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Zitronen im Mondschein

Inhaltsübersicht

Erstes Kapitel

I.

II.

III.

Zweites Kapitel

I.

II.

III.

Drittes Kapitel

I.

II.

III.

Viertes Kapitel

I.

II.

Fünftes Kapitel

I.

II.

III.

Sechstes Kapitel

I.

II.

Siebtes Kapitel

I.

II.

III.

Achtes Kapitel

I.

II.

III.

Neuntes Kapitel

I.

II.

Zehntes Kapitel

I.

II.

III.

Elftes Kapitel

I.

II.

Zwölftes Kapitel

I.

II.

III.

II.

Epilog

Nachwort

Leseprobe

Mersterne, Morgenrot,

Anger ungebrachot,

Dar ane stat ein bluome,

Diu liuhtet also scone:

Si ist under den anderen

So lilium undern dornen,

Sancta Maria.

 

(aus dem Melker Marienlied, 12. Jhd.)

O Marietta Kripistika

Thronkanapee im Serail im Sevilla,

Du bist wertvoller als die juchzende

Säubande von Hosenträgern,

Deren Rüssel

An deinem Bauch

Zu schnuppern

Gewohnt sein pflegt.

 

(Hugo Ball, 1918)

 

 

Sie stand manchmal mitten in der Nacht auf, schlüpfte aus ihrem Zelt und schlich durch den Zirkus. Leise ging sie an den Zelten vorbei, in denen die anderen schliefen. Sie hörte Josef schnarchen und Direktor Lombardi im Schlaf sprechen und Domenica und Pito streiten. Sie stritten, weil Pito Domenicas Meinung nach zu viel trank und weil Domenica Pitos Meinung nach zu viel meckerte. Oder aus irgendeinem anderen Grund.

Im Sommer lief sie mit nackten Füßen über die kühle Erde und das zertrampelte Gras. Im Winter zog sie Schuhe an, aber keine Strümpfe. Sie hatte stets dasselbe Ziel. Die Menagerie hinter dem Hauptzelt.

Die Tiere waren immer wach, wenn sie kam. Es war, als warteten sie auf sie, aber natürlich stimmte das nicht. Sie waren wach, weil sie Nachttiere waren.

Sie ging von links nach rechts an den Käfigen vorbei, und die Blicke der Tiere folgten ihr. Der Wolf mit seinen gelben Augen. Die kahle Wildkatze. Die fette Eule, die seit 1897 in der Menagerie lebte, fast so lange, wie Madame Argent beim Zirkus war.

Vor dem letzten Käfig blieb sie stehen.

Im Gegensatz zu den anderen Tieren beachtete sie der kleine Schneefuchs nicht. Er lag zusammengerollt da und leckte seine Schwanzspitze oder starrte auf seine Vorderpfoten. Sie atmete den scharfen Fuchsgeruch ein, den die Besucher tagsüber so abscheulich fanden, dass sie die Gesichter verzogen und sich die Nasen zuhielten.

Vor zwei Jahren hatte Direktor Lombardi den Schneefuchs einem anderen Wanderzirkus abgekauft. Voller Ungeziefer und Dreck war das Tier gewesen, als sie es in den Zirkus gebracht hatten, an einem der Hinterbeine hatte es einen tiefen eiternden Riss, den Esmeralda behandelt hatte. Es hatte sehr lange gedauert, bis die Wunde verheilt war.

Damals hatten Madame Argents nächtliche Wanderungen begonnen.

Sie wachte auf und ging los, ohne darüber nachzudenken, wohin sie ging, warum sie überhaupt losging. Es war wie Schlafwandeln und auch wieder nicht, denn am nächsten Morgen erinnerte sie sich ganz genau an alles. Sie wusste auch, dass sie bald wieder aufstehen und losgehen würde.

Als Maria im Zirkus auftauchte, sah Madame Argent sie zuerst vor dem Käfig des Schneefuchses. Das war natürlich kein Zufall. Es gab keine Zufälle. Alles was geschah, hatte einen Sinn.

In manchen Nächten verlor sie sich selbst vollkommen, dann war sie plötzlich der Fuchs und lag hinter den Gitterstäben, und er war ein Mensch und betrachtete sie.

Warum berührte der Schneefuchs sie so? Darauf wusste sie keine Antwort.

Vielleicht war es seine Einsamkeit. Vielleicht waren es die vielen Wunden, die Esmeralda nicht behandelt und geheilt hatte, weil er sie verborgen in seinem Inneren trug. Vielleicht war es die Kälte, aus der er kam und sie auch.

Oft blieb sie nur wenige Minuten vor dem Käfig stehen, manchmal mehr als eine Stunde. Sie wartete immer so lange, bis der Schneefuchs den Kopf hob und ihrem Blick begegnete.

Erst dann ging sie wieder zurück in ihr Zelt.

Erstes Kapitel

I.

Ihr Vater war der stärkste Mann der Welt. In der Mitte der Manege stellte er sich auf, breitbeinig. Dann ging er in die Knie, atmete ein und packte gleichzeitig die Metallstange, an deren Enden die schweren runden Scheiben steckten. Ausatmend stemmte er sie hoch, bis weit über seinen Kopf, und während die Leute jubelten und applaudierten, schien es plötzlich, als ob er die Stange nicht mehr festhielt, sondern sein großer, kräftiger Körper vielmehr von den Gewichten nach oben gezogen wurde. Es sah aus, als ob er an der Stange hing, zuerst mit beiden Händen und dann mit einer. Er lächelte dabei, aber an seinen Schläfen traten die Adern hervor wie blaue Würmer. »Wer wagt es, gegen mich anzutreten?«, brüllte er ins Publikum, nachdem die Gewichte mit dumpfem Aufprall wieder auf den Sägespänen gelandet waren. »Einhundert Mark für den, der mich besiegt.« Aber es meldete sich nie jemand. Auf der ganzen Welt war keiner so stark wie er.

»Einmal eins bis drei?« Die laute Stimme der Kassiererin riss Mira aus ihrer Träumerei. Sie löste ihren Blick von dem Kinoplakat, das in grellen Farben einen Zirkusfilm ankündigte, und trat vor den Schalter.

»Platz 16«, sagte die Dame, obwohl Mira noch gar nicht geantwortet hatte. Sie reichte ihr ein hellgrünes Pappkärtchen durch das Fenster.

Mira gab ihr fünf Groschen. Für fünfzig Pfennige bekam man im Düsseldorfer Odeon-Theater auf der Martinstraße einen Sitzplatz. Es war natürlich kein Logenplatz, sondern nur ein Holzsitz in einer der ersten drei Reihen, der automatisch hochklappte, wenn man aufstand. Aber immerhin ein Sitzplatz. In den großen Lichtspielhäusern auf der Graf-Adolf-Straße kostete seit Anfang des Jahres 1926 bereits ein Stehplatz fünf Groschen.

An den Wänden des Saals verstrahlten kunstvoll verschnörkelte Glaslampen gelbes Licht. Der rote Vorhang vor der Leinwand hatte sich bereits geöffnet. Als Mira ihren Platz fast erreicht hatte, gingen die Lampen aus. Einen Moment lang stand sie in vollkommener Dunkelheit, bis ein paar kleine Notleuchten angingen. Wie so oft überlegte sie, ob es irgendjemanden auffallen würde, wenn sie sich auf einen der weichen Samtsessel setzen würde. Die Platzanweiserin stand immer noch oben am Eingang und konnte sie in der Dunkelheit unmöglich sehen. Aber dann tastete sich Mira doch nach vorn zu den Holzsitzen.

Sie ging jede Woche ins Odeon. Es war natürlich ungeheuerlich, wenn man bedachte, wie viel Geld sie dafür ausgab. Sie nahm sich auch jeden Montag vor, dass sie sich den Eintritt diese Woche sparen oder für etwas Sinnvolles ausgeben wollte, und manchmal schaffte sie es auch, bis zum Mittwoch durchzuhalten. Mitunter ging sie auch am Donnerstag noch nicht hin. Aber spätestens am Freitag gab sie alle guten Vorsätze auf und schob ihre fünfzig Pfennige durch das Kassenfenster. Es war eine heimliche Sucht.

Was die Filme anging, war sie nicht wählerisch. Sie sah Liebesfilme, Abenteuerfilme, Filme mit richtigen Schauspielern und Zeichentrickfiguren, Anspruchsvolles und Seichtes, Trauriges und Komisches. Sie schaute sich an, was gerade lief. Meistens kannte sie nicht einmal den Titel des Films, wenn sie sich auf dem dünnen Holzsitz niederließ.

Am liebsten kam sie allein hierher. Sie tauchte ein in das schwarz-weiß-graue Flimmern, und nach einer Stunde oder zwei tauchte sie wieder auf, aber sie wollte nie darüber reden, was sie erlebt hatte. Sie wollte auch nichts über die Schauspieler wissen, wie sie im wirklichen Leben waren, wen sie liebten, wo sie lebten. Wenn man zu viel wusste, verlor sich die Illusion, fand Mira.

Man kannte Mira im Odeon, selbst der alte Pianist, der die Filme auf dem leicht verstimmten Klavier begleitete, begrüßte sie mit einem leichten Nicken, wenn sich ihre Blicke begegneten, aber ansonsten wechselten sie nie ein Wort.

Mira schloss die Augen, lehnte den Rücken an die harte, blank geriebene Lehne und atmete den vertrauten Kinogeruch ein. Diese Luft! Im Sommer zu warm, im Winter zu kalt, immer ein bisschen staubig. Neben ihr raschelte eine Papiertüte. Zigarettenrauch zog an ihr vorbei. Vor ihren geschlossenen Lidern erschien wieder ihr Vater, er ging in die Knie, um die Gewichtstange aufzuheben. Dann begann das Bild zu flackern. Mira machte die Augen wieder auf. Der Film begann.

 

Sie summte die Melodie, die der alte Pianist auf dem verstimmten Klavier gespielt hatte, während der kleine Mann mit dem schwarzen Schnurrbart auf der Leinwand zwei Brötchen tanzen ließ. Damtatadamtadam. Im Residenz-Theater und im Asta-Nielsen begleitete eine richtige Kapelle mit Streichern, Bläsern und einem Schlagzeug die Filmvorführungen. Im Odeon-Theater auf der Martinstraße war es nur ein einzelner Pianist. Es gab nicht einmal eine Kinoorgel, dafür war der Eintritt so billig. Damtatadamtadam. Auf dem schadhaften Pflaster glänzte eine Pfütze. Mira machte ein paar schnelle Schritte darum herum und fühlte sich dabei selbst leicht und schwerelos wie eine Tänzerin. Damtatadamtadam. Es war Juli; die Nacht stieg langsam von unten nach oben. Während es auf den Straßen schon dunkel war, zeichneten sich die Dächer noch klar und deutlich gegen den tiefblauen Abendhimmel ab.

Als sie auf die Bilker Allee einbog, gingen gerade die Straßenlaternen an, von einer Sekunde zur anderen verbreiteten sie ihr kaltes, weißgelbes Licht. Mira überquerte die Straße und ging nach rechts in die Friedenstraße. Ihr Schatten tauchte vor ihr auf und wanderte dann an ihr vorbei, als führte er ein Eigenleben. Immer wenn sie eine Laterne erreicht hatte, zerfloss er unter ihren Füßen, aber wenn sie weiterging, erschien er wieder vor ihr, klar und scharf definiert auf dem beleuchteten Pflaster.

Vielleicht war es dieses seltsam eigenwillige Schattenspiel, vielleicht war es die Finsternis, die sich hinter den Lichtkreisen der Straßenlaternen dicht und feindselig zusammenballte – auf jeden Fall verlor sich die Schwerelosigkeit, die sie soeben noch gespürt hatte. Stattdessen fühlte sie eine große Unruhe.

Sie wohnte in der Sedanstraße, direkt neben dem Evangelischen Hospital. Tagsüber knatterten hier oft die Rettungswagen entlang, ein paar Mal wäre sie fast von einem der lang gezogenen Automobile überfahren worden, aber jetzt in der Nacht war alles still. Sie schloss die Haustür auf und trat in den dunklen Hausflur und hatte sofort das Gefühl, das irgendetwas nicht stimmte. Die Petroleumlampe an der Wand war aus, aber das war nichts Ungewöhnliches, die Zimmerwirtin löschte sie immer schon um neun, um Brennstoff zu sparen. Von draußen drang stets ein wenig Licht ins Treppenhaus, so dass Mira ihren Weg nach oben ohne Schwierigkeiten fand. Was war heute anders als sonst? Der Geruch – sie roch irgendetwas, das nicht hierher gehörte. Es war ein blumiger, süßer Parfümduft, stellte Mira fest und merkte gleichzeitig, wie sie wieder ruhiger wurde. Verbrecher und Wegelagerer parfümierten sich für gewöhnlich nicht.

»Hallo«, rief sie mit fester Stimme in die Dunkelheit. »Ist hier jemand?«

»Mira«, kam es von oben zurück. »Bist du das?«

»Gudrun!« Mira hastete jetzt nach oben in den zweiten Stock. »Du hast mich erschreckt … Was willst du denn, um diese Zeit?«

»Ich warte!«, gab Gudrun zurück. »Wo kommst du denn jetzt her, zu dieser späten Stunde?« Wie ärgerlich sie klang! Hatten sie eine Verabredung gehabt, die Mira vergessen hatte? Sie konnte sich beim besten Willen nicht erinnern. Sie hatten sich doch am Mittag noch gesehen, als Gudrun zum Essen in die Rheinterrasse gekommen war, wo Mira als Serviermädchen arbeitete.

»Ich war im Kino.« Mira schloss ihre Wohnungstür auf und drehte den Lichtschalter an. »Und du? Wie lange hast du gewartet?«

»Stunden«, sagte Gudrun vorwurfsvoll, obwohl das überhaupt nicht stimmen konnte.

»Was ist denn geschehen? Bist du krank?«

»Unsinn.« Gudrun ging zu dem kleinen Tisch unter dem Dachfenster und ließ sich auf Miras einzigen Stuhl fallen. »Ich war gerade bei deiner Mutter.«

Mira spürte ein leises Flattern in ihrer Magengegend, ein Trippeln, Pochen und Ziehen, das Gefühl, das sich immer in ihr ausbreitete, wenn sie an ihre Mutter dachte. Es war eine Mischung aus Ärger, Überdruss und schlechtem Gewissen. Warum kann sie mich nicht in Ruhe lassen? dachte Mira. Das war natürlich unsinnig, ihre Mutter hatte sie ja gar nicht aufgesucht, sondern Gudrun.

Aber dennoch. Wahrscheinlich steckte Mutter wieder in Schwierigkeiten, sie brauchte Geld, hatte sich mit ihrem Hauswirt überworfen, oder sie hatte eine ihrer Visionen gehabt, ein Toter, ein Heiliger oder die Muttergottes persönlich hatten ihr eine wichtige Botschaft überbracht. Deshalb war Gudrun jetzt hier.

»Was ist mit ihr?«, fragte Mira unwillig.

»Nichts«, sagte Gudrun. »Was soll mit ihr sein? Es geht um mich.«

Mira setzte sich auf die Bettkante. Das Trippeln und Pochen löste sich ins Nichts auf.

»Mir haben sie heute gekündigt.«

»Aber wie … warum das denn? Sie waren doch immer so zufrieden mit dir.«

Gudrun arbeitete seit über einem Jahr im Warenhaus Tietz am Hindenburgswall als Verkaufsfräulein. Sie schnitt Stoffe zu, suchte Schnittmuster aus und beriet die Kundschaft bei der Auswahl der passenden Garne, Litzen und Knöpfe.

»Zumindest schien es so.« Gudrun zog ihre lange, gerade Nase kraus und zuckte mit den Schultern. Sie war die schönste Frau, die Mira kannte. Obwohl sie nach dem langen Arbeitstag verschwitzt war, strahlten ihre klar geschnittenen Gesichtszüge, ihre feine weiße Haut eine klassische Eleganz aus. So wie Gudrun hatten die Statuen der griechischen Göttinnen ausgesehen, bevor ihnen im Lauf der Jahrtausende die Nasen und alle Gliedmaßen abgeschlagen worden waren. »Ist ja auch egal. Jedenfalls bin ich die Anstellung nun los. Am nächsten Ersten stehe ich auf der Straße.«

»Aber Gudrun, das ist ja furchtbar. Was willst du denn jetzt anfangen?«

Gudrun starrte über Miras Schulter auf die zersprungenen Kacheln über dem Waschbecken und antwortete nicht.

»Ich kann gleich morgen einmal in der Rheinterrasse nachfragen, ob sie nicht noch eine Bedienung einstellen wollen. Bestimmt nehmen sie dich …«

»Nein, Unsinn, ich werde bestimmt kein Serviermädchen.« Gudrun klang mit einem Mal ungehalten.

»Aber wovon willst du denn leben?«

»Bis vor einer Stunde wusste ich es ganz genau. Aber dann bin ich zu deiner Mutter …«

»Ich verstehe kein Wort! Was hat meine Mutter mit der Sache zu tun?«

Gudrun ließ sich auf einen von Miras Stühlen fallen. »Ich will mein eigenes Geschäft aufmachen – einen Modesalon für die Damen.«

»Aber das ist doch … Du hast doch überhaupt kein Geld, und um eine Schneiderei aufzumachen, brauchst du wenigstens eine Nähmaschine.«

»Eine Nähmaschine?« Gudrun stieß verächtlich die Luft durch die Nase. »Ich brauche angemessene Räume, eine Adresse, die man angeben kann, ohne gleich zu erröten. Ich brauche Stoffe, Accessoires und Paravents und ein silbernes Teegeschirr mit vierundzwanzig Teilen, denn ich muss meinen Kundinnen ja auch Erfrischungen servieren können. Ich brauche Möbel, Teppiche und Vorhänge und ein Grammophon und ja, eine Nähmaschine brauche ich natürlich auch.«

Mira sah ihre Freundin misstrauisch an. Machte sie sich über sie lustig? Gudrun hatte immer davon geträumt, eine eigene Modellschneiderei für anspruchsvolle, reiche Damen aufzumachen. Aber genau wie Mira war Gudrun arm wie eine Kirchenmaus. Ein paar Notgroschen in einer angeschlagenen Kaffeetasse auf dem Küchenbord – das reichte wohl kaum für die Eröffnung eines eleganten Damensalons.

»Na ja, jedenfalls wollte ich das, aber jetzt bin ich ganz und gar durcheinander«, fuhr Gudrun fort. »Deine Mutter – also sie kann einen wirklich verrückt machen mit ihren Ratschlägen. Nun weiß ich gar nicht mehr, was ich anfangen soll.« Ihre langen Finger flatterten nach oben zu ihrem Kopf, sie fummelten eine Weile an ihrer Frisur herum, dann sanken sie wieder in ihren Schoß.

»Wovon redest du eigentlich, Gudrun?« Mira stand wieder auf und lief mit großen Schritten durchs Zimmer. Sie wusste allerdings nur zu gut, wovon Gudrun redete. Gudrun war zu ihrer Mutter gegangen und hatte sich von ihr weissagen lassen. Sie hatte ihr aus der Hand gelesen oder aus dem Kaffeesatz. Ich sehe etwas sehr Großes, sehr Düsteres, mein Kind, hörte Mira die rauchige Stimme ihrer Mutter. Sieh dich vor. Hokuspokus Fidibus dreimal schwarzer Kater. Vielleicht hatte sie ihr auch die Karten gelegt. Warum um alles in der Welt hatte sich Gudrun darauf eingelassen! Was fand sie überhaupt an Miras Mutter, dass sie ständig zu ihr rannte!

»Ich kann vielleicht einen Salon anmieten«, erklärte Gudrun. »Auf der Hohen Straße, oben am Carlsplatz. Ich wollte, dass sich deine Mutter die Räume einmal ansieht wegen der …« Sie unterbrach sich und starrte auf ihre Fingernägel, die weißrosa glänzten wie das Innere von Muscheln.

»Warum soll sie sich die Räume ansehen?«, fragte Mira scharf, als Gudrun nicht weitersprach. Plötzlich musste sie wieder an den Film denken, den sie vorhin gesehen hatte. Wie Big Jim den kleinen Charlie Chaplin im Hungerwahn für ein Huhn gehalten hatte und mit dem Messer hinter ihm hergejagt war. Genauso war ihre Mutter. Sie nahm die Dinge nicht so, wie sie waren, sondern lebte in ihrer eigenen Welt, die voll verdrehter Wahnvorstellungen war.

»Wegen der Geister«, meinte Gudrun trotzig. »Immerhin will ich mein gutes Geld nicht für teure Räumlichkeiten ausgeben, in denen irgendwelche unselige Geister herumspuken und mir die Kundinnen vertreiben, ohne dass man den Grund dafür kennt.«

Mira schüttelte den Kopf. Sie holte zwei Gläser aus dem wackligen Kabinett neben dem Ofen und schenkte sich und Gudrun Apfelmost ein. Warum ließ sich Gudrun auf die Verrücktheiten ihrer Mutter ein? fragte sie sich wieder. Sie stand doch sonst mit beiden Beinen auf der Erde, spottete über Gott und den Teufel und ihre bigotte Vermieterin, die fünfmal in der Woche in die Kirche rannte.

»Und warum bist du nun so durcheinander?« Mira reichte Gudrun ein Glas Apfelmost, ohne sie vorher zu fragen, ob sie etwas trinken wollte. »Wart ihr schon dort, und sie hat dir das Ganze ausgeredet?« Es ärgerte sie auch, dass Gudrun ihrer Mutter von ihren Plänen erzählt hatte, bevor sie mit Mira darüber gesprochen hatte.

»Nein, nein.« Gudrun nahm gedankenverloren einen Schluck und verzog das Gesicht. »Es war ja viel zu spät für eine Besichtigung. Ich werde in der nächsten Woche mit ihr hingehen. Obwohl …«

»Obwohl? Nun erzähl doch schon! Was ist geschehen?«

»Ich hab ihr von der Sache erzählt. Was ich vorhabe und wie ich mir das Ganze vorstelle. Es war dasselbe, was ich auch dir gesagt habe, nicht mehr und nicht weniger, aber deine Mutter, sie hatte plötzlich … sie ist … es war wie eine Erscheinung.«

»Sie hat angefangen zu zittern, und ihre Stimme wurde tief und fremd, als ob ein Geist von ihr Besitz ergriffen hätte und aus ihr spräche.« Mira lächelte müde.

»Ja, aber es war kein Hokuspokus.«

»Was denn sonst?«, meinte Mira. »Meinst du, es ist wirklich ein Gespenst in sie eingedrungen?«

»Es war jedenfalls kein Hokuspokus«, sagte Gudrun noch einmal.

»Was hat sie gesagt?«

»Sie hat mich erst lange mit einem sehr seltsamen, furchtbaren Blick angesehen, und dann drehte sie sich weg und murmelte und brummelte etwas, das ich nicht verstand. Danach schaute sie mich wieder an und begann zu schreien. Wie eine Wahnsinnige war sie auf einmal. Du machst einen Fehler, schrie sie, merkst du denn nicht, dass du irregehst. Er führt dich ins Verderben. Er wird dich vernichten, mit Haut und Haaren. Verstehst du, Mira, es war nicht deine Mutter, die da mit mir geredet hat, es war jemand anderes, der aus ihr sprach. Wenn du nur dabei gewesen wärest!«

Mira schlüpfte aus ihren Schuhen, zog die Füße aufs Bett und stützte das Kinn auf die Knie. Genau wie früher, merkte sie plötzlich. Genau so hatte sie sich damals hinter der Kiste auf dem Flickenteppich zusammengekauert, so dass man sie vom Tisch aus nicht sehen konnte. Auch sie konnte kaum etwas sehen, nur den Hinterkopf ihrer Mutter und eine ihrer Schultern. Manchmal reckte sie den Kopf, weil sie so neugierig war, weil sie so gerne wissen wollte, wie die Besucher aussahen, die auf der anderen Seite des Tisches saßen, aber sie erhaschte niemals mehr als eine Haarsträhne oder einen Hut. Sie sah nichts, doch sie hörte alles. Sie hörte die ängstlichen Fragen und die Antworten ihrer Mutter, sie hörte, wie sich ihre Stimme veränderte und tief und furchtbar wurde, wie sie Geheimnisse aus dem Jenseits enthüllte und in die Zukunft schaute, wie sie summte und sang und murmelte. Damals hatte Mira im Grunde schon geahnt, dass es nichts als leerer Zauber war, Humbug, Betrug. Aber die Besucher hatten ihrer Mutter vertraut. Jedenfalls erschien es Mira so. Vielleicht hatte sie sich das allerdings auch nur eingebildet, sie war ja noch so klein und dumm.

Sie schüttelte den Kopf und riss sich aus der Erinnerung.

»Ich verstehe gar nicht, was das soll«, meinte sie zu Gudrun. »Wer führt dich ins Verderben? Wer wird dich vernichten? Was meinte sie denn damit?«

Gudrun schluckte. Ihre Hände lagen um das Apfelmostglas und drehten es hin und her, hin und her, als wären sie und das Glas miteinander verbunden wie eine Maschine.

»Ich habe jemanden kennengelernt«, sagte sie dann.

 

Mira schenkte noch einmal Apfelmost nach, erst sich und dann Gudrun, obwohl ihre Freundin ihr Glas bisher kaum angerührt hatte. Sie wollte, dass die mechanische Dreherei aufhörte, es machte sie ganz nervös, aber kaum hatte sie den Krug weggezogen, als Gudruns Hände die Bewegung auch schon wieder aufnahmen.

»Aha«, sagte Mira. »Da liegt also der Hase im Pfeffer. Ein Mann.«

»Nein«, erwiderte Gudrun. »Es ist nicht so, wie du denkst.«

»Was denke ich denn?«

»Es ist keine Affäre. Herr Pressmann ist auch schon alt und verheiratet.«

»Wie bitte? Wovon redest du eigentlich? Nun erzähl doch alles einmal der Reihe nach, du bringst mich ja vollkommen durcheinander.«

Gudrun nickte, drehte ihr Glas und nickte wieder. »Ich kenne ihn über seine Frau. Frau Pressmann ist … sie war eine meiner Stammkundinnen bei Tietz. Also, meistens kam das Dienstmädchen, aber ein paar Male hat Frau Pressmann sie begleitet, und einmal kam auch Herr Pressmann mit. Während seine Frau die Stoffe aussuchte, gerieten wir ins Gespräch. Und danach kam er immer öfter mit, auch allein, aber es ist nicht so …«

»… wie ich denke«, beendete Mira den Satz und seufzte. »Hat er dich auch ausgeführt?«

»Sie haben mich zum Essen eingeladen.«

»Aber seine Frau hatte zufällig keine Zeit, also wart ihr alleine miteinander.«

»Nein«, sagte Gudrun empört. »Seine Frau war natürlich dabei. Was denkst du von mir!«

»Und er will dir nun deinen Laden finanzieren. Einfach so. Aus reiner Nächstenliebe.«

»Es ist ein Geschäft. Wir machen einen Vertrag, er übergibt mir das Geld sozusagen als Kredit, und ich zahle es ihm Monat für Monat aus meinen Gewinnen zurück.«

»Und wenn du keine Gewinne machst?«

»Dann werde ich den Salon irgendwann wieder schließen müssen«, meinte Gudrun. »So ist das mit jedem Unternehmen.«

»Was will er sonst noch dafür? Kein Mensch gibt sein Geld einfach ohne Gegenleistung her, er erwartet sich doch etwas.«

»Aber nein! Es steckt kein Pferdefuß dahinter, ich bin doch nicht naiv, ich habe mir die Sache genau überlegt.«

»Wenn es nun so ist – warum bringt dich dann meine Mutter mit ihren Visionen so ins Grübeln?«

»Weil sie doch gar nichts von Pressmann wusste. Ich habe ihr nur erzählt, dass ich eine Schneiderei eröffnen will, und sie fängt mit dieser komischen Stimme davon an, dass mich einer ins Verderben führen und mit Haut und Haaren vernichten will.«

»Aber Gudrun«, meinte Mira. »Es liegt doch auf der Hand, dass man für ein solches Vorhaben Geld braucht. Du hast dir nun sogar schon die Räumlichkeiten für dein Geschäft ausgesucht, also konnte meine Mutter annehmen, dass du einen Finanzier gefunden hast. Und wer hat das Geld in dieser Welt? Die Männer. Meine Mutter hat keine übersinnlichen Fähigkeiten. Sie hat nur eins und eins zusammengezählt. So macht sie es immer.«

Gudrun stützte ihr schönes Gesicht in die Hände. Ihre Schneidezähne zogen ihre Unterlippe nach innen und ließen sie dann langsam wieder nach außen gleiten. »Vielleicht hast du recht.« Sie nickte nach einer Weile. »Wahrscheinlich habe ich mich einfach verrückt machen lassen …«

Mira beugte sich über den Tisch und legte ihre plumpe, rote Hand auf Gudruns schmale, weiße Finger. »Ganz bestimmt sogar.«

Gudrun stieß erleichtert die Luft aus. Dann schüttelte sie den Kopf. »Mein Gott, wie dumm ich war! Ich bin froh, dass ich mit dir gesprochen habe.«

»Aber was willst du denn jetzt tun?«

Gudrun sah sie erstaunt an. »Das ist doch keine Frage. Ich werde die Sache beherzt angehen. Das ist meine Chance auf das ganz große Glück.«

»Aber Gudrun, dieser Mann, wer weiß, was er bezweckt.«

»Pressmann ist wirklich nicht so, wie du meinst. Er ist wie ein Vater. Hat sich immer eine Tochter gewünscht. Seine Frau auch.«

»Ich weiß nicht …«

»Aber ich weiß es jetzt. Du hast recht, ich habe mich durch deine Mutter ganz schön ins Bockshorn jagen lassen. Aber jetzt bin ich wieder bei Sinnen. Willst du dir die Räume morgen einmal gemeinsam mit mir ansehen, bevor ich sie anmiete?«

»Morgen? Von neun bis sechs muss ich aber arbeiten. Außerdem sollte dich doch meine Mutter begleiten.«

Gudrun lachte. »Das werde ich mir nun besser sparen. Nein, die Räumlichkeiten sind traumhaft, der Zeitpunkt ist günstig, ich muss nur mit beiden Händen zugreifen und mein Glück machen.«

»Nun lass es dir doch noch ein paar Tage durch den Kopf gehen«, versuchte es Mira noch einmal. »Ich bitte dich, Gudrun!«

Aber Gudrun war schon aufgesprungen, sie stand vor Mira, nahm ihr Gesicht in die Hände und küsste sie auf die Stirn. »Lass gut sein, Mira, ich war noch nie so klar und entschlossen wie heute. Glaub mir, ich weiß, was ich tue.«

Die Tür zum Flur schlug hinter ihr zu, ehe Mira noch etwas sagen konnte. Sie blieb noch eine Weile sitzen, dann stand sie langsam auf und schob den Riegel vor. Danach begann sie sich auszuziehen. Gudrun hätte vermutlich die Finger von der Sache gelassen, wenn ich meinen Mund gehalten hätte, dachte sie, während sie sich die Bluse aufknöpfte und ihr Mieder aufhakte. Sie wusch sich das Gesicht, die Brust und die Achseln, löste ihr Haar und kämmte es aus. Meine Mutter kann nicht in die Zukunft schauen, niemand kann das, dachte sie. Aber was sie Gudrun gesagt hatte, war richtig. Und sie selbst hatte alles wieder zerstört, als sie die Worte ihrer Mutter entzaubert hatte.

Nachdem sie ihr Nachthemd angezogen hatte, betrachtete sie ihr Gesicht in dem trüben Spiegel über dem Waschtisch. Ihre dichten schwarzen Brauen, die Oberlippe, fast ohne Einkerbungen, ein rundes Ebenbild der Unterlippe. Es waren die Züge ihrer Mutter.

Was hast du nur gegen mich, Mirabella? hörte sie plötzlich ihre Stimme, so laut und deutlich, dass sie zusammenfuhr. »Das weißt du nur zu gut«, gab sie genauso klar zurück.

Ihre Mutter hatte Gudrun etwas vorgegaukelt, aber Mira selbst hatte die Wahrheit gesagt. Und allein darauf kam es an, sagte sie sich, während sie das Licht löschte und unter die Bettdecke kroch. Sich an die Wahrheit zu halten und an das, was sicher war. Das hatte sie gelernt in harten und schmerzhaften Lektionen.

 

Natürlich konnte sie nicht einschlafen. Sie atmete ruhig ein und aus, aber es half nichts. Sie machte sich Sorgen. So lange sie Gudrun kannte, hatte sie immer ihren Kopf durchgesetzt. Schon damals im Religionsunterricht bei Kaplan Sommermann. Sie hatte sich einfach geweigert, den Katechismus auswendig zu lernen. »Ich kann es mir nicht behalten«, erklärte sie dem Kaplan bedauernd, wenn er sie wieder einmal abfragte. »Was bewirkt die helfende Gnade?« »Gott erleuchtet durch die helfende Gnade unseren Verstand und bewegt unseren Willen, dass wir das Böse meiden und das Gute tun.« Im Gegensatz zu Gudrun hatte Mira die Sätze immer gelernt. Sie hatte immer alles getan, was man von ihr verlangt hatte, weil sie wusste, dass das das Vernünftigste war. Aber Gudrun war stur geblieben, selbst als der Kaplan damit gedroht hatte, sie von der Heiligen Kommunion auszuschließen. Sie war aber am Ende doch zugelassen worden.

Nach der Schule war Gudrun bei einem Damenschneider in die Lehre gegangen, gegen den Willen ihrer Eltern, die gewollt hatten, dass sie in ihrer Metzgerei Würste und Speck verkaufte. Die Lehrstelle hatte Gudrun sich selbst gesucht. »Das ist der Laden, in dem ich lernen werde«, hatte sie Mira erklärt, als sie auf dem Heimweg von der Schule an der Schneiderei vorbeigekommen waren.

»Wann wurde das denn arrangiert?«, fragte Mira erstaunt.

»Noch gar nicht.« Gudrun trat etwas unsicher von einem Fuß auf den anderen. Hinter den hohen Fenstern der Damenschneiderei sahen sie ein Vorzimmer mit einem Ladentisch, dahinter stand eine ältere Frau, die ihrerseits zu Mira und Gudrun heraussah.

»Ich werde jetzt hineingehen und mich vorstellen«, sagte Gudrun, und bevor Mira noch irgendetwas sagen konnte, hatte sie ihr schon ihre Schultasche in den Arm gedrückt und war im Laden.

Mira sah sie lange mit der Frau reden, die immer wieder die Arme hob und den Kopf schüttelte, aber irgendwann trat sie hinter ihrem Ladentisch hervor und führte Gudrun in ein Hinterzimmer. Später kam sie allein zurück und stellte sich wieder hinter die Theke.

Dann wartete Mira und wartete und wartete, doch Gudrun kam nicht wieder heraus. Sie wurde immer unruhiger und besorgter. Was war, wenn da hinten irgendein Unhold saß, der Gudrun etwas zu Leide tat? Und sie stand hier dumm und unnütz herum und kam ihrer Freundin nicht zu Hilfe. Du lieber Gott, hilf ihr, hilf mir, dachte sie, obwohl sie gar nicht an Gott glaubte.

Ihre eigene Schultasche auf ihrem Rücken, Gudruns Schultasche in den Händen stand sie da und wartete so lange, bis die Glocken vom Dominikanerkloster halb zwei schlugen. Dann hielt sie es nicht mehr aus. Sie legte die beiden Taschen neben dem Eingang ab und öffnete die Tür. Die kleine Glocke über ihr klingelte hell und feindselig. Mira war auf einmal sehr heiß. »Guten Tag«, sagte sie. Die Frau hinter der Theke war älter, als es von draußen ausgesehen hatte. Ihre grauen Haare waren zu einem Dutt gesteckt, ihr Gesicht wirkte müde und ungeduldig. »Kommst du jetzt auch noch und fällst uns auf die Nerven?«, fragte sie.

»Nein.« Mira wäre am liebsten direkt wieder gegangen, doch dann dachte sie an Gudrun und das Ungeheuer und räusperte sich. »Ich wollte nur fragen …«

Im selben Moment kam Gudrun aus dem Hinterzimmer, mit einem triumphierenden Lächeln im Gesicht und einem Blatt Papier in den Händen.

»Das ist mein Lehrvertrag«, erklärte sie Mira, als sie wieder draußen auf der Straße waren. »Ich habe darauf bestanden, dass wir gleich alles aufschreiben, weil der Meister gar so widerwillig war und durchaus kein Lehrmädchen akzeptieren wollte.«

»Wie hast du es denn dann geschafft, ihn zu überzeugen?«, fragte Mira.

»Ich habe einfach geredet und geredet, bis er vor lauter Überdruss klein beigegeben hat.«

Nach zwei Jahren kündigte sie die Stellung von einem Tag auf den anderen, weil sie nun alles gelernt hätte, was man ihr hier beibringen konnte. Sie arbeitete ein halbes Jahr in einem Salon auf der Königsallee, aber dann überwarf sie sich wegen einer Nichtigkeit so mit der Frau des Inhabers, dass sie auch diese Stellung aufkündigte. Danach hatte sie als Ladenmädchen bei Tietz angefangen. Und jetzt war auch das vorbei.

Gudrun war immer verrückt gewesen, eigensinnig und impulsiv. Aber dieser Salon für die feine Dame, den sie jetzt gründen wollte, das war eine andere Sache. Das war vermessen – im wahrsten Sinne des Wortes: ein paar Kragenweiten zu groß für Gudrun. Und dieser Pressmann und sein Geld – wie konnte Gudrun sich nur auf ihn einlassen?

Mira versuchte, ihre Gedanken von Gudrun fortzubewegen. Sie stellte sich vor, dass sie in einem dunklen, kühlen Meer schwamm, schwerelos und zufrieden. Sanfte Wellenbewegungen trugen sie weg vom Ufer, hinein in eine tiefe Weite. Dann tauchten mitten in der Leere wieder die Manege auf und der kräftige, große Mann, der seine Gewichtsstange vor sich in die Sägespäne warf. »Wer wagt es, gegen mich anzutreten?« Niemand wagt es, dachte Mira. Weil du ein Gespenst bist. Danach zerfloss das Bild ihres Vaters in der Dunkelheit.

II.

An der höchsten Stelle konnte man weit über den Rhein sehen, auf die Wiesen am anderen Ufer, auf den Damm und die Häuser von Oberkassel. Mira hob das Gesicht und blickte in den Himmel über ihr. Um sie herum war nur glasklare, blaue Luft, dann kippte der kleine Waggon nach vorn. Ihr Körper sackte nach unten, ihr Magen schien dagegen nach oben zu fliegen. Sie sah, wie sich Gudruns dunkle Haare aus der Tolle lösten, zu der sie sie zusammengesteckt hatte, wie sie über ihr flatterten, als wollten sie weg von ihr. Sie sah Gudruns Hände, die sich in ihrem Schoß um ihren Hut krampften, ihren offenen Mund, aber ihre Schreie verloren sich in dem Kreischen und Johlen der übrigen Fahrgäste.

Mira selbst schrie nicht, sie sog die Luft ein, die ihr entgegenströmte, während ihr Waggon in die Tiefe fiel, während der Boden ihnen entgegenraste und die Holzschienen der Berg- und Talbahn knatterten und dröhnten. Kaum waren sie unten angekommen, waren sie auch schon wieder auf dem Weg nach oben, zuerst sehr schnell und dann immer langsamer, bis der Zenit erreicht war und sie erneut nach unten stürzten. Mira schloss die Augen, sie flog in den weiten blauen Himmel, in den glitzernden Fluss, in die grünen Wiesen. Sie war schwerelos. Sie war glücklich. Sie war so lebendig wie noch nie in ihrem Leben.

Mira und Gudrun hatten den ganzen Nachmittag auf der Gesolei verbracht. Gesolei, das stand für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübungen. Eine riesige Ausstellung, die seit Mai 1926 in zahllosen Hallen am Rheinufer präsentiert wurde. Es war die aufwendigste und prächtigste Ausstellung, die jemals in Düsseldorf stattgefunden hatte. Allein die Gebäude, die dafür errichtet worden waren – der Kunstpalast im Ehrenhof, davor das Planetarium. Und natürlich die Rheinterrasse, wo Mira seit zwei Monaten als Serviermädchen arbeitete.

Obwohl sie nun schon seit vier Monaten Tag für Tag die hungrigen und durstigen Ausstellungsbesucher bediente, hatte Mira die Schau heute zum ersten Mal gesehen. Gudrun hatte sie durch sämtliche Ausstellungshallen geschleppt, ins Haus Henkel, in die Halle für Luftfahrt, in den Pavillon der deutschen Bäder, ins Haus der Stadt Düsseldorf und in zahlreiche andere Gebäude, die Mira vergessen hatte, kaum dass sie sie wieder verlassen hatten. Zum Schluss hatten sie sich ein Billet für die Berg- und Talbahn gekauft. Das war das Beste von allem.

»Noch einmal«, sagte Mira zu Gudrun, als sie mit weichen Knien aus dem Waggon stiegen. »Lass uns noch einmal fahren!«

»Bist du verrückt?«, Gudruns Stimme überschlug sich fast. »Keine zehn Pferde kriegen mich mehr in diese Höllenmaschine. Ich dachte, mein letztes Stündchen hätte geschlagen.«

»Wenn Sie einen Beifahrer suchen, würde ich mich gerne zur Verfügung stellen«, hörten sie eine Männerstimme hinter sich. Ihre Köpfe schnellten in einer fast synchronen, spiegelverkehrten Bewegung herum. Ein steifer schwarzer Hut, darunter lachende Augen, ein schmaler Schnurrbart. Ihre Gesichter fuhren wieder nach vorn. »Nichts für ungut«, rief der Fremde. »Ich wollte Sie gewiss nicht erschrecken.«

»Wo denken Sie hin!«, gab Gudrun spitz zurück. »So leicht fürchten wir uns nicht. Und danke für das Angebot, aber wir haben keinen Bedarf.«

Der Mann lachte. »Es galt ja gar nicht Ihnen, sondern Ihrer Freundin.«

Mira hakte Gudrun unter und beschleunigte gleichzeitig ihre Schritte.

»Nun, ihr geht es nicht anders als mir, sie verzichtet dankend«, sagte Gudrun, ohne sich dabei umzudrehen. Auch sie ging jetzt schneller, aber nur, weil Mira sie zog.

»Das arme Ding«, hörten sie den Herrn spotten. Er war wohl stehen geblieben, seine Stimme kam jetzt aus einiger Entfernung. »So jung und stumm. Es ist ein Jammer.«

Mira spürte, dass sie rot wurde. Sie hätte so gerne etwas entgegnet, etwas Freches, Unverschämtes, wie es Gudrun immer einfiel. Ehe sie richtig darüber nachdachte, was sie tat, drehte sie sich um. Der junge Mann war ihr näher, als sie es erwartet hatte. Die roten Lippen unter dem dünnen Strich des Schnurrbartes grinsten sie erwartungsvoll an. Sie merkte, wie ihr Gesicht noch heißer wurde, aber vielleicht sah er es nicht, es wurde ja langsam dunkler. Sie musste jetzt etwas sagen. Sie holte tief Luft. »Ich bin aber gar nicht stumm«, sagte sie.

Das Grinsen erstarrte. Gott, wie dämlich, dachte Mira, während sie Gudruns Arm noch fester umklammerte. Etwas Dümmeres hätte ich nicht sagen können.

Gudrun legte ihren Arm um sie, als sie das Gelände der Berg- und Talbahn verließen. »Dem hast du es aber gegeben«, spottete sie.

»Hör auf«, sagte Mira betreten. »Hätte ich doch nur den Mund gehalten.«

»Komm, ich glaube, er hat es nett gemeint«, meinte Gudrun. »Vielleicht hättest du mit ihm noch eine Runde drehen sollen.«

Mira schüttelte den Kopf und antwortete nicht.

»Nimm’s nicht so schwer«, sagte Gudrun nach einer Weile.

»Was?«, fragte Mira.

»Das Leben«, sagte Gudrun.

 

Sie aßen ein Paar Knackwürste mit Mostrich und Brot, während sie am Rhein entlangspazierten. Auf dem Fluss fuhr ein Dampfschiff vorbei, das Holzstämme geladen hatte und so tief im Wasser lag, als ginge es gerade unter. Einer der Matrosen an Bord winkte zu ihnen herüber. Gudrun winkte zurück.

Sie trug ein rotes Sommerkleid mit Tupfen, einen hellblauen Seidenschal und einen schmal geschnittenen Topfhut, der ein bisschen wie die Ledermütze eines Automobilfahrers aussah. Das Kleid hatte sie schon im letzten Sommer getragen und im Sommer davor auch, aber nun hatte sie den Saum gekürzt und die Ärmel enger gemacht. Es sah aus wie neu.

»Jetzt geht es mir wieder besser.« Gudrun warf das Pappkärtchen, auf dem die Wurst und das Brot gelegen hatten, ins Wasser. Das weiße Rechteck dümpelte auf den Wellen wie ein Floß mit einem Klecks Mostrich als Passagier. Als es ein Stück abgetrieben war, stieß eine Möwe aus der Luft herab, eine Weile lang schwebte sie über dem seltsamen Boot und schien darüber nachzudenken, ob es essbar wäre, aber dann zog sie unverrichteter Dinge wieder ab.

»Was macht dein Modesalon?«, fragte Mira.

»Die Räume sind angemietet. Jetzt müssen sie umgebaut und dekoriert werden. Und die ganzen Anschaffungen, die noch zu erledigen sind! Im Oktober werde ich wohl loslegen können.«

»Im Oktober erst. Aber bei Tietz bist du nur noch bis zum Wochenende!«

»Gott sei Dank! Die Zeit wird mir bestimmt nicht lang werden, bei all den Dingen, die noch auszuführen sind.«

»Aber wovon wirst du leben? Du musst doch auch deine Miete bezahlen. Hast du denn genügend Ersparnisse?«

Gudrun antwortete nicht, sondern strich nur gedankenverloren über die Knopfleiste ihrer Bluse, ihre Finger drehten die Knöpfe, als wollte sie sicherstellen, dass sie noch fest saßen.

Pressmann also, dachte Mira.

Ein paar Minuten lang gingen sie schweigend nebeneinander her. »Weißt du was?«, meinte Gudrun auf einmal. »Wir gehen noch in den Roten Kakadu. Warst du schon einmal dort?«

»Was soll das sein? Ein Restaurant?«

»Eine Bar. Oder eine Südseehütte. Ganz wie du willst. Das musst du gesehen haben.«

»Ich weiß nicht. Ich muss morgen schließlich arbeiten.«

»Und ich vielleicht nicht? Komm, ich spendiere dir auch einen Cocktail.«

Der kleine rote Pavillon mit dem halbrunden Blechdach erinnerte tatsächlich an eine Negerhütte auf einer Südseeinsel. Oben auf dem Dach blinkten Leuchtbuchstaben. KAKADU. WEINHAUS stand in großen Lettern links neben der Tür. AMERICAN BAR verkündeten die Buchstaben auf der rechten Seite.

Drinnen war es recht düster, nur unter der Decke hing eine Kette aus bunten Papierlampions, die die Form tropischer Früchte hatten und ein schummriges Licht verbreiteten. Alles war rund im Roten Kakadu, der Raum selbst, die Theke in der Mitte, die einen Ring bildete, die Tische, die mit Girlanden aus Kunstblumen verziert waren, die Stühle und die Barhocker.

Die Luft zitterte vor weißgrauem Zigarettenrauch, der oben von den Lampions bunt angestrahlt wurde. Sämtliche Tische waren besetzt, nur an der Bar waren noch ein paar Hocker frei. Gudrun ging voran, und Mira folgte ihr.

Sie hatte das Gefühl, dass alle Augen im Raum auf sie gerichtet waren. Zwei Mädchen ohne Begleitung. Irgendjemand schnalzte mit der Zunge, vielleicht hatte es ja gar nichts mit ihnen zu tun, aber vielleicht doch.

»Was willst du trinken?«, fragte Gudrun. Sie nahm ihren Hut ab und warf den Kopf schwungvoll nach hinten, so dass sich ein paar Strähnen aus ihrer Frisur lösten und auf ihre Schultern fielen. Dabei lächelte sie dem Barmann zu, der zurückzwinkerte, als wären sie alte Bekannte. Über seinem Kopf hing ein ausgestopfter Kakadu, der auf einer Art Triangel saß und aus glasigen Augen auf Mira hinunterstarrte. »Zwei Manhattan«, bestellte Gudrun, obwohl Mira noch nichts geantwortet hatte. Der Kellner kippte schwungvoll verschiedene Flüssigkeiten in einen Mischbecher, schüttelte und rüttelte und füllte das Ganze schließlich in zwei zierliche Kelchgläser.

»Sehr zum Wohl, die Damen«, sagte er und zwinkerte Gudrun dabei wieder zu. Er war blond und blass und sah kein bisschen aus wie ein Südseeinsulaner.

»Na, dann Prost.« Gudrun hob ihr Glas.

»Wohl bekomm’s«, antwortete eine Männerstimme hinter ihnen. Es war der junge Mann mit dem dünnen Schnurrbart, den sie vorhin an der Berg- und Talbahn gesehen hatten.

»Sie schon wieder«, sagte Gudrun, während der Kerl sich neben ihr über die Theke lehnte. »Sind Sie uns nachgegangen?«

»Wo denken Sie hin!« Der Mann signalisierte dem Kellner etwas, zwei Finger bildeten zuerst ein V, dann wiesen die Fingerspitzen nach unten. Der Barmann nickte und machte sich an die Arbeit, offensichtlich war es ein Zeichen für einen Cocktail.

»Aber vielleicht sind Sie ja mir gefolgt«, meinte der Mann dann zu Gudrun, wobei er sich zu ihr drehte und seinen Ellenbogen auf die Theke stützte.

»Das hätten Sie wohl gerne«, gab Gudrun zurück.

Der Mann zuckte mit den Achseln. »Ich muss nun leider …«, meinte er, er deutete vage nach hinten in den Raum und zog die Augenbrauen hoch. »Meine Begleitung wartet.«

»Jammerschade«, meinte Gudrun, als er mit seinen Cocktails zurück zu seinem Tisch ging.

»Wie meinst du das?« Mira nahm jetzt erst den ersten Schluck von ihrem Getränk. Es schmeckte süß, aber auch ein bisschen herb, sie hatte noch nie etwas Ähnliches getrunken.

»Dass er in Begleitung hier ist«, sagte Gudrun. »Vorhin war er doch noch alleine.« Sie verdrehte ihren langen Hals, dehnte die Arme, als wollte sie sich strecken, gähnte und blinzelte gleichzeitig verstohlen in die Richtung, in die er verschwunden war. »Obwohl … es ist ein Mann.«

»Ein Mann? Natürlich ist er ein Mann.«

»Seine Begleitung. Er ist mit einem Mann hier.«

»Ach so. Was interessiert dich das? Der Kerl ist doch so aufdringlich.« Mira nahm noch einen Schluck. Ihr Glas war schon fast leer.

»Er ist doch lustig. Und ich glaube, er interessiert sich für dich.«

»Für mich!« Mira trank den Rest. Gudrun bestellte zwei neue Cocktails, die anders schmeckten als die Manhattans, aber genauso gut.

Als der Barmann die leeren Gläser wieder mitnahm, spürte Mira sich seltsam schwerelos, ein bisschen wie vorhin auf der Berg- und Talfahrt.

»Noch einen«, sagte Gudrun. »Aber einen, den ich auch noch nicht kenne.«

Der dritte Cocktail schmeckte nach Petroleum, fanden sie beide, obwohl keine von ihnen jemals Petroleum getrunken hatte.

»Jetzt reicht es«, sagte Mira. »Lass uns nach Hause gehen.« Sie blickte nach oben zu dem Kakadu auf seiner Stange. Er schaukelte behutsam hin und her, oder bildete sie sich das nur ein?

»Einen letzten noch«, sagte Gudrun und winkte gleichzeitig dem Barmann. »Mit diesem Ekel erregenden Geschmack im Mund gehe ich nicht heim.«

Sie wollten gerade aufstehen, als ihnen der Barmann noch zwei Cocktails servierte. »Von dem Herrn an der Tür«, erklärte er.

»Nein«, sagte Mira. »Das geht unter keinen Umständen.«

Sie schob ihr Glas zurück, mit viel mehr Schwung, als sie es beabsichtigt hatte. Die rötliche Flüssigkeit schwappte über den Glasrand auf die Theke.

»Schade drum«, sagte der Mann mit dem dünnen Schnurrbart, der auf einmal neben ihr stand.

»Prost«, sagte Gudrun und hob ihr Glas. »Komm Mira, gib dir einen Ruck. Es ist nur Alkohol.«

Mira schüttelte den Kopf und merkte zu ihrem Entsetzen, dass sich dadurch der ganze runde, schummrige Raum in Bewegung versetzte. Er hörte auch gar nicht mehr auf zu schwanken und zu wanken, obwohl sie jetzt ganz still dasaß, die Hände fest um den Rand der Bar geklammert.

»Kommen Sie, Mira«, sagte der Mann neben ihr, als ob sie einander schon lange kennen würden.

Er schob ihr ihren Cocktail wieder hin und hob sein eigenes Glas. Er trank, und Gudrun trank, und Mira seufzte und nahm ebenfalls einen großen Schluck, dann setzte sie das Glas ab und schüttelte den Kopf. Was genug ist, ist genug, wollte sie sagen, aber sie schluckte die Worte lieber hinunter, weil sie sich plötzlich sicher war, dass sie über die Silben stolpern und sich wieder lächerlich machen würde.

Der Raum begann sich langsam zu drehen, immer in dieselbe Richtung, wie ein Kinderkarussell mit bunt bemalten Pferdchen und Schwänen. Hin und wieder tauchte der Papagei auf seiner Triangelstange auf, er schien Mira höhnisch zuzunicken. Ich will nach Hause, dachte sie verzweifelt, wenn ich nur schon zu Hause wäre. Aber solange sich der Raum so drehte, würde sie nicht einmal den Ausgang finden. Also ließ sie die runden Wände, die Lampions und die Kunstblumen und den ausgestopften Vogel um sich herumziehen und wartete darauf, dass sie wieder nüchtern wurde oder ohnmächtig. Gudrun unterhielt sich mit dem Schnurrbart, aber Mira konnte der Unterhaltung nicht folgen, sie musste sich ganz darauf konzentrieren, dass sie nicht vom Stuhl fiel, denn das Karussell drehte sich jetzt immer schneller und schneller.

»Ihre Freundin ist ganz gewiss anderer Meinung«, hörte sie den jungen Mann plötzlich sagen, und im selben Moment stand das Karussell still. Zu ihrem Entsetzen stellte sie fest, dass beide sie ansahen, Gudrun und der Mann, der Franz hieß, so viel hatte sie immerhin noch mitbekommen. Offensichtlich warteten sie darauf, dass Mira etwas entgegnete. Worüber sie wohl gesprochen hatten? Mira räusperte sich. Der Raum setzte sich wieder in Bewegung, aber nun drehte er sich in die andere Richtung, und die beiden Gesichter drehten sich mit. Gudrun sah ein bisschen besorgt aus. Franz dagegen wirkte amüsiert.

»Mira?«, fragte Gudrun.

»Nein«, sagte sie. »Ich meine ja. Ach, ich weiß es doch selbst nicht.«

»Ich bringe Sie jetzt nach Hause«, meinte Franz.

 

Am nächsten Morgen konnte Mira nicht zur Arbeit gehen. Sie war gleich aufgestanden, als der Wecker geklingelt hatte. An der Waschschüssel wusch sie sich das Gesicht, die Stirn, hinter der es dröhnte und schmerzte. Danach dachte sie kurz darüber nach, ob sie etwas frühstücken sollte, und dann erbrach sie sich zum ersten Mal. Hinterher machte sie das Fenster auf und atmete die warme Morgenluft ein, die sich über dem Dach zu stauen begann. Vier Atemzüge und sie musste sich wieder übergeben.

Wie soll ich den Leuten in diesem Zustand nur ihr Essen servieren? dachte sie, während sie sich wieder das Gesicht wusch. Plötzlich sah sie einen Teller mit Schweinebraten und runden gelblichen Kartoffelklößen vor sich, und bevor sie das Bild wieder vertreiben konnte, roch sie die fettige braune Soße, und dann hing sie wieder über dem Eimer.

Irgendwann würgte sie nur noch, aber sie erbrach nicht mehr als wässerigen Schleim, weil sämtliche Cocktails und alles, was sie gegessen hatte, ihren Magen längst verlassen hatten. Ihr Körper wollte das jedoch nicht einsehen, er versuchte, sich von innen nach außen zu kehren.

Später lag sie im Bett, einen nassen Lappen auf der Stirn, und versuchte zu schlafen. Aber ihr Körper war so leer und kraftlos, sie konnte die Gedanken nicht abwehren, die aus allen Richtungen in ihren Kopf drängten und sich darin breit machten. Ich muss doch in der Rheinterrasse Bescheid geben, dass ich nicht kommen kann, dachte sie. Auf der Haroldstraße war ein Postamt, aber wie sollte sie dahin kommen? Allein bei dem Gedanken wurde ihr Hals wieder ganz eng und ihr Mund trocken.

Herr Kiesemann, der Betreiber der Rheinterrasse, sagte aber, dass es immer eine Möglichkeit gab, wenn man nur willens war und seine Verpflichtungen nicht auf die leichte Schulter nahm. Herr Kiesemann hat keine Ahnung, dachte Mira kraftlos. Wenn ich jetzt aufstehe, sterbe ich. Soll er mich eben kündigen. Sie beschloss, nicht mehr an Herrn Kiesemann zu denken, und überlegte stattdessen, wie sie in der letzten Nacht heimgekommen war. Ich bringe Sie jetzt nach Hause, hatte dieser Franz im Roten Kakadu gesagt, daran erinnerte sie sich noch, aber danach versank alles in dichtem weißem Nebel. Ihr Kopf drehte sich, wenn sie darüber nachdachte. Sie waren in ein Automobil gestiegen, aber sie konnte sich nicht erinnern, ob Franz gefahren war oder ein Taxichauffeur. Hatten sie zuerst Gudrun nach Hause gebracht, die hinter der Husarenkaserne auf der Deichstraße wohnte? Das war ihre größte Sorge. Denn wenn Gudrun zuerst ausgestiegen war, dann war sie mit Franz allein im Automobil gewesen. Nein, versuchte sie sich zu beruhigen, Gudrun wusste doch, wie es um mich stand, sie hätte mich nicht mit ihm ziehen lassen. Aber Gudrun hat genauso viel getrunken wie du, flüsterte ihr eine gehässige Stimme zu. Und selbst wenn sie stocknüchtern ist, ist kein Verlass auf sie.

Der Gedanke brachte Mira wieder vor dem Eimer auf die Knie. Ich will nicht mehr denken, ich kann nicht mehr denken, dachte sie, als sie zurück im Bett war. Ich will schlafen.

Und sie schlief.

Vielleicht drei oder vier Minuten lang, bis sie das Klopfen an der Tür wieder in die grelle Wirklichkeit riss. Sie saß sofort aufrecht im Bett, die Augen weit aufgerissen. Es ist dieser Franz, dachte sie und hielt den Atem an, damit er sie draußen im Flur nicht hören konnte. Dann klopfte es wieder, und gleichzeitig wurde ihr Kopf klarer. Er würde doch jetzt nicht auftauchen, nicht um diese Zeit. Es war jemand anderes, Gudrun oder Frau Kanzler, ihre Zimmerwirtin, die sich erkundigen wollte, warum Mira nicht zur Arbeit gegangen war. Wenn es Gudrun ist, kann sie für mich zum Postamt gehen und in der Rheinterrasse anrufen, dachte Mira.

»Wer ist da?« Ihre Stimme klang, als hielte sie den Kopf unter Wasser.

»Mirabella?«

Mira schloss die Augen und ließ sich zurück aufs Kopfkissen fallen. Ihre Mutter! Sogar dieser Franz wäre ihr jetzt noch lieber gewesen. Den hätte sie wenigstens abwimmeln können, wohingegen ihre Mutter …

»Mirabella!« Die Stimme im Treppenhaus klang jetzt ungeduldig. »So öffne doch endlich! Ich stehe mir hier die Füße in den Leib.«

Miras Kopf drehte sich, als sie den Riegel von der Tür zurückschob. Ihre Mutter drängte sich in den kleinen Raum und füllte ihn sofort mit ihrer ruhelosen Energie aus. Sie trug einen grünen Mantel und ein fliederfarbenes Kleid, das viel zu weit ausgeschnitten war. Auch wenn das jetzt die Mode war, so war das doch nichts für eine Frau, die die Vierzig überschritten hatte. »Hier riecht es nicht gut«, sagte sie und zog dabei angewidert Luft durch ihre Nasenlöcher.

»Mir geht es auch nicht gut«, sagte Mira, während sie wieder ins Bett stieg.

»Bist du krank, Mirabella?«

Mirabella – wie sie den Namen hasste! Als Kind hatte sie darunter gelitten wie unter einer schlimmen Krankheit. Pfläumchen hatten die anderen Kinder sie immer gerufen. Heute nannte sie sich Mira, das ging, weil niemand wusste, wie sie wirklich hieß.

Sie drehte den Kopf zur Seite und spürte dennoch, wie die schwarz geschminkten Augen ihrer Mutter über ihr Gesicht wanderten. Mira hatte das unsinnige Gefühl, dass die Luft um sie herum leise summte, als sei sie elektrisch aufgeladen.

»Woher wusstest du, dass ich nicht bei der Arbeit bin? Hat Gudrun gesagt, dass du nach mir sehen sollst?« Zum Teufel mit Gudrun! Warum war sie nicht selbst gekommen, statt ihr ihre Mutter auf den Hals zu hetzen?

»Gudrun?« Ihre Mutter zog die Brauen hoch, als hörte sie den Namen zum ersten Mal. »Nein, nein. Ich habe es doch gespürt, dass etwas nicht in Ordnung ist mit dir.«

Mira machte die Augen wieder zu und stieß den Atem aus. Ihre Mutter und die Übersinnlichkeit. Nein, sie wollte sich nicht darüber ärgern, wenn sie sich ärgerte, wurde ihr nur wieder schwindelig und schlecht, und sie hatte keine Kraft mehr, sich zu übergeben.

»Ich mache dir Tee.« Ihre Mutter riss das Küchenbüffet auf und begann darin zu herumzuwühlen, auf der Suche nach der Teekanne, die jedoch oben in der Ofenklappe stand.

Wenn sie sie nicht findet, geht sie vielleicht, dachte Mira, aber ihre Mutter gab nicht auf, sie klapperte und schepperte weiter und hörte dabei nicht auf zu reden. Mira beschloss, sie einfach zu ignorieren. Sie atmete tief und ruhig ein und aus. Und es wirkte. Zuerst hörte das Klappern und Scheppern auf, dann wurde ihre Mutter leiser und leiser, und schließlich schlief sie wieder.

 

»Trink, das wird dir gut tun.« Die dampfende Teetasse vor Miras Gesicht verströmte einen abscheulichen Geruch. Sie spürte die weiche, kraftvolle Hand ihrer Mutter in ihrem Nacken, unter den Haaren. So hatte sie sie auch früher gehalten, als Kind, wenn sie krank gewesen war. Nur der Tee hatte anders gerochen.

Vielleicht war es die Erinnerung, die Mira dazu brachte, einen Schluck zu nehmen. Der bittere Geschmack brachte sie fast wieder zum Erbrechen, aber als er einmal in ihrem Magen angekommen war, fühlte sie sich wirklich besser.

»Ah«, machte sie. Das Geräusch entfuhr ihr, ehe sie es verhindern konnte.

»Na siehst du!«, sagte ihre Mutter und lächelte.

»Warum lässt du mich nicht in Ruhe?« Mira sah mit einer gewissen Befriedigung, wie das Lächeln wieder verschwand.

»Ich will dir doch helfen.« Ihre Mutter stellte die halb leere Tasse auf den Nachttisch. An den nach oben gebogenen Enden ihrer Wimpern saßen kleine Klümpchen schwarzer Schminke.

Sie sieht unmöglich aus mit ihren geschminkten Augen und den gefärbten Haaren, dachte Mira.

»Du kannst in der Rheinterrasse anrufen, dass es mir schlecht geht«, sagte sie. »Dadurch hilfst du mir am meisten.«

»Diese erbärmliche Serviererei! Damit ruinierst du dir nur die Gesundheit, Mirabella.«

»Damit verdiene ich die Miete und alles andere auch. Und du profitierst oft genug von meinen Einkünften. Vor allem am Monatsende kommt dir meine erbärmliche Serviererei sehr gelegen.«

Ihre Mutter betrachtete mit gerunzelter Stirn eine Postkarte, die Mira mit einer Reißzwecke an die Wand gesteckt hatte. Sommergrüße aus Stettin stand in schwungvollen Lettern über dem Bild einer winkenden Schönheit. »Wer schreibt dir denn aus Stettin?«, fragte sie, als hätte sie Miras letzte Worte nicht gehört.

Die Karte war von einer Bekannten, die sich verheiratet hatte und nach Pommern gezogen war. Mira hatte sie aufgehängt, um einen Fleck auf der Wand zu verbergen. Aber sie wollte jetzt weder über die Bekannte reden noch über den Fleck. Sie wollte überhaupt nicht reden.

»Tust du mir nun den Gefallen oder nicht?«, fragte sie.

»Gleich.« Ihre Mutter ging zum Fenster und riss die beiden winzigen Flügel so weit auf, dass sie beängstigend knarrten. »Ich habe einen Großauftrag von Austermühl bekommen.«

Austermühl, das war die Hutfabrik, für die ihre Mutter als Putzmacherin arbeitete. Aber weil ausladende, verzierte Hüte schon vor dem Krieg aus der Mode gekommen waren, hatte sie meist sehr wenig zu tun. Mira fragte sich, warum sie die Hutmacher überhaupt noch beschäftigten, vielleicht hatten sie Mitleid mit ihr, oder sie fanden wirklich Gefallen an den exzentrischen Dekorationen, die sie für sie entwarf. Aber gleich ein Großauftrag?

»Vier Dutzend Hüte«, erklärte ihre Mutter. »Sie müssen bis zum Ende des Monats fertig sein.«

»Und warum erzählst du mir das?«

»Ich dachte, du willst dir vielleicht ein paar Groschen dazu verdienen.«

»Mutter!«, sagte Mira. Sie musste sich jetzt richtiggehend zusammenreißen, damit sie nicht laut wurde. »Ich habe als Servierfräulein ein gutes Auskommen und überdies mehr als genug zu tun.«

»Schon recht.« Ihre Mutter hob beide Hände, dann ließ sie sie wieder fallen. »Aber vielleicht kennst du jemanden, der mir behilflich sein könnte.«

»Frag Gudrun. Sie weiß bestimmt jemanden.« Mira schloss die Augen und drehte den Kopf zur Wand. Die Übelkeit war nicht weg, sie hockte irgendwo in ihrem Bauch und lauerte. »Oder warte … Kiesemann hat vor einigen Wochen einem Mädchen gekündigt … Hilde Kanzinger. Sie wohnt in der Concordiastraße. Numero zehn, wenn ich mich nicht irre.«

»Ist sie geschickt?«, fragte ihre Mutter.

»Ich denke schon«, sagte Mira, obwohl sie sich nur noch daran erinnerte, dass Hilde furchtbar nach Schweiß gestunken hatte. Das war auch der Grund gewesen, warum sie Herr Kiesemann gleich ein paar Tage nach ihrer Einstellung wieder entlassen hatte. Auch wenn es so natürlich nie gesagt worden war.

»Concordiastraße 10«, wiederholte ihre Mutter. »Das ist gleich um die Ecke.«

»Aber ruf vorher in der Rheinterrasse an! Versprichst du mir das?«

»Natürlich.«

 

Natürlich hatte ihre Mutter nicht angerufen. Die Telefonverbindung war gestört. Das dumme Ding, das den Anruf entgegengenommen hat, hat vergessen, es auszurichten. Ich hatte auf dem Weg zum Postamt eine böse Vorahnung. Irgendeine Ausrede hätte sie Mira präsentiert, wenn diese sie auf die Sache angesprochen hätte. Aber Mira sprach sie nicht darauf an. Sie ließ Herrn Kiesemanns Vorwürfe schweigend über sich ergehen. Während er redete, starrte sie auf ihre Fußspitzen und verwünschte ihre Mutter, auf die man sich nicht verlassen konnte, und Gudrun, die ihr das Ganze eingebrockt hatte, und sich selbst, weil sie so schwach war. Sie wurde aber nicht gekündigt, obwohl draußen vor der Tür Hunderte von Mädchen auf eine Anstellung wie ihre warteten, wie Herr Kiesemann sagte.

Mira zog das Tablett zu sich heran, das der Koch aus der Küche geschoben hatte. Vier Teller mit Kalbsbraten und Kartoffeln. Ihre Oberarme brannten, als sie es hochhob und sich einen Weg durch den eng besetzten Raum zur Terrasse bahnte.

Während sie ging, wandte sie den Kopf zur Seite, um den Geruch der Bratensoße nicht einatmen zu müssen. Sie wurde allein vom Servieren satt bis zum Überdruss. Bei den ersten Gerichten, die sie mittags auftrug, knurrte ihr Magen noch, und das Wasser lief ihr im Mund zusammen. Aber mit jedem Teller, den sie nach draußen schleppte, wurde ihr Hunger kleiner, erst fühlte sie sich satt, und dann begann sie sich zu ekeln. Schweinebraten, Rindsrouladen, Würste, Gulasch, Pannhas. Stampfkartoffeln, Spiegelei, Blumenkohl und grüne Bohnen. Zum Nachtisch Eierkuchen, Obstmus oder Torte. Die Leute aßen, als stünde ein neuer Krieg ins Haus, als gäbe es kein Morgen. Am nächsten Tag waren sie wieder da und stopften sich die Bäuche von neuem voll. Sie aßen und sahen dabei den Turnern zu, die sich unten auf den Rheinwiesen in langen Reihen aufstellten, die Rücken gerade, die Arme nach vorn. Und dann Rumpfbeugen, Kniebeugen, Liegestütz, alle im Gleichtakt und mit seltsam vorwurfsvollen Gesichtern. Als missbilligten sie ihre glotzenden, fressenden Zuschauer auf der Rheinterrasse, für die sie ihre Übungen doch aufführten.

»Fräulein, zahlen!« Eine ungeduldige Frauenstimme legte sich über den Klangteppich aus Worten, Besteckklappern, Lachen, Gläserklirren. Miras Augen flogen in ihre Richtung, es war der Tisch rechts neben der Tür. »Ich komme!«, rief sie und hoffte, dass die Frau sie hörte, dass sie nicht einfach aufstand und ging, wie neulich ein ganzer Tisch von Gästen, für deren Zeche Mira dann hatte aufkommen müssen.

Ihre Oberarme zitterten, als sie die Teller mit dem Braten auf dem Tisch abstellte. »Das wurde aber auch Zeit«, knurrte ein hagerer Mann, während er sein Essen so wachsam durch ein Monokel betrachtete, als habe er Angst, dass es plötzlich vom Teller springen und davonlaufen könnte.

»Es ist ein großer Andrang«, wandte seine Frau ein. Sie war ebenso hager, aber viel kleiner, mit einem faltigen, freundlichen Gesicht. Auf dem Kopf trug sie einen breiten Strohhut mit einem rosa Band, der zu mädchenhaft für sie war. »Und das Wetter bringt einen recht zum Schwitzen.« Sie zog ein winziges weißes Taschentuch aus der Handtasche und tupfte sich über die Oberlippe. Als sie lächelte, sah Mira ihre langen, gelben Zähne. Jemand sollte ihr sagen, dass ihr der Hut nicht steht, dachte Mira, während sie sich schon wieder abwandte.

Schließlich hatte sie keine Zeit zu verlieren. Zuerst die Rechnung für die Frau, die gerufen hatte, und dann zu Tisch sieben, an dem die Gäste endlich bestellen wollten. Und der Herr an Tisch zwölf wartete noch auf sein Bier, wahrscheinlich war es längst gezapft und stand schon auf der Theke.

Auf der Sommerterrasse standen die Tische in drei Reihen, jeweils sieben hintereinander, und mittags waren so gut wie alle besetzt. Mittags bedienten sie zu dritt hier draußen, Mira, Elsbeth und Emmi, aber am Nachmittag wechselten jeweils eine ins Weinlokal und ins Kaffeerestaurant, und die Dritte bediente die Tische allein weiter.

Vorne an der Brüstung war ein Tisch frei geworden, bemerkte Mira aus dem Augenwinkel, während sie nach drinnen eilte. Hatten sie bezahlt oder waren sie einfach gegangen? Sie konnte sich nicht an die Gesichter erinnern, aber die Gerichte fielen ihr wieder ein. Forelle blau mit Pellkartoffeln und Gulaschsuppe. Eine Mark achtundneunzig. Nein, es war alles in Ordnung, sie hatte die Herrschaften vorhin noch abkassiert.

Das Sommerrestaurant war der größte Saal der Rheinterrasse – und der schönste, wie Mira fand. Obwohl der Raum natürlich bei weitem nicht so beeindruckend war wie der goldene Kuppelsaal und der Weinsalon mit seinen deckenhohen Wandgemälden. Aber im Sommerrestaurant gab es riesige Glasfenster, durch die die Sonne hereinfiel und Streifenmuster und Ornamente auf den dunklen Eichenboden malte. Die Glasfassade löste den Raum zur Terrasse hin auf, außen und innen wurden eins. Wenn es draußen sehr warm war, drückte die Sonne allerdings derart durch die Fenster, dass es schon mittags unerträglich heiß wurde. Heute war es sehr warm, und Mira hätte zu gerne ihre weiße Schürze ausgezogen oder wenigstens die obersten Knöpfe der Bluse geöffnet, aber das war natürlich undenkbar.

Auf dem Brett über der Essensausgabe hingen die Bestellzettel der Serviermädchen, aufgespießt auf lange Nägel wie tote Schmetterlinge. Die Mädchen schrieben die Bestellungen auf und gaben die Zettel in der Küche ab, und hinterher steckte der Koch die einzelnen Blätter an das Brett, wo die Mädchen sie wieder abrupften, wenn es ans Kassieren ging. Es standen aber keine Wörter auf den Zetteln, sondern Nummern und Zeichen. Die 1 stand für Rindsrouladen mit Kartoffeln, 2 für Blutwurst mit Knödeln, 3 für Gulaschsuppe und immer so weiter. Ein Kreuz bedeutete Perlwein, ein Stern Moselwein. Ein Kreis Altbier. So ging alles schneller und das war entscheidend. Denn die Rheinterrasse war ein modernes Restaurant. Eine Ess-Fabrik. Und wir Serviermädchen sind die Maschinen, dachte Mira.

 

Als er nachmittags auf der Terrasse auftauchte, erkannte sie ihn zuerst nicht wieder. Er trug einen Strohhut, der einen Schatten auf sein Gesicht warf, so dass man den dünnen Schnurrbart auf der Oberlippe kaum sah. Sein Lächeln kam ihr vertraut vor, aber bevor sie sich erinnern konnte, wo sie es schon einmal gesehen hatte, hatte sie seine Bestellung schon aufgenommen und war zum nächsten Tisch geeilt.

»Mira«, sagte er, als sie ihm sein Besteck brachte, Messer, Gabel, Löffel und die Serviette. »Was ist, sind Sie wieder verstummt?«

»Franz!« Sie spürte, wie das Blut in ihrem Gesicht pulsierte. War er ihretwegen hierher gekommen?

»Ich wusste gar nicht, dass Sie hier arbeiten«, erwiderte er, als habe sie die Frage laut ausgesprochen.

»Ich bediene hier«, sagte Mira. Wieder so ein dummer Satz, es war ja offensichtlich, dass sie hier bediente und nicht seiltanzte oder jonglierte. Ihre Wangen glühten jetzt und sein Grinsen wurde noch breiter.

»Und ich esse hier«, meinte er. »Wie sich das trifft.«

»Ich muss nun aber wieder …« Sie machte eine rasche Kopfbewegung in Richtung Küche. Während sie zurückging, konnte sie seine Blicke auf ihrem Körper spüren. Es gefiel ihr nicht, dass er hierher kam und sie so ansah, wie er sie ansah, aber was konnte sie machen? Die Rheinterrasse war ein öffentlicher Ort, und er war hier Gast, und der Gast ist König, sagte Herr Kiesemann immer.

»Kannst du meine Tische auf der Terrasse übernehmen, dann mache ich für dich hier drinnen weiter?«, fragte sie Amelie, die sie bei der Essensausgabe traf.

»In einer halben Stunde können wir tauschen. Aber den Tisch am Fenster bediene ich noch zu Ende, da gibt’s ein saftiges Trinkgeld, ich kann es förmlich riechen«, meinte Amelie, während sie die Augen nicht von ihren nichts ahnenden Opfern auf der anderen Seite des Restaurants ließ. »Was ist los?«, fragte sie, als Mira seufzte. »Hast du Ärger mit einem Gast?«

»Schon gut.« Mira nahm einen Teller mit Rindfleischsuppe in Empfang und rupfte den dazugehörigen Bestellzettel vom Nagel an der Wand. »Es ist nur ein lästiger Bekannter.«

»Ignorier ihn einfach.« Amelie blinzelte ihr aufmunternd zu.

Nein, beschloss Mira, sie würde diesen Franz nicht ignorieren, sie würde der Sache jetzt ein Ende bereiten, ein für alle Mal, auch wenn die Rheinterrasse dadurch einen Gast verlor. Man musste sich schließlich nicht alles bieten lassen. »Hören Sie, Franz«, begann sie entschlossen, während sie den Teller vor ihm abstellte.

»Otto«, sagte Franz und lächelte.

»Wie bitte?«, fragte Mira irritiert. »Nennen Sie mich Otto«, sagte Franz.

»Warum soll ich Sie Otto nennen? Heißen Sie denn nicht Franz?«

»Franz ist mein Nachname. Also entweder Herr Franz oder Otto, so bin ich getauft. Otto ist mir allerdings lieber.«

Ihr Gesicht war heißer als heiß. Es dampfte förmlich vor Hitze wie die Suppe auf dem Tisch.

»Also, was gibt es?«, fragte Franz oder vielmehr Otto.

»Kommen Sie nicht mehr hierher«, stieß Mira hervor. Dann drehte sie sich um und ging einfach weg. Ihr Gesicht glühte, ihr Herz raste, ihre Knie zitterten, sie war eine Inkarnation der Lächerlichkeit.

Als sie abends das Restaurant verließ, lehnte er am Sockel des Obelisken auf dem Vorplatz und wartete auf sie. »Nur eine Frage, dann sind sie mich los. Ich verspreche es«, hörte sie ihn rufen, während er mit halb erhobenen Händen auf sie zuging wie auf ein scheues Pferd. »Ich würde Ihre Freundin Gudrun gerne wieder sehen, aber ich weiß nicht, wo ich sie finden kann.«

Gudrun also, dachte sie und spürte zu ihrer Verwunderung keine Erleichterung, sondern einen Stich in ihrer Brust. Er war an Gudrun interessiert, nicht an ihr. Das war natürlich nichts Ungewöhnliches, es war niemals anders gewesen. Ob Pressmann oder Otto Franz, die Männer drehten sich nach Gudrun um und wollten sie kennenlernen, nach Mira schaute keiner.

«Aber Sie wissen doch, wo Gudrun wohnt. Letzte Woche haben Sie uns doch nach Hause gebracht.«

Sein Lächeln wurde zu einem breiten Grinsen. »Ich habe Ihnen die Droschke gerufen, aber mitgefahren bin ich nicht. Oder haben Sie irgendwelche Erinnerungen, die das Gegenteil besagen?«

»Ich? Nein, natürlich nicht!« Sie hatte überhaupt keine Erinnerungen an die Fahrt, und das wusste er auch, der unverschämte Kerl.

»Richten Sie Gudrun also aus, dass ich sie gerne sehen würde?«

»Sicher. Aber ich kann nichts versprechen. Sie ist sehr beschäftigt.«

Sie sah ihm nach, wie er in Richtung Rheinhalle davonschlenderte. Seine Beine wippten leicht beim Gehen, und seine Arme bewegten sich im Takt dazu, es sah aus, als tanzte er weg.

III.

Mira hätte direkt am Restaurant in die Elektrische einsteigen können, aber die Besuchermassen drängten sich so dicht auf dem Trottoir, dass sie es vorzog, durch die Altstadt zum Hindenburgwall zu gehen. Die holprigen Kopfsteinstraßen lagen still und verlassen da, und über den engen Gassen beugten sich die hohen Gebäude zueinander. Nur vor dem Uerige standen ein paar Männer und hielten sich an ihren Biergläsern fest.

Wie antiquiert die verwinkelten Gassen mit den schiefen Häusern wirkten im Vergleich zu den stolzen, neuen Ausstellungsgebäuden am Rheinufer. Mira fragte sich wirklich, warum überhaupt noch jemand in diese verräucherten, düsteren Altstadtkneipen ging, wenn man stattdessen in der Rheinterrasse essen konnte, wo alles hell, sauber und modern war. Mit Schaudern erinnerte sich Mira an den Goldenen Ochsen, wo sie vor einem halben Jahr noch gearbeitet hatte. An die verstaubten Spinnweben über der Theke. Nein, da war die Rheinterrasse doch wirklich etwas ganz anderes.

Als Herr Kiesemann sie damals eingestellt hatte, hatte sie sich gefreut, als habe sie in der Lotterie gewonnen. Zweiundzwanzig Mark verdiente sie in der Woche, fünf Mark mehr als Gudrun im Kaufhaus Tietz bekam. Es war keine leichte Arbeit, besonders jetzt im Sommer, wenn man schon in der Frühe ins Schwitzen kam. Und Schweiß, das predigte Herr Kiesemann ihnen immer, wollen unsere Gäste nicht sehen und nicht riechen. Also wuschen sich die Mädchen jedes Mal mit Essigwasser unter den Achseln, wenn sie austreten mussten, und danach spritzten sie sich Parfüm auf die Haut, das den Geruch einigermaßen verdeckte. Mira selbst neigte glücklicherweise nicht sehr zum Schwitzen, ganz im Gegensatz zu der armen Hilde Kanzinger.

An der Haltestelle am Wilhelm-Marx-Haus fuhr mit lautem Bimmeln die Elektrische vor, Mira eilte mit schnellen Schritten hinüber, sie stellte sich hinter den anderen Wartenden an, aber als sie an der Reihe war, stieg sie doch nicht ein. Vor ihrem Gesicht zog der Schaffner schwungvoll die Tür zu, dabei musterte er sie misstrauisch durch das braun gestrichene Holzfenster, als erwartete er, dass sie sich im letzten Moment doch noch in den Wagen drängen würde. Sie lächelte ihn an; als er nicht zurücklächelte, zog sie eine Grimasse, die er ebenfalls nicht erwiderte.

Sie war nicht eingestiegen, weil ihr plötzlich ihre kleine, dunkle Dachkammer eingefallen war. Die Luft, die sich den ganzen Tag lang voll Hitze gesogen hatte und jetzt schwer und faul im Raum lag wie schlechter Atem und nur darauf wartete, dass Mira die Tür öffnete. Und die Stille im Raum, die alles erdrückte. Von draußen würde man Geräusche hören, aus den anderen Wohnungen, aus dem Treppenhaus, von der Straße, aber in Miras Kammer wäre es still. Nein, dachte Mira. Gudrun hatte heute ihren letzten Tag im Kaufhaus Tietz, sie würde die Freundin auf eine Tasse Tee einladen.

Nach der flirrenden Helligkeit der Straße war es im Kaufhaus kühl und still wie in einer Kathedrale. Hohe Regale aus Nussbaumholz zerteilten den Raum in schmale Gänge. Hinter langen Theken standen Verkäufer in eleganten Anzügen, Ladenmädchen in weißen Blusen und schwarzen Jacken, kerzengerade, ernst, erwartungsvoll.

Zwischen den Nussbaumtheken flanierte die Kundschaft. Die Damen trugen knöchellange schmale Röcke, die Herren Strohhüte und Spazierstöcke unter dem Arm. Zielstrebig traten sie vor diesen Ladentisch oder vor jenen, und sofort erwachten die Verkäufer aus ihrer Starre. Einen Augenblick später sah man sie wieselflink auf hohen Leitern an den Regalen emporklettern, seltsamerweise schienen die verlangten Artikel immer ganz oben zu liegen, dann breiteten sie die Waren auf den Theken aus, Oberhemden, Blusen, Handschuhe, Schals. »Bitte beachten Sie das exklusive Material, reine Wolle. Eines unserer Reklameangebote, im letzten Sommer kostete es noch dreißig, nun bekommen sie das gute Stück schon für fünfundzwanzig.« Sie redeten und redeten, denn bei Tietz wurde man nach Erfolg bezahlt, das wusste Mira von Gudrun.

»Womit kann ich dienen?«, rief ein junger Verkäufer Mira zu, aber sie schüttelte den Kopf und beschleunigte ihre Schritte. Neben dem Lichthof war die Sammelkasse, hier reihte sich die Kundschaft auf, um die Ware zu bezahlen. Nacheinander trat man an die Theke, hinter der zwei Ladenmädchen standen. Eine von ihnen nahm den Kassenzettel und das Geld entgegen, flinke Finger tippten den Preis über die runden Metalltasten in die Registrierkasse. Dann drehte sie die Kurbel an der Seite der Kasse, klingelnd fuhr die Münzschublade aus, aus der das Mädchen das Wechselgeld entnahm.

Ein anderes Mädchen packte die Waren ein und überreichte sie den Kunden mit einem warmen, gleichzeitig leeren Lächeln. »Auf Wiedersehen und verbindlichsten Dank auch.« Der nächste Kunde trat nach vorn, reichte Kassenzettel und Geld. Das Mädchen tippte, die Kasse klingelte, und die Schublade ging auf. Der Mann vor der Theke öffnete den Mund. Mira wartete darauf, dass er etwas sagte, aber dann sah sie, wie das Ladenmädchen in die offene Schublade griff und etwas herausholte, das sie ihm auf die Zunge legte. Eine weiße Hostie. Eine Hostie? Im Kaufhaus? Der Mann schloss den Mund und senkte den Kopf. Klingeling! machte die Ladenkasse.

Mira fühlte sich plötzlich schwindlig, sie hätte sich gerne irgendwohin gesetzt, aber es gab nirgendwo einen Stuhl. Sie sah, wie der Mann sich zur Seite bewegte, ein anderer trat an seine Stelle, wieder griff das Ladenmädchen in die Kasse und holte eine Hostie für ihn heraus. So ging es immer weiter: Zettel, Geld, Klingel, Münzschublade, Hostie. Mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis. Klingeling.

Miras Zunge fühlte sich sehr trocken an, als wäre sie mit einem pelzigen Stoff überzogen. Sie drehte ihre Augen weg von der seltsamen Kommunionsszene, hoch in die bleiglasverzierte Kuppel des Lichthofes, aber das machte den Schwindel nur noch schlimmer, und dann spürte sie Schwester Clementias Hände im Nacken, ihren harten, festen Griff.

»Ist Ihr nicht recht gut, dem gnädigen Fräulein?«, fragte sie mit tiefer Männerstimme, aber es war gar nicht Schwester Clementia, die das fragte. »Soll ich Ihr vielleicht ein Glas Wasser bringen?«

Sie atmete tief ein. Die Männer und Frauen vor der Sammelkasse wurden wieder zu gewöhnlichen Kunden, und auch die Hostien verschwanden. Neben ihr stand ein junger Mann im Anzug. Seine Mundwinkel zogen sich fast bis zu den Ohren, der Rest seines Gesichtes erschien dagegen seltsam starr und leblos.

»Es geht schon wieder«, sagte Mira ein wenig mühsam. »Nur ein leichtes Unwohlsein.«

»Kein Wasser?«, meinte der Bursche.

»Nein, vielen Dank.«

Sie spürte seinen misstrauischen Blick im Rücken, während sie durch den blumengeschmückten Lichthof weiterging, nach links in die Abteilung, in der Gudrun Stoffe zuschnitt. Die Schritte fühlten sich an, als watete sie durch Schlamm. Kommunion im Kaufhaus. Was für eine Vorstellung! Wenn sie so weitermachte, wurde sie bald so verrückt wie ihre Mutter.

Gudrun war ebenfalls schwarz-weiß gekleidet, sie legte gerade hellgelben Samt zusammen, Kante auf Kante, bis es ein perfektes weiches Quadrat war. Eine Schnur darum und ein Preiszettel für das Kassenfräulein. »Und beehren Sie uns recht bald wieder«, flötete Gudrun, obwohl ihr die Kundin bereits den Rücken zugekehrt hatte.

Mit demselben Lächeln wandte sie sich Mira zu. »Was kann ich für Sie … Mira!« Das Lächeln verschwand. »Was ist geschehen? Du bist ja so blass!«

»Ich … mir war nicht gut«, sagte Mira. »Aber jetzt geht es wieder. Diese Luft hier drinnen …«

»Zum Eingehen.« Gudrun nickte. »Und? Hast du ihn wiedergesehen?«

»Wen?«, fragte Mira, dabei wusste sie nur zu gut, von wem Gudrun sprach.

»Franz natürlich!«

»Er war vorhin in der Rheinterrasse. Er hat sich nach dir erkundigt. Ob er dich wiedersehen kann. Ich glaube, er ist in dich verliebt.«

»Ach, der dumme Junge!« Gudrun zwirbelte eine braunrote Haarsträhne zwischen ihren Fingern und steckte sie hinter eine Haarnadel. »Aber der Abend im Roten Kakadu war wirklich lustig.«

Lustig? Was meinte Gudrun damit? Was genau war denn so lustig an dem Abend gewesen? Franz mit seinen Scherzen? Mira in ihrer Betrunkenheit? Sie wollte es gar nicht wissen, beschloss Mira.

»Ich habe übrigens zwei Karten für die Oper«, wechselte Gudrun das Thema. »Salome. Die Vorführung ist am Sonnabend. Kommst du mit?«

»Du in der Oper? Das ist ja etwas ganz Neues.«

Gudrun strich gedankenverloren über einen der Stoffballen auf dem Tisch.

»Aha«, sagte Mira. »Pressmann.«

»Und seine Frau«, meinte Gudrun sofort. »Sie haben ein Abonnement im Opernhaus, und just an diesem Samstag sind zwei andere Abonnenten verhindert.«

»Da sind sie ausgerechnet auf dich gekommen.«

»Warum denn nicht? Aber bitte, wenn du nicht willst …«

Mira zögerte einen Moment lang. Sie war noch nie in der Oper gewesen, sie war sich auch nicht sicher, ob es ihr gefallen würde. Sie machte sich nicht viel aus klassischer Musik, aber zum einen war es umsonst, und zum anderen war sie doch neugierig darauf, diesen Pressmann einmal kennenzulernen.

»Also gut«, sagte sie. »Wenn ich nur keine Cocktails trinken muss.«

»Hol mich um sieben Uhr ab«, bestimmte Gudrun. »So und nun lass uns gehen!« Sie klatschte in die Hände. Obwohl gerade zwei Damen neben Mira an die Theke traten, holte sie ein Schild unter dem Ladentisch hervor und legte es auf die Theke. Vorübergehend geschlossen. Die Herrschaften werden gebeten, sich kurz zu gedulden.

»Musst du nicht noch bis um sieben …?« Miras Blick wanderte von den irritierten Kundinnen zu Gudrun und wieder zurück.

»Das hat sich erledigt«, sagte Gudrun so laut, dass es auch die beiden Frauen hören konnten. »Mich haben sie hier rausgeworfen. Auf den Lohn für die letzten Tage pfeife ich. Sollen sie doch sehen, wie sie ohne mich zurechtkommen.«

 

Mira hatte erwartet, dass sie in einer separaten Loge sitzen würden, Herr und Frau Pressmann, Mira und sie selbst. In der Düsseldorfer Oper gab es jedoch keine Logen, sondern nur drei Galerien, eine über der anderen, die sich im Halbkreis um die Bühne wanden. Und in der Mitte der vordersten Reihe der obersten Galerie saßen sie.

Mira saß am Gang, dann kam Gudrun, neben ihr war Herr Pressmann, es folgte seine Frau, die wiederum ihrerseits eine Freundin mitgebracht hatte, mit der sie sich angeregt unterhielt. Mira bemühte sich, ihren Blick nach vorn zu richten, auf den roten Vorhang vor der Bühne, auf die Köpfe der Musiker im Orchestergraben, aber immer wieder glitten ihre Augen wie von selbst nach rechts zu dem Ehepaar. Frau Pressmann war ein kleines Stück größer als ihr Mann, doch vielleicht täuschte sich Mira auch. Frau Pressmann hielt sich so aufrecht, und er saß leger in seinem Sessel, die Beine nach vorn ausgestreckt, soweit es die beschränkten Sitzverhältnisse zuließen. Ihre braunen Haare waren kurz geschnitten, die Wasserwellen endeten unmittelbar unter dem Ohr. Er trug seine dunklen, weichen Locken nach hinten gekämmt, wenn er den Kopf senkte, konnte man zwischen den Haarsträhnen seine Kopfhaut sehen.

Als sie sich vorhin im Foyer getroffen hatten, hatten sie Mira kurz die Hand gereicht. Ein schnelles Lächeln. Die Blicke oberflächlich und gleichgültig. Mira war keine klassische Schönheit wie Gudrun, die in ihrem schlichten schwarzen Kleid, den Schnallenschuhen und den langen Spitzenhandschuhen, die sie sich im letzten Winter bei Tietz gekauft hatte, durchaus mit den eleganten Damen der Düsseldorfer Gesellschaft mithalten konnte. Mira trug das Kostüm, das sie immer trug, wenn sie zu einem offiziellen Anlass eingeladen war, und obwohl Jacke und Rock taubenblau waren, kam sie sich vor wie eine graue Maus.

Von ihrem Platz aus sah Mira Frau Pressmanns Brüste, das weit ausgeschnittene Dekolleté, unter dem das Kleid wie ein Sack nach unten fiel. In Höhe der Oberschenkel endete es in zahllosen silberfarbigen Schnüren, die ihre wohlgeformten Beine umspielten, ohne sie ganz zu verdecken. War sie schön? Vielleicht. In jedem Fall war sie beeindruckend. Ihre schwungvoll gezupften Augenbrauen, die langen Wimpern, die sorgfältig ausgemalten Dreiecke ihrer Oberlippe – Frau Pressmann war ein Kunstwerk.

Dann gingen die Kronleuchter über dem Parkett aus, nur die lilienartig geformten Wandleuchter in den Rängen blieben an. Der rote Vorhang öffnete sich schwerfällig. Man applaudierte.

Die Sänger betraten die Bühne, Herren mit schmetternden Stimmen und dünnen Beinen in historischen Kostümen. Kräftige Damen mit mächtigen Busen. Eine Arie ging in die nächste über, manchmal sang der Chor, und Mira hatte große Mühe, der Handlung zu folgen, weil sie die Sänger nicht verstand. Sie wartete die ganze Zeit auf den Auftritt der Hauptfigur, auf die verführerische Salome, die es dem König Herodes so angetan hatte. Bis sie begriff, dass Salome längst auf der Bühne war: eine dicke Sängerin mit rubinrotem Kleid und durchdringender Stimme, die so grazil wirkte wie der Tanzbär, den sie damals im Zirkus gehabt hatten. »Magnifique«, hörte sie eine Frauenstimme in der Reihe hinter sich, sie drehte sich unwillkürlich um, um zu sehen, ob es Ernst oder Spott war. Auf der Galerie war es aber zu dunkel, um die Gesichter der Zuschauer zu erkennen.

Vorhin, auf dem Weg zu Gudrun, war sie an Kinoplakaten vorbeigekommen. Im Odeon lief ein Musikfilm über ein Hotel am Wolfgangssee. Wäre ich nur dort, dachte sie jetzt sehnsüchtig. Sie hatte es die ganze Woche nicht ins Kino geschafft. Die Kassiererin und der alte Mann am Klavier wunderten sich bestimmt schon.

In der Pause gingen sie wieder hinunter ins Foyer. Frau Pressmann und die andere Frau, die Mira nicht vorgestellt worden war, rauchten. Ihre Zigaretten steckten in langen Elfenbeinhülsen, dennoch machten sie die Münder ganz spitz, um ihren Lippenstift nicht zu verwischen. Herr Pressmann holte ein Etui aus der Fracktasche und bot Gudrun und Mira eine Zigarre an, worüber Gudrun lachte. »Was möchten die Damen trinken?«, fragte er dann. »Einen Cocktail?«

Gudrun lachte wieder, ihr Ellenbogen stieß in Miras Seite. »Einen Manhattan«, sagte sie. Herr Pressmann sah Mira an. »Nichts«, meinte sie schnell. »Und danke der Nachfrage.«

»Sicher?«, fragte er, dabei hatte er sich aber schon weggedreht.

Seine Frau und die Freundin wünschten Champagner, Herr Pressmann selbst holte sich einen Whisky. »Klar und ehrlich«, sagte er, während er mit Gudrun anstieß.

»Wie finden Sie die Vorstellung?«, fragte Frau Pressmann in die Runde, wobei sie weder Gudrun noch Mira ansah.

»Konventionell, äußerst konventionell«, sagte ihre Freundin und zupfte an ihren langen Ohrringen.

Herr Pressmann lachte, als habe sie einen besonders gelungenen Scherz gemacht. »Gleich kommt der Tanz mit den sieben Schleiern«, verkündete er. »Und der Kopf auf dem Tablett. Dolle Sache.« Er zog an seiner Zigarre und blies den Rauch aus, seine Frau verschwand hinter einer weißen Wolke. Mira sah gerade noch, wie sie die gezupften Augenbrauen hochzog. Sie wünschte sich plötzlich, dass sie doch einen Drink genommen hätte, eine Limonade, ein Glas Wasser, einen Schnaps, irgendetwas, an dem sie sich jetzt festhalten könnte.

 

»Er ist im Grunde ein feiner Kerl«, sagte Gudrun, als sie mit einer Autodroschke nach Hause fuhren, die Pressmann vorher bezahlt hatte. »Ein bisschen ungehobelt mitunter.«

»Warum tut er das alles für dich?«, fragte Mira. »Was will er von dir?«

»Er kann mich eben gut leiden«, sagte Gudrun.

»Das ist alles?« Mira wandte die Augen ab, sie blickte durch das kleine Rechteck des Fensters, hinter dem die bunten Lichter der Stadt vorbeiflogen wie tropische Vögel, wie Blumen in einem riesigen Dschungel. Diamantine Edel-Schuhputz, Kronen-Hotel, MAGGI’s-Suppenwürze. Schwarze Menschen vor den grell beleuchteten Auslagen der Geschäfte. Je weiter sie in den Süden der Stadt kamen, desto seltener wurden die Neonlichter. Jetzt leuchteten nur noch gelbe Straßenlaternen auf. Eine einsame Leuchtreklame flatterte heran und war wieder weg, bevor Mira die orangeroten Buchstaben gelesen hatte.

»Niemand tut irgendetwas umsonst«, sagte Mira gedankenverloren, mehr zu sich selbst als zu Gudrun. »Jeder will einen Gegenwert für das, was er gibt.« Das waren nicht ihre Worte, sie hatte sie irgendwann einmal gehört. War es Frau Anschütz gewesen, die das gesagt hatte? Es waren nicht ihre Worte, aber sie war fest davon überzeugt. Niemand tut irgendetwas umsonst. Sie sah plötzlich wieder die dicke Sängerin vor sich, wie sie vor dem gierigen Herodes und seinem Hofstaat den Schleiertanz darbot. Auch Salome hatte ihren Preis, sie wollte den Kopf des Propheten Jochanaan als Gegenleistung, und sie bekam ihn. Mira dachte an den blutverschmierten Schädel, den vier geschminkte Negersklaven auf die Bühne getragen hatten, und schauderte. Es war nur Wachs und Farbe, aber es hatte so echt ausgesehen.

»Pressmann bekommt ja auch einen Gegenwert«, sagte Gudrun neben ihr trotzig. »Mein Salon wird eine Goldgrube, und er ist am Gewinn beteiligt.«

Mira nickte und schwieg. Vielleicht hatte Gudrun recht. Sie blickte aus dem Fenster. Alles war in Bewegung, die hellen Lichtkreise um die Laternen, hier und da das gelbe Viereck eines Fensters und die Dunkelheit darum herum.

 

Am Mittwochabend ging sie ins Kino. Sie war zu spät, die Vorstellung hatte bereits begonnen, und als sie ihre fünf Groschen über die Theke schob, sah sie, dass die Dame hinter der Kasse weinte. »Was ist denn geschehen?«, fragte sie betroffen und zugleich ein bisschen widerwillig, weil sie nicht noch mehr von dem Film verpassen wollte.

Ihre Mutter war schuld daran, dass sie sich so verspätet hatte. Als Mira gerade das Haus verlassen wollte, war sie aufgetaucht und hatte ihr eine halbe Stunde lang von den Hüten erzählt, die sie schon dekoriert hatte und noch dekorieren wollte, wie sie sich die Entwürfe vorstellte und dass sie nachts nicht einschlafen konnte vor Anspannung wegen der ganzen Arbeit. »Deine Hilde macht sich«, sagte sie. »Auch wenn man sie natürlich in jeder Hinsicht einarbeiten muss. Sie ist ja noch gänzlich unerfahren, aber nicht ungeschickt.«

Mira brauchte einen Moment lang, bis sie darauf kam, dass ihre Mutter von Hilde Kanzinger sprach, der schwitzenden Hilde. »Hilde macht sich?«, fragte sie erstaunt.

»Wundert dich das?«, fragte ihre Mutter zurück. »Du hast sie mir doch selbst empfohlen.«

Mira hätte gerne gefragt, ob ihre Mutter der Schweißgeruch nicht störte oder ob Hilde aufgehört hatte zu schwitzen, aber im nächsten Augenblick schlugen die Glocken von St. Peter am Marktplatz sieben Uhr. »Ich muss los«, sagte Mira und stand auf.

»Eine Verabredung?« Ihre Mutter erhob sich ebenfalls. »Mit einem jungen Mann vielleicht?«

»Was? Niemand. Unsinn. Ich wollte … ins Kino.«

»Ja, sicher.« Die schwarz umrahmten Augen zwinkerten ihr zu. »Ach, übrigens«, meinte ihre Mutter dann. »Wenn du Gudrun siehst, kannst du ihr bestellen, dass sie mich einmal aufsuchen möchte?«

Erst dieser Franz, jetzt ihre Mutter. Wenn das so weiterging, wurde Mira zu Gudruns persönlichem Sendboten, der kostenlos Nachrichten übermittelte. »Hast du wieder eine Geistererscheinung gehabt, was ihren Modesalon betrifft?«

Ihre Mutter ignorierte die Spitze. »Nein«, erwiderte sie so ruhig, als nehme sie Miras Frage durchaus ernst. »Ich wollte ihr einen Vorschlag machen. Wenn sie sich schon in ihr Unglück stürzt, kann man wenigstens versuchen, das Beste daraus zu machen.« Sie betrachtete gedankenverloren ihre Finger, deren Kuppen von winzigen roten Punkten übersät waren. Nadelstiche.

»Worum geht es denn?«, fragte Mira neugierig.

»Ich dachte, du hast es so eilig.« Ihre Mutter hob die Augenbrauen, die innen breiter waren und außen schmal wie ein Pinselstrich. »Ich übrigens auch. Viel Spaß also bei deinem … Film, Mirabella.«

Mira war den ganzen Weg bis zum Kino gerannt, und jetzt sah sie der Kassiererin beim Weinen zu. Sie rang nach Atem, während sich die Dame zuerst in ein feines weißes Taschentuch schnäuzte und sich dann damit über die Lider tupfte. Auf diese Weise verteilte sie ihre Wimperntusche gleichmäßig über die ganze Augenpartie. Auf dem Kinoticket, das sie Mira durch das kleine Fenster reichte, prangte ein runder Tränenfleck. »Haben Sie es denn nicht gehört?«, fragte sie. Der Tropfen dehnte sich langsam kreisförmig auf der hellgrünen Pappe aus, wobei sich die zerlaufene Schminke wie ein dunkler Ring um das nasse Innere legte. »Herr Bombacher ist tot.«

»Herr Bombacher«, wiederholte Mira verständnislos, während sie in ihrem Gedächtnis nach einem Bild suchte, das sich mit diesem Namen verband.

»Unser Klavierspieler.«

»Der alte Mann am Piano«, meinte Mira betroffen.

»Er war gerade einmal fünfzig«, sagte die Dame vorwurfsvoll. »Das ist doch kein Alter.«

»Keineswegs«, stimmte ihr Mira zu. Der Klavierspieler war ihr immer viel älter erschienen. Vielleicht hatte er seine Krankheit schon lange in sich getragen.

»Es war das Herz«, erklärte die Kassiererin. »Er ist aber ganz friedlich gestorben, sagt seine Tochter. Das ist doch ein Trost.«

Mira nickte und starrte auf den Münzteller hinter dem Kassenfenster, dessen Metall außen ganz blank war und innen zerkratzt und blind.

»Und jetzt Valentino«, sagte die Dame. »Das ist doch furchtbar. Ein Unglück nach dem anderen.«

»Was ist mit Valentino?«, fragte Mira behutsam.

Die Kassendame hob die schwarz verschmierten Augen und sah Mira an. Winzige Tränen glitzerten an den Spitzen ihrer Wimpern. Sie wirkte plötzlich selbst wie ein tragischer Leinwandstar.

»Lesen Sie denn keine Zeitung? Valentino ist doch auch tot. Der junge, schöne Mann! Es ist ein Jammer.«

Die Lampe der Platzanweiserin leuchtete Mira durch den dunklen Saal bis zu ihrem Klappsitz in der ersten Reihe. Auf der Leinwand warf ein sehr dicker Mann einem sehr dünnen eine Sahnetorte ins Gesicht. Hinter Mira lachten die Leute. Wer immer heute am Klavier saß, klimperte einen schiefen Walzer. Während der ganzen Vorstellung wurde diese eine Melodie wiederholt, in leichten Abwandlungen, höher oder tiefer, langsamer und schneller, aber es gab keine Verbindung zwischen dem, was gespielt wurde, und dem, was auf der Leinwand geschah. Der Dreivierteltakt holperte dahin, die Schauspieler bewarfen sich mit Torten, beschütteten sich mit Wasser, bestäubten sich mit Mehl, und die Leute lachten, weil sie schließlich dafür bezahlt hatten.

Miras Gedanken wanderten zu dem armen Pianisten mit dem schwachen Herzen und dann zu dem schönen Valentino mit den dunklen Lippen, den sie vor einigen Monaten noch als stolzen Scheich in der Wüste gesehen hatte. Plötzlich war ihr alles unerträglich – das grölende Publikum, die schiefen Töne, die Dunkelheit um sie herum. Den Weg nach draußen fand sie auch ohne die Lampe der Platzanweiserin. Die Kassiererin saß immer noch hinter ihrem Fenster, sie nickte Mira zu, als sie an ihr vorbeiging. »Es ist nicht dasselbe ohne unseren Herrn Bombacher«, sagte sie und tupfte sich wieder über die Augen.

»Nein, es ist alles ganz furchtbar«, stimmte ihr Mira zu. Hoffentlich findet sich bald ein neuer Pianist, dachte sie. Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass der alte Klavierspieler irgendwo stand und missbilligend den Kopf schüttelte, weil er ihre Gedanken gelesen hatte. Der Eindruck war so stark und unangenehm, dass sie sich hastig umsah, aber der Vorsaal des Lichtspieltheaters war leer. Sie beschleunigte ihre Schritte und floh ins Dämmerlicht der Sommernacht, aber sie spürte seine Blicke im Rücken, bis sie zu Hause war.

 

Unten auf den Rheinwiesen hatten sich die Turner wieder aufgestellt. Sie trugen eng anliegende weiße Trikots, deren schmale Schulterträger sich über die kräftigen Schultern spannten. Aus den knielangen Hosenbeinen ragten muskulöse Waden, sie stemmten sich in den Boden, und dann ging es im Gleichtakt: auf und ab, mit nach vorne ausgestreckten Armen und ernstem Gesicht. Ein Vorturner gab mit lauter Stimme die Befehle. Auf sein Kommando ließen sich die Männer in den Liegestütz fallen, die Oberarmmuskeln quollen auf, die Gesichter röteten sich. Die Körper hoben und senkten sich wie das Hebelwerk einer gigantischen Maschine.

Mira war mitten auf der Terrasse stehen geblieben, ein Tablett mit Kaffeetassen und Kuchenstücken in den Händen. Selbstvergessen schaute sie den Turnern zu und fragte sich, ob ihr Vater vielleicht einer von ihnen war. Der dritte von links in der zweiten Reihe hatte kräftiges dunkles Haar und einen langen Oberkörper wie sie selbst. Oder der rechts außen in der letzten Reihe, dessen Haare sich bereits lichteten. Aber sah sein schmales, ernstes Gesicht nicht ein bisschen so aus wie das ihre? »Da läuft einem das Wasser im Mund zusammen«, sagte ein älterer Herr neben ihr. Mira war sich nicht ganz sicher, ob er über den Kuchen auf ihrem Tablett sprach oder über die Athleten. Sie riss sich aus der Betrachtung und eilte weiter.

Der Kaffee zu Tisch sechs, die Windbeutel an Tisch sieben, der Bienenstich … wo kam noch einmal der Bienenstich hin? Es würde ihr schon wieder einfallen, dachte Mira, während sie ihr Tablett auf einem Tisch an der Brüstung abstellte. »Noch zwei Mal Kaffee«, sagte sie, dabei schob sie die vollen Tassen auf den Tisch und stellte die bereits leeren auf ihr Tablett. Die beiden Gäste musterten sie nur kurz mit leerem Blick, dann wandten sie sich wieder den Turnern auf der Wiese zu. »Bitte schön«, sagte Mira. Der Mann runzelte die Stirn, die Frau nickte, ohne Mira dabei anzusehen. Ihre Kiefern bewegten sich im Gleichtakt mit den auf- und abschnellenden Armen der Sportler.

Wer hatte den Bienenstich bestellt? fragte sich Mira, nachdem sie die Windbeutel serviert hatte. Und wieso brachte sie hier auf der Kaffee-Terrasse ständig die Bestellungen durcheinander, während sie drüben im Restaurant so gut wie nie etwas vergaß oder verwechselte? Weil ich immer so erschöpft bin, wenn ich hier meinen Dienst beginne, dachte Mira, während ihr Blick ratlos über die Tische glitt. Nach der stundenlangen Rennerei im Restaurant brannten ihre Schultern, und ihre Füße fühlten sich an wie aufgequollener Hefeteig. »Fräulein«, hörte sie jemanden rufen. »Wir möchten bestellen!«

»Geben Sie mir den Kuchen, wenn Sie nicht wissen, wohin damit.« Es war Otto Franz – sie erkannte seine Stimme sofort, aber sie brauchte einen Moment, bis sie ihn an seinem Tisch neben der Tür entdeckt hatte.

»Herr Franz! Sie sollten doch nicht mehr hierherkommen.«

»Ich dachte, die Abmachung galt nur für das Restaurant. Ich wusste ja gar nicht, dass sie auch hier im Café servieren.«

»Was kann ich Ihnen bringen?« Eigentlich war er mit der Bestellung noch gar nicht an der Reihe, aber da sie nun schon einmal an seinem Tisch stand …

»Einen Kaffee. Und … was ist jetzt mit dem Bienenstich? Überlassen Sie ihn mir?«

»Tisch zwölf«, sagte sie. »Jetzt ist es mir wieder eingefallen. Ich komme gleich zurück.«

»Da wir uns jetzt sehen, kann ich Ihnen ja auch Gudruns Antwort ausrichten«, meinte sie, nachdem sie den Kuchen serviert hatte. »Sie lässt Ihnen ausrichten, dass sie sich über Ihr Interesse freut. Gleichwohl kann sie Sie nicht treffen. Sie ist äußerst beschäftigt.«

Ach, der dumme Junge, hatte Gudrun gesagt.

»Das ist bedauerlich«, sagte Otto. Sie sah, wie sein Spott und seine oberflächliche Heiterkeit plötzlich von ihm abfielen. Er wirkte so verletzt, dass ihr der kühle Ton leid tat.

»Es ist auch keine Ausrede«, erklärte sie. »Gudrun eröffnet gerade einen eigenen Schneidersalon. Es geht im Grunde also gar nicht um Sie …«

Er lächelte ein wenig traurig und nickte. »Es ist schon recht, Mira.«

Im Grunde war er ganz sympathisch, dachte Mira. Viel sympathischer jedenfalls als dieser Schnösel von Pressmann mit seinem vielen Geld, der doch nur auf eine Liebesaffäre mit Gudrun spekulierte, auch wenn Gudrun das nicht einsehen wollte. Ja, wenn sie es sich recht überlegte, dann war Otto mit Sicherheit das kleinere Übel. Wenn Gudrun sich in ihn verliebte, dann würde sie die Finger von Pressmann lassen. Oder Pressmann die Finger von ihr, was auf das Gleiche hinauskäme. Kein Geld, kein Salon, keine Abhängigkeit, kein Schiffbruch. Die ganze Sache würde scheitern, bevor sie richtig angefangen hatte. Und hübsch wie sie war, fände Gudrun doch im Handumdrehen eine neue Anstellung als Ladenmädchen oder als Bedienung.

»Hören Sie, Otto«, sagte Mira. »Unter Umständen ändert Gudrun ihre Meinung noch. Ich werde noch einmal mit ihr reden.«

 

In einer Viertelstunde begann ihr Feierabend. Zwei Bestellungen wollte sie noch aufnehmen, danach würde sie die Tische, an denen sie bedient hatte, abkassieren und die offenen Bestellungen an Erna übergeben.

Dann sah sie die drei Frauen. Hintereinander bahnten sie sich einen Weg durch das Gewirr der Tische. Drei schmale schwarze Gestalten mit hoch erhobenen Köpfen. Drei Schatten aus ihrer Vergangenheit. Mira kniff die Augen zusammen, atmete ruhig durch, öffnete sie wieder. Die drei Frauen nahmen an einem der Tische an der Brüstung Platz, die Rücken so kerzengerade, dass sie die Stuhllehnen nicht berührten. Was wollt ihr von mir? dachte Mira. Geht weg!

Irgendjemand goss Wasser in ein Glas, oder war es die Quelle, die aus dem Rohr in das Becken floss? In der Luft lag der Geruch von Weihrauch, süß, alles durchdringend und ekelerregend. Miras Beine zitterten, und ihre Knie waren rot und wund von der harten Kirchenbank. Sieben mal sieben ist dreiundsechzig. Aber das ist doch verkehrt, du dummes, unnützes Ding. Versuch es noch einmal, oder stell dich gleich in die Ecke.

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