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Zornröschen

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KAPITEL 2

Hamburg, im Februar 2014

Vor dem Agathenhaus, abends

Gerti wollte gerade an den beiden Frauen vorbeigehen und hielt den Kopf gesenkt, um nicht in ein Gespräch verwickelt zu werden, da fisel ihr auf, dass sie die beiden heute schon gesehen hatte. In Pöseldorf. Sie hatte vorhin nicht richtig hingeschaut, jetzt dagegen sah sie, dass die zwei auch auf Platte sein könnten. So hatten die beiden in Pöseldorf nicht ausgesehen, oder sie hatte einfach nicht darauf geachtet.

Egal. Sie hatte keine, aber auch gar keine Lust, jetzt mit anderen Weibern über die Miesheit der Welt zu labern, ob sie die Damen schon mal getroffen hatte oder nicht. Die Frauen auf der Straße waren nämlich teilweise viel schlimmer als die Männer. Manchmal hatte Gerti das Gefühl, dass die Weiber froh waren, endlich mal die Fäkalausdrücke benutzen zu können, die sie schon immer hatten benutzen wollen. Jetzt, wo alles egal war, ging das endlich. Früher wäre es unanständig gewesen. Die Frauen wurden auch schneller aggressiv und keiften bei der kleinsten Kleinigkeit herum. Bei vielen herrschte ein unfassbarer Zickenkrieg. Dabei hatten einige früher einen guten Job gehabt, Gerti hatte mal eine Ärztin kennengelernt und eine Frau, die Flugzeuge geflogen war. Wie hieß der Beruf noch mal? Manchmal fielen ihr die einfachsten Wörter nicht ein. Manche verstand sie auch nicht. Sie war eine einfache Frau, immer schon gewesen. Und im Grunde brauchte sie auch keine fremden Wörter und anderes hochgestochenes Zeug. Vieles hatte sie auch im Lauf der Jahre einfach vergessen. Weil es unwichtig war.

Es war mit den Weibern auf der Straße so ähnlich wie im Frauenknast. Da hatte sie auch einiges erlebt, war gedemütigt worden ohne Ende. Als Gerti das wieder einfiel, stieg Wut in ihr hoch und Hass!

Die schlimmste der Justizvollzugsbeamtinnen war Gudrun Knapp gewesen. Eine verbitterte Frau Anfang vierzig, die zweimal von zwei Ehemännern wegen einer anderen verlassen worden war und glücklicherweise keine Kinder hatte, die vielleicht genauso geworden wären wie sie. So jedenfalls lautete die einhellige Meinung unter den Gefängnisinsassinnen. Gudrun Knapp war sehr groß, sehr dünn und sehr giftig gewesen. Sie war eine Sadistin und freute sich immer, wenn sie quälen konnte. Ein paar Tage Einzelzelle, kaltes Essen, Ausschluss vom Hofgang und so weiter. Und keine hatte sich getraut, aufzumucken. Klar hätten die Frauen sich beschweren können, und dann? Wem glaubte man wohl mehr, hm?

Gudrun Knapp hatte einen Damenbart gehabt und hätte gut in die Uniform eines Stasi-Offiziers gepasst. Blutige Folterverhöre im Mittelalter wären auch ihr Ding gewesen. Gerti hatte sie besonders auf dem Kieker gehabt, warum, wusste niemand. Vielleicht weil Gerti wie das beste Opfer wirkte. Klein, gebeugt, ängstlich. Und das nach so einer Gräueltat, für die sie nun einsaß.

Jedenfalls waren die fünf Jahre im Knast für Gerti die schlimmste Zeit ihres Lebens gewesen. Nachdem sie endlich wieder draußen war, war sie zu einer ehemaligen Mitinsassin gegangen, die vor ihr rausgekommen war. Doch schon nach fünf Minuten hatte sie es in deren Wohnung nicht mehr ausgehalten. Die Frau lag gemeinsam mit vier verdreckten Hunden auf einer zerschlissenen Decke, und neben ihr lagen unzählige Bier- und Schnapsflaschen. Gerti hatte damals noch gedacht: So will ich nicht enden. Ja, das war damals gewesen.

Und nun stand sie also hier vor dem Agathenhaus. Die beiden Frauen, die sie in Pöseldorf auf der Straße gesehen hatte, unterhielten sich leise, und irgendwas fiel Gerti auf. Ziemlich schnell kam sie darauf, was es war: Die beiden sprachen nicht laut und ungehobelt, sie wirkten nicht besoffen oder verkatert oder was auch immer. Nein, eher auf eine angenehme Art normal. Sie führten einfach ein Gespräch. Leise, im Gleichton. Und dann machte Gerti eine merkwürdige Entdeckung. Die Schuhe der einen, etwas älteren Frau, die hatte sie schon mal gesehen. Die waren einzigartig, so viel war klar. Denn Gerti hatte schon viele, viele Schuhe gesehen, seitdem sie auf der Straße war. Sie hatte auch teure Marken gesehen. Nicht dass sie die Marken kennen würde, aber oft hatte sie einen Schaufensterbummel gemacht, weil sie wissen wollte, welche Schuhe der Damen in Pöseldorf wie viel kosteten, und ziemlich oft war ihr dabei der Bissen im Hals stecken geblieben. Sprichwörtlich zumindest. In Wahrheit hatte sie ja gar nichts zu essen gehabt.

Diese Schuhe jedenfalls kannte sie. Die Frau besaß sie schon lange. Es waren welche mit recht hohem Absatz, rot und gold, Leder und Lack, fein gesteppt, oben geschnürt, vorne offen, sodass man den großen Zeh und den daneben sehen konnte. Der Absatz war aus glänzendem Metall und mit Nieten besetzt. Das war eine Einzelanfertigung und sah jetzt ziemlich komisch aus, weil die Frau dicke Socken trug und sich trotzdem in diese Schuhe reingequetscht hatte. Plötzlich fiel Gerti wieder dieses Gespräch ein, das sie damals mitgehört hatte. Die Schuhfrau war mit einer anderen Frau aus dem Supermarkt gekommen. Die andere hatte ihr auf die Füße geschaut und gesagt: „Du hast es wirklich mal wieder gemacht“, und die Schuhfrau hatte genickt, mit den Schultern gezuckt und lachend „Man lebt nur einmal“ erwidert.

„Wahnsinn“, hatte die andere gemeint. „Was hast du bezahlt?“

„Ich habe bei Manon gleich drei Paar bestellt, deswegen hat sie mir einen Nachlass gegeben. Also für die hier hab ich zwei acht bezahlt.“

„Wow. Naja, du hast es ja.“

„Ach, komm. Fang jetzt nicht an, neidisch zu werden.“

„Quatsch. Ich doch nicht.“

Sie waren damals an Gerti vorbeigegangen, und die Schuhfrau hatte ihr wie so oft zwei Euro in die Schale gelegt. Die Freundin, die wie der junge Mann nie etwas gab, lief ein Stück hinterher, und Gerti war aufgefallen, dass sie noch nie so viel Missgunst und Verbitterung in einem Gesicht gesehen hatte.

Nun, an diesem kalten Februarabend 2014, schaute sie in das Gesicht der Frau, dann an ihr herunter. Sie war es. Keine Frage. Sie war groß, ihr Haar mittlerweile strähnig und grau.

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