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Zerplatzte Träume

1. KAPITEL

„Ich bin zufällig vorbeigekommen. Ich wollte nicht stören.“ Sichtlich verunsichert stand Charlotte da. Sie hatte gerade mit angehört, wie Michael Tanja gegenüber die Beziehung zu ihr in den Himmel gehoben hatte. Da weder der Arzt noch das Zimmermädchen etwas entgegneten und nur beschämt zu Boden blickten, zog sie sich wieder zurück.

„Danke. Das hast du ja super hingekriegt.“ Ärgerlich funkelte Michael Tanja an.

„Das lass ich mir nicht sagen von einem, der nicht mal einen Tag auf seinen Sohn aufpassen kann“, giftete sie zurück.

„Deshalb musst du nicht in aller Öffentlichkeit einen solchen Aufstand veranstalten“,erwiderte er. Er wusste schon, warum er sie eben „unreif“ genannt hatte. Im Gegensatz zu Charlotte …

„Sie hat sich bestimmt gefreut über den kleinen Charaktervergleich“, meinte Tanja nun schnippisch. Sie behauptete, dass es ihr einzig und allein um Fabien ginge. „Aber du tust so, als sei ich eine hysterische Glucke.“

„Das ist doch nicht wahr!“, protestierte er entnervt.

„Warum kannst du mich nicht als Mutter sehen, die nur das Beste für ihr Kind will?“, hielt sie dagegen.

„Weil du mich beim kleinsten Fehler als verantwortungslosen Deppen hinstellst“, entgegnete er. „Und dich als die Supermama.“

„Dann geh doch zu deiner Charlotte“, schnaubte sie.

„Höre ich da etwa Eifersucht?“

„Das hättest du wohl gern. Aber mach dir mal lieber Gedanken darüber, was es heißt, ein guter Vater zu sein.“ Damit ließ sie ihn stehen.

Charlotte war wieder ins Büro gegangen. Aber es gelang ihr nicht, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Was Michael gesagt hatte … Es hatte die alten Gefühle in ihr geweckt. Die Erinnerungen. Und die Hoffnung. Doch nun polterte Werner herein und riss sie aus ihren träumerischen Gedanken.

„Wir müssen etwas unternehmen!“ Die Buchungszahlen des Hotels waren weiterhin katastrophal. „Die Schließung der Küche hat enorme Einbußen mit sich gebracht.“ Und jetzt stand die Zukunft des Fürstenhofs auf dem Spiel. „Wir haben das Hotel durch manche schwere Zeit geführt. Aber jetzt ist Alarmstufe Rot.“

„Dass wir Probleme haben, weiß ich selbst“, erwiderte sie leicht überfordert.

„Na also. Und wie sieht es mit Lösungsvorschlägen aus? Ich bin ganz Ohr.“ Sie hatte nicht die Absicht, sich von ihrem Exmann so herablassend behandeln zu lassen.

„Wie wäre es, wenn du ein paar konkrete Ideen beiträgst, anstatt hier Untergangsstimmung zu verbreiten?“, rief sie aufgebracht. „Ist das zu viel verlangt von einem Geschäftsführer mit deiner Erfahrung?“

Götz fuhr fort, seinen Koffer zu packen, während Cosima ihm irritiert dabei zusah.

„Ich verstehe nicht, warum du so holterdiepolter …“, setzte sie an.

„Ich habe begriffen, dass ich am Fürstenhof unerwünscht bin“, erwiderte er und mimte den zutiefst Gekränkten.

„Aber was hast du jetzt vor?“, fragte sie unsicher.

„Erst mal nach Hause und dann vielleicht Urlaub“, antwortete er. „Nach allem, was passiert ist …“

„Was ist denn bitte passiert?“, hakte sie ein.

„Du hast mir die Rote Karte gezeigt“, erklärte er. „Und das muss ich respektieren.“

„Ein falsches Wort also, und schon haben sich deine angeblich so tiefen Gefühle verflüchtigt“, spottete sie.

„Weil du diesen Gefühlen mit Misstrauen begegnest“, hielt er dagegen.

„Ich habe mich entschuldigt.“ Sie hatte ihn sogar zu einem gemeinsamen Opernbesuch eingeladen, aber er hatte diese versöhnliche Geste ausgeschlagen.

„Ich lasse mich nach deinen Unterstellungen nicht mit ein bisschen Kultur abspeisen“, grollte er. „Ich denke, ich habe ein bisschen mehr verdient. Vertrauen, zum Beispiel.“

„Das ist ein großes Wort“, stellte sie fest.

„Du glaubst also wirklich nicht mehr an uns.“ Wie sollte sie? Gerade hatten sie sich noch auf eine einvernehmliche Scheidung geeinigt.

„Und plötzlich überlegst du es dir anders. Was soll ich denken?“ Er wollte, dass sie ihnen beiden noch eine Chance gab. Doch sie schüttelte den Kopf. „Der Opernbesuch wäre eine gewesen“, meinte sie. „Aber du hast sie vertan. Ich wünsche dir eine gute Heimreise.“ Es war zu spät, um zurückzurudern. Er begriff, dass er sein Blatt bei Cosima gerade eindeutig überreizt hatte.

Die gab sofort Alfons Bescheid, dass er die Rechnung für ihren Mann fertig machen solle. Doch als der Portier Götz Zastrow auf seine Abreise ansprach, reagierte der so, als hätte man ihn vollkommen vor den Kopf gestoßen.

„Hören Sie mal, Herr Sonnbichler!“, schimpfte er los. „Wann ich abreise, bestimme immer noch ich. Und keine Servicekraft wie Sie.“

„Entschuldigung, aber wenn Frau Saalfeld mir sagt, dass Sie abreisen, dann ist es meine Pflicht, die Rechnung fertig zu machen“, verteidigte sich Alfons.

„Dann klären Sie das bitte mit Ihrer Chefin. Ich fahre im Moment jedenfalls nirgendwo hin.“ Lukas, der die Szene zwischen den beiden aus einiger Entfernung beobachtet hatte, ging nun zu den beiden.

„Was ist denn passiert?“, fragte er beschwichtigend und zog seinen Vater sanft beiseite.

„Deine Mutter möchte mich vor die Tür setzen“, antwortete Götz voller Bitterkeit. „Aber nicht mit mir.“ Lukas bat ihn, ihm die ganze Geschichte von vorne zu erzählen.

„Als ich an den Fürstenhof kam, wollte ich wirklich nur die Scheidung von Cosima“, begann Götz. „Aber als ich deine Mutter dann wiedergesehen habe …“ Treuherzig blickte er seinem Sohn ins Gesicht. „Da sind plötzlich all die alten Gefühle wieder hochgekommen.“

„Nach fünfzehn Jahren“, bemerkte Lukas trocken.

„Manchmal ist das eben so“, behauptete Götz. Und deshalb läge die gegenseitige Verzichtserklärung, die Cosima und er unterschrieben hatten, auch immer noch bei ihm herum. „Es tut mir weh, dass sie glaubt, ich will nur ihr Geld“, klagte er.

„Was soll sie denn sonst glauben?“, entgegnete Lukas. Sein Vater pflichtete ihm zögerlich bei.

„Sie fühlt sich vom Schicksal benachteiligt“, vermutete er. „Wenn man als Kind vertauscht worden ist …“

„Und dann vom Ehemann mit vier Kindern sitzen gelassen wurde“, ergänzte Lukas.

„Das war ein schlimmer Fehler.“ Götz gab sich geknickt. Aber seinen Sohn überzeugte das wenig.

„Das fällt dir ausgerechnet jetzt ein, wo Mutter keine Zastrow mehr ist, sondern eine Saalfeld?!“

„Ich bin ein erfolgreicher Anwalt“, sagte Götz. „Ich weiß selbst, wie man Geld verdient. Dazu brauche ich deine Mutter nicht.“

„Ein bisschen mehr auf dem Konto hat noch keinem geschadet.“ Lukas’ Stimme klang hart.

„Du solltest doch wissen, dass es nicht immer ums Geld geht“, beharrte Götz. „Schließlich hast du dich gegen deine reiche Ehefrau und für eine kleine Floristin entschieden.“ Auf diese Bemerkung reagierte Lukas empfindlich. Er verbat sich, dass sein Vater seine Situation mit ihm und Sandra verglich. Nun war Götz sichtlich verschnupft.

„Was hast du denn jetzt vor?“, fragte Lukas etwas sanfter. „Reist du ab?“

„Ich weiß, es ist viel verlangt … Aber könntest du bei Cosima ein gutes Wort für mich einlegen? Oder einen Vorwand finden, warum ich am Fürstenhof bleiben muss?“ Lukas hatte keine Ahnung, wie Götz sich das vorstellte. „Brauchst du nicht zufällig gerade einen Anwalt oder juristische Unterstützung?“ Wider Willen wurde Lukas nachdenklich.

Cosima hatte derweil bei Alfons nachgefragt, ob ihr Mann nun wirklich abreisen würde. Als Herr Sonnbichler die Frage verneinte, erschien ein triumphierendes Lächeln auf ihrem Gesicht. Das hatte sie sich doch beinahe gedacht! Und nun machte sie sich auf der Stelle auf die Suche nach André Konopka. Denn der Chefkoch würde sie heute Abend in die Oper begleiten …

Danach machte sie sich auf den Weg zu Götz’ Zimmer und gab sich sehr erstaunt, als er auf ihr Klopfen antwortete.

„Ich dachte, du wolltest abreisen?“, fragte sie, und der Spott in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

„Ich kann nicht weg“, behauptete er.

„Und wer oder was hält dich auf?“, hakte sie nach.

„Unser Sohn hat mich gebeten, ihn als Anwalt zu vertreten.“ Götz tat so, als sei dies die selbstverständlichste Sache von der Welt. „Es geht um den Vormund für seine Frau, den das Gericht bestimmen soll.“

„Ich dachte, Pachmayr ist Lukas’ Anwalt“, wunderte sich Cosima.

„Offenbar vertraut er diesem Mann nicht mehr“, meinte Götz.

„Aber dir vertraut er?“, höhnte sie. „Wo du doch immer für ihn da warst, wenn er dich gebraucht hat?“

„Ich habe einiges gutzumachen“, entgegnete Götz gespielt einsichtig. „Und wenn ich ihm als Anwalt mit Rat und Tat zur Seite stehen kann, tue ich das natürlich gerne.“ Er lächelte sie an. „Und weil ich nun hier bleibe, möchte ich auch gerne dein Angebot annehmen“, fügte er dann hinzu. „Ich freue mich auf unseren gemeinsamen Opernbesuch.“

„Leider vergeblich.“ Götz glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen, als sie ihm nun mitteilte, dass nicht er, sondern André Konopka sie in die Oper begleiten würde.

„Der Koch?“ Er schnappte nach Luft. Cosima setzte ihr charmantestes Lächeln auf.

„Genau“, säuselte sie. „Und jetzt entschuldige mich bitte. Ich muss vorher unbedingt noch einen kleinen Schönheitsschlaf halten.“

Nachmittags saß Werner im Restaurant und telefonierte mit Astrid. Sandras Mutter hatte zu einer Tante fahren müssen, die erkrankt war. Aber da es Sandra im Augenblick ja offensichtlich blendend ging, war es kein Problem, dass Astrid für ein paar Tage nicht da sein würde. Nur, dass Werner sie vermisste …

Kaum hatte er aufgelegt, beobachtete er, wie Michael und Charlotte sich im Restaurant begegneten.

„Es tut mir leid, was du da vorhin mit angehört hast“, sagte der Arzt. „Tanja und ich hatten einen Streit. Und da ist mir das alles rausgerutscht. Aber ich weiß ja, dass es zwischen uns vorbei ist …“ Charlottes Blick war für den Bruchteil einer Sekunde sehnsüchtig geworden, aber nun riss sie sich schleunigst zusammen. Es hatte keinen Zweck mehr. Sie durfte sich einfach keine Hoffnungen mehr machen.

„Sicher, es ist vorbei“, bestätigte sie also kühl.

„Ich hatte Sorge, dass du meine Bemerkung falsch verstehst“, meinte er.

„Falls du glaubst, dass ich noch etwas für dich empfinde, hast du etwas falsch verstanden“, entgegnete sie scharf.

„Entschuldige. Ich wollte dich nicht verletzen.“

„Das hast du. Aber nicht heute.“ Damit wandte Charlotte sich von ihm ab und ging erhobenen Hauptes davon. Nicht nur Michael sah ihr nach. Auch Werner blickte seiner Exfrau voller Nachdenklichkeit und Mitgefühl hinterher.

Doch als er Charlotte später vorsichtig auf die Szene zwischen ihr und dem Doktor ansprach, verwies sie ihn streng in seine Schranken. Sie dachte gar nicht daran, ihr Gefühlsleben zu diskutieren. Und schon gar nicht mit Werner. Davon abgesehen hatte sie bereits einen Plan entwickelt, wie man den Fürstenhof aus der Misere retten könnte.

„Ich werde professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.“ Und damit meinte sie keinen Psychotherapeuten, sondern einen Unternehmensberater, den sie persönlich gut kannte. Wolfgang Degen.

„Diese Art von Hilfe hatte der Fürstenhof noch nie nötig“, protestierte Werner.

„Du hast doch Alarm geschlagen“, hielt sie dagegen. „Und ein Blick von außen schadet sicher nicht. Vermutlich schmoren wir schon viel zu lange im eigenen Saft.“ Diese Aussage gefiel Werner nun ganz und gar nicht.

Sandra war glücklich! Sie und Lukas konnten wieder zusammen sein. Und sich gemeinsam auf das Baby freuen. Mit den neuen Medikamenten für ihr Immunsystem lief auch alles gut. Und Lukas an ihrer Seite gab ihr ohnehin die Sicherheit, die sie bei dieser riskanten Schwangerschaft brauchte. Bald würden sie also zu dritt sein. Eine richtige kleine Familie. Voller Zuversicht blickte sie in die Zukunft.

Simon und sie hatten gemeinsam eine kurze Pause im Personalraum eingelegt. Nun aber wollte sie zurück ins Gewächshaus. Doch als sie aufstand, wurde ihr plötzlich schwindelig. Sie taumelte und musste sich an der Tischkante abstützen.

„Alles okay?“ Simon war sofort hinzugesprungen.

„Es geht schon wieder“, behauptete sie. Aber sie hatte kaum den nächsten Schritt gemacht, da wurde ihr wieder schwindelig. Diesmal sackte sie in sich zusammen. Simon konnte sie gerade noch auffangen.

Er hatte sie sofort zu Dr. Niederbühl gebracht. Michael stellte einen äußerst niedrigen Blutdruck bei Sandra fest.

„Aber wie kann das denn sein?“, wunderte sie sich. „Mir geht es doch sonst so gut.“

„Vielleicht liegt es an den neuen Medikamenten.“ Michaels Miene war ernst. „Kann es sein, dass Ihnen die Umstellung nicht bekommt?“ Bislang hatte sie nichts davon gemerkt. „Wir bleiben noch ein oder zwei Tage bei der neuen Medikation“, beschloss der Arzt. „Aber Sie beobachten sich selbst bitte genau. Und sagen mir alles, was Ihnen auffällt.“ Sie nickte. „Aber wirklich alles!“, mahnte er noch einmal. „Jedes Detail!“

„Und wenn ich noch einmal umkippe?“, fragte sie verunsichert. „Oder wenn ich die Tabletten wirklich nicht vertrage?“

„Dann müssen wir erneut umstellen.“ Für ihr Herz wäre es natürlich das Beste, wenn sie die alten Medikamente wieder nehmen würde. Aber wegen des Babys war das nicht möglich. Und Michael hatte begriffen, dass sie in diesem Punkt nicht mit sich reden ließ.

„Ich diskutiere nicht über das Leben meines Kindes“, erklärte sie auch jetzt wieder. „Wir müssen ein anderes Mittel finden.“

„Sie wissen, dass ich alles tue, um Ihnen zu helfen.“ Aber ein anderes Medikament war noch längst keine Garantie dafür, dass auch alles gut ging. „Sie müssen mit Nebenwirkungen rechnen. Für sich und das Kind.“

„Denken Sie über das Risiko nach, ich konzentriere mich lieber auf die Chancen.“ Sie gab sich alle Mühe, ihre Stimme optimistisch klingen zu lassen.

Lukas reagierte verständlicherweise mit Panik, als er von Sandras Schwächeanfall erfuhr. Aber Michael nahm ihn sofort ins Gebet: Sandra durfte nicht spüren, dass er Angst um sie hatte.

„Mach ihr Mut“, sagte er. „Sei für sie da.“ Lukas nickte. Aber natürlich konnte er nicht verdrängen, dass die Lage ernst war.

Trotzdem gab er sich Mühe und berichtete erst mal von seinen Eltern, als er an Sandras Bett saß.

„Mein Vater will meine Mutter zurückerobern.“ Sandra wollte wissen, ob ihn das freuen würde, aber er zuckte nur die Schultern. „Es ist ihre Sache.“ Dennoch hatte er sich von Götz überreden lassen, ihn anstelle von Pachmayr als juristischen Beistand zu nehmen, um die Vormundschaft für Rosalie zu regeln.

„Das heißt, er bleibt hier“, meinte Sandra. Lukas nickte. Sein Vater würde also noch genug Gelegenheit haben, um seiner Mutter den Hof zu machen.

Sandra genoss Lukas’ Zärtlichkeit und Fürsorge. Aber sosehr er sich auch zusammenriss – sie spürte, dass er Angst um sie hatte.

2. KAPITEL

Nachdem bei Tanja und Nils wegen der überstürzten Abreise aus Venedig dicke Luft geherrscht hatte, versuchten nun beide, vernünftig miteinander umzugehen.

„Kannst du mir verzeihen, dass ich unseren Urlaub abgebrochen habe?“, fragte Tanja zerknirscht, nachdem sie Fabien ins Bett gebracht hatte.

„Und zwar ein bisschen vorschnell?“, fügte er hinzu.

„Kann sein“, räumte sie ein.

„Übereilt und überstürzt?“, legte er nach.

„Es tut mir wirklich leid. Vielleicht bin ich manchmal wirklich eine hysterische Mutter.“ Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen.

„Du bist eine wunderbare Mutter“, fand er und schloss sie in seine Arme.

„Aber du musst darunter leiden, wenn ich mich wie eine Oberglucke aufführe“, seufzte sie.

„Ist doch okay, dass Fabien die Nummer eins ist“, meinte er. Solange er die Nummer zwei blieb.

„Du bist die Nummer eins Komma eins“, versicherte sie und musste nun auch lächeln. Dann schnupperte sie Richtung Küche. „Was duftet denn da so verführerisch?“

„Es gibt Pasta Venezia“, antwortete er. Das Rezept hatte er gerade erfunden. So konnten sie sich zumindest einen Rest der geplanten Flitterwochen nach Hause holen.

Cosima und André waren in der Oper gewesen und betraten nun Cosimas Wohnung. Der Chefkoch schlug vor, noch einen Champagner zu trinken. Aber sie wehrte etwas verunsichert ab.

„Ist der Abend für dich etwa schon zu Ende?“, fragte er. Sie nickte langsam.

„Ich wollte tatsächlich nur einen schönen Abend verbringen“, gestand sie. Enttäuscht sah er sie an. „Es tut mir leid, wenn du mehr erwartet hast.“

„Dann bedanke ich mich für den schönen Abend.“ Er zwang sich dazu, seine Frustration zu überspielen. „Und was alles andere anbetrifft … Da muss ich mich wohl in Geduld üben.“

„Oder die Hoffnung aufgeben“, meinte sie.

„Gibt es denn einen anderen Mann in deinem Leben?“ Seinem forschenden Blick wich sie aus. Und er verstand: Es handelte sich um Götz Zastrow. Der hatte ihn vorhin sogar noch angesprochen und versucht, ihn davon abzubringen, mit Cosima in die Oper zu gehen. „Dann warte ich eben so lange, bis du genug schlechte Erfahrungen mit deinem Exmann gemacht hast.“ Ertappt blickte sie zu Boden. „Und wenn du endlich verstanden hast, dass Götz Zastrow nur sich selbst liebt und niemals einen anderen, auch nicht seine attraktive Frau, dann … Du weißt, wo du mich findest.“ Seine Meinung über Cosimas Ehemann war eindeutig.

Wie es der Zufall wollte, traf er Götz zu später Stunde noch an der Hotelbar. Und Götz begriff, dass Cosima offensichtlich nicht beabsichtigte, die Nacht mit dem Chefkoch zu verbringen. André hatte auch gar keine Lust, etwas anderes zu behaupten. Rundheraus gab er zu, dass Cosima und er keine Affäre hatten – auch wenn ihm der Sinn danach stand.

„So viele Jahre verkorkste Ehe …“, sagte er dann. „Wer weiß besser als Sie, dass diese Frau ungern die Kontrolle verliert.“

Lukas träumte in dieser Nacht einen entsetzlichen Traum: Die ganze Familie war um eine Wiege versammelt. Und in dieser Wiege lag sein Kind. Nur Sandra fehlte. Michael teilte ihm mit, dass sie bei der Geburt gestorben war. Schweißgebadet erwachte er. Sandra lag jedoch neben ihm und atmete tief und gleichmäßig. Aber die Sorge um sie machte ihm das Herz schwer.

Sandra spürte am nächsten Morgen sofort, dass seine Angst noch schlimmer geworden war.

„Ich fühle mich sicher“, versuchte sie, ihn zu beruhigen. „Doktor Niederbühl ist ein guter Arzt. Und er weiß, was er tut.“

„Er hat dir gesagt, welcher Gefahr du dich aussetzt“, erwiderte Lukas.

„Er hat auch gesagt, dass es noch andere Medikamente gibt, falls ich dieses neue Mittel nicht vertrage“, hielt sie dagegen. „Mach dir nicht so viele Sorgen. Wir bekommen ein Kind. Da sollten wir glücklich sein.“ Er schluckte und nickte dann zögernd.

„Aber gerade in solchen Situationen … Ich würde dir so gerne helfen. Aber ich stehe daneben wie ein Trottel und kann nichts für dich tun.“

„Du bist kein Trottel, und du tust sehr viel“, widersprach sie. „Du bist für mich da.“ Und sie brauchte nichts mehr als seine Unterstützung.

„Du hast sie in jeder Sekunde“, versicherte er. „Das weißt du.“

„Und du solltest wissen, dass ich mein Leben nicht einfach so riskiere“, erklärte sie leise. „Es geht um uns und unser Kind.“

Aber Lukas’ Sorge blieb. Statt sich um seine Arbeit zu kümmern, recherchierte er im Internet nach Schwangerschaften, die kurz nach einer Herztransplantation ausgetragen worden waren. Und was er da herausfand, stimmte ihn nicht gerade hoffnungsvoll. Was Sandra vorhatte, war überaus gefährlich! Und dieser Schwächeanfall von gestern …

„Kann das schon ein Anzeichen für eine beginnende Abstoßungsreaktion ihres Herzens sein?“, fragte er Michael.

„Ein Restrisiko besteht immer“, erwiderte der leise und ernst. „Leider.“

„Ich muss mit dir reden.“ Lukas war extra ins Gewächshaus gekommen. „Ich habe mir ein paar Informationen besorgt. Es sieht alles so aus, als ob du die neuen Medikamente nicht vertragen würdest. Der Schwächeanfall …“ Sie ließ ihn nicht ausreden.

„Der kann auch andere Ursachen haben.“ Schließlich wurde jeder Frau in der Schwangerschaft mal schwindelig.

„Du bist aber nicht jede Frau!“, beharrte er. „Du bist eine Risikoschwangere! Warum hörst du nicht auf die Alarmsignale?! Das ist bereits der Beginn einer Abstoßung! Das überlebst weder du noch das Baby.“ Er war vollkommen außer sich. „Lass uns später Kinder haben, ich flehe dich an!“ Verzweifelt zog er die erstarrte Sandra in seine Arme. „Ich will dich nicht verlieren! Bitte, treib ab!“

„So stellst du dir also deine Unterstützung vor …“, flüsterte sie getroffen und machte sich von ihm los.

„Ich versuche, dich vor einem Fehler zu bewahren!“, rief er aufgewühlt.

„Und warum sagst du mir dann die ganze Zeit, wie sehr du dich auf das Baby freust?“, hielt sie ihm vor.

„Natürlich wäre es wunderbar, wenn wir jetzt Eltern werden würden, aber …“ Warum nur ging das nicht in ihren Kopf? „Ich mache mir Sorgen um dich!“ Wieder nahm er sie in seine Arme. „Du bist das Wertvollste in meinem Leben. Ich will dich nicht gegen ein Baby eintauschen.“

„Und woher kommt dein plötzlicher Sinneswandel?“ Schließlich hatte er doch die ganze Zeit gewusst, dass das Risiko bestand. Er zögerte, berichtete ihr dann aber von dem Albtraum, den er letzte Nacht geträumt hatte.

„Ich weiß auch, dass es nur ein Traum war, aber es fühlte sich so echt an.“ Fassungslos schüttelte sie den Kopf. Was er sagte, machte ihr Angst. „Und dann habe ich noch recherchiert über die Risiken von schwangeren Herzpatientinnen …“, fuhr er fort. „Die Chance, dass alles gut geht, ist einfach zu gering. Sandra, ich will dich nicht verlieren!“ Er sah, wie verzweifelt sie war. Und selbstverständlich wollte er nicht, dass sie unglücklich war. Er wünschte sich ein Kind von ihr, natürlich. „Aber bitte … Lass uns ein, zwei Jahre warten. Im Moment riskieren wir, dass alles schiefgeht.“ Sie hatten doch Zeit. Warum sollten sie jetzt alles auf eine Karte setzen?

„Weil ich meinen Körper kenne!“, begehrte sie auf. „Vertrau mir einfach. Und erzähl mir nicht so grauenhaftes Zeug.“ Sie brauchte ihn doch, um das alles durchzustehen.

„Ich tue alles, um für dich da zu sein“, versprach er.

„Warum kannst du nicht einfach hinter mir stehen?“, drängte sie ihn. „Bist du mein Mann oder nicht? Stehst du zu mir und dem Baby?“

„Das ist nicht fair.“ Er schluckte. Aber sie wollte eine klare Antwort. Ein Ja oder ein Nein. Was blieb ihm anderes übrig? „Ja“, murmelte er.

Auf Charlottes Wunsch erschien heute Wolfgang Degen im Fürstenhof – der Unternehmensberater, der das Hotel wieder in bessere Zeiten führen sollte. Er freute sich sichtlich, sie wiederzusehen. Und war geradezu begierig darauf, ihr zu helfen.

„Und außerdem freue ich mich, endlich deinen Fürstenhof kennenzulernen“, fügte er mit einem charmanten Lächeln hinzu. Sie lachte.

„Bestimmt habe ich dich damals bei der Spendengala gelangweilt“, fürchtete sie. „Mit meinen Geschichten von der schönen Landschaft, der familiären Atmosphäre und der Sterneküche.“

„Keineswegs“, widersprach er. „Und ich habe gleich vermutet, dass das Haus seinen Charme und seine Gastlichkeit zum großen Teil dir verdankt.“ Sein Kompliment tat ihr gut.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal einen Berater von außen hinzuziehen würde“, gestand sie dann. „Aber nachdem du mir damals verraten hast, was du beruflich machst und ich großes Vertrauen in dich habe …“

„Was ist denn das Problem?“, fragte er. Sie seufzte.

„Wir haben weniger Gäste als früher, unser Renommee leidet, weil es immer wieder zu seltsamen Zwischenfällen kommt …“ Die unerklärliche Salmonellengeschichte war das beste Beispiel dafür.

„Zieht denn die Leitung des Hotels in so einem Fall an einem Strang?“, fragte Degen nun.

„Leider nicht“, erwiderte sie. „Anders als früher haben wir auch interne Probleme.“

„Ich kann nur Vorschläge zur Veränderung machen“, stellte er fest. „Wir können auch zusammen Ideen entwickeln. Aber umsetzen musst du sie mit deinen Leuten.“

„Manchmal bin ich nicht sicher, ob ich das wirklich schaffe.“ Sie klang auf einmal richtig kleinlaut.

„Du oder keine!“, protestierte er. „Das weiß ich, seit ich gesehen habe, was du alles in Afrika bewegst.“ Er schlug vor, keine Zeit zu verlieren und sich gleich an eine Bestandsaufnahme zu machen.

„Du siehst selbst, dass hier einiges im Argen liegt“, sagte sie, nachdem sie ihm die Situation des Hotels beschrieben hatte.

„Aber du bist klug genug, um rechtzeitig zu handeln.“ Gerade Familienbetriebe sträubten sich nämlich häufig, wenn es darum ging, einen Berater hinzuzuziehen.

„Ich hätte auch nicht jedem Einblick in unsere Unterlagen gewährt“, meinte sie.

„Ich nehme das als Kompliment.“ Er lächelte.

„Als Zeichen meines Vertrauens“,sagte sie ernst. „Was also schlägst du vor?“

„Ich möchte ein paar Tage den Mitarbeitern auf die Finger sehen“, erklärte er. „Was sie tun, wie sie es tun, Arbeitsabläufe, Organisation …“ Erst dann würde er ihr konkrete Vorschläge machen können.

„Kannst du schon sagen, wie hoch dein Aufwand sein wird?“, wollte sie nun wissen. Er bot ihr einen Freundschaftspreis für seine Dienste an, aber das wollte Charlotte nicht annehmen – schließlich wusste sie, was für ein gefragter Unternehmensberater Wolfgang Degen war.

„Wenn du mir darüber hinaus etwas geben willst, dann schenke mir deine Zeit und gehe ab und zu mit mir essen“, schlug er vor. Sie nickte. Das ließ sich in jedem Fall einrichten. „Ich gehe kaum noch aus, seit meine Frau gestorben ist“, sagte er leise. Meist ließ er sich das Essen auf sein Hotelzimmer bringen, wenn er geschäftlich unterwegs war. „Damals, als wir uns bei deiner Spendengala kennenlernten, Charlotte … Das war das erste Mal seit Jahren, dass ich mich wieder einmal amüsiert habe.“

„Du warst ein sehr geistreicher Unterhalter“, erinnerte sie sich.

„Da kommt es auf die richtige Gesprächspartnerin an“, fand er. „Und du bist eine beeindruckende Frau. Ich bin glücklich, dass ich dir helfen und mit dir Zeit verbringen kann.“ So viel Enthusiasmus für ihre Person stimmten Charlotte nun doch nachdenklich. Degen spürte das und entschuldigte sich sofort für seinen Ausrutscher. „Seit dem Tod meiner Frau bin ich etwas einsam“, erklärte er. „Du solltest meine Avancen nicht allzu ernst nehmen.“ Er würde sich selbstverständlich professionell verhalten und Charlottes Vertrauen nicht enttäuschen. „Du hast mein Wort darauf!“

„Warum hast du André Konopka denn so früh abserviert?“ Götz war einfach in Cosimas Wohnung gekommen, um sie danach zu fragen. „Er saß einsam und verlassen an der Bar.“

„Und du hast ihm sicher gern Gesellschaft geleistet“, spottete sie, um sich ihre Verunsicherung nicht anmerken zu lassen.

„Ich wäre lieber bei dir gewesen“, behauptete er. „Findest du denn nicht, dass wir uns lange genug etwas vorgemacht haben? Du sehnst dich doch nach mir. Genau so wie ich mich nach dir. Du liebst mich noch immer, Cosima.“ Sie war vollkommen überrumpelt. Aber auch schwer in Versuchung geführt. Mit aller Kraft riss sie sich zusammen.

„So, wie du dich verhalten hast, glaubst du doch nicht ernsthaft, dass ich mit fliegenden Fahnen zu dir zurückkomme?!“, schnaubte sie.

„Ja, ich war nicht ganz aufrichtig“, gab er – scheinbar zerknirscht – zu. „Aber damit du mir endlich glaubst, mache ich jetzt reinen Tisch: Mein Mandat für Lukas ist nur ein Vorwand gewesen.“ Damit er am Fürstenhof bleiben konnte, ohne vor Cosima das Gesicht zu verlieren. „Du solltest nicht denken, dass ich dir hinterherlaufe.“

„Schon die ganze Zeit treibst du ein doppeltes Spiel“, stellte sie fest. „Aber wenigstens gibst du es jetzt zu, das ist schon mal ein netter Zug.“

„Ich wollte einfach nur in deiner Nähe bleiben!“ Götz witterte Morgenluft. „Als ich dich hier im Hotel wiedersah, hast du etwas in mir ausgelöst. Damit hätte ich nie gerechnet. Und dieses Gefühl kann und will ich nicht länger leugnen.“ Sie nickte langsam. Und schlug ihm dann zu seiner großen Freude vor, heute gemeinsam zu Abend zu essen.

Lukas war nicht der Einzige, der sich um Sandras Gesundheit Sorgen machte. Für Werner galt das Gleiche. Und heute versuchte der Senior, bei Dr. Niederbühl etwas über Sandras Zustand und das Risiko, dem sie sich aussetzte, zu erfahren. Doch der Arzt verwies auf seine ärztliche Schweigepflicht und riet ihm, selbst mit seiner Tochter zu sprechen.

„Selbstverständlich.“ Werner seufzte. „Eine andere Antwort hätte mich auch gewundert.“ Im Augenblick war er tatsächlich froh darüber, dass Michael Niederbühl am Fürstenhof praktizierte. „Sie werden sicherlich alles dafür tun, damit Sandra die Schwangerschaft gut übersteht. Ich habe volles Vertrauen in Ihre fachliche Kompetenz.“ Michael lächelte gequält. Die Verantwortung für Sandra lastete schwer auf seinen Schultern. Und er war sich nicht sicher, wie lange er sie noch tragen konnte.

Charlotte hatte Cosima ins Restaurant gebeten, damit sie und Wolfgang Degen sich kennenlernen konnten. Aber Cosima sperrte sich dagegen, einen Unternehmensberater zu engagieren. Doch dann verkündete Degen, dass sein Honorar nicht mehr als zehn Prozent dessen betragen würde, was der Fürstenhof durch seine Vorschläge kurzfristig einsparte.

„Und wo ist dabei der Haken?“, staunte Cosima.

„Es gibt keinen“, versicherte er überzeugend. „Man müsste sich lediglich auf ein bestimmtes Zeitfenster einigen.“ Sie dachte einen Augenblick nach.

„Na gut“, meinte sie dann. „Machen Sie in Gottes Namen Ihre Analysen.“

Cosima war es, die André und Werner darüber in Kenntnis setzte, dass Wolfgang Degen seine Arbeit am Fürstenhof begonnen hatte. Und er würde auch den beiden Brüdern auf die Finger schauen.

„Das habe ich befürchtet“, stöhnte Werner. „Aber ich lasse mir von einem Externen nicht in die Suppe spucken.“

„Das hätte ich nicht besser ausdrücken können“, pflichtete André ihm bei. Aber Charlotte und Cosima hatten Degens Einsatz nun einmal zugestimmt. Und auch Lukas hatte nichts dagegen.

„Was das alles kosten wird!“, empörte sich Werner nun.

„Herr Degen arbeitet sehr günstig“, erwiderte Cosima. „Vielleicht hängt das damit zusammen, dass er ein alter Verehrer von Charlotte Saalfeld ist …“ Sie hatte bemerkt, wie vertraut die beiden miteinander umgingen. Werner versetzte diese Bemerkung einen Stich.

„Das wird ja immer professioneller!“, schnaubte er. Aber die Sache war beschlossen, und Cosima ließ die beiden Brüder nun allein.

„Sag mal … Habe ich da eben in deinen Augen Eifersucht aufblitzen sehen?“ Forschend blickte André seinem Bruder ins Gesicht. Der bestritt das natürlich sofort.

„Ich führe eine glückliche Beziehung mit Astrid!“, sagte er energisch. Wieso sollte er also eifersüchtig sein?

„Gute Frage“, erwiderte André. „Ich finde jedenfalls, dass du Charlotte einen heißen Verehrer gönnen könntest.“

„Dieser Degen interessiert mich doch nicht die Bohne“, grummelte der Senior. Aber dass das nicht ganz der Wahrheit entsprach, war klar.

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