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Zone One

COLSON WHITEHEAD

ZONE
ONE

Roman

Aus dem Amerikanischen
von Nikolaus Stingl

Carl Hanser Verlag

FREITAG

»DIE GRAUE STAUBSCHICHT,

DIE AUF ALLEM LIEGT,

IST INZWISCHEN DAS BESTE DARAN.«

ER HATTE SCHON IMMER in New York wohnen wollen. Sein Onkel Lloyd wohnte downtown in der Lafayette, und in den langen Zeiträumen zwischen Besuchen tagträumte er davon, bei Onkel Lloyd zu wohnen. Wenn seine Eltern ihn zu der jeweils angesagten Ausstellung oder dem jugendfreien Broadway-Hit in die City schleppten, schauten sie normalerweise auch kurz bei Onkel Lloyd vorbei. Diese Nachmittage waren in Fotos verewigt, die von Fremden gemacht wurden. Seine Eltern waren Verweigerer in einem Zeitalter digitaler Vielfalt und bestellten den Boden in einsamen Enklaven des Widerstands: eine Kaffeemaschine, die keine Uhrzeit angab, Wörterbücher, die aus Papier bestanden, eine Kamera, die nur Bilder machte. Die Familienkamera sendete nicht ihre Koordinaten an erdumkreisende Satelliten. Man konnte damit keine Flüge zu Badeorten mit Zugang zu Regenwäldern via kostenlosem Shuttleservice buchen. Es bestand keinerlei Aussicht auf Video, weder hochauflösendes noch sonstiges. Der Apparat war dermaßen veraltet, dass jede schwankende Gestalt, die sein Vater aus der Schar der Passanten zwangsverpflichtete, ihn problemlos bedienen konnte, und sei die kuhäugige Leere in ihrem Touristengesicht oder das hausgemachte Elend, das ihr die Wirbelsäule krümmte, noch so tief. Seine Familie posierte auf der Museumstreppe oder, das grelle Poster links über den Schultern, unter dem strahlenden Schriftdisplay, stets die gleiche Komposition. Der Junge stand in der Mitte, die Hände seiner Eltern reglos auf den Schultern, Jahr für Jahr. Er lächelte nicht auf jedem Bild, nur auf den wenigen, die für das Fotoalbum ausgewählt wurden. Dann ging es mit dem Taxi zu seinem Onkel und mit dem Fahrstuhl nach oben, sobald der Portier sie überprüft hatte. Onkel Lloyd hing lässig im Türrahmen und bat sie mit einem dekadenten »Willkommen in meiner bescheidenen Hütte« herein.

Während seine Eltern Onkel Lloyds neuester Freundin vorgestellt wurden, war der Junge schon am anderen Ende der Diele, brachte begeistert die cappuccinofarbene Couchgarnitur zum Quietschen und staunte über die neuesten Abwandlungen in der Unterhaltungselektronik. Als erstes suchte er nach Neuzugängen. Mal waren es die kabellosen Lautsprecher, die wie spindeldürre Gespenster in den Ecken spukten, mal kniete er vor einer flachen, blinkenden Box, die als irgendeine Art von Multimedia-Gehirnstamm diente. Er strich mit dem Finger über ihre dunklen Oberflächen, hauchte sie dann an und wischte die Spuren mit seinem Polohemd weg. Die Fernseher waren die neuesten und größten, sie levitierten im Raum und pulsierten von einer Unzahl extravaganter, im ungeöffneten Benutzerhandbuch abgebildeter Funktionen. Sein Onkel kriegte jeden Sender und unterhielt unter der Ottomane ein Mausoleum von Fernbedienungen. Der Junge sah fern, drückte sich an den Glaswänden herum und schaute neunzehn Stockwerke hoch durch rauchiges Anti-UV-Glas auf die Stadt hinaus.

Die Wiedersehenstreffen waren toll und immer gleich, eine frühe Unterweisung in der rekursiven Natur menschlicher Erfahrungen. »Was schaust du dir an?«, fragte die jeweilige Freundin, während sie mit edlem Selterswasser und Chips hereingetappt kam, und er sagte: »Die Gebäude«, und gruselte sich ein wenig vor dem Sog, den die Skyline auf ihn ausübte. Er war ein Stäubchen, das im Räderwerk einer riesigen Uhr kreiste. Millionen von Menschen kümmerten sich um diese großartige Apparatur, sie lebten, schwitzten und ackerten darin, dienten dem Mechanismus der Metropole und machten ihn größer und besser, Stockwerk um prächtiges Stockwerk und Idee um unwahrscheinliche Idee. Wie klein er war, so zwischen den Zähnen herumpurzelnd. Aber die jeweilige Freundin sprach von den Horrorfilmen im Fernsehen, in denen die Frauen durch die Wälder rannten, sich mucksmäuschenstill im Schrank zusammenkauerten oder vergeblich versuchten, den Pick-up anzuhalten, von dem sie sich Rettung vor dem Hillbilly-Schlitzer versprachen. Wer beim Abspann noch stand, schaffte es kraft eines obskuren Aspekts seiner Persönlichkeit. »Ich kann diese Gruselgeschichten nicht leiden«, sagte die jeweilige Freundin, bevor sie zu den Erwachsenen zurückkehrte, und bemühte sich dabei um eine Ausstrahlung von Tante, als wäre sie die erste, die in dieses Amt befördert wurde. Was das Verfallsdatum anging, war der jüngere Bruder seines Vaters pingelig.

Er sah sich gern Horrorfilme und die unter ihm brodelnde Stadt an. Er fixierte sich auf sonderbare Details. Die altertümlichen Wassertürme, die auf halsstarrigen alten Vorkriegshäusern lauerten und, weiter oben, die wuchtigen Klimazentralgeräte, die mit ihrem Rohrgeschlängel auf den Hochhäusern hockten und wie ausgetretene Eingeweide glänzten. Die Teerpappenschädel von Mietskasernen. Manchmal erspähte er einen auf Kies zusammengeklappten, unzeitigen Liegestuhl, der scheinbar von der Straße heraufgeweht worden war. Wer war sein Besitzer? Dieser Mensch markierte damit in den Ecken der Stadt sein Revier. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er die Slogans, die an Treppenhauseingängen entlanggaloppierten, die Leuchtfarbendrohungen und Pidgin-Manifeste, Decknamen ohnmächtiger Revolutionäre. Jalousien und Vorhänge waren offen, halb offen, geschlossen, Ausstanzungen in einer Lochkarte, entzifferbar nur mittels untergegangener Großrechner, die in den Ablagerungen wilder Mülldeponien steckten. In den Fenstern waren Körperteile von Bürgern ausgestellt, arrangiert von einem Kurator mit einem Sinn für Disparates: die gespreizten Nadelstreifenbeine eines urbanen Golfspielers, der in ein Sieb einlochte; ein halber Frauenoberkörper, in einem türkisfarbenen Blazer, gesehen durch ein Trapezoid; eine auf einem Titanschreibtisch zitternde Faust. Hinter dem höckrigen Glas eines Badezimmers bewegte sich ein Schatten, durch den Schlitz glitt Dampf.

Er erinnerte sich, wie es früher war, an die Gepflogenheiten der Skyline. Überall auf der Insel stießen Gebäude aneinander, demütigten Kümmerlinge durch Vertikalität und Ehrgeiz, schmollten im Schatten des jeweils anderen. Es herrschte der Sachzwang, Amtszeit auf Amtszeit. Die alten Herren von gestern, mit stattlichen Namen und ehedem berühmten Architekten als Geburtshelfern, wurden vom Ruß der Verbrennungsmotoren und dem technischen Fortschritt im Bauwesen beleidigt. Die Zeit meißelte an eleganter Steinmetzarbeit, die als Staub und Splitter und Brocken auf den Bürgersteig rieselte oder fiel. Hinter den Fassaden wurde ihr Innenleben nach den neuen Nützlichkeitstheorien der nächsten Ära verhunzt, umgestaltet, neu verkabelt. Klassische Sechszimmerwohnung wurde zu Studiowabe, Sweatshop-Etage zu beengtem Großraumbüro. In jedem Viertel wartete das Unvollkommene ihrer Art auf die Abrissbirne, und ihre Gebeine wurden eingeschmolzen, um ihren Nachfolgern zu helfen, sie zu übertreffen, Stahl zu Stahl. Welle auf Welle wuchteten sich die neuen Gebäude aus dem Schutt und schüttelten wie Einwanderer die Vergangenheit ab. Die Adressen blieben dieselben, genau wie die dürftigen Philosophien. Es war nicht anderswo. Es war New York City.

Der Junge war hin und weg. Seine Familie schaute alle paar Monate bei Onkel Lloyd vorbei. Er trank das Selters, er sah sich Horrorfilme an, er war ein Wächter am Fenster. Das Gebäude war ein mit blauem Metall armiertes Totem, ein Wechselbalg im Nest alter fahrstuhlloser Häuser. Das Stadtplanungsamt hatte die Schmiergelder eingesteckt, und hier war er nun und schwebte über der spitz zulaufenden Insel. Darin lag eine Botschaft, wenn er sich nur die Sprache beibringen konnte. An verregneten Besuchstagen waren die Oberflächen der Gebäude abgestumpft und blank, so wie an diesem Tag, Jahre später. Da die Bürgersteige sich dem Blick entzogen, beschwor der Junge eine unbewohnte Stadt herauf, in der hinter all den Quadratkilometern von Glas niemand wohnte, niemand mit Familienmitgliedern in Wohnzimmern festsaß, die mit geschmackvollen, statusbestätigenden Katalogmöbeln gefüllt waren, und sämtliche Fahrstühle wie kaputte Marionetten an langen Kabeln hingen. Die Stadt als Geisterschiff auf dem letzten Ozean am Rand der Welt. Es war eine herrliche, komplizierte Illusion, Manhattan, und an bedeckten Tagen sah man aus schiefen Winkeln, wie sie sich auflöste, und war gezwungen, das zarte Wesen so zu betrachten, wie es wirklich war.

Wenn man ihn an einem dieser Nachmittage seiner Kindheit gefragt hätte, was er einmal werden wolle – mit einem leichten Klaps auf die Schulter, während die Familienkutsche sich in die Schlange vor dem Midtown Tunnel einfädelte oder sie auf dem Long Island Expressway ihrer Ausfahrt entgegenbrummten –, hätte er nichts zu nennen gewusst. Sein Vater hatte als Kind Astronaut werden wollen, doch der Junge war immer bodenständig gewesen, ein Kieselkicker. Sicher war er sich nur darin, dass er in einer schicken Bleibe in der City wohnen wollte, etwas gut Bestücktem mit weißen Wänden und ausgestattet mit wechselnden, vollbusigen Schönheiten. Die Wohnung seines Onkels glich der Zukunft, einer Form des Mannseins, die auf der anderen Seite des Flusses wartete. Als seine Einheit schließlich mit Säuberungsaktionen jenseits der Mauer begann – wann auch immer das gewesen war –, wusste er, dass er in Onkel Lloyds Wohnung gehen, ein letztes Mal auf der Couchgarnitur sitzen und den letzten, leeren Bildschirm von vielen anstarren musste. Das Gebäude, in dem sein Onkel wohnte, lag nur ein paar Häuserblocks jenseits der Barriere, und er ertappte sich dabei, dass er es beäugte, wenn es in Sicht kam. Er suchte nach der Wohnung, zählte metallisch blaue Stockwerke und hielt nach Bewegung Ausschau. Das dunkle Glas gab nichts preis. Er hatte den Namen seines Onkels auf keiner Liste von Überlebenden gesehen und hoffte inständig, dass es keine Wiederbegegnung geben, er nicht die langsamen Schritte die Diele entlangkommen hören würde.

Wenn man ihn zur Zeit des Zusammenbruchs gefragt hätte, was er denn so vorhabe, wäre ihm die Antwort leichtgefallen: als Anwalt arbeiten. Ihm fehlten attraktive Angebote, Begeisterung war ihm seiner ganzen Veranlagung nach fremd, und er war, was die Wünsche seiner Eltern anging, im Allgemeinen gefügig, trieb auf jener sanften, gutbürgerlichen Strömung, die einen weit entfernt von den Untiefen der Verantwortung heiter dahindümpeln lässt. Höchste Zeit, sich nicht mehr treiben zu lassen. Daher die Juristerei. Er fand es längst nicht mehr lustig, als seine Einheit bei der Säuberung eines Gebäudes im Planquadrat dieser Woche auf ein Nest von Anwälten stieß. Sie latschten Tag für Tag durch die Häuserblocks, und es hatte schon zu viele Kanzleien in zu vielen Gebäuden gegeben, als dass gerade dieser irgendein Neuigkeitswert zugekommen wäre. Doch an diesem Tag hatte er innegehalten. Er hatte sich sein Sturmgewehr über die Schulter gehängt und die Lamellen der Jalousie am Ende des Flurs auseinandergespreizt. Alles, was er wollte, war ein Fitzelchen von Uptown. Er versuchte sich zu orientieren: Schaute er nach Norden oder nach Süden? Es war, als zöge man eine Gabel durch Haferschleim. Die Asche verschmierte die Palette der Stadt auch am schönsten Tag zu einem stummen Grau, aber man brauchte nur Wolken und ein bisschen Niederschlag hinzufügen, und sie wurde zu einem der Finsternis geweihten Altar. Er war ein Insekt, das einen Grabstein erforschte: die Worte und Namen waren Spalten, in denen man sich verirren konnte, bedrohlich und bedeutungslos.

Es war der vierte Regentag, Freitag Nachmittag, und ein Teil von ihm ergab sich dank entsprechender Konditionierung der Wochenend-Trägheit, auch wenn Freitage ihre Bedeutung eingebüßt hatten. Kaum zu glauben, dass der Wiederaufbau schon so weit gediehen war, dass man wieder auf die Uhr sah, Dinge aufschob, sich ein freies Wochenende vorstellen konnte. Hinter ihm lagen ein paar eintönige Tage, die seinen Glauben an die Reinkarnation bestätigt hatten: Alles war so langweilig, dass es nicht das erste Mal sein konnte, dass er es erlebt hatte. Angesichts der Katastrophe in gewisser Weise ein heiterer Gedanke. Wir kommen wieder. Er setzte seinen Rucksack ab, schaltete seine Helmlampe aus und legte die Stirn ans Glas, als wäre er in der Wohnung seines Onkels und deutete die Architektur zu einer Botschaft um. Aus verwischter Kohle tauchten die Türme auf, eine Ansammlung von Phantasiegebilden und Ahnungen von Dingen. Er war fünfzehn Stockwerke hoch, im Herzen von Zone One, und wie Sklaven schleppten sich Schemen immer höher in Richtung Midtown.

Heutzutage nannte man ihn Mark Spitz. Er hatte nichts dagegen.

Mark Spitz und der Rest von Einheit Omega waren halb fertig mit Duane Street 135 und trabten zügig vom Dachgeschoss nach unten. Bis jetzt alles klar. Nur ein paar Anzeichen von Chaos im Gebäude. Im siebzehnten eine geplünderte Kassenschublade, halb verzehrte, vergammelnde Mahlzeiten in Styroporschalen im Durcheinander der Schreibtische: veraltete Währung und das letzte Mittagessen. Wie in den meisten Geschäftsbetrieben, die sie säuberten, waren die Türen der Büros geschlossen worden, bevor alles komplett den Bach hinuntergegangen war. Die Stühle standen ordentlich an den zugehörigen Schreibtischen, wo die Reinigungskräfte sie an ihrem letzten Arbeitstag, dem letzten normalen Abend der Welt hingeschoben hatten, nur ein paar waren, von überstürzter Flucht in Unordnung gebracht, schräg der Tür zugewandt.

In der Stille nahm sich Mark Spitz eine kleine Auszeit. Wer weiß? Wenn alles anders gelaufen wäre, hätte er vielleicht in ebendieser Kanzlei eine Stelle bekommen, sobald er die mit einem juristischen Examen verbundenen Hindernisse bewältigt hätte. Er hatte gerade Vorbereitungskurse absolviert, als der Vorhang gefallen war, und sich keine Gedanken darum gemacht, irgendwo unterzukommen, Examen zu machen oder hinterher irgendeinen Job zu kriegen. Das amerikanische Standardprogramm hatte ihm nie Probleme bereitet, und er hatte sämtliche Hürden seiner jeweiligen Lebensphasen von der Vorschule über die Junior High bis zum College mit beharrlicher Kompetenz und kaum einem Ausschlag in Richtung Außergewöhnlichkeit oder Versagen erfolgreich gemeistert. Er besaß ein seltsames Talent für Pflichtübungen. Schon nach zwei Tagen Kindergarten beispielsweise hatte er ohne viel Aufhebens den Grad von Sozialisation erreicht, der für seine Altersgruppe und sein sozioökonomisches Milieu als angemessen galt (Teilen mit anderen, kein Beißen, ein fast schon beseeltes Verinnerlichen der Anweisungen von Autoritätspersonen). Er schaffte einen entwicklungspsychologischen Meilenstein nach dem anderen, als wäre jedes Zucken trainiert. Hätten Erziehungsforscher seinen Aufenthaltsort gekannt, hätten sie ihre helle Freude an ihm gehabt, und sie hätten ihn durchs Fernglas beobachtet und Buch geführt, während er in seinen anonymen Mühen ihre Daten und Theorien bestätigte. Er war ihr typischer Vertreter, er war ihr exemplarisches Beispiel, er war ihr Durchschnittstyp. Und die Herren in dem schwarzen Kleinbus, der in diskretem Abstand auf der anderen Straße geparkt war, signalisierten ihm begeisterte Zustimmung. In dieser Welt jedoch bestand sein einziger Lohn in jener Leere, die mit den meisten menschlichen Bemühungen einhergeht und mit der wir alle wohlvertraut sind. Seine Leistungen, wenn man sie denn so nennen konnte, landeten auf der Müllhalde des Unbesungenen.

Mark Spitz hielt die Augen offen und suchte, schon im zarten Alter ein Überlebenskünstler, seine Umgebung nach Hinweisen ab. Jeder Interaktion lag ein Code zugrunde, und er stellte sich darauf ein. Mühelos passte er sich der Bewertung durch Schulnoten an, oberster Maßstab dafür, wie gut man mit willkürlichen Prüfungen zurechtkommt. Er war auf die Note Zwei abonniert, oder die Note Zwei entschied sich für ihn: sie war seine Heimat, und weder in der High School noch im College verirrte er sich je über die Grenze. Sein Los jedenfalls stand unwiderruflich fest. Weder machte man ihn zum Mannschaftskapitän, noch wählte man ihn als letzten. Nachsitzen zu müssen und ausgezeichnet zu werden vermied er gleichermaßen souverän. Im Gefolge einer Unzahl erbitterter Gipfelgespräche zwischen Eltern und Lehrern hatte Mark Spitz’ High School im Geiste universeller Selbstachtung die Jahrbuch-Sitte abgeschafft, den Wahrscheinlichsten-Kandidaten-für dies-oder-jenes zu nominieren. Doch Marks Bezeichnung wäre »Wahrscheinlichster Kandidat dafür, niemals zum wahrscheinlichsten Kandidaten für irgendetwas ernannt zu werden« gewesen, und das war keine Kategorie. Seine Fähigkeiten lagen im geschickten Durchwursteln, wobei er niemals glänzte und niemals durchrasselte, sondern jeweils nur genau das tat, was erforderlich war, um über das nächste willkürliche Hindernis des Lebens hinwegzukommen. Das war seine überragende Spezialität.

So weit war er damit gekommen.

Die Frühstückspaste vom Morgen stieß ihm auf, laut den winzigen Verheißungen auf der Tube eine Mixtur, mit der ein Ernährungswissenschaftler seine Vorstellung davon verwirklicht hatte, wie Mamas Pfannkuchen mit frischen Blaubeeren schmeckten. Seine Hand fuhr zum Mund, bevor ihm einfiel, dass er allein war. Die Anwälte hatten vier Etagen gemietet – ein schicker Bau –, und nach dem Umfang ihrer Renovierung zu urteilen, war es ihnen nicht allzu schlecht ergangen. Die Stockwerke darüber waren in trostlose, bescheidene Büros aufgeteilt, mit tristen Aquarellen an den schwammigen Rigips-Wänden der Wartezimmer und den gleichen abgetretenen kotzrosa Fliesen auf dem Boden. Erschwingliche Mieten hatten für eine Gruppe unterschiedlicher Mieter gesorgt, so vielfältig wie die Ansammlung von Fahrgästen in einem durchschnittlichen Subwaywaggon zur Rushour. Seine Einheit durchkämmte Consultingfirmen mit flotten, geschäftstüchtig wirkenden Namen. Sie durchstöberten die Lagerräume von Prothesenhändlern. Sie durchkämmten Reisebüros, die im Zeitalter des Internets fast ausgestorben waren und deren Poster in ihren Aufrufen und Einladungen schrille, ja verzweifelte Töne anschlugen. In der achtzehnten marschierten sie in Formation durch die schalldichten Räume einer Filmproduktion, die sich auf Martial-Arts-DVDs spezialisiert hatte, und hielten im trüben Licht den Pappaufsteller eines Actionhelden fälschlich für ein feindliches Element. Tag für Tag durchkämmten sie die immer gleichen Orte. An breiten Plastikzungen befestigte Schlüssel für die Gemeinschaftstoiletten am Ende des Flurs hingen, nach Geschlechtern getrennt, am Empfang an Haken. In Sprechzimmern von Ärzten lag erwartungsvoll Recyclingpapier auf Untersuchungsliegen wie verschütteter Haferbrei, und die Zeitschriften in den Wartezimmern beschrieben eine Zeit des Überschwangs, die mittlerweile fern war und kaum noch etwas mit der Gegenwart zu tun hatte. Es war unmöglich, ein Klatschblatt oder Nachrichtenmagazin zu finden, das nach einem bestimmten Datum erschienen war. Es gab keinen Klatsch und keine Nachrichten mehr.

Als sie die Anwaltskanzlei betraten, stolperten sie in ein mondänes Gemach, als hätte man dem Gebäude diese Etagen aus einem vornehmeren Fundus zugeteilt. Im Wartezimmer strichen die Strahlen ihrer Helmlampen über die verwirrenden geometrischen Muster des Teppichs, den sie mit ihren Kampfstiefeln beschmutzten, die breiten, dunklen Zebrano-Panele, die mit unfehlbarer Eleganz die Wände bedeckten, und die niedrigen, schlanken Möbel, die blaue Flecken verhießen, den Körper jedoch, wenn man sie ausprobierte, nach neu entdeckten Prinzipien somatischer Harmonie zusammenpressten. Ihre drei Lampenstrahlen konvergierten auf dem Porträt eines Mannes mit kieselharten Augen und dem schmalen Mund eines griesgrämigen Fuchses – einer der Firmengründer, der aus dem Jenseits achtgab. Nach kurzem Innehalten gingen ihre Lampenstrahlen wieder auseinander und tasteten in den Ecken und an dunklen Stellen nach Bewegung.

Mark Spitz spürte es in dem Augenblick, in dem sie die Glastür aufdrückten und den Namen der Kanzlei sahen, der in strengen Stahlbuchstaben über dem Schreibtisch der Empfangsdame schwebte: Diese Typen werden dich fertigmachen. Tradition und knallharte Verträge, unantastbares Kleingedrucktes, das seine Verfasser überdauern würde. Er wusste nicht, welcher Art ihre Praxis gewesen war. Vielleicht hatten sie ja nur wohltätige und gemeinnützige Organisationen vertreten, doch in diesem Fall waren ihre Mandanten sicherlich tausendmal hilfsbereiter, gemeinnütziger und insgesamt wohltätiger gewesen als die Konkurrenz, falls wohltätige Organisationen überhaupt miteinander konkurrierten. Aber das taten sie bestimmt, dachte er. Sogar Engel sind Tiere.

Sobald die Einheit drin war, teilte sie sich auf, und er durchkämmte solo die einzelnen Arbeitsplätze. Die Büromöbel waren hypermodern und spielzeugartig, geeignet für eine aufstrebende kleine App-Schmiede oder Designfirma, darauf bedacht, die Zukunft zu skizzieren. Die Schreibtischoberflächen waren dick und durchsichtig, wuchtige Plastikbrocken, die die geschwungenen Monitore und Tastaturen zu Dioramen von Produktivität überhöhten. Die leeren ergonomischen Stühle posierten wie freundliche Spinnen und kündeten von mannigfaltiger Bequemlichkeit und Wirbelsäulenmassage. Er sah sich, angetan mit den Hosenträgern und Manschettenknöpfen seiner Zunft, auf dem Gewebe der Sitzfläche thronen und bei jeder Körperbewegung eine üppige Wolke von Eau de Cologne verströmen. Bringen Sie mir bitte die Akte. Mit seinem Sturmgewehr stupste er die Wackelkopffigur eines Kobolds in den Hintern, sodass sie heftig zu nicken anfing. Wie es seiner Gewohnheit entsprach, vermied er es, sich die Familienfotos anzusehen.

Er interpretierte: Wir sind in den alten Sitten bewandert und Akolythen des Künftigen. Ein schönes Zuhause für einen vielversprechenden jungen Anwalt. Trotz allem, was sich nach dem großen Zusammenbruch außerhalb dieses Gebäudes ereignet hatte, waltete hier immer noch ein Geist von Gewissenhaftigkeit. Mit großem Beharrungsvermögen. Er spürte es in den Knochen, obwohl die Menschen fort und alles Gewebe tot war. Schimmelnde Klumpen in den Gemeinschaftskühlschränken bildeten Ranken, und um die trockenen Trinkwasserspender standen keine quatschenden Müßiggänger, aber die Farne und Yuccapflanzen waren, weil aus Plastik, immer noch grün, die Auszeichnungen und Ehrenurkunden hingen nach wie vor sicher an den Wänden, und die Porträts der großen Tiere verewigten die kalkulierten Posen eines Nachmittags. Das alles war geblieben.

Vom anderen Ende der Etage hörte er drei Schüsse in vertrautem Stakkato – Gary, der eine Tür aufschoss. Fort Wonton hatte sie aus naheliegenden Gründen mehrfach eindringlich ermahnt, fremdes Eigentum nach Möglichkeit nicht mutwillig zu beschädigen, zu zerstören oder auch nur schief anzusehen. Der Einfachheit halber druckte Buffalo Verbotskärtchen – laminierte Anweisungen in Bildform, die die Angehörigen der Einheiten ständig bei sich zu tragen hatten. Das kaputte Fenster mit dem roten Kreis und dem diagonalen Strich mittendurch lag ganz oben auf dem Stapel. Gary konnte sich jedoch nicht beherrschen, zum Teufel mit künftigen Mietern und dem Großen Plan. Warum die Klinke benutzen, wenn man das Ding hochgehen lassen konnte? »Sie können sie ja reparieren, wenn sie einziehen«, sagte Gary, während sich der Rauch des C-4 verzog, mit dem er die Kühlraumtür eines italienischen Restaurants pulverisiert hatte. Sein verrücktes Grinsen. Als wäre das Aufräumen nach einer wilden Ballerei das gleiche wie die Ausbesserung von Löchern im Gips, wo die Vormieter ihre Schwarzweiß-Landschaften aufgehängt hatten. Gary entmaterialisierte die halb geschlossenen Vorhänge von Umkleidekabinen in Kaufhäusern, verwandelte teure japanische Raumteiler in Konfettiwirbel, und wehe der Toilettenkabine mit klemmenden Türangeln.

»Hätte ja einer von denen sein können, der sich zu erinnern versucht, wie das mit dem Pinkeln geht«, erklärte Gary.

»Von so einem Fall habe ich noch nie gehört«, sagte Kaitlyn.

»Wir sind hier in New York, Mann.«

Kaitlyn billigte ihm einen unnötigen Akt von Zerstörung pro Etage zu, und Gary passte sich entsprechend an, befleißigte sich sogar altmodischer Prinzipen von Spannungsaufbau, was den Zeitpunkt seiner Attacken anging. Sie wussten nie, wann er als Nächstes zuschlagen würde. Gerade hatte er seine Wahl für die vierzehnte Etage getroffen.

Mark Spitz kam in die Gänge. Gary war ganz in der Nähe, und er wollte einen beschäftigten Eindruck machen, um sämtlichen dummen Sprüchen über sein Arbeitsethos die Spitze zu nehmen. Er wandte sich vom Fenster ab und erhaschte flüchtig einen Zipfel vom Traum der vergangenen Nacht – er war auf dem Land, gewelltem Ackerland, vielleicht in Happy Acres –, bevor dieser sich entzog. Er schüttelte ihn ab. Er trat die Tür zur Personalabteilung ein, dachte: »Vielleicht komme ich wieder und bewerbe mich hier um eine Stelle, wenn das alles vorbei ist«, und erkannte, dass er einen Fehler gemacht hatte.

Das Problem war nicht die Tür. Nach so langer Zeit in der Zone wusste er, wo genau man auf Türen mit Codetastatur draufhauen musste, damit sie umgehend aufsprangen. Der Fehler lag darin, dass er den vorherrschenden Illusionen erlegen war. Der Pandemie von Phönie-Optimismus zum Opfer gefallen war, vor der es heutzutage kein Entkommen gab und die einem das Atmen schwermachte, eine eigenständige Seuche. Sie fielen sofort über ihn her.

Sie waren von Anfang an dort gewesen, die vier. Vielleicht war eine unten auf dem Bürgersteig von »irgendeinem Spinner«, wie der farbige großstädtische Euphemismus lautete, angegriffen und, nachdem man sie in der unterfinanzierten lokalen Notfallambulanz genäht hatte – haben Sie Ihre Versicherungskarte dabei? –, nach Hause geschickt worden, ehe man das Wesen der Katastrophe begriff. Dann war sie vertiert, und eine Kollegin hatte Glück gehabt, es rechtzeitig nach draußen geschafft, die Tür abgeschlossen und ihre Büronachbarinnen sich selbst überlassen. Irgendeine Variante dieser Geschichte. Niemand war ihnen zu Hilfe gekommen, weil jeder mit seinen eigenen Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt hatte.

Er war der erste Mensch, den die Toten seit Beginn der ganzen Sache zu Gesicht bekamen, und die ehemaligen Mitarbeiterinnen der Personalabteilung waren am Verhungern. Nach so langer Zeit bestanden sie nur noch aus einer dünnen, über Knochen gespannten Fleischmembran. Längst waren ihre Röcke ihnen von den geschrumpften Hüften gerutscht und lagen zusammengeknüllt auf dem Boden, und die dunklen Jacken ihrer praktischen Kostüme waren von gezackten Blutspritzern und geronnenen Klumpen noch dunkler gefärbt und steif geworden. Zwei hatten irgendwann in den langen Jahren, in denen sie auf der Suche nach einem Ausgang in dem Raum herumrumort hatten, ihre Stöckelschuhe verloren. Eine trug einen Slip derselben Marke, die seine letzten beiden Freundinnen bevorzugt hatten, mit den charakteristischen Rüschen. Das Kleidungsstück war verdreckt und zerrissen. Ungeachtet dringenderer Anforderungen an seine Aufmerksamkeit konnte er nicht umhin, den String zu bemerken. Er hatte eine Unmenge notwendiger Neukalibrierungen vollzogen, doch ab und zu gab das alte Ich immer noch Laut. Dann schaltete sich das neue Ich ein. Er musste sie erledigen.

Das jüngste trug sein Haar in einer Frisur, die durch eine Sitcom populär geworden war, welche sich um drei WG-Bewohner von scheinbar unvereinbarem Temperament und ihre Versuche drehte, in dieser heftigen Stadt ihr Glück zu machen. Ein schrulliger Hausmeister und eine schrille Nachbarin rundeten das Ensemble ab, und zur Zeit der Katastrophe hatte die Serie immer noch Kultstatus gehabt und in der Zuschauergunst in den Top Ten gelegen. Die Frisur wurde Marge genannt, nach Margaret Halstead, der bezaubernd trampeligen Schauspielerin, die sie in der guten alten Zeit der roten Teppiche und flirtenden Late-Night-Talkshows zum Markenzeichen gemacht hatte. Mark Spitz hatte nichts an ihr gefunden – zu mager –, aber die Legionen junger Ladys, die aus ihren kümmerlichen Käffern und Gemeinden geflüchtet waren, um sich in der Großstadt neu zu erfinden, hatten irgendetwas in Halsteads Gezappel erkannt und dieses Merkmal von ihr zum Fetisch gemacht. Geködert hatte sie die alte Mär, man könnte sich in der Stadt einen Namen machen; jetzt mussten sie zusehen, wie sie überlebten. Die Miete zusammenkratzen, etwas zu essen auftreiben. Die jeweils angesagten Clubs und schicken Restaurants zogen ständig lockere Schwärme von Marges an, die neuartige Cocktails mit Zimtrand schlürften und zu beflissen lachten.

Das Marge krallte sich Mark Spitz als erstes, packte seinen linken Bizeps und nahm ihn zwischen die Zähne. Auf sein Gesicht verschwendete es keinen Blick, sondern verbiss sich ins Gewebe seines Kampfanzugs, ausschließlich auf das Fleisch bedacht, das sich, wie es wusste, darunter befand. Er hatte vergessen, wie weh es tat, wenn ein Skel richtig loszumampfen versuchte; es war schon eine Weile her, dass ihm einer so nahe gekommen war. Das aufwendige Gemisch von Kunstfasern konnte das Marge nicht durchdringen – nur ein Idiot äußerte sich abfällig über das neue Wundergewebe, das aus den Erfordernissen des Seuchenzeitalters hervorgegangen war –, aber jedes tollwütige Zubeißen ließ ihn aufheulen. Der Rest von Omega kam schon durch die Flure getrampelt und würde gleich hiersein. Er hörte das Geräusch splitternder Zähne. Die Einheiten sollten zusammenbleiben, das betonte der Lieutenant immer wieder, um ebensolche Situationen zu vermeiden. Aber in den letzten Planquadraten war es so ruhig gewesen, dass sie sich nicht an die Befehle gehalten halten.

Das Marge war vorderhand beschäftigt – mit seinen eingeschränkten Wahrnehmungsfähigkeiten brauchte es eine Weile, um die Sinnlosigkeit des Unterfangens spitzzukriegen –, deshalb wandte Mark sich dem Skel zu, das aus zwei Uhr angriff.

Die buschigen Augenbrauen, die Andeutung eines Schnurrbarts – es fiel ihm schwer, in diesem Exemplar nicht seine Englischlehrerin in der sechsten Klasse zu erkennen, Miss Alcott, die in schmalzigem Bronx-Tonfall Sätze zerlegt und auf altmodische Kegel-BHs gestanden hatte. Sie roch nach Jasmin, wenn sie beim Einsammeln von Vokabeltests an seinem Pult vorbeikam. Er hatte immer eine Schwäche für Miss Alcott gehabt.

Das da hatte sich wahrscheinlich als erstes infiziert. Alles unterhalb seiner Augen war dunkle, blutige Schnauze, das verräterische Geschmier, das entstand, wenn sich ein Gesicht tief in lebendiges Fleisch grub. Ein ganz normaler Tag im Büro, und sie wird von einem New Yorker Spinner gebissen, während sie sich in der Salatbar an der Ecke die Frühlingsmischung auftut. Sich die Seuche einfängt, ohne es zu wissen. Noch in der Nacht kam dann der Schüttelfrost, und die legendären schlechten Träume, von denen jeder gehört hatte und inständig verschont zu bleiben hoffte – die Vorboten, die Albträume, in denen das Unterbewusste ein ganzes Leben nach irgendeiner Antwort oder irgendeinem Ausweg aus dieser Falle durchstöberte. Bei den frühen Erregerstämmen dauerte es mitunter einen ganzen Tag, bis man abdrehte. Am nächsten Tag kehrt sie in ihr Kabuff zurück, weil sie seit Jahren keinen einzigen Tag krankgefeiert hat. Dann die Verwandlung.

Ab und zu passierte es, dass er in diesen Monstern etwas erkannte, dass sie wie jemand aussahen, den er gekannt oder geliebt hatte. Laborpartner in der achten Klasse oder schlanke Kassiererin im Minimarkt, College-Freundin im Frühjahrssemester des ersten Jahrs. Onkel. Er verlor Zeit, während sein Verstand um sich selbst kreiste. Er hatte gelernt, die anstehenden Aufgaben zu erledigen, aber gelegentlich fixierte er sich auf Augen oder einen Mund, die zu jemand Verlorenem gehörten, und suchte nach Übereinstimmungen. Er war sich noch nicht schlüssig, ob es ein Vorteil war, jemand Bekannten oder Nahestehenden in diese Kreaturen hineinzuprojizieren. Eine »erfolgreiche Anpassung«, wie der Lieutenant das formulierte. Wenn Mark Spitz darüber nachdachte – wenn sie nachts im Loft irgendeines reichen Wichsers biwakierten oder auf dem Boden eines Wall-Street-Besprechungsraums bis zum Kinn in ihrem Schlafsack lagen –, dann adelten vielleicht folgende Erkenntnisse seinen Einsatz: Er verrichtete einen Akt der Barmherzigkeit. Diese Dinger waren vielleicht einmal Menschen gewesen, die er kannte, hätten es jedenfalls sein können, waren Angehörige von jemandem und verdienten es, von ihrem Bluturteil erlöst zu werden. Er war ein Todesengel, der sie auf ihrer verzögerten Reise aus dieser Sphäre geleitete. Kein bloßer Kammerjäger, der Schädlinge bekämpfte. Er schoss Miss Alcott ins Gesicht, sodass die Ähnlichkeit zu rotem Nebel zerstob, und dann presste es ihm sämtliche Luft aus der Lunge, und er lag auf dem Teppich.

Das im bonbonrosa Kostüm hatte ihn umgerempelt – das Marge hatte ihn mit seinem aggressiven Nachsetzen aus dem Gleichgewicht gebracht, und sobald ihn das neue gerammt hatte, kam er nicht mehr hoch. Es saß rittlings auf ihm, und er spürte, wie sich das Gewehr in seinen Rücken drückte; bei seinem Boxenstopp am Fenster hatte er es sich umgehängt. Er schaute in die graue Haarspinnwebe des Skels. Die daraus vorstehenden Nadeln, der dumme Gedanke: Wie lange hat es gedauert, bis ihm die Perücke abgefallen ist? (In solchen Situationen verlangsamte sich die Zeit, um der Furcht eine größere Bühne einzuräumen.) Das auf ihm sitzende Ding krallte sich mit seinen sieben verbliebenen Fingern in seinen Hals. Die anderen Finger waren am Knöchel abgebissen worden und kullerten wahrscheinlich im Bauch einer seiner ehemaligen Kolleginnen herum. Ihm ging auf, dass er bei seinem Sturz seine Pistole fallen gelassen hatte.

Das da besaß jedenfalls die Entschlossenheit, die einem wahren Personaler anstand, von Naturbegabung und Ernährung zu dessen würdigem Avatar geformt. Die Neukalibrierung der jeweiligen Fähigkeiten durch die Seuche vervollkommnete nur die vorhandenen Eigenschaften. Mark Spitz’ erster Bürojob hatte darin bestanden, mit einem Karren die Flure einer Personalverwaltung entlangzurattern, die in einem Büropark in Hempstead, nicht allzuweit von zu Hause entfernt, lag. Als Kind war er zu dem Schluss gekommen, dass der Komplex eine Art Clearinghaus für Militäraufklärung war, weil er die gleichmütige Fassade fälschlich für geheime Macht gehalten hatte. Der Schleier wurde schon am ersten Tag gelüftet. Die anderen Typen in der Poststelle waren in seinem Alter, und wenn der Chef seine Bürotür schloss, ging das dämliche Gejohle los. Der einzige Wermutstropfen war das weibliche Ungeheuer von der Personalabteilung, das sich, was Mark Spitz’ Papierkram anging, unerbittlich gezeigt und geradezu heimtückisch auf diesem oder jenem Formular, den richtigen Referenzen bestanden hatte. Die Frau diente den Stellen, wo Menschen zu Zahlen paraphrasiert wurden, Komponenten aus gebündelten Daten, dazu da, durch Glasfaserkabel zu einer Bedeutung geschossen zu werden.

»Ohne vollständige Unterlagen kann Ihre Gehaltsabrechnung nicht weiterverarbeitet werden.« Woher sollte er wissen, wo seine Sozialversicherungskarte war? Sein Zimmer war eine Höhle. Er brauchte spezielles Ausgrabungswerkzeug, um Socken zu finden. »Sie sind nicht im System. Genauso gut könnten Sie gar nicht existieren.« Wo war das System jetzt, nach der Katastrophe? So lange hatte es als unsichtbare Faust über ihnen geschwebt, und nun waren die Finger offen, getrennt, und alles zerrann zwischen ihnen, alles entwich. Im August war er eilends in die Dienstleistungsbranche zurückgekehrt, hatte am Damentag Grenadine-Martinis serviert. Er versuchte, die ehemalige Personalerin von sich herunterzuwerfen. Der Blick des Skels richtete sich auf das weiche Fleisch seines Gesichts. Es schnappte danach.

Wie die meisten Angehörigen der Sweepereinheiten lehnte er es ab, sein Visier zu tragen, trotz der Vorschriften, des entsprechenden Kärtchens und der vielen Male, die er es erlebt hatte, dass diese Entscheidung in die Hose gegangen war. Man konnte nicht zwanzig Kilo Ausrüstung ein New Yorker Hochhaus raufschleppen, wenn einem dabei das Plastikvisier beschlug. Überall waren die Nachschubverbindungen noch in verheerendem Zustand, und die Sweepereinheiten hatten bei allem die niedrigste Priorität, außer bei Patronen. Alle – vom Nordöstlichen Korridor über Omaha bis zur Zone One – hatten genügend Patronen, nun da Buffalo Barnes wieder in Betrieb genommen hatte und die früheren Heimarbeiter, chronischen Asthmatiker und diversen alten Schachteln Tag und Nacht am Fließband Munition produzierten. Heutzutage war Rosie die Nieterin eine ehemalige engagierte Mutter, die gerade ihren eigenen Party-Service eröffnet hatte, als die Letzte Nacht anbrach und ihr Mann und ihre Kinder beim Haushaltsgeräte-Discounter des örtlichen Einkaufszentrums von einem Parkwächter gefressen wurden.

Prioritäten: Zuerst bekam Buffalo, was es brauchte, dann das Militär, dann die Zivilbevölkerung und am Ende die Sweepereinheiten. Was bedeutete, dass Mark Spitz kein richtiges Visier hatte, keines von diesen schicken Marineinfanterie-Dingern aus superleichtem, undurchdringlichem Drahtgewebe, mit richtiger Belüftung und Halsschutz. Er hatte mal einen Trottel gesehen, der mit einer Torwartmaske auf Patrouille gegangen war – eigentlich bloß affig, weil sie von den Skels viel zu leicht abgerissen werden konnte. Einige von den Typen in den anderen Einheiten waren dazu übergegangen, Luftlöcher in das dicke Plastikvisier zu bohren, und er nahm sich vor, diesen letzten Trick auch auszuprobieren, falls er es aus dem Schlamassel hier schaffte. Allerdings durfte man sich, ob mit oder ohne Visier, auf keinen Fall zu Boden drücken lassen.

Das erste Mal gesehen, wie jemand von einer ganzen Gruppe von ihnen zu Boden gedrückt wurde, hatte er in der Anfangszeit – musste damals gewesen sein, weil er immer noch bemüht gewesen war, aus seinem Viertel rauszukommen. Eine unsichtbare Barriere umgab seinen Postleitzahlenbezirk, und jede Gelegenheit zur Flucht wurde von seiner Gewissheit untergraben, dass sich alles bald wieder normalisieren würde, dass diese wilde neue Realität keinen Bestand haben konnte. Er war gerade auf dem Weg zu dem Einkaufszentrum knapp einen Kilometer von seiner Wohnung entfernt – der nächstgelegene Knotenpunkt der Zivilisation bestand aus der rund um die Uhr geöffneten Tankstelle mit Zigarettenkiosk, dem berüchtigt trostlosen Pizza- und Sandwichladen und einer moribunden Reinigung, die Flecken zuverlässig verschlimmerte. Mark Spitz hatte die Nacht hoch droben in den Armen einer Eiche verbracht, die erste von vielen künftigen Übernachtungen in Geäst. Wenn es jemanden gab, fiel ihm ein, der für diese »neue Situation« gerüstet war, dann war es Mr. Provenzano mit dem angeblichen Waffenarsenal, das er im Keller des Pizzaladens gelagert hatte. Dieses Arsenal war ein unverwüstliches und beliebtes Thema von Spekulationen: sensationslüsterne Jugendliche spekulierten darüber und Erwachsene ergingen sich in Andeutungen, genährt von Gerüchten über Mafia-Aufnahmerituale und einer robusten, sich um den Fleischwolf drehenden Folklore.

Mark Spitz wusste nicht, ob der Pizzaladen zugänglich war, aber er bot eine bessere Perspektive als die verstummten Sträßchen von New Grove, der Trabantenstadt, in die seine Eltern vor dreißig Jahren gezogen waren, gleich nach ihrer Rückkehr aus den Flitterwochen, sodass im Foyer noch die Hochzeitsgeschenke aufgebaut waren. Er wartete, bis es Tag wurde, und rieb sich die tauben Arme und Beine, um die Blutzirkulation wieder in Gang zu bringen. Dann ging er durch die handtuchgroßen Hintergärten, die umzäunten Abkürzungen seiner Kinderzeit, und kroch und kraxelte um die halbfertige Mini-Villa in der Claremont herum, bemüht, die Lage zu peilen, ehe er sich auf die Hauptstraße wagte. Der Baufirma war im Vorjahr das Kapital ausgegangen, und seine Eltern klagten über den Schandfleck, als wären sie vertraglich dazu verpflichtet. Die sich kräuselnden Plastikplanen, wo Wände hätten sein müssen, die großen Haufen hellbrauner Erde, aus denen es nach jedem Regen kraftlos heraussickerte. Es sei eine Brutstätte von Moskitos, jammerten seine Eltern. Sie verbreiteten Krankheiten.

Der alte Mann kam über den Asphalt getrabt. Eine graue Strickjacke flatterte über seiner nackten Brust, und grüne Karohosen endeten mit komischem Effekt ein ganzes Stück weit oberhalb seiner Latschen, die mit schwarzem Isolierband an den Füßen befestigt waren. Sechs von den Teufeln hatten sich auf dem Rasen eines Pseudo-Tudorhauses ein Stück weiter die Straße entlang zusammengeschart und drehten sich dem Geräusch zu, das er machte. Der Alte lief schneller, schlug einen Bogen, um sie zu umgehen, aber er schaffte es nicht. Eine dunkle Pilotenbrille verdeckte seine Augen, und in seinem Ohr steckte der Kopfhörer eines Funk-Headsets, in das er berichtete, wie er vorankam. Sprach er tatsächlich mit jemandem? Die Telefone waren tot, sämtliche robusten, zuverlässigen Netze hatten zu bestehen aufgehört, aber vielleicht waren die Behörden ja schon dabei, alles zu reparieren, hatte Mark Spitz, wie er sich erinnerte, gedacht, und der Staat gewann die Kontrolle zurück. Die Obrigkeit packte tatkräftig an. Zwei von ihnen rissen den Alten zu Boden, und dann machten sich alle über ihn her wie Ameisen, die ein chemisches Telegramm über einen Lutscher auf dem Bürgersteig bekommen haben. Der Alte kam einfach nicht mehr hoch. Es ging ganz schnell. Jeder von ihnen packte eine Gliedmaße oder einen geeigneten Angriffspunkt, während der Alte schrie. Sie begannen ihn zu fressen, und sein Geschrei lockte weitere an, die die Straße entlanggewankt kamen. Das passierte auf der ganzen Welt: eine Gruppe von ihnen reagierte gleichzeitig auf Fressen, und ihre Körper drehen sich synchron, in dumpfer Choreographie. Aus dem Gewühl schoss ein dicker Blutfaden hoch und blieb einen Moment lang hängen – so behielt er es in Erinnerung, das sah er, während er sich hinter den Hohlblöcken duckte und zusah. Ein Stück roter Faden, kurz in der Luft stehend, ehe der Wind ihn wegpustete. Sie prügelten sich nicht um den Alten. Jeder bekam ein Stück. Natürlich konnte am anderen Ende der Leitung niemand gewesen sein, weil die Telefone nie wieder funktionierten. Der Alte hatte in die Leere geblafft.

Wenn sie einen erst mal am Boden festgenagelt hatten, war man tot. Dann waren sie nicht mehr daran zu hindern, einem abzureißen, was immer man sich an armseligen Panzer angelegt, worauf auch immer man seine Hoffnungen gesetzt hatte. Sie kriegten einen. Er war in Long Beach im durchdringenden Duft gebratener Muscheln durch feuchtheiße Sommernachmittage geschwebt. Cartoon-Lobster auf dem dünnen Plastiklätzchen, die betäubende Melodie des auf Beute ausgehenden Eiscreme-Wagens. (Ja, die Zeit verlangsamte sich, um den rivalisierenden Fraktionen in ihm Raum zum Rumoren zu geben, dem Dunklen und dem Hellen.) Sie würden Mark Spitz aus seinem Kampfanzug schälen, wie er Fleisch aus Scheren, Schwänzen, Panzern herausgepuhlt hatte. Sie waren eine Legion von Zähnen und Fingern. Er packte das flaumige Haar der Personalerin und riss ihren Kopf, der seiner Nase entgegenrückte, zur Seite. Er hatte keine Hand frei, um sein Messer zu packen, aber er lokalisierte die Stelle im Schädel, wo er es hineingesteckt hätte. Er sah sich nach seiner Pistole um. Sie lag neben seiner Taille. Das Marge lag auf den Knien und schob sich an seinem Arm entlang zu der Lücke zwischen Ärmel und Handschuh. Die Lichtverhältnisse waren so, dass er sein Gesicht in den milchigen, in jener geistlosen Leere fixierten Augen der Personalerin gespiegelt sah. Dann spürte er, wie das vierte Skel ihn am Bein packte, und verlor sich.

Er hatte den verbotenen Gedanken.

Er wachte auf. Er warf die Personalerin von seiner Brust ab, und sie fiel auf das Marge. Mark Spitz packte seine Pistole und schoss sie in die Stirn.

Das vierte versuchte, die Zähne in sein Bein zu schlagen, und wurde vom Stoff des Kampfanzugs daran gehindert. Das Fleisch seines Gesichts war größtenteils weggenagt worden. (Er hatte in jener ersten Woche einen barmherzigen Samariter gesehen, der Wiederbelebungsversuche an einem befallenen Mitbürger machte, sich vorbeugte, um ihn künstlich zu beatmen, und die Nase abgerissen bekam.) Dünne, große Goldcreolen baumelten an den Ohrläppchen des Skels und schlugen klirrend gegeneinander, während es an seinem Körper hinaufkrabbelte, und Mark zielte auf eine Stelle oben am Schädel und erledigte es.

Gary sagte: »Ich hab dich.« Mit dem Fuß stieß er das Marge von ihm herunter und hielt es mit dem Stiefel an der Schulter unten.

Mark Spitz wandte das Gesicht ab, um keine Spritzer abzukriegen, und presste die Lippen zu einem schmalen Spalt zusammen. Er hörte zwei Schüsse. Alle vier waren erledigt.

»Mark Spitz, Mark Spitz«, sagte Gary. »Wir hatten ja keine Ahnung, dass du auf ältere Damen stehst.«

Sie fingen an, ihn Mark Spitz zu nennen, als sie nach dem Vorfall auf der I-95 endlich ins Camp zurückgefunden hatten. Der Name blieb hängen. Machte ja auch nichts. Sich gekränkt zu fühlen war ein Luxus, wie Shampoo und Zuneigung.

Er wälzte sich von den Körpern weg in Richtung Aktenvernichter und versuchte, zu Atem zu kommen. Er würgte, Schweiß stand ihm auf der Stirn. Der Fuß des gesichtslosen Skels wischte hin und her wie der Schwanz eines Tiers, das im Zoo auf Beton döst. Dann, am Ende einer Doppelbewegung, hielt er an und rührte sich nicht mehr.

»Danke«, sagte Mark Spitz.

»Masel tov«, sagte Gary.

In den letzten Wochen hatte Gary angefangen, das Vokabular der polyglotten Stadt zu verwenden, wie es über die Populärkultur vermittelt worden war: die eponymen Sitcoms jüdischer Comedians; den dominikanischen Gangsterfilm im Bezahlfernsehen; die Rattattatt-Verse totemischer Hiphop-Singles. Er verstand die Bedeutung nicht immer richtig, aber den Vortrag hatte er voll drauf, und die korrekte Intonation verfestigte sich durch beständige Erprobung.

Nach dem Gefecht zog sich Garys Körper in die gewohnte Vogelscheuchenhaltung zurück. In der Beherrschung der Kampftechniken war dieser Mann ein Musterbeispiel des neuen zivilen Rekruten, der sich den korrekten Umgang mit Sturmgewehr und Kampfmesser mühelos einprägte und dann umsetzte, wobei er seine mitgebrachten Überlebensfertigkeiten in Crashkursen mit überliefertem militärischem Wissen kombinierte. Mark Spitz hatte Glück, dass er in seiner Einheit diente. Aber er sah einfach fürchterlich aus. Jeden Morgen beim Aufwachen verwunderte sich Mark Spitz aufs Neue darüber, dass sein Kamerad kaum in besserer Verfassung war als die Kreaturen, die zu beseitigen ihr Auftrag war. (Diejenigen, denen Körperteile fehlten, natürlich nicht mitgerechnet.) Gary hatte einen Teint wie Granit, graue und narbige Haut. Mark Spitz konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass irgendetwas Übles tief in Garys Knochen saß, nicht katalogisiert und nicht zu diagnostizieren. Seine Augenhöhlen waren ständig rußverschmiert, seine Wangen ausgehöhlt. Seine bevorzugte Gangart war ein kontrolliertes Schlurfen, mit dem er um Ecken und durch Zimmer latschte, der letzte Junkie der Welt. Wie alle anderen hatte er in den letzten Jahren viele Mahlzeiten ausgelassen, doch bei ihm nahm man den Gewichtsverlust nicht als Folge eines Mangels, sondern als schleichende, unterschwellige Auszehrung wahr. Von dieser Theorie wurde Mark Spitz abgebracht, als Gary ihm ein an seinem sechsten Geburtstag aufgenommenes Foto zeigte, auf dem ebendieses abstoßende Äußere bereits zu erkennen war.

Welche Krankheit auch immer vorlag, ob biologischer oder metaphysischer Natur, ihr Ausfluss wurde an den Händen abgesondert, genauer gesagt den Fingernägeln, die scheinbar aus Dreck bestanden. Als hätte er sich aus einem Sarg herausgekrallt. In ihrer ersten Woche in Fort Wonton hatte es einen gewissen Sergeant Weller gegeben, der Gary wegen des schändlichen Zustands seiner Fingernägel herunterputzte, Vorschriften über militärisches Auftreten aus der Zeit vor der Seuche zitierte und drohte, mit ihm »Schlitten zu fahren«, wenn er sich nicht am Riemen riss, aber Weller bekam bei einem Aufklärungsunternehmen in einem Bahnhof in Newark den Kehlkopf herausgerissen, und damit war die Sache erledigt. Freiwillige aufgrund überholter Normen zu schikanieren zählte nicht zu den Prioritäten der anderen Offiziere. Gary für sein Teil verstand die ganze Aufregung nicht. Bevor die Welt zusammengebrochen war, hatte er die Schule geschmissen, um zusammen mit seinen Brüdern ganztags in der Autowerkstatt seines Vaters herumzuschrauben, und er blieb bei dieser Erklärung für sein Äußeres, obwohl er seit Jahren nicht mehr an einem Auto oder Lastwagen gearbeitet hatte. Was Mark Spitz zu der Ansicht brachte, dass das, was sie da sahen, der ursprüngliche Dreck war, der Urdreck aus Garys Jugend, bewahrt als Andenken an zu Hause. Es war das, was er von der Vergangenheit abgekratzt hatte und mit sich herumtrug.

Gary stupste das Marge mit seinem Gewehr an. »Keiner hat mir gesagt, dass heute Casual Friday ist«, sagte er. Ob man nun der Meinung war, dass Gary schlechter aussah als das übliche, von der Seuche geschrumpelte Skel, es stand außer Frage, dass er schlechtere Manieren hatte.

Kaitlyn tauchte auf, kam vom Flur hereingerannt, bremste dann ab und schüttelte den Kopf, während sie die Schweinerei erfasste. Sie fragte Mark Spitz, ob bei ihm alles in Ordnung sei, und ließ den Blick durch das Büro gehen. »Vier Stück, aber fünf Schreibtische«, sagte sie. Sie tappte zur Abstellkammer hinüber. Jede darin festsitzende Kreatur hätte angesichts des Tumults längst Lärm gemacht, aber Kaitlyn war eine Pedantin. Nach ihren Erzählungen zu urteilen, war sie vor der Katastrophe eine Streberin gewesen, und Mark Spitz hatte miterlebt, wie sie in den Geburtswehen des Wiederaufbaus ein Streber-Kontinuum aufrechterhielt, mit dem Daumen die Verbotskärtchen blankrieb und die von Tippfehlern wimmelnden Handbücher aus Buffalo mit einem gelben Textmarker durcharbeitete. Falls sie überlebte, würde sie fraglos auch in der kommenden, wiedergeborenen Welt, der sie entgegenkrochen, eine Streberin sein, würde pünktlich ihre Rechnungen bezahlen, sobald es wieder Waren, elementare Dienstleistungen und ein Lastschriftverfahren gab, würde sich als erste anstellen, um ihr Kreuzchen zu machen, wenn nicht gar als Wahlhelferin fungieren, sobald man sich den Luxus der Demokratie wieder leisten konnte. Wegen ihrer Beständigkeit hatte der Lieutenant ihr das Kommando über Einheit Omega gegeben, obwohl das angesichts seiner beiden anderen Alternativen keine besonders visionäre Entscheidung war.

Sie murmelte leise »Lagebericht, Lagebericht«, während sie die Tür öffnete. In der Abstellkammer harrten Kartons und Stapel von Haftnotizblöcken, Steuerformularen und unverständlichen Krankenversicherungsunterlagen des üblichen Geschäftsgangs. Kein losstürzender Widersacher wartete zwischen den Papptellern und Styroporbechern, die hier für die jämmerlichen Bürogeburtstagsfeiern und Abschiede gebunkert waren. Kaitlyn setzte sich auf die Kante eines Schreibtischs. Sie bedachte die Leichen mit einer Grimasse, erschüttert von ihrer Zahl und der Erinnerung daran, dass sie ihre Einheit vom vorgeschriebenen Verfahren hatte abweichen lassen. »Hab mir gleich gedacht, dass es zu ruhig ist«, sagte sie.

Die Besitzerin des Schreibtischs hatte eine Diät-Cola getrunken und einen Bestseller gelesen, einen Liebesroman/Krimi, an den sich Mark Spitz von Anzeigen in Bussen erinnerte. Welches war es gewesen, spekulierte er: das ohne Gesicht da drüben? Er korrigierte sich. Es gab fünf Schreibtische und vier Leichen. Eins von ihnen hatte es nach draußen geschafft. Nicht jeder kam um. Vielleicht verrichtete die Besitzerin des Schreibtischs in ebendiesem Moment in einem der Siedlungscamps, Happy Acres oder Sunny Days, irgendwelche Hausarbeiten, füllte in einem der chemischen Klos Toilettenpapier nach, sortierte eingedellte Konservendosen mit Gemüse aus den Vorratskammern aus und trank, was immer die Kundschafter-Teams an regionaler Lieblings-Diät-Cola abgestaubt hatten. Der schwachsinnige Slogan fiel ihm ein – »Wir schaffen das Morgen!« –, und er zuckte zusammen, als er sich vorstellte, wie die Verwaltungsassistentin des Lagers die Buttons verteilte, die dann gehorsam an gesammelte, eine Nummer zu große oder zu kleine Kleidungsstücke angepinnt wurden. Widerstehen. Er musste diesen ganzen Mist aus dem Kopf kriegen, sonst würde es übel für ihn ausgehen. Zur Unterstützung dieses Arguments taxierte er bedrückt die Leichen auf dem Boden.

»Wir sind gerade noch rechtzeitig gekommen.« Gary zündete sich eine Zigarette an. Am Vortag hatte er aus einer Kneipe eine Stange gesponserte Zigaretten geborgen und seine Sache bislang ganz gut gemacht. Es handelte sich um eine preisgünstige Marke, für die seit dreißig Jahren keine Reklame mehr gemacht wurde; es reichte, dass Eltern und Großeltern ihren Rauch in Kinderbettchen geblasen hatten, und der scharfe Geruch und die kirschrote Packung prägten sich früh ein und erinnerten ihre Aficionados Jahre später an glücklichere, weniger komplizierte Zeiten. »Hat ihn schon auf dem Boden gehabt und wollte ihm gerade an die Nase«, fügte Gary hinzu, in dem Tonfall, den er für Berichte über besonders abenteuerliche oder grausige Arten, wie er Menschen hatte verscheiden sehen – auf diesem Gebiet war er der reinste Almanach –, oder für die Verhöhnung von Mark Spitz’ sogenannter Überlebenstaktik reserviert hatte. Trotz ihrer Freundschaft hatte der Mechaniker keinerlei Scheu, seine Verblüffung darüber kundzutun, dass Mark Spitz nicht schon in der ersten Woche draufgegangen war, als die großen Scharen Anpassungsunfähiger – zu schlecht gerüstet, um mit der Neuausrichtung des Universums zurechtzukommen – ausgelöscht oder infiziert worden waren.

Gary empfand nicht viel Mitleid mit den Toten alias »Spießern«, »Blödmännern« und »Trotteln«. Die meisten Überlebenden gaben, wenn sie das Wort »tot« verwendeten, dem Zuhörer mittels Betonung und Kontext zu verstehen, ob sie von denen sprachen, die bei der Katastrophe ums Leben gekommen, oder denen, die in Träger der Seuche verwandelt worden waren. Gary machte keinen solchen Unterschied; mit wenigen Ausnahmen waren sie gleichermaßen verabscheuungswürdig. Die Toten hatten ihre Hypotheken pünktlich bedient und die gründlich beworbenen Frühstücksflocken auf den Tisch gestellt, wenn der Nachwuchs im feuersicheren Schlafanzug aus dem Bett sprang. Die Toten hatten mit einer bewundernswerten Durchschnittsnote Examen gemacht, hatten ihre steuerbegünstigten Rentenplanzahlungen gemäß der Weisheit ihrer toten Finanzberater umsichtig gestreut und die Grenzen der guten Schulbezirke im Geist auf Karten ihrer jeweiligen Viertel projiziert, die häufig mit auf der langen Liste standen, wenn Zeitschriften ein Ranking von Städten mit der besten Lebensqualität vornahmen. Kurzum, sie waren von der untergegangenen Welt so gründlich ausgebildet und feingeschliffen worden, dass sie in der neuen zum Untergang verurteilt waren. Gary berührte das nicht. Aus den Schilderungen des Mannes von seinem Vorleben ergab sich für Mark Spitz das Porträt eines von den Zeichen und Systemen bürgerlichen Lebens verwirrten und ausgeschlossenen Außenseiters. Dann kam die Letzte Nacht, die sie alle verwandelte. Bei Gary traten verborgene Talente zutage. Er bildete sich einiges darauf ein, wie mühelos er die neuen Regeln begriffen und gemeistert hatte, als hätte er sein Leben lang auf den Anbeginn der Hölle gewartet. Mark Spitz’ Gabe, in letzter Minute und auf die unwahrscheinlichste Weise davonzukommen, empfand er als persönliche Kränkung.

»Ich habe mich ablenken lassen«, sagte Mark Spitz. Er empfand nicht das Bedürfnis, mehr zu seiner Verteidigung vorzubringen. Er gab sich seine übliche Zwei. Wäre er mit den Angreifern fertiggeworden, wenn Gary nicht rechtzeitig gekommen wäre? Natürlich. Das tat er immer.

Mark Spitz glaubte, dass er Gedanken an die Zukunft erfolgreich verbannt hatte. Er war nicht wie die anderen Angehörigen der Sweepertrupps, wie die Soldaten im Norden der Insel oder die ausgezehrten Sippen in den Camps und Höhlen, all die weit verstreuten Überbleibsel hinter ihren Barrikaden, wo auch immer Leute kämpften und auf Sieg oder Vergessenheit warteten. Der an den Seiten der Welt haftende, schwache Menschheitsrückstand. Niemals hörte man Mark Spitz »Wenn das alles vorbei ist« oder »Sobald sich alles wieder normalisiert hat« oder andere Äußerungen dieser Art von sich geben. Wenn alles erledigt war, tatsächlich und endgültig erledigt, konnte man darüber reden, was man vorhatte. Nachsehen, ob das Haus, in dem man gewohnt hatte, noch stand, ein paar Runden »Wie viele Nachbarn es wohl geschafft haben« spielen. Sich darüber klar werden, wieviel vom eigenen Vorleben noch da war und wieviel man verloren hatte. Eines hatte er gelernt: Wenn man sich nicht darauf konzentrierte, wie man die nächsten fünf Minuten überlebte, dann überlebte man sie auch nicht. Die jüngsten Kursänderungen der Kampagne hatten ihn nicht auf Optimismus umschwenken lassen, sowenig wie die T-Shirts, die Buttons und das neueste vielversprechende System, das Buffalo geschickt hatte. Er schalt sich dafür, dass er, wenn auch nur ganz kurz, einer Träumerei erlegen war. Dieser ganze Phönie-Quatsch hatte ihm den Verstand vernebelt. Doch die Ruhe von Duane Street 135 und eine Vorstellung davon, was werden könnte, hatten ihn einen Fehler begehen lassen.

»Dieser Mann lässt sich ablenken«, nölte Gary.

Kaitlyns Standardvorgehensweise verlangte von ihr, die Hänseleien und Kabbeleien der beiden zu ignorieren. Sie kam zu Mark Spitz herüber und musterte ihn. Sie kniete sich hin und stupste sanft gegen die Unterseite seines Kiefers, die immer noch pochte. Er schüttelte ihre Hand ab. Sie sagte ihm, er solle das seinlassen. Er hatte gezittert; er hörte damit auf, sobald sie ihn berührte. Ihre Finger versetzten ihn zurück zu Missgeschicken auf dem Spielplatz – ein Sturz von einer Schaukel, ein verunglückter Sprung von einer Wippe –, bei denen die Lehrerin herbeigeeilt kam, um den Schaden zu untersuchen und sicherzugehen, dass die Schule nicht verklagt wurde. Lehrerinnen – was hatte ihn darauf gebracht? Das Skel auf dem Boden, das Miss Alcott ähnelte. Er holte tief Luft und richtete seine Aufmerksamkeit auf einen dunklen Klotz unterhalb des Fensters: ein Gebäude, das gesäubert worden war oder noch gesäubert werden musste, voller Gestalten, die sich im Dunkeln bewegten oder eben nicht bewegten. Dieses unentwegte Entweder-oder. Kaitlyn untersuchte seine Haut auf Verletzungen. Er wartete.

Schließlich nickte sie und griff in ihre Brusttasche, um ein Pflaster hervorzuholen. Ein winziger Kratzer würde der Seuche keine Einfallspforte liefern, aber die Verhältnisse in der Zone gaben Kaitlyn einen Freibrief dafür, sich über die alten Feld-Wald-und-Wiesen-Keime und -Infektionen zu sorgen. Auf dem Heftpflaster grinste manisch das vertraute Gesicht des populären Cartoon-Gürteltiers. »So.«

Gary öffnete die Jalousien etwas weiter, und graue Teilchen wirbelten durch die Luft. Der Pulverrauch war Parfüm, das den Gestank der Toten überdeckte, und die verträumt in der Luft schwebende Schicht beruhigte Mark Spitz. Diese Aspekte des Alltäglichen, die schlichte Physik der Welt, bedeuteten stets, dass das jüngste Gefecht vorbei war. Bis zum nächsten Ausbruch war man sicher.

»Kein Anzeichen dafür, dass sie hier drin waren?«, fragte Kaitlyn.

Eine Sekunde lang zweifelte er an sich, dann verneinte er. Er hatte sich dumm angestellt und sich Tagträumen hingegeben, aber so nachlässig war er nicht gewesen. Man wurde selten von einer Gruppe von ihnen überrascht, die so eingepfercht war – ein vor die Tür eines Besprechungszimmers geschobener Verhau aus Aktenschränken oder ein vor die Küchentür genagelter, kaputter Tisch waren eine Warnung. Kleinigkeiten wie diese. Heutzutage war eine Barrikade wie ein Willkommensgruß: man wusste, was für ein Empfang einem bevorstand. Es war keine Barriere dagewesen.

Er stieg über das Marge hinweg und untersuchte das Schloss. Er hatte nicht bemerkt, dass es zertrümmert war, als er die Tür eingetreten hatte. Irgendein schneller Denker hatte es kaputtgemacht, nachdem er die vier eingeschlossen hatte. Die Toten konnten einen Türknauf drehen, einen Lichtschalter betätigen – die Seuche löschte nicht das Muskelgedächtnis. Die Kognition allerdings war ausgeschaltet, sobald die Seuche die Daten des Ich überschrieben hatte.

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