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Zimmer frei im Paradies

1. KAPITEL

Caitlyn Monroe klopfte kurz an und betrat dann die Höhle des Löwen.

Wie jeder gute Löwenbändiger war sie vorbereitet auf das, was sie womöglich erwartete. Ein zorniges angekettetes Tier, das nur darauf lauerte, jemanden zu zerfleischen? Vermutlich. Ein Kätzchen? Eher unwahrscheinlich. Während der drei Jahre, die sie jetzt schon für Jefferson Lyon arbeitete, hatte sie gelernt, dass der Mann eher knurrig und aggressiv als entgegenkommend und charmant war.

Jefferson war es gewohnt, seinen Willen durchzusetzen. Was ihn zu einem erstaunlich erfolgreichen Geschäftsmann und zu einem manchmal äußerst unangenehmen Chef machte.

Aber daran war Caitlyn gewöhnt. Sich Jeffersons Ansprüchen zu stellen war für sie normal. Und nach dem Schock, den sie am Wochenende erlitten hatte, freute sie sich geradezu auf das Normale. Das Alltägliche. Die Routine. Momentan war sie froh, dass sie Jefferson Lyons Attitüden kannte. Sie wusste, was sie zu erwarten hatte – und war sich sicher, dass sie bei ihm keine unliebsame Überraschung erleben würde.

Nein danke, dachte sie. Davon hatte sie Samstagabend reichlich gehabt.

Ihr Chef sah auf, als sie eintrat, und für einen kurzen Moment erlaubte Caitlyn sich, diesen Anblick zu genießen. Jeffersons Gesichtszüge waren kantig und ausdrucksstark, ein Blick aus seinen blauen Augen konnte einen sowohl faszinieren als auch gnadenlos durchbohren. Sein modisch geschnittenes hellbraunes Haar reichte fast bis zu seinem Kragen. Er war ein moderner Pirat, der es in geschäftlichen Belangen an Skrupellosigkeit durchaus mit Blaubart hätte aufnehmen können.

Die meisten seiner Angestellten machten möglichst einen großen Bogen um den Magnaten. Erklangen seine Schritte im Flur, veranlasste das die Leute meist, eiligst in alle Richtungen zu verschwinden. Er stand in dem Ruf, ein harter Mann zu sein. Und nicht immer fair. Dummköpfe konnte er nicht ausstehen, und er erwartete – nein, forderte – Perfektion von jedem.

Bisher war Caitlyn in der Lage gewesen, dem gerecht zu werden. Mühelos und äußerst patent organisierte sie sein Büro und den Großteil seines Lebens. Als Jefferson Lyons persönliche Assistentin erwartete man von ihr, dass sie sich seiner übermächtigen Persönlichkeit nicht beugte. Bevor sie ihren Job bei Jefferson antrat, hatte er eine Assistentin nach der anderen verschlissen. Doch Caitlyn war das jüngste von fünf Geschwistern und daran gewöhnt, sich Gehör zu verschaffen und sich nichts gefallen zu lassen.

„Was ist?“, fuhr Jefferson sie an und senkte den Blick wieder auf die Papiere, die auf seinem großen Mahagonischreibtisch verteilt waren.

Lage normal, dachte Caitlyn, während ihr Blick durchs Büro schweifte. Diverse Gemälde von Schiffen aus der Lyon Reederei zierten die in Taubenblau gestrichenen Wände. Zwei Ledersofas standen vor dem Kamin und bildeten eine gemütliche Sitzecke, während der Konferenztisch, der sich hinter der Bar am anderen Ende des Zimmers befand, Raum für größere Gesprächsrunden bot. Hinter Jeffersons Schreibtisch gaben die Panoramafenster einen fantastischen Blick auf den Hafen frei.

„Ich wünsche Ihnen auch einen guten Morgen“, entgegnete Caitlyn, die sich von Jeffersons Benehmen nicht aus der Ruhe bringen ließ. Schließlich hatte sie Zeit genug gehabt, sich daran zu gewöhnen.

Als sie die Stelle bei ihm angetreten hatte, war Caitlyn noch so dumm gewesen zu glauben, dass sie als seine Assistentin eine Art Partner für ihn wäre. Dass sie eine Arbeitsbeziehung anstreben würden, die aus mehr bestand, als dass Jefferson ihr Befehle erteilte, die sie unverzüglich auszuführen hatte.

Doch diese Vorstellung hatte sie schnell aufgeben müssen.

Jefferson hatte keine Partner. Er hatte Angestellte. Tausende von Angestellten. Und Caitlyn war eine von ihnen. Trotzdem war es ein guter Job, und sie bewältigte ihn hervorragend. Außerdem wusste sie, dass Jefferson ohne sie aufgeschmissen war, selbst wenn er diese „unbedeutende“ Tatsache erfolgreich ignorierte.

Sie ging durchs Zimmer, legte eine einzelne Seite auf seinen Papierstapel und wartete darauf, dass Jefferson sie nahm und las. „Ihre Anwälte haben die Zahlen für die Morgan Schifffahrtslinie gefaxt. Sie sagen, es wäre ein guter Deal.“

Er sah erneut auf, und sie sah einen Funken Interesse in seinen Augen aufblitzen. „Ich entscheide, was ein guter Deal ist“, erinnerte er sie.

„Natürlich.“ Sie verkniff sich die Frage, warum er sich die Mühe machte, die Meinung seiner Anwälte einzuholen, wenn er sowieso nichts darauf gab. Es würde nichts bringen, und er würde es nicht hören wollen. Jefferson Lyon stellte seine eigenen Regeln auf. Hin und wieder hörte er sich an, was andere zu sagen hatten, aber wenn er nicht mit ihnen übereinstimmte, dann verwarf er alles und machte das, was er für richtig hielt.

Caitlyn tippte mit der Spitze ihres hochhackigen Schuhs auf den weichen ozeanblauen Teppich und schaute an Jefferson vorbei nach draußen aufs Meer. Passagierschiffe wetteiferten mit Containerschiffen im geschäftigen Hafen. Auf mehreren dieser Frachter prangten stilisierte rote Löwen, das Logo der Lyon Reederei. Schlepper lenkten mächtige Schiffe sicher hinaus aufs Meer. Der Straßenverkehr floss über die Vincent-Thomas-Brücke, und das Sonnenlicht wurde vom Ozean reflektiert, sodass das Wasser glitzerte wie Diamanten.

Die Lyon Reederei hatte ihren Sitz im kalifornischen San Pedro, direkt in einem der geschäftigsten Häfen des Landes. Von hier aus konnte Jefferson sich ansehen, wie seine Schiffe im Hafen ein- und ausliefen. Er konnte die alltägliche Arbeit in den Werften beobachten, die schweren Kräne, die Hafenarbeiter, die die Schiffe be- und entluden, den stetigen Betrieb, der ihn zu einem der reichsten Männer der Welt machte.

Aber Jefferson war nicht der Typ, der sich auf seinem Bürostuhl umdrehte und die schöne Aussicht genoss. Stattdessen verbrachte er den Großteil seiner Zeit mit dem Rücken zum Fenster, den Blick auf irgendwelche Papiere gerichtet.

„Gibt’s noch was?“, fragte er, als Caitlyn nicht ging.

Sie schaute auf und verspürte den gleichen Schock wie immer, wenn er sie mit diesen stahlblauen Augen ansah. Plötzlich erinnerte sie sich an die Unterhaltung, die sie am Samstagabend mit ihrem inzwischen Exverlobten Peter geführt hatte.

„Du willst mich gar nicht heiraten, Caitlyn“, hatte Peter gesagt und den Kopf geschüttelt, während er die Brieftasche herausholte. Er zog einen Zwanziger heraus und warf ihn auf den Tisch, um die Drinks zu bezahlen. „Du bist gar nicht in mich verliebt.“

Caitlyn sah ihn an, als hätte er auf einmal zwei Köpfe bekommen. „Hallo? Trage ich deinen Ring?“ Sie wedelte mit der Hand vor seiner Nase herum, falls er den Ring mit dem Zwei-Karat-Stein vergessen haben sollte, den er ihr vor sechs Monaten geschenkt hatte. „Was glaubst du denn, wen ich heiraten will?“

Peter holte tief Luft. „Ist das nicht offensichtlich? Jedes Mal, wenn wir zusammen sind, redest du nur von Jefferson Lyon. Was er getan hat, was er gesagt hat, was er vorhat.“

Tat sie das wirklich? Das war ihr gar nicht bewusst gewesen. Aber selbst wenn es so wäre, na und?

„Du redest doch auch von deinem Chef“, erinnerte Caitlyn ihn wütend. „Das nennt man Unterhaltung.“

„Nein, es ist keine Unterhaltung. Es geht um ihn. Lyon.“

„Was ist mit ihm?“

„Du bist in ihn verliebt.“

„Was?“ Caitlyns Stimme überschlug sich fast. „Du bist verrückt.“

„Ich glaube nicht“, meinte Peter. „Und ich werde keine Frau heiraten, die offensichtlich einen anderen will.“

„In Ordnung“, sagte Caitlyn, zog den Diamanten von ihrem Finger und legte ihn auf den Tisch. „Hier. Du willst mich nicht heiraten? Okay, dann nimm deinen Ring. Aber versuche nicht, mir die Schuld zuzuschieben, Peter.“

„Du begreifst es nicht, oder?“, erwiderte er und schüttelte wieder den Kopf. „Du erkennst nicht einmal, was du für diesen Typen empfindest.“

„Er ist mein Chef. Das ist alles.“

„Ja?“ Peter rutschte von der Bank, stellte sich neben den Tisch und schaute Caitlyn an. „Dann glaube weiter daran, Caitlyn. Aber du solltest wissen, dass Lyon in dir niemals etwas anderes als seine Assistentin sehen wird. Er betrachtet dich als einen Teil seiner Büroeinrichtung. Weiter nichts.“

Das machte Caitlyn sprachlos. Sie war von dieser Situation völlig überrumpelt worden. Dabei hatte sie Peter nur von Jeffersons Plänen erzählt, ein Kreuzfahrtschiff zu kaufen. Und wegen ihrer bevorstehenden Hochzeit würde sie nicht mit Jefferson geschäftlich nach Portugal reisen können, um dieses Schiff anzuschauen. Auf einmal hatte sich Peters Verhalten komplett verändert, und völlig unvermittelt hatte er die Hochzeit abgesagt, die sie seit sechs Monaten vorbereiteten.

In einem Monat hätte es so weit sein sollen, die Einladungen waren seit Langem verschickt, die ersten Geschenke trafen bereits ein, und an das Restaurant in Laguna hatten sie eine nicht unerhebliche Anzahlung entrichtet. Aber wie es aussah, konnte sie all das jetzt absagen.

Wie zum Teufel kam Peter darauf, dass sie in ihren Chef verliebt sein könnte? Du lieber Himmel, Jefferson Lyon war arrogant, herrisch, stolz und, na ja, schlicht und einfach schwierig. Sollte sie deswegen ihren Job hassen? Hätte das Peters Leben erleichtert?

„Es tut mir leid, dass es so gekommen ist“, sagte Peter und wollte offenbar die Hand nach ihr ausstrecken. Im letzten Moment besann er sich aber und ließ die Finger fallen. „Ich glaube, wir hätten gut zusammengepasst.“

„Du täuschst dich in mir“, erwiderte sie und schaute zu dem Mann, von dem sie geglaubt hatte, sie würde den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen.

„Um deinetwillen“, meinte Peter wehmütig, „wünschte ich, das wäre wahr.“

Dann ging er, und Caitlyn blieb allein – ohne Ring am Finger –, ratlos und desillusioniert.

„Caitlyn!“

Jeffersons Stimme schreckte sie aus ihren Erinnerungen hoch. „Entschuldigung, tut mir leid.“

„Das sieht Ihnen ja gar nicht ähnlich, so unkonzentriert zu sein“, ermahnte er sie.

„Ich war nur …“ Was?, fragte sie sich. Willst du dich wirklich hinstellen und ihm erzählen, dass dein Verlobter sich von dir getrennt hat, weil er glaubt, du liebst deinen Chef? Oh, wäre das nicht spaßig? Reiß dich zusammen, Caitlyn.

„Nur was?“, fragte Jefferson und warf ihr kurz einen leidlich interessierten Blick zu, bevor er das Dokument vor sich wieder eingehend studierte.

„Nichts.“ Sie würde es ihm nicht erzählen. Würde ihm nicht von der geplatzten Hochzeit berichten. Okay, irgendwann würde sie es tun müssen, da sie vier Wochen Urlaub für die Flitterwochen beantragt hatte. Die sie jetzt traurigerweise nicht mehr benötigen würde. „Ich wollte Sie daran erinnern … Sie haben um vierzehn Uhr ein Meeting mit dem Leiter von ‚Simpson Furniture‘, und zum Abendessen sind Sie mit Claudia verabredet.“

Jefferson lehnte sich in seinem dunkelblauen Ledersessel zurück, verschränkte die Hände und meinte: „Ich habe für Claudia heute keine Zeit. Sagen Sie ihr ab, okay? Und … schicken Sie ihr irgendwas.“

Caitlyn seufzte, als sie an die Unterhaltung dachte, die sie mit Claudia Stevens würde führen müssen. Die junge Frau war die Letzte in einer langen Reihe von hübschen Models und Schauspielerinnen, mit denen Jefferson auszugehen pflegte. Claudia war daran gewöhnt, dass Männer bewundernd vor ihr auf die Knie fielen. Sie erwartete Jefferson Lyons ungeteilte Aufmerksamkeit, und die würde sie niemals bekommen.

Caitlyn hatte gewusst, dass es so kommen würde. Ihr Chef sagte ständig seine Verabredungen ab. Genau genommen sagte Caitlyn für ihn ab. Für Jefferson stand die Arbeit immer an erster Stelle, dann folgte lange Zeit nichts, und dann kam erst sein Privatleben. Während der vergangenen drei Jahre hatte Caitlyn nie erlebt, dass er länger als sechs Wochen mit einer Frau ausgegangen war – und das waren dann sehr geduldige Frauen gewesen.

Peter täuschte sich gründlich. Niemals könnte sie einen Mann wie Jefferson Lyon lieben. Solch eine Beziehung wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt.

„Sie wird nicht begeistert sein.“

Jefferson lächelte verschwörerisch. „Deshalb ja das Geschenk. Ein nettes kleines Schmuckstück.“

„In Ordnung“, sagte sie. „Gold oder Silber?“

Er richtete sich auf, nahm seinen Stift und wandte sich wieder dem Papierstapel zu. „Silber.“

„Was auch sonst“, murmelte Caitlyn – denn natürlich war Gold nur für die Frauen reserviert, die länger als drei Wochen aushielten. „Ich kümmere mich darum.“

„Da habe ich vollstes Vertrauen zu Ihnen“, erklärte er, während sie zur Tür ging. „Und, Caitlyn?“

Sie blieb stehen, drehte sich um und bemerkte, dass das Sonnenlicht, das durch die Jalousien schien, Jeffersons Haar einen goldenen Schimmer verlieh. Irritiert, weil sie überhaupt auf so etwas achtete, fragte sie: „Ja?“

„Ich will heute nicht gestört werden. Mit Ausnahme des Termins um zwei Uhr.“

„Okay.“ Sie ging hinaus, schloss die Tür hinter sich und lehnte sich dagegen.

Sie hatte es geschafft. Hatte die Begegnung überstanden, ohne in Tränen auszubrechen oder die Fassung zu verlieren. Sie hatte sich zusammengerissen und völlig sachlich mit Jefferson gesprochen.

Schließlich bedeutete die Tatsache, dass ihr Verlobter sie hatte sitzen lassen, nicht, dass ihr gewohntes Leben zu Ende war.

Jefferson arbeitete den ganzen Tag durch, schaffte es, sich um die dringendsten Probleme zu kümmern, und sah erst gegen achtzehn Uhr von der Arbeit auf. Hinter ihm tauchte die Sonne den Himmel in ein rot-orangenes Farbenmeer. Doch Jefferson nahm sich nicht die Zeit, das Naturschauspiel zu bewundern. Es gab immer noch eine Menge Dinge, die seine Aufmerksamkeit erforderten. Vor allem das neue Gebot für das Kreuzfahrtschiff, das er kaufen wollte. Ein Blick auf das Anschreiben ließ ihn zusammenzucken und die Hand ausstrecken, um den Knopf der Gegensprechanlage zu drücken.

„Caitlyn, ich muss Sie sprechen.“

Eine Minute später öffnete Caitlyn die Tür, die Handtasche über die Schulter gehängt, als hätte er sie gerade noch erwischt, bevor sie gehen wollte. „Was ist?“

„Das hier“, sagte er, stand auf und ging durchs Zimmer. Er hielt ihr den Brief entgegen: „Lesen Sie den zweiten Absatz.“

Jefferson beobachtete, wie sie eine Strähne ihres dunkelblonden Haares hinter ein Ohr strich, während sie das Schreiben las. Und er sah, wie sich ihr Gesichtsausdruck leicht veränderte, als sie den Fehler fand, den auch er eben entdeckt hatte. Das sah ihr so gar nicht ähnlich. Als beste Assistentin, die er je gehabt hatte, machte Caitlyn einfach keine Fehler. Das war einer der Gründe, warum sie so gut miteinander auskamen.

Seine Welt lief wie eine gut geölte Maschine, und zwar genauso, wie er es wollte. Keine Überraschungen. Keine Erschütterungen. Alles folgte genau dem Muster, das er vorgab. Dass Caitlyn plötzlich anfing, Fehler zu machen, erschütterte sein Universum.

„Ich berichtige es sofort“, erklärte sie und sah ihn an.

„Gut. Aber was mir viel mehr Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass der Fehler überhaupt passiert ist.“ Er stieß mit dem Zeigefinger auf die Zeile, die seine Aufmerksamkeit erregt hatte. „Fünfhundert Millionen Dollar für das Kreuzfahrtschiff zu bieten, für das ich bereits eingewilligt hatte, fünfzig Millionen zu zahlen, ist einfach nicht akzeptabel.“

Sie atmete tief durch und strich sich das dunkelblonde Haar aus der Stirn. Aus großen braunen Augen sah sie ihn an. „Ich weiß. Aber, Jefferson, niemand außer Ihnen hat es gemerkt. Es ist ja nicht so, als wäre das Angebot nach draußen gegangen.“

„Es hätte aber passieren können.“

„Ist es aber nicht.“

Er verschränkte die Arme vor der Brust und schaute sie missbilligend an. Selbst in den Schuhen mit den hohen Absätzen war sie gut fünfzehn Zentimeter kleiner als er. „Das ist völlig untypisch für Sie.“

Sie seufzte und gab zu: „Ich habe das nicht getippt. Georgia hat es für mich erledigt.“

Jetzt wurde Jefferson wütend. Er war ein Mann, der das gleiche Maß an Perfektion von seinen Angestellten erwartete, das er selbst erbrachte. Und als seine Assistentin war Caitlyn verantwortlich für die Papiere, die in seinem Büro erstellt wurden. Die Tatsache, dass sie Aufgaben an die Sekretärinnen weitergab, irritierte ihn.

„Und warum war Georgia daran beteiligt? Die Frau ist wohl kaum kompetent genug für so etwas.“ Georgia Morris, eine ältere Frau, war bereits seit zwanzig Jahren in der Firma. Sie galt schon fast als Institution in der Reederei. Aber das bedeutete nicht, dass Jefferson ihren Fehlern gegenüber blind war.

Er legte Wert auf Loyalität, aber auch die hatte ihre Grenzen.

Caitlyn ging sofort in die Defensive. „Georgia ist sehr wohl dazu fähig. Sie arbeitet hart. Das hier war lediglich ein Tippfehler.“ Sie richtete sich auf und streckte ihr Kinn vor.

„Der uns vierhundertfünfzig Millionen Dollar hätte kosten können.“

Sie zuckte zusammen. „Sie wollte mir helfen.“

„Und warum benötigen Sie auf einmal Hilfe bei einem Job, den Sie seit zwei Jahren ausüben?“

„Drei.“

„Was?“

„Drei Jahre“, sagte sie gekränkt. „Ich arbeite seit drei Jahren für Sie.“

Das war ihm gar nicht bewusst gewesen. Aber gleichzeitig kam es ihm so vor, als wäre sie schon immer da. Ein Teil seines Tages. Ein unabkömmlicher Teil seiner Firma.

„Noch ein Grund mehr, warum Sie keine Hilfe benötigen sollten“, erklärte Jefferson. Erstaunt stellte er fest, dass Caitlyns Augen wütend zu funkeln begannen. Warum zum Teufel war sie jetzt sauer?

Als hätte sie seine Gedanken gelesen, nahm sie sich einen Moment Zeit, um sich zu beruhigen. Sie atmete noch einmal tief durch, bevor sie antwortete.

„Ich hatte einen harten Tag“, sagte sie schließlich. „Georgia wollte einfach nur nett sein.“

„Mit Nettigkeit bekommt man die Arbeit nicht erledigt“, erklärte Jefferson knapp. Es interessierte ihn nicht, warum Caitlyn einen harten Tag hatte. Mit dem Privatleben seiner Angestellten wollte er nichts zu tun haben. Das gab im Büro nur Probleme.

„Typisch“, murmelte sie.

„Was?“

„Nichts.“

Er sah sie unwillig an. „Und wenn Sie immer noch vorhaben, sich von Georgia vertreten zu lassen, während Sie in den Flitterwochen sind, dann sollten Sie das noch einmal überdenken. Engagieren Sie lieber eine Zeitarbeitskraft, die die Arbeit erledigt, ohne kostspielige Fehler zu machen.“

„Das wird nicht nötig sein“, stieß Caitlyn hervor, nahm die Handtasche von der Schulter und ging zu ihrem Schreibtisch.

Jefferson lachte spöttisch und folgte ihr. „Es ist sehr wohl nötig. Sie werden vier Wochen lang weg sein, und Georgia kann unmöglich dieses Büro leiten.“

„Nein“, meinte Caitlyn, während sie ihren Schreibtischstuhl hervorzog und den Computer hochfuhr. „Es ist nicht nötig, eine Zeitarbeitskraft einzustellen. Ich werde nicht verreisen.“

Jefferson runzelte die Stirn, ging um Caitlyns Schreibtisch herum und beobachtete sie, während sie den Brief zur Seite legte und sich daranmachte, ihn zu korrigieren. Erst da bemerkte er, dass der Diamantring, den sie während der letzten sechs Monate getragen hatte, nicht mehr an ihrem Finger steckte. Das war also der Grund für ihren harten Tag.

Verdammt.

Er rieb sich mit der Hand über den Nacken. Er wollte nichts über ihr Privatleben wissen. Wenn sie nicht um einen vierwöchigen Urlaub gebeten hätte, hätte er vermutlich niemals erfahren, dass Caitlyn heiraten wollte.

Und jetzt schien es so, dass nicht nur die Hochzeit abgesagt wurde. Weil Caitlyn das Thema angesprochen hatte, kam er jetzt wohl nicht umhin, mit ihr darüber zu sprechen.

„Was ist mit den Flitterwochen?“

„Ohne Hochzeit keine Flitterwochen, oder?“, erklärte sie munter, ohne ihn dabei anzuschauen.

Was sagte man in solch einem Fall? Tut mir leid? Herzlichen Glückwunsch? Letzteres entsprach eher seiner Art zu denken. Jefferson war schleierhaft, warum jemand heiraten und sich ein Leben lang an eine Person binden wollte, die einem dann vermutlich mit ihrem Gejammer das Leben zur Hölle machte.

Doch es war vermutlich besser, wenn er seine Einstellung zu diesem Thema für sich behielt. „Also ist sie abgesagt.“

„Ja“, sagte sie nur und klickte auf ein Symbol, um die Datei zu öffnen.

Offensichtlich hatte er sich geirrt. Caitlyn hatte genauso wenig Interesse daran, über ihren Ex zu sprechen, wie er etwas darüber hören wollte. Das war ihm nur recht. Allerdings wunderte er sich, warum sie ihm nicht detailliert darüber berichten wollte.

Seiner Erfahrung nach taten Frauen nichts lieber, als Männer mit langweiligen Diskussionen über ihre Gefühle, Bedürfnisse, Wünsche und ihre Beschwerden ins gedankliche Koma zu versetzen. Wie es schien, stellte Caitlyn eine rühmliche Ausnahme dar.

Mit hochgezogenen Augenbrauen beobachtete er, wie ihre zierlichen Finger wie die einer Konzertpianistin über die Tastatur glitten. Geschmeidig und schnell war sie Sekunden später fertig und druckte das Dokument aus. Als das Papier aus dem Drucker glitt, griff sie danach und reichte es Jefferson.

„Hier. Fehler behoben, Krise abgewendet.“

Er überflog das Schreiben, nickte, als er die geänderten Zahlen sah, und schaute dann Caitlyn wieder an. Was auch immer der Grund für die abgesagte Hochzeit gewesen sein mochte, Caitlyn kam anscheinend gut damit zurecht. Wofür er dankbar war. Er hatte keine Lust, eine heulende Assistentin in seinem Vorzimmer sitzen zu haben. Er wollte, dass sein Leben weiter in ruhigen Bahnen verlief. So wie immer.

„Danke.“

Sie nickte, schaltete den Computer aus und nahm ihre Handtasche. „Wenn das alles ist, verschwinde ich jetzt.“

„In Ordnung“, sagte er und ging zurück zu seinem Büro. Dann fiel ihm etwas ein. Er blieb an der Türschwelle stehen und sah zu Caitlyn. „Da Sie ja nun nicht heiraten, nehme ich an, dass Sie mich nach Portugal begleiten können.“

„Was?“

Während er in sein Büro ging, sprach Jefferson weiter, da er – zu Recht – annahm, dass Caitlyn ihm folgen würde. „Wir reisen in drei Wochen ab. Ich möchte das neue Kreuzfahrtschiff persönlich in Augenschein nehmen. Und ich brauche Sie an meiner Seite. Und da Ihre Pläne sich geändert haben, sehe ich keinen Grund, warum Sie nicht mitkommen können.“

Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch, legte das neue Anschreiben auf das offizielle Angebot und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, als Caitlyn näher kam. Verwundert bemerkte er das wütende Funkeln in ihren Augen und den zusammengekniffenen Mund.

„Das ist alles?“, meinte sie. „Das ist alles, was Sie dazu zu sagen haben?“

„Wozu?“

„Über den Umstand, dass ich nicht heiraten werde.“

„Was soll ich noch dazu sagen?“

„Oh“, konterte sie, „nichts.“ Aber ihr Ton verriet, dass sie mehr erwartet hatte.

„Wenn Sie auf mein Mitgefühl hoffen, bitte schön. Sie haben es.“

„Wow.“ Sie legte eine Hand auf ihr Herz und riss die Augen in gespielter Überraschung auf. „Das war ja so mitfühlend, Jefferson. Lassen Sie mir eine Minute Zeit, damit ich mich davon erholen kann.“

„Ich bitte um Verzeihung.“ Er stand auf und bemerkte das Gefühlschaos auf ihrem Gesicht. Während all der Jahre, die sie zusammenarbeiteten, war Caitlyn niemals emotional geworden. Sarkastisch, ja. Aber ansonsten hatte sie ihre Beziehung zu ihm genauso unpersönlich gehalten wie er zu ihr. Bis zu diesem Augenblick.

„Es tut Ihnen überhaupt nicht leid. Sie sind nur froh, dass ich wieder voll und ganz zu Ihrer Verfügung stehe.“

„Sie stehen immer voll und ganz zu meiner Verfügung“, wies er sie zurecht und fragte sich, wieso sie auf einmal so wütend war.

„Mein Gott. Das tue ich wirklich, nicht wahr?“, fragte sie und warf ihm einen befremdeten Blick zu, als würde sie Jefferson zum ersten Mal sehen.

„Warum auch nicht?“ Er richtete sich auf und legte die Hände auf den Schreibtisch.

„Sie haben recht“, sagte sie. „Das ist mein Job. Und ich mache ihn gut. Zu gut vermutlich. Nur deshalb ist die ganze Sache jetzt so verworren. Aber Peter hat sich geirrt.“

„Peter? Wer ist Peter?“

„Mein Verlobter.“ Sie warf ihm einen zornigen Blick zu. „Du meine Güte, ich war sechs Monate lang mit dem Mann verlobt, und Sie kennen nicht einmal seinen Namen.“

„Warum sollte ich den Namen dieses verdammten Mannes kennen?“, erwiderte Jefferson und stopfte die Hände in seine Hosentaschen. Diese Unterhaltung hatte eine Wendung genommen, die ihm absolut nicht gefiel.

„Weil“, fuhr sie ihn an, „es in menschlichen Kulturen als n

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