Logo weiterlesen.de
Zitronenfalter im Dixiklo

Inhaltsverzeichnis

Kurz davor

Erster Abschnitt: Alles Asche

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Zweiter Abschnitt: Explosiver Tapetenwechsel

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Dritter Abschnitt: Ausflug zu Airbus

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Vierter Abschnitt: Wladimir lässt grüßen

Kapitel 14

Kapitel 15

Fünfter Abschnitt: Anners geiht dat nich?

Kapitel 16

Kapitel 17

Sechster Abschnitt: Unterwasser

Kapitel 18

Kapitel 19

Siebter Abschnitt: Ganz schnell, ganz falsch

Kapitel 20

Kapitel 21

Achter Abschnitt: Endlich Freitag!

Kapitel 22

Kapitel 23

Neunter Abschnitt: Tanz der Zitronenfalter

Kapitel 24

Kapitel 25

Zehnter Abschnitt: Das guckt sich nicht weg!

Kapitel 26

Kapitel 27

Elfter Abschnitt: Rauchmelder? Wieso Rauchmelder?

Kapitel 28

Kapitel 29

Lange danach

Kurz davor

Um sieben Uhr abends saßen wir im Restaurant und genossen das leckere Essen sowie den köstlichen Wein. Fröhlich tauschten wir viele Erinnerungen an die letzten vierzig Jahre aus – wir hatten schließlich nur die wenigen alten Freunde eingeladen, die wir mindestens ebenso lange wie wir uns kannten: Christine und Eberhard – mit ihm habe ich schon als Vierzehnjähriger die Schulbank gedrückt, und die beiden haben sich zwei Jahre später kennengelernt; Birgit und Karl – er wurde mein Sitznachbar, nachdem er als mit Sechzehn aus Süddeutschland nach Hamburg gezogen war; Maren und Johannes, mit dem ich meine ersten Jahre auf dem Gymnasium in Eppendorf verbracht hatte; Theresa, die mit Franziska zusammen in Paderborn und später in Hamburg studiert hatte und schließlich Bettina und Rolf, die wir zwar erst im Berufsleben kennengelernt hatten, seitdem aber eine sehr harmonische Freundschaft pflegten.

Theresa, Bettina und Rolf übernachteten bei uns; die anderen hatten wir mittags in ihrem Hotel in der Nähe der Laeiszhalle abgeholt und uns bald im seichten Mairegen zum Hamburger Rathaus begeben. Nach Besichtigung des prächtigen Innenhofs und des in Erinnerung an die letzte große Choleraepidemie von 1892 gebauten Hygieia-Brunnens flohen wir bei heftigen Schauern in den „Keller“ – den früheren Ratsweinkeller –, der heute auf den sinnigen Namen „Parlament“ hört. Bald wurden bei Kaffee und Kuchen alte Anekdoten ausgegraben und allerlei Erlebnisse von früher erzählt:

„Und dann hat er mir im tiefsten Schottland mit seinem alten Käfer erst mal das Autofahren beigebracht“, berichtete Karl in nahezu verträumter Erinnerung. „Natürlich völliger Murks mit dem Linksverkehr und der Linkssteuerung, weil man praktisch nie überholen konnte. Dafür hat er dann während der Fahrt im rechten Fußraum Spiegeleier auf dem Campingkocher gebraten, weil wir ständig Kohldampf schoben. Und vor größeren Ortschaften war immer Fahrerwechsel angesagt, weil ich doch keinen Führerschein hatte.“

„Auch ohne waghalsige Überholmanöver mit unseren rasanten 34 PS warst Du aber wesentlich flotter unterwegs als Eberhard, der sich nie und nirgendwo schneller als achtzig zu fahren traute“, erinnerte ich. „Und die Sache mit der Eierbraterei war schließlich eine Notmaßnahme, weil es in Schottland ständig geregnet hat und daher draußen der Gaskocher nicht funktioniert hätte.“

„Und vor der Ära mit dem Käfer“, berichtete Karl weiter, „waren wir andauernd mit seiner Kreidler unterwegs. Besonders lustig war die Tour, als uns auf einen verregneten Samstagabend zehn Kilometer vor Plön der Hinterreifen platzte, wir mit ausgebautem Hinterrad nach Plön trampten, sogar noch einen hilfsbereiten Zweiradhändler fanden, der das Teil wieder richtete, und den Rest der Nacht auf Bänken unten am See zu schlafen versuchten. Nur die Harten kommen in den Garten!“

„Klingt etwas ungemütlich, aber allemal harmonischer als der Beginn unserer Freundschaft“, erzählte Johannes. „Wir haben uns in der fünften und sechsten Klasse in den Unterrichtspausen eigentlich ständig auf dem Schulhof geprügelt.“

„Und wie habt Ihr Euch dann bis heute wieder vertragen?“, wollte Eberhard wissen.

„Eigentlich überhaupt nicht. Mit vierzehn zog er ja mit seinen Eltern um, danach haben wir uns aus den Augen verloren. Als wir 24 waren, hatte sich meine damalige Freundin eines Abends mit ihrer Kommilitonin Franziska auf ein Bier in einer Studentenkneipe verabredet. Die Mädels brachten ihre Typen mit – und das waren er und ich. Allerdings hat er mich noch nicht mal wiedererkannt, ich ihn trotz seines roten Rauschebarts aber sofort.“

Kein Wunder, dachte ich, immerhin war aus dem spargeldünnen Johannes der Schulhofprügeltage ein stattliches Mannsbild geworden. „Nun musst Du aber auch noch Teil II der Geschichte erzählen“, forderte ich ihn auf, „denn die Serie unserer Lebenszufälle ist schließlich geradezu unglaublich!“

„Stimmt“, fuhr Johannes fort. „Nach besagtem Kneipenbesuch in gedämpfter Wiedersehensfreude haben wir uns erneut viele Jahre lang nicht gesehen. Irgendwann Mitte der 1980er tauchten Franziska und er auf einer Geburtstagsfeier auf, zu der Maren und ich eingeladen waren. Das Geburtstagskind hatte Maren in einem Nähkurs kennengelernt, nachdem sie mit ihrem Mann von Stuttgart nach Hamburg gezogen waren.“

„Und die kanntet Ihr aus Eurer Stuttgarter Zeit nach dem Studium?“, fragte Theresa.

„Klar“, antwortete Franziska, „schließlich haben die beiden drei Jahre lang über uns gewohnt und wir gemeinsam so manche Radtour unternommen.“

„Schon irre“, meinte Bettina, „erst prügelt man aufeinander ein, dann verliert man sich mit Unterbrechung fast zwanzig Jahre lang aus den Augen und schließlich übt man sich in offensichtlich schönster harmonischer Freundschaft.“

„Ja“, lachte Johannes, „wir haben auf der Geburtstagsfeier beschlossen, dass wir es nun bei den Zufällen bewenden lassen und unsere Freundschaft künftig selbst in die Hände nehmen wollten. Das hat sich nach meiner Einschätzung bis heute ganz gut bewährt“, schloss er nüchtern.

„Zumal Johannes und Maren Ende der neunziger Jahre in dieselbe Straße der westfälischen Kleinstadt gezogen sind, in der ich groß geworden bin“, ergänzte Franziska. „Jedes Mal, wenn wir meine Mutter besuchten, sahen wir auch Maren und Johannes, durften das Heranwachsen ihrer beiden prächtigen Kinder miterleben und an allerlei Familienfeiern teilnehmen.“

Nach der Kaffeepause fuhren wir vom Rathaus mit der U-Bahn zu den Landungsbrücken. Inzwischen war auch die Sonne rausgekommen, und wir konnten nach dem kurvenreichen Aufstieg aus dem Untergrund zum Rödingsmarkt hinter der Station Baumwall herrliche Blicke auf die Speicherstadt, die gerade von ihren letzten Baukränen befreite Elbphilharmonie sowie die beiden Musicaltheater am südlichen Elbufer genießen.

An den St. Pauli Landungsbrücken wuseln am Wochenende praktisch zu jeder Jahreszeit unglaubliche Mengen von Touristen herum, so dass man seine Besucher leicht verlieren kann. Trotzdem gelang es uns, unsere Freunde gemeinsam auf das Oberdeck der Fähre 72 zu bugsieren, die nach wenigen Minuten Fahrt mit Blick auf die immer größer werdende Elbphilharmonie am gleichnamigen Anleger festmachte.

Wir schlenderten am Grasbrookhafen entlang zu den Marco-Polo-Terrassen und von dort noch ein paar Meter nach Norden zu den Magellan-Terrassen. Hier stand seit Ende 2008 ein kleiner kubischer Pavillon, der auch ein Holzmodell des großen Konzertsaals im Maßstab 1:10 beherbergte. Es diente dem weltberühmten Akustiker Yasuhisa Toyota zur Ermittlung der optimalen Beschallung – jeder der 2.100 Besucher sollte auf den „weinbergartig“ angelegten Rängen des Saales wenn schon nicht zwingend dasselbe, dann doch zumindest ein sehr gutes Klangerlebnis haben, eine geradezu unglaubliche Herausforderung.

Im ersten Stockwerk des Pavillons befand sich auch ein kleiner Vortragsraum, der schon gut gefüllt war, so dass wir leider nur mit gereckten Hälsen die Präsentation auf der Leinwand verfolgen konnten. Kaum waren alle Stühle besetzt, wurde die Tür geschlossen und uns die „whole story“ der Elbphilharmonie vorgetragen – beginnend mit der berühmten Papierserviette, auf der Alexander Gérard die erste Skizze der Silhouette gezeichnet hatte, über die schwierige Entscheidungsfindung im Lichte der gleichermaßen großen Begeisterung für das Vorhaben wie zugleich nachhaltiger Bedenken, ob sich das hanseatisch-kühle Hamburg einen derartigen Kunst- und Musentempel überhaupt leisten sollte und könnte, die Klimatisierung der Glaskuppelkonstruktion und die Herstellung und den Einbau der jeweils rund 1,6 Tonnen schweren, teilweise gewölbten und bedruckten Glaselemente selbst bis hin zum Streit über die Statik der Dachkonstruktion, der den Bau eineinhalb Jahre stilllegte. Und selbstverständlich durften auch einige kritische Bemerkungen zu den letztlich mehr als verzehnfachten Baukosten und deren Finanzierung nicht fehlen, die geschickt an den Schluss des Vortrags gestellt wurden, nachdem die Zuhörer begriffen hatten, dass es sich um ein Unikat mit bisher nie dagewesenen technischen Herausforderungen handelte. Letztlich ging es darum, den Gästen zu verdeutlichen, worin die einzigartige Architektur des Gebäudes liegt und wie sich die Elbphilharmonie von anderen Konzerthäusern unterscheidet.

Nach mehr als einer Stunde verließen wir ziemlich beeindruckt den Pavillon und suchten das Lokal auf, in dem wir einen Tisch reserviert und auch schon wieder hinreichend Hunger hatten, um uns auf ein viergängiges Menü zu freuen.

Um halb elf hatten wir auch den Kaffee getrunken und brachen zu Fuß wieder auf. Bis zum Hotel war es eine knappe halbe Stunde, in der Nähe parkte unser Auto, um halb zwölf waren wir mit Theresa, Bettina und Rolf in unserer schönen Wohnung, die sich im grünen Norden Hamburgs befand und die wir in den vergangenen Jahren mit großer Hingabe und noch mehr Zeitaufwand grundlegend renoviert und modernisiert hatten.

Erster Abschnitt: Alles Asche

Kapitel 1

Sasel

Nach knapp drei Stunden Schlaf träumte ich gerade, dass die Bauarbeiter der Elbphilharmonie als Zeitvertreib an ihren Wochenenden eine riesige Rutsche aus ungehobelten Holzbohlen in die Dachkonstruktion gebaut hatten, auf der ich im Rahmen einer Baustellenbesichtigung runterrutschen sollte. Aber die rauen Bretter ließen mich trotz des heftigen Gefälles keinen Zentimeter vorankommen, was bei den Arbeitern, die mit ihren roten Rauschebärten und Stierhörnerhauben wie Wikinger aussahen, lautes, hämisches Gejohle auslöste. Sie selbst setzten sich auf kleine Transportloren und sausten in halsbrecherischer Geschwindigkeit kreischend in die unergründliche Tiefe der insgesamt 26 Geschosse – ob sie irgendwo unversehrt angekommen waren, erschloss sich mir nicht.

Schweißgebadet blinzelte ich in noch fahles erstes Dämmerlicht, als Rolf mich sanft aber bestimmt weckte: „Du musst aufwachen, aus Eurer Badezimmertür schlagen Flammen!“

„Was ist los?“, fragte ich schlaftrunken und, wenig intelligent: „Was für Flammen?“

„Vermutlich brennt es im Dachstuhl“, meinte Rolf, „jedenfalls knastert es bei uns im Gästezimmer ziemlich im Gebälk.“

„Oh Scheiße, Alter“, stöhnte ich, nun schlagartig wach werdend, und schwang mich aus dem Bett. In der Tat züngelten oben ein paar Flammen aus der Türzarge, und ich hatte für höchstens fünf Sekunden die unrealistische Vorstellung, sie durch ein paar Hände Wasser vom Wasserhahn wieder löschen zu können. Dann erkannte ich, dass es sich hier um ein größeres Problem handeln musste und weckte Franziska.

„Aufwachen, es brennt, wir haben Feuer im Dachstuhl, wir müssen hier raus und die anderen Hausbewohner wecken!“

Wir wohnten in einem Mehrfamilienhaus mit vier jeweils zweigeschossigen Wohnungen – die Erdgeschosswohnungen verfügten über zusätzliche Räume in einem großzügigen Souterrain, unsere Wohnung begann im ersten Stock und führte nach oben in den ausgebauten Dachboden, wo sich unser Schlafzimmer, das kombinierte Gäste- und Arbeitszimmer sowie ein zweites Bad befanden.

„Was ist los?“ fragte auch sie, die stets einen ungleich festeren Schlaf hatte als ich.

„Es brennt! Du musst aufstehen, wir müssen hier raus und nach unten. Geh runter, ich rufe die Feuerwehr!“

Das Telefon im Schlafzimmer gab jedoch keinen Laut von sich, weil das Feuer vermutlich bereits das Kabel oder die Leitung zum Router zerstört hatte. Da es sich um die Basisstation handelte, konnte auch der zweite Hörer im Wohnzimmer nicht mehr funktionieren. Zum Glück hatte ich mir schon vor Jahrzehnten angewöhnt, wichtige Dinge wie Schlüssel, Portemonnaie und Handy abends immer an derselben Stelle zu deponieren. Ich schnappte mir im Flur mein Handy, weckte Theresa, die im Wohnzimmer übernachtete, und wählte die 112. Bereits nach dem zweiten Klingelton nahm jemand ab:

„Notrufzentrale der Polizei und Feuerwehr in Hamburg, guten Morgen. Was kann ich für Sie tun?“

Ich nannte meinen Namen und meldete unter Angabe unserer Anschrift einen Dachstuhlbrand in einem Mehrfamilienhaus. Der Beamte fragte ruhig nach Verletzten und versprach, die Feuerwache in Sasel zu alarmieren

Ich zog mir Turnschuhe und meinen Anorak über dem Schlafanzug an, dann klopften und klingelten Franziska, die sich noch Zeit für Socken genommen hatte, und ich an den Wohnungstüren der Hausmitbewohner, die um halb vier morgens erstaunlich schnell reagierten und ebenso ungläubig wie verunsichert ihre Wohnungen verließen. Nur das alte Ehepaar in der Nachbarwohnung sah hierzu keine Veranlassung, denn bei ihnen würde es ja nun mal nicht brennen, sondern lediglich etwas nach Rauch riechen.

Zum Glück hörten wir schon nach vier Minuten das Martinshorn eines Streifenwagens, dessen Besatzung mit geschultem Auftritt – „ich rufe jetzt einen Krankenwagen, der Sie dann mit Ihrer Rauchvergiftung ins Krankenhaus bringen kann…“ – rasche Überzeugungsarbeit leistete. Keine Viertelstunde, nachdem Rolf mich geweckt hatte, standen sämtliche Hausbewohner in Nachbars Garten; Theresa, Bettina und Rolf hatten in Windeseile einige ihrer Habseligkeiten zusammengesucht und dann ebenfalls das Haus verlassen. Beruhigend, dass sich niemand mehr im Haus befand.

Nach einer weiteren Minute waren auch die ersten beiden Feuerwehrfahrzeuge eingetroffen, konnten jedoch nichts ausrichten: Unser Haus stand fünfzig Meter von der Straße entfernt und außerdem hinter vier Garagen, so dass sich weder eine Drehleiter einsetzen ließ noch die verfügbaren Schläuche ausreichten, um die knapp hundert Meter vom nächsten Hydranten bis zum Dach im hinteren Hausteil zu überbrücken. Dort schlug der Brand bereits durch die Dachpfannen. Während die Einsatzleitung weitere Schläuche und Leitern orderte, trafen noch zwei Streifenwagen sowie ein Krankenwagen zur „physischen und psychischen Betreuung der Brandgeschädigten“ ein – zum Glück hatte niemand auch nur die geringste Blessur davongetragen, und alle hinterließen einen ruhigen und gefassten, wenn auch ersichtlich nachdenklichen Eindruck.

Schon bald waren erneut die Sirenen von weiteren fünf Einsatzfahrzeugen zu hören, die mit flackernden Blaulichtern in unsere Sackgasse einbogen und sich mit laufenden Dieselmotoren hintereinander aufreihten. Letztlich waren insgesamt 49 Feuerwehrleute sowohl der Berufsfeuerwehr als auch der Freiwilligen Feuerwehr sowie diverse Polizisten und Sanitäter im Einsatz, womit unser Dachstuhlbrand offensichtlich nicht als banal eingestuft worden war. Neben der Begrenzung des Schadens an unserem eigenen Haus musste auch ein Übergreifen des Feuers auf das sehr dicht stehende Haus unserer Nachbarn unbedingt verhindert werden.

Im hinteren Bereich ihres Gartens, wo man den brennenden Dachstuhl am besten einsehen konnte, richtete die Feuerwehr ihre Einsatzzentrale ein. Alle Bewohner mussten ihre Wohnungsschlüssel abgeben, ein Elektronotdienst war eilig gerufen worden, um im Keller sämtliche NH-Sicherungen zu ziehen und dadurch Kurzschlüsse infolge durchbrennender Kabel oder durch Löschwasser zu vermeiden. Das Risiko hierfür war besonders groß, weil das ganze Haus elektrisch beheizt wurde und sich insgesamt acht Durchlauferhitzer zur Warmwasserbereitung mit entsprechend dicken Leitungen im Haus befanden. Ein Polizeibeamter bemühte sich, die Personalien der Hausbewohner und unserer Besucher aufzunehmen, was ihm erst gelingen wollte, nachdem wir ihm sämtliche Namen und Daten mehrfach in den Block buchstabiert hatten – entweder war er des Schreibens unkundig oder er befand sich noch im Tiefschlaf: „Was glauben Sie“, stotterte er, nachdem wir ihn auf seine extreme Fahrigkeit angesprochen hatten, „wo ich gerade herkomme?“ Nun, vermutlich ebenso wie wir nach verkürzter Nacht aus dem Bett.

Mit Argwohn und Abscheu beobachteten wir aus den Augenwinkeln, dass auch die ersten sensationslüsternen Paparazzi durch die Gärten schlichen und das brennende Haus sowie dessen Bewohner filmten. Einer schien sogar kurz zu zögern, ob er noch näher auf uns zugehen sollte, um uns ein Interview zu entlocken. Ich hätte ihm vermutlich seine Kamera um die Ohren gehauen und ihn mit einem gewaltigen Tritt in den Hintern auf die Straße befördert.

Mehr als eine Stunde nach meinem Anruf bei der Notrufzentrale war es endlich gelungen, acht lange Schläuche bis in den hinteren Gartenbereich zu legen und das Hausdach an mehreren Stellen anzuleitern. Feuerwehrmänner kletterten angesichts der enormen Rauchentwicklung mit Atemgeräten und Sauerstoffflaschen auf dem Rücken nach oben, räumten Dachpfannen ab und kraxelten auf den Dachlatten weiter Richtung First. An mehreren Stellen hackten sie die alten Pappdocken auf und zogen die gelbe Dämmwolle raus, um von außen Löschwasser in die lodernden Flammen zu spritzen. Schon nach jeweils wenigen Minuten mussten sie gegen Kollegen ausgetauscht werden, weil sie infolge der anstrengenden Kletterei und der sengenden Hitze sowie leerer Sauerstoffflaschen nicht länger oben bleiben konnten. Gleichzeitig waren einige ihrer Kollegen im Haus unterwegs, um den Brandherd zu finden und – geradezu rührend – als Schutz gegen Löschwasser Folien über Möbel und technische Geräte zu legen.

Währenddessen beobachteten wir unten hilflos und mit großer Sorge das ganze Geschehen, während gleichzeitig tausend Fragen durch unsere Köpfe galoppierten: Was konnte den Brand ausgelöst haben? Wurde nun unser gesamtes Hab und Gut vernichtet? Waren wir ausreichend versichert? Würde die umfangreiche Diasammlung von unseren vielen schönen Reisen, die im Arbeits- und Gästezimmer lagerte, schon aufgrund der Hitze zerstört sein? Jedenfalls würde die viele Arbeit, die wir in den vergangenen Jahren in die Renovierung der inzwischen dreißig Jahre alten Wohnung gesteckt hatten, geradezu handstreichartig zunichte gemacht sein, auch wenn wir während der laufenden Löscharbeiten keine Vorstellung hatten, in welchem Umfang sie wirklich zerstört war oder vielleicht mit überschaubarem Aufwand wieder hergerichtet werden könnte.

Nachdem endlich ein paar Wasserstrahlen in das Dach gespritzt wurden, kam Rolf auf mich zu: „Aye, hast Du irgend ‘ne Vorstellung, wie der ganze Scheiß passieren konnte?“

„Keine Ahnung“, musste ich einräumen, „hab nur ein ziemlich blödes Gefühl, dass das Feuer in unserer Wohnung ausgebrochen sein muss, denn dort brennt es ja mit Abstand am meisten.“

„Vielleicht hat‘s ja irgendwo ‘nen Kurzen gegeben?“

„Wie das denn – mitten in der Nacht?“

„Marder im Dachstuhl, altersschwache Leitungen im Spitzboden, verklemmte Leitung im Rollladenkasten – weiß der Henker“, meinte Rolf, der sich in vielen technischen Fragen ganz gut auskannte.

„Keine Ahnung“, wiederholte ich und verschwieg, dass ich mir innerlich schon die ganze Zeit immer wieder die Frage stellte, ob ich im Rahmen der Renovierungsarbeiten trotz aller Vorsicht irgendeinen Fehler gemacht haben könnte. Und wenn, würden dann die Versicherungen zahlen? Oder hätte ich vielleicht sogar mit einem Verfahren wegen fahrlässiger Brandstiftung zu rechnen? Hätten wir aus eigener Tasche für den Schaden aufzukommen, wären wir mit Sicherheit schlagartig pleite und müssten kurz vor dem Ruhestand unser Leben auf völlig neue Füße stellen. Alle Gedanken rasten durch den Kopf – wie ein böser Traum, nur dass es sich hier um die nackte Wirklichkeit handelte.

Inzwischen kamen die Feuerwehrleute im Zweiminutentakt vom Dach wieder runter. In ihren dicken Monturen und angesichts der Hitze dort oben waren sie allesamt schweißüberströmt. Japsend rissen sie sich ihre Atemgeräte vom Kopf und schütteten literweise Getränke in sich hinein. Noch immer war der Brandherd nicht gefunden, noch immer qualmte es wie verrückt, noch immer züngelten meterhohe Flammen aus dem Dachstuhl. Unsere Befürchtung, dass vor unseren Augen unser Hausstand und alle liebgewordenen Erinnerungen vernichtet wurden, verdichtete sich mit jeder Minute.

Unsere Grundstücksnachbarn, in deren Garten wir alle standen, hatten sich schnell irgendwelche Klamotten angezogen, boten uns angesichts des zunächst frischen Morgens an, uns in ihrem Haus aufzuwärmen, kochten Kaffee und Tee, schmierten Brote und holten Stühle für alle, die nicht mehr stehen konnten oder wollten. Letztlich kümmerten sie sich den ganzen Morgen um uns, sagten später ihre eigenen Arbeitsverpflichtungen ab und halfen liebevoll und selbstlos, wo immer sie konnten. Das lenkte unsere grübelnden Köpfe zumindest etwas ab. Letztlich konnten wir alle nur abwarten, ob es gelingen würde, das Feuer zu löschen, oder das gesamte Haus abbrennen würde.

Nach drei Stunden schienen die Flammen endlich unter Kontrolle zu sein, denn es brannte nur noch wenig. Die Feuerwehr hatte schließlich einige Brandnester gezielt gelöscht, verkohlte Dachbalken ragten qualmend in den inzwischen blitzblauen Morgenhimmel und machten uns zugleich in erschreckender Deutlichkeit klar, dass wir einstweilen im wahrsten Sinne des Wortes kein Dach über dem Kopf haben würden. Wie mochte es in der Wohnung aussehen? Zumindest im oberen Stockwerk dürfte ja wohl kaum etwas überlebt haben. Hier befanden sich unsere gesamte Kleidung, Bettwäsche, Handtücher, Schuhe, unser großer Laptop, die Versicherungs- und sonstigen persönlichen Unterlagen und eben die Sammlung von knapp 20.000 Dias.

Um den Computer machte ich mir die geringsten Sorgen, auch wenn er neben tausenden von ausgewählten und ausnahmslos aufwendig bearbeiteten digitalen Fotos persönliche Erinnerungen wie die Berichte zu unseren Reisen und vor allem mein T agebuch enthielt. Denn sämtliche Dateien waren schon seit Jahren auf zwei weiteren Laptops sowie einem USB-Stick gesichert, den ich in meinem Portemonnaie immer bei mir trug. Und einer der beiden Laptops befand sich sogar in meinem Büro in der Innenstadt.

Nicht so leicht zu ersetzen wäre unsere Kleidung. Abgesehen von dem Umstand, dass man in unserem fortgeschrittenen Lebensabschnitt schon längst mal gründlich hätte ausmisten sollen und die Schränke viel zu voll waren, musste es Franziska das Herz brechen, ihre zahllosen selbstgestrickten Pullover, Westen und Jacken vernichtet zu wissen.

Ziemlich ärgerlich und umständlich würde es sein, ohne die entsprechenden Unterlagen den Kontakt zu unseren Versicherungen aufzunehmen und vom Reisepass bis zur Lebensversicherungspolice alles neu zu beschaffen. Apropos Lebensversicherung: Hätte Rolf uns nicht geweckt, hätten wir den ganzen Schlamassel vermutlich nicht überlebt – auch dieser Gedanke beschäftigte mich schon sehr frühzeitig.

Um halb acht erklärte der Einsatzleiter den Brand für gelöscht. Die Männer zogen die Leitern ab, rollten einen halben Kilometer Schläuche zusammen, deponierten alle Geräte penibel an den vorgesehenen Stellen in den Fahrzeugen und freuten sich nicht nur über ihre erfolgreiche Arbeit, sondern auch über eine gewaltige Menge belegter Brötchen und Kaffee, die zwischenzeitlich angeliefert worden waren. Angesichts unseres Lobs über ihr professionelles Agieren gaben sie sich einerseits bescheiden – sie hätten schließlich nur ihren Job gemacht. Andererseits betonten insbesondere die Erfahreneren unter ihnen, dass es sich durchaus um einen größeren Einsatz gehandelt hätte, der im Wesentlichen der rückwärtigen Lage des Hauses und seiner schwierigen Erreichbarkeit geschuldet war.

Ich lief zum Einsatzleiter und fragte, ob wir nun wieder in unsere Wohnung gehen konnten, um zumindest unsere Portemonnaies aus einer bestimmten Schublade zu holen.

„Auf keinen Fall!“, lautete die zu erwartende Antwort. „Das machen wir für Sie“, ergänzte er jedoch und bat uns, einem seiner Männer zu beschreiben, wo sie das Gewünschte finden konnten. Wenige Minuten später überreichte der Kollege uns nicht nur unsere völlig unversehrten Geldbörsen, sondern bot uns auch an, in Begleitung von einigen Feuerwehrleuten einen Blick in unsere Wohnung zu werfen.

„Das gilt aber nur für das untere Stockwerk“, betonte er. „Oben besteht Einsturzgefahr. Jederzeit können Dachpfannen und Balken herunterfallen. Ohne Schutzhelm dürfen wir Sie eigentlich überhaupt nicht reinlassen.“

Und so setzten wir einen ersten vorsichtigen Schritt über unsere Wohnungsschwelle. Schon im Flur stand eine Menge Löschwasser, das sich mit viel Ruß zu einer dunklen Brühe vermengt hatte. Aus dem Garderobenschrank tropfte Wasser; wie es innen aussah, mochten wir uns gar nicht vorstellen. Die Treppe zum Obergeschoss lag voller verkohlter Holzteile und zerbrochener Dachpfannen. Links im Wohnzimmer tropfte ohne Unterlass Wasser aus einem großen Loch in der Decke, Tischbeine, Sofas, Sessel und Schrankwand standen bereits etliche Zentimeter im Nassen.

„Meinen Sie“, wandte ich mich an einen unserer Begleiter, „Sie könnten mal vorsichtig nach oben gehen und schauen, ob es den Ordner mit unseren Versicherungsunterlagen noch gibt?“

„Und wo würde ich den finden?“, fragte er hilfsbereit.

„Im hinteren Zimmer“, erklärte ich, „wo es am meisten gebrannt hat. Dort steht an der rechten Wand ein kleiner Sekretär mit zwei Türen. Es ist ein dunkelroter Kunststoffordner.“

„Okay, ich versuch mal mein Glück“, sagte er und stapfte mit seinen dicken Sicherheitsschuhen und Schutzhelm auf dem Kopf nach oben.

Es dauerte Ewigkeiten. Ich hatte schon Befürchtungen, ihm sei da oben etwas zugestoßen und er benötigte Hilfe. Ich sprach einen seiner Kollegen an, der nun seinerseits unruhig wurde und ihm folgte. Nach weiteren gefühlt zehn Minuten hörten wir laute Schritte auf den obersten Stufen der schwer lädierten Treppe, und zu unserer maßlosen Verblüffung schleppten die beiden Männer den mittelschwer angekokelten und von Dachpfannen und Balken in arge Mitleidenschaft gezogenen kleinen Schreibtisch aus Massivholz die Treppe runter. Dass er mitsamt seinem Inhalt ein ziemliches Gewicht haben musste, schien sie nicht weiter zu beeindrucken.

„Wir konnten ihn nicht öffnen, weil zu viele Dachpfannen und rußige Balken davor lagen“, erläuterten sie und stellten ihn im Flur ab. „Da haben wir ihn halt komplett runtergebracht, damit Sie an Ihre Sachen können.“

Unglaublich. Andere hätten auf den zweiten Teil wohl verzichtet. So aber sollte sich diese Hilfsbereitschaft in den kommenden Tagen als großer Segen erweisen.

Wir nahmen den Versicherungsordner aus dem Schreibtisch und verließen das Haus, um von einer ruhigen Stelle aus erst mal unsere Hausratsversicherung anzurufen. Nachbar Robert Klein verließ gerade sein Haus, um sich auf den kurzen Weg zu seiner Praxis zu machen.

„Guten Morgen Robert“, begrüßten wir ihn. „Hoffentlich hast Du genug geschlafen bei dem ganzen Trubel hier!“ Immerhin lag sein Schlafzimmer nach vorne zur Straße.

„Was ist denn hier los?“ fragte er angesichts der zahlreichen Einsatzfahrzeuge und vielen Feuerwehrleute.

„Nun erzähl‘ mir nicht, Du hast von den letzten viereinhalb Stunden nichts mitgekriegt. Bei dem Lärm ist das doch gar nicht vorstellbar!“

„Doch, da war irgendwann mal ein Rumpeln, aber ich habe tatsächlich bis vor einer halben Stunde geschlafen“, beteuerte Robert. „Was machen denn die ganzen Feuerwehrautos hier, ist was passiert?“

„Wir sind abgebrannt“, riefen wir, „das ist passiert!“

„Eure schöne Wohnung ist abgebrannt?“, fragte Robert langsam und mit einem stark gedehnten ‚abgebrannt‘. „Wie konnte das denn passieren? Und“, nun kam der Arzt durch, „ist jemand verletzt?“

„Wie es passieren konnte, wissen wir auch noch nicht, aber nachher kommt noch die Brandermittlung und wird die Ursache suchen. Und zum Glück sind alle heil aus dem Haus herausgekommen“, antwortete Franziska.

Nun schaute er um die Ecke und in unsere Einfahrt, konnte von dort aber nur ein Loch in der Schlafzimmerwand, ein paar fehlende Dachpfannen und im Übrigen noch leichten Rauch im hinteren Teil des Daches sehen. Mit Abstand am meisten hatte das Feuer ja im rückwärtigen Teil des Dachstuhls gewütet. Trotzdem gab Robert sich erschüttert:

„Ach du Scheiße“, entfuhr es ihm nach einer Weile. „Könnt Ihr denn dort drinnen noch wohnen?“

„Ganz bestimmt nicht. Wir haben zwar eben erst einen Blick in den Flur werfen können, aber die Treppe schien regelrecht zugeschüttet mit Balken und Dachpfannen und von oben plätschert munter Löschwasser durch die Decken.“

„Ich muss jetzt leider in meine Praxis. Ich gebe Euch mal meinen Schlüssel, dann habt Ihr für heute erst mal Asyl, ‘ne Toilette und könnt Euch was zu essen machen und in Ruhe telefonieren.“

Er löste seinen Hausschlüssel aus einem großen Etui und fuhr notgedrungen ausnahmsweise mit dem Rad zur Arbeit.

Wir setzten uns in sein kleines Büro und riefen bei der Hausratsversicherung an. Die zuständige Sachbearbeiterin hörte sich die Schadensmeldung unaufgeregt an und versprach, innerhalb der nächsten beiden Stunden einen Mitarbeiter vorbeizuschicken, der uns über unsere Ansprüche und die weitere Abwicklung des Falls unterrichten würde. Damit hatten wir den ersten aktiven Schritt in die ungewollte neue Lebenssituation getan. Danach rief ich die Hausverwaltung an. Noch bis vor wenigen Monaten hatte ich diesen Job für die kleine Hausgemeinschaft erledigt, dies dann jedoch einem Profi übertragen, nachdem ich mich zunehmend mit den ständigen Veränderungen und Verschärfungen des Wohnungseigentümergesetzes herumärgern durfte. Nun konnte sich die neue Hausverwaltung gleich einer echten Herausforderung stellen. Die für uns zuständige Sachbearbeiterin, Frau Silves, reagierte fassungslos auf meine Nachricht und machte sich sogleich auf den Weg, um ihr abgebranntes Verwaltungsobjekt in Augenschein zu nehmen.

Inzwischen war es halb neun geworden, und die neue Arbeitswoche hatte längst begonnen. Die Berufstätigen waren zur Arbeit, die Kinder zur Schule gefahren, die Müllabfuhr kam wegen der vielen Feuerwehren nicht in die Sackgasse, der Briefträger blieb mit offenem Mund vor unserem Haus stehen. Theresa machte sich auf den Weg zum Bahnhof, denn sie musste noch weiterreisen, Bettina und Rolf wollten zwar zurück nach Süddeutschland, aber ihr Auto war von Einsatzfahrzeugen blockiert. Außerdem hatte die Polizei sie gebeten, sich noch für die Brandermittler zur Verfügung zu halten. Wir selbst wussten im Moment nichts Besseres zu tun als im unteren Geschoss unserer Wohnung immer wieder das weiterhin aus der Decke tropfende schwarze Löschwasser aufzuwischen und ins Klo zu kippen. Irgendwann fiel uns ein, dass wir uns mal bei unseren Arbeitgebern melden sollten, die unsere Nachrichten ebenfalls mit Entsetzen aufnahmen und Verständnis dafür hatten, dass wir möglicherweise die gesamte Woche fehlen würden.

Bereits um halb zehn kam Herr Mangold von der Hausratsversicherung, erläuterte uns kurz und knapp, wie hoch unsere Versicherungssumme war und dass wir – wie so viele – es ja versäumt hatten, diese regelmäßig an die Realität anzupassen. Noch wussten wir zwar nicht, wie hoch der Schaden war, aber nach der ersten Wohnungsbesichtigung schien er sich zumindest in der unteren Etage in Grenzen zu halten, sofern das Löschwasser nicht noch sein böses Spiel treiben würde. Immerhin waren wir zum Neuwert und nicht etwa zum Zeitwert versichert.

Herr Mangold erklärte uns anschließend, dass der Schaden selbst nicht von der Versicherung, sondern von einem so genannten Regulierungsdienst abgewickelt würde, der seinerseits einen Sanierungsdienst damit beauftragte, unsere Wohnung zu räumen, mit uns zu entscheiden, was weiterbenutzt oder restauriert werden konnte oder aber wegzuwerfen wäre. Auch würde der Sanierungsdienst den verwertbaren Hausrat bis zum Wiedereinzug auf sein Lager nehmen.

„Das heißt“, fragte ich vorsichtshalber nach, „wir selbst brauchen uns überhaupt nicht um ein Umzugsunternehmen und Hilfskräfte zu kümmern?“

„Richtig“, antwortete Herr Mangold. „Noch heute Nachmittag wird Herr Gierstein von unserem Regulierungsdienst zu Ihnen kommen und Herrn Breitner vom Sanierungsdienst BreisaG mitbringen. Herr Breitner wird dann mit Ihnen entscheiden, was noch zu gebrauchen ist und dies nicht nur auf Lager nehmen, sondern auch die Reinigung der Kleidung und Teppichen sowie die Restaurierung von Möbeln veranlassen.“

„Das ist ja unglaublich erleichternd! Wir haben uns schon gefragt, mit wessen Hilfe wir unsere Wohnung am schnellsten räumen können. Hab ja gar nicht gewusst, dass es derartige Dienstleister gibt!“

„Wie sollten Sie auch“, antwortete Herr Mangold freundlich lächelnd. „Die meisten Versicherten haben ja zum Glück keine Erfahrungen mit Schadensfällen, und die wenigsten Betroffenen müssen ihre Erfahrungen ein zweites Mal machen. Im Grunde sind alle Hausratsversicherer so organisiert, und leider muss man sagen, dass die Sanierungsdienste durchweg gut zu tun haben. Aus Sicht der Versicherer passiert jedenfalls genug.“

Wir bedankten uns für seine hilfreichen Informationen und verabschiedeten uns von ihm. Es wurde auch Zeit, dass wir unsere Plätze am Esstisch unserer Nachbarn räumten, denn inzwischen waren die Vertreter zweier weiterer Hausratsversicherer erschienen und wollten mit den anderen Bewohnern vermutlich ein ähnliches Ritual besprechen. Wir konnten einstweilen nur hoffen, dass die angekündigten Herren Gierstein und Breitner möglichst bald auftauchten und wir zügig unseren Hausstand zusammenpacken konnten. Denn so viel hatten wir in der letzten halben Stunde begriffen: Die Wohnung war einstweilen unbewohnbar: Im Dach klafften riesige Löcher, auf der Treppe lagen verkohlte Dachbalken, unten tropfte weiterhin Löschwasser aus der Decke. Zum Glück hatten wir einstweilen trockenes Wetter.

Um halb elf kamen drei Brandermittler vom Landeskriminalamt. Bis die Brandursache feststand, durfte außer ihnen niemand die Wohnung betreten. Könnten ja Spuren und Beweismittel vernichtet werden. Also standen wir mit Bettina und Rolf wieder in Nachbars Garten, betrachteten die immensen Schäden, die die Löscharbeiten auch dort hinterlassen hatten, und rätselten weiter, wodurch der Brand ausgebrochen sein konnte. Jedenfalls ertappte ich mich bei einer wieder wachsenden Nervosität, weil ich mich erneut fragte, ob mich als Do-it-yourself-Handwerker eine Mitschuld traf.

Bald ragten die Oberkörper der Brandermittler aus der nicht mehr vorhandenen Dachgaube, in der sich auch das obere Badezimmer befand. Sie stocherten in irgendetwas herum, zeigten mit ihren Fingern und besprachen sich, was wir unten natürlich nicht verstehen konnten.

„Dort steht der Durchlauferhitzer in der Abseite hinter dem Bad“, erläuterte ich Bettina und Rolf, „kann der einen Kurzen gehabt haben?“

Normalerweise kam das Gerät dort oben kaum zum Einsatz, weil wir im unteren Bad duschten und oben immer nur kaltes Wasser benötigten. Möglicherweise hatten Bettina und Rolf dort Warmwasser benutzt. Gleichzeitig musste ich einräumen, noch nie von einem Kurzschluss in einem ordnungsgemäß installierten Durchlauferhitzer gehört zu haben. Und Kontakt zu der vor einigen Wochen in den Dachstuhl eingeblasenen Zellulosedämmung konnte er auch nicht haben, weil er in einer verfliesten Nische stand.

Dann verschwanden die Brandermittler wieder in der Wohnung, hielten nach uns Ausschau und baten Franziska und mich nach oben. Im Flur baumelten etliche von den insgesamt über fünfzig Halogeneinbaustrahlern, die ich vor acht Jahren in die Decken gelegt hatte, herab. Ich hatte mir damals sehr viele Gedanken um deren Hitzeentwicklung gemacht und mich deshalb ausführlich über die Frage der Entflammbarkeit von Glaswolle informiert, diese mit Abstandshaltern nach oben gedrückt und zumindest in der Nähe von Holzsparren oder -latten Aluminiumstreifen über die Strahler gelegt. Zielstrebig marschierte Herr Paulsen vom LKA zu den herabbaumelnden Strahlern:

„Wir haben den Brandherd sehr schnell gefunden. Er befindet sich oben im Badezimmer. Daraufhin hatten wir die Vermutung, dass es einen Kurzschluss in dem elektrischen Rollladen darunter gegeben haben könnte, aber dort war alles in Ordnung.“

„Ich habe eben an einen Kurzschluss im Durchlauferhitzer dort oben gedacht“, wand ich ein, „den haben Sie vielleicht noch gar nicht gesehen, weil er hinter einer Granitplatte in einer Nische steht.“

„Stimmt, haben wir nicht. Wir gehen aber inzwischen mit ziemlicher Sicherheit davon aus, dass der Brand durch die Einbaustrahler ausgelöst worden ist.“

Mir wurde ganz mulmig. Also hatte ich doch den ganzen Mist verbockt? Was würde da auf uns zukommen? Würde die Versicherung zahlen, wenn der engagierte Heimwerker gepfuscht hat?

„Schauen Sie hier“, fuhr Paulsen fort, „auf fast allen Einbaustrahlern, die wir rausgezogen haben, lag dieses graue, staubige Zeug. Wissen Sie, was das ist?“

„Klar, das ist die Zellulose, die uns ein Fachbetrieb für Wärmedämmung vor ein paar Wochen in die Hohlräume der Wohnzimmergaube und in unsere abgesenkten Decken eingeblasen hat.“

„Das hätte er nicht tun dürfen“, stellte Paulsen ziemlich verärgert fest, „zumindest aber hätte er zuvor Keramikhütchen über die Strahler setzen müssen.“

„Ich habe ihn mindestens fünf Mal auf den ja wirklich sehr offensichtlichen Umstand hingewiesen, dass wir hier zahlreiche Halogeneinbaustrahler haben und ihn gefragt, ob sich dies mit dem von ihm verwendeten Material verträgt“, versuchte ich mich zu verteidigen.

„Und was hat er geantwortet?“, fragte der andere Brandermittler.

„Er hat gesagt, das sei kein Problem, das Zeug sei schwer entflammbar“, berichtete ich wahrheitsgemäß.

„Das war wohl etwas naiv“, kommentierte Paulsen leicht genervt, „‚schwer entflammbar‘ heißt nicht ‚nicht brennbar‘. Und falls ich möglicherweise etwas verärgert wirke, möchte ich Ihnen vorsichtshalber gerne erzählen, dass sich gerade in jüngerer Zeit Brandschäden infolge von Einblasdämmungen stark vermehrt haben. Meist sind es Kurzschlüsse, die das Feuer auslösen, was jedoch ohne die Zellulose mit ziemlicher Sicherheit auch nicht losgegangen wäre. Aber Ihr Fall hier grenzt ja schon an Dummheit. Jeder, der das Zeug verarbeitet, muss wissen, dass es brennen kann. Und Halogenstrahler verursachen nun mal eine enorme Hitze!“

„Das weiß ich. Deshalb habe ich den Handwerker ja immer wieder gefragt, ob sich die von ihm selbst vorgeschlagene Deckendämmung mit den Lampen verträgt. Vermutlich trifft mich eine Mitschuld“, wollte ich mich nun absichern, „weil ich ihm angesichts meiner eigenen Bedenken nicht konkret untersagt habe, die Dämmung in den Decken durchzuführen.“

„Sie trifft überhaupt keine Schuld“, beruhigte Paulsen. „Wann haben Sie denn die Strahler einbauen lassen?“

„Die hängen hier seit etwa acht Jahren in den Decken“, antwortete ich und beeilte mich zu ergänzen, dass sie ja die ganzen Jahre einwandfrei funktioniert hätten.

„Sehen Sie“, erläuterte Paulsen, „es verhält sich nämlich immer so, dass derjenige, der eine neue, zusätzliche Maßnahme umsetzen will, sich zuvor über die vorhandenen örtlichen Gegebenheiten informieren muss. Hier hätte er Ihnen entweder vorschlagen müssen, die Strahler mit Keramikhütchen abzudecken oder – noch besser – auf die Maßnahme zu verzichten. Zellulose bis auf die Leuchtmittel selbst einzublasen ging jedenfalls gar nicht, wie man sieht.“

„Es war doch seine eigene Idee, nach Dämmung der Wohnzimmergaube auch noch oben die Abseite hinter dem Schlafzimmer und in einem zweiten Termin die Hohlräume in den Decken auszublasen. Er war ja regelrecht begeistert, wie viel Zellulose er bei uns loswerden konnte!“

Plötzlich ging mir ein merkwürdiger Gedanke durch den Kopf: „Wo, sagten Sie, meinen Sie den Brandherd ausgemacht zu haben?“

„Wir lassen uns bei der Suche nach dem Brandherd immer von der größten Zerstörung leiten, denn dort muss das Feuer am längsten gebrannt haben. Und die Stelle haben wir oben in dem Badezimmer ganz hinten vorgefunden.“

Ich versuchte, mir die etwas komplizierte Architektur unseres Dachstuhls und die Lage der Abseite hinter dem Schlafzimmer über dem Wohnzimmer vorzustellen. Fest stand, dass der Handwerker mit Schutzanzug und Atemmaske sechs oder sieben Meter tief in diese Abseite hineingekrochen war und sich damit hinter der Wand des in die Gaube eingebauten Badezimmers befunden haben musste.

„Kommen Sie bitte mal mit“, forderte ich die beiden Kripobeamten auf und ging unter tropfendem Löschwasser vom Flur ins Wohnzimmer. „Dann müsste hier hinten links der letzte Halogenstrahler vor dem Fenster den Brand verursacht haben. Darüber befindet sich die Abseite, in die der Typ stolz mehrere Kubikmeter von dem Zeugs reingeblasen hat. Wahnsinn!“

„Ja“, stimmte Paulsen zu, „wir haben da oben auch noch jede Menge Zellulose vorgefunden. Erklärt auch die enorme Rauchentwicklung, von der die Kollegen der Feuerwehr berichteten.“

„Ich frage mich nur“, schoss mir der nächste Gedanke durch den Kopf, „wie dort eine derartige Hitze entstanden sein kann. Wir schalten die Strahler im Wohnzimmer nämlich so gut wie nie ein – und schon gar nicht in der hellen Jahreszeit. Kann nicht doch ein Kurzschluss den Brand verursacht haben?“

„Theoretisch ja, so etwas passiert leider durch Marder im Dachstuhl auch immer wieder mal. Nicht zu unterschätzen sind auch die Trafos, die dort oben in der Decke liegen. Die können auch reichlich warm werden. Und der Brand hier wird nicht heute Nacht entstanden sein, sondern wahrscheinlich schon seit Wochen geschwelt haben. Wann sagten Sie, haben Sie die Dämmung durchführen lassen?“

„Teil I war etwa Mitte April, Teil II um die zwei Wochen später“, antwortete Franziska.

„Sehen Sie!“, bestätigte Paulsen seine Vermutung.

Kapitel 2

Sasel

Unten im Garten waren zahlreiche Stimmen zu hören. Wir gingen zur Wohnungstür und konnten durch das große Fenster im Treppenhaus sehen, wie sich eine lange Prozession von fremden Menschen eilig auf das Haus zu bewegte. Franziska und ich liefen ihnen entgegen, um sie abzufangen, weil wir vermuteten, dass es sich um weitere Versicherungsvertreter oder Hausratssanierer unserer Mitbewohner handelte, die sich ja nach wie vor bei den Nachbarn aufhielten.

„Balkhausen“, schnarrte uns eine überaus selbstbewusst wirkende Dame Mitte vierzig auf ziemlich hohen High Heels entgegen. „Sind Sie die Eigentümer?“

„Einer Wohnung, nicht des gesamten Hauses. Und wer sind Sie?“, wollte Franziska wissen.

„Wo sind die anderen Eigentümer?“ fragte Madame Balkhausen mit verschärftem Schnarren statt zu antworten.

„Wer sind Sie, was und zu wem wollen Sie?“ insistierte Franziska. Unangemessenes Selbstbewusstsein und mangelhafte Umgangsformen konnten wir beide auf den Tod nicht ausstehen.

„Sagte ich schon“, blaffte Madame zurück, überreichte ihr dann aber professionell ihre Visitenkarte, auf Neudeutsch Business Card. „Balkhausen. Wir sind Ihre Gebäudesanierer. Und jetzt werden wir den Eigentümern erzählen, wie es hier weitergeht. Wo ist die Hausverwaltung?“

Ich war einigermaßen von den Socken. Abgesehen vom total nervigen Auftritt der Balkhausen war ich einerseits halb erfreut, dass hier offensichtlich bereits wenige Stunden nach dem Brand etwas passieren sollte. Andererseits fragte ich mich, wer „unsere Gebäudesanierer“ mal eben vorbeigeschickt oder beauftragt hatte. Der Business Card durften wir entnehmen, dass Frau Balkhausen auf den Vornamen Viola hörte und bei der GERESA GmbH die sicherlich beeindruckende Position der „COM Sanierung“ bekleidete.

„Und wer hat Sie hier vorbeigeschickt?“, wollte ich also wissen, „woher wissen Sie überhaupt von dem Brand?“

„Wir arbeiten sehr eng mit der Hanseatischen Brandversicherung zusammen“, erläuterte VB, wie ich sie insgeheim unter Verwendung des Namenskürzels für das beliebte australische Bier Victoria Bitter sofort nannte. „Dies hier ist Herr Krämer, der Sachverständige und Schadengutachter der Brandversicherung“, endete sie etwas kryptisch, indem sie auf einen älteren Herrn zeigte, der freundlich lächelte und am Vormittag eines eher frischen Frühsommertags unter einer ziemlich feuchten Gesichtshaut litt. Er beeilte sich, uns seine nicht minder feuchte Hand mit einem brabbeligen ‚Krehma‘ zu reichen, was VB mit gequältem Lächeln zu missbilligen schien, bevor sie das Zepter wieder übernahm:

„Wir schauen uns hier jetzt mal ein wenig um. Bringen Sie“, wandte sie sich kommandierend an uns, „die anderen Hausbewohner und vor allem die Hausverwaltung!“

Dann entschwand sie mit Krämer und vier weiteren Herren im Gefolge in unser Treppenhaus, bevor wir ihren Befehlston kommentieren oder gar infrage stellen konnten. Unter normalen Umständen wären wir wahrscheinlich hinterhergerannt und hätten ihr erzählt, dass man in unseren Breiten Bitten unter Verwendung der entsprechenden Vokabel vorträgt. Aber das hatte sie ja gar nicht nötig: Schließlich war sie es gewohnt, Menschen anzutreffen, die den soeben erlittenen Schaden noch nicht richtig verdaut hatten und – wie wir ja auch – letztlich froh waren, dass etwas in Sachen Schadensbeseitigung passierte. VB musste so auftreten, um die Professionalität der GERESA zu unterstreichen – wir können das und wir wissen, wie wir es machen müssen. Das duldet keinen Widerspruch. Im Gegenteil: Aktionismus war angesagt.

Ich nahm mein Handy aus der Tasche und rief zum zweiten Mal an diesem Vormittag Frau Silves an. Letztlich war sie auch die Lösung für den rätselhaften Auftritt von VB & Co., denn nach erster Inaugenscheinnahme unseres Brandschadens vor etwa zwei Stunden hatte sie sofort beim Gebäudeversicherer angerufen und den Schaden gemeldet. Und die hatten ihren Apparat routiniert in Bewegung gesetzt und offensichtlich der GERESA die Sanierung angeboten.

Wir gingen wieder zu den Nachbarn, um die Mitbewohner über unsere neuen Besucher zu informieren. Unterwegs trafen wir Bettina und Rolf, die auf der Straße geblieben waren, als die Brandermittler uns in unsere Wohnung gebeten hatten.

„Na, wie isset“, wollte Rolf in seinem auch nach vielen Jahren in Süddeutschland nicht abgelegten Gelsenkirchener Slang wissen, „hat die Kripo die Brandursache gefunden?“

„Ja, scheint so. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat sich unsere neue Einblasdämmung nicht mit der Hitze unserer Deckenstrahler vertragen – genau das hatte ich ja immer wieder gegenüber dem Handwerker problematisiert. Tatsächlich ist das Feuer wohl über dem letzten Strahler im Wohnzimmer ausgebrochen. Mir will nur noch nicht in den Kopf, wodurch die große Hitze entstanden sein soll. Muss Theresa mal gelegentlich fragen, ob sie die Lampen noch lange hat brennen lassen, nachdem wir ins Bett gegangen sind. Allerdings hat der Brandermittler auch gesagt, dass wir vielleicht schon seit Wochen einen schönen Schwelbrand im Dach gehabt haben können.“

„Und gibt man Euch eine Mitschuld, weil Ihr die Dinger selbst eingebaut habt?“

„Nee, zum Glück nicht. Jeder, der etwas Neues macht, muss sich die bestehende Situation ansehen und darauf reagieren. Und der Handwerker hatte ja etliche Strahler rausgezogen um zu messen, wie viel Zellulose er einblasen konnte. Spätestens dabei hat er doch gesehen, dass sie keine Hütchen aus Keramik hatten, die hierfür erforderlich gewesen wären.“

„Na, das klingt ja schon mal einigermaßen beruhigend“, sagte Rolf. „Hat die Kripo auch gesagt, ob sie uns noch braucht? Wir würden sonst nämlich gerne langsam mal aufbrechen, nachdem die Feuerwehr abgerückt ist.“

„Ich denke, sie werden gleich runterkommen, machen vielleicht noch ein, zwei Fotos. Ansonsten stören sie inzwischen bestimmt dort oben, weil eben doch ein Gebäudesanierer eingetroffen ist und sich mit dem Sachverständigen der Gebäudeversicherung einen Überblick verschaffen will.“

„Ach die sind das“, kommentierte Bettina. „Die rauschten ja hier mit einer Wichtigkeit durch, als könnten sie Euer Schlafzimmer bis heute Abend wieder herrichten. Apropos: Wisst Ihr denn schon, wo Ihr die nächsten Nächte verbringt?“

„Stimmt, die traten schon ziemlich rasant auf! Eigentlich ist man in unserer Situation ja auch nicht böse, wenn ein paar Profis zügig loslegen. Und um die nächsten Nächte müssen wir uns nachher mal kümmern, irgendein Hotel in der Nähe wird schon ein Plätzchen für uns haben. Da hatten wir bisher noch keinen Kopp für, wie Ihr sagen würdet. Wir sagen jetzt schon mal Tschüs, denn wir sollen gleich mit den übrigen Hausbewohnern und der Verwaltung zur Lagebesprechung mit der GERESA antreten. Danke für Euren Besuch, danke vor allem, dass Ihr uns geweckt habt, sonst würden wir hier vielleicht nicht mehr stehen. Und fahrt vorsichtig!“

„Kopf hoch, Alter“, sagte Rolf zum Abschied. „Die werden Eure Kiste schon wieder aufbauen. In ein paar Wochen könnt Ihr bestimmt wieder zu Hause schlafen.“

„Na, da wäre ich mal vorsichtig“, antwortete Franziska, „ich gehe lieber von ein paar Monaten aus. Irgendwie kommen wir aus dem Schlamassel bestimmt wieder raus.“

Im Wohnzimmer der Nachbarn hatte sich zwischenzeitlich eine große Versammlung gebildet: Neben unseren fünf Mitbewohnern und Vertretern ihrer jeweiligen Hausratsversicherungen waren Kinder und Freunde eingetroffen, um ihre Unterstützung, insbesondere aber ein Bett für die ersten Nächte anzubieten. Alle redeten wild durcheinander; entsprechend schwierig war es, die Versammlung aufzulösen und in unser eigenes Gebäude zu bitten.

„Ach, ist das alles furchtbar“, lamentierte unsere zwar hochbetagte, aber geistig völlig intakte Wohnungsnachbarin ein ums andere Mal. „Wie konnte das nur passieren?“ Und an Franziska und mich gewandt: „Jetzt haben Sie all die Jahre so viel Zeit und Arbeit in die Renovierung Ihrer schönen Wohnung gesteckt, und nun ist womöglich alles vernichtet! Ist das alles furchtbar“, wiederholte sie.

Ich ignorierte ihr Lamento und versuchte, mir in dem allgemeinen Stimmengewirr Gehör zu verschaffen:

„Darf ich mal kurz unterbrechen?“, startete ich den ersten Versuch, „nebenan sind Vertreter der Gebäudeversicherung und eines Sanierungsbetriebs eingetroffen, um…“. Zwecklos, der Lärmpegel stieg, um den Störenfried zu übertönen.

„Hallo, liebe Mitbewohner!“, versuchte ich es erneut, „darf ich mal kurz um Ihre Aufmerksamkeit bitten?“

Auch hierauf gab es keine Reaktion – wahrscheinlich war meine Stimme einfach zu kraftlos. Inzwischen war Franziska von einem zum nächsten gegangen und hatte alle einzeln gebeten, ihre Gespräche zu unterbrechen. Nach einer Weile ebbten die Stimmen ab, und die Mitbewohner folgten uns auf unser Grundstück, denn hier würden sie ja nun erfahren, wie es weiterging.

VB, Krämer und die anderen Herren kamen gerade aus dem Haus, so dass die gestresste COM-Sanierung glücklicherweise keinen unnützen Leerlauf in Kauf nehmen musste. Sie war aber ohnehin auf dem Absprung:

„Dies hier ist Herr Neumann“, stellte sie uns einen ihrer Begleiter vor. „Herr Neumann ist Projektleiter und wird Ihnen nun erzählen, wie das hier alles weitergeht. Ich muss zum nächsten Fall, ist ja noch mehr passiert“, verkündete sie mit der größten Selbstverständlichkeit und stöckelte wie ein Flamingo beim Balztanz davon.

Nur keine überflüssige Energie verschwenden, dachte ich, nachdem sie grußlos und ohne die in unserer Situation möglicherweise angebrachten guten Wünsche gegangen war. Im Grunde hatte ich ja auch gar keine entsprechende Erwartungshaltung.

„Wer war das denn?“, wollte unser alter Wohnungsnachbar wissen. Wie seine Frau, durfte auch er sich eines völlig intakten Oberstübchens erfreuen.

„Das war Frau Balkhausen, unser Chief Operating Manager“, erläuterte Neumann dem alten Herrn wenig hilfreich. „Sie entscheidet darüber, welche Projekte wir annehmen und welche nicht. Ist die Hausverwaltung inzwischen eingetroffen?“, wandte er sich mit seiner erschöpfenden Auskunft an mich.

„Vielleicht können Sie uns erst mal sagen, wer Sie eigentlich sind und wer sie geschickt hat“, bat nun eine andere Mitbewohnerin. „Uns wurde eben gesagt, Sie seien Mitarbeiter eines Sanierungsunternehmens.“

„Stimmt“, bestätigte Neumann, „wir sind von der GERESA, die sich um derartige Brandschäden kümmert. Entschuldigung, hier ist meine Karte.“ GERESA GmbH, stand dort zu lesen und: Jürgen Neumann, Projektleiter. Anschrift, Telefonnummern, Email. That’s it – what will you more?

„Und was haben Sie uns nun konkret zu erzählen, Herr Neumann?“, fragte Franziska ihn in ihrer zielführenden Art.

„Der Sachverständige – Herr Krämer –, Frau Balkhausen und ich sowie unsere anderen Kollegen sind nach erster Inaugenscheinnahme übereinstimmend zu dem Ergebnis gekommen, dass hier ein sehr schwerer Schaden vorliegt und der gesamte Dachstuhl des Hauses abgerissen und wieder aufgebaut werden muss. Wir gehen ferner davon aus, dass die Wasserschäden in den Erdgeschosswohnungen getrocknet werden können.“

Während er sprach, schaute ich mir seine Kollegen an. Der eine, so um die vierzig, schien mehr oder weniger an seinen Lippen zu kleben und nickte ständig akklamierend. Den zweiten taxierte ich auf Anfang bis Mitte fünfzig. Er wirkte ruhig und sachlich und hörte ohne erkennbare Gefühlsregung zu. Der dritte war deutlich jünger als die beiden anderen, was er durch seinen topmodischen Haarschnitt unterstrich: Rasierte Schläfen bis zur Schädeldecke, die von einem gegelten Kamm gekrönt wurde. Dazu grinste er ständig, hatte einen leicht wirren Blick und schien sich im Übrigen nicht wirklich für die gesamte Szenerie zu interessieren. Wahrscheinlich ein Azubi oder Praktikant, der einfach den ganzen Tag nur mitlaufen soll, dachte ich, unwichtig.

„Das mit der Trocknung“, wandte ich ein, „dürfte wohl nicht ganz einfach werden. In den Fußböden liegen elektrische Heizschleifen.“

„Alles kein Problem“, erwiderte Neumann, „selbstverständlich werden wir Probebohrungen durchführen, um festzustellen, ob Wasser in die Böden eingedrungen ist. Notfalls gibt es geeignete Trocknungsverfahren, kein Problem“, wiederholte er.

Endlich traf Frau Silves ein, der Neumann ebenfalls vortrug, dass die GERESA die Sanierung des Gebäudes durchführen und er noch heute Kollegen vorbeischicken würde, um das offene Dach abzuplanen.

„Wir müssen nur noch überlegen, wie man mit Geräten und Material an das Haus herankommt. An den Garagen kann man ja alles nur händisch vorbeitragen, das kostet viel Zeit und wird extrem teuer. Aber das beraten wir im Büro“, verabschiedete er sich mit seinen Leuten.

Einigermaßen verdattert ließen sie uns Hausbewohner und Frau Silves zurück. Einerseits war niemand böse, dass zeitnah etwas passierte, andererseits fragten wir uns, ob es einem geordneten Verfahren entsprach, dass die Brandversicherung uns Eigentümern einen Sanierungsbetrieb gewissermaßen vor die Nase setzte. Es lohnte aber auch nicht, darüber nachzudenken, denn wir alle kannten keine Alternative.

Rothenburgsort

„Was ist also alles zu tun?“, fragte Peter Schröder in die Runde, „lassen sich die Wohnungen mit Pinsel und Farbe wieder herrichten?“

„Ausgeschlossen“, antwortete Jürgen Neumann. Er und seine Kollegen saßen bereits eine Stunde nach Besichtigung unseres Brandschadens in Schröders großzügigem Büro an seinem imposanten Besprechungstisch. Er war der alleinige für Sanierung zuständige Bereichsleiter der GERESA, während zwei seiner Kollegen für das Hauptgeschäft, die Gebäudereinigung, verantwortlich waren.

„Das Dach ist offen, der Dachstuhl ist teilweise ausgebrannt, die Trockenbauzimmerdecken sind entweder heruntergefallen oder haben zumindest Löcher, die Möbel in den oberen Stockwerken kannste vergessen, die beiden oberen Wohnungen sind absolut unbewohnbar. In die Erdgeschosswohnung links sind große Mengen Löschwasser eingedrungen, da wird man zumindest um eine Komplettrenovierung nicht umhin kommen.“

„Und was sagt Krämer?“, wollte Schröder wissen.

„Krämer brauchte – wie wir selbst ja auch – keine drei Minuten für seine Einschätzung, dass das Gebäude zumindest bis zum Trauf komplett abgetragen und wieder aufgebaut werden muss“, erläuterte Svenzke.

Thorsten Svenzke war einer der erfahrensten Architekten bei der GERESA, der in seiner ruhigen und umsichtigen Art schon bei zahlreichen durch Feuer oder Wasser zerstörten Gebäuden den erfolgreichen Bauleiter unter Beweis gestellt hatte. Bislang war es ihm auch regelmäßig gelungen, mit der von der Versicherung vorgegebenen Kostenobergrenze, der von ihr ermittelten Schadenssumme, auszukommen – zum einen, weil er sich im Vorfeld des Schadengutachtens mit Sachverständigen wie Krämer zusammensetzte und seine Erfahrungen und Fachkompetenz frühzeitig einzubringen versuchte, zum anderen, weil er es ablehnte, die Gewerke ausschließlich nach dem günstigsten Angebot zu beauftragen. Sofern er nicht aufgrund vorangegangener Leistungen um deren handwerkliche Qualität wusste, zog er gegebenenfalls Erkundigungen hierzu ein. Denn „Pfusch wird teuer, und teuer können wir uns nicht leisten“, lautete seine Devise. Hinzu kam, dass Anbieter für von der GERESA ausgeschriebene Leistungen regelrechte Dumpingangebote vorlegten, weil sie sich lukrativere Anschlussaufträge erhofften. Svenzke hatte eine ziemlich klare Vorstellung, wie sie bei derartigen Preisen trotzdem noch etwas verdienen konnten. Das Thema Mindestlohn oder die Frage nach einer deutschen Arbeitserlaubnis sollte man in diesem Zusammenhang jedoch besser vermeiden, wie es auch um das Qualitätsbewusstsein derartiger Anbieter in den meisten Fällen nicht zum Besten stand.

„Das Problem hierbei ist nicht“, fuhr er fort, „dass das Gebäude hierzu natürlich komplett eingehaust werden muss. Das machen wir ja alle Tage. Problematisch ist vielmehr die besondere Lage des Objekts. Das Haus liegt etwa fünfzig Meter von der Straße entfernt und ist weder mit Lkw noch mit Kränen erreichbar.“

„Handelt es sich denn um ein Pfeifenstielgrundstück?“, wollte Schröder wissen, „und gibt es dort keine Pkw-Zufahrt“?

„Ich hab‘ vorhin mal ein paar Aufnahmen gemacht“, schaltete sich Neumann ein. „Da ist deutlich zu sehen, dass das Wohngebäude hinter vier Einzelgaragen steht, an denen nur ein Gartenweg von eins fünfzig Breite vorbeiführt.“

„Dann muss man eben eine der Garagen wegknacken“, stellte Schröder fest. „Eine händische Einhausung in dieser Größe – das sind bestimmt vierhundert Quadratmeter Dachfläche und fünfzehn Meter Gerüsthöhe“, schätzte er anhand Neumanns Aufnahmen, „kann ja keine Sau bezahlen. Wie ist die Zuwegung zu den Garagen?“

„Gepflasterte Betonverbundsteine, nur in Pkw-Breite und mit einer geschätzten Belastbarkeit von fünf Tonnen“, antwortete Svenzke, „könnte man durch Rodung erweitern.“

„Dann erkundigt Euch meinetwegen mal bei Gerüstbauern, Zimmerern und Dachdeckern, was sie mit und ohne Lkw- und Kranzufahrt haben wollen. Ich gehe jede Wette ein, dass eine neue Garage billiger wird. Was ist sonst zu berücksichtigen? Müssen Fenster und Türen erneuert werden?“

„Klar“, meinte Svenzke, „neben den Wohnräumen im Dachbodenbereich gibt es auf beiden Seiten des Hauses große Gauben mit Fenstern. Die fliegen natürlich beim Abriss alle raus.“

„Ok“, resümierte Schröder, „insgesamt scheint das Haus doch rechtzeitig gelöscht worden zu sein und kann überwiegend stehenbleiben. Dach runter, neues Dach wieder drauf, paar Fenster rein, paar Trockenbauwände, tapezieren und streichen. Sollte eigentlich kein allzu großes Problem werden“, meinte er in seiner nassforschen Art zwischen Großspurig- und Oberflächlichkeit. „Wer also übernimmt die kleine neue Baustelle?“, schloss er mit der von Allen befürchteten Frage.

Die GERESA war schon in den 1960er Jahren als öffentliches Unternehmen der Stadt gegründet worden, um die zahllosen Räumlichkeiten der Universität professionell und in einheitlichem Standard zu reinigen. Vor einigen Jahren waren dem Staatsbetrieb jedoch derartige Reinigungsaufträge zuhauf weggebrochen, nachdem sie, wie viele andere Dienstleistungen auch, infolge des EU-Rechts ausgeschrieben werden mussten und zunehmend private Anbieter auf den Markt traten. Da öffentliche Unternehmen grundsätzlich ohne Gewinnerzielungsabsicht arbeiten, wäre es für die GERESA ein Leichtes gewesen, sich den veränderten Marktgegebenheiten anzupassen und den Personalkörper im Zuge der natürlichen Fluktuation zu verringern. Stattdessen hatte Anfang der 1990er Jahre der damalige Vorstand nach einem nahezu banalen Ereignis die Idee, neben den Reinigungsdiensten einen zweiten Geschäftsbereich „Gebäudesanierung“ zu eröffnen, zumal dabei stets auch Reinigungsarbeiten anstanden. Außerdem konnte er so der wachsenden Akademisierung des Arbeitsmarkts Rechnung tragen, indem das Unternehmen immer mehr Ingenieure und Architekten einstellte.

Damals hatte in einem Chemielabor der Universität an der Grindelallee ein Versuch mit Magnesium zu einem Feuer in einem Übungsraum geführt, dessen Folgen sich nicht allein durch Reinigung beseitigen ließen. Vielmehr mussten die Deckenverkleidung und die Elektrik erneuert, der Fußbodenbelag ausgetauscht und die Wände neu verputzt und gestrichen werden. „Kriegen wir hin“, behauptete der damalige Geschäftsführer und trat mit eigenem Personal, einem Maler sowie einem Elektrofachbetrieb den Beweis an. In der Folge hat sich das Unternehmen umfirmiert: Aus der GEREG mbH wurde die GERESA GmbH. Seitdem wuchs der Bereich Sanierung stetig und ausgesprochen ertragreich.

„Also, ich hab immer noch die Bismarckstraße am Hals, dazu die Wasserschäden in Neumühlen und das Altenheim in Rosengarten“, zählte Svenzke seine aktuellen Sanierungsobjekte auf. In der Bismarckstraße in Eimsbüttel hatte es 2014 in einem alten Gebäude mit 24 Wohnungen nach Schweißarbeiten auf dem Dach gebrannt. Obwohl das Feuer keine einzige Wohnung zerstört hatte, war das ganze Haus unbewohnbar, nachdem riesige Mengen Löschwasser vom Dach bis in den Keller gelaufen waren. Die Sanierung zog sich bereits ins zweite Jahr, weil die Denkmalschützer die Arbeiten mit immer neuen Auflagen verzögerten.

„Und ich habe nach wie vor den Bauernhof in Iserbrook, die Schule am Vossbarg und den Umbau der JVA Neuengamme“, erinnerte Neumann. Streng genommen stand die Schule zwar im niedersächsischen Neu Wulmsdorf und damit außerhalb des eigentlichen Zuständigkeitsbereichs eines hamburgischen öffentlichen Unternehmens; und der längst überfällige Umbau der Haftanstalt hatte hingegen kaum etwas mit dem Thema „Sanierung“ zu tun, aber es handelte sich immerhin um ein öffentliches Gebäude. Die Gemeindeverwaltung Neu Wulmsdorf und die Hamburger Justizbehörde waren indes äußerst dankbar, dass ein staatliches Unternehmen für sie die Bauaufsicht führte, mit der sie hoffnungslos überfordert gewesen wären. Die GERESA tat ihnen gerne den Gefallen, denn sie kassierte auch hierbei allein für die Koordinierung und Überwachung der Bauarbeiten eine Pauschale von fünfzehn Prozent – angesichts der Auftragsvolumina ein Vielfaches von Neumanns Gehalt.

Mit an Schröders Besprechungstisch saß der junge Fischer, der erst vor wenigen Monaten die Fachhochschule verlassen und nicht zuletzt dank seines forschen Auftretens bei der GERESA seinen ersten Job als Architekt gefunden hatte. Er war bislang bei Neumann und Svenzke nur mitgelaufen und hatte ein paar kleinere Aufträge erhalten, bei denen Svenzke sorgfältig darauf geachtet hatte, dass sie nicht seine mit viel Geduld und einigem diplomatischen Geschick aufgebauten guten Kontakte zur Brandversicherung, zu diversen Gewerken und zu Sachverständigen gefährden konnten. Denn er hatte allzu schnell erkennen müssen, dass Fischer regelmäßig ein für sein Alter und seine fehlende Berufserfahrung unangemessenes, oft sogar nicht nachvollziehbares Selbstbewusstsein an den Tag legte. Neumann hingegen betrachtete den neuen Kollegen entspannter. Im Laufe der Jahre hatte er sich zunehmend die Einstellung von Schröder zu Eigen gemacht, wonach er auf alle Fälle möglichst selten Überstunden machen wollte, um sich seinem eigenen Hausneubau und dem Golfspiel widmen zu können. Im Übrigen war Neumann in der Regel nicht böse, wenn andere die Arbeit erledigten. Frühzeitig hatte er auch begriffen, dass es im Sanierungsgeschäft häufig nicht auf den letzten Feinschliff ankam, weil die Opfer von Brand- und Wasserschäden in erster Linie überhaupt wieder in ihre gewohnte Behausung und Umgebung zurückziehen wollten. Insoweit war er auch froh, dass die GERESA Anfang des Jahres eine weitere Stelle mit einem Architekten besetzt hatte, der kurz über lang einige Sanierungsprojekte würde übernehmen können. Erfahrungsgemäß war eine eigenverantwortliche Übernahme derartiger Aufgaben vor Ablauf eines Jahres als „Mitläufer“ allerdings kaum denkbar.

„Muss ich wohl akzeptieren“, beantwortete Schröder schließlich seine eigene Frage, nachdem er freiwillige Begeisterung für eine weitere Baustelle nicht erkennen konnte, „dass Thorsten und Jürgen mit den aktuellen Objekten schon einigermaßen ausgelastet sind. Andererseits kann ich mir aber auch nicht vorstellen, dass das Dach unseres neuen Objekts hier nicht auch noch von Euch beaufsichtigt werden könnte.“

Svenzke schluckte angesichts Schröders geringschätziger Bemerkung, ließ sich aber in seiner loyalen Art nichts anmerken. Regelmäßig kam er auf eine 65-Stunden-Woche, Urlaub hatte er in den ersten fünf Monaten des Jahres noch nicht nehmen können, und einmal im Monat musste er Wochenendbereitschaft und damit den gesamten Bereich von Schröder abdecken. Und „beaufsichtigen“ war eine sehr freundliche Umschreibung dessen, was ein Bauleiter zu leisten hatte. Einer der größten Zeitfresser bestand in der Suche, Beauftragung, Koordinierung und qualitativen Überwachung der regelmäßig zahlreichen einzusetzenden Gewerke. Darum hatten Vorgesetzte wie Schröder sich ja nie kümmern müssen.

Der hatte indes keine andere Wahl, als auch die Wiederherrichtung unseres Wohnhauses einem seiner Mitarbeiter aufzudrücken. Denn seine ehrgeizige Kollegin Balkhausen hatte der Brandversicherung faktisch schon vor Besichtigung des neuen Schadensfalls zugesagt, dass die GERESA auch hier bereit war, die Rolle des Sanierungsträgers auszuüben. Im Grunde war er jedes Mal stinkig, wenn die Balkhausen sich mit dieser Masche in seinen Verantwortungsbereich einmischte, aber letztlich trug sie damit ebenso regelmäßig zum guten Ergebnis des Unternehmens bei. Vor diesem Hintergrund war es Schröder ziemlich egal, ob die Kollegen in den unteren Etagen etwas mehr zu tun hatten, denn er blieb vom operativen Geschäft weitgehend verschont.

„Wie wäre es denn“, wandte er sich nun an Fischer, nachdem er gemerkt hatte, dass von Neumann und Svenzke Gegenwind zu erwarten sein würde, „wenn unsere Neuerwerbung ihre Krabbelgruppe vorzeitig verlässt und mit dem kleinen Übungsobjekt etwas Praxistauglichkeit unter Beweis stellt?“

Boris Fischer hatte hierauf gewartet und gehofft. Schließlich war es ihm vom ersten Tag an zu langweilig gewesen, immer nur im Windschatten der älteren Kollegen mitzulaufen, statt selbst die einzelnen Gewerke beauftragen und vor allem zeigen zu können, dass er über die weitaus aktuelleren Kenntnisse zu Materialien und modernen Techniken verfügte. Außerdem gingen ihm Svenzkes betuliche Art und sein pingeliger Anspruch an die Beachtung von gültigen Normen und sonstigen Bauvorschriften gegen den Strich. Nicht umsonst hatte er sich darum bemüht, im Sanierungsgewerbe einen Fuß in die Tür zu bekommen, nachdem er schon während des Studiums feststellen musste, dass ihm das Auswendiglernen von oft überzogenen oder gar überflüssigen Vorgaben und die Berechnung von Koeffizienten und Vergleichsparametern in der Planungsphase viel weniger lagen als die Umsetzung der Pläne selbst. Damit bewegte er sich also eher im Fahrwasser von Neumann, nämlich einer sich insbesondere bei Sanierungen anbietenden Toleranzbereitschaft; dass manches Gesamtergebnis und zahlreiche Detaillösungen jeden Bausachverständigen zur Weißglut bringen würden, interessierte ihn nicht.

„Klar Herr Schröder“, erwiderte Fischer also, „ich muss zwar noch die Pläne für fördern & wohnen fertigstellen, aber das werde ich nebenbei sicherlich schaffen. Wenn Sie mir das also schon zutrauen wollen…“, vergewisserte er sich vorsichtshalber, obwohl für ihn völlig klar war, dass er eine so kleine Baustelle mit Leichtigkeit würde betreuen können.

„Das wirst Du schon hinkriegen“, antwortete Schröder, der jeden Mitarbeiter duzte, umgekehrt dies für sich selbst hingegen erst zuließ, wenn sich langjährige Gefolgschaft oder sogar Freundschaften gebildet hatten. „Außerdem lassen wir Dich damit ja auch nicht im Regen stehen. Du weißt, dass Du Dir jederzeit Rat und Hilfe bei Deinen Kollegen und selbstverständlich auch bei mir holen kannst. Am besten lässt Du Dir von Jürgen Neumann erst mal eine Liste der mit uns zusammenarbeitenden Gewerke geben und schickst einige von denen auf die Baustelle. Sobald Krämer sein Schadengutachten fertig hat, müssen wir auch Angebote vorliegen haben, um diese mit dem Kostenrahmen vergleichen zu können.“

„Weiß ich“, sagte Fischer, „ich denke, ich mache mich zunächst an eine Zusammenstellung, welche Gewerke überhaupt benötigt werden. Zuerst wird doch sicherlich ein Abbruchunternehmen gebraucht.“

„Klar“, antwortete Schröder, „davon haben wir seit Jahren einige an der Hand. Zum Glück kommt es da ja nicht so sehr darauf an, ob die was kaputtmachen oder nicht“, schloss er und wieherte voller Freude über seinen gelungenen Joke lauthals. „Dann mal an die Arbeit, meine Herren“, beendete er die Besprechung in dem glücklichen Bewusstsein, so schnell eine Lösung gefunden zu haben. Das wird für den jungen Fischer zwar vielleicht ein Sprung ins kalte Wasser, dachte er, aber dann soll er mal zeigen, was er drauf hat.

Kapitel 3

Sasel

„Lass uns noch mal rübergehen“, schlug Franziska vor, „und schauen, ob wir uns einen groben Überblick über die einzelnen Zimmer machen können. Ich würde zu gerne wissen, was völlig platt und was noch zu retten ist. Das Wohnzimmer mit dem großen Loch in der Decke sah ja nicht so toll aus. Und an oben mag ich gar nicht denken.“

„Klar, geht mir genauso. Müssen nur höllisch aufpassen, dass uns nicht ein paar Dachbalken auf den Kopf fallen. Ich hole mal unsere Fahrradhelme aus der Garage und meine Gartenschuhe mit den dicken Sohlen aus dem Keller. Ist vielleicht besser als nichts.“

Mit gemischten Gefühlen betraten wir also erneut das Haus, in dem wir so viele glückliche Jahre verbracht hatten. Alle Wohnungstüren standen offen und in der Wohnung unter uns war es stockdunkel, weil sämtliche Rollläden seit dem Vorabend geschlossen waren und wegen der gezogenen Hauptsicherungen auch nicht hochgefahren werden konnten. Die Nachbarwohnung unten schien weitgehend unversehrt; in der Wohnung unserer alten Nachbarn klafften etliche Löcher im Dachstuhl, außerdem gab es hier an Inventar und Wänden Schäden durch Löschwasser. Den absoluten Vogel hatte hingegen unser Domizil abgeschossen, weil durch das Loch in der Wohnzimmerdecke unentwegt Wasser tropfte und das gesamte Obergeschoss eigentlich nur noch das Prädikat „Schutthalde“ verdiente.

Nachdem wir in der unteren Etage festgestellt hatten, dass zumindest unser Esszimmer, die Küche und das Duschbad völlig unversehrt geblieben waren, stapften wir zögerlich die halb verkohlte, halb mit Schutt und Asche bedeckte Treppe nach oben, wo zunächst die Alu-Einschubtreppe zum Spitzboden in merkwürdiger Verrenkung auf dem Flur lag, nachdem ihr hölzerner Einbaurahmen verbrannt war. In die beiden Zimmer sowie das obere Bad zu gehen, trauten wir uns nicht, aber ein Blick durch die Türen reichte: Ein Dach gab es hier praktisch nicht mehr, die Fußböden lagen voller Dachpfannenteile und Dachbalken sowie Reste der Dämmwolle, im Bad waren die Spiegel zersplittert. Die Feuerwehr hatte diverse Schränke und Kommoden umgeworfen, um an Brandnester heranzukommen, auf unserem Bett stapelten sich Dachlatten, Dämmwolle und Asche. Wie es in den Schränken aussah, mochten wir uns zu diesem Zeitpunkt erst gar nicht vorstellen.

Unten rief jemand nach uns. Es war Herr Gierstein vom Schadensregulierungsdienst der Hausratsversicherung. Bis wir die Treppe wieder vorsichtig hinuntergegangen waren, hatte er sich offensichtlich schon einen ersten Überblick über die untere Etage unserer Wohnung verschafft. Er machte einen ruhigen, sachlichen und sympathischen Eindruck.

„Das sieht ja ziemlich schlimm aus, was Ihnen hier passiert ist“, kommentierte er, „aber das meiste hier unten dürfte sich sicherlich restaurieren lassen, sofern es uns gelingt, die Möbel möglichst schnell aus dem Wasser zu räumen.“

„Mag sein“, sagte ich, „oben hingegen ist wohl kaum noch was zu machen. Allerdings wissen wir noch nicht, wie es in den Schränken aussieht.“

„Leider konnte ich Herrn Breitner von unserem Sanierungsdienst nicht mitbringen, weil er in einem anderen Schadensfall dringend eine Wohnung leerräumen muss. Er hat mir aber zugesichert, sich morgen ab acht Uhr um Ihre Wohnung zu kümmern. Er wird mit Ihnen entscheiden, was noch zu gebrauchen ist, was saniert werden kann, was nur noch Schrottwert hat und was Sie für Ihre Zwischenunterkunft einpacken sollten. Apropos: Wissen Sie schon, wo Sie in den nächsten Tagen bleiben?“

Ich stellte fest, über die Vielzahl der heutigen Ereignisse mein stets sehr gutes Zeitgefühl verloren zu haben und schaute nach der Uhr: Viertel vor eins war es inzwischen, und bis auf ein paar kleine Häppchen bei unseren Nachbarn hatten wir auch noch nichts gegessen.

„Nein“, antwortete ich, „bislang hatten wir wirklich keine Gelegenheit, uns um eine Unterkunft für die nächsten Nächte zu kümmern. Aber wir gehen zuversichtlich davon aus, dass irgendein Hotel schon ein Bett für uns haben wird.“

„Ja, sollte man eigentlich unterstellen. Und Sie wissen inzwischen sicherlich auch, dass die Versicherung Ihnen auch eine Dauerunterkunft für die nächsten Monate vermitteln kann, oder? Denn das hier wird ja wohl eine ganze Weile dauern.“

Auch hieran hatten wir in dem ganzen Trubel noch keinen Gedanken verschwendet, sollten uns aber langsam darum kümmern. In unserer Wohnung gab es momentan nichts für uns zu tun, außer immer wieder die Fußböden aufzuwischen und das schwarze Wasser ins Klo zu kippen. Die Kühlschränke waren wegen unserer Übernachtungsgäste voll, Strom zum Kühlen gab es jedoch im ganzen Haus ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Zitronenfalter im Dixiklo" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen