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Zu hoch gepokert, Darling?

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1. KAPITEL

Es war nicht einfach nur kalt. Es war absolut eisig. Der weiße Plüschmantel, den Olivia sich extra für diese Reise gekauft hatte, sah fantastisch aus, aber er schützte sie nicht im Geringsten vor dem harschen Dezemberwind, der über die Landstraße fegte, die sie gerade entlangtrottete.

„Fünfhundert-Dollar-Stiefel“, murmelte sie, während ihr Koffer mit dem schicken Leoparden-Print schon wieder in einem verschlammten Schlagloch versank. „F…“, begann sie, doch ein Hupen hinter ihr übertönte den Rest des Fluchs, der ihr auf den Lippen lag.

In der vergangenen Stunde war nicht ein einziger Wagen an ihr vorbeigekommen. Ganz allein hatte sie sich durch Schneematsch und Eis gekämpft. Aber jetzt stoppte hinter ihr ein Auto. Olivia sah sich nicht um. Sie trat an den äußersten Straßenrand, damit der Fahrer an ihr vorbeifahren konnte. Doch der Wagen fuhr nicht weiter. Angst breitete sich in ihrem Magen aus.

„Na, wundervoll. Jetzt werde ich auch noch mitten auf der Straße ermordet. Was für ein großartiger Beginn meiner Ferien“, murmelte sie in den Wind.

Olivia wusste nicht, was sie tun sollte. Doch eines hatte sie sich fest vorgenommen: Sobald sie Edward Winchester fand, würde sie ihm einmal kräftig gegen das Schienbein treten. Wenn er sie nämlich vor vier Stunden vom Flughafen abgeholt hätte, dann würde sie jetzt nicht in einem fremden Land eine verlassene Straße entlanglaufen und sich fragen, wie lange die Polizei wohl brauchen würde, um ihren erfrorenen Leichnam zu finden.

Als sie ein zweites Hupen hörte, rutschte sie vor Schreck beinahe aus. Langsam fuhr das Auto wieder an und folgte ihr. Es kam ihr so nahe, dass die Scheinwerfer ihre Beine wärmten. Olivia hörte das Quietschen von Bremsen. Das Blut rauschte in ihren Adern, heftig hob und senkte sich ihre Brust. Olivia drehte sich langsam um und versuchte, ihre Angst in Zorn zu verwandeln. Die Hände zu Fäusten geballt, beschloss sie, sich keinesfalls kampflos zu ergeben.

Der Wagen hielt erneut. Ein paar Sekunden später stieg ein hochgewachsener Mann im grauen Mantel aus. Um den Hals trug er einen roten Wollschal, der zu einem neckischen Knoten geschlungen war. Er wirkte elegant und wohlhabend. Sein Auto war ein teurer Sportwagen. Nicht alle Mörder fahren Pick-up-Trucks, sagte sie sich, während sie ihre Fingernägel in die Handflächen grub.

„Steigen Sie ein.“ Seine Stimme übertönte den lauten Wind und klang barsch, ärgerlich sogar.

Er schien ein Mann zu sein, der es gewohnt war, dass man ihm gehorchte. Nun, nicht dieses Mal. Olivia drehte sich rasch um und lief einfach weiter – so schnell es ihr mit all dem Gepäck und in den hochhackigen Stiefeln eben möglich war.

Sie hörte, wie die Autotür zugeschlagen wurde und der Motor wieder ansprang. Der Wagen schloss zu ihr auf und fuhr langsam neben ihr her. Olivia hielt den Blick stur geradeaus gerichtet. Sie hörte, wie das Autofenster neben ihr ein Stückchen heruntergelassen wurde und hatte Angst, dass ihr gleich das Herz stehenbleiben würde.

„Olivia Matthews, steigen Sie ein.“

Als sie ihren Namen hörte, drehte sie sich um und starrte durch das geöffnete Autofenster ins Wageninnere.

„Es ist kalt, und wir sind spät dran. Steigen Sie ein.“ Die Stimme klang tief und sehr britisch. Sie hatte sie noch nie gehört. Nicht, dass sie hier jemanden gekannt hätte außer Will und Fiona.

„Wer sind Sie?“

„Der Osterhase. Was glauben Sie denn, wer ich bin? Ich bin Edward. Steigen Sie ein.“

Edward. Edward Winchester. Der sie vom Flughafen hätte abholen sollen. Wegen dessen Ausbleiben sie erst die S-Bahn hatte nehmen müssen, dann den Bus. Und wegen dem sie nun schon seit einer Stunde diese Straße entlanglief und nach einem Haus Ausschau hielt, das sie noch nie gesehen hatte.

„Das wurde aber auch Zeit.“ Genervt ließ sie ihr Gepäck los und warf die Arme in die Luft. Als sich der Kofferraum mit einem Plopp öffnete, eilte sie um den Wagen herum. Müde hievte sie ihren Koffer und die beiden Reisetaschen hinein.

Dann ging sie zur Beifahrertür, streckte die Hand nach dem Griff aus, doch genau in diesem Moment gaben ihre Fünfhundert-Dollar-Stiefel zu ihrem Entsetzen unter ihr nach, und sie landete mit einem Plumps mitten auf dem Hintern.

„Das sind die lächerlichsten Schuhe, die ich je gesehen habe.“

Eine kräftige Männerhand griff ihr unter die Arme und zog sie wenig elegant auf die Füße. Olivia fand jedoch das Gleichgewicht nicht so schnell wieder. Sie lehnte sich an die große Gestalt vor ihr und klammerte sich an deren Mantelkragen. „Ich habe mich nicht für eine Wanderung durch die Pampa gekleidet. Ich dachte, dass ich vom Flughafen abgeholt werde.“

„Das hier ist Großbritannien im Dezember. Diese Stiefel sind völlig ungeeignet, egal was Sie vorhaben.“

Seine Hand gab ihr genug Halt, doch sein anderer Arm legte sich plötzlich um ihre Taille, sodass sie hart gegen ihn gepresst wurde. Sein Atem wärmte ihre Stirn.

Als sie aufblickte, starrte sie in ein Paar schokoladenbrauner Augen in einem Gesicht mit einer langen, geraden Nase und hohen Wangenknochen. Er sah aus wie Will, nur … besser. Sie spürte, wie sie errötete und wie Hitze ihren Körper durchflutete – an einigen unpassenden Stellen.

„Vielleicht brauche ich ja eine Lektion in englischer Garderobe?“ Instinktiv lächelte sie ihn an, mit halb geschlossenen Augen. Sie konnte nicht anders, als mit ihm zu flirten.

Seine ärgerliche Miene wurde kein bisschen weicher. Ein Muskel an seinem Kinn begann zu zucken.

„Was Sie brauchen …“, sagte er mit leiser Stimme, „… ist eine Lektion in Sachen Etikette. Wenn Sie Ihren Flug ändern, sollten Sie das jemandem mitteilen.“

Abrupt ließ er sie los, woraufhin sie ins Schlittern geriet. Ihre Wangen brannten vor Zorn. Olivia spannte alle Muskeln ihres Körpers an und versuchte, mit jedem Schritt Halt auf der spiegelglatten Straße zu finden, als sie in Richtung Wagentür ging.

„Von hier aus schaffe ich es allein … danke.“ Ihr Ton war genauso eisig wie die Landschaft um sie herum. Tatsächlich schaffte sie es in Trippelschrittchen bis zur Tür. Ihr Magen krampfte sich zusammen, als seine behandschuhten Hände ihren Po auf den Beifahrersitz schoben.

Dann steckte er seinen Kopf zur Tür herein. „Möchten Sie, dass ich Sie auch noch anschnalle?“

Sie warf ihm ihren hochmütigsten Blick zu – jenen, den sie für die beste Freundin ihrer Schwester aufbewahrte und für jeden der Schleimbeutel, die sie jemals in einer Bar anzugraben versucht hatten.

Er lachte leise und zeigte dabei seine weißen Zähne und ein Paar tiefer Grübchen. Dann schloss er die Tür, umrundete den Wagen und nahm wieder auf dem Fahrersitz Platz.

„Wir kommen zu spät.“

Edward wusste, dass er unverzeihlich unhöflich war, aber es ging ihm gehörig gegen den Strich, Wills Freunde vom Flughafen abholen zu müssen. Nun ja, genau genommen war es Fionas Freundin. Fiona, die ihm absolut egal war. Trotzdem meinten die beiden, es sei völlig in Ordnung, seine ganze Tagesplanung über den Haufen zu werfen, indem sie ihm eine zweistündige Fahrt zum Flughafen und dann weiter zum Haus seiner Eltern zumuteten. Und dann war die Frau nicht mal da gewesen. Seine sonst so unerschütterliche Ruhe war kurz davor, sich zu verabschieden.

„Wenn Sie sich mit Fiona in Verbindung gesetzt hätten, dann hätten Sie gewusst, dass ich zu einer anderen Zeit ankomme.“

Ihre Stimme klang kühl und fest, was ihn aus irgendeinem Grund noch mehr ärgerte. Sie hätte wenigstens so viel Anstand besitzen können, ein schlechtes Gewissen zu zeigen.

„Ich bitte um Entschuldigung. Sie haben recht. Ich hätte mich mit Fiona in Verbindung setzen müssen. Hätte ich es vor oder nach meinem Zwei-Uhr-Termin mit dem Premierminister tun sollen?“

Genau genommen war es der Handelsminister gewesen, aber sie brachte ihn allmählich auf die Palme. Rasch warf er ihr einen Seitenblick zu. Sie wirkte wie der Typ, der sich um niemanden scherte als um sich selbst. Selbstsüchtig, eitel und viel zu sehr von ihrer eigenen Attraktivität überzeugt, wenn er nach ihrem erfolglosen Flirtversuch ging.

Obwohl er widerwillig zugeben musste, dass sie eine sinnliche Ausstrahlung hatte, die ihn verwirrte. Sie war zu stark geschminkt, und ihre langen, sehr glatten, blonden Haare, der obszöne Plüschmantel und die enge Lederhose waren ihm zu trendy. Doch irgendetwas an diesem kurvigen Körper, den er eben an seinem gespürt hatte, sorgte dafür, dass sich seine Hosen mit einem Mal etwas zu eng anfühlten.

Ein Lächeln schlich sich unwillkürlich in sein Gesicht, als er daran dachte, wie ihre perfekten, rosig-schimmernden Lippen ein stummes „Oh“ geformt hatten, als er ihren festen Po ins Auto verfrachtet hatte. Am liebsten hätte er sie an sich gezogen und geküsst. Ihre Lippen waren voll und sinnlich und …

Großartig, Winchester. Es braucht nur einen heißen Körper und ein Paar schimmernde Lippen, und deine Selbstbeherrschung verflüchtigt sich schneller als der Schaum auf einem Milchkaffee. Du bist also auch nur ein Neandertaler.

Gott sei Dank schien sie wenigstens genug Grips zu haben, um den Mund zu halten.

Für genau drei Minuten.

„Ich würde vorschlagen: bevor Sie den Premierminister getroffen haben. Nur für den Fall, dass er sich ein wenig verplaudert. Dann hätten Sie gewusst, dass Sie früher weg müssen und hätten ihn zur Eile antreiben können.“

„Ihn zur Eile antreiben?“

„Ja.“

„Den Premierminister?“

„Ja.“

„Von Großbritannien?“

„Ja.“ Endlich drehte sie sich mit ihren großen Augen zu ihm um. „Er ist auch nur ein Mann.“

Nur ein Mann. In diesen einfachen Worten drückte sich ihre ganze Dummheit aus. Und er hatte keine Zeit für Dummheit. In diesem Moment beschloss er, dass sie seine Beachtung nicht weiter verdiente – wie verführerisch ihr Mund auch sein mochte.

Es dauerte weitere drei Minuten, bis sie wieder redete.

„Wohin fahren wir?“

„Ich dachte, das wäre naheliegend.“

„Der Typ im Pub sagte mir, ich wäre fast da.“

„Bis zum Haus meiner Eltern sind es zwanzig Minuten. Da hatten Sie noch einen weiten Weg vor sich in diesen … Stiefeln.“

„Aber ich muss mich noch umziehen, bevor wir dorthin fahren.“

„Wir sind zu spät dran. Wir haben nicht die Zeit, dass Sie sich auch noch umziehen. Was Sie anhaben, ist in Ordnung.“

Edward warf einen weiteren Blick auf ihr Outfit. Eines war klar: Sie würde in der Hochzeitsgesellschaft auf jeden Fall herausstechen. Vor seinem geistigen Auge sah er schon die langweiligen Freunde seiner Schwester die Messer wetzen. Dummerweise schien sie stur zu sein.

„Ich habe vierundzwanzig Stunden im Flugzeug gesessen, eine weitere Stunde im Bus verbracht, und ich bin einen Hügel hinaufgelaufen … im Schnee. Ich will mich umziehen.“

„Ich fürchte, dazu ist es zu spät.“

„Also schön, halten Sie an.“

„Was?“

„Ich sagte, halten Sie an. Ich ziehe mich auf der Rückbank um.“

„Sie müssen sich nicht umziehen. Wenn wir ankommen, können Sie sich frisch machen.“

„Ich will mich nicht frisch machen, ich will mich umziehen. Halten Sie an.“

Er gab auf. Jede Widerrede schien ohnehin zwecklos. Während sie ausstieg und zum Kofferraum ging, färbten sich seine Handknöchel weiß, so hart umklammerte er das Lenkrad.

Sie holte ihr Gepäck heraus, beförderte es mühsam auf die Rückbank und zerrte es über seine teuren Ledersitze. Edward zuckte zusammen, sagte aber nichts. Er war fest entschlossen, nicht zu spät zu kommen. Oder zumindest nicht noch später, als er sowieso schon dran war.

„Dieses Wochenende ist ein komplettes Ärgernis“, murmelte er düster, als sie weiterfuhren.

Es war ein verdammtes Ärgernis, diese Frau abzuholen. Aber es musste ja getan werden. Genauso wie er diese ermüdende Veranstaltung besuchen musste. Seine Mutter brauchte ihn und Will auch, und überhaupt würde alles auseinanderbrechen, wenn er nicht da war. Um sich um alle zu kümmern.

„Klingt ganz so, als wäre jemand so richtig in Partylaune.“

Partylaune? Nein, er war nicht in „Partylaune“. Definitiv nicht. Und jetzt, wo er auch noch den Babysitter für ein viel zu stark gebräuntes Partygirl spielen musste, steuerte seine Stimmung auf ihren absoluten Tiefpunkt zu.

„Wir sind nicht hier, um dieses Wochenende eine ‚Party‘ zu feiern. Es ist eine Hochzeit.“

Ihr Kopf wirbelte herum, und er blickte sie wieder an. Sie hatte die hellen Augen weit aufgerissen. Waren sie blau oder grau? Er konnte es nicht genau sagen.

„Ich weiß ja nicht, auf welchen Hochzeiten Sie bislang waren, mein kleiner Mr Sunshine, aber die Hochzeiten, die ich besuche, sind immer großartige Partys.“

Sein Nacken verspannte sich. Du bist hier, um dafür zu sorgen, dass es allen gut geht, ermahnte er sich und presste seine Hände noch fester um das Lenkrad. Du musst einfach nur durchhalten.

Er schaute genau in dem Moment in den Rückspiegel, als sie etwas Funkelndes, Violettes und sicherlich ganz und gar Vulgäres hochhielt.

„Was ist das denn?“ Es gelang ihm nicht ganz, seinen Abscheu zu verbergen. Warum meinten Frauen bloß, sich in Glitzerzeug hüllen zu müssen? In einem schlichten, eleganten Kleid sahen sie doch viel besser aus.

„Nicht gucken“, sagte sie.

Das hatte natürlich zur Folge, dass er auf jeden Fall gucken wollte. Aber er hielt den Blick stur auf die Straße gerichtet. Er würde sich immer beherrschen können, auch wenn sie …

Großer Gott, war das eine Brust?

Er linst nicht mal nach hinten, dachte Olivia, während sie sich aus ihrer engen Hose schälte und dann das Thermo-Unterhemd über den Kopf zog. Sie schlüpfte in die Ärmel des Kleids, das ebenfalls sehr eng war, sodass sie ein paar Verrenkungen anstellen musste, bis es richtig saß.

Sie wagte einen Blick in den Rückspiegel. Noch immer starrte er stur nach vorne. Wie prüde. Vermutlich löschte er auch beim Sex das Licht. So ein Mann weckte in ihr fast ebenso viel Abwehr wie ein alter Lüstling, der seine Hände nicht bei sich behalten konnte.

Olivia kletterte mit ihrem Make-up-Täschchen zurück auf den Vordersitz, worauf Edward missbilligend schnalzte. Wie eine spießige alte Frau.

„Haben Sie davon nicht schon genug aufgelegt?“, fragte er grob. Sie bemerkte seine verkrampften Hände um das Lenkrad. Wütend, ungeduldig, verächtlich. Normalerweise bezauberte Olivia Fremde mit ihrem Charme. Zumindest für die ersten fünf Minuten. Dann verloren sie schnell das Interesse. Doch das Desinteresse dieses Mannes hatte noch schneller als üblich eingesetzt. Sie wusste nicht genau, warum, doch sie hatte einen Knoten im Magen. Wie lächerlich. Als wenn sich ein Mann wie er jemals für eine Frau wie sie interessieren würde.

„Dieses letzte Handanlegen macht eine Frau erst wirklich umwerfend. Sie werden schon sehen.“

Sie spürte seinen Blick auf sich, ignorierte ihn aber. Wahrscheinlich dachte er, dass auch mehrere Pfund Make-up dazu nicht ausreichen würden. Und er hatte recht. Die Wahrheit war, dass sie die jüngere, weniger attraktive Schwester einer Schönheit war. Auch ihre Freundinnen waren alle hübscher als sie. Sie hatte sich damit abgefunden, aber eine Schicht Wasserstoffperoxid auf ihrem von Natur aus mausbraunen Haar und eine ordentliche Portion Schminke sorgten dafür, dass sie sich besser fühlte. Und sie wollte sich gut fühlen an diesem Wochenende. Seine missbilligenden Blicke hatten allerdings den gegenteiligen Effekt.

„Was ist los? Habe ich irgendwas zwischen den Zähnen? Oder sind meine Brustwarzen zu sehen?“ Sie hob die Hände an ihr Dekolleté und vergewisserte sich, dass ihre Brüste da waren, wo sie hingehörten.

Sie hatte nicht das schönste Gesicht, aber mit ihrem Körper war Olivia zufrieden. Regelmäßiges Joggen und viele Stunden im Fitnessstudio sorgten dafür, dass sie schlank, muskulös und wohlgeformt war.

Edward schluckte. Sie schob ihre Brüste mit den Händen hin und her, sodass die weichen Halbkugeln fast über den Rand ihres Ausschnitts quollen. Es war irritierend. War ihr denn nicht klar, dass er sich aufs Fahren konzentrieren musste?

Olivia Matthews war die Art Frau, um die er sonst unter allen Umständen einen großen Bogen machte. Eine dieser nichtssagenden Frauen, deren Lebenszweck darin bestand, irgendwelchen B-Promis und spätmittelalterlichen Millionären einen attraktiven weiblichen Körper zu bieten, den sie befingern konnten. Diese Frauen waren nicht sein Typ. Sie war definitiv nicht sein Typ. Trotzdem sah sie aufregend aus. Und warum sollte er nicht hinschauen? Sie machte eine solche Show daraus, dass es fast schon an schlechte Manieren grenzen würde, nicht hinzugucken.

„Mit Ihren Brüsten ist alles in Ordnung, soweit ich das beurteilen kann.“

Das trug ihm einen schiefen Seitenblick ein. Dabei erkannte er, dass ihre Augen eisblau waren. Zu seinem Ärger spürte er schon wieder ein Ziehen in den Lenden. Das Wochenende war schon schlimm genug, ohne dass ihn dieser kleine Drachen aus dem Konzept brachte. Resolut wandte er sich wieder der Straße zu und konzentrierte sich auf die spiegelglatte Fahrbahn und die engen Kurven, die nun bald kommen würden.

Sie widmete sich wieder dem Spiegel, trug noch mehr Schminke auf und zupfte nicht-existente Flusen von ihrem Kinn.

„Wird das heute Abend eine wilde Party oder eher eine langweilige Veranstaltung mit unattraktiven, ledigen Cousins und voreingenommenen Tanten?“

Edward schnaubte. „Ganz offensichtlich eilt meiner Familie ein Ruf voraus.“

„Soll das heißen, dass sie alle so charmant sind wie Sie?“ Sie schraubte ihren Lipgloss zu und blickte ihn an.

Ihren sarkastischen Tonfall quittierte Edward mit einem Stirnrunzeln, doch er schaute weiterhin nach vorn. Die Frau schien alles auszusprechen, was ihr gerade in den Sinn kam, ohne auch nur im Entferntesten an die Konsequenzen zu denken. Wusste sie denn nicht, dass es im Leben immer um Konsequenzen ging?

„Meine ganze Familie wird da sein, um Will und seine Braut zu unterstützen. Ich muss mich entschuldigen, dass wir nicht daran gedacht haben, dass Sie ein wildes Wochenende voller Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll erwarten.“ Er fragte sich, ob er sie beleidigt hatte. Er hoffte es. Vielleicht würde sie sich dann endlich benehmen.

„Was? Kein Sex, keine Drogen? Das wird wirklich ein ödes Wochenende.“

Ihr Ton klang spröde. Offensichtlich war sie verärgert. Um Edwards Mundwinkel zuckte es. Ihre Reaktion amüsierte ihn aus irgendeinem Grund. Wer war diese Frau?

Es folgte eine Minute eisigen Schweigens. Edward biss sich auf die Zunge. An diesem Abend musste er ein Auge auf seine labile Mutter haben und seine bösartige Schwester von der Braut fernhalten. Sie fand Fiona plump und fad.

Noch drei ganze Tage, bis er wieder in London war.

„Wird es wenigstens Wein geben?“

Er drehte sich zu ihr um. „Ja, Olivia. Es wird Wein geben. Jede Menge Wein, falls mein Vater sich darum gekümmert hat.“

„Dann setzt wenigstens Ihr Vater die richtigen Prioritäten“, entgegnete sie und schaute wieder aus dem Fenster.

Erneut spürte er, wie seine Mundwinkel zuckten. Sie passte überhaupt nicht hierher. War vermutlich dumm. Aber auch amüsant.

Es verging eine weitere Minute, während der sie auf ihrem Sitz herumrutschte. Sein Blick fiel auf ihre goldbraunen Beine. Sie waren lang und muskulös und … Rasch schaute er wieder nach vorn.

„Wie auch immer, mir war nicht klar, dass es an diesem Wochenende nur um Sie geht. Ich hätte gedacht, das eigentlich Entscheidende wäre, dass Ihre Freundin glücklich ist“, bemerkte er.

Sofort drehte sie den Kopf wieder zu ihm um. Ihre Wangen brannten, und sie presste die Lippen zu einer dünnen Linie zusammen. Seine Äußerung schien ihr ganz und gar nicht zu gefallen.

„Fiona meinte, Sie wären nett, aber sie hatte schon immer eine schlechte Menschenkenntnis.“

Ihre blauen Augen waren kalt wie Eiszapfen. Edward bemühte sich sehr, nicht zu grinsen. „Nun, Sie kennen sie sicher besser als ich. Schließlich sind Sie ihre beste Freundin.“

Sie schnaubte. Schnaubte wie eine Sechsjährige. Er hätte beinahe laut losgelacht, konzentrierte sich jedoch lieber darauf, in die scharfe S-Kurve einzubiegen, die ihm sagte, dass sie nicht mehr weit vom Haus seiner Eltern entfernt waren.

„Wenn der Rest Ihrer Familie genauso ist wie Sie, dann steht mir eine wirklich lange Nacht bevor.“

„Oh, meine Familie ist ganz und gar nicht so wie ich. Sie ist viel unhöflicher.“ Er spürte, wie sie ihn anstarrte. „Und sie hat mit Kindern nicht viel am Hut, also schlage ich vor, dass Sie aufhören zu schmollen.“

Sie schnaubte wieder. Er hätte gedacht, dass er ihr den Mund gestopft hätte, doch sie gab schon wieder Kontra. „Sie sind schrecklich.“

Dieses Mal gestattete er sich ein Lächeln. Ein nettes, breites Grinsen, bei dem seine Gesichtsmuskeln wehtaten. „Sie sind zu liebenswürdig.“

Sie wandte sich ab. Er war wirklich schrecklich. Fiona hatte gesagt, er sei nett. Da hätte ihr schon der erste Verdacht kommen müssen. Fiona sagte nie etwas Schlechtes über irgendwen. Nett war das Codewort für schrecklich, denn nett war das schlimmste Wort, das Fiona überhaupt über die Lippen brachte.

Olivia atmete langsam aus. Fiona und sie waren seit ihrem einundzwanzigsten Lebensjahr beste Freundinnen. Ein paar furchtbare Exfreunde hatten sie zusammengeschweißt. Seitdem waren sie Seelenschwestern. Deshalb war es auch ein Schock für sie gewesen, als Fiona ihr vor einem halben Jahr mitgeteilt hatte, dass sie Australien den Rücken kehren und bei Will in England einziehen würde. Ihr war gar nicht klar gewesen, wie sehr sie sich immer auf ihre beste Freundin verlassen hatte.

„Sie müssen sich freuen, Ihre Freundin wiederzusehen.“

Seine tiefe Stimme durchbrach ihre Gedanken. Warum redete er immer noch mit ihr? Es war doch mehr als offensichtlich, dass er sie nicht leiden konnte. Lag es an seiner britischen Höflichkeit? Oder machte es ihm einfach Spaß, sie zu quälen? Sie vermutete, dass es ein bisschen von beidem war.

„Ja, das tue ich.“

„Fiona sagte mir, dass Sie sich sehr nahestehen.“

„Wir sind fast wie Schwestern.“

Fast. Sie hatte eine Schwester. Eine, an die sie nicht zu oft zu denken versuchte.

„Freuen Sie sich wirklich, sie zu sehen?“

Mein Gott, er redete immer noch mit ihr! Olivia schaute aus dem Fenster. Er hatte eine tiefe Stimme, die sie von innen zu streicheln schien. Sie war ein wenig rau und unwahrscheinlich sexy, aber darüber wollte sie lieber nicht nachdenken.

„Ja, ich freue mich …“ Das tat sie wirklich. Aber wenn sie ehrlich war, fürchtete sie sich gleichzeitig davor. Aus irgendeinem Grund machte es ihr Angst, dass sie gleich sehen würde, wie verliebt Fiona war und wie glücklich sie war, eine Zukunft mit Will zu beginnen. Eine Zukunft ohne Olivia.

Aber dass dieser Idiot andeutete, sie würde sich nicht für ihre Freundin freuen und nur an sich denken, war wirklich die Höhe. Und es war falsch. Natürlich ging es an diesem Wochenende um Fiona.

„Ich freue mich sehr für sie. Wirklich sehr. Geradezu unheimlich.“ Und das stimmte. Aber sie fragte sich, ob es an diesem Wochenende nicht die Möglichkeit gab … jemanden kennenzulernen.

„Haben Sie sich jetzt selbst überzeugt?“

Olivia entging die leise Belustigung in seiner Stimme nicht. Sie warf ihm einen Seitenblick zu, während er weitersprach.

„Oder leiden Sie immer noch unter einem Neidanfall?“

Sie wandte den Blick ab und holte tief Luft, um das heftige Pochen in ihrer Brust zu übertönen. So ging es ihr jedes Mal, wenn sie an ihre eigenen Aussichten dachte. Sie war weder hübsch noch interessant genug, um die Aufmerksamkeit eines Mannes lange zu fesseln.

Aber es musste doch irgendjemanden geben. Selbst Ellie – ihre kettenrauchende, wollmützentragende Vermieterin – hatte sich ...

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