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Zitronen und Oliven

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© 2018 Ralf Göring

Verlag & Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN  
Paperback 978-3-7439-7723-5
Hardcover 978-3-7439-7724-2
E-Book 978-3-7439-7725-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Heimkehr

3. Geständnis

4. Entscheidungen

5. Schritt für Schritt

6. Abschied

7. Letzte Vorbereitungen

8. Abfahrt

9. Soy Medico

10. Zitronen und Oliven

11. Der Alcalde

12. Sturm

13. Die Falle

14. Juana

15. Dr. Spooner

16. Kampfansage

17. Dr. Gonzales

18. Javier de Comte

19. Feuer

20. Chilli

21. Familie

22. Angriff

23. Ruhige Zeiten

24. Esmeralda limited

25. Showdown

26. Letzter Akt

Vorwort

An alle Semantiker, Punktesammler und Kommajäger. Ich hoffe, ich habe es dieses Mal schwerer für euch gemacht. Aber trotzdem Danke, für die vielen Infos bezüglich der Interpunktion.

Es wäre auch beim letzten Buch deutlich besser geworden, wenn ich mich an die Anweisungen meiner Lektorin gehalten hätte. Ich habe aber, aus purer Ungeduld, höchstens die Hälfte aller Korrekturen vorgenommen.

Herzlichen Dank an all diejenigen, die mir so nette Feedbacks gegeben haben. Ich muss gestehen, ich hätte den 2. Teil sonst nicht veröffentlicht.

Nun viel Spaß beim Lesen.

Nicht vergessen! Diese Geschichte ist reine Fiktion. Ich habe keinen Olivenacker :)..................(Leider)

Ralf Göring

Heimkehr

Da stand ich nun, auf dem Placa de Obradoiro und starrte die beiden Kirchtürme an. Das größte Abenteuer meines Lebens lag hinter mir und ich fühlte mich wie eine ausgehölte Wassermelone, einfach nur leer. Ich hatte auch etwas Angst, vor dem was nun kommen würde oder musste. Es war jetzt kurz vor 20 Uhr und ich sah mich nach meinen neuen Freunden um. Genau im Zentrum des Platzes sah ich sie schon stehen. Graham, Julia und Ben winkten mir zu und ich ging ihnen entgegen. Julia sprach mich als erste an: „Und, hast du Mordecai getroffen?“ Ich sah alle an und sagte dann enttäuscht: „Getroffen habe ich ihn schon, aber er ist schon unterwegs zum Flughafen. Seine nächste Expedition findet in Australien statt. Der geht auf den Great Ocean Walk.“ Ich sah nur fragende und auch sehr betroffene Gesichter. Mordecai hatte uns alle auf einem Stück des Weges begleitet und allen durch seine große Erfahrung als Psychologe geholfen. Von seinem ehemaligen Beruf wussten meine Begleiter noch gar nichts. Das sollte noch im Laufe des Abends zur Sprache kommen. Graham sagte: „Ich kenne ne Menge Lokale hier und ich weiß auch schon, in welches ich euch einlade.“ Ben war begeistert: „Also meine Pechsträhne ist definitiv vorbei. Ein nettes Mädchen kennengelernt, zwei tolle Typen dazu und ein kostenloses Essen. Wenn ich Mama zuhause benachrichtige, ruft die beim Pfarrer an und lässt das als Wunder eintragen.“ Wir lachten alle und Graham zog uns mit in Richtung der Gassen, die die Kathedrale netzförmig umgaben.

In einem wunderschönen Restaurant ganz in der Nähe belegten wir einen großen Tisch und Graham übernahm nicht nur die Kosten, sondern auch die Bestellung. Ben und Julia turtelten miteinander und ich freute mich für beide.

Das Schicksal hat es mit beiden nicht gerade gut gemeint. Julia hatte ich am Anfang meines Weges, von ihrer Arbeit als Polizistin tief traumatisiert, getroffen und Ben war ein intelligenter Nerd, der eigentlich den Jakobsweg stolpernd hinter sich gebracht hatte. Dass der keine schwereren Verletzungen in Spanien erlitten hatte, lag wahrscheinlich daran, dass er das Hinfallen so gewohnt war. Graham hingegen war der schwerste Fall den Mordecai auf seinem Pfad der Beschwerlichkeiten therapiert hatte. Nun stand ihm das Glück ins Gesicht geschrieben.

Nachdem er die Großbestellung, inklusive Wein für sich und das Pärchen, sowie ein großes Wasser für mich, abgegeben hatte, war meine Neugier nicht mehr zu halten. „Graham, entschuldige meine Ungeduld. Wie hat dir Mordecai geholfen? Du bist augenscheinlich ein neuer Mensch.“ Er nickte, und drei Menschen hingen sofort an seinen Lippen. „Ich hatte ihn die Jahre vorher schon immer mal gesehen, aber nie mit ihm gesprochen, was sich als großer Fehler herausstellte. Ich traf ihn vor dem Aufstieg zum O’Cebreiro, am sogenannten Camino Duro. Was an dem Aufstieg Duro sein sollte, erschließt sich mir heute noch nicht.“ Wir nickten alle im Einklang, weil auch wir uns über den „harten“ Camino gewundert hatten. Er fuhr fort: „Ich erzählte ihm meine Geschichte, die du ja schon kennst,“ er nickte mir zu, „und er hörte zu, ohne mich auch nur einmal zu unterbrechen. Habt ihr gewusst, dass Mordecai raucht?“ Jetzt war ich überrascht, wobei ich mir durchaus vorstellen konnte, dass er sich situativ an sein Gegenüber anpasst. Es gibt nichts Entspannenderes, als eine gemeinsame Zigarettenpause. Und schon hatte ich wieder Gelüste nach einer Flumme. Nur mittlerweile konnte ich das Verlangen sehr gut unterdrücken, genauso wie den Drang, Whiskey in mich hineinzuschütten.

Graham sprach weiter: „Als ich mit meiner Story durch war, hat er lange Zeit geschwiegen. Plötzlich sagte er zu mir: „Graham, du fliegst nach deinem Weg hier nach Argentinien und machst die Familien der Soldaten ausfindig. Gehe zu Ihnen und erzähle deine Geschichte. Lass nichts weg und füge nichts hinzu. Du wirst feststellen, dass sie dir vergeben werden. Es war Krieg und alle Soldaten, die teilnehmen mussten, waren die Opfer ihrer Regierungen.“ Wir gingen danach in die kleine Kirche und ich hatte das Gefühl, dass noch jemand in dieser Kapelle war. Jemand, den man nicht sehen konnte.“ Jetzt war ich erschüttert. Das kann doch wohl nicht sein! Ich sagte aber nichts in der Runde, das war etwas zwischen mir und Graham, das wir uns teilten, obwohl er mich gar nicht wahrgenommen hatte, als er mit Mordecai in das Kirchlein kam.

Der restliche Abend verlief lustig, ja fast ausgelassen. Man merkte, dass jedem von uns eine große Last von den Schultern genommen war. Leider konnten wir uns nicht bei dem bedanken, der sie uns abgenommen hatte. Ich war mir aber sicher, dass Mordecai genau wusste, wie dankbar wir ihm waren.

Mein Hinweis, dass er Psychiater war, hatte sie nicht überrascht, eigentlich hatte das jeder erwartet. Nach dem Austausch der Adressen verabschiedeten wir uns, sehr herzlich, voneinander. Graham würde ich sicher wiedersehen und bei Julia und Ben hoffte ich es. Früher hatte ich auch Urlaubsbekanntschaften und diverse Adresstäusche, die zu keinem Zeitpunkt zu einer Kontaktaufnahme nach der Reise führten. Zu schnell war man wieder im Alltag und der Urlaub vergessen. Hier aber war ich mir sicher, dass wir uns eines Tages wieder treffen würden.

Geständnis

Ich legte mich spät ins Bett, machte aber die ganze Nacht kein Auge zu. Ich war aufgewühlt und in meinem Kopf ging ich die komplette Strecke nochmals.

Um 6 Uhr rief mir meine Pensionswirtin ein Taxi und ich verließ, ohne Wehmut, Santiago Richtung Flughafen. Um 9 Uhr 30 flog ich nach Mallorca, von dort um 13 Uhr nach Frankfurt und hier ging mein Heimflug um 17 Uhr nach Heathrow. Ich atmete vor dem Flughafengebäude einmal tief englische Luft ein und ging die Treppe zum Bahnhof nach unten. Ich hatte Glück, da in 10 Minuten ein Zug in Richtung meiner Heimatstadt fuhr. Letztendlich stieg ich um 21 Uhr in Old Basing aus meinem Abteil. Kein Mensch weit und breit. Anscheinend war hier heute geschlossen. Ich genoss meinen 10-minütigen Spaziergang nach Hause. Seltsamerweise hatte sich während meiner Abwesenheit nichts verändert. Knappe fünf Wochen war ich nicht hier und außer, dass es empfindlich kalt war, hatte sich kein Steinchen bewegt. Bei mir zuhause brannte Licht, was mich verwunderte, weil ich wusste, dass Mary eigentlich immer um spätestens halb 9 ins Bett ging. Ihr einziges Hobby war schlafen. Das konnte sie zu jeder Zeit. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass sie schon schlief, bevor ihr Kopf das Kissen berührte. Ich läutete und hörte hastige Schritte zur Haustüre eilen. Mary riss energisch die Türe auf und schrie: „Ich hab’s geahnt!“ Sie fiel mir um den Hals und wollte mich schier erwürgen, so wie sie drückte. Wir standen wohl so um die 5 Minuten einfach nur da und hielten uns fest.

Sie löste sich langsam von mir und ich sah, was ich vorher nur selten gesehen hatte: Mary weinte und lachte zur selben Zeit. „Du weißt gar nicht, wie ich dich vermisst habe.“ Ich schob sie behutsam von mir weg.

„Mir ging’s genauso, Mary, aber kann ich jetzt meinen Rucksack abnehmen?“ Sie lachte schallend und half mir, das Ding ein letztes Mal von meinen Schultern zu hieven. Jetzt sah sie mich genauer an: „Gute Güte hast du abgenommen! Viel zu viel! Da muss wieder einiges hin!“ entschied sie vehement. Vor Stolz wuchs ich sofort ein paar Zentimeter.

Vollkommen unvorbereitet sprang mich aus zwei Meter Entfernung ein kunterbuntes Etwas an und warf mich fast zu Boden. Das war also Lucy, dachte ich mir, während der Fellbeutel mir das Gesicht wusch. „Na, ängstlich kommt mir die aber nicht vor“, sagte ich zu Mary. „Die weiß genau wer du bist, ich habe ihr jeden Tag von dir erzählt.“ Ich sah sie verdattert an: „Das ist jetzt ne Verarsche, hoffe ich!“ Mary sah mich aber ernst an: „Nein die versteht alles!“ Jetzt konnte sie sich das Lachen nicht mehr verkneifen. „Ich bin kaum 5 Minuten hier und du machst dich lustig über mich“; versuchte ich jetzt Ärger vorzutäuschen, aber Mary konnte ich nichts vormachen, dazu kannte sie mich einfach zu gut. „Was für ein Fell ist das eigentlich? Hyäne? Und alle Farben, die es gibt. Braun, weiß, schwarz und rot ist, glaube ich, auch noch dabei.“ Ich beäugte den Hund genauer und Lucy sah das als Aufforderung, mein Gesicht noch nasser zu machen. „Jetzt hör auf, dich um den Hund zu kümmern. Du hast einiges nachzuholen!“ Sie lächelte mich in einer Art an, die ich sofort verstand.

Meine Kleidung verließ explosionsartig meinen Körper und der Rest der Nacht ging in die spoonerschen Legenden ein. Pünktlich um 5 Uhr war ich wach. Ich war gespannt, wie lange ich diese innere Uhr noch haben würde. Lucy brach sich fast den Schwanz vor Wedeln und ich sattelte dieses verrückte Huhn zum ersten Spaziergang.

Tief atmete ich die kalte Luft ein und ging, mit meiner neuen Freundin, durch den dunklen Ort. Sie ging brav, ohne zu ziehen, neben mir und blieb nur ab und zu stehen, um sich eine Ecke oder einen Baum näher zu erschnüffeln. In Gedanken ging ich meine Beichte durch, die ich heute Abend vor meiner ganzen Familie ablegen wollte. Terence lud ich natürlich auch zu meiner Heimkehrfeier ein, aber der kannte meinen Pilgergrund ja schon. Heute war Samstag und ich hatte noch 2 Tage bevor ich meine Praxis wieder übernehmen musste. Ich freute mich nicht darauf, weil ich keinen Bezug mehr zu meiner früheren Arbeit finden konnte. Dieses Problem musste ich ebenfalls mit meiner Familie besprechen, ich brauchte ihre Meinungen hierzu.

Eine ganze Stunde schlenderte ich mit Lucy durch die kalte Dunkelheit, warf ihr hinter der Kirche ein paar Bälle und musste feststellen, dass dieser Köter voll am Rad drehte, wenn es um einen Ball ging. Ich konnte mich fast nicht halten vor Lachen, wenn sie nervös auf ihren Vorderpfoten tippelte und nur den Ball anstarrte. Hob ich den Wurfarm, hetzte die schon in die Richtung los, in der sie die Kugel vermutete. Den Kopf in den Himmel gestreckt, wartete sie auf den Schatten des Balles, um ihn am besten noch zu fangen bevor er auf dem Boden aufprallte.

So spielend, arbeiteten wir uns bis vor die Haustüre. Ich machte uns beiden Frühstück und sah, wie dieser Flohbeutel sein Futter nicht fraß, sondern inhalierte. Mary stand im Schlafanzug im Bad und sah mich herausfordernd an. „Mary, gib mir bitte den Tag heute noch Zeit mich zu erholen“, stöhnte ich. Sie fuhr sich mit ihren Händen lasziv an ihrem Körper entlang und lächelte mich an, bevor sie mir die Badezimmertüre vor der Nase schloss. „Ich brauche mindestens 3 Tage nach dieser Nacht“, dachte ich laut und musste lächeln als ich daran dachte. Ich rief durch die geschlossene Türe: „Wie wäre es, wenn wir die Jungs mit ihren Anhängen heute zum Abendessen einladen?“

„Gute Idee, ich hatte auch schon daran gedacht:“ rief sie zurück. Wie ein kleiner Junge fragte ich dann noch: „Darf ich Terence auch einladen?“ Sie lachte als sie antwortete: „Natürlich darf dein Freund auch zum Spielen kommen!“

„Danke Mum!“ war die logische Antwort. Gegen 10 rief ich meine Söhne an, die hocherfreut über das kostenlose Abendessen waren und im Nebensatz sagten beide, dass es auch Zeit wurde, mich mal wieder zu sehen. Keiner ahnte, wie sehr ich mich vor diesem Abend fürchtete. Alles was man fürchtet kommt immer schneller, als das, was man ersehnt.

Kaum hatte ich über meine Worte nachgedacht, war der Abend da und mit ihm das gefürchtete Abendessen. Terence hatte ich auch nicht eingeweiht, um seinen guten Ratschlägen zu entgehen. Die Begrüßungen fielen sehr herzlich aus und ich drückte meine beiden Enkelkinder besonders fest an mich. Jason lief auf mich zu, mit kleinen wackligen Schritten.

Ich musste eine Träne verdrücken, so stolz war ich auf den Kleinen. Während des Essens gab ich ein paar Geschichten zum Besten und der Münchner Lucki war wieder der Brüller. Ich sah aber auch ernste Gesichter, besonders bei meinem Ältesten, als ich die Geschichten von Julia und Graham erzählte. Mordecai ließ ich noch aus, denn den brauchte ich für mein Geständnis.

Um 20 Uhr wurden die Kleinen ins Bett gebracht und ich wappnete mich für meine Geschichte. Als wieder alle am Tisch saßen, stand ich auf und sagte: „Und jetzt erfahrt ihr meine eigene Story und auch den Grund warum ich euch belogen habe!“ Ernste Gesichter starrten mir entgegen und ich begann ihnen meine Geschichte unverblümt zu erzählen.

Ich wurde kein einziges Mal unterbrochen, nur als ich von meinem Versagen in Pamplona sprach, schluchzte Mary auf, blieb aber tapfer sitzen. Nach einer knappen halben Stunde hatte ich fast alles gesagt, nur Mordecai fehlte noch und es herrschte eine unheimliche Stille im Raum. Terence sah mich bewundernd an und Josh, mein Ältester, stand abrupt auf, nahm alle Gläser vom Tisch und verließ wortlos den Raum. Keiner sagte etwas und ich hatte das Gefühl, dass alle auf irgendeine Art und Weise gelähmt waren. Josh kam zurück ins Esszimmer, stellte vor jeden ein neues Glas hin und daneben eine große Flasche Wasser. Dann kam er auf mich zu, umarmte mich und sagte mit erstickter Stimme: „Danke, dass du uns so vertraust, um so ein Geständnis zu machen. Ich weiß nicht, ob ich mich das getraut hätte.“ Ich hatte einen Kloß im Hals, als ich ihm antwortete, „Ich war viel zu spät dran!“

Jetzt stand auch Jake vor mir und umarmte mich. „Wenn du aber jetzt glaubst, ich trinke hier kein Bier mehr, hast du dich geschnitten!“ Er lachte mich an und drückte mich, „Ich bin stolz auf dich!“ Ich konnte nicht mehr anders und verließ weinend den Raum. Nur Mary folgte mir in die Küche. „Eigentlich sollte ich dir böse sein, aber ich kann auch verstehen, dass du mich belügen musstest. Mir wäre es um keinen Deut besser gegangen. Jetzt komm wieder zurück und erzähle uns den Rest deiner Geschichte.“

Ich ging also zurück und erzählte nun den Rest der Geschichte, inklusive Mordecai, und ich hatte das Gefühl, dass mir meine Familie noch nie so intensiv zuhörte, wie bei dieser Schilderung. Terence war so stolz auf mich, dass ich mich fragte, wann der mich adoptiert hatte. Der restliche Abend war entspannt, nur die Erklärung von Mary erzeugte nochmal eine leichte Beunruhigung meinerseits. „Ich verspreche es hier hoch und heilig, sollte ich dich noch einmal mit Whiskey sehen, passiert das Gleiche, als würde ich dich mit einer anderen Frau erwischen: Ich kastriere dich und zur Betäubung trete ich dir vorher ins Gemächt!“

„Mum, wir hören zufälligerweise mit“, protestierte Jake und hielt sich den Bauch vor Lachen. Josh sagte: „Diesen Mordecai würde ich sehr gerne kennenlernen. Anscheinend macht sich der auf die Suche nach Hilflosen auf allen Wegen dieser Welt.“ Ich nickte bestätigend: „Er tat mir ein bisschen leid, weil er eigentlich seine Einsamkeit damit bekämpft. Aber mittlerweile hat er bestimmt schon 1000 Freunde. Ein ruheloser Geist unterwegs um Seelen zu heilen. Bei mir hat er aber noch mehr losgetreten.“ Jetzt hatte ich wieder die absolute Aufmerksamkeit aller Anwesenden.

Ich fuhr fort: „Ich weiß noch nicht, ob ich als Mediziner weitermachen möchte. So wie es momentan ist, auf alle Fälle nicht. Ich bin jetzt 54 und habe vielleicht die Chance, noch etwas zu verändern. Ich meine damit nicht nur mich, sondern auch anderen richtig zu helfen und nicht nur, indem ich ihnen teure, nutzlose Medikamente verordne. Entweder ich sattle komplett um und mache auf Homöopathie oder gehe vollkommen weg von der Medizin. Letzteres ist mir am sympathischsten, weil ich meinem Job einen großen Teil Schuld an meiner Alkoholmisere gebe und ich nicht glaube, dass sich die Schulmedizin und die Homöopathie so miteinander kombinieren lassen, dass es wirtschaftlich rentabel wäre. Ich habe es satt, weiterhin die Bitch dieses Systems zu spielen!“

Große Augen starrten mich schweigend an, bis Mary sich schließlich überwandte und sagte: „Mir ist egal, wo unser Weg hingeht, aber vergiss nicht, dass deine Entscheidung uns alle betrifft und wir beide nicht mehr die Jüngsten sind. Ich möchte nicht, dass wir uns nochmals hoch verschulden und wir unseren Kindern einen Kredit hinterlassen.“ „Ja Dad, hör auf deine Frau“, wandte Josh lächelnd ein und fügte ernst hinzu, „wegen uns brauchst du dir keine Sorgen machen. Eine Erbschaft kann man ausschlagen und uns als Grund für eine verpasste Chance anzugeben wäre unfair. Eure Söhne können sehr gut für sich selbst sorgen!“ Ich verstand beide und entschärfte das von mir Gesagte, „Das wird bestimmt keine ad-hoc-Entscheidung. Ich wollte nur sagen, dass es so wie bisher nicht weitergeht . Ich werde es mir nicht leichtmachen, das verspreche ich euch. Ich bitte euch nur um Unterstützung bei meiner Entscheidungsfindung.“ Meine Söhne und Schwiegertöchter nickten mir aufmunternd zu.

Terence beließ es bei einem Augenzwinkern. Normalerweise hatte der immer einen Kommentar auf der Platte. Ich war mir aber sicher, dass die nächsten Tage noch was kommen wird. Jake fügte noch, an die anderen gewandt, hinzu: „Ist euch aufgefallen, dass Dad von den 10 Kilos, die er abgenommen hat, beim Abendessen locker zwei wieder zugenommen hat?“

Alle brüllten vor Lachen, sogar ich, obwohl ich Anspielungen auf mein Gewicht immer gehasst hatte.

Es folgte ein langer Abend bis fast früh in den Morgen und wir stellten fest, dass man ohne Alkohol noch besser die Nacht durchzechen konnte. Um vier Uhr Früh gingen alle zu Bett. Ich aber schnappte mir die Leine, einen hocherfreuten Hund und drehte glücklich und zufrieden eine lange Ortsrunde.

Entscheidungen

Es kam was kommen musste, nämlich der Montag und mit ihm mein erster Arbeitstag. Als ich in die Praxis kam, standen meine Mädchen Spalier und ich sah in lächelnde Gesichter. Als ich alle gedrückt hatte, was meine Angestellten sehr wunderte, da ich nicht der „Umarmer“ war und lieber respektvollen Abstand hielt, musste ich doch fragen: „Wo sind die Patienten? Normalerweise ist um die Zeit das Wartezimmer voll.“ Doris ergriff das Wort: „Ihre liebe Vertretung hat alle aus der Praxis geekelt und ist seit einer Woche gar nicht mehr zur Arbeit erschienen. Ihr Freund, Percy, kann den Andrang in seiner Praxis nicht mehr bewältigen. Ach ja, die Rechnung für die Vertretung hat ihr liebevoller Kollege auf ihren Schreibtisch gelegt.“ Ich war geplättet, aber auch kampflustig. „Gut, dann gehen wir jetzt planmäßig vor. Doris, sie rufen unsere stadtbekannten „Tratschtanten“ an und melden meine Rückkehr, Jenny, sie informieren meinen lieben Kollegen, der wird sich freuen, wenn er von meiner Rückkehr hört.“ In diesem Augenblick ging die Türe auf und Miss Fawler kam mit Bobby an der Hand in die Praxis. Sein Kopf war, wie üblich, dick in ein Handtuch eingewickelt. „Lassen sie mich raten Miss Fawler, Bobby hatte mal wieder die Hände in der Hosentasche?“ Die Angesprochene erwiderte erfreut: „Gut, dass sie wieder da sind, Dr. Sponner, bei ihrem Kollegen war es so voll, dass ich schon daran dachte, es selber zu nähen.“ Ich lachte, „Na soweit wollen wir es nicht kommen lassen. Komm mit, Bobby, Zeit für eine tolle Narbe!“

Ich nähte seine Wunde und durfte feststellen, dass ich in den 4 Wochen meiner Abwesenheit nichts verlernt hatte. Frisch verpflastert verließ mein kleiner Held die Praxis.

Da auch Miss Fawler sehr mitteilungsfreudig war, konnte ich davon ausgehen dass bis heute Abend alle in Old Basing wissen würden, dass ich wieder da war. Im Laufe des Vormittags füllte sich dann der Praxiskalender mit Terminen und ich konnte mich zufrieden über die Rechnung meines Kollegen machen. Mit welcher Unverschämtheit der seine Kostennote erstellte, war beeindruckend. Nicht nur, dass er die Zeit bis zu meiner Rückkehr berechnete, obwohl er die letzte Woche nicht mehr gearbeitet hatte, er verlangte auch deutlich mehr als vereinbart war. Ich war so frei, seine Rechnung dahingehend abzuändern und einen ausführlichen Bericht an die Ärztevereinigung zu schreiben. Solche „Kollegen“ muss man so schnell wie möglich loswerden. Ich war mir aber auch sicher, dass auf meinen Bericht nichts geschehen wird, weil in dem „Laienspieltheater“ der Ärztevereinigung genau diese Typen von Ärzten saßen, über die ich mich beschwerte. Nach meinem ersten Tag besuchte ich Terence in seiner Werkstatt. Ich bewunderte immer wieder, mit welcher Hingabe er seine Aufträge erfüllte. Momentan schwebte sein Oberkörper über einem Tisch, den er aus einem einzigen Baum geschreinert hatte. Die Platte hatte gut und gerne 6 qm und sah aus, als wäre sie aus einem einzigen Stück gefertigt worden. Ich hatte noch nie einen schöneren Tisch gesehen. „Na Leonardo, was für ein Gerät baust du den heute?“ Er blickte sich schnell um und grinste, was er komischerweise immer machte, wenn er mich sah. „Unsere Heiligkeit persönlich, entschuldige, dass ich nicht in die Knie gehe, ich habe Arthrose.“ Jetzt musste ich auch lächeln. „Wenn du Arthrose hast, dann hast du einen blinden Arzt, der das in all den Jahren nicht erkannt hat.“

Er nickte intensiv. „Du sagst es. Gut, dass wir einen begnadeten Chirurgen in der Stadt haben, den ich zu Rate ziehen kann.“ Mein Lächeln wurde jetzt säuerlich. „Pass auf was du sagst, sonst ist in deiner nächsten Tetanusspritze Orangensaft.“

Als wir unsere üblichen Neckereien hinter uns gebracht hatten, gingen wir sofort zum offiziellen Teil über. Terence wurde ernst als er sagte: „Es wäre verdammt schade, wenn wir dich hier in Old Basing als Hausarzt verlieren würden. Ich weiß nicht, ob ich nochmal jemandem so vertrauen kann wie dir. Aber ich verstehe dich vollkommen und würde nach solchen Erlebnissen meine Daseinsberechtigung auch mal auf die Waage stellen.“

„Mir geht’s weniger um meine Daseinsberechtigung an sich, die, glaube ich, hat jeder. Mir geht’s darum, was ich aus meinem Dasein mache. Ich kann nicht länger Diener eines so verlogenen Systems sein.“ Terence verstand mich, musste aber widersprechen: „Wir alle sind Teil dieses Prozesses, egal was wir tun. Wir dürfen uns nicht beschweren, wenn wir nicht aktiv was dagegen unternehmen.“ Ich nickte heftig. „Genau das ist es, was ich meine. Ich möchte mich aktiv aus diesem Zustand verabschieden.“

„Vergiss aber nicht, wen du im Stich lässt. Deine Patienten haben sich jahrelang an einen hingebungsvollen Arzt gewöhnt. Ich bin mir sicher, dass du dir sehr schwer tun wirst, hier loszulassen.“ erwiderte Terence. Ich schüttelte den Kopf. „Auf alle Fälle leichter, als vor meiner Pilgerschaft. Ich muss lernen loszulassen, besonders wenn ich an meine Jungs denke. Loslassen heißt vertrauen und wenn ich jemandem wirklich vertraue, dann sind es die beiden. Je länger ich nachdenke, desto mehr zieht’s mich zurück nach Spanien, auf irgendeinen Olivenacker.“

„Mann, wie gerne würde ich das auch machen“, sagte Terence, „aber ich könnte hier einfach nicht weg. Ich bin mit Old Basing verwachsen, obwohl ich keine Familie mehr hier habe, geschweige denn eine funktionierende Beziehung.“

Ich hörte so etwas wie Resignation aus seinem letzten Satz. So kannte ich meinen besten Freund gar nicht. „Was ist los mit dir? Du warst doch früher auch nicht so nachdenklich. Du hast es ja nicht an Gelegenheiten mangeln lassen, dich durch den Ort zu vögeln. Da kriegt man einen Ruf! Musst dich also außerhalb umsehen, wo dich die Girlies noch nicht kennen.“ Die Ernsthaftigkeit war wie weggewischt und wir lachten in Gedenken an die Spur der Entjungferungen, die Terence durch Old Basing zog. „Ich bin keiner für eine feste Bindung“, stellte er fest. „Dann hör mit dem Jammern auf und konzentrier dich auf mein Problem“, warf ich ihm vor die Füße. „Und schon geht’s wieder los mit deinen Schwierigkeiten, mein lieber Doktor. Wenn du dich erinnern kannst, haben wir schon dein größtes Dilemma gelöst. Jetzt können wir uns zur Abwechslung mal um andere kümmern“, stellte Terence trocken fest. „Vergiss die Worte, „andere“ und „kümmern“! Dr. Jaden Spooner hat ein existenzielles Rätsel und das wird gelöst, dann kannst du dich wieder dem Rest der Welt widmen!“

„Eingebildet bist du gar nicht, mein Lieber. Ok, heute Abend im „Prior’s“ und bring Geld mit, du zahlst meinen Rausch und darfst auch noch dabei zusehen.“ Schon konnte er wieder grinsen. „Das Angebot nehme ich an, also bis später“, war meine resignierte Antwort.

Am Abend in der Bar fanden wir auch keine Lösung, aber Terence seinen Rausch. Ich musste unzählige Einladungen zu diversen Drinks ausschlagen, was mir verdächtige Blicke einbrachte. Die halten mich jetzt für überspannt, nach meiner langen Reise. Keiner von diesen Deppen kam auf die Idee, mich auf ein Glas Wasser einzuladen und mir wurde intensiv bewusst, dass ich hier nicht der Einzige mit einem Alkoholproblem war. Ich legte mir Terence über die Schulter und verließ das Prior’s. Der war schnell versorgt. Ich legte ihn bei sich zuhause auf die Couch, deckte ihn zu und ging. Einen Eimer ersparte ich mir, was Terence in sich reinschüttete kam niemals wieder aus seinem Mund heraus, da hatte der seine Prinzipien.

Mary schlief schon tief und fest. Ich las noch ein paar Zeilen und versank in einen tiefen, erholsamen Schlaf.

Die Praxis hatte innerhalb von vier Tagen wieder Betriebstemperatur und ich war wieder Gefangener des Systems, das ich jetzt mehr und mehr hasste. Am Freitag merkte Mary, dass ich verschlossener wurde und wieder zu grübeln anfing. „Wir machen jetzt eine Liste!“ Ich sah sie verwundert an. „Wir machen was?“

„Eine Pro- und Contra-liste. Wir schreiben die Alternativen zur momentanen Situation auf und überlegen uns die Vor- und Nachteile. Diese schreiben wir in zwei getrennte Zeilen und vergleichen das Ergebnis. Wenn wir beide auf dieselbe Entscheidung kommen, ist alles klar. Wenn nicht, machen wir uns an die nächste Alternative.“ Ich war verwundert, denn das war die einzige vernünftige Vorgehensweise.

Wenn man von Vernunft sprechen konnte, hinsichtlich der Gewissheit, dass sich unser Leben vollständig ändern würde. Aber das war auch äußerst spannend. Wir nahmen also einen großen Block und machten vier Spalten für die ersten beiden Vorschläge.

Da stand also links „Homöopathie“ und auf der rechten Seite lapidar „Olivenbauer“, dazu jeweils darunter „Pro“ und „Contra“. Das machten wir zwei Mal, da wir es unabhängig voneinander ausfüllen wollten.

Zwei ganze Stunden rauchten unsere Köpfe, weil wir beschlossen hatten, es uns nicht leicht zu machen. Mary rauchte währenddessen drei Zigaretten und ich war ein klein wenig neidisch. Sie verließ zwar immer das Haus dafür, aber das hatten wir vorher schon gemacht, als unsere Enkel geboren wurden. Dass ich mit dem Rauchen aufgehört hatte, hat meine Familie mehr gewundert als mein Verzicht auf Alkohol. Das war aber logisch, da sie mich nie mit einem Glas Whiskey gesehen hatten, aber selten ohne Glimmstängel im Gesicht.

Nach den zwei Stunden schoben wir fast gleichzeitig die Blätter von uns weg und sahen uns tief in die Augen. „Moment der Entscheidung?“ fragte Mary und ich nickte entschlossen. „Ok“, begann ich, „fangen wir mit der Homöopathie an. Vorteile: Sinnvollere Alternative bzw. gut kombinierbar mit der Allgemeinmedizin.“ Mary sagte: „Bei mir steht das ähnlich. Du kannst zweckdienlicher arbeiten.“ Ich machte weiter. „Größere Langzeiterfolge und mehr Heilungschancen für chronisch Kranke.“ Mehr hatte ich bei Pro nicht aufgeschrieben.

Mary schüttelte nur den Kopf und sagte: „Ich hatte keine Argumente mehr, aber du musst gestehen, dass die Punkte, die du nanntest, sehr viel Gewicht haben.“ Ich nickte ihr zu, weil ich mir dessen bewusst war und es auch der Grundsatz meiner Lebensphilosophie war, nämlich zu helfen und wenn möglich zu heilen, wenn es auch dem wirtschaftlichen Gedanken widersprach. „Ein geheilter Patient war kein Patient mehr!“ „Was steht bei dir unter Contra?“, wollte ich nun von Mary wissen. „Bei mir steht da, nochmals lange Ausbildung, während du gleichzeitig arbeiten musst und vielleicht lässt es sich doch nicht kombinieren. Die Einwohner von Old Basing sind meines Erachtens nicht gerade aufgeschlossen, was die Alternativmedizin betrifft.“ Auch hier gab ich ihr Recht. „Das sind auch, unter anderem, meine Argumente.“ Jetzt war sie neugierig geworden. „Unter anderem?“ „Na ja, bei mir steht da noch: zu hoher Zeitaufwand pro Patient und nur für Selbstzahler geeignet. Das heißt, dass ich nie wieder die Patienten versorgen könnte wie bisher und ich weiß nicht, ob ich das will.“ Ich sah in verständnisvolle Augen. „Das kann kein Mensch von dir verlangen und auf der anderen Seite wären wir bald pleite.“ Ein Dilemma für die alltagsliebende Mary, aber ich rechnete es ihr hoch an, dass sie meine Argumente nachvollziehen konnte. „Dann machen wir uns mal an den „Olivenbauern“ mein Lieber.“ Forderte mich mein Schatz augenzwinkernd auf. „Da wäre bei „Contra“ die Finanzierung, wir müssten zuerst ein Grundstück mit Olivenbäumen kaufen und am besten noch eins mit so einer Art Bauernhof drauf. Ich kenne die Preise nicht, aber billig wird das nicht. Zum Zweiten, muss ich die Praxis aufgeben und meiner Arbeit als Arzt Adieu sagen.

Das dritte Problem ist die Sprache, aber die steht bei mir auch auf der „Pro“ Seite.“ Mary sah mich erstaunt an. „Warum steht das auch auf der „Pro“ Seite?“

„Weil es immer eine positive Herausforderung ist, eine neue Sprache zu lernen und wenn wir wieder die Homöopathie nehmen, hätte ich auch was komplett Neues lernen müssen.“ Sie signalisierte Verständnis. „Hast du noch mehr Contra?“

„Nein, das war’s bei mir.“

„Dann komme ich jetzt dran! Deine Contras habe ich auch und dann kommt noch unsere Entfernung zu unseren Kindern und Enkeln. Das wird uns sehr, sehr schwer fallen.“ Daran hatte ich gar nicht gedacht und versank wieder ins Grübeln. „Wie wäre es, wenn wir unser Haus behalten und einfach pendeln. In Spanien haben sie zig kleine Flughäfen, von denen man die spanische Peripherie gut erreichen kann. Zudem können wir uns ein Objekt suchen, das in der Nähe einer Landeshauptstadt liegt.“

„Jaden, das ist nicht finanzierbar“, warf Mary ein. „Das glaube ich nicht, Mary. Die Praxis ist voll ausgestattet gut 700.000 Pfund wert und fast abbezahlt. Es bleiben uns nach Abzug der Steuern locker 350.000 Pfund. Das reicht um das Grundstück mit Haus zu kaufen und das erste Jahr bis zur Ernte zu überbrücken. Zudem möchte ich nicht nur Oliven anbauen, sondern auch Mandeln und Haselnüsse. Die wachsen in ganz Spanien und sind sehr gefragt.“

„Warum keinen Mais, Jaden? Der wächst in ganz England.“

Mary versuchte tapfer, mich zu wenden, aber ich sah auch, dass meine Theorien bei ihr auf offene Ohren stießen. Jetzt fragte ich sie: „Hast du auch was unter „Pro“ stehen?“ Sie wurde etwas rosig im Gesicht, als sie mir antwortete. „Ganz groß steht bei mir die spannende Herausforderung etwas komplett Anderes zu beginnen, obwohl wir eigentlich schon zu alt für dieses Wagnis sind.“ Ich bewunderte diese Frau immer wieder aufs Neue. Nun sagte sie noch: „Ist dir aufgefallen, dass wir beide uns viel mehr Mühe gegeben haben das „Pro und Contra“ Spaniens herauszuarbeiten, als dein Fortbestehen als Mediziner?“

„Heißt das, dass wir eigentlich die Alternative vorher schon gewusst hatten?“ Und meine Mary nickte. „Mein Gott Mary, wir haben soeben die wichtigste Entscheidung unseres Lebens getroffen! Ist dir das bewusst?“ Sie nickte mir zu und fing zu weinen an. Mary weinte selten und in der kurzen Zeit, in der ich wieder hier war, hat sie viel zu oft geweint. „Jaden, ich habe Angst und bin auf der anderen Seite absolut angetörnt von der Aussicht mit dir etwas vollkommen Neues zu machen.“ „Angetörnt?“ mehr brachte ich nicht hervor, weil Mary mir plötzlich am Hals hing und mich zur Couch hinzog.

Der Rest des Abends war mit Worten nicht mehr zu beschreiben. Erstaunlich, was ein bisschen Verzweiflung aus den Weibern macht, dachte ich absolut sexistisch. Bin wohl der neue Dr. Bums!

Dass wir jetzt einen Prozess eingeleitet hatten, der sich bestimmt noch ein Jahr hinzieht sorgte bei mir für einen Motivationsschub, den ich schon lange nicht mehr hatte.

Schritt für Schritt

Die Praxis lief und die Tage auch. Im Internet suchte ich Immobilienanzeigen für Fincas und Grundstücke. Ich war überrascht, wie viele Angebote es gab und wie günstig die ihr Land verkauften. Auffallend war auch, dass die südöstlichen Regierungsbezirke deutlich billiger waren als die Restlichen. Logischerweise, war die Nähe zum Meer auch tariflich sichtbar. Ab 50 km Abstand zur nächsten Küste wurde es deutlich weniger. Ich suchte gezielt nach großen Olivenanbauflächen und fand auch hier sehr preiswerte Angebote, oft unter 10.000 Pfund, aber auch ohne Baurecht bzw. bestehende Gebäude. Auf manchen Grundstücken standen sogenannte Masia, das sind kleine Schuppen mit 20 qm ohne Kanalisation oder Abwassergruben. Ich schrieb wie ein Geisteskranker und legte die interessanten Angebote, wie bei Amazon, in einen Warenkorb.

Unsere Söhne teilten unsere Begeisterung hinsichtlich zukünftig billiger Ferienaufenthalte im Süden. Nach diesen guten Zusprüchen waren wir deutlich erleichtert. Eines Tages stand Mary mit ein paar Büchern vor mir und sah mich herausfordernd an. Ich blickte sie fragend an. „Was ist los?“ Sie warf mir die Bücher auf meinen Schreibtisch und sagte nur kurz: „Lernen!“ Ich sah mir die Wälzer an und stöhnte: „Spanisch für Anfänger Teil eins bis vier, da kommt Freude auf.“ Mary blieb gelassen. „Was hat Terence vor deinem Pilgerweg gesagt: „No Pain, no Glory.“ Sie lachte und schwebte von dannen. Bücher alleine halfen aber nicht viel und ich suchte auch Spanischlehrer im Internet.

Es gab viele Angebote, eines davon sogar in Old Basing. Das war aber teurer als die Grundstücke in Spanien. So kam es mir jedenfalls vor.

Ich rief am nächsten Tag bei einer Miss Gonzales an und sie kannte mich tatsächlich von einer Untersuchung, die ich bei ihrem Mann durchgeführt hatte. Ich konnte mich nicht erinnern und hoffte, dass ich die richtige Diagnose gestellt hatte. Sie war aber so nett am Telefon, dass ich davon ausging, zumindest bei Herrn Gonzales, alles richtig gemacht zu haben. Wir vereinbarten einen Kennenlerntermin für die nächste Woche Mittwoch. Zwischendurch wurde ich nachts zu einem schweren Unfall auf der Umgehungsstraße gerufen. Ich merkte deutlich, dass meine Haut dünner geworden war. Ein Familienwagen war von einem Mülllaster, quasi, zerquetscht worden und alle fünf Insassen, zwei Erwachsene und drei Kinder zwischen drei und neun Jahren, waren tot. Das einzige was ich noch tun konnte, war, den schwer traumatisierten Fahrer des LKW daran zu hindern, an Ort und Stelle Selbstmord zu begehen. Ich wies ihn ins nahe Bezirkskrankenhaus ein. Zuhause war ich kurz dran, mir den nächstmöglichen Alkohol einzuverleiben, und wenn es Rasierwasser gewesen wäre. Da Mary mir eine Creme gekauft hatte, konnte ich die Versuchung nicht in die Tat umsetzen. Früher war es mir möglich, solche Erlebnisse professionell abzuhandeln. Jetzt fehlte mir der nötige Abstand hierzu, ich konnte und wollte ihn auch nicht mehr herstellen. An eine Zigarette dachte ich, seltsamerweise, überhaupt nicht. In der Praxis gelang es mir noch einigermaßen die Dinge nicht aus dem Ruder laufen zu lassen, wurde aber gereizter, wenn etwas nicht so lief, wie ich es mir vorstellte.

Es kam daher leider öfter vor, dass ich mich bei meinen Angestellten für mein Verhalten entschuldigen musste. So fair bin ich dann doch geblieben.

Die heimliche Suche nach einem Nachfolger war auch noch nicht von Erfolg gekrönt.

Ich hatte das Gefühl, als würde ich in einem Sumpf waten und nur durch äußerste Kraftanstrengung vorwärts kommen. Das kostete viel Energie, die ich aber dank meines Pilgerns getankt hatte. Ich zehrte also aus einem vollen Tank und das Ziel war ja auch schon definiert.

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