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Zu Staub und Asche

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Kapitel Eins
  7. Kapitel Zwei
  8. Kapitel Drei
  9. Kapitel Vier
  10. Kapitel Fünf
  11. Kapitel Sechs
  12. Kapitel Sieben
  13. Kapitel Acht
  14. Kapitel Neun
  15. Kapitel Zehn
  16. Kapitel Elf
  17. Kapitel Zwölf
  18. Kapitel Dreizehn
  19. Kapitel Vierzehn
  20. Kapitel Fünfzehn
  21. Kapitel Sechzehn
  22. Kapitel Siebzehn
  23. Kapitel Achtzehn
  24. Kapitel Neunzehn
  25. Kapitel Zwanzig
  26. Kapitel Einundzwanzig
  27. Danksagungen

Über den Autor

Martin Edwards, geboren 1955 in Cheshire, England, studierte in Oxford Jura und schlug danach eine Laufbahn als Anwalt ein. Heute ist er Partner in einer renommierten Kanzlei mit Sitz in Liverpool und Manchester. In seiner Freizeit schreibt er Kriminalromane; ZU STAUB UND ASCHE ist der vierte Band seiner Lake-District-Krimiserie, für die Edwards international begeisterte Kritiken erhalten hat.

Besuchen Sie den Autor auf seiner Website unter www.martinedwardsbooks.com

Kapitel Eins

Die Bücher brannten.

Seiten knisterten, Buchrücken barsten. Das Feuer fauchte und zischte wie ein wildes, aus der Gefangenschaft befreites Tier, das sich gierig durch Kalbsleder, Buchbinderleinen und Leim fraß. Papier wurde schwarz und schrumpfte zusammen, Wörter verblichen und verschwanden. Poesie oder Prosa - die Flammen machten keinen Unterschied.

Beißender Rauch drang in George Saffells Augen. Sie füllten sich mit salzigen Tränen, die seine Sicht trübten und über seine Wangen liefen. An der Stelle, wo der Knüppel ihn getroffen hatte, schmerzte sein Kopf; lange war er zwischen Ohnmacht und Bewusstsein hin und her gedriftet und hatte die gesägte Klinge des Messers kaum wahrgenommen, die wie eine Warnung über seinen Hals geglitten war und die Haut geritzt hatte. Dann war er von behandschuhten Händen gefesselt und zu Boden gestoßen worden.

Saffells Angreifer hatte nicht gesprochen. Selbst das leise, zufriedene Murmeln mochte eine Einbildung gewesen sein. Jetzt war er allein. Seine Fesseln saßen so stramm, dass er sich hilflos fühlte wie ein Baby. Er konnte weder Arme noch Beine bewegen - er war nicht einmal in der Lage, sein Gesicht abzuwischen. Er konnte nur daliegen und zuschauen, wie das wilde Tier seine Beute verschlang.

Zu beiden Seiten des Zimmers erstreckten sich Bücherregale vom Boden bis zur abgeschrägten Decke. Saffell hatte diesen Raum gern seine Bibliothek genannt - natürlich im Scherz, denn wer hatte schon von einem Bootshaus mit Bibliothek gehört? Doch Saffell gefiel sich darin, anders zu sein. Er brüstete sich sogar damit und betonte gern, Sinatras »My Way« hätte für ihn geschrieben worden sein können. Die Feststellung war sein ganz privater kleiner Scherz. Die Leute behaupteten zwar, er habe keinen Humor, doch das war nicht fair.

Er fühlte sich nie einsam - nicht, wenn seine Bücher ihm Gesellschaft leisteten. Bücher beklagten sich nie und stellten keine unangenehmen Fragen. In diesen vier Wänden fühlte er sich frei, um die Wonne des Besitzens voll auszukosten.

Vorwürfe kamen ihm in den Sinn.

Deine Bücher sind dir wichtiger als ich.

Zwar hatte er protestiert, doch selbst in den eigenen Ohren klangen seine Einwände hohl. Sie hatte recht, und sie wussten es beide.

De Quincey, Coleridge und Martineau. Seit zwanzig Jahren sammelte er alles, was sie geschrieben hatten, sowie Tausende anderer Bücher. Zwanzig Jahre, die er mit Suchen, Feilschen, Sortieren und Horten verbracht hatte. Er liebte es, einen staubigen Wälzer zu berühren, mit dem Finger an seinem Rücken entlangzufahren und die Ränder auf Unebenheiten hin zu prüfen. Wie faszinierend war es doch, ein warmes Buch an die Nase zu halten, seinen modrigen Duft genüsslich in sich aufzunehmen und dem sanften Rascheln durchgeblätterter Seiten zu lauschen. Seine Haut prickelte, wenn er die raue Struktur spröden Papiers mit den Fingerspitzen oder der Handfläche berührte.

Das Jagdfieber erregte ihn, und er genoss den Triumph, trotzdem war ihm der Preis seiner Mühe nie genug. Die Gestalt der Wörter auf den Seiten entfaltete einen sinnlichen Zauber, der ihm mehr bedeutete als das, was sie aussagten. Gelesen hatte er nur einen Bruchteil seiner Trophäen. Eines von zehn Büchern vielleicht, möglicherweise auch nur eines von zwanzig.

Die Zeit war so kurz, und nun würde sie bald für immer vorbei sein. Irgendwie war er vom Jäger zur Beute geworden, und irgendjemand wollte, dass er zusammen mit seinen Schätzen starb.

Er spürte das Blut, das sein dünnes Haar verklebte und über die Kopfhaut sickerte. Petroleumgestank stach ihm in die Nase und kratzte in seiner Kehle. Er schmeckte die Ausdünstungen und spürte, wie ihr Gift tief in seine Eingeweide eindrang. Dennoch konnte er sich nicht dazu durchringen, die Augen zu schließen und sich der Finsternis zu überlassen. Das Feuer hypnotisierte ihn und zog ihn in seinen Bann, das Entsetzen lähmte ihn. Es war ihm unmöglich, den Blick von seinen zusammenschrumpfenden, sterbenden Büchern zu wenden.

Die Fessel fraß sich in seine dünnen Handgelenke und schnürte seine Fußknöchel schmerzhaft ab. Man hatte ihn nicht geknebelt, weil es nicht nötig war. Er hätte sich heiser schreien können - niemand hätte ihn gehört. Draußen plätscherten die Wellen gegen den Steg; ihr Glucksen hatte ihn in vielen Nächten in den Schlaf gelullt. Selbst in der kältesten Jahreszeit pflegte er das Fenster nur anzulehnen. Wenn er nachts aus dem Schlaf hochschreckte, lauschte er dem Ruf der Eulen, dem Flattern von Fledermausflügeln und dem Trippeln der Wasserratten. An diesem Abend jedoch war von alldem nichts zu hören: Das unbarmherzige Knistern der Flammen erstickte jedes andere Geräusch. Auf dem See war kein Schiff, am Ufer brannte kein Licht. Dieser Teil von Ullswater war im Winter menschenleer. Er hatte diesen Ort seiner Ruhe wegen ausgewählt: eine Zuflucht, wo er dem Trubel entkommen konnte. Und jetzt waren er und das Feuer allein mit der Nacht.

Holz knackte und krachte wie Gewehrschüsse. Das Glas in den Fenstern zersprang. Die Regale begannen nachzugeben. Ein Dachbalken polterte zu Boden. Das wilde Tier hatte Saffells Bootshaus besiegt. Bald würde das Dach einstürzen.

Die Regale bröckelten. Saffells Bücher waren bereits bis zur Unkenntlichkeit verkohlt und verbrannt. Er spürte Feuchtigkeit zwischen seinen Beinen. Warme Nässe sickerte an seinen Schenkeln hinunter. Der Rauch verursachte ihm Hustenreiz. Seine Kehle füllte sich mit Schleim. Er begann zu würgen. Flammen fraßen sich in den türkischen Kelim, der zwischen den Ledersesseln lag, und leckten in seine Richtung. Das wilde Tier war verwirrt und auf Zerstörung aus.

Die Hitze ließ seine Lippen aufplatzen. Nicht mehr lange, und sie würde sein Haar versengen und die Tränen trocknen. Und dann würde das Feuer sich in ihn und er sich in Feuer verwandeln.

Vor Schmerzen fürchtete er sich am meisten. Er durfte seinen Blick nicht von den Büchern wenden und musste seinen Kopf von jedem anderen Gedanken als dem an die Zerstörung seines Lebenswerkes befreien.

Aber es gelang ihm nicht. Sein Gehirn gehorchte ihm nicht, und er verfiel in Panik. Grauen drang zwischen seine Rippen wie ein Messer, zerschnitt sein Fleisch und senkte sich in das weiche Gewebe darunter. Angst brach seinen Körper auf und weidete ihn aus.

Es war eine überwältigende Furcht vor der kommenden Qual. Immerhin war er nichts anderes als ein Bücherwurm, ein selbst ernannter Feigling, der nichts mehr fürchtete als den Schmerz. Er kannte nur noch eine Gewissheit: den Tod. Eine Rettung in letzter Minute würde es nicht geben. Es gab keine Hoffnung mehr auf Erlösung und keinen Glauben daran, dass es ein leichter Tod werden würde.

Eine Flamme leckte an seiner nackten Fußsohle und biss dann in sein Fleisch. Saffell schrie auf und bettelte um ein rasches Ende. Doch es war zu spät, zu einem Gott zu beten, an den er nie geglaubt hatte. Erst jetzt verstand er, dass der Teufel eine Realität war und nicht etwa die Form eines Menschen, sondern die von Feuer annahm.

Eines grausamen, sadistischen Feuers.

Und er ließ sich Zeit. Das Grausamste aber war, dass Saffell nie erfuhr, wer ihm und seinen Büchern diese Qualen angetan hatte.

Oder warum.

Kapitel Zwei

»Silvester.« Marc Amos wirbelte mit dem Küchen-Barhocker herum. In seinen Augen lag ein verträumter Ausdruck. »Ein neues Haus. Ein Neubeginn.«

Hannah Scarlett löffelte Kaffee in einen Papierfilter und lächelte ihn zaghaft an. Sie würde ihm jetzt sicher keine kalte Dusche verpassen. Immerhin schien sich eine Verbesserung der Lage anzubahnen: Sie hatten Weihnachten ohne einen einzigen Streit hinter sich gebracht. Sieben geradezu klaustrophobische Tage in engster Gemeinschaft mit Marcs Familie schienen für sie, wenn schon nicht für die anderen, die perfekte Paartherapie gewesen zu sein. Gott sei Dank musste sie nicht mit Marcs redseliger Schwester zusammenleben, ganz zu schweigen von der ständig Unsinn faselnden Mutter, dem rugbyverrückten Schwager und den ungezogenen Neffen und Nichten. Wäre sie noch ein wenig länger den merkwürdigen Feiertags-Fernsehgepflogenheiten dieser Familie ausgesetzt gewesen, würde sie keine Mordfälle mehr untersuchen, sondern selbst Morde begehen.

Die Tränen und Streitereien von vier Kindern zwischen neun und neunzehn hatten eventuelle Mutterinstinkte für die nächste Zeit im Keim erstickt. Vielleicht hatte Marc es genau darauf angelegt, als er sie überzeugte, an dem Familientreffen teilzunehmen. Nach dem ständigen Lärm in Gayle und Billys überbevölkerter Doppelhaushälfte in Manchester erschien ihr das weitläufige alte Haus am Ortsrand von Ambleside nun fast wie ein Sanktuarium. Sie waren erst vor drei Monaten eingezogen, und es war noch so viel zu renovieren, dass Hannah während der Feiertage eigentlich lieber zu Hause geblieben wäre. Zwar hatte sie eine Schwäche für Familien, Marcs Sippe allerdings bildete die sprichwörtliche Ausnahme von der Regel. Nicht, dass sie Gayle und Billy oder die alte Mrs Amos nicht mochte - ganz zu schweigen von den Kindern -, nur hatte sie außer Marc nichts mit ihnen gemeinsam. Und nachdem sie endlich wieder für sich waren, würde sie den Teufel tun und den schönen Frieden brechen.

Sag irgendetwas Nettes, Hannah!

»Hoffen wir, dass es ein gutes Jahr wird.«

Verblüfft ließ Marc das bunte Magazin auf die Frühstücksbar fallen. Sanfte Zustimmung sah Hannah ganz und gar nicht ähnlich. Die Zeitschrift öffnete sich auf einer Doppelseite mit dem Horoskop für das bevorstehende Jahr. Hannah scherte sich normalerweise nicht um die Sterne, obwohl ihre beste Freundin Terri darauf schwor, doch in diesem Fall suchte sie fast automatisch nach der Vorhersage für das Sternzeichen Krebs. Marc sprang von seinem Barhocker und spähte ihr über die Schulter.

»Ihre Beziehungen erweisen sich als sehr wichtig. Das wird sich bereits in naher Zukunft zeigen, wenn planetare Aktivitäten wichtige Angelegenheiten zutage fördern. Wie Sie damit umgehen, wird nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das anderer Menschen beeinflussen. Treffen Sie die richtige Entscheidung!« Marc kicherte. »Oje, pass lieber auf!«

Hannah zuckte zusammen. Die Astrologin mit dem schönen Namen Astarte schien gern geschwollen daherzureden. »Manchmal ist man zu besitzergreifend. Manchmal nimmt man Dinge zu wichtig. Sie müssen lernen loszulassen.«

»Die Frau weiß, wovon sie spricht.« Marc grinste. »Sieh dir nur meins an: ›Sie scheuen sich nicht vor schwerer Arbeit, aber sie bekommen nicht immer den Lohn, den Sie verdient hätten.‹ Sieh an. Besser hätte ich es nicht ausdrücken können. Das kann doch kein Zufall sein. Irgendetwas ist dran an diesem Hokuspokus.«

»Glaubst du wirklich?«

Er war im Zeichen der Jungfrau geboren. Jupiter drängte ihn, der Romantik mehr Raum zu geben, während Pluto größere Intensität in Liebesdingen versprach. Allerdings blieb ihm selbst überlassen, wie weit er gehen und wie fest er sich binden wollte.

Terri hatte Marc einmal zur Seite genommen und beschimpft, weil er Hannah bisher keinen Antrag gemacht hatte. In ihrer unnachahmlichen Art hatte sie ihm vorgeworfen, dass das Zusammenleben ohne Trauschein einem Mann gestatte, Milch zu trinken, ohne die Kuh zu kaufen. Marc hatte sie daraufhin gefragt, wer denn schon eine Kuh heiraten wolle? Im Übrigen war Terri mit ihren drei Scheidungen nicht unbedingt die Richtige für ein solches Gespräch. Gayle und Billy waren zwar noch zusammen, doch sie boten nicht unbedingt die besten Argumente für die Freuden des Ehelebens. Sie hatten mit neunzehn geheiratet und lebten seither im ewig gleichen Trott. Gayle schwatzte ununterbrochen, während Bill nicht einmal vorgab hinzuhören. Vielleicht konnte er nur entspannen, wenn eine endlose Wortflut über ihn hinwegrauschte. Für Hannah war der Tiefstpunkt beim Schlussverkauf erreicht, als Gayle sie so lange bearbeitet hatte, dass sie sich der Heuschreckenplage anschloss, die über die Sonderangebote im Trefford Centre herfiel und sie gnadenlos plünderte. Das Einkaufszentrum war nur eine halbe Stunde entfernt, doch die Autofahrt hin und zurück schien eine Ewigkeit zu dauern. Billy hatte recht: Es bedurfte gar keiner Antwort. Ein zeitweiliges Murmeln oder ein freundliches Räuspern genügten Gayle als Zuspruch, wenn sie richtig in Fahrt war. Sie und Billy waren zwölf Jahre älter als Hannah und Marc. Ob wohl alle Paare nach so langer gemeinsamer Zeit auf diese Weise endeten? Hatten gemeinsame Kinder eine solche Auswirkung? Hannah fragte sich, ob sie es je herausfinden würde.

»Was hast du dir für das neue Jahr vorgenommen? Aber bring es mir bitte schonend bei.«

Marc stellte diese Frage jedes Jahr; es war ein Ritual, das so zuverlässig kam wie der Glockenschlag von Big Ben. Hannah bedeutete der Übergang von Dezember auf Januar nichts. Sie sah es lediglich als Ausrede der Leute, sich in der Ausübung ihrer Bürgerpflicht zu betrinken und so zu tun, als hätten sie einen Riesenspaß. In ihren frühen Tagen bei der Schutzpolizei hatte sie zu oft erleben müssen, wie sich übermütiger Frohsinn in etwas Rohes und Hässliches verwandelte, um noch an verträumte Neujahrsvorsätze zu glauben. Aber sie wollte weder griesgrämig klingen noch Marc einen Vorwand für schlechte Laune liefern. Sie schaltete die Kaffeemaschine ein und tat, als denke sie angestrengt nach.

»Ich müsste ein paar Pfund abnehmen.«

Vor einer Stunde hatte sie eine eng anliegende Samthose anprobiert, die als Outfit für die blöde Neujahrsparty infrage kam, zu der sie eingeladen waren. Die Hose stammte aus einer sündhaft teuren Boutique in Kendal, ein Impulskauf, dem das schuldbewusste Vergnügen von Genusssucht anhaftete. Jetzt, nach sechs Monaten, war die Boutique pleite und die Hose zu eng, um sich darin wohlzufühlen. Während sie mit dem Reißverschluss kämpfte, hatte Hannah albtraumhafte Visionen von einer Hose, die genau in dem Augenblick platzte, als sie sich nach einem Drink bückte. Das kommende Jahr versprach mehr Schuldbewusstsein und weniger Vergnügen.

»Ich finde, du siehst sehr verführerisch aus.« Er verzog das Gesicht zu einem anzüglichen Grinsen und griff nach ihr. »Komm her! Die Sternenguckerin hat recht - ich finde, es ist an der Zeit, dass ich meinen verdienten Lohn bekomme.«

Sie wich ihm aus. Jetzt würde er jeden Augenblick fragen, ob sie die Wäsche trug, die er ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Das Set entsprach allen Männerträumen, war verführerisch, schwarz, sehr minimalistisch und eigentlich nur für Frauen geeignet, deren BMI sich an der Grenze der Magersucht bewegte. Das Etikett wies es als Produkt aus Macau aus, und alle Teile fühlten sich auf Hannahs Haut steif und kratzig an. Sie bemühte sich, nicht zu schaudern, als er sie bat, ihm das Wäscheset vorzuführen, schwor sich aber insgeheim, es nie wieder zu tragen - es sei denn, sie schuldete ihm einen Riesengefallen.

»Heute Abend, vorausgesetzt, wir können uns von Stuart Waggs Party davonstehlen, ehe du betrunken und zu nichts mehr in der Lage bist. Ist das ein Deal?«

»Einverstanden.«

Bevor Hannah Marc kennenlernte, war sie davon ausgegangen, dass auf Bücher spezialisierte Antiquare langes graues Haar hatten und nach Schimmel rochen. Marc jedoch war schlank, blond und sah trotz seiner unter der Oberfläche verborgenen Unzufriedenheit fantastisch aus.

Er hatte Hannah gebeten, den Chauffeur zu spielen, damit er etwas trinken konnte. Der Gastgeber, ein reicher, für seinen ausschweifenden Lebenswandel berüchtigter Anwalt, würde vermutlich weder mit Champagner noch mit Glühwein knausern. Jede Wette, dass Marc dem Angebot nicht nur unmäßig zusprechen sondern auch auf dem gesamten Heimweg schnarchen würde - sie würde ihn zu Hause gleich ins Bett packen müssen!

»Bis Mitternacht müssen wir aber mindestens bleiben«, protestierte Marc. »Immerhin bin ich schon den Kompromiss eingegangen, Stuart anzukündigen, dass wir nicht vor halb zehn bei ihm sein können. Er hat ein Vermögen für das Feuerwerk ausgegeben, und es wäre ziemlich unhöflich, nicht zuzuschauen, wie sein Geld in Rauch aufgeht.«

»Du hättest ihn überreden sollen, stattdessen eine Erstausgabe bei dir zu kaufen. Unsere Handwerkerrechnungen sind so hoch, dass wir jeden Penny brauchen können.«

Die Frühstücksküche von Undercrag bot Ausblick auf die mit Heidekraut bewachsenen unteren Berghänge. Die Aussicht wäre einer Postkarte würdig gewesen - ein Stück Grasland, auf dem umherwanderndes Rehwild graste, und ausladende Eichen, die dem Grundstück im Sommer Schatten spenden würden. Die Fensterrahmen jedoch waren morsch. Gleich nach dem Einzug hatten sie das Dach erneuern müssen, nachdem sie in den ersten Wochen zwischen strategisch aufgestellten Eimern herumgekurvt waren. Wie eigentlich das gesamte restliche Haus schrie die Küche geradezu nach einer gründlichen Renovierung. Die Wandfliesen waren in einem widerlichen Orangeton gehalten, die Küchenmöbel in einem eintönigen Beige. Die Wasserrohre ratterten und schepperten, der Boden war uneben, und der Geschirrspüler hatte ein Leck. Zumindest aber war es dank eines AGA-Herdes warm. Sobald sie sich jedoch in einen anderen Raum wagten, war es, als würde man einen Iglu betreten. Wahrscheinlich würden sie ihren Überziehungskredit über das Limit hinaus strapazieren müssen, ehe aus diesem Haus wirklich ein Heim wurde.

»Stuart ist einer meiner wichtigsten Kunden. Vor allem seit dem Tod von George Saffell.«

Richtig, George Saffell. Hannah hatte ihn vor zwei Jahren flüchtig kennengelernt - ein hochgewachsener Mann in den Fünfzigern, der sie mit der altmodischen Höflichkeit vergangener Epochen behandelte. Unter seinem oberflächlichen Charme jedoch zeichnete sich ein selbstsüchtiger Zug ab. Er hatte sein Geld als Immobilienmakler verdient, Zweitwohnsitze und Teilzeiteigentum an den Mann gebracht und die Preise für Grundeigentum so hoch getrieben, dass er damit alteingesessene Familien ohne dickes Bankkonto aus Cumbria vertrieb. Nachdem er sein Unternehmen verkauft und sich vorzeitig zur Ruhe gesetzt hatte, widmete er sich vor allem seiner Sammlung seltener Bücher. Er war zu ihnen nach Hause gekommen, um ein Exemplar von A Guide Through the District of the Lakes in the North of England von William Wordsworth abzuholen. Marc hatte das Buch extrem günstig in einem Trödelladen in Penrith gefunden; er besaß den gewissen Blick für das Besondere, für den im Gerümpel verborgenen Diamanten. Dieses Buch war umso spezieller, als sein Deckblatt eine handgeschriebene Widmung von Wordsworth an den Earl of Lonsdale aufwies. Saffell hatte nicht um den Preis gefeilscht, und der Reingewinn hatte ihnen in jenem Jahr einen Urlaub in der Toscana ermöglicht. Hannah vermutete, dass auch dieses Buch in dem Feuer verbrannt war, das Saffell ebenfalls das Leben gekostet hatte. Allein bei der Vorstellung seines einsamen, schrecklichen Endes wurde ihr ganz anders.

Vor vielen Jahren hatte ihr früherer Chef Ben Kind sie damit aufgezogen, sie habe viel zu viel Fantasie für eine Kriminalbeamtin, doch zumindest in diesem Fall lag er falsch. Fantasie war nicht nur von Vorteil, sondern möglicherweise sogar erforderlich. Wenn man sich nicht vorstellen konnte, was Menschen durchmachten, wie sollte man dann je verstehen, was sie dazu brachte, ein Verbrechen überhaupt zu begehen?

Was Saffell anging, so hatte sein zivilisierter Small Talk seine Gier nie ganz verbergen können. Hannah erinnerte sich noch gut an das nackte, lüsterne Verlangen nach Besitz in jenem Augenblick, als er das Buch in die Hand nahm. Er verschlang es geradezu mit den Augen und musste mehrfach schlucken. Mit dem Finger fuhr er den Buchrücken entlang und legte dabei die Zärtlichkeit an den Tag, mit der ein Liebhaber nackte Haut streichelt.

Während Hannah ihre Gedanken schweifen ließ, schimpfte Marc über Stuart Wagg.

»Leider gibt es schlechte Nachrichten. Ich habe gehört, dass er wieder eine Freundin hat.«

»Ist das eine schlechte Nachricht?«

»Denk doch mal nach. Da ist wieder jemand, der seine Knete verschleudert, die er besser in seltene Bücher stecken sollte - als Absicherung, falls seine Rentenversicherung pleitegeht.«

»Gibt es wirklich Leute, die so etwas tun? Die Bücher als Investition anschaffen?«

»Leider nicht so häufig, wie ich es mir wünschen würde. Dabei wäre es angesichts der Wirtschaftskrise nicht die schlechteste Idee. Habe ich dir je erzählt, dass eine signierte Erstausgabe von Casino Royale im Lauf der letzten fünfundzwanzig Jahre eine bessere Rendite gebracht hätte als ein Sechszimmerhaus im angesagtesten Teil von Kendal?«

»Höchstens ein halbes Dutzend Mal.«

»Ich wollte dich nicht langweilen.« Sein gespielt schuldbewusstes Lächeln rührte sie noch immer, obwohl ihr inzwischen klar geworden war, dass er es zu oft benutzte. »Aber egal - heute Abend werden wir bestimmt viel Spaß bekommen.«

»Vorausgesetzt, du bist noch nüchtern, wenn wir heimfahren.«

Der Kaffee war durchgelaufen, und während Hannah ihre Becher füllte, dachte sie erneut über die Kleidungsfrage nach. Lederhosen passten eigentlich zu jeder Gelegenheit. Sie hatten die Farbe von Schokoladenkuchen, und wenn sie schon nicht wagte, welchen zu essen, dann konnte sie doch zumindest ein Kleidungsstück tragen, das sie daran erinnerte. Dazu vielleicht das Neckholder-Top mit den kupferfarbenen Pailletten und die braunen Stiefel, mit denen sie auch ins Freie gehen konnte, um das Feuerwerk zu bewundern.

»Was hast du bloß gegen Silvester?« Das Thema ließ Marc offenbar keine Ruhe. »Immerhin ist es eine Gelegenheit zum Feiern. Jahreswechsel. Eine Zeit von Hoffnung und Erwartung.«

Hannah unterdrückte ein Gähnen. Auf keinen Fall wollte sie ihm mit ihrer Skepsis die Laune verderben. Vielleicht wäre das sogar eine Idee für einen guten Vorsatz. Inwieweit sie ihn halten könnte, stand auf einem anderen Blatt.

Streng dich an. »Eigentlich hast du recht.«

»Weißt du was? Für heute Nachmittag ist trockenes Wetter angesagt.«

»Hm.« Hannahs Vertrauen in den Wetterbericht entsprach etwa dem zu den Horoskopen der Astrologin Astarte.

»Komm schon! Lass uns noch ein Stück laufen, ehe es dunkel wird.«

»Vielleicht hinauf zum Schlangenweiher?«

Sein Gesicht leuchtete auf und erinnerte sie daran, warum sie ihn so gern hatte.

»Prima Idee.«

Der Himmel wirkte wie aufgeschrammt. Fahlgelbe Flecke wechselten sich mit purpurnen Streifen ab. Hannah stand noch vor der Hintertür von Undercrag und starrte nach oben, während Marc sich bereits aufmachte. Die Farben erinnerten sie an die Wangen eines Opfers häuslicher Gewalt.

Solche Assoziationen gehörten zu den Nachteilen des Polizeiberufs. Vor der Brutalität, die Menschen einander antaten, schien es kein Entkommen zu geben. Dieses Wissen rief häufig einen tiefen Pessimismus hervor, der selbst die unschuldigsten Gedanken verdarb.

Marc drehte sich um und winkte ihr zu. Es würde nicht lange dauern, bevor sich seine gute Laune in Ungeduld verwandeln würde. »Kommst du?«

»Tut mir leid«, formte sie lautlos mit den Lippen. »Ich bin gleich bei dir.«

Undercrag war das letzte von fünf Häusern - zwei davon hatte man zu Feriencottages umgebaut -, die verstreut an einer langen, kurvigen, einspurigen Straße namens Longbarrow Lane lagen. Bis in die 1930er-Jahre hatten sie die Stationen, Büros und die Wäscherei eines in ebenem Gelände am Fuß der Berge gelegenen ländlichen Sanatoriums beherbergt, in dem Kranke dank der guten Luft wieder zu Kräften kommen konnten. Nach dem Krieg war das Anwesen zu einer Schule umfunktioniert und nach deren Scheitern aufgeteilt und als Privathäuser verkauft worden. Hannah und Marc wohnten kaum drei Kilometer von Ambleside entfernt, doch der Ort war aus der Entfernung nicht zu sehen, und der steinige Wendehammer am Ende der Longbarrow Lane wirkte wie die Rückseite des Jenseits.

Marc wartete am Viehgatter auf sie. Misstrauisch beobachtete er eine Frau, die ihnen in Begleitung eines lebhaften Labradors entgegenkam; schon beim Anblick von Hunden brach ihm der kalte Schweiß aus. Als Hannah ihn erreichte, griff sie nach seiner Hand. Ein Stück weiter wurde aus dem Sträßchen ein matschiger Pfad, der an einem einsamen Bauernhaus, einer Scheune und einem Schafspferch aus Stein vorbeiführte. Nach einem völlig überflüssigen Schild mit der Aufschrift UNGEEIGNET FÜR MOTORFAHRZEUGE teilte sich der Weg an einer Brücke, die über den Bach führte. Nach dem vielen Regen der letzten Zeit hatte der Bach es sehr eilig, talwärts zu strömen, und der Wasserstand war so hoch, wie Hannah ihn noch nie erlebt hatte. Ein Reitweg führte am Ufer entlang, während der Weg über die Brücke in Richtung der unteren Berghänge weiterging. Der Anstieg zum Schlangenweiher war nicht sehr anstrengend, tat aber nach dem übermäßigen Genuss von Gayles selbst gebackenen Plätzchen sicher gut.

Der Pfad wand sich zwischen Ginsterbüschen und einem kleinen Hain aus Bergeschen, Erlen, Birken und wilden Kirschen empor, vorüber an einer zerfallenen Hütte und einer bescheidenen Steinpyramide. Für eine weiße Weihnacht war es - abgesehen von den Hochlagen - viel zu mild gewesen, doch der reichliche Regen hatte den Boden durchweicht und schlüpfrig werden lassen. Ihre Stiefel glitten im Matsch aus, und Hannah tastete sich mit der Vorsicht einer Siebzigjährigen vorwärts. An einem feuchten Tag im Lake District konnte selbst eine kurze Wanderung gefährlich werden.

»Wir sollten nicht weitergehen«, keuchte sie zehn Minuten später. Als sie über den aus einer Eisenleiter bestehenden Zaunübertritt kletterte, knackten ihre Gelenke. Sie musste unbedingt die Mitgliedschaft in diesem blöden Fitnessstudio erneuern. Wie schaffte Marc es bloß, so schlank zu bleiben, nachdem er bei seiner Schwester mit so viel Appetit gegessen hatte? Möglicherweise lag es an seiner nervösen Energie. Nur selten saß er mehr als zehn Sekunden still; die Geschmeidigkeit seiner Bewegungen hatte sie seit ihrer ersten Begegnung angezogen. Manchmal aber fragte sie sich, was ihn zu dieser Rastlosigkeit trieb.

Marc schob seine Wollmütze über die Stirn nach oben und grinste sie an.

»Vielleicht sollten wir beide eines Tages einfach einmal zu weit gehen.«

Hannah kam wieder zu Atem.

»Träum weiter!«

Der spielerisch geäußerte Satz spielte auf den Beginn ihrer Beziehung an. Sie brauchten einfach mehr Zeit zu zweit, und zwar ohne Ablenkung. Viel zu oft kam Hannah sehr spät nach Hause, und wenn sie frei hatte, war Marc häufig mit Inventur beschäftigt oder stellte sein Sortiment auf einer Büchermesse in irgendeiner weit entfernten Stadt aus. Früher einmal hatte sie gedacht, dass ein Kind sie enger zusammenbringen könnte, doch nach ihrer ungeplanten Schwangerschaft und der anschließenden Fehlgeburt hatte Marc ihr deutlich zu verstehen gegeben, dass er keinen Wert darauf legte, in näherer Zukunft Vater zu werden. Nur keine Hast, wir haben alle Zeit der Welt. Hannah war sich allerdings nicht sicher, ob es für ihn je den richtigen Zeitpunkt geben würde.

Was ihre Vorsätze für das neue Jahr anging, so war sie nicht ganz ehrlich gewesen. Zumindest hatte sie eine Entscheidung getroffen, die mit Daniel Kind zu tun hatte. Daniel war der Sohn von Ben, ihrem früheren Chef. Er hatte als Historiker in Oxford gelehrt und war in den Lake District gezogen, nachdem die glitzernden Preise ihren Glanz verloren hatten. Hannah mochte Daniel sehr gern - so gern, dass es sie verwirrte. Manchmal, wenn sie sich eine Träumerei gestattete, schien es ihr, als ob sich in Gesprächen mit ihm eine Tür einen Spaltbreit öffnete und sie durch diesen Spalt einen Blick auf einen ungewohnten Raum voller Licht erhaschte. Gerne hätte sie diesen Raum weiter erkundet, doch sie war zu vorsichtig, um wirklich durch diese Tür zu gehen - schließlich bestand die Gefahr, sie könnte zuschlagen und sie dann in einer unbekannten Welt gefangen halten.

Sie musste Daniel Kind aus ihren Gedanken streichen und ihre Tagträume entsorgen wie benutztes Geschenkpapier. Der Geschichtsprofessor musste Geschichte werden.

Der Abschiedsschmerz dürfte nicht allzu schwer erträglich sein, denn sie hatten einander seit dem Frühjahr nicht mehr gesehen. Von Liverpool aus war er nach Amerika aufgebrochen; angeblich hatte man ihm einen kurzfristigen Vertrag auf einem Kreuzfahrtschiff angeboten, wo er Gespräche moderieren sollte. Manchmal hatte sie sich gefragt, ob er überhaupt je zurückkehren würde, obwohl er ihr versichert hatte, dass er sich in den Lake District verliebt habe und eigentlich nie wieder von dort wegwollte. Von Miranda, der Journalistin, mit der er ein Cottage in Brackdale gekauft hatte, war er inzwischen getrennt. Während seiner Abwesenheit hatten sie ein paar E-Mails ausgetauscht - mehr nicht. Hannah hatte selbst Schuld. Auf seine letzte Mail hatte sie nicht geantwortet, weil sie rund um die Uhr mit einem Fall beschäftigt war.

Sie musste aufhören, ihre Zeit zu vergeuden. Vermutlich hatte Daniel längst einen Ersatz für Miranda gefunden. Im Übrigen würde es mit ihnen ohnehin niemals klappen. Wie könnte sie je mit der Schuld leben, Marc den Laufpass zu geben? Genug der Träumerei! Sie sollte lieber das genießen, was sie hatte!

Die Umgebung wurde wilder. Felsen, totes Farnkraut und unbelaubte Bäume bildeten eine winterliche Kulisse. Je höher sie kletterten, desto stärker wurde der Wind. Hannah hatte sich sorgfältig in mehrere Lagen Kleidung gepackt, doch trotz einer aufgesetzten und festgezurrten Kapuze biss die Kälte unbarmherzig in jedes unbedeckte Stück ihrer Haut. Nebelschwaden wogten über die höher gelegenen Hänge. Irgendwo in der Ferne hörte sie einen klagenden Schrei - einen melancholischen Laut, als betrauerte ein unsichtbarer Bussard das Ende des alten Jahres.

Hannah fröstelte. Sie erreichten einen kleingewachsenen Wacholderbusch mit grüngelben, stachligen Nadeln. Es sollte gegen böse Geister helfen, sich einen Wacholderzweig vor die Tür zu hängen - aber wenn sie schon nicht an Horoskope glaubte, warum sollte sie sich dann um Ammenmärchen kümmern? Ihr neues Haus würde sicher auch so zu einem glücklichen Heim. Marc hatte recht: Der Umzug nach Undercrag war ihre Chance für einen kompletten Neustart.

»Sollen wir umkehren?«, fragte sie.

Marc schritt entschlossen vorwärts. Hannah strengte sich an, auf gleicher Höhe zu bleiben, und sah, wie er den Kopf schüttelte.

»In fünf Minuten sind wir da.«

Marc wechselte niemals die Richtung, ehe er nicht sein Ziel erreicht hatte; das lag in seinem Charakter. Vor vielen Jahren waren sie in einem Mietwagen auf Malta zwei Stunden lang im Kreis gefahren, weil er sich geweigert hatte, einen Passanten nach dem kürzesten Weg nach Mdina zu fragen. Als sie schließlich ankamen, war es so spät, dass ihnen nur fünf Minuten in der »Stillen Stadt« blieben, ehe sie sich in aller Eile auf den Weg zum Abendessen im Hotel machen mussten. Aber daran durfte sie ihn nicht erinnern, wenn sie den Nachmittag nicht verderben wollte.

»Wir sollten auf den Nebel achten.«

»Wir sind nicht hoch genug, als dass es gefährlich werden könnte. Schließlich ist das hier nicht der Blencathra.«

Schon richtig, aber jedes Jahr gerieten Leute in Schwierigkeiten, ohne dass ihnen überhaupt klar wurde, welches Risiko sie eingingen. Doch es machte keinen Sinn, Marc darauf hinzuweisen. Er war in Skelwith Bridge geboren und aufgewachsen und besaß die angeborene Überlegenheit eines Menschen, dessen Familie bereits im Lake District heimisch war, als Wordsworth noch in kurzen Hosen herumlief. Hannah hingegen hatte ihre Kindheit in Lancaster und Morecambe verbracht, was für einen eingeborenen Lake-Districtler fast schon als Ausland galt. Die umliegenden Gipfel waren ihr nur ansatzweise geläufig, und Marc machte sich oft darüber lustig, dass sie den Ill Bell kaum vom Great Gable unterscheiden konnte.

»Aber sobald wir am Schlangenweiher sind, kehren wir um, ja?«

»Einverstanden.«

Im Weitergehen erkannte sie dreißig Meter über ihren Köpfen die Umrisse eines extravaganten grauen Gebäudes. Es war etwa sieben Meter hoch und hatte die Form eines schmalen Schiffsschornsteins, bestand allerdings aus Stein und war oben mit Zinnen bewehrt. Mitten im Niemandsland erfüllte es keinen anderen Zweck, als dass man zu ihm hinauf- und von ihm hinunterblicken konnte.

Der Schlangenturm stammte aus viktorianischer Zeit; ein reicher Grundbesitzer hatte ihn als Marotte erbauen lassen. Inzwischen gehörte das Plateau der Cumbria Culture Company, die es Autoren ermöglichte, im Turm aus ihren Werken zu lesen, und Sängern, dort zu musizieren, obwohl das Gebäude nur wenig Platz für Publikum bot. In Reiseführern war nachzulesen, dass der Schlangenturm bis auf die eingemeißelten Umrisse zweier verschlungener Schlangen über der Tür nichts mit Schlangen zu tun hatte. Der Name kam daher, dass man von dort aus einfach die beste Aussicht auf den Schlangenweiher hatte; im Augenblick aber war kein Wasser zu sehen.

Einmal waren sie zusammen auf den Turm gestiegen. Der Anblick der Langdale-Gipfel war atemberaubend gewesen. Allerdings musste man, um auf den Turm zu gelangen, einen steilen Abhang erklimmen, und der diesige Nachmittag war für schöne Ausblicke absolut nicht geeignet. Seitdem sie den letzten Bauernhof hinter sich gelassen hatten, war ihnen keine Menschenseele mehr über den Weg gelaufen. Falls sie sich im sinkenden Nebel verirrten und die Bergwacht rufen mussten, würde man sich im Kommissariat wahrscheinlich das Maul zerreißen.

Hannah beschleunigte den Schritt und folgte Marc entlang der Kante einer kleinen Schlucht, die mit moosbedeckten Steinen in der Größe von Tennisbällen übersät war. Wanderführer bezeichneten die Strecke als leicht und selbst für Großmütter geeignet, doch Hannahs Wadenmuskeln schmerzten bereits.

»Wir sind fast da«, sagte Marc.

Sie holte auf, hakte ihn unter und ließ den Kopf hängen. Gemeinsam durchquerten sie eine Gruppe kahler Eichen. Keuchend passte sie ihre Fortbewegung seinen langen Schritten an. Bald schon befanden sie sich wieder in offenem Gelände.

Vor ihnen erstreckte sich ein mit Gras bewachsener Absatz, der bis zu den Felsen des Bergkamms und dem Schlangenturm reichte. Das Gelände war nichtssagend, bis auf eine kleine, unregelmäßig geformte Wasserfläche. Man musste schon um die Ecke denken, um in dem Gewässer den gewundenen Umriss einer Schlange zu erkennen, doch die Menschen im Lake District hatten schon immer viel Fantasie, was Ortsbezeichnungen anging.

Am Ufer des Teichs blieben sie stehen.

Sie waren am Ziel, am Schlangenweiher.

Vor sechs Jahren hatte man hier Bethany Friends Leiche gefunden.

***

In der zugehörigen Akte in Hannahs Büro stand, dass der Schlangenweiher zu keiner Jahreszeit mehr als etwa sechzig Zentimeter Tiefe aufwies. Hannah hatte die Akte von vorne bis hinten studiert und sich die wichtigsten Punkte genau gemerkt. An dem Tag, als Bethany Friends gefesselte Leiche von einer Gruppe Bergwanderer entdeckt worden war, maß man genau fünfundvierzig Zentimeter Wassertiefe. Die junge Frau hatte mit dem Gesicht nach unten im Wasser gelegen.

Gedankenverloren standen Hannah und Marc am aufgeweichten Ufer.

»Man sollte nicht meinen, dass eine erwachsene Frau in derart niedrigem Wasser ertrinken kann«, murmelte Marc.

Hannah wirbelte herum und starrte ihn an.

»Du weißt von Bethany Friend?«

Die dunkle Wasserfläche schien ihn zu hypnotisieren, als sei es möglich, die Lösung eines ewigen Geheimnisses zu finden, wenn er nur lange genug hinschaute.

Er nickte.

»Wie hast du davon erfahren?«

Sein Blick wich nicht von der Stelle. »Und du?«

»Es gehört zu meinem Job, solche Dinge zu wissen.«

»Du hast nie von Bethany gesprochen, als wir dieses Haus kauften.«

»Ich habe die Akte erst kurz vor den Feiertagen gelesen.«

Marc atmete vernehmlich aus. »Jetzt sag bloß nicht, dass ihr den Fall als Cold Case wieder aufrollt!«

»Es hat nie eine Erklärung für ihren Tod gegeben.«

»Ich dachte, sie hätte sich das Leben genommen.«

»Laut Gerichtsmedizin gilt der Fall als nicht geklärt.«

»Aber so etwas passiert doch öfter.«

»Schon, aber nachdem wir nun einmal hergezogen sind …«

»Du interessierst dich dafür, weil wir in der Nähe der Stelle wohnen, wo sie gestorben ist?«

Sie nickte. Das war zwar nicht die ganze Wahrheit, doch sie war nicht bereit, sie ihm jetzt zu erzählen. »Der Fall war irgendwie seltsam, und vieles ist nie geklärt worden. Das hat mich natürlich interessiert.«

Marc warf Hannah einen Seitenblick zu. Sie kannten sich lange genug, dass er spürte, wenn sie ihm etwas verschwieg. Aber auch er verschwieg etwas, dessen war sie sich sicher. Und deshalb ließ er es darauf ankommen.

Ihre Füße wurden kalt, und sie stampfte auf der Stelle. »Komm, wir machen uns besser auf den Rückweg, bevor der Nebel noch dichter wird.«

Marc folgte ihr, als sie auf die Bäume zuging. Sie wanderten schweigend weiter. Sie wünschte, er würde ihr erzählen, wie er von Bethany Friend erfahren hatte. Doch er schien nicht in Redelaune zu sein, und sie brachte es nicht über sich, ihn noch einmal zu fragen.

Kapitel Drei

Zurück in Undercrag, waren sie gerade dabei, ihre Wanderausrüstung wegzuräumen, als das Telefon klingelte. Marc griff nach dem Hörer, davon überzeugt, dass es sich um einen japanischen Kunden handelte, der seit einiger Zeit auf der Jagd nach einem handsignierten Edgar Wallace war. Nach einem kurzen Wortwechsel jedoch reichte er den Hörer an Hannah weiter.

»Für dich. Fern Larter.«

Hannah nahm das Telefon mit in ihr Arbeitszimmer, in dem es zwar mächtig zog, dessen Einsamkeit und Stille sie jedoch liebte. Besser gesagt, sie liebte die Abwesenheit von Menschen, denn die Landschaft strotzte selbst mitten im Winter vor Leben. Eichhörnchen tobten vor ihrem Fenster im Gras herum, und manchmal kam ein Reh vorbei und drückte sein verblüfftes Gesicht ans Fenster. Es war nicht schwer, sich vorzustellen, dass das nächste Dorf dreißig Kilometer entfernt und nicht gleich um die Ecke lag.

Früher waren im Erdgeschoss von Undercrag die Büros des Sanatoriums untergebracht; in der oberen Etage schliefen die Angestellten. Hannah und Marc konnten sich das Darlehen für dieses Haus nur dank einer Abwärtsbewegung im Markt und dem Nachlass von Marcs Tante leisten, die zwei Wochen vor ihrem achtzigsten Geburtstag das Zeitliche gesegnet hatte. Obwohl sie das Haus nur zu zweit bewohnten, schien sich der Wohnraum innerhalb weniger Wochen nach ihrem Einzug deutlich verringert zu haben. Marc hatte den Empfangsraum neben dem Wohnzimmer als Arbeitszimmer annektiert und drei Schlafzimmer von der Decke bis zum Fußboden mit Büchern vollgestopft. Er nannte es »Lagerbestand«, aber für Hannah lag das Problem eher in seiner Bibliomanie als an seinem Geschäft.

»Ich wünsche dir einen guten Rutsch, Fern.«

»Danke gleichfalls. Pass auf, ich habe mir vorgenommen, mir nach Weihnachten mal wieder was zu gönnen. Meine Schwiegereltern sind Veganer - es war ein echter Albtraum! Ich hasse jede Art von Diät, vor allem, wenn es sich dabei um eine moralische Verpflichtung handelt. Hättest du vielleicht dieser Tage mal Lust auf ein ordentliches Frühstück vor der Arbeit?«

»Aber immer!«

»Toll. Was interessiert mich mein Blutdruck? Diese blöde Kampagne für gesunde Ernährung unserer Chefin geht mir auf den Geist. Ich lasse mir doch nicht mein ganzes restliches Leben durch die Sorge vor verstopften Arterien vermiesen!«

Bei Fern, die wie sie den Rang eines Detective Chief Inspectors innehatte, konnte sich Hannah ausweinen und an ihre breite Schulter lehnen, als sie beruflich angeeckt war und anschließend aufs Abstellgleis geschoben wurde. Lauren Self, die stellvertretende Polizeipräsidentin, hatte sie in die Cold-Case-Abteilung ausgelagert, obwohl Hannah lieber aktuelle Ermittlungen geleitet hätte. Fern argumentierte, dass Hannah als Cold-Case-Kriminalistin erheblich mehr Handlungsspielraum besaß als irgendwer mit einem vergleichbaren Rang bei der gesamten Polizei von Cumbria. Das galt vor allem für eine Zeit, in dem Management mehr und mehr mit dem Ausfüllen von Formblättern, dem Erarbeiten von Zielvorgaben und dem Erstellen von Ranglisten zu tun hatte. Je höher man auf der Karriereleiter nach oben kletterte, desto weiter entfernte man sich von den Tätigkeiten, um derentwillen man seinen Job eigentlich liebte.

»Wann und wo?«

»Kennst du diesen Imbiss auf der Beast Banks? Wie wäre es mit Donnerstag, halb acht?«

»Dann kannst du mir auch gleich das Neueste im Fall Saffell erzählen.«

Am anderen Ende der Leitung entstand ein kurzes Schweigen.

»Okay, ich schenke dir reinen Wein ein. Es gibt noch einen anderen Grund für meinen Vorschlag.«

»Also nicht nur darum, den Cholesterinwert in deinem Blut wieder auf Trab zu bringen?«

»Wir kommen einfach nicht weiter. Ich hatte gehofft, du könntest mir ein bisschen auf die Sprünge helfen.«

»Aber ich habe dir doch schon letztes Mal erzählt, dass ich Saffell nur ein einziges Mal gesehen habe.«

»Und wenn schon.« Fern hustete. »Der dienstliche Teil wird höchstens fünf Minuten in Anspruch nehmen. Danach können wir dann richtig schön quatschen.«

Hannah legte auf und kehrte zurück in die Küche. Es roch ein wenig angebrannt. Marc angelte zwei Teekuchen aus dem Toaster.

»Was wollte Fern denn?«

Er empfand es als persönlichen Affront, sobald die Polizeiarbeit in ihre private Zeit eindrang. Für Bücher und Marcs Kunden galt das natürlich nicht.

»Nichts Besonderes. Wir haben uns zum Frühstücken verabredet.«

Er legte für jeden einen Teekuchen auf einen Teller und angelte ein sauberes Messer aus dem Geschirrspüler. »Wann triffst du sie?«

»Am Donnerstag, sobald ich meinen neuen Partner eingenordet habe.«

Marc zerschnitt seinen Teekuchen mit einem einzigen, sauberen Zug des Messers. Wie ein Chirurg, dachte sie. Seine Hände waren schlank, und sie hatte sie von Anfang an sehr gemocht - ebenso wie das, was er mit ihnen tat, wenn er in der richtigen Stimmung war.

»Nick Lowther wird dir fehlen.«

Selbst Inspektor Lestrade wäre die Zufriedenheit in Marcs Stimme aufgefallen. Hannah biss die Zähne zusammen. Nick Lowther war im Cold-Case-Team ihr Detective Sergeant gewesen, und sie hatten viele Jahre zusammengearbeitet. Marc hatte ihre Freundschaft lange Zeit misstrauisch beobachtet. Sein nie ausgesprochener, aber deutlich spürbarer Verdacht, sie könnten mehr als Freunde sein, ärgerte Hannah; sie hatte ihm nie auch nur den geringsten Anlass gegeben, an ihrer Treue zu zweifeln.

Sie nickte, holte Margarine aus dem Kühlschrank und bestrich ihren Teekuchen.

»Wie ist denn dieser neue Sergeant?«

»Das wird sich zeigen«, murmelte sie. Es wäre nicht fair gewesen, vorschnell den Stab über ihn zu brechen, doch eines war sicher: Greg Wharf war nicht Nick Lowther.

»Wird schon gut gehen.«

Die Bemerkung war freundlich gemeint, aber Marc hatte in der Vergangenheit so selten freundlich über Nick gesprochen, dass Hannah der Versuchung nicht widerstehen konnte, sich zu revanchieren.

»Kommt Cassie auch zu der Party?«

Er kaute eine halbe Minute gründlich, bevor er antwortete.

»Cassie?«

»Du weißt schon.« Natürlich wusste er Bescheid, denn seit die junge Frau im vergangenen Herbst begonnen hatte, für ihn zu arbeiten, hatte er sie schließlich schon zigmal erwähnt. In der heißen Phase vor Weihnachten war Hannah einmal im Geschäft aufgetaucht, um ihre nagende Neugier zu befriedigen. Das Mädchen war etwa Mitte zwanzig, blond und schlank. Während eines kurzen Austauschs saisonbedingter Höflichkeitsfloskeln erschien sie eher schüchtern und wortkarg. Aber ihre fantastische Figur und die großen blauen Augen waren nicht zu übersehen. Sie hatte Marc eine witzige, mit einer extravaganten Unterschrift und einem halben Dutzend Küsschen signierte Weihnachtskarte überreicht. Zumindest hatte er kein Geheimnis daraus gemacht und die Karte auf dem Kaminsims im Wohnzimmer aufgestellt. Hannah hoffte, dass er nicht in Versuchung geriet, sich zum Narren zu machen. »Cassie Weston. Deine Neue im Geschäft.«

»Du wirst lachen, Stuart Wagg hat mich tatsächlich gebeten, ihr eine Einladung zu überreichen. Ich wusste nicht einmal, dass sie sich kennen, aber wahrscheinlich hat sie ihm irgendwann einmal Bücher verkauft. Aber sie hat abgesagt - mit der Ausrede, sie würde Silvester mit ihrem Freund in Grasmere verbringen.«

»Wieso Ausrede? Hat sie keinen Freund?«

»Ehrlich gesagt würde mich das wundern. Sie ist wirklich ziemlich hübsch.«

Wie du bereits mehrfach erwähnt hast, dachte Hannah.

»Glaubst du, sie hat geschwindelt?«

»Keine Ahnung. Es klang nur irgendwie nicht ganz ehrlich. Ich nehme an, sie hatte einfach nur keine Lust, den Abend mit einem Haufen fremder Leute zu verbringen. Ein Partygirl scheint sie nicht gerade zu sein.«

»Dann ist sie also so ähnlich wie ich?«

Während er den letzten Bissen seines Teekuchens kaute, dachte er über die Frage nach und entschied sich für eine unbestimmte Antwort. Oder eine taktvolle.

»Hm, in gewisser Weise schon.«

»Gibt es etwas Neues im Fall George Saffell?«, erkundigte sich Marc.

Sie saßen in Hannahs Lexus und fuhren durch die Dunkelheit zu Stuart Wagg. Sein Haus lag südlich der Fähre nach Hawkshead - eine moderne, zwischen Bäumen verborgene Villa in Hanglage oberhalb des Windermere. Marc fuhr im Jahr nur etwa halb so viele Kilometer wie Hannah, aber er war kein guter Beifahrer, und es machte ihr keinen Spaß, ihn zu chauffieren. Als sie noch einen Wagen mit Gangschaltung besaß, war er bei jedem Gangwechsel zusammengezuckt, seit sie jedoch mit Automatikgetriebe fuhr, zuckte er ununterbrochen. Obwohl sie ein Fahrsicherheitstraining absolviert hatte, er hingegen nur ein paar Knöllchen wegen Geschwindigkeitsüberschreitung vorweisen konnte, atmete er bei jeder zügig genommenen Kurve so vernehmlich ein, dass es fast wie ein Pistolenschuss klang. Und wenn sie seiner Ansicht nach vor einer auf Grün umspringenden Ampel zu lang zögerte, trommelten seine Absätze vorwurfsvoll auf die Fußmatte.

»Nach allem, was ich gehört habe, ist er immer noch tot.«

»Du weißt genau, was ich meine.« Seine übliche Ungeduld flackerte auf wie ein Streichholz. Hannah fand, dass seine Mutter ihn verwöhnte. Sogar an diesen Weihnachtsfeiertagen hatte die ältere Dame dem Drang, ständig seinen Kragen glatt zu streichen oder an seinem Mantel herumzuzupfen, nicht widerstehen können. Sie war bereits über vierzig gewesen, als er geboren wurde, und sie konnte nicht aufhören, ihn wie ein kostbares Geschenk zu behandeln. »Hat Fern Larter inzwischen herausgefunden, ob es Mord war?«

Aus dem CD-Player tönte ein alter Hit der Beach Boys: die sanften Harmonien von Heroes and Villains.

»Das kann nur der Untersuchungsrichter entscheiden. Die Untersuchung der Todesursache ist vorerst vertagt worden.« Hannah ärgerte sich ein wenig. Warum zeigte er nie ein ähnliches Interesse an ihren Ermittlungen? Aber vielleicht reagierte sie nicht ganz fair, denn nachdem Marc dem Mann jahrelang Bücher verkauft hatte, war es wohl normal, dass er sich für dessen bizarres Ableben interessierte. Schließlich geschah es nicht jeden Tag, dass einer seiner besten Kunden bei lebendigem Leib gebraten wurde. »Bei unserem letzten Gespräch hat Fern einen Unfall mit ziemlicher Sicherheit ausgeschlossen.«

»Das wundert mich nicht. Es wäre auch ein wirklich merkwürdiger Unfall gewesen, wenn er sich selbst und seine sündhaft teuren Bücher angekokelt hätte. Oder glaubst du, dass er Selbstmord begangen hat?«

»Wenn ja, dann hätte er es auf eine ziemlich seltsame Art getan«, gab sie zu bedenken. »Wer verbrennt sich schon selbst zu Schutt und Asche, ohne die geringste Chance, einen Rückzieher zu machen, wenn das Feuer einmal um sich gegriffen hat?«

Saffells Bootshaus war gänzlich aus Holz gebaut gewesen. Es war so luxuriös ausgestattet, dass Lifestyle-Magazine darüber berichtet hatten, aber nicht dafür ausgelegt, ganzjährig bewohnt zu werden. Warum hätte Saffell auch die langen, dunklen Winternächte dort verbringen sollen, wenn er doch ein gemütliches Zuhause in Troutbeck besaß?

»Er war von Büchern geradezu besessen«, sagte Marc. »Vielleicht hielt er es für angemessen, auf diese Weise zu gehen.«

»Man muss schon ziemlich verzweifelt sein, um einen solchen Tod zu wählen. Eine Überdosis Tabletten hätte es schließlich auch getan.«

»Apropos Tabletten: Er hatte eine grässliche Angst vor Schmerzen. Seine Frau hat einmal erzählt, dass er schon beim leisesten Anflug von Zahnschmerzen zu jammern anfing.«

»Kennst du seine Frau?«

Sie hatten nicht viel über Saffell gesprochen, als sie von seinem Tod erfuhren. Nachdem Marc den anfänglichen Schock überwunden hatte, bedauerte er hauptsächlich den herben Verlust für sein Geschäft. Allerdings war dieser Umstand nicht einer kaltschnäuzigen Selbstsucht zuzuschreiben, sondern lag schlicht in der Natur des Menschen. Die beiden Männer hatten sich zwar gekannt, waren aber keineswegs Freunde gewesen. Wenn ein Kunde starb, bot sich in aller Regel die Möglichkeit, der Witwe die Sammlung für einen guten Preis abzukaufen, nachdem der Nachlass als wenig wertvoll eingeschätzt worden war. Doch selbst dieser Trost wurde Marc nicht zuteil. Viertausend Bücher im Wert eines mittleren Vermögens waren zu einem Haufen Asche verbrannt. Die Vernichtung seltener Bücher war für Marc ein schlimmeres Verbrechen als ein Mord.

»Wanda Saffell?« Lag es nur an Hannahs Einbildung, oder überlegte er, wie viel er preisgeben durfte? »Ich habe sie ein paarmal getroffen. Hatte ich dir nicht davon erzählt?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Vermutlich hast du nach einem langen Arbeitstag wieder mal nicht richtig zugehört«, murmelte er.

»Aber jetzt bin ich ganz Ohr.«

»Wanda war seine zweite Frau; die erste starb sehr jung an Brustkrebs. George und Wanda haben vor vier oder fünf Jahren geheiratet. Sie war geschieden und teilte seine Liebe zu Büchern.«

»Sammelt sie auch?«

»Nein, sie führt einen Kleinverlag, allerdings mehr als Hobby. Ab und zu veröffentlicht sie limitierte Auflagen. George hat sie finanziell unterstützt, aber ich hatte den Eindruck, dass jeder sein eigenes Leben lebte.«

»Wie kommst du darauf?«

»Nur so«, antwortete er unbestimmt.

»Haben sie sich getrennt?«

»Ich glaube nicht, aber aus solchen Dingen halte ich mich lieber heraus.«

Nachdem er ihre Neugier geweckt hatte, war er nicht in der Lage, sie zu befriedigen. Typisch Mann.

»Bis die Feuerwehr den Brand unter Kontrolle hatte, war das Bootshaus längst ausgebrannt. Es stand am Ende eines Waldweges, und der Alarm wurde erst ausgelöst, als jemand auf der anderen Seite des Ullswater die Flammen entdeckte. Den Forensikern blieben kaum Anhaltspunkte. Es war nicht mehr viel übrig - weder von deinem Kunden noch von seinen Büchern.«

Marc zuckte im Beifahrersitz zusammen, und zumindest in diesem Fall war Hannah klar, dass es nichts mit ihrer Fahrweise zu tun hatte. Es fehlte ihm beileibe nicht an Fantasie -, wie sollte es auch bei einem Mann, der Bücher so sehr liebte? - und so konnte er sich die Qualen, die Saffell erlitten hatte, lebhaft ausmalen. Selbst die letzten Sekunden vor der Bewusstlosigkeit mussten einem wie eine Ewigkeit vorkommen, wenn man bei lebendigem Leib verbrannte.

»Aber man hat Spuren eines Brandbeschleunigers gefunden. Benzin!«

Marc sah sie an. »Vielleicht brauchte er den Kraftstoff für sein Boot.«

»Schon möglich. Aber es gibt auch Anzeichen dafür, dass er an Händen und Füßen gefesselt war.«

Das gehörte zwar zu den vertraulichen Informationen, aber Marc würde es sicher nicht hinausposaunen. Er wusste genau, wann er diskret zu sein hatte.

»Himmel!« Er schüttelte sich. »Dann war es also Mord.«

»Sieht ganz danach aus.«

»Aber wer würde schon einen so harmlosen Menschen wie George Saffell umbringen?«

»Wer ist schon wirklich völlig harmlos?«

»Findest du das nicht ein bisschen weit hergeholt? Er war ein eher schweigsamer Mensch, ganz anders als die typischen, oft aufdringlichen Immobilienmakler. Der gute alte George hätte keiner Fliege etwas zuleide getan.«

»Mag schon sein - trotzdem hatte er ganz offenbar einen Feind.«

»Ich kann es einfach nicht glauben.«

Hannah fluchte. Von hinten kam ein Wagen in voller Geschwindigkeit mit aufgeblendetem Fernlicht herangebraust. Unmittelbar vor einer Kurve überholte er und scherte so knapp wieder ein, dass Hannah nur eine Vollbremsung blieb. Sie erhaschte lediglich einen flüchtigen Blick auf den niedrigen, wendigen Sportwagen, ehe er mit quietschenden Reifen in der Dunkelheit verschwand.

»Arschloch!«

Marc schnalzte mit der Zunge.

»Da hat aber jemand wirklich Sorge, zu spät zur Party zu erscheinen.«

»Himmel noch mal! Das hätte gefährlich ins Auge gehen können. Was hat der Kerl sich bloß dabei gedacht?«

»Wieso glaubst du, dass ein Mann den Wagen gefahren hat?« Er schien noch etwas hinzufügen zu wollen, besann sich dann aber. »Wie dem auch sei, wir haben überlebt. Und außerdem sind wir da.«

Hannah fuhr eine lange, schmale Auffahrt hinauf, die durch eine Allee aus dunklen Bäumen führte. Die Tore standen offen; auf den Backsteinsäulen leuchteten helle Lampen. Hannah fiel eine Schieferplatte mit dem eingravierten Namen des Hauses auf.

»Crag Gill.«

»Es heißt nach dem Haus von Miss Thornton in The Picts and the Martyrs«, sagte Marc, als würde dies alles erklären.

Der Buchtitel kam Hannah bekannt vor.

»War das nicht Arthur Ransome? Der Autor von Swallows and Amazonas?«

»Bravo! Stuarts Geschmack ist zwar breit gefächert, aber ganz besonders interessiert er sich für Kinderliteratur. Er besitzt jeden Ransome als Erstausgabe. Und das, was Ransome für Erwachsene geschrieben hat, ist sogar noch seltener.«

»Ich wusste gar nicht, dass er überhaupt für Erwachsene geschrieben hat.«

»Seine gebundene Ausgabe der Studie über Oscar Wilde ist sagenhaft selten. Lord Alfred Douglas verklagte ihn aufgrund der Schrift wegen Beleidigung, und obwohl Ransome den Rechtsstreit gewann, wurden die entsprechenden Teile aus den späteren Ausgaben gestrichen. Und dann gibt es noch dieses Buch mit russischen Volksmärchen. Wusstest du übrigens, dass Ransome mit der Sekretärin von Trotzki verheiratet war?«

Es klang mehr als unwahrscheinlich, aber Marc liebte es, mit den wissenswerten Kleinigkeiten anzugeben, die er sich über Bücher und Schriftsteller angelesen hatte. Hannah beschloss, ihm die Antwort zu geben, auf die er hoffte.

»Das ist doch nicht dein Ernst!«

»Es ist wahr. Großes Indianerehrenwort!« Er genoss es, sie zu verblüffen - vielleicht, weil sie eine so skeptische Kriminalbeamtin war. »Ein Händler, den ich ganz gut kenne, ist der Meinung, dass Ransome die Sammlung russischer Märchen seinem Kumpel Lenin gewidmet hat. Sollte dieses Buch je auftauchen, wird Stuart es um jeden Preis besitzen wollen - und er ist ein Mann, der alles daransetzt, das zu bekommen, was er will. Für dieses Buch würde er kalt lächelnd seine eigene Großmutter verkaufen.«

»Dann ist er ja genau so, wie man sich einen Anwalt wünscht«, murmelte Hannah. »Fürsorglich und selbstlos.«

»Tu mir den Gefallen und lass Stuart deinen Sarkasmus nicht spüren. Entspann dich und vergiss vor allen Dingen nicht, dass er nicht nur unser Gastgeber ist, sondern uns auch dabei hilft, unser Darlehen abzubezahlen.«

»Keine Sorge.« Sie ließ den Wagen ausrollen. »Ich werde mich tadellos benehmen.«

***

Marc hatte recht - sie sollte sich wirklich entspannen. Auch das wäre ein guter Vorsatz für das kommende Jahr. Allerdings war eine Party mit den oberen Zehntausend nicht gerade der richtige Ort für einen Neuanfang. Als ein Angestellter ihr den Mantel abnahm und sie den weitläufigen Salon von Crag Gill betrat, wurde Hannah sofort klar, dass sie sich fehl am Platz fühlte. Sie war nicht an die Lebensweise der anderen Hälfte gewöhnt.

Ein Sänger, der das Finale der größten englischen Castingshow erreicht hatte, sang schmachtend This Guys in Love with You. Dabei wurde er von einem Pianisten begleitet, der dem verstorbenen Liberace verblüffend ähnelte. Im Vorbeigehen hörte Hannah, wie sich ein sonnenbankgebräunter Moderator bei einem Fernsehsternchen, das abseits des Bildschirms noch spärlicher bekleidet war als in seiner Sendung, über den Niedergang des Regionalfernsehens beklagte. Bei zwei muskelbepackten, ausländisch aussehenden Typen, die mit allerlei Gold und Geschmeide behängt waren, handelte es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um Fußballer der ersten Liga. Nachdem Marc in der Menschenmenge verschwunden war, wurde Hannah von einem gut aussehenden Kellner mit Champagner versorgt. Der junge Mann schenkte ihr einen flüchtigen, aber eindeutig bewundernden Blick, bevor seine Augen zu einer Gruppe hübscher Mädchen in sehr kurzen Röcken abschweiften, die man offenbar eingeladen hatte, um die Fußballer bei der Stange zu halten.

Nun, ein halbes Glas würde sicher keinen Schaden anrichten.

Als sie gerade einen Schluck trinken wollte, griff jemand nach ihrem Handgelenk und drückte so fest zu, dass es fast schmerzte.

»Hannah, wie schön, Sie zu sehen! Und hübscher denn je, wenn Sie gestatten.«

Hannah vermutete, dass Stuart Wagg als Anwalt in der Kunst geschult war, die Wahrheit zu beschönigen. Er beherrschte den Trick, seine Schmeicheleien mit einem Lächeln zu äußern, das sich selbst nicht ganz ernst nahm, und als Hannah ihm ihre Hand entzog, verspürte sie eher eine amüsierte Befriedigung als Ärger über seine aalglatte Art und seinen oberflächlichen Charme. Das Neckholder-Top war eine gute Idee gewesen, und sie freute sich, dass sie sich für die langen Ohrringe und das Bettelarmband entschieden hatte. Marc hatte ihr den Schmuck zusammen mit einem Flacon erstaunlich raffinierten Parfüms ebenfalls zu Weihnachten geschenkt, sodass Hannah sich für die nuttige Unterwäsche mehr als entschädigt fühlte.

»Wie geht es Ihnen?«

Er bedachte sie mit einem ironischen Lächeln.

»Na ja, ich halte mit Müh und Not den Kopf über Wasser.«

Der Raum, in dem die Party stattfand, war zur Seeseite hin komplett verglast, aber trotz zurückgezogener Vorhänge und des mit elektronischen Raffinessen ausgeleuchteten, terrassenförmig angelegten Gartens war das Wasser in der Dunkelheit nicht zu sehen. Stuart Waggs Haus trug zwar einen nostalgischen Namen, prunkte aber stolz im modernistischen Design des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Es sah aus wie ein in den Hügel eingelassener Bunker, war aus Holz und traditionellem Bruchstein erbaut und besaß ein begrüntes Dach. Da Stuart selbst fast eins fünfundneunzig maß, hatte er Wert darauf gelegt, dass große Menschen sich in seinem Heim wohlfühlten. Die Sessel waren überdimensioniert, und sogar das Waschbecken in der Gästetoilette hing höher als üblich. Die Räume wurden nicht durch Türen, sondern durch Torbögen voneinander getrennt, und das verlieh dem Haus eine schier endlose Weitläufigkeit. Vor einem halben Jahr hatte die Immobilienbeilage der Zeitung The Independent ausführlich über Waggs Haus berichtet. Hannah erinnerte sich, wie die Journalistin über die weißen Wände, das massive Rüsterparkett und die luxuriöse Stoffdekoration in Verzückung geraten und vor allem angesichts der grünen Überwurfe aus Seide und Wildleder für die beiden L-förmigen Sofas fast dahingeschmolzen war.

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