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Zerrissene Seelen

Widmung

 

 

Für meinen "Dicken"

 

Du hast meine Seele nicht zerrissen,

 

aber ein Stück von meinem Herzen mitgenommen.

 

Irgendwann sehen wir uns wieder ...

INHALT

1. Stigma

2. Zweiter Frühling?

3. Zeit ist relativ

4. Entrückt

5. Affinität

6. Lauf der Dinge

7. Schweigen ist Gold?

8. Seelentanz

9. Unabhängigkeitstag

10. Eskapismus

11. In der Tiefe

12. Andersartig

13. Goldene Zukunft?

1. Stigma

Philip durchschritt sein WG-Zimmer und blickte nervös um sich. War alles in Ordnung so? Das Zimmer war tadellos aufgeräumt, der Boden gewischt und auf dem kleinen Tisch am Sofa standen schon die zwei Teetassen und eine kleine Schale mit Gebäck bereit. Er zupfte noch einmal hektisch an den Enden seiner Bettdecke und strich diese glatt, um gleich darauf seine leicht feuchten Handflächen aneinanderzureiben. Oder war es jetzt zu perfekt? Zu offensichtlich hergerichtet?

Seine Gedanken wurden von seinem Mitbewohner Lucas unterbrochen, der den Kopf zur Tür hineinstreckte und rief: »Philip, ich überlass dir dann hier das Feld. Ich bin erst spät am Abend wieder da.« Mit einem verheißungsvollen Wimpernzucken fügte er hinzu: »Ihr habt also sturmfrei – lass es krachen, alter Junge!«

»Mensch, Lucas. Wir haben uns nur zum Teetrinken verabredet«, versuchte Philip seine eigene Aufregung herunterzuspielen.

»Ja, schon klar«, entgegnete Lucas und setzte im Hinausgehen grinsend nach: »Da hast du dir aber auch ein Sahneteilchen an Land gezogen …«

Philip verdrehte die Augen. Sein Kumpel hatte gut reden; ihm flogen die Frauenherzen nur so zu und er schöpfte ständig aus dem Vollen. Er erfüllte als Sportstudent das klassische Klischee des braungebrannten Surfertypen, der mit seinem Lächeln, Charme und ein paar flotten Sprüchen jede Frau um den Finger wickeln und den Verstand bringen konnte.

Philip selber war hingegen unscheinbar, kaum wahrnehmbar. Zwar nicht hässlich, aber einfach durchschnittlich, in jeder Hinsicht. Dazu noch recht schüchtern, sodass er mit seinen 22 Jahren noch keine nennenswerte Erfahrung mit Frauen hatte. Wenn man schon im Klischeedenken war, erfüllte er wohl alle Kriterien, die an einen Studenten der Mathematik und Physik gestellt wurden.

Daher erstaunte es umso mehr, dass Lea offensichtlich an ihm interessiert war. Lea, dieses engelsgleiche Wesen mit den langen braunen Haaren, die seidig glänzend fast bis auf ihre Hüften hinabfielen. Deren hübsches Gesicht wie von Michelangelo gemalt und in schönsten und edelsten Alabaster gemeißelt war. Deren strahlendes Lachen sich in ihren Augen widerspiegelte und alle Herzlichkeit der Welt offenbarte und deren sanfte Stimme direkt das Herz und die Seele ihres Gegenübers für sich einnahm ...

Huch, waren das die Gedanken eines nüchternen Physikstudenten? Philip musste schmunzeln. Er war verknallt, definitiv. So musste man diesen Zustand nennen. Derartige Gefühle hatte er noch nie gegenüber einem Mädchen oder einer Frau gehegt und das verunsicherte den recht nüchternen Analytiker in ihm schon ungemein.

Selbst wenn man die Fakten nebeneinanderstellte, ließ sich keine wirklich überzeugende Schnittmenge zwischen Philip und Lea finden. Nun gut, intelligent waren sie beide. Lea, die hübsche und offenherzige Psychologiestudentin aus gutem Hause und Philip, der introvertierte, durchschnittliche Typ, der keinem auffiel aus … nun ja … nicht ganz so gutem Hause. Obwohl, er war bei Tante und Onkel aufgewachsen und da gab es nichts zu beklagen. Sie liebten ihn wie ihren eigenen Sohn und es hatte ihm nie an irgendetwas gefehlt.

Aber dennoch war da diese undefinierbare Leere in ihm. Diese Scham. Diese Angst, dass jeder sehen müsste, von was für Eltern er abstammte, welche Saat ihm in die Wiege gelegt wurde. Auf der einen Seite eine manisch-depressive Mutter, die sich immer mehr in den Strudel ihrer psychischen Wirren und Wahnvorstellungen verstrickte, bis sie sich schließlich auf höchst unschöne Art aus ihrem Leben verabschiedete, als Philip gerade vier Jahre alt war. Auf der anderen Seite ein namen- und gesichtsloser Vater, der aber eine verabscheuenswürdige Person sein musste, da er (wenn man den Ausführungen der Mutter zu ihren »besseren« Zeiten Glauben schenken durfte) ein brutaler Vergewaltiger war.

Aber mit diesen Gedanken wollte sich Philip jetzt nicht belasten. Zu oft überfielen sie ihn, bohrten sich unvermeidbar in seine Gedankengänge und nahmen ihm regelrecht die Luft zum Atmen. Da konnte seine Tante noch so oft beteuern, dass er mit Abstand das Beste sei, was ihre Schwester, seine Mutter, je zustande gebracht hätte und dass sie einen so tollen und lieben Sohn sowieso gar nicht verdient hätte.

Nun aber Schluss damit! In ein paar Minuten würde Lea erscheinen. Da waren schönere Gedanken angesagt. Auch wenn er immer noch nicht begreifen konnte, warum und wie er Leas Interesse überhaupt auf sich ziehen konnte. Aber dass er es irgendwie geschafft haben musste, hatte er nach langem gedanklichen Hin und Her erfasst. Auch Lucas‘ plakativer Ausspruch »Mensch Alter, das sieht ein Blinder mit Krückstock – der steile Zahn ist total scharf auf dich. Glaub mir, ich kenn mich da aus«, tat sein Übriges dazu und bestärkte Philip in dem Glauben, dass es wohl einfach eine Fügung des Schicksals sein musste, dass er zu Beginn dieses Semesters über seinen eigenen Schatten gesprungen war und sich als Tutor für die Erstsemester hatte aufstellen lassen. Und dadurch auf Lea getroffen war. Und ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Wie auch immer.

Sie hatten sich seitdem einige Male in der Mensa verabredet und sich auch schon abends im »Piccolo«, der angesagten Studentenkneipe, getroffen. Zuletzt gestern Abend, als sich Lea mit einem sehr intensiven Kuss von ihm verabschiedet hatte. Wirklich sehr intensiv! So intensiv, dass Philip noch jetzt bei dem Gedanken an diesen Kuss die berühmten Schmetterlinge im Bauch und ein süßes Ziehen in seinen Lenden verspürte. Sie hatte ihren atemberaubenden Körper dabei ganz eng an ihn geschmiegt, einen Arm fest um seinen Unterkörper geschlungen und mit der anderen Hand war sie zu seinem Nacken hochgewandert, wo sie ihn im Gleichklang des Kusses sanft am Haaransatz streichelte. Wie durch einen Impuls fanden sich seine Hände auf der perfekten Rundung ihres Pos wieder und er nahm wahr, wie sie ihr Becken fast unmerklich kreiste und sich so genüsslich und leicht fordernd an seiner Männlichkeit rieb, die dieses Begehren freudig und spürbar zur Kenntnis nahm.

Philip ging noch einmal schnell ins Bad um sich frisch zu machen und erwartete Lea.

Das Treffen verlief einfach perfekt. Philips anfängliche Nervosität und Unsicherheit verflogen zunehmend, gab ihm Lea doch so ein unbeschwertes und ungewöhnlich vertrautes Gefühl. Als sie nach der ersten Tasse Tee vorsichtig dort anknüpften, wo sie am Vorabend aufgehört hatten, fragte Philip in einer Atempause: »Lea, sag mal – warum ausgerechnet ich?«

Lea musterte ihn kurz und entgegnete lächelnd: »Hm, du bist anders. Und doch so vertraut. Ich hab mich gleich zu dir hingezogen gefühlt, direkt als ich dir in der Aula das erste Mal in die Augen geschaut habe. Wahrscheinlich sind es deine Augen.«

»Meine Augen?«, fragte Philip erstaunt. Bislang hatte er sie, wie alles an sich, als recht durchschnittlich betrachtet. Ein ziemlich nichtssagendes Hellbraun.

»Ja, dieses helle Braun, was von einem leichten Grünton durchzogen ist«, führte sie aus und fast schwärmerisch ergänzte sie: »Und bei einem bestimmten Lichteinfall sieht man goldfarbene Sprenkel darin.«

Während Philip verwundert darüber nachdachte, was man doch scheinbar alles in seinen Augen entdecken konnte, setzte Lea hinzu: »Mein Vater hat auch solche Augen. Ich habe leider das langweilige Dunkelbraun meiner Mutter geerbt.«

Philip beeilte sich zu sagen: »Deine Augen sind nicht langweilig, sie sind wunderschön. Wie alles an dir«, und wie zur Bestätigung nahm er sie wieder in die Arme und küsste sie.

Nachdem die beiden sich ein Weilchen damit begnügten, sich gegenseitig durch die Kleidung zu liebkosen, unternahm Lea den Vorstoß und knöpfte langsam Philips Hemd auf. Dabei fuhr sie ihm immer wieder sanft über die stückweise freigelegte nackte Haut und jagte Philip so unzählige kleine Schauer über den Rücken. Als sie bei dem untersten Knopf angelangt war und das Hemd daraufhin ganz auseinanderschieben konnte, fiel ihr Blick auf eine große Narbe in Philips oberen Lendenbereich. »Ui, die ist aber ganz schön heftig. Hattest du einen Unfall?«, fragte sie mitfühlend und strich zärtlich mit einem Finger um diesen Bereich.

Philip antwortete: »Nein, ich hatte da als kleines Kind ein Muttermal. Das wurde … entfernt.«

Und während Lea entgegnete: »Aber offensichtlich nicht sehr professionell. Meine Güte …«, wurde Philip wieder von den Schatten seiner Vergangenheit überwältigt. Das Vermächtnis beider verhassten Elternteile, das diese Narbe manifestierte. An die Einzelheiten konnte er sich - zum Glück - nicht so genau erinnern, war er damals mit drei Jahren doch noch sehr jung gewesen. Aber das Gefühl dieser nahezu unerträglichen Pein hatte sich ihm eingebrannt. Hatte er doch nie zuvor und auch nie wieder später im Leben einen derartigen Schmerz durchleiden müssen. Das Gesamtbild der Geschehnisse hatte sich wie ein Puzzle aus verblassten Erinnerungen und Erzählungen seiner Tante zusammengefügt …

Philips Mutter schien auf dem Weg der Besserung zu sein. Nach einem längeren Klinikaufenthalt wurde sie als »geheilt« entlassen und schien eigenständig gut zurechtzukommen. Ihr ging es so gut, dass sie ihren Sohn, der in der Obhut ihrer Schwester und deren Mann lebte, stundenweise und später auch tageweise zu sich nehmen durfte und es wurde sogar auf lange Sicht geplant, dass sie das Sorgerecht für ihn wiedererlangen könnte. Bis es zu diesem unerfreulichen Zwischenfall kam.

Sie hatte ihren kleinen Sohn nach seiner allabendlichen Tasse Kakao ins Bett gebracht. Dass er an diesem Abend besonders schnell und tief einschlief, lag daran, dass sie ihm ein starkes Beruhigungsmittel in den Kakao getan hatte. Sie hatte eine Mission zu erfüllen, bei der ihr Junge ruhiggestellt sein müsste ...

Nachdem die von den Nachbarn herbeigerufene Ambulanz den schwer verletzten Jungen erstversorgt und für den Transport ins Krankenhaus bereit gemacht hatte, kümmerte sich der ebenfalls anwesende Psychotherapeut um die hysterisch kreischende Mutter: »Ich musste ihm den Teufel austreiben. Er hat sein Zeichen auf ihm hinterlassen! Es wurde immer deutlicher! Ich musste das unterbinden!«

 

Das Einzige, was Philips Mutter Jahre zuvor von dem maskierten Mann, der sie vergewaltigt hatte, erkennen konnte und unauslöschlich im Gedächtnis behielt, war ein sehr auffälliges, großes Muttermal über der Leiste; dunkelbraun stellte es ihren Ausführungen zufolge das Antlitz des Teufels persönlich dar – einen runden Kopf mit zwei Hörnern. Bei ihrem Sohn entwickelte sich in der letzten Zeit an genau der gleichen Stelle ein schwachbrauner Fleck von undefinierter Form. Dieser musste  schnellstmöglich mit einem großen Fleischermesser herausgeschnitten werden. Von ihr persönlich; nur sie als Mutter war in der Lage, damit auch das Band zwischen Vater und Sohn unwiederbringlich zu zerstören. Warum verstand das denn bloß keiner?

 

... Ödipuskomplex unterstellen.« Diese Worte von Lea rissen Philip aus seinem tranceähnlichen Zustand, in den er öfter verfiel, wenn das Gedankenkarussell seiner Vergangenheit zu kreisen begann.

»Entschuldigung, ich war gerade total in Gedanken. Was hattest du gesagt?«, fragte er daher schnell.

»Ach, nur dass Prof. Schneider seine wahre Freude darin hätte, mir jetzt einen Ödipuskomplex zu attestieren. Weil ich dich ständig mit meinem Vater vergleiche. Erst die ungewöhnliche Farbe deiner Augen und jetzt auch noch das Muttermal. Mein Vater hat nämlich an exakt der gleichen Stelle deiner Narbe eins. So ein richtig großes, dunkelbraunes. Allerdings total süß, es hat die Form eines Katzenkopfes ...

2. Zweiter Frühling?

Max saß ratlos auf seinem Bett. Nicht auf seinem Bett zuhause, sondern auf  dem bei Oma. Dort hatte er auch ein eigenes kleines Zimmer, da er ab und zu das Wochenende bei seiner Oma verbrachte. In letzter Zeit war er allerdings sehr oft bei ihr, weil zuhause alles irgendwie blöd geworden war. Papa war weg und Mama war immer traurig und wütend und weinte oder schimpfte nur herum. Und immer öfter trank sie dieses übel riechende Zeug aus den Flaschen, die früher in dem kleinen abgeschlossenen Schrank im Wohnzimmer gestanden hatten. Papa hatte gesagt, das seien Getränke für Erwachsene, daher wären sie sicherheitshalber unter Verschluss. Mittlerweile standen diese Flaschen aber fast überall in der Wohnung herum. Und wenn Mama da viel von trank, wurde sie immer zu dieser Frau, die irgendwie gar nicht mehr seine Mama war. Sie roch dann widerlich, sah ganz komisch aus, redete merkwürdig und konnte auch nicht mehr richtig laufen.

Max verstand das alles nicht. Er hatte seine Oma mal darauf angesprochen, aber die meinte nur, dass Mama jetzt eine schwierige Phase hätte und etwas mehr Zeit für sich selber bräuchte, um sich zu erholen. Daher sei Max nun auch öfter bei Oma.

Hm, das verstand Max ja. Zumindest ein bisschen. Als Mama letztes Jahr im Krankenhaus gewesen war, war sie hinterher auch noch ziemlich erschöpft und Max war oft bei Oma. Oder bei Jessica. Jessica fand Max toll. Das war die Tochter von den Nachbarn, die regelmäßig auf Max aufgepasst hatte, wenn Mama und Papa abends mal weg waren und er nicht bei Oma geschlafen hat. Das war immer spitze gewesen. Jessica war total nett und konnte ganz spannende Geschichten erzählen. Und sie hat Max immer so in die Seite geknufft und ihn »mein kleiner Mann« genannt. Dann kam Max sich trotz seiner sieben Jahre fast erwachsen und ganz wichtig vor.

Max begriff das alles nicht. Mama war nicht krank wie letztes Jahr, musste sich aber trotzdem erholen, Papa war weg und half Mama nicht dabei und Jessica durfte er gar nicht mehr sehen. Was da los war, wollte ihm keiner richtig erklären. Er wusste nur, dass das alles irgendwie mit dem Frühling zu tun haben musste. Komisch, eigentlich war der Frühling doch toll. Wenn es wärmer und heller wurde und man wieder richtig toll draußen spielen konnte; wenn die Schwimmbäder und Eisdielen aufmachten und alle Leute bunter und fröhlicher durch die Straßen liefen. Aber die Situation zuhause musste am Frühling liegen. Eigentlich stellte Max keine Fragen, da er gemerkt hatte, dass Mama dann immer noch trauriger – oder je nach Stimmungslage wütender – wurde und er sowieso keine wirklichen Antworten bekam. Aber letzte Woche hatte er es einfach mal vorsichtig versucht: »Du Mama, warum ist Papa eigentlich weg?«

»Pffff, der Papa ... der Papa, der hat Frühlingsgefühle.« Das war die einzige Antwort, die Max von Mama bekommen hatte, bevor sie sich abwandte und leicht wankend ins Badezimmer ...

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