler brachten Ionela nach Călăraşi an der Grenze zu Bulgarien, nicht weit von der Schwarzmeerküste entfernt. Glücklicherweise hielt Peppi, die Mutter des spanischen Kunden, Wort: Sie hatte bereits Kontakt zu Ionela aufgenommen und ihr eine Postanweisung geschickt. Die Menschenhändler setzten Ionela so unter Druck, dass sie ihren Entführern alles offenbarte. Das Mädchen musste seine Wohltäterin anrufen, um das Datum für die Postanweisung abzusprechen. Diese Leute lassen keine Gelegenheit aus, wenn irgendwo Geld zu holen ist, aber das war in diesem Fall ihr Fehler. Ionela nutzte die Gelegenheit, um Peppi mitzuteilen, was ihr zugestoßen war. Machtlos hatte Peppi sich mit einem Anwalt in Verbindung gesetzt, um in Rumänien jemanden ausfindig zu machen, der Ionela retten könnte. Dieser Anwalt tätigte ein paar Anrufe und hörte von mir, meinem Haus und meinen Aktivitäten für die Opfer des Frauenhandels.

Die Zeit drängt: Bei der Vereinbarung der letzten Überweisung hat Ionela Peppi gesagt, dass sie erneut in die Türkei verfrachtet werden soll. Da Ionela bei der türkischen Polizei jedoch bereits aktenkundig ist, haben die Menschenhändler sie für 100 Euro mit einem Mann verheiratet, sodass sie einen anderen Familiennamen trägt. Es muss schnell gehandelt werden: In ein paar Tagen wird sie die Grenze passiert haben …

Am Telefon spüre ich, wie ausweglos Ionela ihre Lage einschätzt. Sie zögert.

»Ionela, ich komme und hole dich ab.«

»Nein, das geht nicht! Sie werden mich umbringen! Sie haben gesagt, wenn ich noch einmal versuche davonzulaufen, binden sie mich an ein Auto und schleifen mich solange hinterher, bis ich tot bin.«

»Das werden sie nicht tun, sie versuchen nur, dir Angst zu machen.«

»Nein, sie werden es tun! Als sie mich bei meiner Tante geholt haben, hat mich Ramon mit der Faust geschlagen, immer wieder. Sie haben mir auch die Haare abgeschnitten, um mich zu bestrafen. Ich habe gesagt, dass ich alles der Polizei sagen werde, aber die Babuschka hat nur gelacht und gesagt, dass die Polizisten ihre Freunde sind!«

Ich habe keinerlei Möglichkeit herauszufinden, ob sie die Wahrheit sagt. Aber das spielt auch keine Rolle, denn ich bin zutiefst davon überzeugt, dass dieses Mädchen sich in Gefahr befindet. Alles andere ist Nebensache.

»Wir werden einen Weg finden, Ionela. Gibt es einen Zeitpunkt, zu dem sie dich allein lassen?«

»Nein, ich bin den ganzen Tag über in einem Zimmer eingeschlossen.«

»Denk genau nach. Lassen sie dich nie heraus?«

»Wenn ich es Ihnen doch sage! Nein, sie wollen mich nicht einmal auf der Straße arbeiten lassen. Sie haben Angst, dass ich wieder weglaufe. Einzig und allein zur Post darf ich gehen, um die Geldüberweisungen von Peppi abzuholen.«

»Bist du bei diesem Gang allein?«

»Die Babuschka und Ramon warten vor dem Gebäude auf mich. Sie weichen mir keinen Schritt von der Seite.«

»Aber du gehst allein in die Post hinein?«

»Ja, aber Peppi hat mir erst gerade vor ein paar Tagen Geld geschickt. Ich weiß nicht, wann die nächste Überweisung kommt.«

»Das macht nichts, sie wissen es ja auch nicht. Du wirst ihnen also sagen, dass Peppi dich angerufen hat und dir Geld geschickt hat, das du abholen musst. Dann rufst du mich an und sagst mir, wann du zur Post gehst.«

»Und dann?«

»Ich werde vor der Post auf dich warten. Ein alter metallicroter Audi wird vor dem Gebäude stehen – mit einer blonden Frau am Steuer. Das bin ich. Die hinteren Türen werden offen sein. Wenn sie dich ins Gebäude schicken, gehst du hinein … und kommst sofort wieder heraus. Du musst sie überraschen: Sie werden denken, dass du etwa zehn Minuten brauchst, um die notwendigen Formulare zu unterschreiben. Also werden sie sich wahrscheinlich eine Zigarette anzünden und auf dich warten. Keiner von beiden wird damit rechnen, dass du so schnell wieder herauskommst. Du rennst schnurstracks zu meinem Auto und springst auf den Rücksitz. Ich lasse den Motor laufen, sodass wir sofort losfahren können.

»Gut …«

»Alles wird klappen, Ionela.«

»Einverstanden …«

Als ich auflege, bin ich trotz allem ein wenig beunruhigt. Wenn diese Verbrecher etwas ahnen? Egal, wir haben keine andere Wahl. Wir müssen es so versuchen …

Ionela ruft mich am nächsten Tag an: »Ich habe alles gemacht wie vereinbart und gehe morgen Nachmittag das Geld holen.«

»Ich werde dort sein. Wo ist die Post?«

»In der Innenstadt.«

»Sehr gut. Ich werde sie schon finden. Denk dran: ein roter Audi, eine blonde Frau, und du springst hinten ins Auto.«

»Okay.«

Ich lebe in Pitești, einer Industriestadt am Fuße der Karpaten. Die Stadt Călărași, wo ich Ionela abholen werde, liegt schon fast am Schwarzen Meer, etwa vier bis fünf Autostunden von Pitești entfernt. Ich muss also früh aufbrechen, da ich nicht genau weiß, wann Ionela auftauchen wird. Ich hätte meinen stabilen Dacia nehmen können, der für lange Strecken sehr viel bequemer ist, aber mein alter Audi ist wendiger und schneller: Das könnte sich bei einer Verfolgung als nützlich erweisen.

Es ist schon fast Mittag, als ich das Zentrum von Călărași erreiche. Von meinem Stadtplan vollkommen verwirrt, muss ich schließlich doch einen Passanten nach dem Weg zur Post fragen und gelange schließlich ans Ziel. Nur wenige Meter vom Eingang entfernt parke ich in Fahrtrichtung auf dem Gehsteig. So … jetzt muss ich nur noch warten … und hoffen, dass die Menschenhändler ihre Pläne nicht geändert haben!

Dreieinhalb Stunden später ist Ionela immer noch nicht aufgetaucht. Aus Angst, sie zu verpassen, bin ich in meinem Wagen geblieben. Seit dem frühen Morgen habe ich nichts gegessen, und mein Magen knurrt gewaltig, aber trotzdem könnte ich nichts herunterbringen. Das Warten ist unerträglich. Ich stelle mir das Schlimmste vor: Hat die Babuschka Lunte gerochen? Hat die eingeschüchterte Ionela gestanden, dass es gar keine Postanweisung gibt? Angst schnürt mir den Magen zu, aber es bleibt mir nichts anderes übrig, als mit gespannter Aufmerksamkeit die ins Postgebäude hineingehenden und herauskommenden Menschen zu beobachten.

Plötzlich sehe ich sie: ein blasses Mädchen mit strubbligem Haar, das eine Jeans und einen knappen Blouson trägt, steigt aus einem Taxi, das genau vor mir parkt. Ich bin nicht sicher … ihre wüst geschnittenen Haare … doch, das muss sie sein. Sie wirft einen Blick zu meinem Auto herüber und lenkt ihre Schritte dann zum Eingang des Gebäudes. Auf dem Beifahrersitz im Auto vor mir erkenne ich eine alte Roma, die mit dem Taxifahrer spricht.

Jetzt funktioniert mein Gehirn vollkommen automatisch. Ich lasse den Motor an und setze langsam zurück, um mit einmaligem Einschlagen des Lenkrads aus meiner Parklücke auszuscheren. Ohne das Taxi aus den Augen zu lassen, taste ich nach dem Griff der hinteren Tür, um diese bereits zu öffnen. Ich bin bereit. Es ist so weit! Ionela kommt aus der Post und wirft sich drei Sekunden später auf den Rücksitz. Sie hat sich noch nicht einmal aufgerichtet, da trete ich schon aufs Gaspedal. Ich habe keine Ahnung, ob die Babuschka etwas gesehen hat, aber als ich das Taxi überholt habe, sehe ich im Rückspiegel, dass der Taxifahrer etwas zu ihr sagt und mit dem Finger auf meinen Audi weist. Sie haben begriffen … Mein Fuß drückt weiter aufs Gas, ich beschleunige, so gut es geht. Hinter mir nimmt das Taxi nun seinerseits Fahrt auf.

»Ionela, wohin soll ich fahren? Nach rechts? Nach links?«

Ich kenne die Stadt nicht. Während der vier Stunden, die ich im Auto gewartet habe, habe ich nicht einmal daran gedacht, den Stadtplan im Hinblick auf eine mögliche Route zu studieren … Was für eine Idiotin ich doch bin! Im Rückspiegel sehe ich Ionelas angstverzerrte Züge. Sie wagt nicht, sich aufzurichten, und versucht, sich durch ein paar flüchtige Blicke aus dem Fenster zurechtzufinden.

»Da lang!«

Auf der Rückbank kauernd, weist das Mädchen mir mit ihrem Arm die Richtung, in die ich fahren soll. Das Taxi ist mir dicht auf den Fersen. Die Babuschka schwingt drohend ihre Faust.

»Und jetzt, wohin soll ich jetzt fahren?«

»Nach links!«

Während sie mir antwortet, weist sie mit dem Arm nach rechts.

»Ionela! Weißt du nicht, wo rechts und links ist?«

»Doch … nein … dorthin!«

Wir brechen in nervöses Gelächter aus. Ionela ist vollkommen panisch. Wahrscheinlich könnte sie mir im Augenblick nicht einmal die Frage nach ihrem Namen richtig beantworten. Ich folge ihren chaotischen, unvermittelten Anweisungen, so gut es eben geht. Ich biege mehrmals ab, schlängele mich durch enge Gassen, missachte ein Stoppschild … Im Rückspiegel sehe ich, dass der Abstand zu unseren Verfolgern rasch größer wird. Gut, dass ich den Audi genommen habe!

Fünf Minuten später wagt auch Ionela einen Blick aus dem Rückfenster. »Ich sehe sie nicht mehr«, flüstert sie, ohne es wirklich zu glauben.

Aber Ionela hat recht: Es ist geschafft, wir haben sie abgehängt. Langsamer fahre ich aber dennoch nicht. Die Menschenhändler könnten mein Autokennzeichen an einen Komplizen weitergeben. Ich bleibe wachsam und achte darauf, dass kein anderes Auto die Verfolgung aufnimmt. Erst als wir die Stadt hinter uns gelassen haben, bin ich sicher, dass wir gerettet sind. Endlich! Ich fahre unvermindert schnell weiter, um unseren Vorsprung weiter auszubauen, aber ich lächele meiner verängstigten Begleiterin jetzt aufmunternd zu. Eine Zeit lang sagt keine von uns ein Wort. Allmählich normalisiert sich unsere Atmung.

Plötzlich klingelt Ionelas Telefon. Kaum hat sie das Gespräch angenommen, bellt jemand so laut in das Gerät, dass ich verstehe, was er sagt: »Gib mir die blonde Hure!«

Zitternd und wütend zugleich reicht Ionela mir das Handy. Die brutale Stimme eines Mannes schreit mir ins Ohr: »Bring sie sofort zurück, sonst werfen wir dich den Ratten zum Fraß vor!«

»Zur Hölle mit Ihnen!«

»Du hättest uns das Mädchen nicht klauen sollen, du weißt offenbar nicht, mit wem du es zu tun hast!«

Ich ersticke fast vor Lachen: Dieser Kerl denkt doch tatsächlich, dass er es mit einem anderen Menschenhändler zu tun hat. Er verhält sich gerade so, als hätte ich mir sein bestes Stück unter den Nagel gerissen!

»Dreckige H…«

Abrupt beende ich das Gespräch und werfe das Telefon auf den Boden. Diese groben Beschimpfungen brauche ich mir nicht anzuhören. Außerdem muss ich dringend meine kleine Schutzbefohlene beruhigen.

»Alles ist gut, du bist in Sicherheit, sie können uns nichts mehr tun.«

»Ja … wir haben sie wirklich abgehängt, oder?«

Die Stimme des jungen Mädchens klingt angespannt. Ich spüre, dass es immer noch hochgradig nervös ist und die Situation nicht einzuschätzen vermag. Es weiß nichts von mir, aber es fühlt sich zum ersten Mal in einer starken Position. Der Weg ist weit, und wir nutzen die Zeit, um Bekanntschaft zu schließen. Ich erzähle ihm von meinem Frauenhaus, das Opfer der Zwangsprostitution aufnimmt, und schlage ihm vor, an meinem Wiedereingliederungsprogramm teilzunehmen. Voller Begeisterung geht es auf mein Angebot ein. Es klingt beinahe etwas zu euphorisch … Aber es erstaunt mich nicht, dass es darauf aus ist, mir zu gefallen. Es kommt aus einer Umgebung, in der Gewalt an der Tagesordnung war. Wochenlang musste es sich verstellen – einfach, um zu überleben. Es muss erst lernen, mir zu vertrauen …

Wir sind noch eine Stunde von Pitești entfernt, als Ionelas Telefon erneut klingelt. Ich hebe es vom Boden auf und nehme diesmal selbst ab, um die zu erwartenden Beschimpfungen entsprechend zu parieren. Wider Erwarten ertönt jedoch eine ruhigere Stimme am anderen Ende.

»Hallo, ich bin Polizeibeamter. Bei uns wurde die Entführung einer minderjährigen Person gemeldet. Ich fordere Sie auf, das junge Mädchen unverzüglich zurückzubringen.«

Da hört sich doch alles auf! Die Schlepper waren so dreist, zur Polizei zu gehen! Oder ist dieser Beamte von ihnen bestochen worden? Das kann ich jetzt nicht herausbekommen, aber der Befehlston des angeblichen Ordnungshüters bringt das Geschwür, das seit heute Morgen in mir gärt, zum Platzen. Wutentbrannt fahre ich ihn an: »Sie armer Irrer! Die minderjährige Person, die ich angeblich entführt habe, wurde vorher als Prostituierte ausgebeutet! Warum decken Sie diese Leute? Haben sie Ihnen denn wenigstens gesagt, dass sie sie zur Heirat mit einem Unbekannten gezwungen haben?«

»Nein, ich weiß nicht, wovon Sie sprechen. Ich weiß nur, dass eine Anzeige wegen Entführung vorliegt.«

»Geben Sie mir bitte Ihren Namen, Herr Kommissar.«

»…«

»Hallo?«

Die Verbindung ist unterbrochen. Ganz offenbar war es dem Polizisten lieber, das Gespräch abzubrechen. Wahrscheinlich hat er realisiert, dass die Sache gefährlich für ihn wird. Ionela wirft instinktiv noch einmal einen Blick durchs Rückfenster, was sie mindestens schon einhundert Mal seit unserem Aufbruch in Călărași getan hat. Ich ahne, dass es viel Zeit brauchen wird, bis sie wieder durch die Straßen schlendern wird, ohne sich ängstlich umzublicken.

»Sag mal, hast du Hunger?«

»Ja.«

»Gut, dann werden wir anhalten und etwas essen.«

Es ist Nacht geworden. Wir haben den ganzen Tag über nichts zu uns genommen. Es sind nur noch zwanzig Wegminuten bis zu dem Frauenhaus, und ich will ihr kurz in groben Zügen das Programm erklären, bevor ich sie den anderen Mädchen vorstelle. In dem Restaurant an der Straße fällt Ionela über ihren Teller her. Sie ist erschöpft, aber auch erleichtert und möchte jetzt endlich ankommen. Dieses Frauenhaus ist für sie die Chance, ihr Leben zu ändern.

Menschenhandel

Zu Tausenden wirft Rumänien jedes Jahr Mädchen wie Ionela auf den europäischen Markt der Prostitution. Sie stammen aus Pitești, Bukarest, Iași, Brăila, Sibiu oder Timișoara, kommen aus den großen Städten ebenso wie aus den abgelegenen Landstrichen von Transsylvanien und landen in Madrid, Rom, Paris, London oder Amsterdam, wo sie die traurigen Scharen der Bordsteinschwalben vergrößern, die für ein paar Euro auf der Straße anschaffen gehen.

Ich will auf keinen Fall missverstanden werden: Wenn Frauen sich dafür entscheiden, ihren Körper zu verkaufen, so ist mir das vollkommen gleich. Ich kämpfe nicht gegen die freiwillige, selbst gewählte Prostitution, sondern gegen den Handel mit menschlichen Wesen. Ich spreche von Mädchen, die mit Gewalt zu diesem Geschäft gezwungen werden, die oft minderjährig sind und verkauft werden wie ein Stück Fleisch – entwurzelte Mädchen, die gequält und psychisch gebrochen werden, die geschlagen und vergewaltigt werden und dann sexuell zu Diensten sein müssen. Es handelt sich schlicht und ergreifend um eine massenhafte und organisierte Vergewaltigung, die mitten im Europa des 21. Jahrhunderts stattfindet!

In den zehn Jahren meines Kampfes habe ich viel gesehen, aber es kränkt mich immer noch zutiefst, dass Menschen über den Preis eines Lebens verhandeln und Mädchen exportieren können, als handele es sich um irgendeine beliebige Ware. Sie brauchen eine junge, nach Belieben formbare Rumänin, die auf Spaniens Straßen anschafft, oder eher in England oder den Niederlanden? Wer bietet am meisten, meine Herren? Bedenken Sie bitte, dass ein Mädchen mindestens 800 Euro kostet, wenn es noch außer Landes gebracht werden muss, und bis zu 30 000 Euro, wenn Sie es bei sich kaufen, also am Ende der Kette. Zu diesem Preis gehört das Mädchen Ihnen, dann aber auch mit Haut und Haaren!

Ich garantiere Ihnen, dass sich eine solche Investition lohnt: Allein die Tatsache, dass Sie ein Mädchen über die Grenze bringen, verschafft Ihnen bereits einen Gewinn von 150 Prozent. Der Frauen- und Kinderhandel läuft heute so gut, dass er mehr einbringt als der Waffen- und Drogenhandel! Anders als eine Waffe kann ein Mädchen auch mehrmals verkauft werden …

Das Phänomen begann etwa 1990 mit dem Sturz von Ceaușescu in Rumänien und den übrigen kommunistischen Regimes in den Ländern des ehemaligen Ostblocks. Auf dem Balkan haben Schlepper unterschiedlicher Ausrichtung von den nachfolgenden Kriegen profitiert, um sich verstärkt auf den Menschenhandel zu konzentrieren. Am Ende der Konflikte gelangten mit den Strömen von Migranten, die dem Elend ihrer Heimatländer entfliehen wollten, Mädchen aus Mazedonien, Litauen, Russland, Bulgarien und Rumänien nach und nach in die verschiedenen Länder Westeuropas. Im Kofferraum versteckt oder in einen Lastwagen gepfercht, überquerten sie die Grenze, oder sie erreichten in Schlauchbooten die italienische Küste. Heute können sie durch das Schengen-Abkommen ungehindert reisen und benutzen ganz legal das Flugzeug.

Innerhalb der letzten zwanzig Jahre sind die Länder Osteuropas zu Hauptlieferanten für Prostituierte in der Europäischen Union geworden. Das ganze Ausmaß dieses Phänomens lässt sich nur schwer bestimmen, da der Schwarzmarkt keine Aufschlüsse zulässt. Den wenigen vorliegenden Studien zufolge (jedes Jahr werden weltweit achthunderttausend bis 2,4 Millionen Personen, im Wesentlichen Frauen und Kinder, Opfer von Menschenhändlern) sollen heute dreihunderttausend Frauen aus diesen Regionen im Westen als Prostituierte arbeiten. Vor fünf Jahren waren es noch nicht einmal zweihunderttausend … Zu diesem Zeitpunkt spielte Russland die führende Rolle bei diesen Transaktionen. Mittlerweile jedoch – so eine Studie, die von der ONG TAMTEP zwischen 2006 und 2008 durchgeführt wurde – hat Rumänien Russland übertrumpft und ist zum Weltmeister unter den Ländern geworden, die Prostituierte in die Europäische Union schleusen.

Schwer zu sagen, wie viele von diesen Mädchen verkauft wurden. Wahrscheinlich ist es der größere Teil. Die von international operierenden Netzen des organisierten Verbrechens gedeckten Verbindungen und Wege funktionieren leider sehr gut. Die Mädchen werden mit dem scheinheiligen Versprechen einer Arbeit im Ausland geködert und lassen sich rasch darauf ein, einem flüchtigen Bekannten zu folgen. Dieser ist in Wirklichkeit jedoch ein Handlanger, der sie für ein paar rumänische Leu an einen Schlepper verkauft, der sie dann sofort ins Ausland verschiebt. Sobald sie die Grenze passiert haben, wird ihnen der Personalausweis abgenommen, sie werden geprügelt und gezwungen, sich zu prostituieren, ohne dass sie auch nur einen Cent von den beträchtlichen Summen erhalten, die ihr Zuhälter mit ihrem Körper verdient.

Sie glauben das nicht? So etwas geschieht aber genau hier, vor Ihren Augen, in Ihren Straßen, in Ihren Bars, auf Ihren Parkplätzen, an Ihren Autobahnen, ohne dass jemand deswegen schlecht schläft! In Spanien, wo die meisten rumänischen Opfer des Frauenhandels landen, gehen sie mitten in den Innenstädten auf Kundenfang. Dort ist die Prostitution nicht nur legalisiert, sie gehört einfach dazu. Dass halbnackte Mädchen zwischen ganz normalen Passanten auf der Straße herumspazieren, stört offenbar niemanden mehr. In manchen Gegenden ist das Anschaffen auf öffentlichen Straßen nur am Stadtrand erlaubt. Daran soll es aber nicht scheitern: Vor den Parkplätzen, auf denen die Mädchen arbeiten, stehen die Autos Schlange. Es sind echte Puffs unter freiem Himmel, wo die Zuhälter ihre Herde in aller Ruhe überwachen.

Dort strandete auch Oana, eine Jugendliche, die ich in meinem Frauenhaus aufgenommen habe. Ein Bekannter aus ihrem Dorf hatte ihr einen Job als Kellnerin in Spanien versprochen. In Madrid brachte ihr »Begleiter« sie in ein von zwei Frauen bewohntes Apartment. Sie waren etwa dreißig Jahre alt und hatten harte Gesichtszüge.

»Hier wirst du jetzt wohnen. Diese Frauen werden sich um dich kümmern und dir erklären, wie deine Arbeit aussieht.«

Die beiden nahmen ihr unter dem Vorwand, ihn an einem sicheren Ort zu hinterlegen, sofort ihren Personalausweis ab. Am nächsten Tag fuhren sie mit Oana zu einem riesigen Parkplatz am Rand von Madrid namens Casa del Campo. Die Zuhälter nennen diesen Ort »die Fabrik«. Etwa hundertfünfzig Mädchen, im Jargon befremdlich »die Koffer« genannt – menschliche Gepäckstücke aus verschiedenen Ländern Europas –, prostituieren sich dort jede Nacht.

Die Frauen erklärten: »Hier wirst du von jetzt an arbeiten.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Es ist ganz einfach. Am Abend machen viele Touristen mit dem Auto eine kleine Spritztour hierher. Sie fahren langsam und sehen sich alle Mädchen an, um diejenigen auszuwählen, die sie haben wollen. Wenn ein Autofahrer dir sagt, du sollst zu ihm kommen, steigst du in sein Auto und machst alles, was er von dir verlangt.«

»Wie bitte?«

»Ja, wenn er einen geblasen bekommen will, bläst du ihm einen, wenn er dich von hinten nehmen will, lässt du ihn das tun. Verstehst du, es ist überhaupt nicht schwer! Wir haben auch so angefangen und damit viel Geld verdient. Du musst einzig und allein wissen, wie man auf Spanisch sagt: ›Guten Tag, sollen wir Liebe machen?‹«

»Liebe machen?«

»Denk nicht darüber nach, sag es einfach, und damit Schluss.«

»Aber ich will nicht mit Männern schlafen! Davon war nie die Rede!«

»Du glaubst doch wohl nicht, dass du eine andere Wahl hast?«

»Das werde ich nie, nie tun! Lieber sterbe ich!«

»Ach ja? Das werden wir schon sehen.«

Höhnisch lächelnd stieß die Ältere der beiden Oana heftig gegen ihre Gefährtin, die sie zurückschubste und ihr einen heftigen Schlag auf den Kopf versetzte. Ein wenig benommen und vollkommen verschreckt begann Oana zu schluchzen.

»Du willst also wirklich sterben? Gut, dann fahren wir zurück. Du wirst erst morgen mit der Arbeit anfangen. So bleibt dir die ganze Nacht zum Nachdenken.«

Diese brutalen Einschüchterungsszenen finden oft am helllichten Tag statt. Manchmal kommen Polizisten auf ihrer Runde vorbei und überprüfen hier und da die Papiere. Das Auftauchen der Ordnungshüter bereitet den Mädchen die geringste Sorge: Die Volljährigen tun nichts Illegales, und die Minderjährigen haben immer gefälschte Papiere bei sich. Was die Zuhälter angeht, so sind sie nicht dumm: Sie schicken keine Männer hierher, die auffallen würden, sondern benutzen ihre eigenen Prostituierten, um die anderen gefügig zu machen – auch mit der Faust, wenn es sein muss. Taucht plötzlich eine Streife auf, so sind die Mädchen innerhalb weniger Sekunden verschwunden, um sofort wieder an ihre »Arbeitsstätte« zurückzukehren, wenn die Luft rein ist.

Viele werden auch in den »Puticlubs« von Valencia, Barcelona oder Almerìa zur Prostitution gezwungen oder in solchen, die in den Gebieten nahe der französischen Grenze liegen. Diese Einrichtungen schimpfen sich offiziell »Hotel« und besitzen die notwendigen Zulassungen. Es sind jedoch Zuhälter, die das Regiment über eine ganze Schar von Mädchen haben, die dort auch wohnen und in einem wahnwitzigen Tempo Kunden auf ihren Zimmern befriedigen müssen. Unten in der Bar trifft der Kunde seine Wahl, genauso wie er sich dort auch einen Cocktail aussucht – mit dem Unterschied, das hier alles verhandelbar ist … Denn die Mädchen gehen rasch mit dem Preis nach unten, damit das Geschäft zustande kommt. Für 15 Euro ist »die komplette Bedienung« zu haben. Normalerweise kostet die »Grundleistung«, Oralverkehr plus Verkehr in einer einzigen Position, zwischen 50 und 100 Euro.

Am zweithäufigsten verschieben die rumänischen Menschenhändler ihre »Ware« nach Italien, wo es den Mädchen kaum besser ergeht. Das Verbot der Prostitution an öffentlichen Orten ist reine Augenwischerei: Von den etwa siebzigtausend Prostituierten (von denen etwa 20 Prozent minderjährig sind), die im Land arbeiten, gehen zwei Drittel auf den Straßenstrich, sei es in finsteren Gassen oder in abgelegenen Parks. Auf einem Friedhof am Stadtrand von Mailand ist Nacht für Nacht die dumpfe Geräuschkulisse schäbiger Umarmungen zu hören. In der Nähe liegt ein rumänisches Zeltlager, was den Liebhabern von bezahltem Sex billige Ware verheißt. Die Menschenhändler machen sich oft nicht einmal die Mühe, eine Wohnung zu mieten: Sie zwingen die Mädchen dazu, in den umliegenden Wäldern zu schlafen, wo sie in Zelten oder unter Kartons hausen, um hinter den Büschen zu arbeiten …

Auch in Frankreich begnügt man sich damit, den Straßenstrich oberflächlich zu beseitigen: Der Kundenfang ist gesetzlich verboten, aber die Prostitution als solche wird geduldet. Wie viele Prostituierte gibt es wohl? Zwanzigtausend? Dreißigtausend? Die Mädchen ziehen häufig von einem Land in ein anderes, so lässt sich ihre Zahl nur schwer ermitteln. Aber im Grunde ist diese Unklarheit allen recht. Es ist angenehmer, sich auf die Behauptung zurückzuziehen, im Nachbarland sei alles noch schlimmer, und das Problem auf eine Störung der öffentlichen Ordnung zu reduzieren. Den von der Idee, illegale Einwanderer aufhalten zu müssen, geradezu besessenen französischen Behörden geht es einzig und allein darum, die Mädchen über die Grenzen zu bringen. Sobald man sie zu fassen bekommt, werden sie unverzüglich in ihre Heimatländer verfrachtet. Von dort geht es schnurstracks in ein anderes Land, ohne dass sie den Flughafen überhaupt verlassen konnten. Tatsache ist, dass sich die Zahl der Prostituierten durch diese Politik in keinster Weise verringert hat. Man muss nur einmal an den Pariser Bahnhöfen entlanggehen oder einen Spaziergang in den Waldgebieten am Rande der Metropole machen, im Bois de Vincennes oder im Bois de Boulogne. Auch auf der Promenade des Anglais in Nizza bietet sich der gleiche Anblick: Unmittelbar vor unseren Augen tauchen immer wieder diese abgehärmten Gestalten in schäbiger Kleidung auf.

Auf dem Straßenstrich sind die Reviere unter den Nationalitäten streng aufgeteilt. Ganz oben stehen die Russinnen, die auch am teuersten sind. Die Rumäninnen teilen sich mit den Bulgarinnen den vorletzten Platz, nur noch gefolgt von den Afrikanerinnen, die am billigsten zu haben sind und eine entsprechende Kundschaft bedienen müssen … Um es auf den Punkt zu bringen: Hier geht es um eine entwürdigende Form der Prostitution, die nicht das Geringste mit der Welt eines Escort-Girls zu tun hat.

Am häufigsten empfangen die Rumäninnen ihre Kunden im Auto, in düsteren Bars und in den schmutzigen Betten erbärmlicher Hotels. Ihre Arbeit ist hart; beinahe wie am Fließband folgen sieben, acht, neun und manchmal sogar zehn Kunden an einem Abend aufeinander. Damit drücken sie natürlich selbst die Preise. Im Durchschnitt kostet eine schnelle Nummer 30 Euro, eine halbe Stunde 50 Euro und 100 Euro, wenn ein Hotel aufgesucht wird. Die Rumäninnen verschachern ihren Körper für weniger als 30 Euro, um die von den Zuhältern festgelegten Summen zu erzielen. Das ruft zwangsläufig Unmut bei der Konkurrenz hervor. Und der äußert sich durchaus schon einmal durch Fußtritte mit hochhackigen Schuhen.

Ein Mädchen, das seinem Zuhälter 200 bis 300 Euro pro Nacht abliefern muss und ansonsten schlimme Strafen zu fürchten hat, gerät in eine Extremsituation, die einfach unvorstellbar ist, wenn man nicht selbst einmal von einem Menschenhändler in dieser Art bedroht wurde. Niemand kann sich dem Druck dieser Rohlinge widersetzen. Es macht mich rasend, wenn ich all die Soziologen, Wissenschaftler und Politiker sehe, wie sie endlos über das philosophische Recht auf Selbstbestimmung des menschlichen Wesens debattieren. Man lässt Porsche fahrende Edel-Callgirls zu Wort kommen, man wirft sich schützend vor die wohlerzogenen Studentinnen, die beteuern, dass sie kein anderes Mittel sehen, um ihre Miete zu bezahlen, aber man hält sich nicht bei der Tatsache auf, dass ein fünfzehnjähriges Mädchen für 20 Euro dazu gebracht wird, es dem erstbesten Unbekannten mit einer Fellatio zu besorgen!

Das Schlimmste ist, dass die heimliche Prostitution in Frankreich seit dem im Jahr 2003 verabschiedeten »Gesetz zur Inneren Sicherheit« geradezu explodiert ist. Die Menschenhändler schicken ihre Mädchen nicht mehr einfach auf die Straße, sondern begnügen sich damit, im Internet Termine in privaten Wohnungen und Autos oder auch Treffpunkte in weit außerhalb der Stadt liegenden Waldstücken anzubieten, wo die Mädchen der Brutalität ihres Zuhälters oder böswilliger Kunden noch viel wehrloser ausgesetzt sind. Was tun, wenn ein Mädchen schwanger ist? Es wird derart mit Fußtritten traktiert, dass es zu einer Fehlgeburt kommt. Was tun, wenn einem Mädchen »aus Versehen« der Arm gebrochen wurde? Man schickt es zur Arbeit, ohne für ärztliche Hilfe zu sorgen.

In Großbritannien sind die Verhältnisse nicht viel anders. Auch dort steht die Straßenprostitution unter Strafe. Innerhalb weniger Jahre ist dieses Land, in dem es lange keinen Frauen- und Kinderhandel gab, zum neuen vorrangigen Ziel der Menschenhändler geworden. Mehr oder weniger verschwiegene Stundenhotels schossen überall wie Pilze aus dem Boden. Allein in London gibt es mehrere Hundert solcher Häuser. Diese beschämenden Bordelle sehen aus wie ganz normale Häuser, aber niemand weiß genau, was in ihnen vor sich geht: Minderjährige werden dort hinter Tüllgardinen schamlos vergewaltigt – nur ein paar Meter neben den Wohnzimmern wohlanständiger Familien, in denen man die Lautstärke des Fernsehgerätes aufdreht, um zweifelhafte Geräusche von nebenan nicht hören zu müssen.

Aber auch in den Ländern, die das Problem durch eine entsprechende Gesetzgebung regulieren wollen, sieht es kaum besser aus. Zwar wurden in den Niederlanden die Koberfenster eingeführt, in denen Prostituierte sich den Freiern anbieten, und Kontrollen haben die Auswüchse in den geschlossenen Bordellen eingeschränkt, aber diese Maßnahmen begünstigten zugleich die Entstehung einer unsichtbaren Prostitution in zwielichtigen Etablissements oder Privatwohnungen, wo niemand nach dem Alter oder den Papieren der Bewohnerinnen fragt. Auch Deutschland, mittlerweile bereits an fünfter Stelle hinter Spanien, Italien, Griechenland und der Tschechoslowakei, bildet keine Ausnahme: Die Existenz legaler Bordelle verringert die Anzahl illegaler Immigrantinnen und deren Ausbeutung keineswegs. Ganz im Gegenteil … drei Viertel der vierhunderttausend im Land gezählten Prostituierten – und damit ist ihre Zahl in den letzten zehn Jahren um das Zwanzigfache gestiegen – sind ausländischer Herkunft. Sie arbeiten in Bars oder unerlaubten Clubs, die vollkommen unbehelligt neben zugelassenen Etablissements ihr einträgliches Geschäft machen. Erinnern Sie sich nur an die Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2006: Die Stadtverwaltung von Berlin ließ ein riesiges Vergnügungsviertel errichten samt »Verrichtungsboxen« für Sexdienste, deren Aussehen an die Klohäuschen auf Baustellen erinnerte! Mädchen aller Nationalitäten, darunter sehr viele aus Osteuropa, strömten dorthin und arbeiteten vollkommen illegal. Insgesamt wurden fast vierzigtausend Frauen importiert, um den Sexhunger der Fußballfans zu stillen. Unter diesen Prostituierten waren viele Minderjährige, entwurzelte junge Mädchen, deren Not sie dazu zwang, sich von Fanatikern des runden Leders vergewaltigen zu lassen.

Diese Mädchen sind durch die Hölle gegangen, und ihnen widme ich heute mein Leben. Ich kann nicht alle retten, aber wenn man mich zu Hilfe ruft, bin ich zur Stelle. Ich bin keine Superfrau, und das körperliche Kräftemessen ist nicht meine Sache. Im Allgemeinen vermeide ich das direkte Zusammentreffen mit den Menschenhändlern: Ich kann zwar recht laut werden, aber mir ist sehr wohl bewusst, dass eine kleine Blondine wie ich ohne jegliche Kung-Fu-Fertigkeiten kein ernst zu nehmender Gegner für solche Rohlinge ist.

Meistens werden die Opfer, die ich bei mir aufnehme, von nichtstaatlichen Hilfsorganisationen in Europa an mich verwiesen. Manche erzählen mir von ihren Freundinnen, die immer noch gegen ihren Willen festgehalten werden. Sie stellen dann oft den Kontakt zu den gefangen gehaltenen Frauen her und versichern ihnen glaubhaft, dass sie bei mir einen sicheren Ort finden, wo sie erst einmal bleiben können, wenn ihnen die Flucht gelingt.

Wenn ich ihnen nicht helfe, wer würde es dann tun? Die Polizei? Entweder stecken die Bullen mit den Menschenhändlern unter einer Decke, oder aber die Gesetzgebung greift einfach nicht. In Rumänien wird nur dann eine Razzia in einem Bordell durchgeführt oder ein Zuhälter vorgeladen, wenn eine Prostituierte Anzeige erstattet hat. Nun sind aber die Opfer des Sexhandels so eingeschüchtert, dass sie diesen Schritt nicht wagen. Und selbst wenn sie zur Polizei gingen, würde sich diese darauf beschränken, sie zu befreien – und damit erneut der Willkür ihrer Peiniger auszusetzen.

Im übrigen Europa läuft es ähnlich. Es gibt zwar Anlaufstellen für die Opfer, aber sie sind spärlich. Die Polizisten ihrerseits sind nicht genügend ausgebildet, um eine normale Prostituierte von einem Opfer des Sexhandels zu unterscheiden. Verhaftungen von Zuhältern sind trotz strengerer Gesetze immer noch sehr selten. Vor allem aber ist die Zusammenarbeit unter den Ländern mangelhaft, und die Gelder, die für den Kampf gegen die Sexarbeit bereitgestellt werden, sind im Vergleich zu dem Ausmaß dieses Problems sehr gering. Das Ergebnis ist klar: Die Menschenhändler haben leichtes Spiel.

Dass solche Verbrecher ungestraft davonkommen, bringt mich auf die Palme. In unseren sogenannten modernen Gesellschaften werden Tag für Tag Kinder verkauft! Die sexuelle Ausbeutung ist nicht mehr und nicht weniger als eine neue Form der Sklaverei, die unsere Demokratien korrumpiert! Und alle schauen seelenruhig zu! Offiziell beklagen Medienvertreter, Richter und Politiker diese Zustände, sie zeigen sich entsetzt und beteuern, dass sich etwas ändern muss. Ganz konkret schiebt man vor allem den Freiern den Schwarzen Peter zu. Prozesse gegen die Menschenhändler hingegen finden nur äußerst selten statt. Dabei gehören sie lebenslänglich hinter Gitter! Es gibt keine andere Lösung, um sie davon abzuhalten, solchen Schaden anzurichten.

In Rumänien macht mich die auf allen Ebenen herrschende Korruption krank, genauso unerträglich finde ich jedoch die Passivität der europäischen Institutionen auf breiter Front. Im Grunde herrscht auf diesem Gebiet allgemeine Gleichgültigkeit. Die Mädchen, die auf der Straße anschaffen, sind Ausländerinnen, heißt es abwehrend. Sollen sie doch ihre schmutzige Wäsche in der eigenen Familie waschen. Das ist nicht nur menschlich gesehen skandalös, sondern auch vollkommen kurzsichtig und dumm. Unser Problem ist auch Ihr Problem. Die rumänischen Menschenhändler rekrutieren ihre Ware zwar bei uns, aber sie exportieren diese unglücklichen Wesen, und es sind Ihre Angehörigen, die davon profitieren, oder um es ganz klar zu sagen: die mit diesen Mädchen Sex haben.

Deshalb muss die Europäische Union Rumänien helfen. Man muss uns helfen, die immer weiter um sich greifende Korruption aufzuhalten, wir brauchen Fachleute, die unsere Richter und unsere Polizisten ausbilden. Heute haben wir noch unsere eigene Währung in Rumänien, aber in zwei Jahren wird der Euro eingeführt, und das wird die dunklen Geschäfte über die Grenzen hinweg weiter erleichtern. Es muss jetzt gehandelt werden, denn Rumänien ist ein Teil Europas, ob man will oder nicht. Erste Veränderungen sind bereits spürbar, aber es gibt noch so viel zu tun!

Die Wände haben Ohren

Anfang des Jahres wurde ich von Reader’s Digest zur Europäerin des Jahres gewählt. Seit 1996 wählen die Chefredakteure der einundzwanzig europäischen Ausgaben des Reader’s Digest den »Europäer des Jahres« unter Persönlichkeiten, die in besonderer Weise für Traditionen und Werte Europas einstehen. Ich bin die erste Rumänin, die diesen Preis erhalten hat.

»Iana Matei, ich habe eine gute Neuigkeit für Sie!«, teilte mir Anka Kitorov, die Vertreterin der Organisation in Bukarest, erfreut mit.

»Eine gute Neuigkeit? Der Tag beginnt ja schön! Schießen Sie los!«

Als ich hörte, dass der Preis mit 5000 Dollar dotiert war, entfuhr mir ein wohliger Seufzer. Sogar Geld würde ich also erhalten: Das kam nicht allzu häufig vor! Das Unglaublichste aber war, dass diese Anka Kitorov glaubte, sich in einem fort entschuldigen zu müssen.

»Ich muss Ihnen gestehen – und das ist mir sehr peinlich –, dass wir erst über die deutschen Medien von Ihrer Arbeit erfahren haben. Dort hat jemand einen Artikel über Ihr Frauenhaus gelesen, während wir hier in Bukarest noch nie etwas von Ihnen gehört haben …«

Dabei habe ich nicht erst vor Kurzem mit meiner Arbeit begonnen. Vor elf Jahren war ich die erste Rumänin, die eine Zufluchtsstätte für Frauen einrichtete, die Opfer der international operierenden Schlepperbanden geworden waren. Seither habe ich mehrere Auszeichnungen erhalten. Im Jahr 2006 hat mich das amerikanische Außenministerium zur »Heldin des Jahres« ernannt. Ein Jahr später, 2007, hat mir das Oberhaus Großbritanniens den »Abolitionist Award« verliehen. Dieser Preis ist ebenfalls mit 5000 Dollar dotiert. 2009 schließlich hat mich das Romanian Woman Magazine zur »Frau des Jahres« gewählt.

Eine Auszeichnung ist zwar meist nur ein Stück Papier, aber es ist immer ein großer Ansporn. Die Wahl zur »Frau des Jahres«, die mir im März durch die Stadt Orăștie zuerkannt wurde, hat mich besonders berührt: Orăștie ist die Stadt, in der ich am 30. April 1960 geboren wurde. Und wer weiß, vielleicht ist dieses wehrhafte Dorf in den Bergen Transsylvaniens einst gar die Festung der Thraker gewesen, dieses hochentwickelten Stammesvolkes Rumäniens! Das ist natürlich ein Scherz, aber ich muss gestehen, dass bei mir Erinnerungen wach werden:

Als ich zur Welt kam, war meine Mutter gerade zwanzig Jahre alt. Zuvor war sie eine sehr gute Sportlerin gewesen, die sich vor allem dem Fünfkampf widmete. Mein Vater war Fußballtrainer und außerdem der Coach meiner Mutter. Trotz der zwanzig Jahre Altersunterschied verliebten sie sich ineinander und heirateten. Dann kam ich. Mein Vater wurde kurz darauf nach Bukarest versetzt. Ich war drei Jahre alt und mochte diesen Ort nicht. Die Kinder in unserem Wohnblock stibitzten mir unentwegt meine Spielsachen, und auch mein neues Dreirad verschwand immer wieder. Es blieb mir nicht viel Zeit, mich an meine neue Umgebung zu gewöhnen, denn mein Vater wurde erneut versetzt, diesmal nach Pitești im Süden von Rumänien. In dieser Industriestadt am Fuße der Karpaten baut man seit 1966 die berühmten Dacia-Modelle, die heute zur Firma Renault gehören. Als Trainer der örtlichen Fußballmannschaft erhielt mein Vater eine kleine Dienstwohnung in der Innenstadt, die in einem hübschen Viertel an dem Fluss Argeș lag. Ich fand rasch neue Freunde, mit denen ich mich überall herumtrieb. Ich liebte es, draußen herumzutollen, auf Bäume zu klettern und am Ufer akrobatische Kunststücke zu vollführen. Ich spielte mit meinen Freunden auch gerne und viel Ball auf der Straße und träumte davon, Fußballstar zu werden, wie mein Vater es gewesen war … zum großen Kummer meiner Mutter, die daran verzweifelte, dass an mir offenbar ein Junge verloren gegangen war. Immer wenn ich vor Dreck starrend zu Hause erschien, empfing sie mich mit entsetztem und tadelndem Blick. Da fruchteten auch all meine Rechtfertigungsversuche nichts.

Gab ich beispielsweise vor, ich sei gefallen, ging sie mir nicht auf den Leim: »Verkauf mich doch nicht für dumm! Ich habe vom Fenster aus gesehen, wie du mit den Jungen herumgetobt hast.«

»…«

»Und weißt du, woran ich dich erkannt habe? An deinem Kleid!«

Meine Mutter konnte sehr gut handarbeiten, sei es nun stricken, häkeln oder nähen. Sie fertigte bezaubernde Kleidungsstücke für mich an, die höchst kunstvoll verziert waren. Gingen wir durch die Stadt, so sprachen uns Leute darauf an und bestaunten verzückt meinen Aufzug. Meine Mutter hätte sich sehr gewünscht, dass ich mich auch wie ein kleines Mädchen dieses Alters verhielte! Sie liebte mich sehr, konnte es mir jedoch nicht zeigen. Diese von ihr so liebevoll gefertigten Kleidungsstücke waren ihre Art, mir ihre Zuneigung zu offenbaren.

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