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Zu feindlichen Ufern

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Kapitel eins
  6. Kapitel zwei
  7. Kapitel drei
  8. Kapitel vier
  9. Kapitel fünf
  10. Kapitel sechs
  11. Kapitel sieben
  12. Kapitel acht
  13. Kapitel neun
  14. Kapitel zehn
  15. Kapitel elf
  16. Kapitel zwölf
  17. Kapitel dreizehn
  18. Kapitel vierzehn
  19. Kapitel fünfzehn
  20. Kapitel sechzehn
  21. Kapitel siebzehn
  22. Kapitel achtzehn
  23. Kapitel neunzehn
  24. Kapitel zwanzig
  25. Kapitel einundzwanzig
  26. Kapitel zweiundzwanzig
  27. Glossar der nautischen Begriffe und historischen Personen

Über den Autor

Sean Thomas Russell wurde 1952 im kanadischen Toronto geboren und ist mit Herz und Seele Autor, Segel- und Geschichts-Fan. Er lebt mit seiner Familie auf Vancouver Island, nur zwei Minuten von der Küste entfernt. Weitere Informationen finden Sie auf www.sthomasrussell.com

Sean Thomas Russell

ZU
FEINDLICHEN
UFERN

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von
Dr. Holger Hanowell

KAPITEL EINS

Sie warteten auf die Erlaubnis des Hafenadmirals, in See stechen zu dürfen.

Seeleute begreifen mit der Zeit, wie abhängig sie vom Wind, dem Wetter und von den Gezeiten sind, und begegnen diesen Naturvorgängen mit einer Geduld, die man auch als stoische Gelassenheit bezeichnen könnte. Wenn hingegen ein Schiff aufgrund menschlichen Verhaltens im Hafen festsitzt – wie Haydens Schiff im Augenblick –, so ruft das bei einem Seemann eine gänzlich andere Reaktion hervor.

Mr Barthe stampfte übers Deck und beeindruckte die ihm unterstellten Offiziere mit der Bandbreite des englischen Wortschatzes – allerdings handelte es sich hierbei eher um sprachliche Auswüchse, die nicht für die Ohren einer Dame bestimmt waren. Die anderen Deckoffiziere blieben wortkarg, waren jedoch verdrießlich und leicht reizbar, was die Mannschaft wiederum rasch spürte. Daher passten sich die Männer der jeweils vorherrschenden Stimmung an Deck an.

Hayden verspürte den Wunsch, am kommenden Morgen gleich bei Anbruch des Tages auszulaufen und über den Plymouth Sund in den Ärmelkanal zu segeln, noch ehe die Decks trocken waren. Aber der Vormittag war verstrichen, und die Erlaubnis zum Auslaufen ließ weiter auf sich warten. Der Nachmittag neigte sich fast dem Ende, der Tag verging wie im Fluge.

Was hatte der Erste Sekretär noch gleich gesagt? Ich möchte, dass Sie auf See sind – und zwar bis auf Weiteres –, sobald sich das arrangieren lässt. Diese Worte lösten ein unangenehmes Prickeln bei Hayden aus. Den Ausdruck »bis auf Weiteres« empfand er als höchst unheilvoll. Was erwartete ihn? Wer würde ihn zurückbeordern, und warum?

Wenn der Hafenadmiral sich doch entgegenkommender erweisen würde! Die zögerliche Haltung dieses Mannes im Hinblick auf Haydens Ersuchen, die Segel setzen zu dürfen, war mehr als beunruhigend und seltsam. In Hayden kam die Frage auf, ob der Hafenadmiral dem Ansinnen des »Feindes« diente. Ob das der Grund war für das zögerliche Verhalten des Mannes, Haydens Bitte nachzukommen? Denn jeden Moment könnten Befehle aus Whitehall Street eintreffen, die Hayden seines Kommandos entheben würden.

Derartige Gedanken schlichen sich in seinen Geist, nachdem der Erste Sekretär ihn hatte wissen lassen, es stehe fortan nicht mehr in seiner Macht, Hayden ein vergleichbares Kommando zu beschaffen, sollte Hayden dieses Kommando ablehnen. Bei Aussagen wie diesen bekam man den Eindruck, dass geheime Kräfte gegen einen arbeiteten – oder etwa nicht?

Hayden hingegen machte sich bewusst, dass er nicht in der geistigen Verfassung war, in der er als Kommandant hätte sein müssen. Er befürchtete, dass er sich viel zu viel Gedanken machte – oder nicht annähernd genug über Dinge nachdachte, die unbedeutend zu sein schienen. Aufgrund der Entfremdung von Henrietta schlief er kaum noch. Sein Magen rebellierte stärker als sonst bei der Nahrungsaufnahme, und gedanklich konnte er sich immer schlechter auf die Angelegenheiten des Tages einstellen.

Ein Teil von ihm hoffte, man möge ihn tatsächlich seines Kommandos entheben, damit er nach London zurückkehren könnte, um endlich Henrietta aufzusuchen. Denn dann könnte er ihr erklären, dass er sich falschen Anschuldigungen ausgesetzt sah – hatten ihn doch die Damen Bourdages, Mutter und Tochter, in Verruf gebracht.

Unruhig schritt Hayden in seiner Kajüte auf und ab, warf hin und wieder einen Blick aus der Heckgalerie und sah den Hafen von Plymouth und die Felder jenseits des östlichen Uferverlaufs. Das frische Grün des Frühlingsgrases wiegte sich in der Brise – eine geeignete Brise, um Kurs auf Le Havre zu nehmen. Hayden hatte den Befehl erhalten, eine Fregatte zu erobern oder zu zerstören, die diesen Hafen als Basis benutzte, um von dort aus britische Schiffe zu terrorisieren.

Als es an die Tür klopfte, wurde Hayden aus seinen Überlegungen gerissen, was er beinahe als Erleichterung empfand, da sich seine Gedanken seit Stunden im Kreis drehten.

Auf Haydens Ruf hin drückte der wachhabende Seesoldat die Tür zur Kajüte einen Spalt auf. »Mr Barthe, Sir …«

»Lassen Sie ihn vor.«

Mit watschelndem Gang schob der Master seinen beträchtlichen Bauch vor sich her. Den alten Hut hatte er unter seinen Arm geklemmt, sodass sich das graue Haar von den geröteten, hängenden Wangen abhob – wie Asche und Flammen, dachte Hayden.

»Jetzt erzählen Sie mir bitte nicht, dass Sie beträchtliche Schäden an unserem Rigg entdeckt haben, Mr Barthe.«

»Das Rigg ist tadellos, Sir, einwandfrei, möchte man sagen. Und unsere Segel sind bereit, Sir, aber …« Der Master zögerte.

»Würden Sie den Satz bitte zu Ende führen, Mr Barthe? Ich kann die Spannung kaum noch ertragen.«

Barthe lächelte. »Wenn wir heute noch nicht in See stechen, Sir, dann würden Mrs Barthe und meine Töchter gern einmal unser Schiff in Augenschein nehmen. Mr Wickham hat uns freundlicherweise ein Boot zur Verfügung gestellt, um die Damen zum Schiff zu rudern, wenn das für Sie akzeptabel wäre, Sir.«

»Hat Mr Archer Sie noch nicht wissen lassen, dass wir noch unsere Pulverbestände auffüllen müssen?«

Barthe wirkte erstaunt. »Nein, Sir, davon hat er mir nichts gesagt.«

»Für mich unerklärlich«, erwiderte Hayden. »Die Pulverbarkasse soll heute Nachmittag anlegen. Ich hoffe immer noch, dass wir morgen bei Tagesanbruch den Anker lichten können und zur Frühmahlzeit im Ärmelkanal sind.«

Der Master ließ sich seine Enttäuschung nicht anmerken. »Vielleicht – vielleicht hat Mr Archer mich doch über die Pulverbarkasse informiert, Sir.«

»Mr Barthe, für mich ist es offensichtlich, dass Sie versuchen, Mr Archers Nachlässigkeit zu vertuschen. Aber ich werde ihn deswegen zur Rede stellen müssen. Was nun Ihre Frau und Ihre Töchter anbelangt, Mr Barthe, so tut es mir leid, dass sie unserem Schiff keinen Besuch abstatten können. Bitte bestellen Sie Mrs Barthe, dass ich es bedaure. Und erklären Sie ihr auch, warum ich sie nicht an Bord kommen lassen kann. Ich möchte nicht, dass Ihre Frau das Gefühl hat, hier nicht willkommen zu sein.«

»Richte ich ihr aus, Sir. Danke, Sir.«

Barthe zwängte sich mit seinem Leibesumfang aus der Kabinentür. Hayden ahnte, dass die Männer enttäuscht sein würden, wenn sie erführen, dass Mrs Barthe nicht mit ihren hübschen Mädchen an Bord kommen würde. Selbst Hayden verspürte ein wenig Verdruss.

Er gab seinem Master ein wenig Zeit, sich von der Kajüte zu entfernen, und öffnete dann die Tür. »Ich muss Mr Archer sprechen. Rufen Sie ihn, wenn ich bitten darf«, wandte er sich an den Seesoldaten.

In diesem Augenblick fiel Haydens Blick auf die Schreibarbeit, die in kleineren Stapeln auf seinem Pult lag. Wenn er sich doch wenigstens für fünf Minuten gedanklich auf diese Unterlagen einlassen könnte, anstatt immer wieder über Henrietta und die eigene belastende finanzielle Situation nachzudenken!

Ein zurückhaltendes Klopfen verriet die Ankunft von Mr Archer. Nach einem »Herein« trat der Leutnant rasch ein. »Es tut mir leid, Sir«, begann er eher hastig. »Das ist allein mein Fehler, dass ich es Mr Barthe nicht gesagt habe.«

»Ein schwerwiegendes Versäumnis, Mr Archer. Wie soll Mr Barthe seine Arbeit machen, wenn ihm wichtige Informationen vorenthalten werden?«

»Ich weiß es nicht, Sir. Es soll nicht wieder vorkommen.«

»Das will ich hoffen. Die Feuer an Bord sind alle gelöscht?«

Archer war bemüht, sich durch die Frage nicht beleidigt zu fühlen, konnte dies indes nur schlecht kaschieren. »Alle Feuer bis auf das Licht im Vorraum zur Pulverkammer, Sir. Ich habe angeordnet, feuchte Laken dort aufzuhängen.«

»Gehen Sie durch alle Decks und sorgen Sie dafür, dass nirgends mehr ein Feuer glüht, Mr Archer. Sollten Besucher an Deck sein, so wollen wir ja nicht, dass sie mit uns in die Luft fliegen, nicht wahr?«

»Ja, Sir, gewiss, Sir.«

»Dann an die Arbeit, Mr Archer.«

Mit steifen Schultern verließ der Leutnant die Kajüte. Hayden fühlte sich zwar nie wohl in der Rolle des verärgerten Kapitäns, aber im Lauf der Jahre war er zu der Überzeugung gelangt, dass es den jungen Offizieren guttat, gelegentlich ermahnt zu werden. Auf diese Weise wurden sie noch einmal eindringlich an ihre Pflichten erinnert. Als junger Offizier hatte Hayden jedenfalls diese Erfahrung gemacht.

Archer war gewiss für ein oder zwei Tage in seinem Stolz verletzt, aber er würde die Schelte verkraften und gestärkt daraus hervorgehen. Einen Moment lang fragte sich Hayden, ob es an der eigenen Unzufriedenheit oder an den Sorgen im Hinblick auf seine Karriere liegen mochte, dass er in letzter Zeit schnell gereizt war. Ja, bereits bei geringen Anlässen stieg Zorn in ihm auf. Andererseits war Archers Versäumnis nicht unbedeutend. Hayden hatte ihn zurechtweisen müssen. Der Leutnant hatte die verdammte Pflicht, den Master davon in Kenntnis zu setzen, dass die Pulverbarkasse angekündigt war. Was hatte sich der Mann bloß dabei gedacht?

»Vielleicht hat er sich von seinen Privatangelegenheiten ablenken lassen«, sagte Hayden halblaut vor sich hin. »Wie du selbst, Kapitän.«

Einen Moment gönnte er sich etwas Ruhe auf der Bank vor der Heckgalerie und spürte förmlich, wie er sich mit seinen Gedanken von seinen Pflichten löste und sich fragte, ob Henrietta seinen Brief bekommen würde – und auch lesen würde. Seine größte Sorge war, dass sie ihn womöglich gleich verbrannte oder im Zorn wegwarf, war sie doch in dem Glauben, Hayden habe sie durch treuloses Verhalten hintergangen – es hieß, er habe eine französische émigrée geheiratet.

Es trieb ihn an den Rand der Verzweiflung, dass es ihm nicht vergönnt gewesen war, unter vier Augen mit Henrietta zu sprechen. Wie schnell hätte er sämtliche Missverständnisse aus dem Weg räumen können. Aber in London hatte er sie nirgends angetroffen. Und weder Lady Hertle, Henriettas Tante, noch Mrs Hertle, ihre Cousine und Vertraute, hatten sich bereit erklärt, mit ihm zu sprechen.

Wieder klopfte es an die Tür, und erneut wurde Hayden aus seinen allzu vertrauten Gedanken gerissen.

»Boot kommt längsseits mit Befehlen vom Hafenadmiral«, verkündete Midshipman Gould, als er die Tür aufmachte.

Hayden wehrte sich gegen die Abgespanntheit und das Gefühl ständiger Belastung und kletterte schnell die Leiter hinauf an Deck. Dort traf er auf Leutnant Ransome, der in Gegenwart eines jungen Offiziers gleichen Ranges einen etwas unwirschen Ton anschlug. Hayden kannte den jungen Mann nicht.

Sichtlich empört wandte sich Ransome an Hayden. »Der Hafenadmiral benötigt Ihre Unterschrift, Kapitän. Meine genügt offenbar nicht.« Leutnant Ransome, der auf Betreiben keines Geringeren als Admiral Lord Hood an Bord gekommen war, hatte die Angewohnheit, sich allzu schnell in seinem Stolz verletzt zu fühlen. Ein Charakterzug, der Hayden ärgerte – insbesondere an diesem Tag.

Wortlos unterzeichnete Hayden die Unterlagen und stellte fest, dass es sich nicht nur um Anordnungen des Hafenadmirals handelte, sondern dass auch ein Brief der Admiralität beilag. Da er das Bedürfnis verspürte, sich zu setzen, begab er sich rasch wieder unter Deck in seine Kajüte.

Kurz darauf saß er an seinem Schreibpult, blickte auf die beiden Briefe und überlegte, welchen er zuerst öffnen sollte. Er hielt es für wahrscheinlich, dass ein Schreiben der Admiralität schlechte Nachrichten enthielt.

Hätte der Hafenadmiral mir doch die Erlaubnis zum Auslaufen gegeben!, dachte Hayden.

Er überlegte noch einen Moment, spürte, dass ihm alle möglichen Gedanken im Kopf herumwirbelten und entschied sich dann doch für das Schreiben der Admiralität. Der Brief stammte von Philip Stephens und wies die Kennzeichnung »Streng vertraulich« auf.

Mein verehrter Kapitän Hayden,

Sie erhalten hiermit den Befehl, sich bei der nächstbesten Gelegenheit – was Wind und Wetter betrifft – in der Nacht vom 12. April mit der HMS Themis vor den Hafen von Le Havre zu begeben. Gegen zwei Uhr in der Früh am Morgen des 13. Aprils nehmen Sie eine Position ein, die nicht weiter vom Festland entfernt sein darf als eine Meile, und setzen ein einzelnes Lichtsignal, welches von der Küste aus für eine halbe Stunde zu sehen sein muss.

Daraufhin wird von der Küste ein Boot ablegen und einen Mann an Bord rudern, der sich Ihnen als »Monsieur Benoît« vorstellen wird. Dieser Mann verfügt über vertrauliche Informationen, die für den gegenwärtigen Krieg von höchster Bedeutung sind. Diese Nachrichten müssen die Admiralität schnellstens erreichen, wobei sichergestellt werden muss, dass die Identität des Überbringers nicht bekannt wird. Sollte diese Aufgabe mit anderen Befehlen kollidieren, die Sie von mir erhielten, so teile ich Ihnen hiermit mit, dass die Begegnung mit Monsieur Benoît und die Überbringung der Nachrichten an die Admiralität Vorrang haben. Über diesen Einsatzbefehl informieren Sie Ihre Offiziere vorerst nicht. Sie weihen Ihre Leute erst später ein, und nicht, bevor Sie in See stechen und außer Sichtweite unserer Küste sind.

Der Brief war mit »Philip Stephens, Erster Sekretär« unterzeichnet. Hayden legte das Schreiben auf sein Pult und fluchte dann so vernehmlich, dass der wachhabende Seesoldat es gewiss gehört hatte.

Das sah der Admiralität wieder einmal ähnlich! Hayden erhielt neue Instruktionen, die die Ausführung der ursprünglichen Mission erschwerten oder gar unmöglich machten. Er war verärgert. Denn der Befehl, eine feindliche Fregatte zu erobern, bedeutete, dass Aussicht auf Prisengeld bestand, und bei all den Rückschlägen der letzten Zeit konnte Hayden dies sehr gut gebrauchen.

Wenn er jetzt jedoch einen Spion an Bord nahm, brachte er sein Schiff nur unnötig in Gefahr, zumal der Informant womöglich vor dem Eintreffen der Themis gefasst und verhört wurde. Daher war es zumindest denkbar, dass die französischen Behörden längst über Zeit und Ort des geheimen Treffens Bescheid wussten.

Erneut entwich ihm ein Fluch, leiser diesmal. Dann brach er das Siegel des zweiten Briefs und las, dass man seiner Bitte zum Auslaufen endlich entsprochen hatte. Noch einmal an Land zurückkehren zu können war hiermit hinfällig geworden. Die Möglichkeit einer Wiederannäherung mit Henrietta geriet in weite Ferne.

Er musste Segel setzen in Richtung Le Havre, um dort den geheimnisvollen Monsieur Benoît zu treffen. Hayden verfluchte den Unbekannten – diesmal auf Französisch.

KAPITEL ZWEI

Ein unförmiger Mond stand über den treibenden Dunstschleiern und warf sein dürftiges Licht auf das Deck. Jenseits der Reling wogte die tintenschwarze, rastlose See.

»Eine ungesunde See.« Aus den Schatten löste sich der Master und stampfte die wenigen Schritte über die Planken zum Schanzkleid, wo Hayden stand, der sich das Nachtglas unter den Arm geklemmt hatte.

»Ungesund? Was meinen Sie damit, Mr Barthe?«

»Sieht aus wie eine Suppe, die man stehen gelassen hat, bis sie andickt und erkaltet.« Barthe fröstelte sichtlich.

Hayden verbarg ein Lächeln. »Sie entdecken noch eine dichterische Ader in sich, Mr Barthe. Die See ist, wie sie immer um diese Zeit im April ist, für mein Empfinden. Aber die Nacht ist zu weit vorangeschritten.« Er führte das Nachtglas wieder ans Auge, schwenkte es in einem Winkel von sechzig Grad erst zur einen Seite, dann langsam zur anderen, ehe er es sich wieder unter die Achsel schob.

»Dauert noch drei Stunden, bis es hell wird, Kapitän«, merkte Barthe an, da er ahnte, was seinem Vorgesetzten Sorgen bereitete. »Noch genug Zeit.«

Hayden hingegen war nicht der Ansicht, dass ihnen genug Zeit blieb, und hätte am liebsten sofort die Segel gesetzt.

»Mir wäre es lieber, sie kämen so schnell wie möglich«, antwortete Hayden. »Und was die andere Angelegenheit betrifft – dieser Mann ist womöglich längst im Gefängnis oder auf dem Weg zur Guillotine. Ich werde nicht länger als nötig auf ihn warten.«

Einige Stunden zuvor hatte ein Beiboot, noch schwarz gestrichen vom letzten Abenteuer auf Korsika, im Schutz der Dunkelheit auf den Hafen von Le Havre zugehalten. Hayden fragte sich, ob sich die Fregatte, die es zu zerstören galt, bereits wieder auf die Jagd begeben hatte. Es wäre reine Glückssache, wenn es der Themis gelänge, das feindliche Schiff entlang der britischen Küste aufzuspüren – daher hoffte Hayden, Monsieur Benoît an Bord nehmen zu können, um dann auf die Rückkehr der Fregatte zu warten. Falls das französische Schiff in dieser Nacht jedoch im Hafen blieb, wollte Hayden nicht das Überraschungsmoment verlieren. Denn es war immerhin denkbar, dass der Feind mitbekam, wo die Themis im Hinterhalt lag. In diesem Fall würde Hayden den Befehl geben, noch vor Tagesanbruch hinaus aufs offene Meer zu segeln, um nicht in Sichtweite des französischen Hafens in eine Flaute zu geraten.

Im Augenblick indes mussten sie auf diesen verfluchten »Monsieur Benoît« warten, der, falls er in die Hände der Behörden geraten war, leichtfertig Zeitpunkt und Ort des Zusammentreffens preisgeben könnte. Dann würden sich französische Schiffe der vereinbarten Position nähern, und genau das löste eine gewisse Unruhe in Hayden aus.

»Können Sie den Küstenverlauf sehen, Kapitän?«, erkundigte sich der Master mit ungewohnt dünner Stimme. »Ich fürchte, wir sind ein wenig nach Osten abgetrieben. In so einer dunklen Nacht hat ein Schiff hier nichts verloren, sag ich. Wenn die Seine mit der Flut anschwillt, können die Strömungen ins Inland drehen. Oft hält der hohe Wasserstand dann an. Ich habe schon erlebt, wie Strömungen ein Schiff abgetrieben haben, obwohl der Steuermann ganz andere Voraussagen gemacht hat. Eine verdammt gefährliche Situation, Kapitän. Bin gar nicht zufrieden damit.«

»In diesem Punkt bin ich ganz Ihrer Meinung, Mr Barthe, aber wir haben keine Wahl.« Hayden drehte sich um, schaute hinauf ins Rigg und rief dann mit gedämpfter Stimme: »Mr Wickham? Können Sie die Küste ausmachen? Sind wir gen Osten abgetrieben?«

»Wir halten unsere Position recht gut, Kapitän.« Wickhams Antwort kam so leise, dass die Worte fast nur zu erraten waren. »Ich sehe Lichter an Land. Beruhigen Sie Mr Barthe in diesem Punkt. Alles ist gut.«

»Das Beiboot ist nirgends zu sehen?«

»Nein, Sir.«

»Irgendein anderes Boot?«

»Nein, nichts, Sir.«

Hayden fluchte leise, richtete den Blick noch einmal nach oben und wandte sich wieder der Reling zu. Wolkenfetzen glitten über einen milchigen Mond und ließen kaum Licht aufs Wasser.

»Na, mir gefällt’s trotzdem nicht«, brummte Barthe gereizt. »Mit Verlaub, Sir …«

Hayden gab mit einem Nicken seine Zustimmung, worauf der Master in Richtung Bug watschelte, um die Segelführung zu kontrollieren.

Hayden trat an das Nachthaus, das den Kompass und Lampen enthielt. Das Licht darin war gedimmt worden. Er holte seine Uhr hervor – kurz vor zwei in der Früh. »Schicken Sie den Profos zu mir«, befahl er einem der Matrosen.

Sogleich machte sich Hayden erneut daran, in die Dunkelheit zu spähen. Einen Moment lang glaubte er, das charakteristische Eintauchen der Riemen ins Wasser zu hören, aber nirgends war ein Boot zu erahnen. Schließlich gingen die Laute in den vertrauten Geräuschen der Wellen unter.

»Sir?« Aus der Dunkelheit an Bord schälte sich der kleine Profos.

»Wir lassen diese Lampe exakt eine halbe Stunde brennen«, ordnete Hayden an.

»Aye, Sir.«

Das für den französischen Spion gedachte Signallicht wurde entzündet, flackerte kurz und spendete dann ein mattes Licht. Im selben Moment befürchtete Hayden, die Themis könnte zum Ziel der Geschütze an Land oder der Schiffe werden, die irgendwo dort draußen in der Dunkelheit lauerten.

Abermals vermochte er nicht, sich auf die gegenwärtige Situation zu konzentrieren, sondern merkte, dass es ihn gedanklich schon wieder zu jenen Schwierigkeiten zog, die bei seiner letzten Rückkehr nach England über ihn hereingebrochen waren. Finanzielle Sorgen und rechtliche Unklarheiten waren eine Sache. Viel schwerer wog hingegen die Entfremdung von Henrietta, eine Entwicklung, die Hayden ständig Kummer bereitete und ihn von seinen Pflichten ablenkte. Er musste einen Weg finden, um wieder in England sein zu können. Er musste mit Henrietta sprechen und ihr erklären, was sich wirklich zugetragen hatte. Die Gerüchte um Madame Bourdage und deren Tochter ließen sich leicht aus der Welt schaffen, wenn Henrietta ihm nur Gehör schenkte.

Du darfst deine Pflichten nicht vernachlässigen, dachte Hayden. Die Sicherheit von zweihundert Seelen hängt ab von deinen Entscheidungen, die du mit klarem Verstand treffen musst.

Aber seine geistige Verfassung ließ zu wünschen übrig, hinzu kam der Schlafmangel, der Hayden obendrein Kräfte raubte. Das alles waren seine privaten Sorgen. Jetzt befürchtete er zudem, er könne im gegenwärtigen Zustand eine falsche Entscheidung treffen, die seine Crew in Gefahr brachte.

Am Niedergang tauchte Archer auf, schaute sich gleichsam verwirrt um, erblickte dann Hayden und kam sofort zu ihm.

»Ah, Mr Archer, da sind Sie ja. Konnten Sie schlafen?« Hayden versuchte, sich seine Bedenken und Sorgen nicht anmerken zu lassen.

»Eher schlecht, Sir.«

Da Archer meistens unausgeschlafen wirkte, vermochte Hayden nicht zu sagen, ob seine Worte der Wahrheit entsprachen.

»Noch nichts von Mr Ransome zu sehen, Sir?«, fragte der Leutnant.

»Nein«, kam es einsilbig von Hayden.

Archer schien einen Moment lang nachzudenken. »Was werden wir tun, wenn er bis Einbruch der Dämmerung nicht zurück ist?«

»Ich fürchte, dass wir dann davon ausgehen müssen, dass er das Pech hatte, Gast der Franzosen zu werden. In dem Fall können wir nur hoffen, dass er unsere Absichten nicht preisgibt und nicht die Position der Themis verrät.«

»Die Franzosen werden sich denken können, dass er nicht über den Ärmelkanal gerudert ist, Sir. Daher frage ich mich, was für Mutmaßungen sie anstellen werden.«

»Oh, alle möglichen, Mr Archer. Dass er zur Küste kam, um einen Spion zu treffen. Oder dass er einen Spion dort abgesetzt hat. Wir können nur hoffen, dass die Franzosen glauben, er habe ein Schiff im Hafen beschädigen wollen. Denn wenn sie davon ausgehen, dass er Kontakt zu einem Spion aufnimmt, werden sie alles daransetzen, den Namen des Mannes aus ihm herauszupressen.« Allerdings kannte bislang nur Hayden den Namen des Spions – und das war gewiss nicht sein echter Name.

Hayden musste aufstoßen, verspürte einen bitteren Geschmack im Mund und schluckte rasch, worauf er ein Brennen im Hals verspürte. Sein Magen machte ihm zu schaffen.

»Kapitän?«, vernahm er ein Flüstern in unmittelbarer Nähe.

»Wer da?«, antwortete Hayden auf Französisch.

»C’est moi, Benoît.«

»Kommen Sie an Bord, Monsieur.«

Hayden konnte die Männer erst jetzt erahnen. Einer saß an den Ruderriemen, der andere in der Heckducht. Hayden wartete oben an der Jakobsleiter, flankiert von zwei Seesoldaten, die ihre Musketen bereithielten. Ein kleiner, kräftiger Mann stieg an Bord und ließ den anderen im Boot zurück. Der Fremde war wie ein Fischer gekleidet, trug aber einen breitkrempigen Hut, der das Gesicht im Schatten beließ.

»Sollen wir uns unter Deck begeben, Monsieur?«, fragte Hayden erneut auf Französisch.

»Gehen wir kurz zum Achterdeck«, sagte der Fremde und beäugte die Seesoldaten kritisch. »Ich werde Ihre Zeit nur kurz in Anspruch nehmen.«

Mochte der Fremde auch wie ein Fischer aussehen, der geschliffenen Sprechweise entnahm Hayden indes, dass Benoît eine gute Erziehung genossen hatte. Als sie die Heckreling erreichten, bedeutete Hayden den Seesoldaten, sie mögen sich im Hintergrund aufhalten, damit er mit dem Fremden unter vier Augen reden konnte.

»Ihr Französisch ist sehr gut«, stellte Benoît fest, und Hayden spürte, dass dieser Umstand den Fremden leicht verunsicherte.

»Ich verbrachte einige Jahre in Frankreich, als ich noch ein Junge war – bei Verwandten.« Während er sprach, öffnete er die Laterne und löschte das Signallicht. Er spürte, dass ihn ein Gefühl großer Erleichterung durchströmte.

»Sie sind also Franzose?«, forschte der Mann vorsichtig abwartend nach.

»Mein Vater stammt aus England. Er war Offizier zur See. Ich stehe treu zu dieser Nation, aber ich habe große Sympathien für Ihr Volk, Monsieur.«

Der Fremde ließ die Worte auf sich wirken.

»Haben Sie einen Brief für mich?«, fragte Hayden unvermittelt.

»Ich vertraue nichts dem Papier an. Zu vielen Leuten wurde das bereits zum Verhängnis.« Benoît schien einen Augenblick lang zu überlegen, als zweifele er an Hayden, doch dann fuhr er fort: »In Cancale wird eine große Streitmacht zusammengezogen, wie ich schon zuvor berichtete. Aber ich irrte mich, was den Zielort anbelangt – und die Truppenstärke. Mehr als hundertfünfzig Transportschiffe, fünf oder sogar sechs Kriegsschiffe, zwei Razees und fünf Fregatten liegen dort. Im Augenblick stehen fünfundzwanzigtausend Mann bereit, aber bald werden es hundertfünfzigtausend sein.«

Hayden fluchte laut – er konnte es nicht unterdrücken.

»Die Kanalinseln dürften das erste Ziel dieser Armada sein, wie ich Ihre Leute wissen ließ, aber das eigentliche Ziel lautet, dass sie mit einer Armee in England landen wollen.«

»Sind Sie sicher? Steuern sie nicht eher Irland an?«

»Ich kann Ihnen nicht sagen, woher ich es weiß, aber diese Information ist zweifellos richtig.«

Nun nahm sich Hayden einen Augenblick Zeit zum Überlegen. »Für wann ist diese Invasion geplant?«

»Schon bald. Sobald Ihre Kanalflotte auf hoher See ist oder die Flotte besiegt oder entscheidend geschwächt wurde. Dann hätte die französische Flotte die Kontrolle über den Kanal. Man braucht nur noch den richtigen Wind, und schon kann man eine ganze Armee an einem Tag nach England transportieren.«

Hayden hatte das Gefühl, von einer plötzlichen Krankheit befallen zu sein. Er fühlte sich unwohl und wollte am liebsten den Mantel ablegen oder zumindest das Halstuch lockern. Ihm brach der Schweiß aus, und es wurde ihm so heiß, dass ihn schwindelte.

»Sie müssen diese Informationen an Ihre Admiralität übermitteln, Capitaine. Auf der Stelle.«

»Ich bin Ihrer Meinung, Monsieur. Nichts ist im Augenblick dringlicher.«

»Dann möchte ich mich verabschieden.« Benoît machte eine kleine Verbeugung und schritt wieder zur Jakobsleiter. Er war fast über die Reling geklettert, als er noch einmal innehielt. »Ihnen viel Glück, Captain«, fügte er in Englisch hinzu.

»Ihnen auch, Monsieur

Der Mann kletterte hinab in das Boot, und nach drei kräftigen Ruderschlägen mit den umwickelten Riemen verschmolz das Boot mit der Dunkelheit.

Hayden blieb noch einen Moment stehen und starrte auf das schwarze Wasser – fassungslos wie ein Mann, der soeben die Nachricht vom Tode eines geliebten Menschen erfahren hatte. Sein Geist war leer, ihn befiel ein taubes Gefühl.

Haydens Diener erschien an der Reling. »Wenn es Ihnen recht ist, Kapitän, Rosseau hat Kaffee für Sie in der Offiziersmesse, Sir.«

»Aha – suchen Sie Mr Hawthorne und fragen Sie ihn, ob er mir Gesellschaft leisten möchte«, trug Hayden dem Burschen auf. Archer stand derweil steif neben dem Rudergänger und beobachtete Hayden. »Sie haben das Deck, Leutnant.«

Als Hayden den Fuß des Niedergangs erreicht hatte, sah er, dass man die Schotten im Kanonendeck entfernt hatte: Man hatte nun freien Blick vom Bug bis zum Heck, was natürlich bedeutete, dass auch Haydens Kajüte mitsamt Möblierung aufgelöst worden war. Auf beiden Seiten standen die Achtzehn-Pfünder in langen Reihen mit ihren schwarzen Läufen vor den Stückpforten, geladen und bereit zum Ausrennen.

Einen Moment lang blieb Hayden stehen, versuchte sich zu konzentrieren und überlegte, ob er auch an alles gedacht hatte.

Über die nächste Leiter gelangte er dann in das darunter liegende Deck, wo die Seesoldaten schlummerten. Hayden sah, dass viele Männer gar nicht schliefen, da die Aufregung vor einem möglichen Gefecht zu groß war. Die Midshipmen gaben nicht einmal vor, zu schlafen, sondern spielten Karten vor einer einsamen Laterne. Als sie ihren Kapitän gewahrten, sprangen sie auf und tippten sich an die Stirn, da sie ihre Hüte abgelegt hatten. Hayden ging rasch an ihnen vorbei und betrat die Offiziersmesse.

An einem Tisch saß der Schiffsarzt, hatte sich seinen Zwicker auf den Nasenrücken geklemmt und las, leicht vornübergebeugt, in einem großen, in Leder gebundenen Buch. Im warmen Schein der Kerze wirkte Griffiths’ vorzeitig ergrautes Haar silbrig.

»Dr. Griffiths, gönnen Sie sich doch mehr Licht«, bot Hayden an. »Nein, nein, bleiben Sie nur sitzen.« Allzu oft hatte Hayden mit ansehen müssen, wie der große, hagere Doktor sich den Kopf an einem der Decksbalken gestoßen hatte.

»Oh, ich bin ohnehin gleich fertig hier, Kapitän.« Der Schiffsarzt nahm seine Brille ab, die er nur zum Lesen und für sein Handwerk brauchte – das Amputieren von Gliedmaßen –, damit er Hayden besser sehen konnte.

»Fühlen Sie sich bitte nicht gedrängt, die Messe zu verlassen, Doktor.«

»Danke, Sir.« Griffiths’ Blick haftete auf Hayden. »Geht es Ihnen gut, Kapitän?«

»Abgesehen von beunruhigenden Neuigkeiten würde ich sagen, ja.«

Da Hayden keine Anstalten machte, auf diese Neuigkeiten einzugehen, beließ der Doktor es bei der einen Frage. Eine Weile sagte keiner der beiden etwas, doch schließlich deutete der Schiffsarzt mit einem Kopfnicken auf das aufgeschlagene Buch. »Bei Gott, ich muss bekennen, dass ich mehr von der Medizin vergessen habe, als mir lieb sein kann.«

Hayden war froh, das Thema wechseln zu können. »Die Medizin ist ein weites Feld, Doktor. Man bräuchte sicherlich zwei Köpfe, wollte man sich das alles merken.«

Der Schiffsarzt rieb sich die Augen. »Sehr freundlich von Ihnen, Kapitän. Ich fürchte, es ist das Alter, zumindest in meinem Fall. Der übliche Verschleiß, insbesondere die ersten Abnutzungserscheinungen, die unser vernunftbegabtes Organ an den Tag zu legen beginnt, wenn es ständig bis an seine engen Grenzen gehen muss.«

»Ich bitte Sie, Doktor, Ihr Verstand ist so klar wie an jenem Tag, als wir einander zum ersten Mal sahen. Vielleicht könnte etwas Anregendes nicht fehl am Platze sein. Möchten Sie etwas Kaffee?«

»Ich weiß nicht, wie ich meine Dankbarkeit in Worte fassen soll.«

Draußen kündigten knarrende Geräusche der Leiter und dröhnende Schritte Mr Hawthorne an, den Leutnant der Seesoldaten. Er hatte eine frische Gesichtsfarbe und erfreute sich trotz der Uhrzeit und der Umstände bester Laune. »Habe ich das richtig gehört, dass Kaffee im Salon serviert wird?«, scherzte er.

»Zur Matinee«, erwiderte der Schiffsarzt, »wenn man bedenkt, wie spät es schon ist.« Zu Hayden gewandt, sagte er: »Ist Ihnen je aufgefallen, wie gut gelaunt unser Leutnant vor einem Gefecht ist? Man könnte meinen, er ist auf dem Weg zu einem Ball, erfüllt von prickelnder Vorfreude, die jungen Damen kennenzulernen.« Er suchte den Blick des Leutnants. »Eines Tages trägt man Sie zu mir ins Lazarett mit einer Kugel im Bein, und dann werden Sie nicht mehr so gute Laune verbreiten.«

Hawthorne lachte schallend. »Da haben Sie wohl recht, Dr. Griffiths, aber was hätten wir davon, wenn ich vor jedem Kampf mürrisch und ängstlich wäre? Ich hebe mir meine Gefühle immer für den richtigen Moment auf, und dann lebe ich sie aus, glauben Sie mir. Denn meine Laune soll nicht durch unnötige Anlässe überstrapaziert werden.« Der Leutnant der Seesoldaten erhob seine Kaffeetasse, als wollte er dem Doktor zuprosten. »Ich glaube nicht, dass wir in dieser Nacht noch mit einem Gefecht rechnen müssen.«

Der Schiffsarzt wandte sich an Hayden. »Sind Sie auch dieser Meinung, Kapitän?«

»Also, mir ist es immer recht unangenehm, wenn ich sehe, wie schlecht ich die Zukunft voraussagen kann. Das scheinen alle anderen besser zu können.«

»Gelegentlich«, merkte Hawthorne an.

Griffiths lächelte nicht und schien die Andeutungen ernst zu nehmen. »Vielleicht sollte man bei der Offiziersausbildung die Wahrsagerei mit auf den Lehrplan nehmen«, sagte er. »Wird dieses französische Schiff denn nun noch in dieser Nacht in den Hafen zurückkehren? Vorausgesetzt, es ist überhaupt ausgelaufen.«

»Ich glaube nicht, dass der Franzose es drauf ankommen lässt, unseren Kreuzern bei Tage zu begegnen. Und es könnte sein, dass er eine Prise ins Auge gefasst hat, die er um jeden Preis kapern will. Ja, wenn sie aufgebrochen sind, um unsere Handelswege zu stören, dann dürfte die Fregatte im Morgengrauen zurückkehren, sofern der Wind günstig steht.«

»Da Sie wie kein Zweiter die unnachahmliche Fähigkeit besitzen, sich in das Denken eines französischen Marineoffiziers hineinzuversetzen, vermute ich, dass wir recht bald auf Gefechtsposition sein werden.« Griffiths leerte seine Kaffeetasse und klopfte dann auf den Ledereinband seines Buchs. »Um die Nerven zu beruhigen, gibt es nichts Besseres als einer Meinung mit der Obrigkeit zu sein. Wenn Sie mich entschuldigen würden, ich muss zu meinem Patienten.« Er erhob sich, dachte gerade noch rechtzeitig an den Decksbalken und verließ in gebückter Haltung die Messe.

Hayden wandte sich dem Leutnant der Seesoldaten zu, der dem Schiffsarzt nachsah. In seinem Lächeln lagen Zuneigung und Belustigung. »Kommt es Ihnen auch so vor, dass es ihm gesundheitlich besser geht, Mr Hawthorne?«

»Ein wenig, ja. Trotzdem, er ist noch nicht wieder ganz der Alte. Noch nicht.« Hawthornes Miene wurde ernst, als er fortfuhr: »Hat er Ihnen gesagt, dass sein Mündel nach England unterwegs ist?«

»Von welchem Mündel sprechen wir hier?«

»Von der jungen Frau, die nur eine Hand hat.«

»Ah, Miss Brentwood?«

»Ja, ich glaube, so heißt sie.«

»Hat Griffiths das veranlasst?«

»Und für die Reise bezahlt, vermute ich.«

»Hatte er nicht vor, der Dame eine Stellung in Gibraltar zu besorgen?«

»In der Tat, aber er ist der Ansicht, dass es in England sicherer für sie ist. Denn dort kann er sich schneller vergewissern, wie es ihr geht.«

Hayden wurde nachdenklich. »Ich frage mich, ob das die Sache erklärt«, sagte er schließlich. »Ist unser guter Doktor etwa dem Zauber dieser unglückseligen Frau erlegen?«

Hawthorne hob die Schultern, und ein Ausdruck von Sorge lag in seinen Augen. »Wenn man über die fehlende Hand hinwegsieht, war sie doch hübsch – finden Sie nicht?«

»Ja, eine überaus hübsche junge Frau, Mr Hawthorne, aber …« Hayden beschloss, nicht weiter über die Beweggründe des Schiffsarztes zu spekulieren. Außerdem war es nicht seine Aufgabe, das Handeln von Dr. Griffiths zu beurteilen.

»Ich bin sicher, meine Bedenken unterscheiden sich nicht groß von Ihren«, stellte Hawthorne fest und nickte. »Hoffen wir, dass unserem Doktor nichts widerfährt. Ich glaube, sein Herz ist anfälliger als seine Gesundheit.«

»Trinken wir auf ihn«, stimmte Hayden an und erhob seine Tasse.

Der Leutnant der Seesoldaten lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Wie ich hörte, hatten wir heute Nacht einen geheimnisvollen Besucher an Bord.«

»Wissen die Männer von meiner Unterredung mit diesem Mann?«

»Sie wissen nur, dass ein Franzose an Bord kam und mit Ihnen sprach, Sir. Um was es ging, ist niemandem bekannt. Natürlich wird nun viel spekuliert, um was es in dieser Unterredung gegangen sein mag, aber mehr auch nicht.«

Hayden überlegte, ob er Hawthorne ins Vertrauen ziehen sollte, wie er es früher immer gemacht hatte. Die Versuchung war groß, da er eine Entscheidung treffen musste und sich, um die Wahrheit zu sagen, nicht sicher war, wie er sich verhalten sollte. »Wie es aussieht, Mr Hawthorne, stellen die Franzosen bei Cancale eine Armee zusammen und planen eine Invasion.«

»Das hört sich eher schwarzseherisch an. Wir wissen doch seit geraumer Zeit, dass der Feind vorhat, die Kanalinseln zu erobern.«

»Mir scheint, dass die Franzosen uns genau das glauben machen wollen. In Wirklichkeit verfolgen sie weitaus größere Absichten. Ich frage mich jetzt, ob ich Mr Ransome an Bord holen sollte, um sofort Kurs auf Portsmouth zu nehmen und Mr Stephens über diesen Vorgang zu informieren. Oder scheue ich dadurch nur von meinem ursprünglichen Auftrag zurück, die Fregatte zu zerstören, die von Le Havre aus ihr Unwesen treibt? Wenn die Kommissare der Lords meinem französischen Gast keinen Glauben schenken, dann halten sie mich wahrscheinlich für töricht oder gar für zögerlich.«

»Ich kann mir kaum vorstellen, dass man Sie für zögerlich halten wird, Kapitän. Nicht nach all dem, was Sie in den zurückliegenden Monaten geleistet haben. Aber das eine schließt das andere doch nicht aus, oder? Können wir nicht noch in dieser Nacht die Fregatte stellen und unmittelbar danach einen englischen Hafen ansteuern? Wie viele Stunden würden wir verlieren?«

»Nur wenige, aber wir müssen immer damit rechnen, dass wir diejenigen sind, die aufgebracht werden. Es ist ja immerhin denkbar, dass wir einen Mast oder sogar zwei einbüßen und selbst zur Prise werden. Die Crew macht sich selten Gedanken, wie viel Glück bei jedem Gefecht mit im Spiel ist.«

Ein leicht amüsiertes Lächeln zeichnete sich auf den Lippen des Leutnants ab. »Ich glaube wirklich nicht, dass Sie ein solches Gefecht verlieren würden, Kapitän.«

»Aber Sie würden mir zustimmen, dass zumindest die Möglichkeit besteht, dass wir unterliegen?«

»Ich halte es für unwahrscheinlich, aber ich gebe zu, dass es in den Bereich des Möglichen gehört, ja.«

Hayden nickte. Das Kräfteverhältnis war schwer einzuschätzen, aber im Augenblick hatte er offenbar weniger Selbstvertrauen als Hawthorne. Dennoch, der Leutnant machte sich womöglich nicht recht bewusst, wie groß die Gefahr war, bei diesem Auftrag selbst geentert zu werden. Die französische Fregatte verfügte sehr wahrscheinlich über achtunddreißig Geschütze, auf keinen Fall über weniger als sechsunddreißig. Außerdem saß sie nicht in irgendeinem Hafen fest wie so viele andere Schiffe der feindlichen Flotte. Tatsache war: Sie führte einen äußerst erfolgreichen Kaperkrieg gegen britische Handelsschiffe, und ihre Crew verstand ihr Handwerk.

»Was gedenken Sie also zu tun, Sir?«, erkundigte sich Hawthorne.

»Wir nehmen Kurs auf England – sobald wir Mr Ransome wieder an Bord haben.«

Der Leutnant der Seesoldaten nickte, auch wenn Hayden den Eindruck hatte, dass Hawthorne die andere Variante bevorzugte.

Schweigen senkte sich herab, bis Hayden das Gefühl beschlich, dass sein Leutnant abwog, ob es zulässig sei, dem Kommandanten eine persönliche Frage zu stellen. Zweimal suchte Hawthorne Haydens Blick, schaute aber dann immer wieder zur Seite.

Hayden beschloss, einer möglichen Frage zuvorzukommen, und stand daher abrupt auf. »Bitte um Nachsicht, Mr Hawthorne, aber ich muss zurück an Deck. Ich möchte nicht, dass diese französische Fregatte uns bemerkt und uns auf dem falschen Fuß erwischt.«

»Was nicht passieren wird, solange Mr Wickham seinen Dienst gewissenhaft versieht.«

Hayden stimmte seinem Freund und Vertrauten mit einem Nicken zu. »Mr Hawthorne.«

»Kapitän«, erwiderte der Leutnant der Seesoldaten der Form halber und erhob sich rasch.

Hayden schloss die Tür hinter sich und bedauerte es, nicht länger die Wärme in der Offiziersmesse genießen zu können, aber er war nicht bereit, über die eigene Lebenssituation zu sprechen. Für ihn war es schon schwer genug, wenn er spürte, dass er sich mehr schlecht als recht auf seine Arbeit konzentrieren konnte – schlimmer war, dass sich seine Gedanken im Kreis drehten. Es gab keine Ereignisse, über die er nicht bereits mehrfach nachgedacht hatte, keine Folgen, die er nicht längst prognostiziert hatte. Hayden war nicht gewillt, seine Offiziere in diese Gedankenspiele mit einzubeziehen. Besser wäre es, er würde seine Denkweise zügeln und die Dinge auf sich beruhen lassen, bis die Themis wieder sicher in einem Hafen läge – falls ihm das gelang!

Die Nacht hatte sich nicht verändert, als er an Deck kam. Es mochte ein wenig kühler sein, doch der Mond war noch genauso verhangen, die Wolkenbänder flogen vorüber.

»Frischt der Wind auf, Mr Barthe?«, fragte Hayden den Master, der sich leise mit dem Steuermann unterhielt.

»Ich glaube, ja, Sir, und es dürfte vorerst so bleiben. Uns steht eine steife Brise bevor, Kapitän. Das Wetterglas fällt rapide.« Barthe schaute sich um, als rechnete er schon mit den ersten Sturmausläufern. »Sieht nicht gut aus, Sir.«

Hayden ärgerte sich im Stillen, dass er sich wieder von Barthes Voraussagen drohender Katastrophen beunruhigen ließ. Dann schaute er nach oben und nahm vorsichtshalber den Hut ab, damit keine Böe darunter fuhr. »Da oben! Mr Wickham? Können Sie unser Beiboot ausmachen?«

»Nein, Sir«, kam die Antwort aus der Dunkelheit.

»Zur Hölle mit dieser Nacht«, murmelte Hayden. Was, um Himmels willen, war mit Ransome passiert? Hatte er etwa die Themis in der Dunkelheit verpasst? Dabei war es Mr Barthe trotz der Strömungsverhältnisse und des ablandigen Windes gelungen, das Schiff auf Position zu halten. Selbst ein so unerfahrener Offizier wie Ransome müsste es doch schaffen, zum eigenen Schiff zurückzukehren. Irgendetwas war den Männern dazwischengekommen, und Hayden rechnete bereits mit dem Schlimmsten – war das Beiboot entdeckt und von den Franzosen erobert worden?

Hayden schritt die Breite des Quarterdecks ab, ehe er entlang der Backbordreling auf und ab ging. Die am Himmel dahinjagenden Wolken erweckten den Eindruck, der Mond fliege ebenfalls dahin, doch Hayden erlag der Illusion nicht. Er hatte vielmehr das Gefühl, die Weltkugel habe aufgehört, sich um die eigene Achse zu drehen, da der Mond so träge am Firmament prangte.

Er war im Begriff, dem Master zu sagen, dass sie unverzüglich Kurs auf Portsmouth nehmen würden, sowie Ransome an Bord wäre, als er ein leises Rufen vernahm.

»Kapitän Hayden, Sir!«, drang Wickhams Stimme mit Nachdruck oben aus dem Rigg. »Ich glaube, da ist ein Schiff auf offener See, fast genau dwars, Sir.«

Rasch trat Hayden an die Steuerbordreling und spähte in die Düsternis. Die trübe schwarze See hob und senkte sich in der Dünung, ein wenig Regen fiel aus den getriebenen Wolken.

Archer tauchte neben Hayden auf.

»Sollen wir klarmachen zum Gefecht, Sir?«, fragte der Leutnant und spähte ebenfalls angestrengt in die Dunkelheit des Ärmelkanals. Mit beiden Händen klammerte er sich an die Reling.

Zwar konnte Hayden kein Schiff erahnen, aber er wollte es nicht riskieren, dass sich der Midshipman womöglich geirrt hatte. »Ja, Mr Archer, aber leise, wenn ich bitten darf. Kein Rufen, keine Trommeln.«

»Aye, Sir.« Der Leutnant eilte zum Niedergang.

Unmittelbar darauf quollen die Männer aus den Luken an Deck und lösten auf Haydens Befehl hin die Karronaden. Von unten aus dem Batteriedeck vernahm Hayden hastige Schritte und Geräusche bei den Geschützen. Man merkte den Männern ihre Aufregung an, in die sich hier und da auch Furcht vor dem Ungewissen zu mischen schien.

Prustend eilte der rundliche Master an Haydens Seite. Nachdem er eine Weile in die Finsternis gestarrt hatte, riss er mit einem Mal die Hand hoch. »Ist das ein Licht dort, Kapitän?«

Inzwischen suchte Hayden die Wasser mit dem Nachtglas ab. »Das ist ein Schiff, Mr Barthe. Eine Fregatte, wenn ich mich nicht täusche. Wir können nur hoffen, dass sie uns noch nicht entdeckt haben.« Hayden schaute sich an Deck um. »Löschen Sie diese Laternen dort, Mr Madison«, trug er dem Midshipman auf. »Und hängen Sie eine Laterne in der Heckgalerie auf, damit Mr Ransome uns noch finden kann.«

Augenblicklich erloschen die Lichter an Deck. Nun waren die Crewmitglieder im fahlen Mondschimmer nur noch zu erahnen.

Hayden spürte die Anspannung bis in die Fußspitzen. Er würde sich entscheiden müssen. Auch wenn die Prise noch so verlockend war, es bliebe ihm wohl nichts anderes übrig, als das Schiff vorbeiziehen zu lassen. Viel mehr Sorgen bereitete ihm indes die Aussicht, der Feind könne die Themis entdeckt haben. Würde sich die Fregatte nun in den Schutz der Küstenbatterie flüchten oder würde sie zum Angriff übergehen?

»Ich glaube, das Schiff wird achteraus an uns vorbeiziehen, Kapitän – etwa drei Kabellängen.« In seiner Aufregung verlagerte Barthe sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. »Aber wenn wir sie sehen können, Kapitän …«

»Ja, Mr Barthe, es ist davon auszugehen, dass sie uns entdecken werden.«

Wie hatten Mr Stephens Anordnungen gelautet? Sollte diese Aufgabe mit anderen Befehlen kollidieren, die Sie von mir erhielten, so teile ich Ihnen hiermit mit, dass die Begegnung mit Monsieur Benoît und die Überbringung der Nachrichten an die Admiralität Vorrang haben.

Dieser Befehl war eindeutig – und dennoch, ein feindliches Schiff vorbeizulassen, ohne wenigstens den Versuch zu unternehmen, es in ein Gefecht zu verwickeln …

Unweigerlich musste Hayden an seinen früheren Kommandanten, Kapitän Hart, denken, der stets das offene Gefecht auf See gescheut und immer eine Ausrede parat gehabt hatte.

»Wenn die begriffen haben, dass wir ein britisches Schiff sind, Kapitän, dann bestreichen sie uns womöglich von achtern aus …«

»Ja, Sie haben recht, Mr Barthe. Bevor die Fregatte uns achteraus passieren kann, lautet mein Befehl: Auf das Ruder! Bringen Sie die Themis parallel zum Feind.«

»Aye, Sir. Sollen wir an das Schiff heranschließen, Kapitän?«, fragte der Master voller Erwartung.

Ehrgefühl und Pflichtbewusstsein rangen für einen Augenblick in Hayden. »Das wird nicht nötig sein, Mr Barthe. Wie es aussieht, kommen wir der Fregatte näher, als mir im Moment lieb sein kann.«

»Aye, Sir. Ich schicke die Männer auf ihre Posten, dann können wir im Nu backbrassen.« Er deutete mit einer vagen Geste in die Dunkelheit. »Diesem Franzmann werden wir keine Gelegenheit geben, uns an achtern zu bestreichen.«

Leise rief Hayden hinauf in die Topps: »Mr Wickham? Kommen Sie an Deck, wenn ich bitten darf.«

Erneut richtete Hayden seine Aufmerksamkeit auf das herannahende Schiff. Bei diesen Lichtverhältnissen war es nahezu unmöglich, die Geschwindigkeit der feindlichen Fregatte abzuschätzen. Eine Weile spähte er hinaus auf die See.

»Ah, da sind Sie ja«, bemerkte er, als der stellvertretende Leutnant das Deck erreicht hatte und nur wenige Fuß von Hayden entfernt war. »Wie weit ist das Schiff noch entfernt?«

»Eine halbe Meile, Sir, mehr nicht«, antwortete Wickham ohne zu zögern, worauf Hayden keinen Grund sah, an den Worten des jungen Mannes zu zweifeln. »Und sie hat den Wind im Rücken. Ich befürchte, dass sie schneller herankommt, als wir im Augenblick vermuten.«

Hayden berührte einen der Matrosen an der Schulter. »Suchen Sie Gilhooly und sagen Sie ihm, er soll das Licht in meinen Heckfenstern löschen, sobald wir wenden.«

Der Mann eilte davon.

»Mr Wickham, halten Sie die Augen an Steuerbord offen, und informieren Sie mich sofort, wenn Mr Ransome in Sichtweite kommt.«

»Er ist einige Stunden überfällig, Sir«, merkte Wickham zögerlich an.

»Ja, aber geben wir die Hoffnung noch nicht auf.« Wo steckte dieser Narr von einem Leutnant bloß? Wenn der Mann nicht ein Schützling von Lord Hood gewesen wäre, hätte Hayden sich am liebsten von ihm getrennt, aber es saßen noch andere gute Männer mit ihm im Beiboot – darunter Childers, Haydens Bootssteuerer.

Der Regen erreichte die Themis, als der Wind weiter auffrischte, und einen Moment lang verschmolz die französische Fregatte in den Schleiern auf See. Während die Geschützführer die hölzernen Mündungspfropfen entfernten, wurde die Themis von einer Böe erfasst und krängte hart nach Backbord.

Hayden suchte Halt an der Reling und schloss die Augen bei dem peitschenden Regen und dem Wind. Einen Moment lang hatte der Windstoß das Schiff im Griff, drückte die Segel gegen die Masten und riss an der Takelage. Doch genauso schnell ließ der Wind wieder nach, und das Schiff lag wieder ganz im Wasser.

»Wo ist der Franzose?«, wisperte Hayden. »Sieht irgendjemand die Fregatte?«

Auf die Frage folgte Schweigen, das immer beunruhigender wurde.

»Ich seh sie, Sir!« Einer der Männer an den Karronaden deutete aufs Wasser. »An Steuerbord voraus.«

»Ich seh gar nichts«, klagte Barthe. »Der Windstoß eben müsste sie an uns vorbeigetrieben haben.«

»Jetzt habe ich sie auch entdeckt, Kapitän!« Wickham stand auf den Zehenspitzen. »Dort drüben, Sir. Ich hätte zwar nicht damit gerechnet, aber die Strömung drückt uns offenbar zur Küste.«

»Diese verdammte Dunkelheit«, grummelte der Master. »Kann überhaupt nichts sehen, Kapitän, und man fängt an zu raten …«

»Alles bereit zum Brassen, Mr Barthe? Sind die Männer an den Schoten?«

»Alles bereit, Sir.«

Hayden hatte ein mulmiges Gefühl. Unruhe erfasste ihn, wenn er sich die Situation vergegenwärtigte. Trotz der Dunkelheit und der Regenschleier war er sicher gewesen, dass die Fregatte bereits dichter herangekommen war, ehe der Wind die Themis erfasst hatte. »Steuermann, wie lautet unser Kurs?«

»Ost-Nordost, Kapitän.«

Unverändert, wie Hayden sich bewusst machte. Daher musste die Neigung des herannahenden Schiffes gleich geblieben sein, auch wenn der Anblick täuschte.

»Darf ich den Befehl ›auf das Ruder‹ geben, Sir?«, fragte der Master.

»Dürfen Sie, Mr Barthe.«

Das Ruder wurde nach Luv gelegt, sodass die Themis vom Winde abfiel. Die Schoten an Klüver und Fock wurden gefiert, und langsam änderten sie den Kurs, bis das backgebrasste Marssegel zunächst killte und sich dann füllte. Der Wind kam nun achterlich. Mit diesem nahezu perfekt ausgeführten Manöver kam die Themis parallel zu der geisterhaft anmutenden Fregatte, deren Lichter im treibenden Regen blinkten und flackerten.

»Mr Gould! Sagen Sie Mr Archer, die Männer sollen sich Backbord an den Stückpforten bereithalten. Aber schärfen Sie ihm ein, dass die Männer auf mein Kommando warten sollen.«

»Aye, Sir.« Schon war der Midshipman losgerannt.

Falls der französische Kapitän sie entdeckte und als britisches Schiff identifizierte, so wollte Hayden sichergehen, dass seine Geschütze als Erste feuerten.

Das angespannte Schweigen an Deck und im Batteriedeck wurde nur von den Windgeräuschen und von dem Klatschen der Wellen am Rumpf überlagert, während das Schiff stampfte. Allmählich beleuchtete der Mond die feindliche Fregatte, erfasste ihre Segel und Spieren, die breiten blassen Streifen unterhalb der Reling.

»Die müssen uns doch auch bemerken, Kapitän Hayden«, stellte Wickham im Flüsterton fest. »Ich kann sie klar und deutlich sehen.«

»Ich jetzt auch.«

Die Schiffe hielten aufeinander zu. Hayden konnte nun Gestalten ausmachen, die sich an Deck bewegten.

»Sollen wir nicht feuern, Kapitän?«, zischte der Master ganz in der Nähe.

»Mr Barthe, ich bitte Sie!«, ermahnte Hayden ihn und wendete den Blick nicht von dem feindlichen Schiff. Er hatte im Grunde nichts dagegen, wenn seine Offiziere Vorschläge unterbreiteten oder Fragen hatten – aber ein Mann mit Barthes Erfahrung sollte ein besseres Urteilsvermögen an den Tag legen als diesen überhasteten Aktionismus.

Trotz der immer noch miserablen Sichtverhältnisse konnte Hayden jetzt einen Offizier ausmachen, der sich über die Reling beugte und aufmerksam zur Themis herüberschaute. Offenbar winkte er einen weiteren Deckoffizier zu sich, denn an der Reling tauchte eine zweite Gestalt auf und beobachtete das britische Schiff mit derselben Intensität. Plötzlich löste sich der zweite Mann von der Reling und eilte zu einem der Niedergänge.

Doch da war Hayden bereits ebenfalls am Niedergang und sah Archer auf der untersten Stufe.

»Mr Archer! Stückpforten an Backbord öffnen! Geben wir ihnen eine volle Breitseite mit der gesamten Batterie!«

»Aye, Sir.«

Das Knarren und Quietschen der sich öffnenden Stückpforten raubte Hayden den Atem. Die französischen Offiziere sahen das Unheil kommen und riefen Befehle in Richtung der Geschützmannschaften, aber die Rufe gingen unter in dem donnernden Widerhall der britischen Achtzehn-Pfünder. Die Franzosen erwiderten die Salve nicht. Auf den Marsplattformen eröffneten die Seesoldaten unter Hawthornes Kommando das Feuer auf die Männer, die über das feindliche Deck eilten.

Unverzüglich machten sich die Geschützmannschaften an Backbord daran, die Karronaden nachzuladen. Viele der Männer zählten inzwischen zu den erfahrenen Seeleuten, nachdem die Themis den Konvoi im Mittelmeer eskortiert hatte. Nichts hinderte die Männer an ihrer Arbeit, keiner zögerte oder behinderte den Kameraden aufgrund von Unvermögen. Die Kartuschen und Pfropfen aus Wolle wurden mit dem Rammer ins Rohr geschoben, gefolgt von den Kugeln. Gleichzeitig stießen die Geschützführer das Zündrohr durch das Zündloch und füllten die vorgesehene Menge Pulver in das Steinschloss. Auf hölzernen Lafetten wurden die Karronaden ausgerannt, die Geschützführer peilten über den Lauf das Ziel an und rissen die Abzugsleine.

Hayden trat einen Schritt von der Reling zurück, wandte sich ab und hielt sich im richtigen Moment die Ohren zu. Eine gewaltige Explosion zerriss die Nacht. Blitze stoben aus den Mündungsrohren, Rauchwolken quollen hoch und stiegen wie giftige Pilze in die Regennacht.

In der nachfolgenden Stille hörte Hayden die Stimmen der französischen Offiziere. Die Stückpforten wurden auf dem feindlichen Schiff geöffnet. Während die eigene Crew erneut die Geschütze ausrannte, erfolgte ein unregelmäßiger Geschützdonner an Bord der Fregatte. Auf das schreckliche Kreischen der Geschosse in der Luft folgten das Krachen und Zersplittern von Holz. Das Deck der Themis vibrierte unter den Treffern. Schoten rissen sich los, Segel flatterten und knallten in der Nachtluft.

Wie Hayden es von seiner Crew erwartet hatte, feuerte die Themis dreimal, während die Franzosen zwei Salven abgaben. Manche Geschützmannschaften brachten es sogar zustande, doppelt so viele Geschosse abzufeuern wie der Gegner. Auf kurze Distanz übertraf die Schussfolge die Genauigkeit, eine Tatsache, die Hayden wusste und die ihn ursprünglich veranlasst hatte, die Themis so nah an den Feind heranzubringen.

Im Verlauf der folgenden Viertelstunde bestrichen sich die beiden Schiffe mit unnachgiebigem Feuer. Die Decksbeplankung aus Eichenholz erhielt Risse, Wanten und Rahen wurden zerfetzt, Segel rissen der Länge nach. Der Pulverqualm mischte sich in den Regen und hüllte die Schiffe in wabernde Wolken, sodass das wahre Ausmaß der Schäden zunächst verborgen blieb.

Derweil schaute Hayden immer öfter in Richtung Küste, fürchtete er doch, dass sie im Lauf des Gefechts gefährlich nah an die Küstenbatterien gerieten. Um jeden Preis mussten sie die feindliche Fregatte vorher zerstören. Jeden Augenblick könnten sie längsseits gehen und zum Entern übergehen.

Um ihn herum fielen Männer und wurden unter Deck geschafft oder gleich über Bord geworfen, wenn sie tot waren. Hayden war überrascht, als er merkte, dass er die Männer auf dem eigenen Vorderdeck besser erkennen konnte – die Dämmerung brach herein.

»Kapitän Hayden …«, rief jemand vom Bug aus. »Ein Boot, Sir. Ein Beiboot, wie’s aussieht.«

»Kein Kanonenboot von der Küste?«, rief Hayden über den Lärm hinweg.

»Ich glaube, nein, Sir.«

Ausgerechnet in diesem Moment musste Ransome zurückkehren! Er setzte sein Leben und das Leben der Kameraden aufs Spiel, wenn er sich jetzt näherte.

Gould, der Haydens Befehle auf dem Vorderdeck weitergegeben hatte, lief nun über die Gangway in Haydens Richtung. »Ist unser Beiboot, Sir!«, rief er. »Sie pullen wie die Irrsinnigen und rufen und winken.« Der Junge hatte ganz rote Backen und sprach so schnell, dass man ihn kaum verstand.

»Konnten Sie verstehen, was sie riefen, Mr Gould?«

»Nein, Sir, leider nicht.«

Es bedurfte keiner weiteren Erklärungen – das Donnern der Geschütze ließ ohnehin keine Unterhaltung zu.

»Signalisieren Sie ihnen, dass sie warten müssen. Sie setzen ihr Leben aufs Spiel, wenn sie noch näher kommen.«

»Aye, Sir.« Der Junge eilte zurück, offenbar unbeeindruckt von den Kanonenkugeln, die über die Reling flogen. Mit dumpfem Pochen bohrten sich Musketenkugeln in die Planken.

Im frühen Licht des anbrechenden Tages wurden allmählich die Umrisse der Männer entlang des Decks sichtbar. Vom Quarterdeck aus war das Beiboot jedoch nirgends auszumachen.

Qualm brannte Hayden in den Augen, seine Ohren klingelten von dem unablässigen Krachen der Geschütze. Der französische Kapitän war zwar überrascht worden, verteidigte sich indes mit aller Macht, und Hayden befürchtete weiterhin, dass es der feindlichen Fregatte gelingen könnte, sich in den Schutz der Küstenbatterien zu flüchten.

Als habe der französische Kommandant das Gleiche gedacht, wehten Signalflaggen im Rigg und den Topps auf, zumeist verdeckt von Segeln. Die französischen Offiziere hofften offenbar, die Geschützmannschaften an Land könnten die Signale im Dämmerlicht erkennen.

»Wo ist Mr Gould?«, rief Hayden.

»Voraus, Sir.«

»Er soll die französischen Heckflaggen hissen, und Flaggen an Steuerbord. Verwirren wir den Feind, so gut es geht.«

»Kapitän!« Gould rannte über das Deck. »Mr Ransome ignoriert unsere Signale, Sir!«

»Dann ist er auf sich allein gestellt. Signalflaggen an Steuerbord, Mr Gould, die französische Heckflagge an achtern.«

»Aye, Sir.«

Ein junger Matrose rannte über die Laufbrücke bis auf das Quarterdeck und tippte sich mit der Faust an die Stirn. Das Donnern einer Karronade verschluckte seine Worte.

»Was haben Sie auf meinem Quarterdeck verloren? Wieso sind Sie nicht auf Ihrem Posten, Mann?«, fragte Hayden ungehalten.

»Kapitän, wenn Sie erlauben«, begann der junge Mann und schien mehr Angst vor Hayden als vor den Franzosen zu haben. »Mr Barthe schickt mich. Mr Ransome ruft irgendetwas von einer französischen Fregatte, Sir.«

»Irgendetwas? Was soll das heißen?«

Der junge Mann hob unschlüssig die Achseln. »Das waren Mr Barthes Worte, Sir.«

Hayden zögerte einen Augenblick und fasste dann einen Entschluss. »Mr Gould! Ich bin auf dem Vorderdeck!«

Schon folgte er dem jungen Matrosen im Laufschritt. »Was hat das zu bedeuten, Mr Barthe?«, rief er, sowie er das Vorderdeck erreichte.

Keine dreißig Yards entfernt voraus konnte Hayden das Beiboot ausmachen. Die Männer pullten, als flüchteten sie vor dem Kanonenfeuer – dabei gerieten sie jeden Augenblick in das Feuer der feindlichen Fregatte. Hayden lehnte sich über das Schanzkleid, halb verdeckt im Pulverdampf, und bedeutete Ransome mit wilden Gesten, sich von der Themis fernzuhalten. Als Ransome seinen Kommandanten erspähte, sprang er auf und zeigte wie wild in Richtung Küste. Haydens Blick schweifte zum französischen Festland. Aus den Dunstschleiern der frühen Dämmerung tauchten die Konturen von Segeln auf, kurz darauf konnte er den Bugspriet erkennen, der die Schwaden durchbrach.

Für den Bruchteil einer Sekunde war Haydens Geist wie leergefegt, doch dann wandte er sich mit Nachdruck an den Master.

»Segeltrimmer auf Stationen, Mr Barthe!«, schrie er dem Master ins Ohr. »Sobald Mr Ransome an Bord ist, gehen wir Steuerbord in den Wind, nehmen Fahrt auf und halten Kurs Nordwest – hart am Wind bleiben, Mr Barthe. Haben Sie das verstanden?«

Doch Barthe starrte ihn nur fassungslos an. »Wir suchen das Weite, Sir?«

»Ja, natürlich, Mr Barthe. Wir haben es mit zwei Sechsunddreißig-Kanonen-Fregatten zu tun, Mr Barthe. Was bleibt uns da anderes übrig? Beeilen Sie sich!«

Mit einem Mal schien der Master die Situation zu erfassen. »Aye, Sir.« Mit polternden Schritten watschelte er davon und rief nach Mr Franks, um die Trimmer in die Masten zu schicken.

Jetzt verfluchte sich Hayden dafür, dass er das französische Schiff nicht einfach hatte vorbeiziehen lassen, als er es entdeckt hatte. Ransome hätte es im Beiboot bis nach England geschafft. Andere Seeleute hatten schon weitere Entfernungen zurückgelegt. Wieder fluchte er vernehmlich.

In diesem Moment tauchte der Leutnant der Seesoldaten neben ihm auf. Er hatte seinen Hut verloren und Pulverspuren im Gesicht, in einer Hand hielt er die Muskete. »Wird der Franzose uns nicht bestreichen, Kapitän?«

»Wir sind halb verborgen in Pulverqualm und Nebelschleiern. Wenn wir schnell genug sind, haben wir vollgebrasst und das Ruder herumgelegt, ehe die merken, was wir vorhaben.«

Männer strömten an Deck und eilten an die Brassen, um die Rahen zu verstellen.

»Beeilung! Schneller, Männer!«, trieb Hayden die Trimmer an, während er den Laufsteg an Backbord nahm.

Als er das Quarterdeck erreichte, blieb er dicht beim Rudergänger. Obwohl Hayden sah, dass die Crew so schnell arbeitete, wie die Handgriffe es zuließen, und die Wanten hinaufeilte, befürchtete er, dass die Themis im frühen Tageslicht zu sehen sein würde. Wenn ihnen jetzt keine Zeit mehr bliebe, das Ruder herumzulegen?

Ransome setzte sich derweil über die ursprüngliche Anweisung seines Kommandanten hinweg, schien den französischen Geschützmannschaften zu trotzen und brachte das Beiboot längsseits. Ein Manöver wider den gesunden Menschenverstand, dachte Hayden. Schon kletterten die Matrosen die Jakobsleiter hinauf. Doch gleich der erste Mann, der die Reling überwand, taumelte rückwärts und sackte gegen den Hintermann, ehe er zu Boden fiel, in die Brust getroffen von einer Musketenkugel. Rasch brachten ihn die Kameraden unter Deck zum Doktor.

Sofort eilte Ransome zum Quarterdeck und gab Befehle, das Beiboot sich selbst zu überlassen. Außer Atem tippte er an seinen Hut und begann: »Bitte um Entschuldigung, Kapitän, für die Missachtung Ihres Befehls, aber wir wollten Sie warnen, Sir – vor der Fregatte.«

Hayden nickte. »Ja. Ich verstehe jetzt, was Ihre Absicht war. Aber wir müssen nun so schnell wie möglich fort von hier, Mr Ransome, wenn wir unser Schiff noch retten wollen. Wickham und Archer sind bei den Geschützen. Sie sind der Leutnant der Wache, bis ich Sie von Ihren Pflichten entbinde.«

»Aye, Sir.«

Mr Barthes Stimme klang hohl durch den Trichter einer Sprechtrompete. »Bereit, die Segel neu zu brassen, Kapitän.«

»Backbord das Ruder!«, befahl Hayden den beiden Männern am Steuerrad – es war ein zusätzlicher Mann erforderlich, falls der aktuelle Rudergänger getroffen wurde.

Die Themis war zum Glück ein wendiges Schiff und sprach gut auf das Ruder an. Doch Hayden machte sich bewusst, dass die zweite Fregatte in Schussweite sein könnte, während die Themis in die Wende ging.

»Mr Gould. Laufen Sie zu Mr Archer und sagen Sie ihm, dass wir das Feuer auf die zweite Fregatte eröffnen, sobald sie näher herankommt.«

»Aye, Sir.«

Hayden widmete seine Aufmerksamkeit der französischen Fregatte und war erleichtert, als er sah, dass er den Feind überrascht hatte. Noch könnten die Franzosen auf das Heck der Themis zielen, aber einer vernichtenden Breitseite würde sich Hayden mit dem Manöver entziehen.

Als er das zweite Schiff im Zwielicht erspähte, erkannte er, dass sein Gegner ihnen nicht sofort nachsetzen würde, da die Gefahr bestand, in die Schusslinie der anderen Fregatte zu geraten. Mit etwas Glück würde sich die Themis von den Verfolgern absetzen, denn Hayden war zuversichtlich, dass seine Crew schneller trimmte als die Franzosen.

Oben in den Fußpferden an den Rahen saßen die Handgriffe der Männer, und die Themis krängte ein wenig Richtung Frankreich, als könne sie sich nicht recht vom Küstenverlauf lösen. Doch im nächsten Augenblick füllte der Wind die Segel, sodass Haydens Schiff in dem Gemisch aus Regenschleiern und frühem Zwielicht verschwand.

Der Master kam keuchend über den Laufsteg, die Sprechtrompete unter dem Arm. Mit der freien Hand hielt er seinen Hut gegen die Böen fest.

»Vorleinen dichtholen, Mr Barthe. Wir müssen luvwärts an der Pointe de Barfleur vorbeisegeln, aber erzählen Sie mir nicht, wie weit das ist. Wenn wir gezwungen sind, über Stag zu gehen, haben wir zwei Fregatten im Nacken.«

»Dieser Wind kommt bald aus Nordost, Kapitän. Warten Sie’s ab. Wir können leicht Kurs auf Torbay nehmen. Gegen Mittag müssten wir’s geschafft haben, möchte ich wetten.«

Barthe hatte sich bereits auf einige Wetten eingelassen, daher hörte Hayden nicht so genau hin, aber trotzdem hoffte er, dass sein Master mit der Einschätzung richtig lag. Es war wichtig, dass sie so schnell wie möglich einen englischen Hafen anliefen.

Archers Kopf tauchte im Niedergang auf. Keuchend eilte der Leutnant in Haydens Richtung und brachte nur ein »Ihre – Befehle, Sir?« hervor.

»Wir setzen uns an die Spitze dieser Franzosen und nehmen Kurs auf England, Mr Archer. Hoffen wir, dass wir auf einen unserer Kreuzer treffen, damit wir es unseren Verfolgern doch noch heimzahlen können. Sollte uns das nicht vergönnt sein, so müssen wir uns der Fregatten so lange erwehren, bis wir die Kanalinseln erreichen. Aber erst müssen wir noch Barfleur umrunden. Bis dahin setzen wir alle verfügbaren Segel und beten, dass die Franzosen keine guten Trimmer haben.«

Der Ruf »Segel fest!« drang an Haydens Ohren. »Vorleinen dichtgeholt, Sir!«, schallte es vom Vorderdeck herüber, worauf Hayden ans Kompasshäuschen trat, um den Kurs zu bestimmen.

»Nicht mal Nord-Nordwest«, stellte Archer fest, der Hayden zum Kompasshäuschen gefolgt war.

»Hoffen wir, dass der Wind noch weiter dreht, wie Mr Barthe es vorausgesagt hat.« Hayden schaute nach achtern und spähte in die Regenfäden und Dunstschwaden über den Gischtkronen. Schwaches Tageslicht schimmerte durch die grauen Schlieren und gab den Blick frei auf eine trübe wogende See. Der frische Aprilwind drang durch Haydens Mantel und pfiff ihm um die Ohren, die nach wie vor von dem heftigen Geschützdonner sirrten.

Allmählich überspannte der graue Morgenhimmel das Meer. Jetzt konnte man auch die Konturen der französischen Küste erahnen, die sich wie mit Kohle gezeichnet weiter südlich vom Wasser absetzte. Sie waren dem Land näher, als Hayden lieb sein konnte.

Als Hayden an die Heckreling trat, löste sich eine der französischen Fregatten aus den grauen Schraffuren, die der Regen über den Wassern schuf. Oben in den Masten waren französische Matrosen zu sehen, die die Bramsegel setzten.

»Ist das nicht äußerst unvorsichtig?«, fragte sich Archer, als er an der Heckreling Halt suchte. »Alles deutet darauf hin, dass der Wind weiter auffrischt und die Sturmböen uns erfassen.«

»Ja, Mr Archer, Sie haben ganz recht. Aber wenn die uns überholen, ehe die nächste Böe kommt …«

»Soll ich anordnen, die Bramsegel zu setzen, Sir?«

Hayden überlegte einen kurzen Moment. »Ich glaube, uns bleibt keine andere Wahl, Mr Archer.«

Im selben Augenblick schälte sich die zweite Fregatte aus dem Grau, leewärts von der ersten, ein Stück weit achterlich. Sie versuchte, weiter zu ihrem Schwesterschiff aufzuschließen. Hayden beobachtete die Verfolger von der Reling aus und schätzte die Geschwindigkeit des Feindes ab. Noch lagen sie nicht gleichauf, und wie es schien, war die Fregatte, die am dichtesten an der Themis dran war, schneller als das Schwesterschiff – so kam es Hayden jedenfalls vor. Wenn es ihm nur gelänge, die beiden Verfolger voneinander zu trennen, dann würde er in den Wind luven und das vordere Schiff in ein Gefecht verwickeln.

Hatten sie dem Rigg des ersten Verfolgers erst einmal genügend Schaden zugefügt, könnten sie den Vorsprung weiter ausbauen. Andererseits glaubte er nicht, dass die Franzosen so töricht sein würden, sich trennen zu lassen. Blieb zu hoffen, dass sie sich in den Nebelschleiern aus den Augen verlören – dann könnte er rasch handeln, ehe der Feind erkannte, wie groß die Distanz zwischen den Schwesterschiffen geworden war.

Französische Schiffe, so hieß es immer, seien leichter gebaut als die britischen Pendants und erheblich schneller. Doch Hayden kannte viele Vorfälle, in deren Verlauf britische Fregatten die feindlichen Schiffe der gleichen Baureihe gejagt und sogar erobert hatten, sodass ihn dieses Argument nicht sonderlich beeindruckte. Die Fregatten im Kielwasser jedoch schienen länger zu sein und mochten einen kleinen Vorteil haben. Doch diesen Vorteil gedachte er mit Segelmanövern und Seemannskunst wettzumachen. In dieser Hinsicht hatten die Briten wirklich einen Vorteil, wie Hayden wusste. Denn die Crews der britischen Navy waren fast das ganze Jahr über auf hoher See, während die französischen Schiffe aufgrund der Blockade der Royal Navy in den Häfen festsaßen. Gleichwohl machten zumindest diese beiden Verfolger eine Ausnahme, wie er Hawthorne bereits gesagt hatte, da sie im Verlauf der letzten Monate den britischen Handel empfindlich gestört zu haben schienen.

Einen Moment lang blieb er noch an der Heckreling stehen und beobachtete den Feind. Er suchte nach Anzeichen mangelnder Seemannskunst, hoffte auf schlampig gesetzte Segel, einen unentschlossenen Mann am Steuerrad, auf mürrische Trimmer, aber er sah nichts dergleichen.

»Sie wirkt erstklassig, oder, Sir?« Archer war zur Heckreling zurückgekehrt, nachdem er die Befehle an Barthe und Franks weitergegeben hatte. Seine Gedanken gingen in dieselbe Richtung wie Haydens.

»Ich fürchte, ja, Mr Archer.« Hayden drehte sich langsam um die eigene Achse und ließ die heller werdende See voraus auf sich wirken.

»Mr Archer«, sagte er dann nach einer Pause, »ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht.«

»Sir?«

»Geben Sie an Mr Barthe weiter, dass wir die Bramsegel belegen.«

Der Leutnant verharrte einen Moment. Hayden spürte, dass der junge Offizier zögerte. »Aye, Sir.« Schließlich eilte er davon und rief dem Master und den Männern an den Rahen den neuen Befehl zu.

Obwohl Barthe sofort handelte, orderte er die Männer oben nicht zurück an Deck. Kurz darauf lief er zu Hayden, der nach wie vor an der Heckreling stand und den Blick nicht von den Verfolgern wendete.

Der Master blickte zunächst ebenfalls stumm hinüber zu den Fregatten im Kielwasser der Themis, doch dann konnte er sich nicht länger zurückhalten. »Die werden uns jeden Augenblick einholen, Sir.«

»Nicht, wenn sie zum Kentern liegen, Mr Barthe. Sehen Sie die Krängung?«

Doch der Master schaute hinauf in die Wolken. »Das ist ein Glücksspiel, Kapitän Hayden. Wir haben starke Böen in rascher Folge, dann wieder lange Flauten zwischendurch.«

»Hoffen wir, dass ich mich nicht geirrt habe. Wir luven in den Wind, Mr Barthe, und halten dann ab, sobald dies möglich ist. Noch sind wir zu dicht am französischen Festland, und ich möchte keine Segel reffen lassen, es sei denn, wir müssen das Schiff retten.« Haydens Blick wanderte zur Küste, die in den niedrigen Wolken und den Nebelschleiern fast ganz verborgen war.

»Ich sorge dafür, dass die besten Männer am Ruder stehen, Sir, um Ihre Befehle umzusetzen.«

»Danke, Mr Barthe.«

Der Master entfernte sich und benannte die Männer, die er am Steuerrad haben wollte.

Hayden konnte sich nicht erinnern, sich schon einmal Sturmböen herbeigesehnt zu haben, doch im Augenblick war dies sein sehnlichster Wunsch. Eine halbe Stunde lang behielt er die Verfolger im Auge, schaute immer wieder zum nördlichen Horizont und hoffte auf kräftige Böen aus den Regenwolken – doch nichts dergleichen geschah.

Je länger Hayden zum Beobachten verdammt war, desto verdrießlicher wurde er. Er machte sich Vorwürfe, da er davon überzeugt war, einen folgenschweren Fehler gemacht zu haben. Er hätte sämtliche Lichter löschen und in der Dunkelheit warten müssen, in der Hoffnung, dass die französische Fregatte die Themis nicht bemerkte. Es war von äußerster Dringlichkeit, dass Monsieur Benoîts Nachricht England erreichte, aber Hayden hatte sich auf ein Gefecht mit einem schwer kalkulierbaren Feind eingelassen. Jetzt fragte er sich, ob er sich nicht gar vom Stolz hatte verleiten lassen, zumal er vor seiner Crew nicht scheu und zögerlich hatte wirken wollen. Ja, er hatte obendrein befürchtet, die Kommissare der Lords könnten seine Entscheidung hinterfragen. Leise verfluchte er sich erneut.

Eine Rauchwolke, die rasch leewärts geweht wurde, quoll am Bug des dichtesten Verfolgers auf. Keine hundert Yards hinter der Themis klatschte eine Eisenkugel in die Gischt des Kielwassers.

Innerhalb der Crew kam es zu Unruhe, wenn nicht gar Gemurre. Auf See traf Hayden seine Entscheidungen für gewöhnlich schnell und sicher, aber an diesem Tag hinterfragte er jede Entscheidung zweimal.

Im selben Moment tauchte der Master wieder neben ihm auf wie ein korpulenter Engel des Zweifels. »Zu wenig Kraft in diesem Wind, Sir«, merkte er an.

»Hatten Sie mir nicht erzählt, der Wind würde auffrischen und achterlich kommen, Mr Barthe?«

»Ich fürchte, ich werde eines Besseren belehrt, Kapitän«, erwiderte er fast kleinlaut.

»Hoffen wir, dass Sie letzten Endes doch noch recht behalten, Mr Barthe. Und mein Irrtum nicht folgenschwer ist«, setzte er leiser hinzu.

Doch der Wind schien sowohl Hayden als auch dem Master zu trotzen. Er nahm nicht zu, änderte seine Richtung nicht und lieferte keine starken Böen, auf die Hayden gehofft hatte. Unter normalen Bedingungen hätte Hayden bei dieser Wetterlage nie Bramsegel setzen lassen, aber die gegebenen Umstände konnten schließlich nicht als »normal« bezeichnet werden.

Abermals feuerte die Fregatte ihr Buggeschütz ab, eine leicht zu handhabende Drehbasse. Diesmal klatschte das Geschoss noch dichter bei der Themis ins Wasser.

»Was schätzen Sie, Mr Barthe, sind es noch fünfzig Meilen bis zur Pointe de Barfleur?«

»Eher sechzig, denke ich, Kapitän.«

»Also etwa neun Stunden? Oder gar zehn?«

»Nach Einbruch der Dämmerung, Sir, wenn die Windverhältnisse so bleiben.«

»Werden wir die Pointe umsegeln können?«

Der Master schaute nach Westen, als könnte er die Entfernung zu der unsichtbaren Landspitze abschätzen. »Bei dieser Neigung, Sir? Das dürfte eng werden.«

Hayden sah sich in seinen eigenen Befürchtungen bestätigt.

»Ich denke, wir könnten bei diesem Wind über Stag gehen, Kapitän«, stellte Barthe fest und fixierte den Verfolger mit zusammengekniffenen Augen.

»Deck!«, schallte der Ruf von der Marsplattform. »Stoßwind auf offener See!«

Hayden schaute sofort luvwärts in den Wind und sah, wie die Kronen der Wellen in weißen Gischtfetzen zerstoben. Die See fächerte sich schuppenförmig auf, wie es bei starkem Wind oft der Fall war.

»Hoffen wir, dass dies die Vorläufer unserer Sturmböen sind«, sagte Hayden leise zum Master.

Der Mann am Steuerrad schätzte den Wind richtig ab und luvte dann hinein, um die Böen aus den Segeln zu nehmen. Mit dem Wind zu gehen war die sicherste Methode, um mit heftigen Sturmböen klarzukommen, aber da das Kreuzmarssegel lebend gebrasst und das Großsegel gesetzt war, würde das Schiff nicht vom Kurs abkommen. Oft war es unerlässlich, diese Segel zu bemannen oder eine Schot fliegen zu lassen, ehe man eine Wende einleiten konnte.

Die Segel erzitterten in ihren Schothörnern, ein Reißen ging durch das Rigg. Der starke Wind drückte die Themis leewärts. Hayden drehte sich um, weil er wissen wollte, welche Auswirkungen der Wind auf die Verfolger hatte. Sie krängten noch stärker als die Themis.

Entlang des Decks starrten die Matrosen voller Hoffnung auf die Krängung der französischen Schiffe.

»Los, fliegt davon!«, fluchte der Master in Richtung der feindlichen Verfolger.

Von jetzt auf gleich erstarb der Wind, worauf die Steuermänner auf allen drei Schiffen die Fregatten wieder auf Kurs brachten und hart am Wind blieben, denn keiner wollte an Geschwindigkeit verlieren. Die Crewmitglieder der Themis seufzten hörbar und wandten sich wieder ihren Aufgaben zu. Viele schüttelten enttäuscht den Kopf.

Aus dem Niedergang tauchte Reverend Smosh auf, zog sich umständlich einen wollenen Mantel an und brauchte eine Weile, bis das Kleidungsstück auch richtig saß. Der untersetzte Geistliche bat um Erlaubnis, das Quarterdeck betreten zu dürfen, und trat dann neben Hayden und den Master an die Reling.

»Wollten Sie ein wenig frische Luft schnappen, Mr Smosh?«, fragte Barthe.

»Ja, in der Tat, aber mich lockte auch die Aussicht, Mr Barthe. Den Ausblick von hier sollte man sich nie entgehen lassen.« Er dachte einen Moment nach. »Da alle Männer an Deck gebraucht werden, musste meine Lesestunde ausfallen. Ich habe keine bereitwilligen Schüler an diesem Morgen, und der Doktor kann mich im Augenblick auch nicht gebrauchen. Daher dachte ich mir, ich könnte einmal an Deck gehen und mir diese französischen Fregatten ansehen, von denen ich schon so viel gehört habe.«

»Nun, dort sind sie, Sir«, antwortete Barthe ihm. »Ein schöneres Zweiergespann werden Sie wohl kaum je zu Gesicht bekommen, möchte ich wetten.«

Der Geistliche blickte einen Moment lang auf die Verfolger. »Haben die nicht mehr Segel gesetzt als wir? Drei Reihen und wir nur zwei?«

»Alle verfügbaren Untersegel, Marssegel und Bramsegel, Mr Smosh, aber der Kapitän glaubt, dass die Sturmböen ab und an zu kräftig sind, und dann haben wir wieder Gleichstand mit den Segeln, denn den Franzosen werden einige davonfliegen.« Barthe wandte sich an Hayden. »Ich dachte, diese Böe hätte die Franzmänner dazu gebracht, die Bramsegel zu reffen, aber wie ich sehe, haben sie nichts dazugelernt.«

»Ich hatte auch darauf gehofft«, erwiderte Hayden enttäuscht.

»Werden die uns einholen, Gentlemen?«, erkundigte sich Smosh.

»In der Tat, Mr Smosh, sie holen auf«, erklärte Hayden geduldig. »Aber so langsam, dass man es kaum abschätzen kann. Ich habe die Geschwindigkeit der Verfolger im Auge behalten, und manchmal hatte ich den Eindruck, dass sie den besseren Wind in den Segeln haben. Dann wiederum scheint der Wind uns gut gesinnt zu sein. Eben hatte es den Anschein, das zurückliegende Schiff habe aufgeholt, aber ich denke, es ist sogar noch weiter zurückgefallen. Das Ganze kann so weitergehen, bis die Dunkelheit anbricht. Genauso gut könnte der Wind jedoch auffrischen und unseren Feind gefährlich nah heranbringen. Schauen wir, wen der Wind begünstigt.« Fast hätte Hayden gesagt »wen die Götter des Windes begünstigen«, aber diese heidnischen Ansichten verbiss er sich in Gegenwart des Reverends.

Binnen einer Stunde schienen die Götter des Windes zugunsten der Franzosen entschieden zu haben, denn der hartnäckigste Verfolger verfehlte das Heck der Themis inzwischen nur noch knapp. Daraufhin ließ Hayden die Drehbassen am Heck klarmachen. Gelegentliche kräftige Windstöße erfassten die Schiffe, doch keiner war so stark, dass es nötig gewesen wäre, in den Wind zu luven. Dennoch hatten Schiffe unter diesem Druck die Tendenz, vom Kurs abzukommen. Insgesamt hatten die kräftigen Windstöße nachgelassen, aber der Regen und kleinere Böen blieben unverändert.

Gegen Mittag traf die erste französische Kugel die Themis, ging durch das Kreuzmarssegel und danach durch das Großmarssegel. Keine weiteren Schäden wurden gemeldet, doch die Männer wurden immer unruhiger.

Trotz der vorgerückten Stunde wollte es nie richtig hell werden. Ein trübes Zwielicht überwog, und über Stunden hinweg schien sich die schemenhafte Sonne kaum zu verändern. Achteraus blieben die beiden Verfolger bedrohlich und unnachgiebig und hetzten die Themis mit raubtierartigem Hunger. Hayden hatte das Gefühl, dass eine unerschütterliche, böswillige Macht ihre Finger mit im Spiel hatte – die Menschen schienen mit ihrem Handeln nichts mehr ausrichten zu können. Für jemanden, der es gewohnt war, der Jäger zu sein, war dieses Gefühl neu und zutiefst beunruhigend.

Der Bug des Verfolgers war in eine grau-schwarze Wolke gehüllt, die für einen kurzen Moment wie flüssiges Blei wirkte. Die Eisenkugel rauschte knapp an Steuerbord vorbei, der Widerhall der Drehbasse traf mit Verzögerung ein.

»Mr Archer!«, rief Hayden dem jungen Leutnant zu, der wenige Schritte entfernt stand. »Erwidern wir das Feuer.«

Im selben Augenblick warnte der Mann im Ausguck vor einer kräftigen Böe, worauf die Themis krängte. Die Männer am Steuerrad kämpften gegen die Neigung an. Die Segel spannten sich bis zum Äußersten und troffen im unaufhörlichen Regen.

»Luv an!«, befahl Barthe dem Steuermann. »Luv an! Lasst los die Schoten des Focksegels!«

Das Schiff krängte bedenklich, niedergedrückt vom Wind. Knackende Geräusche des Holzes und flatternde Segel alarmierten Hayden, und als er sich umdrehte und in Richtung des Feindes schaute, sah er, dass die Bramstengen an Vorbramsegel und Großbramsegel leewärts fortflogen.

Starke Windstöße erfassten die dahinjagenden Schiffe. Alles, was nicht fest war, flatterte wie wild, die Wimpel an den Mastspitzen schlugen um sich. Hayden konnte sehen, dass die französische Fregatte in den Wind ging, ehe sie in den Regenschleiern verschwand. Ob sie nun zurückgefallen war, vermochte er nicht zu sagen.

Das Schothorn des Großsegels zischte durch die Luft, bedrohte Mann und Schiff, bis der Wind nachließ und die krängende Themis sich wieder aufrichten konnte. So flog sie dahin, und die Dwarssee hob und senkte die Fregatte in stetigem Rhythmus.

Die Männer an Deck jubelten, als wären sie verantwortlich für das Pech des feindlichen Schiffes. In diesem Moment hellte sich die Stimmung an Bord merklich auf.

Hayden verließ die Heckreling und machte mit dem Master und Archer einen Rundgang an Deck.

»Diese Wanten dort sind arg strapaziert, Mr Barthe«, stellte Hayden fest, als sie zum Rigg am Großmast traten. »Wenn wir noch einmal wenden müssen, soll Mr Franks die Topptaljen justieren, damit die Wanten wieder richtig sitzen.«

Alle drei schauten kurz hinauf ins Rigg, sahen die zum Reißen gespannten Segel und den Regen, der gegen das Segeltuch und auf das Deck prasselte.

»Was denken Sie, Mr Barthe, wie lange können wir unser Großsegel halten?«, fragte Hayden gerade so laut, dass nur der Master und Archer die Worte hören konnten.

Barthe schützte seine Augen vor dem Regen und blinzelte hinauf. »Ich würde es reffen, wenn wir keinen Franzmann im Nacken hätten.«

Hayden teilte Barthes Ansicht, und Archer nickte zustimmend. »Denken Sie, die Verfolger sind zurückgefallen?«

»Der Franzmann?« Barthe dachte einen Moment nach. »Kann ich nicht genau sagen, Kapitän. Der Regen und der Nebel hüllten die Fregatte ein, als ihre Stengen über Bord geweht wurden. Vielleicht nicht. Das Schwesterschiff konnte ich in diesem Augenblick nicht sehen. Wahrscheinlich hat sie noch alle Masten intakt.«

Mit einem mulmigen Gefühl schaute Hayden hinauf zum stark geblähten Großsegel. »Dann lassen wir es so lange oben, wie es geht«, murmelte er.

Hayden war versucht, über Stag zu gehen, zumal die Themis für die Verfolger im Moment nicht sichtbar war. Womöglich könnten sie die Franzosen ganz abschütteln. Doch er befürchtete, dass sie einer der beiden Fregatten bei dem Manöver zu nahe kommen und entdeckt würden. Zudem war es eine gewagte Sache, bei dieser Windstärke über Stag zu gehen. Daher hielt er es zunächst für sicher, wie gehabt Kurs zu halten, da Frankreich leewärts immer noch gefährlich nah lag.

Der Gedanke, dass er Nachrichten erhalten hatte, die bedeutend für die Verteidigung Englands waren, lastete auf ihm. Sein oberstes Ziel war, irgendeinen englischen Hafen anzulaufen, aber das durfte nicht bedeuten, dass er sich zu riskanten Manövern hinreißen ließ, die womöglich den Verlust der Themis zur Folge haben würden. Wieder verfluchte er sich für die Entscheidung, den Feind in ein Gefecht verwickelt zu haben, anstatt heimlich davonzusegeln. Wenn das alles stimmte, was Benoît ihm mitgeteilt hatte, dann war dieses Wissen bestimmt so viel wert wie einhundert französische Fregatten. Bislang hatte er befürchtet, die Kommissare der Lords bei der Admiralität würden diese angebliche Invasion für unwahrscheinlich halten und ihm vorwerfen, er habe die Fregatte aus einer zögerlichen Veranlagung heraus nicht angegriffen. Doch jetzt fragte er sich, ob die Herren in London ihn nicht einen Narren schalten, weil er mit Benoîts Information nicht unverzüglich zurück nach England geeilt war. Ja, sie könnten ihm vorwerfen, er habe aus Habgier gehandelt, getrieben von dem Wunsch, Prisengeld einzustreichen, obwohl die geheime Nachricht Vorrang vor allen anderen Maßnahmen gehabt hätte.

»Mr Archer, ordnen Sie an, dass die Herdfeuer brennen. Je vierzig Mann sollen sich unter Deck in ihren Backschaften zusammenfinden und die Frühmahlzeit einnehmen. Die übrigen Männer bleiben derweil auf ihren Stationen. Noch befinden wir uns in französischem Gewässer, und die beiden Fregatten, die uns im Nacken hängen, sind womöglich nicht die einzigen Schiffe, die uns heute begegnen.«

»Aye, Sir.« Archer tippte an seinen Hut und eilte davon.

Überall auf dem Deck hielten Matrosen Ausschau nach dem Feind, nicht nur von den Marsplattformen aus. Die Küste war bedrohlich nah, und bei diesen schlechten Sichtverhältnissen drohten unwillkommene Überraschungen. An Deck ließ das angeordnete Schweigen die gedämpfte Stimmung der Crew nur noch unnatürlicher und Unheil bringender erscheinen.

Sowie Rauch von den Herdfeuern aufstieg, besserte sich die Laune der Männer ein wenig, und gegen acht Glasen, als die ersten Männer unter Deck ihre Frühmahlzeiten einnahmen, hellte sich die Stimmung sichtlich auf.

Seit nunmehr zwei Stunden waren die Franzosen nicht mehr im Kielwasser aufgetaucht, und allein das nahm den Männern etwas von ihrem dumpfen Unbehagen. Mr Barthe ordnete an, dass mit dem Log die Geschwindigkeit gemessen wurde, und notierte sechs Knoten. Nachdem er kurz seine Seekarten zurate gezogen hatte, errechnete er, dass Barfleur zwei Stunden nach Einbruch der Dunkelheit auftauchen müsste. Was den Master indes beunruhigte, waren die unvorhersehbaren Strömungen in diesen Gefilden des Ärmelkanals, und so stampfte er mit sichtlich finsterer Miene über das Deck.

Der Lotgast musste sein Lot ausschwingen, aber selbst auf zwanzig Faden war kein Grund zu vermelden, eine Information, die weder Anlass zur Freude bot noch Panik auslöste.

In unregelmäßigen Abständen fuhren starke Böen in die Takelage und kamen oft hundert Yards an Steuerbord wie aus dem Nichts – unsichtbaren Schwingen gleich. Die Matrosen im Ausguck und die Steuermänner waren stets wachsam, aber die graue, undurchsichtige Schicht über dem Wasser ließ kaum eine klare Windprognose zu.

Hayden nahm seine Frühmahlzeit nachdenklich in der Messe ein, da seine Kajüte noch nicht wieder eingerichtet worden war. Obwohl er mit exzellenten und pflichtbewussten Offizieren gesegnet war, verfügten die Männer – mit Ausnahme des Masters natürlich – über relativ wenig Erfahrung und mussten noch in ihre Verantwortungsbereiche hineinwachsen. Das Urteilsvermögen der Offiziere und Midshipmen war in schwierigen Situationen bislang noch nicht auf die Probe gestellt worden. So hoffte Hayden, dass sein eigenes Urteilsvermögen ihn nicht im Stich ließ, angeschlagen, wie es war, von den immerwährenden Sorgen um die eigene Situation.

Im Verlauf des Tages wurde die See rauer, und schon bald schlugen die Wellen über das Schanzkleid und schickten ihre Gischtfetzen in die Takelage. Das Wasser schlug gegen die schweren nassen Segel und spülte mit solcher Kraft über Deck, dass sich die Crew an den Manntauen festhalten musste. Das sich blähende Großsegel beäugten die Matrosen mit einer Mischung aus Faszination und Schrecken. Wäre es nicht exzellent gearbeitet gewesen, hätte es sicherlich schon Risse erhalten, doch die Nähte hielten, und Hayden beschloss, es vorerst so zu lassen. Er verstieß gegen alle Seefahrerkonventionen, weil er das Großmarssegel reffte, um den Druck von dem Schiff zu nehmen, aber gleichzeitig das Großsegel so beließ.

Die Sonne konnte an diesem Tag die Mittagsstunde nicht anzeigen, aber dieser wichtige Zeitpunkt – der Beginn des Schiffstages – wurde dennoch vermerkt. Das Glas wurde umgedreht, das Log samt Leine ausgeworfen. Jetzt, da die Themis offenbar sicher vor den Verfolgern war und die Crew gegessen hatte, hellte sich die Stimmung an Bord weiter auf. Fast spürte man so etwas wie Zufriedenheit an Deck, trotz des miserablen Wetters.

Die Stimmung schlug nur kurz um, als urplötzlich ein Frachter wie ein dunkles Ungetüm vor dem Bug auftauchte und fast mit der Themis kollidiert wäre. Doch dazu kam es wie durch ein Wunder nicht. Unter normalen Umständen hätte Hayden Jagd auf den Frachter machen lassen, um sich das Prisengeld zu sichern, aber an diesem Tag schaute er dem Schiff im Regen nach und versuchte nicht daran zu denken, was ihm finanziell entging. Sorgen bereitete ihm indes, dass der Frachter womöglich auf die beiden Fregatten stieß und die Kapitäne informierte, dass die Themis noch auf Kurs war.

Auch die Männer schauten dem kleinen Schiff mit mürrischen Mienen nach. Manch einer fluchte verhalten. Wieso musste ausgerechnet jetzt eine Prise auftauchen? Das war nicht gerecht.

Der Wind, der über die Mittagszeit relativ konstant geblieben war, wechselte allmählich von Nord-Nordost auf Nord-Nordwest. Wann immer Barthe den nord-nordwestlichen Wind registrierte, blickte er sofort auf Kompass und Karten, ließ das Log zu Wasser und berechnete die Position erneut. Sie durften die Pointe de Barfleur nicht verpassen. Einmal ging Hayden zusammen mit dem Master unter Deck, um die Seekarte in Ruhe studieren zu können. Am Fuße des Niedergangs an achtern schützte Barthe seine wertvolle Karte gegen den Regen.

Hayden betrachtete das kleine Standliniendreieck, das Barthe eingezeichnet hatte, um die Position der Themis in etwa zu bestimmen.

»Jedes Mal, wenn der Wind leicht nach Osten dreht, bekommen wir eine günstigere Neigung«, stellte der Master fest, »aber ich fürchte, dass wir immer öfter unterhalb unseres Kurses bleiben.« Mit einem Finger zeigte er auf die Seekarte und machte Hayden auf eine kleine Halbinsel aufmerksam. »Von der Pointe de Barfleur erstrecken sich felsige Untiefen in nordöstlicher Richtung, die wir um jeden Preis umrunden müssen.«

»Werden wir außerhalb dieser Untiefen bleiben, Mr Barthe?«, fragte Hayden. »Oder werden wir zum Halsen gezwungen sein? Denn eine Wende ist bei diesem Wind zu riskant.«

»Es tut mir wirklich leid, Kapitän, aber die Strömungsverhältnisse in dieser Bucht sind schlecht vorhersehbar …« Unglücklich starrte er einen Moment lang auf seine Karte. »Ich kann es einfach nicht genau sagen.«

Hayden hatte auf präzisere Angaben gehofft, aber andererseits war er froh, dass sein Master sich nicht in allzu optimistische Voraussagen flüchtete. »Ich weiß Ihre Aufrichtigkeit zu würdigen, Mr Barthe. Besser ist es, wenn wir uns der Wahrheit stellen. Die Pointe de Barfleur wird bei diesem Wetter schwer auszumachen sein. Ich halte es daher für klüger, wenn wir halsen, solange wir dafür noch genügend Raum haben. Hoffen wir, dass die Verfolger so weit zurückgefallen sind, dass sie keinen Vorteil daraus ziehen.«

»Ich bin ganz Ihrer Meinung, Sir.« Etwas von der Anspannung schien von Barthes Schultern abzufallen, und sein Tonfall klang wieder zuversichtlicher.

»Dann sollten wir keine Zeit vergeuden.«

Die beiden stiegen die Leiter hinauf, doch ehe sie das Deck betreten hatten, erscholl ein Ruf aus dem Kreuzmarssegel, wo Hayden einen Matrosen hatte aufentern lassen.

»Deck! Schiff an Steuerbord!«

Sofort waren Barthe und Hayden an der Reling und starrten hinüber zu dem Schiff, dessen Bramstengen noch intakt waren.

»Kann das denn unser Franzmann sein?«, wunderte Barthe sich. »Wie konnte er so schnell windwärts aufschließen?«

»Vielleicht hatten sie stärkere östliche Winde als wir.«

Barthe entwichen ein paar üble Flüche, wobei unklar blieb, ob er nun das vermeintliche französische Schiff oder den Wind oder alles zusammen verfluchte.

Hayden ließ sich ein Fernrohr bringen und richtete das Rund des Glases genau in dem Augenblick auf die Fregatte, als hinter den Segeln des Großmasts etliche Signalflaggen aufstiegen.

»Signale, Sir!«, rief Archer, als er zur Reling eilte.

»Ja, aber ist da auch wirklich ein zweites Schiff, oder wollen die uns nur glauben machen, dass sie nicht allein sind?«

Niemand sagte etwas, und alle starrten sie in Richtung des anderen Schiffes, das in all dem Regen und Nebel schwer auszumachen war.

»Soll ich den Befehl zum Halsen geben?«, fragte Barthe.

Hayden antwortete darauf nicht, sondern wog alle Möglichkeiten ab, wobei er den noch so kleinsten Hinweis bezüglich der gegenwärtigen Position der Themis mit einbezog. Sie hatten ihre Position nur vage bestimmen können, und voraus warteten eine gefährliche Landspitze sowie unkalkulierbare Untiefen. An Steuerbord war eine einzelne feindliche Fregatte aufgetaucht, eine zweite könnte in der Nähe sein. Wenn die Themis nun vor dem Wind drehte, bestand die Gefahr, dass die Verfolger sie in die Enge trieben. Gab er aber nicht den Befehl zum Halsen, riskierte er, in den felsigen Untiefen aufzulaufen. Andererseits war es nicht ausgeschlossen, dass sie Barfleur mitsamt den Untiefen umsegelten. Nie hatte Hayden sich derart gelähmt gefühlt. Es fiel ihm schwer, zu entscheiden, welche Möglichkeit die besten Aussichten auf Erfolg zeitigte. Oft hatte er Entscheidungen aus dem Bauch heraus getroffen, doch diese Fähigkeit schien ihm vollkommen abhanden gekommen zu sein.

»Ich denke, es könnte gefährlich sein, den gleichen Schlag beizubehalten, Kapitän«, merkte der Master leise an.

»Ja, aber wenn wir halsen, könnten wir zwischen zwei Fregatten geraten, die uns womöglich weit überlegen sind, Mr Barthe. Können wir es nicht schaffen und Barfleur umfahren? Können Sie mir da keine genauere Antwort geben?«

Barthe mied den Blick seines Kommandanten. »Bedaure, Sir, nein.«

Hayden seufzte. »Also bereiten wir alles zum Halsen vor und machen uns auf ein Gefecht gefasst. Alles klarmachen zum Halsen, Mr Archer, wenn ich bitten darf.«

»Aye, Sir. Alles klarmachen zum Halsen, Mr Franks!«, wurde der Befehl weitergegeben.

Zwar dauerte es nur einen Moment, bis die Männer auf ihren Posten waren, aber Hayden war kaum in der Lage, seine Erbitterung zu verbergen. Die ganze Zeit über beobachtete er das französische Schiff durch das Fernrohr und suchte nach Anzeichen, die darauf hindeuteten, dass der Kapitän ebenfalls den Befehl zum Halsen gegeben hatte.

»Ausguck!«, rief er dem Mann im Kreuzmarssegel zu und musste den Hut mit einer Hand festhalten. »Dreht der Franzose vor dem Wind?«

Der Matrose blickte einen Moment durch sein Fernrohr. »Kann ich nicht mit Sicherheit sagen, Sir, aber ich glaube, nein, Sir.«

»Hoffen wir, dass er recht hat«, murmelte Hayden in Archers Richtung.

»Großmarssegel aufgeien! Achterrahen brassen! Besan bergen!« Nach einer kurzen Pause schallte der nächste Befehl über Deck. »Auf das Ruder!«

Das Schiff begann, nach Backbord zu drehen, Wellen und Wind fielen von achtern ein.

»Klüver und Fockmastsegel backbrassen! An die Vorsegelschoten!«

Rahen wurden gebrasst, Schote und Halse wurden angeholt und gefiert. Das Heck des Schiffes ging durch den Wind, und die Themis wurde auf den neuen Kurs gedrückt, was allerdings bedeutete, dass sie bei dem gegenwärtigen Wind mehr oder weniger zurück nach Le Havre fuhren.

Hayden entging nicht, dass Barthe und Archer unglückliche Blicke tauschten.

Der Franzose blieb eine Weile auf seinem Kurs, ehe er merkte, wie die Themis vor dem Wind drehte. Bald darauf ging auch die feindliche Fregatte mit dem Heck durch den Wind, allerdings nicht so schnell wie die Briten. Als beide Schiffe ihren neuen Kurs eingeschlagen hatten, lag der Franzose an Backbord, aber nicht mehr so weit nördlich wie zuvor. Unvermittelt stoben Rauchpilze von der französischen Fregatte auf, und Augenblicke später erreichte der Widerhall der Geschütze die Offiziere auf dem Quarterdeck der Themis.

Überrascht wandte sich Archer an Hayden. »Wir sind doch außerhalb der Reichweite von Achtzehn-Pfündern?«

»In der Tat, Mr Archer, aber diese Kanone hat nicht auf uns gezielt. Die versuchen bloß, ihr Schwesterschiff auf uns aufmerksam zu machen.«

Hayden hatte längst die Crew zurück an die Geschütze geschickt und den Mann im Klüverbaum ausgetauscht. Falls sich die zweite Fregatte aus diesem Dunst löste, so wollte Hayden sie als Erster entdecken. Da er schon einmal Zeuge einer Kollision auf See geworden war und die unheilvollen Folgen am eigenen Leib erfahren hatte, wusste er, was auf dem Spiel stand.

Derweil stand Archer beim Nachthaus und blickte immer wieder vom Kompass hinüber zu dem Verfolger. »Sir«, sagte er kurz darauf. »Wie es scheint, halten wir die Distanz. Weder scheren wir aus noch fallen wir ab.«

»Freut mich zu hören, Mr Archer.« Hayden fixierte den Feind durch das Fernrohr. »Hoffen wir, dass dieser Wind ein wenig abflaut, denn wir haben unsere Bramstengen und Bramsegel noch, während eine der Fregatten ohne auskommen muss.«

Diese Feststellung erfüllte die Offiziere auf dem Quarterdeck mit Zuversicht, doch im Verlauf der nächsten Dreiviertelstunde schien der Wind nur weiter aufzufrischen.

»Schiff!«, kam es vom Klüverbaum. »Anderthalb Strich Steuerbord voraus!«

Hayden eilte aufs Vorderdeck, als ein Schiff in den Schleiern aus Dunst und Regen Gestalt annahm. »Stückpforten an Steuerbord öffnen!«, befahl er. »Geschütze ausrennen!«

Die Schiffe lagen beide hart am Wind – das eine lag über Steuerbordbug, das andere über Backbordbug – und würden nach einer Viertelmeile aneinander vorbeisegeln. Bei dieser unruhigen See war es gefährlich, die Stückpforten zu öffnen, aber Hayden hatte sich die Aktion gut überlegt und war der Überzeugung, dass sie es riskieren könnten. Binnen kurzer Zeit kamen die beiden Fregatten in Schussweite. Die Briten jedoch waren ein bisschen besser vorbereitet und feuerten ihre Breitseite als Erste ab. Die Geschosse zerfetzten Segeltuch und zertrümmerten das Schanzkleid. Splitter flogen durch die Luft.

Die Antwort erwies sich als nicht so wirkungsvoll. Denn Hayden war sich sicher, dass lediglich zwei Drittel der Geschützbatterie gefeuert hatten. Die übrigen Mannschaften schienen sich noch nicht von der ersten Breitseite der Themis erholt zu haben.

Schon waren die beiden Schiffe aneinander vorbeigesegelt. Hayden stand an der Reling und sah, wie die feindliche Fregatte vom Dunst gleichsam aufgesogen wurde. Dieses Schiff hatte keine Bramstengen mehr.

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