Logo weiterlesen.de
Zoe und der mächtige Tycoon

Brief

file not found: Brief.jpg

Stammbaum

file not found: Stammbaum.jpg

Kate Hewitt

Zoe und der mächtige Tycoon

1. KAPITEL

Max Monroe blickte aus dem Fenster der Arztpraxis in der Park Avenue auf die leuchtenden Kirschblüten, die wie pinkfarbene Schneeflocken aussahen. Er blinzelte und zwinkerte ein paar Mal, weil sie vor seinen Augen zu einer gleichförmigen Masse verschmolzen. Bildete er sich das nur ein? Oder befürchtete er es?

Abrupt wandte er sich dem Arzt zu und wünschte, dieser würde sein Mitgefühl nicht so deutlich zeigen. Als Max sprach, klang seine Stimme gelassen und kühl. „Also, über welchen Zeitraum reden wir hier? Ein Jahr? Sechs Monate?“

„Schwer zu sagen.“ Dr. Ayers sah auf die Krankenakte in seiner Hand, die den Verlauf von Max’ allmählicher Erblindung in knappen, medizinischen Sätzen dokumentierte. „Der temporäre Verlauf ist im Voraus schwer zu berechnen, da es sich um einen schleichenden Prozess handelt. Wie Sie ja wissen, unterscheidet man zwischen der juvenilen Variante und der Erkrankung im fortgeschrittenen Alter. Beides trifft auf Sie nicht zu. In Ihrem Fall wurde der kontinuierliche Verlust an Sehkraft erst vor Kurzem diagnostiziert.“

Dr. Ayers zuckte wie entschuldigend mit den Schultern. „Meist fängt es damit an, dass man seine Umgebung verschwommen sieht. Später ist das Gesichtsfeld eingeschränkt, einzelne Objekte lassen sich nur noch schwer fokussieren, dann können gelegentliche Blackouts auftreten. Oder …“

„Oder?“

Der Arzt hob den Blick. „Es kann auch sehr viel schneller gehen“, bekannte er offen. „Möglicherweise verlieren Sie bereits in den nächsten Wochen Ihre Sehfähigkeit nahezu komplett.“

„Wochen …“, wiederholte Max tonlos das schicksalsträchtige Wort und schaute noch einmal hinaus zu den Kirschbäumen, die sich gerade in voller Pracht präsentierten. Vielleicht würde er gar nicht mehr sehen, wie sich die Blüten an den Rändern bräunlich verfärbten und kräuselten, bevor sie langsam und kraftlos zu Boden schwebten.

Wochen!

„Max, ich …“

Rasch hob er die Hand, um etwaige Anteilnahme abzuwehren. Er wollte nicht hören, wie betroffen sein Arzt war und wie wenig er selbst dieses Schicksal verdiene. Das waren alles nur höfliche, aber nutzlose Worthülsen.

„Bitte nicht“, sagte er ruhig und spürte befremdet, wie eng sich sein Hals plötzlich anfühlte.

„Ihr Fall ist eine absolute Ausnahme. Makuladystrophie als Folge eines schweren Kopftraumas nach einem Unfall war mir bisher nicht bekannt. Das Trauma scheint jedoch den Verlauf der Krankheit erheblich zu beschleunigen. Aber viele Betroffene führen auch mit einer gewissen Sehbehinderung ein durchaus aktives Leben …“

„Während andere allmählich ihr Augenlicht verlieren, bis sie nahezu blind sind“, ergänzte Max ausdruckslos. Auch er hatte gründlich recherchiert, seit die ersten schwarzen Flecken aufgetaucht waren und sein Sehvermögen beeinträchtigten. Wie lange war es her, dass er mühelos hatte sehen und lesen können?

Erst drei Wochen … und doch eine kleine Ewigkeit.

Dr. Ayers seufzte. „Ohne Augenlicht zu leben, bedeutet eine große Herausforderung.“

Max lachte hart auf. Eine Herausforderung?

Mit Herausforderungen konnte er leben, sie waren quasi sein tägliches Brot. Aber Blindheit bedeutete Vernichtung, Zerstörung … absolute Dunkelheit, wie sie ihn schon einmal umfangen gehalten hatte, als die Furcht ihn überwältigt hatte. Ihre Schreie gellten immer noch in seinen Ohren.

Mit aller Macht drängte er die qualvollen Erinnerungen zurück, die ihn zu erdrücken drohten. Das Verlangen, sich einfach in das schwarze Loch hineinfallen zu lassen, war fast übermächtig, doch dann wäre ihm der Weg zurück für immer versperrt.

„Ich könnte Ihnen die Adressen von verschiedenen Selbsthilfegruppen …“, begann Dr. Ayers.

„Nein!“ Max ignorierte die angebotene Broschüre und zwang sich, dem Blick des Arztes zu begegnen. Das gelang ihm nur, indem er den Kopf neigte, bis Dr. Ayers Gesicht in dem Teil seines Blickfelds erschien, in dem er die größte Sehkraft besaß. Dabei blinzelte er, als würde das helfen.

Doch es blieb dabei: Die Welt entzog sich ihm zunehmend. Konturen wurden weicher. Was er sah, wirkte wie alte, verblasste Fotos, deren schwarzer Rahmen immer breiter wurde und über deren Motiv helle Blitze und dunkle Schatten liefen.

Wie würde es sein, wenn er gar nichts mehr sah? Ob ihm die prallen pinkfarbenen Kirschblüten auch nur als vergilbtes Erinnerungsfoto im Gedächtnis bleiben würden? Schaffte er es, mit der unendlichen Dunkelheit um ihn herum zu leben?

Max schüttelte den Kopf, um sowohl Dr. Ayers Angebot als auch die quälenden Gedanken abzuwehren. „Ich bin an derlei Hilfen nicht interessiert. Ich finde meinen eigenen Weg.“

„Ich rede nicht von gefühlsduseligen Gruppentreffen, die …“

„Ich weiß“, schnitt Max ihm das Wort ab. Er hatte Dr. Ayers bewusst ausgesucht, weil dieser Militärarzt gewesen war – allerdings bei der Armee und nicht bei der Luftwaffe. Aktiv hatte er jedoch nie einen Kriegseinsatz miterlebt.

„Ich weiß“, wiederholte er und zwang sich zu einem nichtssagenden Lächeln. „Vielen Dank.“ Langsam erhob er sich vom Stuhl und biss die Zähne zusammen. Seine Beine schmerzten höllisch, und in seinem Schädel hämmerte es wie verrückt. Sekundenlang war ihm schwindelig, sodass er die Hand ausstreckte, um sich auf der Schreibtischkante abzustützen. Doch er verfehlte sie, taumelte, während seine Hand hilflos durch die Luft fuhr, und fluchte laut.

„Max …“, sagte der Arzt.

„Es geht mir gut.“ Hoch aufgerichtet stand er vor dem Arzt, die dunklen Augen kalt und hart. Die lange Narbe, die sein markantes Gesicht zu halbieren schien, reichte von der Innenseite der rechten Braue entlang der Nase bis zum Mundwinkel. Plötzlich spürte er sie ganz deutlich und erinnerte sich erneut an den namenlosen Schmerz …

„Danke“, wiederholte Max noch einmal und verließ mit vorsichtig tastenden Schritten die Arztpraxis.

Draußen, vor dem Fenster, segelte ein einzelnes Kirschblütenblatt lautlos zu Boden.

Zoe Balfour händigte der Frau an der Garderobe ihre Stola aus – einen Hauch von Seide, bestickt mit schillernden Motiven jeder Couleur. Dann lockerte sie mit den Fingern ihre kunstvoll zerzausten blonden Locken und warf sie über die Schultern zurück.

Einen Moment posierte sie im Eingang des schicken Lofts und wartete darauf, dass alle sich zu ihr umdrehten. Sie brauchte diesen inszenierten Auftritt und verlangte geradezu schamlos nach Anerkennung und Bewunderung, die bisher so etwas wie ihr Lebenselixier gewesen waren.

Endlich wollte sie sich wieder so stark, sicher und unanfechtbar fühlen wie vor drei Wochen, als die Klatschpresse den Familienskandal über ihre illegitime Geburt noch nicht bis ins Kleinste ausgeschlachtet und in der ganzen Welt verbreitet hatte.

Damit stürzte ihre heile Welt in sich zusammen, und Zoe wusste plötzlich nicht mehr, wer sie selbst war.

Noch einmal holte sie tief Luft und betrat Sohos neueste Kunstgalerie. Sie nahm sich ein Glas Champagner von einem bereitstehenden Silbertablett und gönnte sich einen herzhaften Schluck. Das kostspielige Getränk prickelte animierend auf der Zunge.

Jetzt sah und spürte Zoe, wie zahlreiche Gäste der Vernissage die Köpfe in ihre Richtung wandten. Aber sie hatte nicht die leiseste Ahnung, aus welchem Grund sie es taten. Einfach nur, weil eine höchst attraktive Frau den Ausstellungsraum betreten hatte? Oder weil sie wussten, wer sie war – beziehungsweise nicht war?

Zoe trank noch einen Schluck Champagner, in der stummen Hoffnung, der Alkohol könnte die dumpfe Verzweiflung vertreiben, die sich trotz des festen Entschlusses, sich zu amüsieren, in ihrem Innern breitmachte. Ihr Selbstvertrauen war erschüttert. Es war, als stünde sie plötzlich vor einem gähnenden schwarzen Abgrund.

Da waren sie wieder: Furcht und Panik! Ihre treuen Begleiter, mit denen sie sich herumschlug, seit die Presse sie zur Zielscheibe ihrer widerwärtigen Sensationsgier gemacht hatte. Und ihre Panikattacken hatten sich in den letzten drei Tagen noch gesteigert, nachdem sie auf Betreiben ihres Vaters nach New York geflogen war.

Nein, nicht auf Betreiben meines Vaters! verbesserte sie sich in Gedanken. Auf Geheiß des Mannes, der sie großgezogen hatte … Oscar Balfour. Ihr leiblicher Vater lebte hier in New York.

Erst heute Nachmittag hatte sie genügend Mut gefunden, um sich vor dem glänzenden Wolkenkratzer zu postieren, in der Hoffnung, wenigstens einen flüchtigen Blick auf den Mann werfen zu können, der ihr Erzeuger sein sollte.

Anfangs war sie nervös auf- und abgelaufen und hatte über die Zeit verteilt drei Coffee-to-Go getrunken. Doch da er nach zwei Stunden immer noch nicht aufgetaucht war, schlich sie sich wie ein geprügelter Hund zurück ins Balfour-Penthouse in der Park Avenue.

Eigentlich steht es mir gar nicht zu, das Familienluxusapartment zu nutzen, schoss es ihr plötzlich durch den Kopf. Ich bin ja gar keine echte Balfour …

Sechsundzwanzig Jahre lang hatte Zoe in dem komfortablen Gefühl gelebt, eine von Oscar Balfours Töchtern zu sein. Das legitime Mitglied einer der ältesten, reichsten und mächtigsten Familien Englands, wenn nicht sogar Europas! Und dann musste sie auf der Titelseite eines Klatschmagazins lesen, dass nicht ein Tropfen Balfour-Blut in ihren Adern floss.

Sie war ein Nichts. Ein Niemand. Ein Bastard!

„Zoe!“ Der ekstatische Ausruf kam von ihrer Freundin Karen Buongornimo, die die Vernissage organisiert hatte. In einem sehr kleinen Schwarzen, mit schimmerndem dunklen Haar, das wie ein Wasserfall über den Rücken herabfloss, wirkte sie gleichzeitig elegant und aufreizend.

„Du siehst tatsächlich so bezaubernd und umwerfend aus, wie ich es bereits ahnte!“, stellte sie begeistert fest und presste ihre gepuderte Wange gegen Zoes. „Bereit, alle mit deinem Glanz zu blenden?“

„Aber sicher!“ Zoe lächelte, ihre Stimme klang leicht und heiter. „Du kennst mich doch! Wenn ich irgendetwas kann, dann glänzen.“

„Absolut!“ Aufmunternd drückte Karen den Arm der Freundin. Zoes Lächeln wurde noch strahlender, dabei schmerzte ihr Kiefer jetzt schon. Karen hingegen schnitt eine kleine Grimasse.

„Ich muss noch ein paar unvermeidbare Ankündigungen loswerden“, seufzte sie. „Und mich vor allen Dingen bei unseren Sponsoren bedanken. Ganz besonders bei Max Monroe.“ Jetzt rollte sie auch noch mit den Augen.

Zoe hob fragend die Brauen.

„Er gilt als der begehrteste Junggeselle der Stadt, was man ihm angesichts der Leichenbittermiene heute Abend nicht auf den ersten Blick zutrauen würde.“

„Oh!“ Anscheinend bin ich hier nicht die Einzige, die Probleme hat, sich zu amüsieren, dachte Zoe bei sich.

„Schau doch nur, wie er da finster brütend in der Ecke steht, als hinge über seinem Kopf eine schwarze Gewitterwolke. Nicht unbedingt anziehend, oder? Möglicherweise hat er bereits ganz allein eine Magnumflasche Champagner geleert. Trotzdem …“ Karen seufzte elegisch. „Ist er nicht unglaublich sexy, selbst in diesem Zustand? Die Narbe lässt ihn doch nur noch wilder und verwegener erscheinen, was denkst du?“

„Ich befürchte, ich sehe niemanden, auf den deine Beschreibung passt“, versuchte Zoe sich herauszureden.

„Unsinn! Max Monroe kann man unmöglich übersehen! Er ist der Dunkelhaarige dort drüben, der so wirkt, als würde ihn jemand foltern. Vor einigen Monaten hatte er einen schrecklichen Unfall. Seitdem soll er nicht mehr derselbe sein. Was für eine Tragödie! Und was für eine bodenlose Verschwendung!“

Karen zuckte mit einer nackten Schulter, setzte ihr Champagnerglas an die scharlachroten Lippen und leerte es in einem Zug. Dann bedachte sie Zoe mit zwei Luftküssen. „Also los! Zuerst muss ich jedermanns Aufmerksamkeit gewinnen, doch das sollte nicht zu schwer sein!“ Sie zupfte an ihrem schwarzen Designerkleid, bis das leicht gebräunte Dekolleté perfekt zur Geltung kam, und zwinkerte ihrer Freundin zu.

Lächelnd nippte Zoe an ihrem Champagner, während sie verfolgte, wie Karen sich bemühte, die anwesende Gästeschar in ihren Bann zu ziehen.

Normalerweise war das ihre Rolle, doch heute verspürte sie weder die Energie noch den Wunsch, Leute zu bezaubern, zu flirten oder gar zu glänzen. Immer wieder wanderten ihre Gedanken ein paar Wochen zurück.

Skandal um Illegitimität erschüttert Balfour-Dynastie!

Wenn blaues Blut sich als falsch erweist!

Die Zeitungsschlagzeilen hafteten in ihrem Gedächtnis, seit ein als Angestellter getarnter Paparazzo während des Balfour Charity Balls zufällig den Streit ihrer Zwillingsschwestern aufgeschnappt hatte. Olivia und Bella hatten das Geheimnis um die Geburt ihrer jüngeren Schwester in einem fast vergessenen Tagebuch ihrer Mutter aufgespürt. Zoe wünschte, die beiden hätten das verdammte Buch nie geöffnet. Oder dass wenigstens sie selbst die schreckliche Wahrheit wieder vergessen könnte, doch das war unmöglich.

Falsches Blut. Ihr Blut!

Die Scham und der Schmerz waren zu groß, um sie zuzulassen und ertragen zu können. Darum hatte Zoe sich bewusst betäubt, indem sie jede Einladung zu wilden Partys und ausschweifenden Nachtklubbesuchen annahm. Sie kostete die Abende und Nächte bis zur Neige aus, nur um zu vergessen – und sie war kaum noch zu Hause. Und wenn, dann kam sie nicht vor fünf Uhr morgens. Bis es soweit war, erneut auszugehen, schlief sie wie eine Tote.

Für eine Weile hatte es tatsächlich funktioniert. Sie fühlte sich einfach nur noch leer. Oder gar nicht mehr.

Gute vierzehn Tage sah Oscar Balfour sich dieses Treiben an, dann sprach er ein Machtwort. Er warf seine Tochter eigenhändig aus dem Bett und befahl ihr, in seinem Arbeitszimmer zu erscheinen, sobald sie dazu in der Lage sei.

Zoe hatte Oscars Heiligtum aus poliertem Mahagoni, weichem Leder, maskulinem Flair und dem anheimelnden Duft von Pfeifentabak immer geliebt. Um nichts in der Welt wollte sie die Erinnerungen an die Sonntagnachmittage missen, die sie zusammengerollt in Daddys tiefem Ledersessel verbracht hatte. Umgeben von Atlanten und Enzyklopädien, in denen sie Namen exotischer Länder, Pflanzen und Tiere aufstöberte, um mit ihnen ihre Kinderträume zu bevölkern.

Obwohl sie nie eine besonders gute Internatsschülerin gewesen war, genoss Zoe es, in den muffigen, vergilbten Büchern zu schmökern und ihre Familie mit merkwürdigen und absurden kleinen Entdeckungen zu verblüffen, die ihr niemand zugetraut hätte.

Doch als sie an jenem Nachmittag in Oscars Arbeitszimmer erschien, hatte sie keinen Blick für die langen Reihen der in Leder gebundenen Bücher. Blass und übernächtigt lehnte sie in der Tür und betrachtete mit schwimmendem Blick seine ungewohnt ernste Miene.

Er hieß sie mit einem Lächeln willkommen, in dem sich ehrliche Zuneigung und Mitleid mischten. Doch für Zoe fühlte es sich nicht an wie die normale und vertraute Reaktion eines liebenden Vaters, sondern wie das durchaus ehrlich gemeinte Mitgefühl eines Fremden. „Das kann so nicht weitergehen mit dir.“

Ihr Hals wurde eng. „Ich weiß nicht, was …“

„Zoe.“

Das klang schon strenger und erinnerte sie an den Tag, als sie acht Jahre alt gewesen und in eben dieses Zimmer zitiert worden war, weil sie sich mit den Schminksachen ihrer Stiefmutter verschönt hatte. Lidschatten und Lippenstift hatte sie nahezu aufgebraucht und danach unbemerkt das Haus in Richtung Schule verlassen.

„In den letzten vierzehn Tagen warst du jede Nacht unterwegs. Wo oder mit wem, möchte ich lieber gar nicht wissen.“

„Ich bin sechsundzwanzig“, erwiderte Zoe trotzig. „Da kann ich tun, was …“

„Nicht in meinem Haus und nicht mit meinem Geld.“ Oscars Stimme klang unverändert, doch bei seinem Blick schlug sie die Augen nieder und fühlte sich noch viel schlimmer als zuvor. „Ich habe diesen Artikel in dem Schmierblatt gelesen, der dich so erregt hat, aber …“

„Es ist nicht der Artikel.“

„Wie bitte?“

„Es liegt nicht an der Geschichte“, wiederholte Zoe lauter und starrte ihren Vater mit der trotzigen Herausforderung eines Kindes an, das sich unverstanden fühlt. Nur war sie kein Kind mehr, und schon gar nicht seines. „Es ist die Wahrheit, die dahinter steckt.“

Oscar schwieg. Viel zu lange. „Ach, Darling“, murmelte er schließlich, „das ist es, was dich umtreibt? Glaubst du denn, die sogenannte Wahrheit hat irgendeine Bedeutung?“

„Natürlich hat sie das!“ Ihre Stimme schwankte. „Jedenfalls für mich.“

„Lass dir versichern, für mich ändert sie gar nichts“, erwiderte er. „Wenn überhaupt, dann hätte es höchstens damals eine Rolle gespielt, vor deiner Geburt.“

Zoe zuckte zusammen, als hätte er sie geohrfeigt. „Du … du wusstest es?“

„Ich habe es geahnt“, gestand Oscar ruhig. „Deine Mutter und ich hatten zu der Zeit … nun, wir waren nicht sehr glücklich in unserer Ehe.“

„Du wusstest es die ganze Zeit über und hast mir nichts gesagt?“ Ungläubig schüttelte sie den Kopf und konnte ihre Zornestränen kaum noch zurückhalten.

„Warum hätte ich dich damit belasten sollen, Kind? Du bist … und du warst immer meine Tochter, in jeder Beziehung.“

Unfähig, ihre Emotionen und den Aufruhr in ihrem Innern in Worte zu fassen, schüttelte Zoe weiter den Kopf. Wie sollte sie ihrem Vater nur klarmachen, dass sich für sie alles geändert hatte? Sie war keine Balfour. Sie gehörte nicht länger zur Familie.

„Ich weiß, es ist momentan schwierig für dich“, fuhr Oscar ruhig fort. Seine dumpfe Stimme zeugte von seinen eigenen Sorgen, die der öffentlich diskutierte Familienskandal ihm bescherte. „Innerhalb nur weniger Monate musstest du deine Stiefmutter betrauern und nebenbei verdauen, dass du noch eine Schwester hast.“

„Mia ist nicht mit mir blutsverwandt.“ Es schmerzte Zoe, das zu sagen. Erst vor wenigen Wochen hatte Oscar ihr und ihren Schwestern eröffnet, dass er kurz vor der Heirat mit seiner dritten Frau Lillian eine Affäre gehabt hatte, der eine Tochter entsprungen war. Doch während Mia erfahren hatte, dass sie eigentlich eine Balfour war, musste Zoe sich damit abfinden, dass sie keine war. Die Ironie der fast zeitgleichen Erkenntnisse hinterließ einen bitteren Geschmack im Mund.

„Hier geht es nicht um Blut“, sagte Oscar bestimmt. „Es gab in meinem Leben viele Brüche und Fehler, Zoe. Aber du weißt hoffentlich, dass ich dich immer geliebt habe und dir ein guter Vater sein wollte – wie all meinen Töchtern.“

„Ich bin aber keine Balfour“, beharrte sie störrisch.

Oscar seufzte. „Verstehe …“ Er klang enttäuscht. „Es geht also nur um den Namen. Machst du dir etwa Sorgen darum, wie sich die Menschen dir gegenüber zukünftig verhalten? Hast du Angst, von ihnen verurteilt zu werden?“

Heiße Röte bedeckte Zoes Wangen. „Und wenn es so wäre? Dein Foto prangt ja auch nicht auf der Titelseite jedes Klatschmagazins!“

„Da bist du offensichtlich nicht auf dem neuesten Stand. Sowohl deine Schwestern wie auch ich teilen dein Los, Darling. Meine Fehler werden in die ganze Welt hinausposaunt, und ich muss mich täglich dazu motivieren, den Kopf trotzdem stolz erhoben zu tragen. Ich hoffe, genau das tust auch du. Denn weder ein Name noch das Blut, das durch deine Adern fließt, ändern irgendetwas daran, wer du bist.“

Darauf sagte Zoe nichts, doch hinter ihrer Stirn arbeitete es.

Unwillkommene Erinnerungen aus der Vergangenheit tauchten auf. Schon als Kind hatte sie sich immer anders und nicht dazugehörig gefühlt. Anfangs dachte sie, es läge daran, dass Bella und Olivia Zwillinge waren und deshalb ein Band zwischen sich spürten, das niemand zerreißen konnte.

Oder dass es daran lag, dass sie als einzige von ihnen keine Erinnerungen an ihre Mutter hatte, da Alexandra bei ihrer Geburt gestorben war.

Bei ihrer Geburt …

Olivia und Bella hatten sich. Emily gehörte zu Lillian, die von allen bis zu ihrem viel zu frühen Tod heiß geliebt worden war. Und Kat, Sophie und Annie hatten ihre Mutter Tilly.

Sie gehörte zu niemandem. Und nun wusste Zoe auch endlich, warum sie sich immer anders gefühlt hatte. Es war nicht einfach nur ein Gefühl, sondern die nackte, kalte Wahrheit.

„Ich möchte, dass du nach New York gehst“, riss Oscars Stimme sie aus ihren trüben Gedanken. Er holte eine Lederbrieftasche aus der Schreibtischschublade, die ein Erster-Klasse-Flugticket enthielt. „Du kannst im Balfour-Penthouse wohnen, solange du willst“, fügte er freundlich hinzu.

Zoe nahm die Brieftasche an sich. Ihre Nägel gruben sich in das weiche Leder, während sie um Fassung rang. „Warum willst du, dass ich nach New York fliege?“, fragte sie tonlos und hörte sogar selbst die unausgesprochene Frage, die dahinter stand.

Warum willst du mich loswerden?

Oscar seufzte erneut und fuhr sich mit der Hand über die Augen. „Nach Olivias und Bellas offen ausgetragenem Streit habe ich mir das Tagebuch deiner Mutter noch einmal selbst vorgenommen. Und was ich da gelesen habe, Zoe, vermittelt mir einen ziemlich genauen Eindruck darüber, wer dein biologischer Vater …“

„Du weißt es?“, stieß sie heiser hervor. „Du kennst seinen Namen? Wer ist es?“

Mit dem Kinn wies Oscar in Richtung der Brieftasche. „Die Details stehen alle dort drin. Er lebt in New York. Ich hoffe aufrichtig, dass es dir hilft, ihn zu sehen … und möglicherweise sogar näher kennenzulernen.“

Er machte eine Pause und bedachte seine Tochter mit einem liebevollen Blick, der nicht frei von Sorge war. „Du bist stärker als du denkst, Zoe.“

Gefühlt hatte sie sich seitdem allerdings kein bisschen stark, sondern geradezu erbärmlich schwach. Zu elend, um den Mann zu treffen, für den sie nach Amerika geflogen war. Zu waidwund und ängstlich, um sich auch nur mit den Gästen der Vernissage zu unterhalten oder womöglich zu flirten.

Max ließ seinen Blick über die plaudernde Gästeschar in der Kunstgalerie schweifen – für ihn eine homogene Masse heller, verschwommener Schatten. Hatte sich sein Sehvermögen in den paar Stunden nach Verlassen der Praxis bereits derart verschlechtert, oder war es nur eine psychosomatische Reaktion auf die schockierende Diagnose von Dr. Ayers?

Wäre es eine reine Willenssache, würde er jedenfalls alles um sich herum glasklar sehen. Nichts wünschte er sich mehr.

Lässig gegen den rohen Stahlträger des stylischen Lofts gelehnt, wirkte er in seiner Bewegungslosigkeit selbst wie eine extravagante Skulptur.

Er hatte heute Abend nicht herkommen wollen. Dass er trotzdem hier stand, lag einzig und allein daran, dass seine Firma Monroe Consulting eine erhebliche Summe in diese Ausstellung gesteckt hatte. Nach seiner Ankunft im Loft war er in Ruhe die Wände entlang geschritten und hatte die Bilder begutachtet. Dabei bezweifelte er insgeheim, dass es eine gute Idee gewesen war, eine viertel Million Dollar in etwas zu investieren, das er ohne zu zögern als beeindruckend talentfreie Kunst bezeichnen würde. Doch seine Meinung zählte in diesem Metier nicht viel.

Jemand aus seinem Vorstand hatte die Entscheidung bereits vor Monaten getroffen, und er hatte sie unbesehen unterschrieben, da ihn das Thema nicht besonders interessierte. Bisher war er immer viel zu beschäftigt damit gewesen, seine Firma zu leiten, den eigenen Jet zu fliegen und nach der nächsten Schönheit Ausschau zu halten, die sich für eine Zeit an seinem Arm ablichten lassen durfte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Zoe und der mächtige Tycoon" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen