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Zu nah am Feuer

Prolog

Es war noch schlimmer, als er es sich vorgestellt hatte. Der Anblick des Sarges direkt vor ihm und das weit aufgerissene Maul der Erde daneben jagten eisige Schauer über seinen Rücken. Warum eigentlich? Da war nichts, was ihn ängstigen müsste. Der Friedhof sah aus, wie man sich einen vorstellte, eine friedliche, saftig grüne Rasenfläche, gespickt mit langen, ordentlichen Reihen weißer Grabsteine und durchzogen von sauberen, geteerten Wegen. Hier und da wurde die Eintönigkeit von Gruppen aus Büschen und Koniferen durchbrochen, aber es waren so wenige und die Stämme der Nadelbäume waren so hoch, dass sie in der gnadenlosen Mittagshitze keinen Schatten spendeten. Die senkrecht stehende Sonne ließ die üppigen Messingbeschläge des dunklen Holzsarges grell aufleuchten. Das alles war wirklich nicht sehr beunruhigend, dachte man nicht daran, dass in diesem Sarg die Leiche eines Menschen lag. Eines toten Mannes. Und nicht die irgend eines Mannes, sondern die seines Vaters! Schon die bloße Vorstellung, dass Matt Collins, der Inbegriff von Lebensfreude, tot sein sollte, verbot sich. Er war immer mehr als nur ein Mensch gewesen, er war für seine Mutter und ihn das strahlende Zentrum ihres Lebens gewesen, der Mensch, mit dem ihr Sein auf- und unterging – sprichwörtlich. Aber es war wahr, er hatte das, was von Matt geblieben war, auf der Trauerfeier gesehen: eine stille Puppe mit einem Gesicht, das wie eine Plastikmaske von Matt's aussah.

Die Weißen machten das so, hatte ihm seine Mutter auf der Fahrt nach Henderson in Nevada erklärt, sie konservierten die Toten, um sich von Angesicht zu Angesicht von ihnen zu verabschieden. Es war ihre Art, ihre Liebsten zu ehren, und da Matt sein Vater war - gewesen war - hatte er ihn so zu ehren, wie es Matt's Religion entsprach. Matt war auch ein Weißer gewesen - eigenartig, er hatte ihn nie als Weißen gesehen. Matt war einfach Matt gewesen, ein strahlender Held, der von Zeit zu Zeit auftauchte und die Tage in Licht und Lachen tauchte. Seine Mutter war glücklich, wenn er da war, sie tanzte mit Matt durch die Wohnung und sang, wenn sie in der Küche die wundervollen Dinge zubereitete, die Matt von seinen Reisen mitgebracht hatte. Er brachte immer Geschenke mit, einen Schal, eine Kette, ein Kleid für seine Mutter, Spielsachen und Bücher für ihn und Geschichten, oh, Mann, Geschichten, so abenteuerlich, unwahrscheinlich und glorios wie Actionfilme. Hawk lächelte in sich hinein. Matt hatte es so genossen, sie zu erzählen, wie seine Mutter und er, ihnen zuzuhören. Matt war ein prima Vater gewesen – wenn er da gewesen war, was, nahm man es genau, nicht allzu oft gewesen war. Er war ganz überraschend irgendwann aufgetaucht und Tage, manchmal Wochen später genau so plötzlich und ohne ein Wort des Abschieds wieder verschwunden. In den letzten beiden Jahren waren Matt's Besuche seltener geworden. Seine Mutter hatte geduldig weiter auf ihn gewartet, ohne sich zu beklagen, ohne zu weinen und ohne je etwas Schlechtes über ihn zu sagen. Sie hatte nur manchmal am Fenster gestanden und in die Ferne gesehen und dabei unendlich traurig ausgesehen. Wenn er sie gefragt hatte, was los sei, hatte sie leichthin gesagt, sie habe geträumt und ihm über den Kopf gestreichelt, was er hasste. Aber er war schon zehn und bekam eine Menge mehr mit, als die Erwachsenen glaubten. Es war ganz einfach: Matt hatte genug von ihnen gehabt. Das war okay. Hawk hatte von seinen Mitschülern genug über brutale und gleichgültige Väter und Stiefväter gehört, um dankbar dafür zu sein, dass Matt sich andere Jagdgründe gesucht hatte, bevor er seinen Frust an seiner Mutter und ihm auszulassen begonnen hatte. Aber seine Mutter sah das vielleicht anders. Frauen waren manchmal komisch.

Anfangs hatte auch er noch gewartet, aber da war er noch ein Baby gewesen. Inzwischen war er älter und vernünftiger und konnte auf einen Vater verzichten, der nichts von ihm wissen wollte. Wie auch immer, sie hatten seit einem halben Jahr nichts mehr von Matt gehört, bis zu jenem Nachmittag vor zwei Tagen, als die beiden Polizisten vor ihrer Tür gestanden hatten und jetzt waren sie hier und alles, was von Matt geblieben war, waren eine Holzkiste mit seinem toten Körper und Mengen und Mengen von Blumen.

Die Blumen dufteten so betäubend süß, dass es ihm den Atem nahm. Es gab jede Menge davon, Kränze mit Seidenschleifen, riesige Rosensträuße und üppige Gestecke aus Lilien und anderen exotischen Blumen, deren Namen er nicht kannte und die er nie zuvor gesehen hatte – nicht dass er sich viel aus Blumen machte. Neben dem Farbenrausch des Blumenmeers wirkten die schweigsamen, schwarz gekleideten Frauen noch trostloser, verlorener und einsamer, als zuvor bei der Trauerfeier im Beerdigungsinstitut, wo sie still auf ihren Stühlen gesessen hatten. Es wunderte sich nur, wo die Männer waren. Es waren nur zwei ältere Männer da, die sich etwas abseits hielten, zudem sahen sie eher neugierig, als bedrückt aus. Hatte Matt sonst keine Freunde gehabt? Und in welchem Verhältnis standen die Frauen zu ihm? Er hatte keine von ihnen je zuvor gesehen und keine wies eine der Ähnlichkeiten zu Matt auf, die ihm zeigte, dass sie mit ihm verwandt war und auch untereinander sahen sie zu verschieden aus, um miteinander verwandt zu sein. Aber ob blond, brünett, rot- oder schwarzhaarig, ob groß oder zierlich, alle sahen traurig aus und die meisten hatten verweinte Augen. Wie auch immer sie zu ihm standen, sie mussten ihn geliebt haben. Er sah zu seiner Mutter auf, aber deren Blick war nach innen gerichtet, wie so oft seit der Nachricht von Matt's Tod. Vor ihr konnte er, zumindest jetzt und hier, keine Antworten erwarten.

So traurig alles war, hatte denn außer ihm niemand Angst um sich selbst, Angst, dass Matt's Geist über ihn oder sie kam und sie mit der Geisterkrankheit infizierte? Sein Großvater hatte ihm alles über die Geisterkrankheit erzählt und Großvater war ein weiser Mann. Als hataali wusste er alles über das Leben und den Tod. Die Leute kamen von weither, um ihn um Rat zu fragen. Er heilte Kranke, leitete Zeremonien und hatte Rat für die, die nicht mehr weiter wussten. Hawk hatte einmal einen Weißen, der ins Navajo-Reservat zu Großvater gekommen war, ihn einen Medizinmann nennen hören. Großvater hatte ihn nicht korrigiert, was unhöflich gewesen wäre, aber er hatte später lächelnd zu Hawk gesagt, dass der belagaana wohl zu viele Western gesehen hatte. Hawk wusste es besser. Ein haatali war ein Sänger, einer, der uraltes Wissen und die Gesänge seines Volkes bewahrte und nutzte, um den Menschen zu helfen, ihr inneres Gleichgewicht wiederzufinden.

Großvater war vorsichtig mit den Verstorbenen und er hatte ihn gelehrt, niemals die Namen eines Verstorbenen auszusprechen, damit der chindi, die Essenz des Bösen, der vom Verstorbenen zurückblieb, nicht auf ihn aufmerksam würde. Die Vorstellung, dass Matt's chindi entweichen könnte, jagte Hawk eine Heidenangst ein und er beobachtete den Sarg genau, damit er jede Veränderung sofort bemerkte. Dabei war war sonst nicht so leicht einzuschüchtern. Letzte Woche hatte er es sogar mit dem dicken Mart aus der Oberstufe aufgenommen und der war ganz gewiss kein Leichtgewicht, weder in körperlicher noch in jeder anderen Hinsicht. Mart war ein Schläger und er genoss es, kleinere Kinder zu unterdrücken. Der verwöhnte, reiche Bastard hatte eine Abreibung verdient gehabt und die drei Tage Schulverweis waren ein kleiner Preis für seinen Sieg gewesen. Hawk lächelte in sich hinein. Er war ein großartiges Gefühl gewesen, Marts Gesicht in die Pfütze zu drücken. Aber jetzt wäre er am liebsten weggelaufen. Die ganze Situation war beklemmend. Die Frauen standen einfach nur da, sie sahen sich nicht an, sie sprachen nicht miteinander, sie starrten einfach nur auf den Sarg oder auf den Boden, aber wenn ihre Blicke ihn trafen, war es, als ob sie etwas wüssten, was er verbrochen hatte, aber keine sprach ihn an und beschuldigte ihn. Aber sie sprachen deswegen, was auch immer es war, auch nicht seine Mutter an. Sie standen einfach nur da. Einige weinten still, andere sahen wütend aus und andere wirkten einfach nur so, als ob sie überall lieber wären, als gerade hier. Das verstand er, er wäre auch lieber wieder im Bus zurück nach Flagstaff, Arizona, auch wenn die Fahrt lang und unendlich langweilig sein würde – wie die Herfahrt. Aber alles war besser, als das hier. Auch seine Mutter war still und unglücklich. Sie stand wie eingefroren hinter ihm, in ihren besten Kleidern, einem schwarzen Rock und einer grauen Bluse, in denen sie in Sammys Restaurant bediente. Sie weinte nicht, aber das würde sie nie tun, wenn er es sehen konnte. Aber er spürte, wie traurig sie war. Er lehnte sich etwas zurück und legte für einen Moment seinen Kopf an ihren Oberarm. Sie nahm seine Hand und drückte sie, eine kurze Berührung, die dankbar und beruhigend zugleich war.

Ein Priester ging gemessenen Schrittes auf das Grab zu. Er war ein Weißer, ziemlich jung, mit kurzem, hellbraunen Haar und einer randlosen Brille. Er war groß und füllte seinen wehenden, weißen Talar um die Mitte herum ziemlich gut aus und er bewegte sich so schwerfällig, als ob alle Last der Welt auf seinen Schultern ruhte. Sein Blick schweifte in die Runde und er lächelte freundlich. Eine der Frauen, eine hochgewachsene, überschlanke Blonde in einem hautengen schwarzen Kostüm und einem Spitzenschleier vor dem Gesicht trat vor und schüttelte seine Hand. Die beiden wechselten ein paar Worte, die Hawk nicht verstehen konnte, weil er und seine Mutter etwas abseits standen. Die anderen Frauen drängten sich näher um den Priester, der neben dem Sarg Aufstellung nahm und sein Gebetbuch aufschlug.

Hawk zögerte und er spürte, wie auch seine Mutter einen Schritt zurücktrat. Er ergriff ihre Hand und versuchte, sie so unauffällig, wie möglich noch weiter von der Gruppe weg und in eine möglichst aussichtsreiche Fluchtposition zu ziehen. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis der chindi seines Vaters aus dem Sarg entweichen und alle mit der Geisterkrankheit infizieren würde.

„Wir sind hier zusammengekommen, um Matt Collins auf seinem letzten Weg zu begleiten“, begann der Priester.

Hawk wand sich innerlich. Wusste der Mann denn nicht, dass jede Nennung seines Namens Matt's chindi aufmerksam machen musste? Aber der Priester redete weiter. In jedem Satz wurde Matt's Name genannt, Matt und Matt und wieder Matt, bis Hawk sich am liebsten die Ohren zugehalten hätte. Panisch überlegte er, wie er seine Mutter dazu bewegen konnte, zu Fuß zum Busbahnhof zu gehen, nein zu rennen, als eine der Frauen leise aufschrie. Ein scharfes Einatmen ging durch die Gruppe, wie ein heftiger Windstoß, gefolgt von hektischen Murmeln, dann sahen alle über das offene Grab hinweg in die Ferne, als ob es dort etwas zu sehen gab, das wichtiger war, als die Beerdigung. Hawk reckte sich, um etwas erkennen zu können, aber seine Versuche, zu entkommen, waren zu erfolgreich gewesen. Er und seine Mutter standen am Rand der Gruppe und in der Richtung, in die alle sahen, sah er nichts als schwarzen Stoff vor sich und schreckensstarre Gesichter über sich. Eine der Frauen bekreuzigte sich immer wieder und murmelte etwas, ihre Hand um das goldene Kreuz gekrampft, das sie an einer goldenen Kette um ihren Hals trug. Matt's Geist!

Jähe Panik jagte heiß-kalte Blitze über Hawks Rückgrat, er wollte rennen, so schnell er konnte, aber er konnte nicht. Seine Füße bewegten sich nicht, es war, als ob sie am Boden festgewachsen seien. Sein Herzschlag trommelte in seinen Ohren. Aber er kämpfte seine Angst nieder. Er musste sich um seine Mutter kümmern! Er war kein Feigling und er würde nicht davonlaufen, bevor er die Gefahr überhaupt gesehen hatte! Entgegen allem, zu was ihn seine Instinkte drängten, zwängte er sich rücksichtslos in die Richtung, aus der die Gefahr drohte.

Es waren nur zwei Frauen vor ihm, aber es kam ihm vor, als ob er Ewigkeiten gekämpft hatte, bis er freie Sicht hatte und er sah – nichts. Im ersten Augenblick atmete er auf, denn da war nichts, was die Aufregung verursacht haben konnte und für einen abgrundtiefen Augenblick wusste er nicht, ob er erleichtert oder enttäuscht sein sollte. Der Friedhof war so heiß, so still und so verlassen, wie zuvor, die einzige Veränderung war ein dünner, schlaksiger Jugendlicher in Jeans und einem zerknitterten weißen Hemd, der gemächlich mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen auf die Trauergruppe zuschlenderte. Da es nichts anderes zu sehen gab, sah Hawk genauer hin. Der Junge war im Highschool-Alter, Abschlussjahr vielleicht, hoch aufgeschossen und schlank, fast hager, mit kurzen, dunklen Locken, die einen Kamm nötig gehabt hätten, legte man den Maßstab seiner Mutter an. Etwas in der Art, wie er sich bewegte, schlug eine Saite in Hawks Unterbewusstsein an. Er kniff die Augen gegen die grelle Sonne zusammen und sah genauer hin. Lange, lockere Glieder, raumgreifender Schritt, arrogante Kopfhaltung - Hawk schnappte nach Luft: Wo hatte er seine Augen gehabt? Diese Haltung, dieser Gang, das hochmütige, halb verächtliche Lächeln – das war Matt wie er leibte und lebte – oder gelebt hatte. Dazu die dichten Locken, das schmale Gesicht mit der breiten Stirn, der messerscharfen Nase und den steilen Wangenknochen – das war die viel jüngere, verbesserte Version von Matt. Kein Wunder, dass alle so starrten.

Der Pfarrer hatte schließlich auch bemerkt, dass etwas im Gange war. Er unterbrach seine Rede und wandte sich um. Als er den Jungen sah, lächelte er und winkte ihn mit einer Geste, die die ganze Welt einzuladen schien, heran.

Der Junge nickte, als ob er sich für die Einladung bedankte, aber er blieb in einiger Entfernung stehen, die Hände in den Hosentaschen, das Kinn vorgestreckt und in den Augen einen Ausdruck, der über das offene Grab hinweg jeder einzelnen Frau der Trauergruppe seine unverhohlene Verachtung deutlich machte.

Hawk musterte ihn seinerseits. Mädchen würden ihn sicherlich süß finden mit seinen wilden Locken und diesen Wangenknochen – Mädchen standen unglaublich darauf - und sein höhnisches Grinsen würde seine Attraktivität nur noch steigern. Die Einer-gegen-die ganze-Welt-Attitüde zog immer. Unter Jungs würde er sich damit kaum Freunde machen, aber er sah nicht aus, wie einer, der sich darum scherte.

Der Pfarrer wiederholte seine einladende Geste, aber der Junge ignorierte ihn und und blieb, wo er war, die Hände in den Hosentaschen, gewollt abseits, demonstrativ beleidigend.

Das Raunen war inzwischen abgeebbt. Anscheinend waren die Frauen zu dem Schluss gekommen, dass nicht Matt's Geist aufgetaucht war, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, der einfach so aussah, wie Matt vor – Hawk rechnete schnell nach – ungefähr dreißig Jahren. Der Pfarrer wandte sich wieder seiner Trauergemeinde zu und setzte seine Rede fort, als ob sie niemals unterbrochen worden wäre: Matt und Matt und Matt und sein Leben voller Mühen. Hawk hörte nicht länger zu, als der Pfarrer das Gute in Matt's Leben Revue passieren ließ; die Faszination, die von dem Eindringling ausging, war zu groß, um ignoriert zu werden. Der Typ war unglaublich cool. Furchtlos. Einer wie er kümmerte sich nicht darum, was andere von ihm hielten, er zog sein Ding durch, wie er es für richtig hielt. Irgendwann einmal würde er auch so cool sein.

Der Eindringling musterte die Trauergemeinde mit unbewegtem Gesicht; er schien er sich jedes Gesicht genau einprägen zu wollen. Irgendwann traf der suchende, zornige Blick Hawk – und blieb hängen. Schweigend musterte er ihn, mit Augen, die so grün und klar waren wie die von Matt, ebenso smaragdgrün und von der gleichen, intensiven Unverblümtheit. Hawk fühlte fast, wie der Blick von seinem ordentlich gekämmten, glatten schwarzen Haar, über sein Gesicht zu seinem sorgfältig gebügelten, weißen Hemd und der neuen, schwarzen Hose bis zu den Spitzen seiner staubigen Sneakers und zurück zu seinem Gesicht wanderte.

Hawk starrte zurück. Unendliche Sekunden geschah nichts, dann nickte der Jugendliche fast unmerklich. Hawk grinste erfreut und ging auf ihn zu. Er hörte seine Mutter seinen Namen flüstern, aber seine Neugier war zu groß und er ignorierte sie. Der Druck ihrer Hand auf seiner Schulter verschwand, er bemerkte es nicht einmal. Es waren nur ein paar Schritte an dem mit grünem Grasteppich verkleideten Loch im Boden vorbei, bis er dem Jungen gegenüberstand, der so viel Aufruhr verursacht hatte. Er war groß, mindestens eineinhalb Köpfe größer als er und seine Haltung war entspannt, aber dennoch wachsam, er signalisierte ohne Worte, dass mit ihm nicht zu spaßen war. Sein Blick sezierte ihn so gründlich, dass er sich unbehaglich fühlte, aber dann nickte er und der Hauch eines Lächelns flog über sein Gesicht, das ihn vom Terminator in einen guten Kumpel verwandelte.

„Wie passt du in diese Krähenschar?“

Krähenschar? Hawk grinste. Sie sahen wirklich aus wie eine Schar von traurigen, schwarzen Vögeln. Aber die Antwort... Matt's Namen auszusprechen war aus naheliegenden Gründen keine Option, ihn seinen Vater zu nennen schien nicht viel sicherer, aber nicht zu antworten kam auch nicht infrage.

„Sie ist meine Mutter“, antwortete er und nickte in Richtung seiner Mutter, die anders als die anderen Frauen höflich ihren Blick abgewandt hielt.

Jetzt, als er den Jungen direkt vor sich sah fielen Hawk noch andere Ähnlichkeiten mit Matt auf, die Linie der arrogant geraden, schmalen Nase, die schmalen, scharf geschnittenen Lippen, die steilen Augenbrauen. Ihm kam ein Verdacht ...

„Dein Name?“, durchbrach die schroffe Frage seinen Gedankengang.

„Colin.“

Der Junge fletschte seine Zähne in einer Weise, die Abscheu und ein Maß an Aggression zeigte, die Hawk einen vorsichtigen Schritt zurücktreten ließ.

„Hast du noch ’nen anständigen Namen? Ich meine einen, der nicht nach deinem Alten klingt.“

Hawk grinste erleichtert. In seinen Papieren stand zwar Colin, aber seine Mutter nannte ihn Hawk. Wenn Matt dagewesen war, hatte er darauf bestanden, dass sie ihn Colin nannte, aber das musste er ja nicht unbedingt erwähnen.

„Hawk.“

Der Hauch eines Lächelns flog über das Gesicht seines neuen Bekannten.

„Hawk also. Gut. Ich bin Rafael. Glückwunsch Hawk, wie's aussieht hast du gerade einen großen Bruder bekommen.“

Kapitel 1

„Nein, keine Chance, Vince“, lachte Colin Arden. „Da mache ich nicht mit. Such' dir einen anderen. Wie wär’s mit Dandy? Der ist für jeden Blödsinn zu haben.“

Vince Chapman, Regisseur und der neue, strahlende Stern am Filmhimmel, hatte ein dickes Fell und nahm die abwertende Bemerkung über einen Film, der ihm den Oskar in mindestens acht Kategorien bringen sollte, nicht zur Kenntnis. Überdies galt er als äußerst zielstrebig und jeder Widerstand bestärkte ihn erst recht auf dem einmal eingeschlagenen Pfad. Aber mit Julian „Dandy“ Loring, seinem Freund und Bandkollegen, sozusagen vor seiner Nase herumzuwedeln hatte den gewünschten Effekt: Vince wechselte wie ein Bluthund auf die neue Spur.

„Julian Loring?“, überlegte er. „Hübscher Junge, gute Figur, erstklassige Aussprache.“ Er seufzte. „Aber er ist blond“, als sei Dandys wallende blonde Mähne ein Makel und nicht einer der Gründe, warum Dandy nicht allzu oft allein schlafen musste.

„Willst du es dir nicht noch einmal überlegen? Nur diese drei Szenen. Du musst nichts anderes tun, als Sandy Mercer küssen. Sandy Mercer! Hast du eine Ahnung, wie viele Männer für diese Chance auf Knien hinter mir herrutschen würden? Du bist undankbar! Und wegen der paar Sätze, die du zu sagen hättest, musst du dir keine Gedanken machen. Für eure Refrains musst du ja auch Text lernen. Ach ja, und lebensecht sterben dürfte auch kein Problem sein.“

„Lebensecht sterben, aha.“

„Exakt. Hör zu, ich erkläre dir die Schlüsselszene. Du wirst sehen, es ist genau das, was du schon immer machen wolltest.“

Während sich Vince weitschweifig über sein neuestes Projekt ausließ, suchte Colin den weitläufigen Park des Fairbanks-Anwesens nach einem Bekannten ab, der ihn vor Vince’s Avancen rettete. Nur mit halbem Ohr lauschte er der ausführlichen Beschreibung der Szene, die von der überwältigenden Präsenz eines Schauspielers mit Charme, Esprit und dem Aussehen eines Kriegergottes dominiert werden sollte und die Vince in seiner, Colins, Person gefunden zu haben glaubte. Colin nahm sich ein Glas Weißwein vom Tablett eines Kellners. Zu spät erinnerte er sich daran, dass Roger Fairbanks zwar jede Menge Geld hatte, dass sich jedoch Geschmack nicht kaufen ließ und er seine Gäste mit dem süßen Stoff verwöhnte, den er selbst zu trinken pflegte. Nur der Champagner war trinkbar, weil der führende Partyservice der Stadt sich in diesem Bereich nicht hineinreden ließ. Nur war der Kellner inzwischen verschwunden. Einerlei, er hätte sowieso lieber ein Bier gehabt.

Es war kurz vor Mitternacht und die Party bei Roger und Gillian Fairbanks hatte gerade erst begonnen, weswegen noch nicht das übliche Gedränge herrschte, das es leichter gemacht hätte, Vince auszuweichen. Colin bedauerte ohnehin, dass er sich hatte überreden lassen, herzukommen. Seit vier Wochen waren er und seine Freunde im Studio mit den Aufnahmen zu ihrem neuen Album beschäftigt und er hatte sich danach gesehnt, einfach nur einen Abend allein sein zu können. Aber Gillian hatte so gedrängt und er tat ihr ja eigentlich gerne den Gefallen. Er hatte sich gesagt, dass er nicht länger als ein paar Minuten bleiben musste, aber dann war er ausgerechnet Vince in die Arme gelaufen. Colin mochte ihn, wirklich, aber er hätte ihn mehr gemocht, wenn Vince nicht die Angewohnheit entwickelt hätte, ihn zu einer Rolle in einem seiner Filme überreden zu wollen. Die angesprochene Rolle des todgeweihten Liebhabers war ihm nach Vince’s Auffassung direkt auf den sportgestählten Leib geschrieben und gerade schwelgte Vince in Vorstellungen vom Aufeinandertreffen nordischer Kühle und indianischen Feuers und wie gut seine sehnigen, tief gebräunten Musikerhände auf der lilienweißen Haut der silberblonden Sandy wirken würden. Dieses Bild musste ihn doch beeindrucken oder etwa nicht? Die weiblichen Kinobesucher würden sich hoffnungslos in die Verkörperung des dunklen, mysteriösen Verführers verlieben und hemmungslos in ihre Taschentücher schluchzen, wenn seine Darstellung des Todeskampfes eines von Dutzenden von Kugeln durchsiebten Ehebrechers nur eine Spur der Dramatik aufwies, für die die Bühnenshows von Hadessphere bekannt waren. Und stoische Haltung im Angesicht des Todes war für einen Krieger der Navajo doch eine Selbstverständlichkeit oder nicht?

Da Colin einschätzen konnte, dass seine schauspielerischen Fähigkeiten nicht mehr als mäßig waren, wusste er auch, dass es sein Aussehen war, das ihm die Angebote bescherte, die sich mehr oder weniger auf den monoton-dumpfen Quotenindianer oder den mysteriös-erotischen Liebhaber beschränkten. Er hatte keine Lust, sich als exotischer Hintergrund vom Dienst verheizen zu lassen.

„Nimm’s mir nicht übel, Vince, aber such dir einen anderen Todeskandidaten. Ach ja, und wenn du schon dabei bist, feuere den Drehbuchschreiber. Entweder ist der gehörnte Ehemann blind oder dein Liebhaber ist ein medizinisches Wunder. Dutzende von Kugeln! Wenn du willst, machen wir beide einen realistischen Versuch. Ich zeige dir, auf welche Entfernung man genau trifft und du findest heraus, wie man sich schon nach dem ersten Treffer fühlt.“

„Du meinst, du würdest es dir überlegen, wenn ich mich auf, sagen wir, zwei oder drei Kugeln beschränke?“, fragte Vince zuversichtlich.

„Nur wenn ich sie vorher an dir ausprobieren kann.“

Colin kam sich gemein vor, als er die Hoffnung in den zutraulichen Augen des unscheinbaren Mannes verlöschen sah. Er wusste, dass diese Hilflosigkeit Vince’s Masche war und dass es kaum einen zielstrebigen Menschen in Hollywood gab, aber es kostete immer Überwindung, ihm einen Wunsch abzuschlagen.

„Nein, komm jetzt nicht auf dumme Gedanken - nicht einmal dann. Ich bin immer noch dankbar, dass ich nicht im „Vermächtnis des schwarzen Bundes“ mitgemacht habe, an das „Gläserne Labyrinth“ will ich nicht einmal denken.“

Vince’s erster Film war ein Epos aus den Gründertagen New Yorks, gewesen, das dem Betrachter keine Einzelheit der damaligen sozialen und medizinischen Verhältnisse ersparte, was insgesamt schon zu viel Blut und Pathos für Colins Geschmack war, aber es war immer noch besser gewesen, als das düstere Psychobild der Selbstzerfleischung eines Soldaten, der als Einziger seines Zuges einen Einsatz überlebt hatte.

Dieser Film, in dem er die Rolle eines heroinabhängigen Indianers abgelehnt hatte, war es gewesen, der Vince den endgültigen Aufstieg in den Olymp beschert hatte.

„Es waren erfolgreiche Filme. Zwei Oskars und fünf Nominierungen“, entgegnete Vince pikiert. „Du hättest den für die beste Nebenrolle bekommen können. Ricky Stowe sieht nur halb so gut aus, wie du und jetzt verdient er das große Geld und die Frauen rennen ihm die Tür ein. Und was hast du?“

„Keine Psychoprobleme“, brummte Colin gutmütig. „Ich hörte, der gute Ricky hat schwer gesoffen, als die Dreharbeiten vorbei waren. Identifikation mit einer Rolle ist ja gut und schön, aber Ricky hat wohl vergessen, wieder umzuschalten.“

„Ricky hat schon für zwei gesoffen, als er noch zur Highschool ging“, beschied ihm Vince brutal. „Man kann ihn nur ertragen, wenn er voll ist wie eine Strandhaubitze. Er ist ein wirklich guter Schauspieler, aber ansonsten ein echter Kotzbrocken, wusstest du das nicht?“

Colin zuckte gleichgültig die Schultern. Rickys Ruf hallte ihm voraus, wie Donnergrollen. Aber ganz abgesehen davon konnte nach Colins Ansicht jeder tun, was ihm gefiel und wenn jemand es richtig fand, sich seinen Verstand aus dem Schädel zu spülen, war das seine Angelegenheit allein. Nach seiner Meinung war Ricky jedoch gut beraten, seine übersteigerten Allüren zurückzuschrauben.

„Ich habe gehört, dass man eine schriftliche Anfrage einreichen muss, bevor man ihn ansprechen darf.“

„Habe ich auch gehört, aber er hat es nie drauf ankommen lassen, wenn ich in der Nähe war“, entgegnete Vince bedrückt. „Schade, nicht?“

Colin hatte von Vince's berüchtigten Temperamentsausbrüchen gehört und er nahm an, dass Vince sie mehr genoss, als er jemals zugeben würde. Und Ricky wäre ein Festmahl für ihn.

„Das Leben ist gemein, zu selten ist es einem Menschen gegönnt, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Aber du hättest die Chance, herauszufinden, ob es stimmt. Lass dir mein Angebot noch einmal durch den Kopf gehen. Zwei Wochen Arbeit und jede Menge Vergnügen: Ricky spielt nämlich den Ehemann.“

„Colin, wie schön, dass du gekommen bist!“

Gillian Fairbanks entzückter Ausruf enthob Colin einer weiteren ablehnenden Antwort. Er lächelte ihr entgegen, als sie auf ihn zuschwebte. Die transparenten Lagen ihrer pfauenblauen Robe umwogten sie wie Nebelschwaden. Gillians hochgewachsener, schlanker Mannequinkörper rundete sich auffällig unterhalb ihrer Brust. Sie war schwanger und sie unternahm nichts, um die Anzeichen zu verschleiern. Voller Freude umarmte sie Colin und hauchte ihm einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange. Dabei hüllte ihn der Duft ihres blumigen Parfums ebenso ein, wie ihr liebevolles Lächeln.

„Ich hatte so gehofft, dass du kommst, daran geglaubt habe ich nicht. Ich weiß, du hasst solche Veranstaltungen. Und dann fällst du gleich Vince in die Hände! Armer Kerl, hat er dich wieder vom rechten Pfad abbringen wollen?“

„So ist es recht: Fall mir in den Rücken! Ich will ihn berühmt machen und er tut, als ob ich ihm an die Wäsche wollte.“

„Pst, Vince! Denk daran, dass hier eine Menge Menschen sind, die deine lockere Lebensauffassung nicht teilen“, tadelte Gillian Fairbanks milde. „Oder halte dich zumindest so lange zurück, bis alle gespendet haben.“

„Jetzt weiß ich endlich, warum du mich eingeladen hast. Die ganze Zeit habe ich mich gefragt, warum du deinen schwulen Bruder auf dem hochherrschaftlichen Anwesen duldest: Zuerst soll ich den Löwenanteil von den paar Kröten spenden, die ich mit meinen bescheidenen Filmen verdient habe, und dann soll ich die Gäste aus dem Haus graulen, damit du und der werte Herr Gemahl noch vor Sonnenaufgang in allen Ehren sündigen könnt.“

„Apropos Spende“, unterbrach Colin die geschwisterliche Kabbelei, bevor Gillian wieder, wie schon zu anderen Gelegenheiten eine Grundsatzdiskussion darüber entfachen würde, ob die heterosexuelle Lebensgestaltung nicht doch eine wäre, zu der sich Vince mit etwas Mühe durchringen konnte. Vince wollte nicht oder konnte nicht, aber das war nach Colins Auffassung ganz allein seine Sache. Gillian jedoch wollte oder konnte das nicht begreifen. Im Grunde ihres Herzens hatte sie nie die kleinbürgerliche Lebenseinstellung ablegen können, die in der Kleinstadt in Massachusetts, aus der sie stammte, die allgemeingültige war. Ein Leben im Jet Set hatte daran nichts ändern können. Was sie bei jedem anderen akzeptiert hätte, sah sie bei ihrem Bruder als Makel an, der in ihrer Vorstellung auch einen Schatten auf ihre gesellschaftliche Integrität warf.

„Das hier ist für dich. Meinen herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.“

Gillian schlug entzückt die Hände zusammen, als sie die winzige rote Lackschachtel sah.

„Wie süß von dir. Aber du solltest das doch nicht tun. Eine kleine Spende für die Stiftung wäre mehr als ausreichend gewesen.“

„Das habe ich bereits erledigt. Roger stand am Eingang und er sah so grimmig aus, dass ich versehentlich eine Null zu viel auf den Scheck gemalt habe. Aber für ein Lächeln von dir ist mir nichts zu teuer.“

„Da siehst du es Vince: Es gibt noch Menschen auf dieser Welt, die einer Frau huldigen, die entsetzlich aus der Form geraten ist. Jetzt habe ich wenigstens eine Freude auf dieser Welt.“

Die deprimierende kleine Ansprache wurde durch das blühende Aussehen des Geburtstagskindes als reine Koketterie entlarvt, wenn es nicht bereits der funkelnde eisblaue Diamant an ihrem Ringfinger getan hätte. Gillian sah, das er Colin nicht entgangen war und hob ihn so, dass sich das Licht der Lampions darin brach.

„Ist er nicht wunderbar? Roger hat ihn bei Madeleine gekauft. Sie hat einen entzückenden Laden direkt neben „Scarlet“, meiner Lieblingsboutique auf dem Sunset Boulevard. Immer wenn ich in der Gegend bin, besuche ich sie und ich bin nie ohne eine nette Kleinigkeit aus nach Hause gegangen. Madeleine ist eine wirkliche Künstlerin. Roger sagte ihr, dass er etwas ganz Besonderes wollte und sie entwarf die Fassung und besorgte einen Diamanten in genau der Farbe meiner Augen. Er ist reizend, nicht wahr?“

„Kein Wunder, dass Roger jetzt eine Wohltätigkeitsparty geben muss“, schmunzelte Colin, der nicht ganz sicher sein konnte, ob Gillians Begeisterung Roger oder dem Diamanten galt. Er tendierte dazu, das lobende Attribut dem Diamanten zuzugestehen, denn reizend würde er Roger auch bei äußerstem Wohlwollen nicht nennen. Dass das Verhältnis zu Roger etwas gespannt war lag zum Großteil an Roger, der sich nicht damit abfinden konnte, dass ein ehemaliger Liebhaber seiner Frau ein geschätzter Gast in seinem Haus war. Lieber hätte er es gesehen, wenn Gillian mit ihrem Vorleben ein für allemal gebrochen hätte. Colin hatte von Anfang an gewusst, dass seine Verbindung zu Gillian nicht für die Ewigkeit geschaffen war, zu verschieden waren ihre Ansichten und Erwartungen, aber er schätzte sie als Freundin und hatte nicht vor, diese Freundschaft wegen eines unnötig eifersüchtigen Ehemannes aufzugeben. Deswegen gab er sich Mühe, Roger aus dem Weg zu gehen und bei unvermeidlichen, gesellschaftlichen Begegnungen waren sie beide gewandt genug, die Klippe Animosität zu umschiffen. Bissige Bemerkungen konnte und wollte sich Colin deswegen jedoch lange nicht verkneifen.

„Als er diesen Brocken in Auftrag gegeben hat, muss diese Madeleine in lauten Jubel ausgebrochen sein. Bestimmt muss Roger jetzt am Buffet sparen. Gehen wir und versuchen, wenigstens ein trockenes Brötchen zu ergattern.“

„Halt“, bestimmte Gillian. „Zuerst will ich dein Geschenk auspacken und dann zeige ich dir, wo Roger die wirklich guten Sachen hat. Wir haben da einen Rotwein aus Frankreich, der müsste dich glücklich machen. Aber du“, wandte sie sich an Vince, „bekommst keinen Schluck davon.“

Behutsam löste sie die zarte goldene Schleife, dann hob sie vorsichtig den roten Lackdeckel an.

„Oh, Colin, das ist wunderschön“, hauchte sie ergriffen.

Behutsam entnahm sie dem Kästchen einen winzigen Buddha aus Elfenbein. Vor langer Zeit hatte ein Künstler dem Kunstwerk den Ausdruck von Weisheit und unendlicher Güte zu verleihen verstanden. Die Zeit hatte das Elfenbein gelblich verfärbt, was der Figur zusätzliche Kraft und Schönheit verlieh.

„Woher wusstest du, dass ich asiatische Kunst sammele, seit wir letztes Jahr in Japan waren?“

„Lani hat es mir gesagt“, gestand Colin. „Sie wäre gern gekommen, aber sie und Viper sind auf einer Familienfeier in Honolulu.“

Er schmunzelte verstohlen, Rafael würde die Zeit buchstäblich unter den Kindern seiner angeheirateten Familie begraben verbringen. Obwohl Rafael nie den geringsten Versuch unternahm, sich beliebt zu machen - eher das Gegenteil - waren Kinder geradezu verrückt nach diesem verdrießlichen Stück Arroganz. Zugegeben, seit seiner Hochzeit mit der entzückenden Hawaiianerin Lani zwei Jahre zuvor war Rafael „Viper“ Estes, Gitarrist der Band Hadessphere, anerkannter Misanthrop und ganz nebenbei sein Halbbruder, etwas weicher geworden, was jedoch nicht hieß, dass er jemals völlig handzahm werden würde. Aber Lani schien auf die Kombination aus rauer Schale und hartem Kern zu stehen, sie hatte mit dem personifizierten worst case keinerlei Probleme. Rafaels Ruf, der das Ergebnis jahrelanger beharrlicher Hingabe an alle Arten des Lasters war, machte es für Außenstehende schwierig, anzuerkennen, was Colin bereits wusste: dass diese Ehe im Himmel geschlossen worden war.

Colin war seiner reizenden Schwägerin seit dem ersten Blick in ihre sanften Augen verfallen, er liebte sie so, wie es bei einem Schwager nicht unbedingt akzeptabel war. Aber solange niemand anderer als er davon wusste, konnten alle damit leben. Vor allem, solange Rafael nur ahnte und nicht wusste.

„Ich verstehe immer noch nicht, wie eine nette Frau, wie Lani einen solchen Eisklotz heiraten konnte“, seufzte Gillian. „Sie hätte besser dich genommen.“

„Ganz meine Meinung, aber ich muss etwas Wesentliches falsch machen, du hast ja auch Roger geheiratet und nicht mich.“

„Du hast mich ja nicht gefragt.“

„Ich hatte keine Chance dazu; als ich endlich allen Mut zusammengenommen hatte, hattest du nur noch Augen für Roger.“

Gillian lächelte lieb und hakte sich bei Colin unter. „Ich werde mich heute sehr genau davon überzeugen, was an deiner Technik nicht perfekt ist. Aber ich kann dir schon versprechen, dass eine Menge junger Damen entzückt geseufzt haben, als du aufgetaucht bist. Und ich werde dich mit jeder einzelnen bekannt machen.“

Colin wusste, dass Gillian sich sehr genau an jede Einzelheit seiner Technik erinnerte, schließlich hatten sie sechs angenehme Monate miteinander verbracht. Nachdem ihre Beziehung auseinandergegangen war, weil Gillian ihm unter Tränen gestanden hatte, dass sie sich in Roger verliebt hatte, war aus ihrer Liebelei eine dauerhafte Freundschaft geworden. Er erinnerte sich noch gut an jenen Abend und daran, wie er seine gerade Verflossene im Arm gehalten und getröstet hatte, weil sie schier daran verzweifelt war, ihm das Herz brechen zu müssen. Aber irgendwie war seine moderate Reaktion wohl ein Fehler gewesen, weil Gillian seitdem einen regelrechten Schuldkomplex entwickelt hatte und ständig versuchte, ihn für den Verlust zu entschädigen.

Colin warf Vince einen hilfeheischenden Blick zu, der jedoch begegnete ihm mit einem Schulterzucken und einem boshaften Blick.

„Selbstverständlich würde ich dir jede Unterstützung gewähren, wenn du einer meiner Stars wärst, aber so ... Tut mir leid! Sagtest du nicht, dass Julian heute kommen will? Vielleicht ist er ja wirklich das, was ich immer wollte. Wenn du mich also entschuldigen würdest ...“

Vince wandte sich würdevoll ab und überließ Colin einem Schicksal, das nicht ganz so hart war, wie Colin glauben lassen wollte. Solange Gillian ihm die letzte Wahl überließ, war er gern bereit, den Hahn im Korb zu spielen.

Angeregt plaudernd zog Gillian ihn durch die Grüppchen von Gästen, hielt hier und da kurz an, lächelte, begrüßte Freunde und Förderer der Fairbanks-Stiftung für leukämiekranke Kinder, ließ sich jedoch nicht dazu überreden, von Colins Seite zu weichen. Colin beschlich das untrügliche Gefühl, Gast bei seiner eigenen Hinrichtung zu sein. Er kannte sich mit Frauen aus: Demonstrativer weiblicher Geleitschutz bedeutete nur selten etwas anderes, als dass man der besten Freundin der Eskorte zum Fraß vorgeworfen werden sollte. In Gedanken formulierte er eine Auswahl höflicher Ausflüchte, damit sie ihm im entscheidenden Augenblick auch wirklich leicht von den Lippen flossen. Er erinnerte sich nur zu gut an Terry-June Mayhew, mit der Gillian ihn zuletzt hatte verkuppeln wollen. Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass bei jeder ihrer Bemühungen der in ihren Augen passende Ersatz einer gewesen wäre, der in ihm wenigstens eine Spur von Bedauern belassen hätte. Terry-June hatte ihn dieses Bedauern bereits nach einer Viertelstunde gelehrt, in der sie ununterbrochen nur über das eine für sie relevante Thema geredet hatte: ihre eigene, überaus attraktive Person. Er hatte Gillian danach sehr deutlich gemacht, dass er keine karitative Einrichtung war und auch nicht vorhatte, es zu werden. Gillian hatte seinen Worten ohne Schwierigkeiten entnehmen können, dass sie bei keiner Einladung mehr auf seine Anwesenheit zählen konnte, falls sie sich nicht zurückhielt. Aber seit Terry-June war eine ganze Weile vergangen und er täte wohl gut daran, seine Warnung zu erneuern.

Er schenkte Gillian, die ihm vom erwarteten Sohn und Thronerben vorschwärmte, ein beiläufiges Ohr, während er sich im Park des weitläufigen Anwesens umsah. Langsam begann sich die Rasenfläche mit festlich gekleideten, gut gelaunten Menschen zu füllen. Bald würde das herrschen, was Gillian, wie jede Gastgeberin in Bel Air abfällig als entsetzliches Gedränge abtat, obwohl sie doch Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hatte, um genau das sicherzustellen. Eine Party, bei er sich die Gäste nicht gegenseitig auf die Zehen traten, war ein absolutes Desaster, aber Gillian hatte, genau wie ihr ergebener Gatte, beste Verbindungen, weswegen ein solcher Fall weder jetzt noch für die Zukunft zu erwarten war. Die letzten Gäste würden irgendwann nach dem Frühstück gehen. Falls Gillian die Vorstellung gepflegt hatte, irgendwann vor Sonnenaufgang ins Bett zu kommen, hatte sie sich stärker verändert, als er angenommen hatte. Er hatte sie noch als bemerkenswert ausdauerndes Partygirl in Erinnerung. Und wie sie dieses Leben genossen hatte!

Sie hatten die mit Blumen und Lampionketten geschmückte Terrasse der Villa erreicht, eines Natursteinbaus aus dem zwanzigsten Jahrhundert, der angestrengt vorzugeben versuchte, aus dem sechzehnten zu stammen, als Colin wie angewurzelt stehen blieb.

„Wer ist das?“

„Wer?“

Colin antwortete nicht. Er war nicht imstande dazu, war gefangen im Bann einer Vision. Was er sah, konnte nicht real sein: Mondlicht und Mitternacht hatten eine Sirene geformt, die er sich in seinen wildesten Träumen nicht hätte vollkommener ausmalen können. Jede ihrer Kurven war perfekt, der sanfte Schwung ihres Nackens reine Verheißung, ihre Haltung vollendete Harmonie, ein Wesen aus einer anderen Dimension, unfassbar schön und strahlender als der Diamant an Gillians Finger. Sie stand mit dem Rücken zu ihm. Glänzende, dunkelblaue Seide floss wie mitternächtliches Wasser an ihrem Körper herab, ein dreieckiger, zartblauer Eissplitter steckte in ihrem schweren, weißblonden Haarknoten und zerfloss in einen Regen glitzernder Tränen auf der makellosen Haut ihres Rückens. Der aufsehenerregend tiefe Rückenausschnitt ihres Abendkleides war nichts weniger, als die Einladung, ihre golden schimmernde Haut zu berühren, das sanfte Schwingen der Schmuckschnüre über ihr Rückgrat war die Aufforderung, es sofort zu tun. Colin war ganz und gar nicht der Mann, der sich schon beim Anblick einer schönen Frau in Ekstase wand. Er schätzte Schönheit und er mochte Frauen und er wusste den Genuss an beidem mit einer gesunden Portion Realismus zu verbinden. Trotzdem stand er jetzt hier und wartete angespannt darauf, dass seine Vision sich umdrehte. Er musste wissen, ob die überaus gewagte und dennoch elegante Aufmachung sich in ihren Zügen widerspiegelte oder ob sie lediglich das Ergebnis einer erfolgreichen Sitzung bei einem guten Designer war.

„Dort neben dem Pavillon?“, vergewisserte Gillian sich, obwohl sie schon nach dem ersten Blick in die Richtung, in die er starrte, sicher sein musste, was oder eher wen ihr ehemaliger Geliebter gerade für sich entdeckt hatte.

„Taneeya Carventas und Dominic Dane müsstest du kennen, Anthea Jones-Courtney auch, der Herr, der mit dem Rücken zu uns steht, ist Andrew Barron, einer von Rogers Bankerfreunden aus New York.“

Colin reagierte lediglich mit einem Knurren, das ihr bedeutete, den Bogen nicht zu überspannen. Er hatte seinen guten Willen bewiesen und war zu ihrer Party gekommen, nun forderte er die Gegenleistung ein.

„Ah ja, die Dame in Blau. Ich erinnere mich, dass du schon immer ein Faible für Blau hattest, nicht wahr? Das bringt mich auf ein ganz wichtiges Thema: Wie findest du mein Kleid? Du hast noch nicht ein Wort darüber verloren!“

„Entzückend“, murmelte er, jedoch ohne den Blick von seinem Ziel zu wenden.

Gillian seufzte, aber sie erkannte wohl, dass sie nicht mehr aus ihm heraus bringen würde. „Die Dame, die du in deiner Phantasie gerade aus dem Rückenausschnitt ihres Abendkleides zerrst, ist Madeleine Turner. Die Madeleine, von der ich dir gerade erzählt hatte.“

„Roger hat den Klunker wohl doch noch nicht bezahlt“, mutmaßte Colin, ohne den Blick auch nur eine Sekunde von einem Traumbild zu lassen, das sich, so seine Befürchtung, bereits beim nächsten Lidschlag in Nichts auflösen würde. „Sonst hätte sie sich die zweite Hälfte des Kleides auch noch leisten können. Ich hätte nie gedacht, dass Mr. Perfekt einmal etwas vergisst und dass ich ihm dafür auch noch dankbar sein muss.“

Wenn Colin nicht sehr gut gewusst hätte, dass sich der Wert einer Robe am allerwenigsten an der Menge des verarbeiteten Materials maß, hätte Gillian ihm deutlich dargelegt, dass die Zahlungsmoral ihres Gatten über jeden Zweifel erhaben war. Roger, der vorhatte, bei der nächsten Wahl als Gouverneur zu kandidieren, wäre über auch nur den geringsten Zweifel daran entsetzt. Aber Colin war an Rogers Befindlichkeiten grundsätzlich nicht interessiert und derzeit noch weniger, als jemals zuvor. Gillian war das sicherlich klar und auch, dass seine Dankbarkeit sich in Grenzen hielt, ebenso wie sein Bedürfnis nach Konversation.

„Du wirst dich doch anständig benehmen, wenn ich dich ihr vorstelle?“

„Tu ich das nicht immer?“

In ihrer gemeinsamen Vergangenheit hatte es einige Gelegenheiten gegeben, bei denen Anstand das letzte gewesen war, an dem sie beide interessiert gewesen waren und er konnte sich nicht an eine erinnern, bei der Gillian sich darüber beklagt hatte. Aber inzwischen war sie die Frau eines Politikers und sah sich in einer Vorbildfunktion. Wie gut, dass er einen Beruf gewählt hatte, der diesen gesellschaftlichen Einschränkungen nicht unterworfen war. Er konnte es sich leisten, dem Bild des Rockmusikers mit kapriziösen Launen und exaltiertem Benehmen die eine oder andere interessante Variante hinzuzufügen. Aber Erinnerungen waren das eine, ein Skandal auf ihrer Wohltätigkeitsparty etwas völlig anderes. Er tätschelte Gillians Hand.

„Vertrau mir.“

 

*

„Drehen Sie sich nicht um. Er zieht Sie geradezu aus mit seinen dunklen Mörderaugen.“

Taneeya Carventas schauderte dramatisch, ungeheure Neugier und leiser Neid machten ihre ohnehin schon durchdringende Stimme noch schärfer, als sie über Madelines Schulter hinweg ihre Gastgeberin mit ihrem Bruder und dem Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit auf sich zukommen sah.

„Gillian ist es tatsächlich gelungen, Colin Arden zum Kommen zu bewegen. Rechnen hat man damit ja nicht können. Wisst ihr, nachdem er ihr den Laufpass gegeben hat, machte er sich eine ganze Zeit lang rar. Natürlich hieß es offiziell, dass sie die Verbindung gelöst hat, aber sehen sie sich den Mann doch an! So einen stößt man doch nicht von der Bettkante – nicht einmal dann, wenn er beim Sex die Socken anlässt. Himmel, der Mann sieht einfach phantastisch aus.“

Madeleine Turner schauderte bei der zu deutlichen Vorstellung, aber grundsätzlich musste sie Taneeya zustimmen: Colin Arden war ein Bild von einem Mann. Sein Name war das Erste gewesen, nach dem sie gefragt hatte, als dieser unglaublich gut aussehende Mann im Garten aufgetaucht war. Madeleine hatte mit ihren siebenundzwanzig Jahren bereits eine ganze Menge gutaussehender Männer kennengelernt. Gerade in LA, wo der ständige Anblick gebräunter und getunter Strandjungs in den Freiluftarenen von Venice Beach für die Beurteilung körperlicher Attraktivität ein sehr hohes Niveau ansetzen ließ, bedurfte es schon eines besonderen Anblicks, um Aufmerksamkeit zu erregen.

Madeleine hatte bereits vor einigen Jahren festgestellt, dass Starallüren und überzüchtete Muskeln sie nicht anzogen, bisher war ihr jedoch noch nicht bewusst gewesen, dass sie auf lässig gekleidete, betörend wilde Männer stand. Colin Arden war eindeutig wild und ungezähmt und als ihr Dominic Dane seinen Namen genannt hatte, waren ihr auch einige der Geschichten in den Sinn gekommen, die über ihn im Umlauf waren. Interessante Geschichten, ein interessanter Mann, aber keiner, den ihre Eltern ihr vorgestellt hätten. Gott sei Dank war sie über das Alter hinaus, in dem man sich Vorschriften machen ließ. Aber sie war ganz offensichtlich in einem Alter, in dem man außerordentlich neugierig war.

Sie hatte gesehen, dass er in die Richtung auf ihre Gruppe steuerte und genau das war der Moment gewesen, in dem Taneeya sich strategisch so positioniert hatte, dass sie den besten Blick auf ihn hatte. Colin Ardens Teint zeigte das dunkle Gold eines Surfers oder Strandboys oder eines Mannes, der den Großteil seiner Zeit im Freien verbrachte. Damit und mit seinem lackschwarzen, fast taillenlangen, Haar und den dunklen, klar gezeichneten Zügen fiel in jeder Menge auf, dazu strahlte er die Selbstsicherheit eines Mannes aus, der sich seines Wertes bewusst war. Nicht nur Taneeya sah ihn an, wie ein vom Himmel gefallenes Geschenk, er zog die Blicke aller Frauen auf sich, als er neben seiner Gastgeberin durch den Garten schlenderte und er machte den Eindruck, als bemerke er es noch nicht einmal. Er schaffte es, in einem schwarzen Hemd, das er lässig über einer schwarzen Hose trug und dessen Ärmel aufgeschlagen waren und seine muskulösen Unterarme zeigte, eleganter und aufregender auszusehen, als andere Männer in teuren Maßanzügen. Ihr geschultes Auge bemerkte sofort, dass er keine Armbanduhr trug, stattdessen ein breites, silbernes Armband mit Türkisen am linken Handgelenk. Offensichtlich bevorzugte er den eher lässigen Stil – was nach Taneeyas laut kundgetaner Meinung kein Manko war, war es doch einfacher, ein Hemd in Fetzen zu reißen, um sich auf ihn zu stürzen, als ihn aus einem Jackett zu schälen. Vielleicht blühte ihm dieses Schicksal an diesem Abend, hatte er doch Myra Travis nicht mitgebracht, seine derzeitige Flamme. Anscheinend war doch etwas an dem Gerücht, er habe sich von der bekannten Springreiterin getrennt.

„Ob der gute Roger sehr unglücklich darüber ist, dass seine schwangere Frau diese demonstrativ gute Beziehungen zu ihrem Ex-Liebhaber unterhält?“

Madeleine schnappte schockiert nach Luft. Sie hatte, wie fast jeder der Gäste, von der früheren Beziehung der beiden gehört, aber anders als die meisten Gäste kannte sie Taneeya und wusste, dass es für sie von der Frage bis zum Entschluss, sich ohne Rücksicht auf Verluste antworten zu beschaffen, nur ein logischer Schritt war.

„Ist es nicht peinlich, wie sich Gillian an diesen Mann hängt? Diese demonstrative Zurschaustellung von Intimität in ihrem Zustand muss ihm sicher genau so unangenehm sein wie uns, die wir diesem Schauspiel zusehen müssen. Himmel, Gillian muss doch mindestens zwanzig Pfund zugelegt haben. Ich schwöre, ich hätte mich in diesem fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft nie in der Öffentlichkeit gezeigt. Abgesehen davon haben Männer keine große Freude daran, die Beweise der Leistungsfähigkeit eines anderen vor Augen geführt zu bekommen.“ Taneeya stockte, als sei ihr die unglaubliche Dimension ihres Verdachtes gerade erst bewusst geworden, schlug beide Hände vor ihren Mund und murmelte: „Oh, mein Gott!“

Madeleine hatte gehofft, dass jemand Taneeya stoppte, bevor es wirklich peinlich wurde, aber keiner schien ihr den Gefallen tun zu wollen. Natürlich nicht. Hollywood lebte von Skandalen und einen verhindert zu haben würde sich niemand, ob Star oder Sternchen, jemals verzeihen. Wenn sie also nicht Teil eines wirklich widerlichen Kesseltreibens werden wollte, musste sie Taneeyas Gedankenfaden abreißen, bevor sie ihn an einer interessanten Stelle mit einem anderen, womöglich noch interessanteren verknüpfen konnte.

„Mörderaugen? Taneeya, ich bitte Sie! Wenn er Sie hören könnte!“

Ablenkung oder nicht, Madeleine hätte sich zu gerne umgedreht, um zu sehen, ob Colin Ardens Augen wirklich in ihre Richtung blickten, aber dann hätte er bemerkt, dass sie sich über ihn unterhielten.

„Aber es ist so“, beharrte Taneeya. „Sie sind so ungeheuer geheimnisvoll, so schwarz wie die Nacht, dass man zwischen Pupille und Iris nicht unterscheiden kann und man weiß nie, lacht er dich an oder aus.“

„Aus! Da wäre ich mir an deiner Stelle völlig sicher!“

Anthea Jones-Courtney, eine weizenblonde Mittfünfzigerin in einem kurzen, creme-rosa Crèpesschlauch, der keine Zweifel über die Fähigkeiten ihres Fitnesstrainers aufkommen ließ, war nie liebenswürdig, wenn es sich vermeiden ließ. Die moderne Chirurgie hatte ihr das Gesicht eines dreißigjährigen Engels modelliert, aber daran, ihrer Zunge die Schärfe zu nehmen, wäre sogar Madeleines Diamantschleifer gescheitert. Bei den wenigen Ereignissen, die sie nicht mit ihrer Gegenwart beehrte, pflegte man sie als alte Giftspritze zu bezeichnen. Trotzdem gab es einige Leute, die sie mochten, so wie Madeleine, die im Laufe ihrer halbjährigen Geschäftsbeziehung lediglich in den Genuss eines gemäßigten Sarkasmus’ gekommen war und noch nie Gegenstand einer von Antheas gehässigen Attacken gewesen war. Andere hatten dieses Privileg nicht so lange genossen. Dass Anthea dennoch zu jedem Fest, jeder Preisverleihung und jeder bedeutenden Eröffnung eingeladen wurde, hatte den guten Grund, dass sie in jedem Komitee saß, das über Gelder oder Preise entschied. Und sie vergaß nie – keinen Gefallen und keine Kränkung und sie sorgte dafür, dass dies nie in Vergessenheit geriet. Zu allem Überfluss schwamm sie geradezu im Geld und sie nutzte es so geschickt und skrupellos, wie ihre ausgezeichneten Beziehungen.

„Seien Sie nicht so boshaft, Anthea“, schalt Madeleine, aber sie hatte Mühe, sich ein Schmunzeln zu verkneifen. Sie hatte in der Tat nichts gegen Antheas Konversation, die boshaft, aber wie von Meisterhand geschliffen war und die sie amüsanter fand als Taneeyas, die ihren Horizont mühelos mit ausgestreckten Händen erreichen konnte. Ganz sicher aber hätte sie es beide nicht merken lassen, wenn sie sich gelangweilt oder gekränkt gefühlt hätte, schließlich zählten Taneeya und Anthea zu ihren besten Kundinnen; beide hatten Geschmack und sie waren bereit, dafür zu bezahlen. An diesem Abend trug Anthea ein Platin-Ensemble aus Kette, Ring und Armband aus Madeleines Atelier. Anthea hatte etwas Beeindruckendes gewollt, und genau das hatte sie erhalten. Wie Lianen umrankten Schlingen aus Weißgold den Hals ihrer Trägerin in einem willkürlich anmutenden Chorus und trafen sich oberhalb eines hochkarätigen, rechteckig geschliffenen, rosafarbenen Diamanten, der asymmetrisch auf dem Zentrum der Lianenflut schwebte und den Abschluss und Höhepunkt der fließenden Linien bildete. Es war eine Kreation, die alle Blicke auf die Trägerin zog, weil in ihr Harmonie gebrochen wurde und eine neue ganz eigene Symmetrie bildete. Madeleine war stolz auf dieses Ensemble, auf das Zusammenspiel der Schlingen von Armband und Ring, die betont schlicht gehalten und ohne Stein die perfekte Ergänzung zu dem aufsehenerregenden Kollier bildeten. Auch Gillian war ihre Kundin und sie hatte ihre Einladung gerne angenommen, bot sich auf Partys wie dieser immer die Gelegenheit, neue Kunden für ihre eigenwilligen Kreationen zu interessieren. Werbung in eigener Sache war auch der Grund, warum sie an diesem Abend einen auffallenden Haarschmuck aus blauen Topasen trug. Obwohl sie meist auf Bestellung arbeitete, gönnte sie sich ab und zu den Luxus, ein Stück ganz nach ihrem eigenen Geschmack zu entwerfen. Eigentlich hatte sie nach einem einzelnen, goldenen Topas für ein Collier gesucht, aber dann hatten sie die Kristalle in Tönungen von durchscheinendem Weiß bis klar schimmerndem Blau an das gleißende Licht auf arktischen Eisfeldern denken lassen und die eigentliche Suche in den Hintergrund gedrängt. Die Abstufungen von Blau zusammen mit der ausgeprägt kristallinen Struktur der Steine hatte sie zu einem Bruchstück ewigen Eises inspiriert, das jetzt wie ein spitzer Splitter in ihrem silbrig-blonden Haarknoten glitzerte. Einzelne Topastränen in allen Schattierungen von weiß bis mitternachtsblau waren an hauchdünnen Platinfäden aufgereiht und tropften wie zufällig aus ihrem Haar, schwangen sanft über ihren Rücken und versprühten dabei ihr sanftes Licht. Die Konkurrenz war übermächtig und ihr Name noch nicht so bekannt, deswegen hatte sie sich lange Gedanken darüber gemacht, wie sie ihren Entwurf optimal präsentieren sollte und ihre Wahl war auf einen ebenso einfachen, wie, so ihre Hoffnung, wirkungsvollen Hintergrund gefallen – ihre Haut.

„Jetzt zucken seine Blicke wie schwarze Blitze über Ihr Rückgrat“, fuhr Taneeya fort, als ob sie nie unterbrochen worden wäre. „ Aber wen wundert das! Dieses Kleid, das sie da tragen, ist nicht weniger als Aufforderung zur Unzucht. Ich würde mich niemals trauen, so etwas anzuziehen. Ich hätte die ganze Zeit Angst, im nächsten Moment herausfallen. Wahrscheinlich wartet er nur darauf, dass es Ihnen passiert. Spüren Sie nicht, wie seine heißen Blicke jeden einzelnen Ihrer Wirbel abtasten? Die Hitze müsste Sie bei lebendigem Leib zu Asche verbrennen.“

Das spürbar brennende war der Neid in Taneeyas Stimme. Warum auch nicht? Sie war jung und leidenschaftlich, sie war eine berühmte Sängerin und anerkannte Schönheit und ihr Dekolleté ließ keinen Zweifel daran, dass das Angebot üppig und hochklassig war. Wie sie im Verlauf der Unterhaltung hatte durchblicken lassen, hatte sie Colin ein paar Wochen zuvor auf einer Preisverleihung kennengelernt und sich bereits auf den ersten Blick mit ihm außerordentlich gut verstanden. Dass er jetzt nicht strahlend und winkend auf sie zusteuerte, musste ein Affront für sie sein.

„Brennende Blicke gibt es nur im Roman, glauben Sie mir“, antwortete Madeleine gelassen. Es gab keinen Grund, auch noch Salz in Taneeyas offene Wunde zu streuen. „Und auf meinem Rücken spüre ich nichts anderes, als eine laue Brise. Es ist wirklich angenehm geworden nach dieser drückenden Hitze heute Nachmittag, finden Sie nicht auch?“

„Gerade eben ist es ein paar Grade heißer geworden“, kicherte Dominic Dane boshaft. „Tendenz steigend.“

Nach den allgegenwärtigen Buschtrommeln hatte er hatte sein Glück bereits des Öfteren bei Taneeya versucht, war jedoch immer wieder abgeblitzt. Er war nicht bösartiger, als andere, aber die Versuchung, sich für ihre schnippischen Zurückweisungen zu revanchieren, war anscheinend zu groß, um ihr zu widerstehen. „Aber mach dir nichts draus, Taneeya-Schätzchen – du bekommst nichts davon ab.“

 

*

Ob es die Kraft seiner Wünsche gewesen war oder ob sie seine Blicke auf ihrer Haut gespürt hatte, Madeleine Turner wandte sich um und sah ihm direkt in die Augen. Der erste Blick in ihr Gesicht traf Colin wie ein Schlag. Das war die Frau, auf die er gewartet hatte, seit er alt genug war, zu erkennen, dass Frauen mehr waren, als liebevolle, manchmal überfürsorgliche Mutterwesen oder störende, kichernde Gören. Das war ungefähr ein Jahr, nachdem Mädchen begonnen hatten, ihn anzusehen, als ob er eine Süßspeise wäre - so ungefähr als er vierzehn war.

„Hi, ich bin ...“ Zu mehr reichte seine Denkfähigkeit nicht mehr. Nicht, seit er ihre Augen gesehen hatte, riesige, himmelblaue Seen, in deren Tiefen zu versinken das reine Vergnügen war. Vince’s Bemerkung über Sandy Mercer hatte ihre Wirkung völlig verfehlt, er würde sich nicht die Finger an Sandy verbrennen wollen, selbst wenn sie die letzte Frau auf dieser Erde wäre, aber anders, als Vince es geplant und sich vorgestellt hatte, wirkte seine Bemerkung in diesem Moment nach. Colin stand da, überwältigt von der Vorstellung seiner sehnigen, tief gebräunten Musikerhände auf der elfenblassen Haut der nordisch-blonden Madeleine Turner, ein Bild, das so deutlich war, dass er seine Hände zu Fäusten ballte, um sicherzustellen, dass er sie nicht geradewegs nach ihr ausstreckte - auf der Suche nach Klarheit. Auf dem Weg zur Gewissheit.

Ihr Gesicht war nicht spektakulär, sondern von einer ruhigen, klassischen Klarheit. Nur ihr Mund schien der klassischen Linie nicht entsprechen zu wollen. Er war sanft, weich, großzügig und viel zu verletzlich für so viel beherrschte Eleganz. Der Perlmuttschimmer ihrer durchscheinenden Haut und die interessanten Schatten unter ihren hohen Wangenknochen waren eindeutig nicht von dieser Welt, doch das Faszinierendste an ihr waren ihre Augen. Von einem strahlenden Gletscherblau unter schweren, geschwungenen Augenlidern, kühl, gelassen und klar drängte sich Colin bei deren Anblick die überaus bedeutende Frage auf, wie viel Feuer sich unter dem Gletschereis verbarg. Hochgewachsen und schlank mit Kurven an genau den richtigen Stellen, einer Haltung, die aufrecht und gleichzeitig lässig war und einem offensichtlichen Gefühl für Stil war Madeleine ein Anblick, den nicht nur Colin genussvoll in sich aufnahm. Sie erwiderte seinen Blick und ihr Lächeln spiegelte sich darin wider. Sie versuchte nicht, zu flirten; da war kein kokettes Augenspiel unter niedergeschlagenen Wimpern, kein Ausweichen, nur dieser offene, gerade Blick – Colin war fasziniert.

„Colin Arden, ich weiß.“

Ihre Stimme war überraschend tief, ein samtiger Alt, der eine Saite in seinem Innern anschlug, die noch nie berührt worden war. Er spürte die Vibrationen bis in seine Zehenspitzen und er wollte das Gefühl behalten, verinnerlichen, immer wieder spüren.

„Hawk für meine Freunde.“

„Hawk“, lächelte sie zu ihm auf. „Ich bin Madeleine.“

Ihr Scheitel reichte ihm bis zum Jochbein, obwohl sie Schuhe mit hohen Absätzen trug und er registrierte, dass sie sich straffte, als ob sie seine Größe als ihren Nachteil empfand.

„Ich weiß.“ Colin hatte sich wieder gefangen. Er hatte sein Ziel ausgemacht und außer dem unwahrscheinlichen Fall einer Atomexplosion direkt vor seinen Füßen gab es nichts, was ihn davon abhalten konnte, es zu erreichen. Er ergriff ihre Hände und hielt sie sanft in seinen. „

Ich habe Sie gesucht, seit diese Welt besteht“, murmelte er selbstvergessen. Madeleine erwiderte den Druck seiner Finger und er genoss den Schauder, der über seine Haut lief, als er mit seinem Daumen über ihre Fingerknöchel streichelte.

Für einen Moment, nur einen Wimpernschlag, schien die Welt still zu stehen. Die plötzliche Erkenntnis, an einem Ziel angelangt zu sein, das so hoch auf einem Gipfel lag, dass dahinter nur noch die Unendlichkeit war, hüllte beide ein und trennte sie für einen Atemzug von der Wirklichkeit.

 

*

„Dann haben Sie lange gebraucht“, murmelte Madeleine.

Es war die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, auch wenn die Erkenntnis sie gerade in dem Augenblick überfiel, als sie sie aussprach. Sie war sonst nie verlegen, wenn es darum ging, zu parieren, sie genoss die leichten Flirts auf Partys, wissend, dass schöne Worte nicht mehr Wert hatten, als den Atem, den sie kosteten. Aber die sanft streichelnden Finger auf ihrem Handrücken brachten sie durcheinander, völlig durcheinander.

„Wollen wir gehen?“

Eine Frage und diese ungeheure Sicherheit, sie bereits beantwortet zu wissen. Madeleine hätte ablehnen oder ihn zurechtweisen können, dieses Spiel hatte schließlich Regeln und eine davon war, dass man der Dame ausreichend Gelegenheit zu bieten hatte, mit ihrer neuesten Eroberung zu prahlen. Gillian hatte selbstverständlich dafür gesorgt, dass die Berichte und Fotos von ihrer Party am nächsten Tag für Gesprächsstoff sorgen würden. Ein Bild in einer der Gazetten des nächsten Tages, ihr Name in Verbindung mit dem Colins und die üblichen Spekulationen, dazu, wenn sie Glück hatte, ein Hinweis auf ihrer Firma, das wäre die Werbung, die ihr schon grundsätzlich, aber ganz besonders im Moment sehr zustatten kommen würde. Sie hatte bereits als Kind gelernt, zu repräsentieren und die Grundsätze gesellschaftlichen Verhaltens waren ihr so geläufig wie das Atmen. Jemanden mit kühlem Charme auf Abstand zu halten und die Kunst des leichten Flirts lernten bei ihr zuhause den Mädchen schon, bevor sie mit den Jungen überhaupt etwas anderes anzufangen wussten, als sich mit ihnen zu streiten. Nach den Regeln, die man ihr beigebracht hatte, müsste sie jetzt Colin mit der Runde, mit der sie zusammenstand, bekannt machen oder ihm und ihnen gestatten, alte Bekanntschaft zu erneuern oder zumindest ein paar Worte zu wechseln. Sie selbst hätte mit Gillian Fairbanks plaudern sollen und sie nicht dadurch vor den Kopf stoßen sollen, dass sie ihr die Aufmerksamkeit eines geschätzten Gesprächspartners entriss. Madeleine glaubte, ihre innere Stimme zu hören, die sie an ihre Pflichten erinnerte und die Ähnlichkeit mit der immer etwas vorwurfsvollen Stimme ihrer Mutter hatte, und schon aus diesem Grund eigentlich hätte ernüchternd wirken sollen, aber der Reiz, dem sie gerade ausgesetzt war, war übermächtig. Sie ignorierte die mahnende Stimme und opferte Geschäftsstrategie und gesellschaftliche Gepflogenheiten ohne großes Bedauern auf dem Altar des Eros.

„Gerne.“

Er nahm ihr das Glas aus der Hand und stellte es auf dem Tablett eines der allgegenwärtigen Kellner ab, dann legte er seine Hand unter ihren Ellenbogen. Ein Lächeln in die Runde, ein Zwinkern für Gillian und der Krieger nahm sich seine Beute und ging. Einfach so. Im Bewusstsein der viele Blicke, die ihnen folgten, war sie dankbar, dass seine Hand sie leitete. Auch, weil sie nie zuvor schwache Knie bekommen hatte, nur weil ein Mann sie um eine Verabredung gebeten hatte.

„Wohin gehen wir?“

„Das kommt darauf an.“

Madeleine hatte das Bedürfnis, zu kichern. Ihr Blut sprudelte wie Champagner in ihren Adern; sie fühlte sich leicht, lebendig, überschäumend vor Aufregung – kurz, so wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Noch mehr Begeisterung und ihr Kopf würde explodieren. Sie rief sich streng zur Ordnung, legte den Kopf zur Seite und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.

„Worauf?“

„Darauf, was Sie zu wagen bereit sind.“

Madeleine maß ihn mit einem nachdenklichen Blick. Im Gegensatz zu ihr schien er völlig entspannt und gelassen, nur ein Glitzern in den Tiefen seiner schwarzen Augen strafte die kühle Fassade Lügen. Was war es, Spöttelei, Aufregung, Herausforderung? Sie wollte es herausfinden.

„Das kommt darauf an, was ich dabei gewinnen kann.“

„Was immer Sie sich wünschen.“

Sie lachte laut auf, das war so Hollywood, es hatte fast schon wieder Stil.

„Sie sollten vorsichtig mit dem sein, was Sie versprechen – jemand könnte Sie beim Wort nehmen.“

„Tun Sie es!“

Sie lachte wieder - sie konnte einfach nicht anders.

„Sie kennen mich gerade einmal zwei Minuten und geben mir carte blanche? Wie wollen Sie sicher sein, dass ich Ihre ungeheure Großzügigkeit nicht ausnutze? Nein, sagen Sie jetzt nichts, Sie könnten es noch mehr bereuen. Aber keine Angst, ich bin harmlos und bescheiden: Wären ein spätes Abendessen und ein Glas Wein zu viel verlangt? Ich hatte bis kurz vor zehn eine Präsentation und keine Gelegenheit etwas zu essen. Ich gestehe, dass ich kurz vor dem Verhungern bin.“

„Und da stehe ich Willens, Ihnen wenigstens den Mond vom Himmel zu holen.“ Colin lachte und legte gleichzeitig beschwichtigend eine Hand auf ihren Arm. „Entschuldigung, das war unterste Schublade. Sie sollen Ihr Dinner bekommen und einen anständigen Wein – und wie wäre es, wenn ich Tanzmusik und einen exklusiven Sonnenaufgang dazugebe – sozusagen als Entschuldigung?“

„Deal!“

„Sind Sie mit dem Wagen da?“, fragte er, als sie durch das von Reportern umlagerte Tor traten. „Ich nicht. Ein Freund hat mich mitgekommen.“

„Ja.“ Madeleine blinzelte ins Blitzlichtgewitter, ihm dagegen entlockte es nicht einmal einen neugierigen Blick.

„Gut, dann nehmen wir Ihren Wagen, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Oder sollen wir ein Taxi rufen?“

Madeleine reichte einem der eifrigen Parkwärter ihren Autoschlüssel und trotz der vielen neu ankommenden Wagen wurde ihr dunkelblauer Audi-Sportwagen innerhalb kürzester Zeit vorgefahren.

Entgegen dem, was sie erwartet hatte, machte Colin keine Anstalten, den Fahrersitz zu okkupieren, er schien zufrieden zu sein, von ihr chauffiert zu werden.

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, bringe ich meinen Schmuck zuerst zurück in meinen Tresor. Die Versicherung deckt nur die Veranstaltung bei den Fairbanks.“

Er nickte, entspannt in seinem Sitz zurück gelehnt, das Gesicht dem Wind zugewandt. Sein Haar flatterte wie ein schwarzes Banner im Abendwind. Sie schwiegen, aber da er keine Anzeichen von Ungeduld zeigte und ein leises Lächeln um seine Mundwinkel spielte, konnte sie sich auf den Verkehr konzentrieren, ohne den Druck, ein Gespräch führen zu müssen.

Die Straßen waren frei und es dauerte keine Viertelstunde, bis sie vor der Boutique am Sunset Boulevard hielten. Es war nur ein kleiner Laden, aber er gehörte ihr – und der Bank. Der Schriftzug Madeleine prangte in hellblauer Neonschreibschrift über dem einzigen Schaufenster. Die Auslage war mit origami-präzise gefalteter, nachtblauer Seide dekoriert, darauf ein üppiges Goldcollier aus unendlich vielen miteinander verwobenen, filigranen Verästelungen und Diamantsplittern - nun ja, die Kopie davon. Niemand mit nur einem Fünkchen Verstand würde ein Pfund reines Gold nachts in einer Auslage liegen lassen. Jedes Mal, wenn sie vor ihrer Boutique stand, überfiel sie wieder dieser unbändige Stolz. Sie hatte es geschafft, viel schneller und reibungsloser, als sie es sich je zu träumen gewagt hätte. Zugegeben, es würde etliche Jahre dauern, bis sie schuldenfrei war, aber das war zweitrangig; wichtig allein war, dass sie den Beruf ausüben konnte, den sie liebte.

Sie stellte den Motor ab und öffnete die Fahrertür.

„Es dauert nicht lange“, erklärte sie, während sie vorsichtig seitwärts aus dem Fahrersitz rutschte, um Colin keine zu drastischen Einblicke auf ihr Rückgrat zu bieten. „Oder möchten Sie mit hineinkommen?“

Colin schmunzelte. „Ihre Versicherung würde das nicht mögen.“

Madeleine lachte. „Vermutlich nicht. Aber Versicherungen mögen nichts und niemanden.“

„Wir wollen nichts riskieren. Verstauen Sie Ihren Schmuck und ich reserviere in der Zeit einen Tisch bei Fred’s. Es sei denn, Sie mögen kein Seafood, dann finden wir ein anderes Restaurant.“

Madeleine stöhnte, als allein die Erwähnung von Essen ihre Magenwände verkrampfen ließ. Eindeutig zu wenig Essen und zu viel Kaffee als Ersatz in der letzten Zeit – aber für die Kunst musste man leiden, sagte man nicht so?

„Seafood? Dafür würde ich morden, aber Sie brauchen es gar nicht erst versuchen, einen Tisch zu bekommen, man muss Wochen im Voraus reservieren. Aber Sie haben Glück: Ich bin so hungrig, dass Sie mich sogar mit Hot Dogs abfüttern könnten.“

Er lachte, als hätte sie gerade etwas besonders Lustiges gesagt. Wahrscheinlich war es auch so. Niemand in Hollywood gab jemals zu, Hunger zu haben oder gar gerne zu essen oder wenigstens Lust auf eine Mahlzeit zu haben, die diese Bezeichnung verdiente. Wenn man über Essen redete, dann darüber, wie gut die neueste Minimal-Diät des gerade angesagtesten Fitnessgurus anschlug.

„Warum wetten wir nicht darum? Wenn ich es schaffe, einen Tisch zu bekommen, versprechen Sie mir ein weiteres Date.“

Madeleine gluckste. „Das wäre so unfair, als ob ich einem Baby den Schnuller wegnehme. Aber wenn Sie mir eine ordentliche Mahlzeit, wo auch immer, besorgen, revanchiere ich mich mit einer Einladung morgen zum Lunch.“

„Deal!“

 

Colin hatte es gerade geschafft, einen Tisch für den Abend zu reservieren, als die Tür der Boutique sich wieder öffnete und Madeleine heraustrat. Sie schloss die Tür sorgfältig hinter sich und rüttelte dann nochmals am Türgriff.

Colin hatte sie nicht so schnell zurückerwartet, in den wenigen Minuten hatte sie wirklich nur den Schmuck in den Tresor bringen können. Zeit, ihr Make up aufzufrischen oder ihr Haar neu aufzustecken, hatte sie nicht gehabt und wie um seine Gedanken zu bestätigen, ringelt sich die Strähne, die sich während der Fahrt aus ihrem ordentlichen Haarknoten herausgestohlen und im Fahrtwind geweht hatte, immer noch über ihre Schulter. Es war erfrischend, eine Frau zu treffen, die so wenig eitel war.

Er war an der Beifahrerseite und öffnete die Tür für sie und sie nahm mit der selbstverständlichen Eleganz einer Königin Platz.

„Hatten Sie Glück?“, fragte sie, als er auf der Fahrerseite Platz genommen und den Sitz für sich eingestellt hatte.

„Selbstverständlich. Fred’s wartet nur auf Sie.“

„Oh mein Gott, dann fahren Sie“, stöhnte sie und presste die Hand auf ihren Magen. „Riskieren Sie ja nicht, dass unser Tisch vergeben wird.“

Sie hätte sich nicht sorgen müssen, er kannte den Geschäftsführer und hätte notfalls auch ohne telefonische Anmeldung einen Tisch bekommen, einen guten zudem. Etwa mehr als eine halbe Stunde später servierte ein freundlicher Kellner bereits das Amuse-gueulle, ein Bissen Millefeuille mit einer Füllung aus Muscheln und Kräutern. Bei Pasta mit winzigen Calamari in einer Weinsoße hatte Madeleine bereits ein Gutteil ihrer Zurückhaltung abgelegt und sie plauderten entspannt über die italienische Küche, die beide liebten. Beim Loup de Mer lachten sie über peinliche Urlaubserlebnisse und beim Kaffee war nichts mehr vom vorsichtigen Abtasten eines ersten Dates zu spüren.

„Bereit für Musik und Tanz?“, fragte Colin nach dem Kaffee.

„Es ist spät. Die Clubs sind bereits übervoll und ich gestehe, dass ich nach diesem wundervollen Essen keine Lust darauf habe, mich auf einer Tanzfläche zerquetschen zu lassen.“

Und schon gar nicht in diesem Kleid! Sie war sich ohnehin schmerzlich bewusst, dass ihre entblößte Rückseite Ziel neugieriger Blicke gewesen war, seit sie das Restaurant betreten hatten und das obwohl ihr Tisch in einer Nische stand und die Stühle hohe gepolsterte Rückenlehnen hatten. Der Gedanke, sich praktisch unbekleidet auf einer übervölkerten Tanzfläche zu präsentieren, ging gegen alles, wofür sie stand. Gewagte Werbung für ihre Schmuckstücke war akzeptabel, sexuelle Provokation hatte dagegen noch nie in ihrer Natur gelegen.

„Ich denke eher an meine Dachterrasse. Keine Menschenmenge, nur ein wie üblich verdeckter Sternenhimmel, entspannte Tanzmusik, italienischer Rotwein und den besten Ausblick der ganzen Stadt.“

Risiko!!! Mit drei Ausrufezeichen! Mit einem Mann nachts in sein Appartement zu gehen, implizierte die Bereitschaft, sich für seine Gastfreundschaft mit mehr als nur einem Kuss zu revanchieren. Wollte sie das? Nein, ja, irgendwie schon, aber so überstürzt? Sie benötigte Zeit, zu überlegen, das Gefühl, sich sicher zu sein, die Gewissheit, alle Risiken richtig eingeschätzt zu haben, Feigling, der sie war. Aber gab es nicht immer ein Risiko? Und was wäre die Alternative? Colin – Hawk – würde sie zu ihrer Haustür bringen, sie auf die Wange küssen und aus ihrem Leben verschwinden. Für ihn gab es keinen Grund, auch nur einen einzigen weiteren Gedanken an eine Frau zu verschwenden, die bewiesen hatte, dass sie zu zurückhaltend, zu misstrauisch und zu prüde für ein Abenteuer war.

 

*

„Das ist also die Höhle des Löwen.“

Madeleine trat an Colin vorbei in die hell erleuchtete Diele des Penthouses, mit dem Bewusstsein, dass sie nichts Einfältigeres hätte sagen können, selbst wenn sie dafür bezahlt worden wäre. Oh mein Gott – sie wand sich innerlich vor Verlegenheit - Colin musste ja denken, sie sei zurückgeblieben; jede Sechzehnjährige hätte es besser hingekriegt.

Aber Colin bemerkte nur leichthin: „Ich sehe es eher als mein Refugium. Komm auf die Terrasse, dann siehst du, was ich meine.“

Er schloss die Tür hinter sich und führte sie über dunkel glänzenden Parkettboden durch ein erstaunlich spärlich eingerichtetes Wohnzimmer, in dem außer einer riesigen weißen Wohnlandschaft und einem schwarzen Glastisch nur ein paar schwarze Regale standen, auf denen einige wenige DVDs und Taschenbücher unordentliche Stapel bildeten, zu einer Glasfront, die die gesamte Breite des Raumes einnahm und Aussicht auf eine riesige, mit üppig wuchernden Pflanzen bewachsene Dachterrasse gewährte.

Madeleine blieb überrascht vor der Scheibe stehen. Der Ausblick war grandios: Die Terrasse erstreckte sich nach rechts, nach links und geradeaus in die Nacht, begrenzt durch Glaswände, durch die sie die Lichter von LA sehen konnte. Über ihr erstreckte sich der unendliche Nachthimmel, milde erhellt von einem fast vollen Mond. Aus massigen Terrakottagefäßen reckten sich mannshohe Zypressen hier über Schwertlilien in zartem Blau und dort über Lilien in leuchtendem Gelb und Weiß und und zierliche, langgliedrige Gräser, im Zaum gehalten durch verwitterte Palisaden und zerklüftete Steine. Zwei Liegestühle und ein Tisch aus dunklem Holz waren wie zufällig unter weit ausladenden Fächerpalmen platziert. Wundervoll. Ein Paradies .

Colin betätigte einen Schalter und ein Teil der Glasfront glitt zur Seite und zwischen den Pflanzen leuchteten verborgene Lichter auf, die den Dachgarten in ein unirdisch verzaubertes Licht tauchten. Die würzig-harzige Nachtluft traf Madeleine wie ein Schlag. Sie trat einen Schritt vorwärts und der Nachtwind grüßte sie mit seinem Duft nach süßen Blumen.

„Das ist ja wirklich phantastisch. Mein Gott, welche Aussicht!“

Madeleine schlenderte bewundernd über die cremefarbenen Terrakottafliesen zu der gläsernen Brüstung der Terrasse, wissend, dass Colin hinter ihr war und eine ganz andere Aussicht bewunderte. Er hatte Zeit dazu, denn die Terrasse war groß genug, um ihr Appartement zweimal zu schlucken und immer noch Appetit zu haben. Unter ihr erstreckte sich LA in all seiner Lichterglorie bis zum Meer.Weit draußen spiegelte sich das Mondlicht auf den Wellen, schillernd, flirrend, ewig, wunderschön. Selbst wenn sie keine Romantikerin gewesen wäre, würde dieser Anblick sie fasziniert haben.

Sie spürte Colin neben sich.

„Die Terrasse war der Grund, warum ich das Penthouse gekauft habe. Ich lebe eigentlich in San Francisco, in LA wohne ich nur, wenn wir im Studio sind. Das sind meist zwei bis drei Monate im Jahr, kommt darauf an, wie unser aller Workaholic so drauf ist. Aber wenn ich in LA bin, lebe ich eigentlich nur hier draußen.“

„Unser aller Workaholic?“

Colin lachte. „Charlie Hayden, unser Keyboarder. Gerade, wenn du denkst, alles ist perfekt, bringt er einen ganz neuen Aspekt ins Spiel oder einen neuen Text, ein neues Arrangement und so weiter und so weiter. Er ist der Gründer von Hadessphere und deshalb glaubt er, dass er auch der Boss ist und deswegen hat er in all seiner Glorie beschlossen, dass er uns alle mit seiner „Zufriedenheit-ist-Schwäche“-Krankheit infizieren muss. “

„Ein Album pro Jahr?“, warf sie ein, „ist das nicht sehr viel? Entschuldige, das klingt vielleicht naiv, aber hängt nicht an jedem Album so etwas wie Auftritte und jede Menge Promotion oder sogar eine Tournee? Das muss doch ungeheuer stressig sein.“

Colin schmunzelte. „Ist es. Aber Charlie kann nicht ohne Stress leben – oder ohne uns Stress zu verursachen.“

„Wie lange seid ihr schon im Studio – dieses Mal, meine ich?“

‚Bitte, lass es eine Woche sein, genug Zeit, sich kennenzulernen, genug Zeit, sich aneinander zu gewöhnen – einfach mehr Zeit!’

„Knapp vier Wochen. Also sind wir gerade mal aufgewärmt.“

Vier Wochen, das bedeutete, die Band würde höchstens noch zwei Monate bleiben und dann würden sich Colin und seine Kollegen auf die Suche nach neuen Ufern, neuen Zielen, neuen Frauen machen.

„Habt ihr in dieser Angelegenheit kein Mitspracherecht?“

Colin grinste. „Haben wir, aber stell dir vor, irgendwie hat noch keiner von uns daran gedacht, ihn zu bremsen. Dumm von uns. Aber gut, dass wir darüber gesprochen haben.“

Sie lachte. Es war so leicht, mit ihm zu lachen. Es war, als ob sie ihn schon eine Ewigkeit kannte, nur aufregender. „Also eine ganze Bande von Workaholics. Nur gut, dass ich solche Leute verstehe.“

Zwei Schmuck-Kollektionen im Jahr zu entwerfen, deren Themen immer neu und aufregend sein mussten und deren Ausführung so bahnbrechend und exquisit zu sein hatte, dass ihre Kollektion gegen die einer gnadenlosen Konkurrenz bestehen konnte, war sogar noch der einfachere Teil ihrer Arbeit. Schwieriger war es, die immensen Kosten für die einzigartigen Steine und Edelmetalle, die ihre Kunden erwarteten, aufzubringen, noch bevor sie ein einziges Stück ihrer künftigen Kollektion verkauft hatte. Sie musste die Steine und Edelmetalle kaufen, die besten Goldschmiede und Metallkünstler verpflichten und Ankauf, Verarbeitung und Verkauf so koordinieren, einschließlich aller vorauszusehender Variationen, dass ihre exklusive und verwöhnte Kundschaft sich jederzeit gut und zuvorkommend bedient fühlte. Bevor sie nur ein einziges ihrer Schmuckstücke verkaufte, hatte sie ein Vermögen investiert, unendlich viele Kontakte geknüpft und gepflegt, es geschafft, Trends zu erkennen und zu nutzen und überhaupt ihre Augen und Ohren überall zu haben und schneller, besser und kreativer zu sein, als die Konkurrenz. Das Ergebnis ihrer Mühen zahlte sich nicht immer so aus, wie sie es sich erhofft hatte, aber dennoch hatte sie im Lauf ihrer zweijährigen Geschäftstätigkeit einen ständigen gesunden Zuwachs zu verzeichnen gehabt. Wenn es so weiterging, würde sie es schaffen – irgendwann in den nächsten zehn oder fünfzehn Jahren.

„Aber dass ich sie verstehe bedeutet nicht, dass ich sie in meine kostbare, private Zeit funken lasse. Der Mond scheint, die Sterne funkeln und ich warte auf den versprochenen Rotwein und die Musik.“

Colin stand auf einmal sehr nah hinter ihr. Seine Lippen streiften ihren Nacken, doch bevor sie zurückzucken konnte, verschwand die Hitze seiner Präsenz. Sie war allein mit der Aussicht auf eine aufregende Stadt, das Meer und eine Nacht, die sie erregte und gleichzeitig ängstigte. Warum ängstigte? Was war los mit ihr? Sie war endlich allein mit dem Mann, der sie vom ersten Augenblick an fasziniert hatte. Sie war freiwillig und geradezu eifrig mit ihm gegangen, wissend, dass sie mit der Wahl ihrer Abendgarderobe signalisiert hatte, dass sie für ein Abenteuer zu haben war: Madeleine Turner, Highsociety-Babe und Verführerin - aber war sie das?

Leise Klaviermusik unterbrach ihre Gedanken. Sie wandte sich um. Colin kam auf sie zu, eine geöffnete Rotweinflasche in der einen und zwei Weingläser in der anderen Hand.

„Tignanello?“ Er hielt ihr die Flasche entgegen und hob fragend eine Augenbraue. „Ich habe aber auch einen sehr guten Barolo.“

„Den Tignanello.“, entschied Madeleine ohne zu zögern. Colin verstand wirklich etwas von Wein. Aber einen Eindruck davon hatte sie bereits im Restaurant gewonnen, als der Sommelier Colin mit der Zuvorkommenheit behandelt hatte, die ein Kenner nur einem anderen zugestand. Selbstverständlich wäre der Sommelier höflich und zuvorkommend zu jedem Gast gewesen – in einem Top-Restaurant konnte jeder Gast das auch erwarten – aber es gab einen Unterschied zwischen zuvorkommend und engagiert. Körpersprache log nicht.

Sie nahm die beiden Gläser entgegen und Colin schenkte ein. Er stellte die Flasche auf ein niedriges Tischchen, nahm eines der Gläser und und berührte den oberen Rand ihres Glases leicht mit seinem.

„Auf einen schönen Abend.“

„Auf einen schönen Abend“, bestätigte Madeleine und nahm einen vorsichtigen Schluck. Der Wein glitt sanft und samtig über ihre Zunge und ihr entfuhr ein unwillkürlicher Seufzer. „Er ist wunderbar“, sagte sie und nahm noch einen Schluck. Colin beobachtete sie lächelnd, als sie einen weiteren, winzigen Schluck nahm und ihn sinnend auf der Zunge zergehen ließ, doch noch bevor sie etwas sagen konnte, nahm er ihr Glas und stellte es mit seinem auf die Terrassenbrüstung.

„Mein Tanz“, sagte er.

Seine Rechte legte sich leicht auf ihren Rücken und er zog sie mit einer gewandten Bewegung in die Melodie. Es war leicht, ihm zu folgen, er bewegte sich mühelos im Takt der Musik. Madeleine stellte fest, dass sie es genoss, so nah bei ihm zu sein. Er führte sie sicher, aber er zog sie nicht zu eng an sich und seine Hand glitt auch nicht ruhelos über ihren nackten Rücken. Sie entspannte sich und überließ sich der Musik. Sie liebte es, zu tanzen und sie hatte seit ihrer Jugend viel Gelegenheit gehabt, es zu üben, aber sie gestand sich ein, dass noch kein Tanz sich so angefühlt hatte, wie dieser: als ob sie über der Welt schwebte.

Die Musik wechselte zu einem sinnlichen Blues. Madeleine hatte bisher nichts für seufzende Saxophone übrig gehabt, aber die langgezogenen, traurigen Tonfolgen waren wie gemacht für eine Mondscheinnacht. Es war, als ob Unendlichkeit und Vergänglichkeit miteinander tanzten, in einem Reigen, der tröstlich und aufwühlend zugleich war. Die Melodie ging ihr unter die Haut, wie noch keine zuvor – Colin ging ihr unter die Haut, wie noch kein Mann zuvor.

Und dann küsste er sie. Seine Lippen waren warm, einladend, weich und erfahren und für einen unendlichen Moment stand das Universum still, dann explodierten feurige Sterne hinter Madeleines geschlossenen Lidern. Sie versuchte, die rasende Symphonie zu erfassen, einzuordnen, zu verstehen, als Colin den Kuss sehr sanft beendete und sie sich allein in ihrem rasenden Inferno fand. Er atmete noch nicht einmal schneller, während ihr Herz immer weiter raste, als ob es aus ihrer Brust hervorbrechen und sich zu seinen Füßen werfen und um Beachtung betteln wollte. Sie fühlte seinen Arm um ihre Schultern und dass er sie zur Brüstung seiner Terrasse führte. Gott sei Dank hatte sie sich genug in der Gewalt, dass sie auf ihren eigenen Füßen stehen konnte und sich auch sonst nicht zum Narren machte – hoffentlich! Sie klammerte sich nicht an ihn und sie schaffte es sogar, nach ihrem Glas zu greifen und einen Schluck zu trinken. Die samtige Kühle des Weins brachte sie wieder zurück in die Wirklichkeit. Gemeinsam sahen sie auf die leuchtende, glitzernde Stadt herab, die für so viele Menschen der Inbegriff von Glanz und Herrlichkeit war. Sie fühlte seinen Arm um ihre Schultern und die Hitze seines Körpers an ihrer Seite, aber was sie nicht fühlte, war die drängende Leidenschaft eines Mannes, der eine Frau von einer Party zu sich auf den Aussichtsturm seiner Burg entführte. Bei Colin fühlte sie sich sicher, geborgen und geschätzt, dabei hatte sie selbst deutlichste Signale für Leidenschaft, rasendes Feuer und Selbstvergessenheit ausgesandt. Colin war doch hoffentlich nicht einer jener Typen, die ihre Geschenke immer langsam auspackten. Wenn sie Pech hatte, war er einer von denen, die noch das Papier glätteten und die Schleife zu einem ordentlichen Knäuel zusammenrollten, ...

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