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Ziemlich beste Freunde – oder?

1. KAPITEL

„Du traust mir also nicht zu, dass ich das schaffe?“, fragte Tate Price seinen Freund und Geschäftspartner Evan Dougherty.

Grinsend schüttelte Evan den Kopf. „Nein. Für eine Stunde – vielleicht. Aber nicht ein ganzes Wochenende lang.“

„Wetten, dass doch?“

Kim Banks rutschte unbehaglich auf ihrem Stuhl hin und her. „Hört mal, Jungs …“

Die beiden Männer in der Fünferrunde, die sich im Restaurant um den Tisch versammelt hatte, beachteten sie nicht, obwohl sie diejenige war, um die es in dieser Diskussion eigentlich ging.

„Ich nehme die Wette an“, verkündete Evan, während er in Tates braune Augen schaute, in denen ein amüsiertes Funkeln lag. „Hundert Dollar?“

Herausfordernd streckte Tate das markante Kinn vor. „Angenommen.“

„Mal im Ernst, Jungs. Das werden wir nicht tun. Wenn das rauskommt, macht meine Mutter mir die Hölle heiß.“ Es war, als hätte Kim sich gar nicht zu Wort gemeldet. Keiner aus der Mittagsrunde reagierte auf sie.

„Ich denke, Evan hat recht.“ Geistesabwesend stocherte Kims Kollegin Emma Grainger mit ihren Essstäbchen im Nudelgericht. „Ich bezweifle auch, dass das funktioniert.“

Ehe Tate seiner Schwester antworten konnte, schaltete sich Kims andere Kollegin ein. „Tate schafft das bestimmt“, behauptete Lynette Price. „Außerdem ist er für jeden Spaß zu haben.“

Emma schob sich eine Strähne ihres dunklen Haars hinters Ohr. „Verheiratete Leute strahlen etwas … Besonderes aus“, gab sie zu bedenken. „Bei Tate und Kim ist das nicht der Fall.“

„Abwarten“, entgegnete Lynette fröhlich.

Kim räusperte sich verlegen. Das Thema wurde ihr zusehends unangenehmer. Vielleicht hätte sie ihren Freunden nichts von der verrückten Idee ihrer exzentrischen und fünffach geschiedenen Mutter erzählen sollen, mit der sie sie am Abend zuvor bei einem unerwarteten Anruf überrascht hatte. Ohne Kims Wissen hatte ihre Mutter seit mehr als einem Jahr behauptet, sie sei glücklich mit dem Vater ihrer neun Monate alten Tochter verheiratet. Und jetzt hatte ihre verrückte Mutter sie tatsächlich gebeten, ihre Tochter – und jemanden, der vorgab, Kims Ehemann zu sein – zum bevorstehenden Familientreffen mitzubringen.

Kim hatte schon vor Jahren gelernt, die absurden Einfälle von Betsy Dyess Banks Cavenaugh O’Hara Vanlandingham Shaw einfach zu ignorieren. Dazu benötigte sie allerdings eine gehörige Portion Humor und ein Talent zur Verdrängung. Es waren immer noch die besten Waffen im Kampf gegen die Versuche ihrer Mutter, sie in den chaotischen Schoß der Familie zurückzulocken, dem sie vor neun Jahren, sobald mit achtzehn Jahren die Schule abgeschlossen hatte, entflohen war. Obwohl Kim ihren Freunden versichert hatte, dass sie nicht im Traum daran dachte, den verrückten Wunsch ihrer Mutter zu erfüllen, drehte sich die Unterhaltung dennoch unentwegt um die Frage, ob irgendjemand – und insbesondere Tate – Kims weitläufiger Familie, zu der sie kaum noch Kontakt hatte, vormachen konnte, dass er seit etwa achtzehn Monaten mit ihr verheiratet sei.

Verstohlen schaute sie zu Tate hinüber. Lässig saß er auf seinem Stuhl und wirkte so sportlich und attraktiv wie eh und je. Das Thema, so absurd es auch sein mochte, schien ihn zu amüsieren. Als sich ihre Blicke trafen, zwinkerte er ihr zu. Sie schlug die Augen nieder und spürte, wie ihre Wangen rot wurden. Ihre Freunde sollten bloß nicht merken, wie attraktiv sie Tate fand. Fünf Monate lang hatte sie es gut verbergen können – glaubte sie zumindest. Weit weniger erfolgreich war der Versuch gewesen, es sich selbst auszureden.

„Tate müsste natürlich auch einen überzeugenden Vater geben“, wandte Evan ein. „Er würde also nicht nur so tun müssen, als sei er in Kim verliebt. Er muss sich auch mit dem Kind wohlfühlen. Wenn das Baby jedes Mal schreit, wenn er es in den Arm nimmt, wäre das nicht besonders hilfreich.“

„Sie heißt Daryn“, murmelte Kim. „Und ich …“

„Das ist kein Problem“, meinte Tate leichthin. „Ich würde sie einfach nicht auf den Arm nehmen. Kim könnte die besorgte Mutter spielen, die keinen anderen an ihr Baby heranlässt.“

„Und da Daryn noch nicht reden kann, wird sie ihn auch nicht verraten“, stimmte Lynette zu.

Emma stützte einen Ellbogen auf den Tisch und schaute die Männer stirnrunzelnd an. „An deiner Stelle würde ich mich nicht auf diese Wette einlassen, Evan. Du kannst nur verlieren. Warum sollte irgendjemand bezweifeln, dass Kim und Tate wirklich verheiratet sind? Allerdings braucht ihr etwas Handfesteres, um Kims Familie davon zu überzeugen, dass Tate ihr liebender Ehemann ist.“

Erwartungsvoll sah Evan sie an. „Zum Beispiel?“

„Großmutters Ring“, rief Lynette.

Fast hätte Kim sich verschluckt. „Also, das geht zu weit“, protestierte sie.

Ihre Freunde wussten, wie kritisch ihre Großmutter, die selbst schon lange Witwe war, der Einstellung ihrer Kinder und Enkel zur Ehe gegenüberstand. Die meisten von ihnen hatten sich wieder scheiden lassen. Sollte es einem ihrer Enkel gelingen, eine dauerhafte Verbindung einzugehen, wollte sie ihm ihren diamantenen Verlobungsring schenken. Bislang hatte Großmutter ihr Versprechen noch nicht eingelöst – und dies aus gutem Grund. Nur eines ihrer sieben Enkelkinder war verheiratet, und nach allem, was Kim so gehört hatte, war diese Ehe angeblich nicht besonders glücklich. Dennoch …

Mit einer Handbewegung wischte Lynette Kims Einwand beiseite. „Ich habe ja nicht gesagt, dass du den Ring unter Vorspiegelung falscher Tatsachen annehmen sollst. Das wäre natürlich nicht richtig. Aber wenn du und Tate so überzeugend wärt, dass Grandma ihn dir anbietet, hätte er die Wette eindeutig gewonnen.“

„Na klar, super Idee“, murmelte Kim sarkastisch.

Lynette strahlte sie an. Offenbar fand sie ihre Lösung sehr überzeugend.

„Das könnte funktionieren“, pflichtete Emma ihr bei. „Wenn Grandma dir den Ring anbietet, wäre Tate sehr glaubhaft gewesen.“

„Und es wäre der definitive Beweis“, schloss Evan. „Aber sollte irgendjemand – Großmutter oder irgendein anderer Verwandter – daran zweifeln, wäre die Wette verloren.“

„Woher willst du wissen, ob jemand daran zweifelt?“, wollte Emma wissen. „Du wirst ja schließlich nicht dabei sein. Abgesehen davon müsste es Tate dir nicht auf die Nase binden.“

Empört schauten Lynette und Evan sie an. „Tate würde mich nicht anlügen, um eine Wette zu gewinnen“, meinte Evan.

„Er würde nur meine Familie belügen.“ Kim schüttelte den Kopf, halb irritiert und halb belustigt über dieses absurde Gespräch.

„Na ja, das wäre eben die Herausforderung, oder?“, sagte Lynette nüchtern.

Kim ließ die Essstäbchen sinken und schaute ihre Freunde ungläubig an, wobei sie Tate geflissentlich übersah. „Meint ihr das wirklich ernst? Ihr schlagt tatsächlich vor, dass Tate mich zum Familientreffen in Missouri begleiten und meinen Ehemann spielen soll? Den Vater meiner Tochter?“

„Du wolltest deine kranke Großmutter doch noch einmal sehen“, erinnerte Lynette sie. „Außerdem würde deine Mutter dir niemals verzeihen, wenn du sie vor der versammelten Familie als Lügnerin dastehen lässt. Also für mich ist das ein perfekter Plan.“

„Der perfekte Plan für mich wäre, gar nicht erst zum Familientreffen zu fahren, was ich meiner Mutter gegenüber auch schon angedeutet habe. Bei den letzten drei Zusammenkünften der Dyess war ich schließlich auch nicht dabei.“

„Lynette hat recht. Es wäre eine gute Gelegenheit für dich, deine Großmutter zu sehen. Deine Mutter wäre auch zufrieden. Und Tate um hundert Dollar reicher – wenn es klappt.“ Evan grinste spitzbübisch.

Tate zuckte mit den Schultern. Sein Blick war unergründlich. „Vielleicht solltest du auch mal was dazu sagen“, forderte er Kim auf.

„Schön, dass euch meine Meinung interessiert.“

Er lachte glucksend. „Natürlich ist es eine verrückte Idee. Ganz schön peinlich, wenn das auffliegt. Aber wenn du es versuchen willst, mach ich mit.“

„Wirklich?“ Sie war noch immer nicht überzeugt.

„Klar. Hundert Dollar kann ich gut gebrauchen.“ Er grinste zu Evan hinüber.

Doch Kim konnte er nicht zum Narren halten. Er tat es bestimmt nicht wegen des Geldes. Was hatte dieser merkwürdige Ausdruck in Tates braunen Augen zu bedeuten? Während der vergangenen fünf Monate hatte sie fast jeden Mittwoch mit ihm zu Mittag gegessen. Dennoch gab es Momente, in denen sie keine Ahnung hatte, was in seinem Kopf vorging.

Vor einem halben Jahr hatten Kim, Lynette und Emma die Mittwochsrunden als willkommene Abwechslung zu den Mahlzeiten aus der Tüte eingeführt. Einen Monat später hatte Lynette ihren Bruder gefragt, ob er nicht zu ihnen stoßen wolle, nachdem er in die Gegend gezogen war. Er hatte seinen Geschäftspartner Evan mitgebracht, und mittlerweile war der chinesische Mittwoch zu einem wöchentlichen Ritual geworden, bei dem sich das Quintett in dem angesagten Restaurant in Little Rock, Arkansas, traf. Meistens redeten sie über ihre Jobs. Die drei Frauen arbeiteten als Therapeutinnen in einem Reha-Zentrum, und die Männer hatten eine Firma für Landschafts- und Gartenprojekte gegründet.

Kim freute sich jedes Mal auf diese Treffen. Sie hatten viel Spaß miteinander, und sie, Lynette und Emma waren richtig gute Freundinnen geworden. Tate und Evan betrachtete sie mittlerweile ebenfalls als Freunde, und alle achteten sorgfältig darauf, dass ihre Beziehung nicht über eine nette Kameradschaft hinausging. Auf diese Weise blieben ihnen eine Menge Probleme erspart.

Das hinderte Kim nicht daran, Tate und Evan attraktiv zu finden. Sie hatte zwar nicht die Absicht, sich mit einem von ihnen einzulassen, aber im Stillen gestand sie sich ein, dass sie vor allem für Tate mehr als Sympathie hegte. Wenn sie sich auf eine Beziehung eingelassen hätte – was für sie als alleinerziehende Mutter mit einem Ganztagsjob natürlich überhaupt nicht in Frage kam –, wäre der dunkelhaarige, sportliche und gebräunte Tate als Kandidat gewiss in Frage gekommen. Evan sah zwar mit seinem dichten schwarzen Haar und den ernst dreinblickenden dunklen Augen auch gut aus, doch Tate war ihrer Meinung nach schon immer etwas Besonderes gewesen …

Nicht, dass sie auch nur im Entferntesten daran dachte, mit dem Bruder einer Freundin etwas anzufangen. Abgesehen davon wurde Tate nicht müde zu betonen, dass er an keiner Beziehung interessiert sei, solange sie mit ihrem Landschaftsbüro nicht Fuß gefasst und erste Erfolge vorzuweisen hatten. Im Moment stand für Tate die Arbeit an erster Stelle.

Aufgeregt klatschte Lynette in die Hände. „Du solltest es versuchen, Kim. Schließlich wirst du mit dieser Komödie niemanden verletzen. Und irgendwie würde es deiner Mutter recht geschehen, wenn sie auf einmal mit ihrer Lüge konfrontiert würde. Ich gäbe weiß Gott was darum, miterleben zu können, wie sie diese Komödie weiterspielt.“

Für Lynette war es also eine Komödie, wenn Tate vorgab, Ehemann und Vater zu sein?

„Es wäre wirklich lustig“, murmelte Emma, während sie mit ihren mandelförmigen dunklen Augen erst Kim und dann Tate anschaute. „Ich wünschte, ich könnte sehen, wie du Tate herumkommandierst.“

Prüfend musterte Tate Kim. „Du glaubst, sie würde mich herumkommandieren?“

Emma kicherte. „Nein, aber ich fände es witzig, wenn sie es täte.“

„Ich habe überhaupt keine Lust, Ehefrau zu spielen – was für eine auch immer.“ Kim klang genervt. Das Thema wurde ihr peinlich. „Daryn und ich kommen ganz gut allein zurecht.“

Lynettes Lächeln erstarb. „Nur weil dein Vater und Stiefvater euch im Stich gelassen haben, heißt das nicht, dass alle Männer ihre Familien verlassen, Kim. Ich könnte dir ein Dutzend Paare nennen, die schon lange zusammen sind. Meine Eltern zum Beispiel. Irgendwann wird dir jemand begegnen, der immer für dich und Daryn da sein will.“

Kim quittierte ihre Worte mit einem Achselzucken. Sie hatte keine Lust, ihre Probleme aus der Vergangenheit in ihrer Mittagsrunde zu diskutieren. „Ihr kennt doch den Satz: Never change a winning team. Und Daryn und ich sind ein gutes Team. Ich bin mit meinem Leben sehr zufrieden. Bloß meine Mutter muss ich noch davon überzeugen.“

„Sie würde es niemals verstehen“, erwiderte Emma mitfühlend.

„Leider“, seufzte Kim.

„Dann solltest du das Familientreffen doch besser schwänzen, als einen Krach mit deiner Mutter zu riskieren“, schlug Evan vor. „Abgesehen davon bin ich immer noch der Meinung, dass es nicht einfach ist, alle hinters Licht zu führen. Selbst Tate dürfte das schwerfallen.“

„Vielleicht traut Kim es sich ja nicht zu“, wandte Tate ein. Offenbar kränkte es ihn, dass sein Geschäftspartner an ihm zweifelte. „Sie ist es, die nicht als ‚verheiratete Frau‘ zu dem Treffen gehen möchte, weil sie befürchtet, eine miserable Schauspielerin zu sein.“

„Ich habe gesagt, dass ich eine schlechte Lügnerin bin. Das ist nicht unbedingt das Gleiche wie eine miserable Schauspielerin. Außerdem ist das nicht der einzige Grund, aus dem ich mich nicht auf so was einlassen will.“

„Natürlich nicht.“

Stirnrunzelnd schaute sie ihn an. Warum tat er auf einmal so gönnerhaft?

„Willst du es dir nicht wenigstens überlegen?“ Lynette ließ nicht locker. „Immerhin hat Tate sich einverstanden erklärt.“

Kim spürte die Blicke der anderen auf sich und nagte an ihrer Lippe. Sie durfte sich von ihren Freunden nicht zu einem unbedachten Entschluss hinreißen lassen. „Ich denke darüber nach. Vielleicht sage ich auch ab. Dann ist meine Mutter eben sauer. Sie wird drüber hinwegkommen. Vermutlich.“

„Lass dir Zeit bei der Entscheidung.“ Lynette lächelte ihr aufmunternd zu.

Kim hatte das Gefühl, dass Lynette alles tun würde, um ihr bei dieser Entscheidung zu helfen – beziehungsweise sie dazu zu überreden. Beim Anblick von Tates provozierendem Grinsen wurde sie auf einmal ganz nervös. War diese Idee nicht total verrückt?

Es hatte Zeiten gegeben, da hätte sie nichts lieber getan, als ihrer anstrengenden Familie einen solchen Streich zu spielen. Aber das war gewesen, bevor sie ein verantwortungsvoller und ernsthafter Mensch und eine alleinerziehende Mutter geworden war. Ihre wilden Tage hatte sie längst hinter sich gelassen.

Andererseits – warum sollte sie sich nicht ein letztes Mal einen solchen Scherz erlauben? Seriös werden konnte sie danach immer noch …

„Tate, warum gibst du Kim keinen Kuss? Wir sagen dir dann schon, ob es natürlich wirkt.“ Emma machte den Vorschlag, als sei er das Naheliegendste auf der Welt und sah ganz überrascht aus, als Kim sie entgeistert anstarrte. „Wieso denn nicht? Du willst doch auch, dass ihr glaubhaft seid?“

Kim wusste nicht so recht, warum Emma, Lynette und Evan sich an diesem Freitagnachmittag, neun Tage nach dem schicksalhaften Mittagessen, in ihrem Haus versammelt hatten, ehe sie und Tate die vierstündige Fahrt nach Springfield in Missouri antraten.

Evan, so viel war klar, war gekommen, um seinen Partner auf den Arm zu nehmen. Emma und Lynette wollten sichergehen, dass Kim nicht in letzter Minute einen Rückzieher machte. Sie hatte tatsächlich mit dem Gedanken gespielt.

Während der vergangenen neun Tage hatte sie unentwegt über ihr Vorhaben nachgedacht, sodass ihr der Kopf dröhnte. Selbst jetzt, als sie vorm Haus stand und ins Auto steigen wollte, überlegte sie noch, ob sie die Reise nicht abblasen sollte. Für Tate war das alles immer noch ein gigantischer Spaß. Grinsend schob er sein Gepäck in den Kofferraum von Kims Wagen, in dem bereits zahlreiche Taschen und Utensilien lagen, die man für eine Reise mit einem neunmonatigen Baby benötigt.

„Küssen?“ Mit Schwung klappte er die Kofferraumhaube zu. „Jetzt?“ Erstaunt sah er Emma an.

„Vielleicht wäre ein bisschen Übung vor der Abfahrt nicht schlecht.“ Emma gehörte zu den Menschen, die nie etwas dem Zufall überließen.

„Ich glaube nicht, dass ich das üben muss“, erwiderte Tate.

Darauf hätte Kim gewettet. Allerdings machte sie allein die Vorstellung, Tate zu küssen, ganz kribbelig.

Emma verdrehte die Augen. „Ich nehme an, du hast Kim noch nie geküsst. Wenn du es zum ersten Mal vor ihrer Familie machst, könnte es … unbeholfen wirken.“

Kim blieb die Luft weg. Als wäre die ganze Situation nicht schon peinlich genug! „Selbst wenn Tate und ich verheiratet wären, würden wir uns kaum vor unserer Familie küssen. Was das angeht bin ich ziemlich zurückhaltend.“

Lynette zuckte mit den Schultern. „Emma hat recht. Wenn das klappen soll, müsst ihr beide den Eindruck machen, als wärt ihr ein Herz und eine Seele. Ehrlich gesagt, Kim, bist du diejenige, die Übung braucht. Wenn man euch so zusammen sieht, könnte man meinen, du wärst Tate noch nie begegnet.“

Die anderen lachten, und Kim spürte, wie ihr heiß wurde. Was nicht an der schwülen Augusthitze lag. Abgesehen davon hatte sie tatsächlich inzwischen das Gefühl, als wäre ihr Tate total fremd.

Vor einer Woche hatte sie noch geglaubt, ihn gut genug zu kennen, um ihn als einen ihrer besten Freunde zu bezeichnen, ungeachtet der Tatsache, dass sie ihn ausgesprochen attraktiv fand. Jetzt, da er sie zu ihrer Familie begleitete – und ausgerechnet als ihr Ehemann –, war sie nicht sicher, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollte. Sie wusste überhaupt nicht, warum er sich auf dieses verrückte Spiel einließ. Es lag bestimmt nicht an den hundert Dollar, die ihm sein Geschäftspartner angeboten hatte.

„Ich verstehe noch immer nicht, warum deine Mutter allen eine Lüge aufgetischt hat“, schaltete Evan sich ein und drückte damit genau das aus, was sie gerade dachte. „Heutzutage ist es ja keine Schande mehr, eine ledige Mutter zu sein.“

„Du kennst meine Mutter und ihre Schwester nicht.“ Kim zuckte mit den Schultern. „Sie können einfach nicht verstehen, wie eine Frau ohne einen Mann in ihrem Leben glücklich sein kann. Was auch erklärt, dass Tante Treva inzwischen zum dritten und Mom zum fünften Mal verheiratet ist. Kaum hat ein Mann sie verlassen, krallt Mom sich schon den nächsten. Jedes Mal, wenn ich darüber mit ihr rede, versichert sie mir, dass all ihre drei Kinder ehelich geboren wurden – wenn auch von verschiedenen Ehemännern. Deshalb ist es für sie unvorstellbar, dass es bei mir nicht so ist. Ich glaube, es geht ihr darum, das Gesicht vor der Verwandtschaft zu wahren.“

„Krass“, meinte Emma. „Aber trotzdem – wenn du deine Familie davon überzeugen willst, dass du und Tate ein Paar seid, musst du noch ein wenig daran arbeiten.“

„Irgendwie läuft das alles aus dem Ruder“, erwiderte Kim brüsk. „Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe. Lasst uns die ganze Sache einfach vergessen, ja? Vielen Dank, Tate, aber ich brauche dich dieses Wochenende doch nicht.“

Emma und Lynette sahen sich an, als hätten sie damit gerechnet. „Du kannst jetzt nicht mehr zurück, Kim“, wandte Lynette ein. „Du wolltest doch deine Großmutter sehen. Schon vergessen? Und sie sollte Daryn wenigstens einmal im Arm halten.“

„Dann fahre ich eben allein. Ich erzähle ihnen die Wahrheit – dass ich niemals verheiratet war und dass Daryns Vater nicht zu unserem Leben gehört.“

„Und stellst deine Mutter vor allen bloß?“ In Lynettes grünen Augen lag ein besorgter Ausdruck. „Das würde sie dir niemals verzeihen. Ich weiß, dass eure Beziehung nie die beste war, aber willst du wirklich alle Brücken hinter dir verbrennen?“

Kim seufzte. Genau davor hatte sie Angst. „Ich weiß nicht. Situationen wie diese sind der Grund dafür, dass ich mich von ihr ferngehalten habe, aber sie ist schließlich meine Mutter …“

„Genau.“

„Na ja, auf eine Lüge mehr oder weniger kommt es dann auch nicht mehr an. Ich erzähle eben allen, dass mein Mann arbeiten muss und mich an diesem Wochenende nicht begleiten kann.“

„Das würde dir keiner glauben.“ Evan grinste schief. „Hast du nicht selbst gesagt, dass du kein Talent zum Lügen hast?“

„Was ist denn so schlimm daran, wenn ich mitkomme?“, wollte Tate wissen. „Wir zeigen uns beim Familienfest. Ich bleibe immer in deiner Nähe, lächle die ganze Zeit, du stellst deiner Großmutter deine Tochter vor, und anschließend denken wir uns irgendeine Entschuldigung aus, um so schnell wie möglich zu verschwinden. Dann steht deine Mutter in deiner Schuld, und sie wird sich hüten, dich noch einmal in einen solchen Schlamassel hineinzuziehen.“

So, wie er es sagte, klang es sehr vernünftig. Verwirrt schüttelte Kim den Kopf. Offenbar war diese Verrücktheit ansteckend. Erst ihre Mutter, dann sie, und jetzt Tate. Oder hatten sie sich von ihren drei Freunden beeinflussen lassen, die offenbar Gefallen an der Situation fanden? Für die ist das ja auch kein Problem, dachte sie.

„Tates Koffer ist schon in deinem Wagen“, gab Lynette zu bedenken. Als hätte man den nicht mit einem Handgriff wieder hinausholen können. „Jetzt kannst du die Sache auch durchziehen.“

„Offenbar bläst sie das Ganze lieber ab, als Tate zu küssen.“ In Evans Augen blitzte es boshaft. „Nicht, dass ich dir deswegen einen Vorwurf machen würde“, fügte er grinsend hinzu.

Von dieser Seite kannte Kim ihn überhaupt nicht. Sie hatte Evan immer für den seriöseren und disziplinierteren Partner gehalten.

„Wahrscheinlich habt ihr alle mit dem Falschen gewettet“, murmelte Tate, während er Kim mit hochgezogenen Augenbrauen anschaute. „Kim scheint diejenige zu sein, die an ihrem Talent zweifelt. Oder an ihrem Nervenkostüm, um das alles durchzustehen. Ich setze fünfzig Dollar, dass Kim unser Täuschungsmanöver eher platzen lässt als ich.“

Kim wurde wütend. Die anderen musterten sie aufmerksam. Glaubten sie etwa auch, dass sie das schwächere Glied in dieser improvisierten Partnerschaft war?

Sie alle kannten sie nur als zurückgezogen lebende und hart arbeitende Mutter. Vor ein paar Jahren hätte sie mit Vergnügen eine solche Komödie gespielt. Doch dieser Mensch war sie nicht mehr – nicht, seitdem sie nach dem Mutterschaftsurlaub ihren neuen Job in der Reha-Klinik angetreten hatte. Dass allerdings nun alle an ihren Fähigkeiten zweifelten, stachelte sie geradezu an.

Sie stieß einen tiefen Seufzer aus und spürte etwas von ihrem jugendlichen Übermut zurückkehren. „Ich nehme die Wette an.“

Damit streckte sie die Hand aus, zog Tate, der noch immer lachte, an seinem blauen Poloshirt zu sich und küsste ihn auf den Mund.

2. KAPITEL

Feuerwerk. Raketen. Anschwellende Geigenklänge. Sämtliche Klischees schossen Kim durch den Kopf, als Tate seine Arme um sie schlang und den spontanen Kuss begeistert erwiderte. Bisher hatte sie seinen muskulösen Körper immer nur aus der Distanz bewundert. Jetzt spürte sie seine starken Arme, die Härte seines Brustkorbs und seine Schenkel an ihrem Körper – und seinen Mund, mit dem er hervorragend zu küssen verstand.

Gerne hätte sie geglaubt, dass sie es war, die den Kuss beendete, aber es war wohl Tate, der sich als Erster zurückzog. Ihr schwirrte der Kopf, während sie ihn blinzelnd anschaute. Ob ihr Blick genauso erstaunt war wie seiner? Ehe sie es feststellen konnte, setzte er sein übliches Grinsen auf.

„Nun?“, erkundigte er sich bei den anderen. „Waren wir überzeugend?“

Mit hochgezogenen Augenbrauen studierte Lynette Kims Gesicht. „Entweder bist du eine bessere Schauspielerin, als du behauptest, oder Tate hat das so perfekt hingekriegt, weil … wow!“

Trotzig streckte Kim das Kinn vor. Hatte Tate wirklich seine Gefühle unter Kontrolle gehabt? Trauten ihr die anderen das etwa nicht zu? Kurzentschlossen drehte sie sich zu Evan um und küsste ihn ebenfalls auf den Mund.

Kein Feuerwerk. Keine Raketen. Keine Geigen. Schade, dachte sie. Evan sah gut aus, hatte einen fantastischen Körper, und der Kuss war auch nicht schlecht gewesen. Aber er brachte sie nicht so sehr aus der Fassung wie der Kuss, den sie Tate – oder er ihr – gegeben hatte. Über den Unterschied wollte sie jetzt lieber nicht nachdenken.

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