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ZeroZeroZero

Roberto Saviano

ZeroZeroZero

Wie Kokain die Welt
beherrscht

Aus dem Italienischen von
Rita Seuß und Walter Kögler

Carl Hanser Verlag

Inhalt

Kokain # 1

1 Die Lektion

2 Big Bang

Kokain # 2

3 Krieg um das weiße Öl

4 El Mata Amigos

Kokain # 3

5 Grausamkeit kann man lernen

6 Z

Kokain # 4

7 Der Dealer

8 Die Schöne und der Affe

9 Der Baum ist die Welt

Kokain # 5

10 Das Gewicht des Geldes

11 Operation Geldwäsche

12 Die Zaren erobern die Welt

13 Eldorado Deutschland

Kokain # 6

14 Routen

15 Afrika ist weiß

Kokain # 7

16 Achtundvierzig

17 Hunde

18 Wer erzählt, stirbt

19 Addicted

20 000

Dank

Dieses Buch widme ich den Carabinieri meiner Eskorte.

Für die 38 000 gemeinsam verbrachten Stunden.

Und für die Stunden, die wir noch gemeinsam verbringen werden.

Wo auch immer.

Dass man mich niedertritt, fürchte ich nicht,
Gras, das man niedertritt, wird ein Weg.

Blaga Dimitrova

Kokain # 1

Koks. Der Mann neben dir im Zug hat es erst heute Morgen wieder genommen, um wach zu werden, und der Fahrer des Busses, der dich nach Hause bringt, kokst auch, um in den langen Überstunden die Verspannungen im Nacken nicht zu spüren. Menschen, die dir nahestehen, koksen. Wenn nicht dein Vater, deine Mutter oder dein Bruder, dann dein Sohn, und wenn nicht dein Sohn, dann dein Chef im Büro. Oder seine Sekretärin, allerdings nur samstags, wenn sie ausgeht. Wenn dein Chef nicht kokst, dann seine Frau, um sich zu entspannen, oder seine Geliebte, der er Koks statt Ohrringen oder Diamanten schenkt. Und wenn nicht sie, dann der Lkw-Fahrer, der die Bars deiner Stadt mit Kaffee beliefert und ohne Koks die vielen Stunden auf der Autobahn gar nicht schaffen würde. Oder die Krankenschwester, die deinem Großvater den Katheter wechselt, denn mit Koks erscheint ihr alles einfacher, sogar die Nachtschicht. Oder der Maler, der das Zimmer deiner Freundin tüncht. Anfangs war es reine Neugier, jetzt hat er sich sogar verschuldet. Es koksen Menschen, mit denen du tagtäglich zu tun hast. Der Polizist, der dein Auto anhält, kokst schon seit Jahren. Inzwischen haben es alle gemerkt und schreiben seinen Vorgesetzten anonyme Briefe in der Hoffnung, dass er vom Dienst suspendiert wird, bevor er Mist baut. Der Chirurg kokst, der deine Tante operieren wird und der bis zu sechs Patienten am Tag schafft, wenn er eine Line gezogen hat, ebenso der Anwalt, den du in deiner Scheidungssache aufsuchen musst. Der Richter kokst, der in deiner Zivilsache das Urteil sprechen wird und Koksen nicht als Laster ansieht, sondern als eine Möglichkeit, genussreicher zu leben. Die Kassiererin kokst, die dir den Lottoschein aushändigt, der dein Schicksal wenden soll, und der Tischler, dem du für das neue Möbelstück ein Monatsgehalt hinblätterst. Wenn nicht er, dann der Monteur, der dir den Ikea-Schrank aufbaut, oder der Hausverwalter, der dich gerade über die Gegensprechanlage anklingelt. Der Elektriker kokst, der die Steckdose in deinem Schlafzimmer verlegt, und der Liedermacher, den du zur Entspannung hörst. Der Pfarrer kokst, den du um die Firmung bittest, weil du Taufpate deines Neffen werden sollst, und der sich wundert, dass du dieses Sakrament noch nicht empfangen hast. Die Kellner koksen, die dich am Samstag bei der Hochzeitsfeier bedienen werden. Ohne Koks könnten sie sich nicht so viele Stunden auf den Beinen halten. Und wenn sie nicht koksen, dann der Kommunalreferent, der soeben den Beschluss über die neuen Fußgängerzonen gefasst hat. Den Stoff bekommt er gratis, als Dank für Gefälligkeiten. Der Parkwächter kokst, der nur noch Freude am Leben hat, wenn er eine Line zieht, ebenso der Architekt, der dein Ferienhaus umbaut, und der Postbote, der dir den Brief mit deiner neuen EC-Karte bringt. Wenn sie nicht koksen, dann die Frau vom Callcenter, die dich mit munterer Stimme fragt, wie sie dir helfen kann; ihre wohltemperierte Fröhlichkeit kommt von dem weißen Pulver. Und wenn nicht sie, dann der Assistent deines Professors, der dich gleich prüfen wird; das Koks hat ihn nervös gemacht. Der Physiotherapeut kokst, der dein Knie wieder in Ordnung bringen soll, aber von dem Zeug mitteilsam wird. Der Stürmer kokst, der ein Tor geschossen und dir damit kurz vor dem Schlusspfiff die Wette vermasselt hat. Und auch die Prostituierte, bei der du auf dem Heimweg vorbeigehst, um dich abzureagieren. Sie kokst, um nicht mehr zu sehen, wen sie vor sich, hinter, über und unter sich hat. Der Gigolo kokst, den du dir zu deinem fünfzigsten Geburtstag leistest. Ihr beide, du und er. Kokain gibt ihm das Gefühl, der Größte zu sein. Dein Sparringspartner kokst, mit dem du im Ring trainierst, weil du abnehmen willst, der Reitlehrer deiner Tochter und die Psychologin, zu der deine Frau geht. Der beste Freund deines Mannes kokst, der dir seit Jahren den Hof macht, aber er hat dir noch nie gefallen. Wenn nicht er, dann der Direktor deiner Schule. Der Hausmeister der Schule kokst auch, ebenso der Immobilienmakler, der sich ausgerechnet jetzt verspätet, wo du dir die Zeit für die Wohnungsbesichtigung abgerungen hast. Der Wachmann vom Sicherheitsdienst kokst, der immer noch ein Toupet trägt, obwohl sich längst alle den Schädel kahl rasieren, ebenso der Notar, zu dem du eigentlich nicht mehr gehen wolltest. Er möchte nicht an die Unterhaltszahlungen für die Frauen denken, die er verlassen hat. Der Taxifahrer kokst, der über den Verkehr schimpft, sich dann aber schnell wieder beruhigt. Und wenn nicht er, dann der Ingenieur, den du zu dir nach Hause einladen musst, weil er deiner Karriere auf die Sprünge helfen kann. Und der Verkehrspolizist, der dir einen Strafzettel verpasst; es ist Winter, aber ihm läuft der Schweiß, während er mit dir redet. Es kokst der Fensterputzer mit den tief in den Höhlen liegenden Augen, der sich das Zeug nur auf Pump kaufen kann, und der Typ, der seine Flyer gleich fünffach hinter die Windschutzscheiben steckt. Ebenso der Politiker, der dir eine Gewerbelizenz versprochen hat. Mit den Stimmen von dir und deiner Familie ist er ins Parlament gekommen, und er ist ein Nervenbündel. Der Lehrer kokst, der dich beim geringsten Zeichen von Unsicherheit durch die Prüfung rasseln lässt, und der Onkologe, angeblich eine Koryphäe, von dem du dir Rettung erhoffst; wenn er eine Line zieht, fühlt er sich allmächtig. Der Gynäkologe kokst, der mit Zigarette im Mund reinkommt, um deine Frau zu untersuchen; ihre Wehen haben gerade begonnen. Dein Schwager kokst, der nie gut drauf ist, und der Freund deiner Tochter, der es immer ist. Und wenn nicht sie, dann der Fischverkäufer, der den Schwertfisch in seiner Auslage drapiert, oder der Tankwart, der das Benzin verschüttet; er kokst, um sich jung zu fühlen, schafft es aber nicht mal mehr, den Zapfhahn ordentlich in die Tanköffnung zu stecken. Ebenso der Vertrauensarzt, den du schon seit Jahren kennst und der dich außer der Reihe drannimmt, weil du weißt, was du ihm zu Weihnachten schenken musst. Der Hausmeister deines Wohnhauses kokst und die Lehrerin, die deinen Kindern Nachhilfestunden erteilt, die Klavierlehrerin deines Enkels, die Kostümbildnerin der Theatergruppe, deren Vorstellung du heute Abend besuchst, und der Tierarzt, zu dem du deine kranke Katze bringst. Der Bürgermeister kokst, bei dem du zum Abendessen warst, der Bauherr des Hauses, das du bewohnst, der Schriftsteller, dessen Buch du vor dem Einschlafen liest, und die Nachrichtensprecherin im Fernsehen. Wenn du aber nach längerer Überlegung zu dem Schluss kommst, dass es ausgeschlossen ist, auch nur einer von ihnen könnte koksen, bist du entweder blind oder du machst dir etwas vor. Oder du selbst bist derjenige, der kokst.

1  Die Lektion

»Sie saßen alle um einen Tisch, in New York, hier ganz in der Nähe.«

»Wo?«, fragte ich instinktiv.

Er sah mich an, als könne er es nicht fassen, dass jemand so eine dumme Frage stellt. Die Geschichte, die er mir erzählte, war der Dank für ein Entgegenkommen meinerseits. Die Polizei hatte ein paar Jahre zuvor in Europa einen jungen Mann verhaftet, einen Mexikaner mit amerikanischem Pass. Sie brachten ihn nach New York und hielten ihn an der langen Leine, ließen ihn in die Welt der illegalen Geschäfte dieser Stadt eintauchen und ersparten ihm damit das Gefängnis. Ab und zu trug er ihnen etwas zu, dafür verhafteten sie ihn nicht. Er war kein richtiger Spitzel, nur ein Tippgeber, was ihm das Gefühl gab, weder ein Verräter zu sein noch ein knallharter Mafioso, den das Gesetz der omertà zum Schweigen verpflichtet. Die Polizisten wollten allgemeine Auskünfte von ihm, keine Details, die ihn in seiner Gruppe hätten bloßstellen können. Es genügte, wenn er ihnen das umlaufende Gerede zutrug, etwas über die herrschende Stimmung, Gerüchte von Versammlungen oder von Fehden. Keine Beweise, keine Indizien, nur Gerüchte. Die Indizien würde man später sammeln. Aber jetzt hatte der Typ mit seinem iPhone eine Rede aufgenommen, die Rede bei einer Versammlung, an der er teilgenommen hatte. Die Polizei war besorgt. Einige, mit denen ich seit Jahren in Kontakt stand, wollten, dass ich darüber schrieb. Irgendwo darüber schrieb, um die Sache publik zu machen, damit man die Reaktion testen und sicher sein konnte, dass sich die Geschichte, die ich gleich hören würde, tatsächlich so zugetragen hatte, wie der Typ behauptete, und nicht inszeniert war, eingefädelt, um Chicanos und Italiener zu ködern. Ich sollte darüber schreiben, um in den Kreisen, in denen diese Sätze gefallen und gehört worden waren, Unruhe zu schüren.

Der Polizist erwartete mich im Battery Park auf einer kleinen Mole. Ohne Schlapphut und Sonnenbrille, ohne lächerliche Verkleidung. Er trug ein knallbuntes T-Shirt und Badeschlappen und lächelte, als könne er es gar nicht erwarten, sein Geheimnis preiszugeben. Sein Italienisch hatte viele dialektale Einschläge, aber ich konnte ihn gut verstehen. An seinem Verhalten war nichts Verschwörerisches. Er hatte die Anweisung, mir diese Geschichte zu erzählen, und das tat er ohne Umschweife. Ich erinnere mich sehr genau daran, denn sie ließ mich nicht mehr los. Im Lauf der Zeit bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass wir unsere Erinnerungen nicht nur im Kopf speichern. Sie lagern nicht alle in einem bestimmten Areal unseres Gehirns. Ich bin immer mehr überzeugt, dass auch andere Körperteile ein Gedächtnis haben. Leber, Hoden, Fingernägel, Rippen. Worte, die ein Gewicht haben, bleiben dort haften. Und wenn sich diese Körperteile erinnern, schicken sie das, was sie gespeichert haben, ans Gehirn. Am häufigsten erinnere ich mit dem Magen, der das Schöne und das Schreckliche bewahrt. Ich weiß es, weil der Magen sich regt. Und manchmal regt sich auch der Bauch. Das Zwerchfell – eine dünne Muskel- und Sehnenschicht, eine Membran, die bis in die Körpermitte wächst – erzeugt Schwingungen. Hier nimmt alles seinen Ausgang. Das Zwerchfell ist immer beteiligt: wenn wir keuchen und wenn wir erschaudern, wenn wir pinkeln, unseren Darm entleeren und uns übergeben; es steuert auch das Pressen bei den Geburtswehen. Und mit Sicherheit gibt es einen Ort, wo sich das Schlimmste anlagert, der Unrat. Wo genau in meinem Körper dieser Ort liegt, weiß ich nicht, aber er ist randvoll. Er quillt fast über, nichts passt mehr hinein. Da, wo bei mir der Bodensatz der Erinnerungen lagert, ist kein Platz mehr. Das klingt wie eine gute Nachricht: Es gibt keinen Raum mehr für den Schmerz. Aber so ist es nicht. Wenn der dafür bestimmte Ort voll ist, lagert sich der Unrat auch dort ein, wo er gar nicht hingehört, dort, wo andere Erinnerungen gespeichert sind. Die Geschichte des Polizisten hat jenen Ort in mir, wo die Erinnerungen an die schlimmsten Dinge gespeichert sind, endgültig zum Überlaufen gebracht. All das, was wieder zum Vorschein kommt, wenn du das Gefühl hast, es geht aufwärts, wenn ein strahlender Tag beginnt, wenn du wieder zu Hause bist und denkst, es hat sich letztlich doch gelohnt. In solchen Augenblicken kommen von irgendwoher dunkle Erinnerungen hoch wie Erbrochenes. Wie der Müll auf einer mit Plastikplanen bedeckten Deponie unter der Erde, der einen Weg nach oben findet, um alles zu vergiften. In diesem Teil meines Körpers bewahre ich die Erinnerung an jene Geschichte auf. Es ist sinnlos, die genauen Koordinaten ermitteln zu wollen, denn selbst wenn ich diesen Ort fände, es würde nichts nützen, ihn mit Fäusten zu traktieren oder mit dem Messer zu bearbeiten oder daran herumzudrücken, um die Worte wie Eiter aus einem Pickel herauszupressen. Alles ist dort drin. Alles muss dort bleiben. Schluss, aus.

Der Polizist sagte mir, sein Informant habe die einzige Lektion gehört, die zu hören sich lohne, und sie heimlich aufgezeichnet. Nicht um sie der Polizei in die Hände zu spielen, sondern um sie sich immer wieder anzuhören. Eine Lektion darüber, wie man sich auf der Welt behaupten kann. Und dann habe er ihn mithören lassen: ein Knopf im Ohr des Polizisten, den anderen im Ohr des Informanten, der voller Aufregung auf Start drückte.

»Also, du schreibst darüber, und wir schauen, ob jemand an die Decke geht. Das würde nämlich bedeuten, dass die Geschichte stimmt, es wäre die Bestätigung. Wenn du darüber schreibst und keiner rührt sich, dann ist es entweder der Schwindel eines B-Schauspielers und unser Chicano hat uns an der Nase herumgeführt, oder niemand glaubt den Quatsch, den du schreibst, und in dem Fall sind wir angeschmiert.«

Er fing an zu lachen. Ich nickte. Ich machte keine Versprechungen, ich versuchte zu verstehen. Diese sogenannte Lektion hatte also ein alter italienischer Boss erteilt, bei einer Zusammenkunft von Chicanos, Italienern, Italoamerikanern, Albanern und ehemaligen Kaibiles, guatemaltekischen Legionären. Das behauptete jedenfalls der Informant. Die Lektion enthält keine Fakten, Zahlen oder Details, nichts, was man auswendig lernen muss. Du betrittst einen Raum als ein bestimmter Mensch und verlässt ihn als ein anderer. Du trägst noch dieselbe Kleidung, denselben Haarschnitt, dein Bart ist nicht gewachsen. Du hast keine Schrammen davongetragen, keine Schnitte über den Augenbrauen, keine gebrochene Nase. Man hat dir nicht den Kopf gewaschen, dir keine Strafpredigt erteilt. Du trittst ein, und du gehst wieder, auf den ersten Blick derselbe wie zuvor. Aber nur äußerlich. Innerlich bist du ein völlig anderer Mensch. Man hat dir keine letzte Wahrheit enthüllt, sondern nur ein paar Dinge zurechtgerückt. Dinge, von denen du bis dahin nicht wusstest, wie man mit ihnen umgeht. Dinge, die du nicht den Mut hattest anzugehen, einzuordnen, wahrzunehmen.

Der Polizist las mir aus einem Notizheft das Wortprotokoll der Rede vor. Sie waren in einem Raum versammelt gewesen, unweit von da, wo wir uns jetzt befanden. Zwanglos plaziert, ohne eine vorgegebene Ordnung, nicht etwa in Hufeisenform wie bei einer Aufnahmezeremonie. Eher wie in einem Freizeitverein in den Provinzstädten Süditaliens oder in den Restaurants der Arthur Avenue bei einem im Fernsehen übertragenen Fußballspiel. Aber in diesem Raum gab es kein Fußballspiel zu sehen, und es war auch kein Treffen von Freunden. Anwesend waren Mitglieder krimineller Organisationen, Leute von unterschiedlichem Rang. Der alte Italiener stand auf, ein Ehrenmann, der nach Jahren in Kanada in die Vereinigten Staaten gekommen war. Er begann zu sprechen, ohne sich vorzustellen, das war nicht nötig. Seine Sprache war unsauber: Italienisch, gemischt mit Englisch und Spanisch, und manchmal verfiel er in den Dialekt. Ich hätte gern seinen Namen gewusst und fragte den Polizisten mit geheuchelt spontaner Neugier, ganz beiläufig, doch er machte sich nicht einmal die Mühe zu reagieren. Es gab nur das, was der Boss gesagt hatte.

»Un munnu de chiri ca cridanu de putì campà cu ra giustizia ... Eine gerechte Welt mit Gesetzen, die für alle gleich sind, eine Welt, in der man in Würde und von seiner Hände Arbeit leben kann, mit sauberen Straßen und der Gleichstellung von Mann und Frau – das ist eine Welt von Schwächlingen, die glauben, sie könnten sich selbst etwas vorgaukeln. Und denen, die von ihnen abhängen. Den Unsinn von einer besseren Welt überlassen wir den Dummköpfen. Den reichen Dummköpfen, die sich diesen Luxus kaufen. Den Luxus, an eine glückliche und gerechte Welt zu glauben. Den Reichen, die Gewissensbisse oder etwas zu verbergen haben. Who rules just does it, and that’s it. Einer kann sagen, er führt das Kommando im Namen des Guten, der Gerechtigkeit und der Freiheit. Aber das ist was für die Weiber, überlassen wir es den Reichen, den Dummköpfen. Wer befiehlt, der befiehlt, und fertig.«

Ich hätte gern gewusst, wie er gekleidet war, wie alt er war. Fragen eines Bullen, eines Reporters, eines Neugierigen, eines Besessenen, der glaubt, mit derlei Details dem Prototyp eines Bosses auf die Spur zu kommen, der solche Reden hält. Aber mein Gesprächspartner las weiter, ohne mich zu beachten. Ich prüfte jedes seiner Worte sorgfältig wie Sand, den man durch ein Sieb schüttelt, um das Goldklümpchen zu finden. Den Namen. Ich hörte zu, doch was ich suchte, waren Hinweise. Indizien.

»Er wollte ihnen die Regeln erklären, verstehst du?«, sagte der Polizist. »Er wollte sie ihnen regelrecht einbleuen. Ich bin sicher, dass unser Informant nicht gelogen hat. Ich garantiere, der Mexikaner erzählt keinen Unsinn. Ich lege meine Hand für ihn ins Feuer, auch wenn mir keiner glaubt.«

Er wandte sich wieder seinem Notizheft zu.

»Die Regeln der Organisation«, las er vor, »sind die Regeln des Lebens. Die Gesetze des Staates sind die Regeln eines Teils der Gesellschaft, der die anderen bescheißen will. E nui nun cci facimu futte e nessunu, aber wir lassen uns von niemandem bescheißen. Es gibt Leute, die Geld machen, ohne etwas zu riskieren, aber diese Herren werden immer Angst vor denen haben, die für Geld alles riskieren. If you risk all, you have all, capito? Aber wenn du glaubst, du müsstest deine Haut retten oder du kämst ohne Gefängnis davon, ohne zu fliehen und ohne dich verstecken zu müssen, dann sage ich dir klipp und klar: Du bist kein Mann. Und wenn ihr keine Männer seid, verlasst diesen Raum und macht euch keine Hoffnungen, denn wenn ihr nicht Männer werdet, könnt ihr nie und nimmer Ehrenmänner sein.«

Der Polizist sah mich an. Er hatte die Augen fest zusammengekniffen, konzentriert auf den Wortlaut, den er sehr genau kannte. Er hatte das Dokument immer und immer wieder gelesen und angehört.

»Crees en el amor? El amor se acaba. Crees en tu corazón? El corazón se detiene, no? No amor y no corazón? Entonces crees en el coño? Glaubst du an die Liebe? An dein Herz? Die Liebe vergeht, und dein Herz bleibt stehen. Keine Liebe und kein Herz? Dann glaubst du also ans Ficken? Auch das erschöpft sich irgendwann. Glaubst du an deine Frau? Sobald dir das Geld ausgeht, wird sie sagen, du kümmerst dich nicht genügend um sie. Glaubst du an deine Kinder? Wenn du ihnen kein Geld gibst, werden sie sagen, dass du sie nicht liebst. Glaubst du an deine Mutter? Wenn du nicht ihr Kindermädchen spielst, wird sie sagen, du bist ein undankbarer Sohn. Escucha lo que digo: tienes que vivir. Hör zu, was ich sage: Du musst leben. Um deiner selbst willen leben. Du musst wissen, wie du dir Respekt verschaffst und wem du Respekt erweist. Der Familie. Den respektieren, der dir nützt, und den verachten, der keinen Wert für dich hat. Respekt gewinnt der, der dir etwas geben kann. Wer nutzlos ist, verliert ihn. Werdet ihr etwa nicht von denen respektiert, die etwas von euch wollen? Oder Angst vor euch haben? Und was ist, wenn ihr nichts geben könnt? Wenn ihr nichts mehr habt, nicht mehr nützlich seid? Dann werdet ihr als basura betrachtet, als Dreck. Wenn ihr nichts zu verteilen habt, seid ihr nichts.«

»An dieser Stelle«, wandte sich der Polizist an mich, »wurde mir plötzlich klar, dass der Boss, der Italiener, einer ist, der was zählt, der das Leben kennt, wirklich kennt. Eine solche Ansprache kann der Mexikaner unmöglich frei erfunden und aufgenommen haben. Der Chicano ist mit sechzehn von der Schule abgegangen, und in Barcelona haben sie ihn in einer Spielhölle geschnappt. Und außerdem: Wie hätte ein Schauspieler oder irgendein Wichtigtuer dieses Kalabrisch erfinden können? Ohne die Großmutter meiner Frau hätte selbst ich kein Wort verstanden.«

Moralphilosophische Äußerungen der Mafia kannte ich viele: von den Aussagen reuiger Mafiosi und von abgehörten Telefonaten. Aber diese Rede war ungewöhnlich, sie wirkte wie ein Erziehungsprogramm. Sie war eine Kritik der praktischen mafiösen Vernunft.

»Ich spreche zu euch, und einige von euch sind mir sogar sympathisch. Ein paar anderen allerdings würde ich am liebsten die Fresse polieren, cci spaccarìa a faccia. Aber wenn selbst der Sympathischste von euch mehr Weiber und mehr Geld hat als ich, will ich ihn tot sehen. Wenn einer von euch mein Bruder wird und ich ihn als meinesgleichen in die Organisation aufnehme, ist schon klar, was kommt. Er wird versuchen, mich zu bescheißen. Don’t think a friend will be forever a friend. Mich wird einmal jemand umbringen, mit dem ich Tisch und Bett und alles geteilt habe. Jemand, der mir Unterschlupf gewährt und mich versteckt hat. Ich weiß nicht, wer es sein wird, sonst hätte ich ihn längst kaltgestellt, aber genau so wird es kommen. Und wenn er mich nicht umbringt, wird er mich verraten. Regel ist Regel. Und Regeln sind keine Gesetze. Gesetze sind für Feiglinge, Regeln sind für Männer. Deshalb haben wir einen Ehrenkodex. Der Ehrenkodex sagt dir nicht, dass du gerecht, gut und anständig sein sollst. Der Ehrenkodex sagt dir, wie man das Kommando führt. Was du tun musst, um mit Leuten, Geld und Macht umzugehen. Wie du den bescheißt, der über dir steht, ohne dich von dem bescheißen zu lassen, der unter dir steht. Den Ehrenkodex braucht man nicht zu erklären. Er existiert und fertig. Die Regeln sind von allein entstanden, mit dem Blut und im Blut jedes Ehrenmanns. Wie kannst du entscheiden?«

War diese Frage an mich gerichtet? Ich suchte nach einer passenden Antwort, wartete aber vorsichtshalber erst einmal ab. Vielleicht würde der Polizist ja weiter den Boss sprechen lassen.

»Wie kannst du innerhalb von Sekunden, Minuten oder Stunden entscheiden, was zu tun ist? Wenn du dich falsch entscheidest, wirst du auf Jahre dafür büßen. Es gibt Regeln, es gibt sie immer, aber du musst imstande sein, sie zu erkennen, und du musst wissen, wann sie gelten. Und dann gibt es die Gebote Gottes. Die Gebote Gottes sind in den Regeln enthalten: die wahren Gebote Gottes, nicht die, mit denen man den armen Teufeln Angst einjagt. Aber vergesst nicht: Egal, was für Regeln es gibt, eins allein ist sicher: Ihr seid nur dann Männer, wenn ihr spürt, was euer Schicksal ist. Ein armer Teufel kriecht zu Kreuz, um seine Ruhe zu haben. Ehrenmänner wissen, dass alles stirbt und vergeht, dass nichts bleibt. Die Journalisten wollen am Anfang die Welt verändern, aber am Ende wollen sie nur noch Chefredakteur werden. Sie zu beeinflussen ist einfacher, als sie zu bestechen. Jeder zählt nur für sich selbst und für die ehrenwerte Gesellschaft. Und die ehrenwerte Gesellschaft sagt dir, dass du nur dann einen Wert hast, wenn du das Kommando führst. Despues, puedes elegir la forma. Puedes controlar con dureza o puedes comprar el consentimiento. Wie du das machst, bleibt dir überlassen. Du kannst mit Härte regieren oder dir Zustimmung erkaufen. Du kannst das Kommando führen, indem du Blut vergießt oder indem du Blut gibst. Die ehrenwerte Gesellschaft weiß, wie schwach, lasterhaft und eitel der Mensch ist. Sie weiß, dass sich der Mensch niemals ändert, und deshalb ist die Regel alles. Freundschaftliche Bindungen, die nicht der Regel folgen, sind nichts wert. Für jedes Problem gibt es eine Lösung, angefangen mit deiner Frau, die dich verlässt, bis zu deiner Gruppe, die sich spaltet. Und die Lösung hängt allein davon ab, wie viel du bereit bist zu bieten. Wenn es schiefläuft, hast du zu wenig geboten. Such keine anderen Gründe.«

Es war eine Art Seminar für angehende Bosse. Aber wie war das möglich?

»Du musst dich entscheiden, wer du sein willst. Wenn du raubst, schießt, vergewaltigst und dealst, wirst du eine Zeitlang Geld verdienen. Aber irgendwann kriegen sie dich, und dann vernichten sie dich. Du kannst es so machen. Ja, du kannst es so machen, aber du weißt nicht, wie lange es gutgeht. Die Leute fürchten dich nur, wenn du ihnen die Pistole in den Mund steckst. Aber was passiert, sobald du dich umdrehst? Sobald ein Raubüberfall schiefgeht? Wenn du dagegen in der Organisation bist, weißt du, dass es für alles eine Regel gibt. Es gibt Möglichkeiten, zu Geld zu kommen, und wenn du töten willst, gibt es auch dafür Mittel und Wege. Du kannst dir deinen Weg bahnen, aber du musst dir Respekt verschaffen, Vertrauen gewinnen und dich unverzichtbar machen. Es gibt sogar Regeln, um die Regeln zu ändern. Wenn du dich außerhalb der Regeln stellst, weißt du nie, wie es ausgeht. Wenn du dich aber an den Ehrenkodex hältst, weißt du genau, wohin es dich bringt. Du weißt genau, wie dein Umfeld reagiert. Wenn du ein Jedermann bleiben willst, mach weiter wie bisher. Wenn du ein Ehrenmann werden willst, brauchst du Regeln. Der Unterschied zwischen einem Jedermann und einem Ehrenmann besteht darin, dass der Ehrenmann immer weiß, was passiert, während der Jedermann reingelegt wird: vom Zufall, vom Pech, von der Dummheit. Er ist dem Zufall ausgeliefert. Der Ehrenmann dagegen weiß, dass all das passieren kann, und er weiß, wann es passiert. Er weiß genau, was ihm gehört und was nicht, er weiß genau, wie weit er gehen kann, selbst wenn er sich über alle Regeln hinwegsetzt. Alle wollen drei Dinge: Macht, Weiber und Geld. Der Richter, der die Bösewichter verurteilt, ebenso wie die Politiker. Aber sie wollen dinero, pussy und Macht dadurch erreichen, dass sie sich als unverzichtbar darstellen, als Verteidiger der Ordnung oder der Armen oder von sonst was. Alle wollen money, auch wenn sie behaupten, dass es ihnen um etwas anderes geht, auch wenn sie sich für andere einsetzen. Die Regeln der ehrenwerten Gesellschaft sind die Regeln, um über alle zu herrschen. Die ehrenwerte Gesellschaft weiß, wie man an Macht, pussy und dinero kommt, aber sie weiß, dass einer, der auf all das verzichtet, über das Leben aller anderen entscheidet. Kokain. Kokain bedeutet: All you can see, you can have it. Ohne Kokain bist du niemand. Mit Kokain kannst du sein, was immer du willst. Wenn du kokst, legst du dich selber rein. Ohne die Organisation gibt es nichts auf dieser Welt. Die Organisation vermittelt dir die Regeln, um in der Welt nach oben zu kommen. Sie gibt dir die Regeln, um zu töten, und sie gibt dir die Regeln, die dir sagen, wie du selbst getötet werden wirst. Willst du ein normales Leben führen? Willst du eine Null sein? Das geht ganz einfach. Es genügt, nicht zu sehen und nicht zu hören. Aber eins darfst du nicht vergessen: In Mexiko, wo du machen kannst, was du willst – Drogen nehmen, kleine Mädchen ficken, ins Auto steigen und fahren, so schnell du willst –, hat in Wirklichkeit nur der das Kommando, der Regeln folgt. Wenn ihr Dummheiten macht, habt ihr keine Ehre, und wenn ihr keine Ehre habt, habt ihr keine Macht. Dann seid ihr wie alle anderen.«

Der Polizist hob den Zeigefinger. »Sieh mal, hier ...«, und er deutete auf eine besonders abgegriffene Seite in seinem Notizheft. »Er hat wirklich nichts ausgelassen. Er hat dargelegt, wie man zu leben hat. Nicht wie man ein Mafioso wird, sondern wie man zu leben hat.«

»Du arbeitest, und dir wird nichts geschenkt. You have some money, algo dinero. Du hast schöne Frauen. Aber die Frauen verlassen dich und gehen mit einem anderen, der besser aussieht und mehr dinero hat als du. Vielleicht führst du ein ganz passables Leben, was wenig wahrscheinlich ist. Oder ein kümmerliches Leben, wie alle. Wenn du im Gefängnis landest, werden die draußen dich beleidigen, weil sie sich für sauber halten. Aber du bist es, der das Sagen hatte. Sie werden dich hassen, aber du hast dir das Gute gekauft und alles, was du wolltest. Hinter dir steht die Organisation. Vielleicht musst du eine Zeitlang leiden, vielleicht wirst du sogar getötet. Aber die Organisation steht hinter dem, der am stärksten ist. Mit Regeln aus Fleisch und Blut und Geld könnt ihr Berge bezwingen. Wenn ihr schwach werdet, wenn ihr Fehler macht, dann seid ihr am Arsch, wenn ihr eure Sache gut macht, werdet ihr belohnt. Wenn ihr euch die falschen Partner sucht, seid ihr am Arsch. Wenn ihr euch auf den falschen Krieg einlasst, seid ihr am Arsch. Wenn ihr eure Macht nicht zu erhalten wisst, seid ihr am Arsch. Aber diese Kriege sind legitim, allowed. Es sind unsere Kriege. Ihr könnt gewinnen, und ihr könnt verlieren. Aber in einem Fall werdet ihr immer verlieren, auf die schmerzlichste Weise: wenn ihr zum Verräter werdet. Wer versucht, sich gegen die Organisation zu stellen, hat sein Leben verspielt. Dem Gesetz kann man sich entziehen, der Organisation nicht. Man kann sich sogar Gott entziehen, denn Gott wird den verlorenen Sohn immer mit offenen Armen empfangen. Dio u figghiu fujuto lo aspetta sempre. Aber der Organisation entkommt man nicht. Wenn du zum Verräter wirst und abhaust, wenn sie dich reinlegen und du abhaust, wenn du die Regeln nicht beachtest und abhaust, wird jemand für dich bezahlen müssen. They will look for you. They will go to your family, to your allies. Dann stehst du auf der Liste, und nichts kann deinen Namen tilgen. Nor time, nor money. Du und deine Nachkommen werden am Arsch sein, bis in alle Ewigkeit.«

Der Polizist klappte sein Notizheft zu. »Der Mexikaner verließ die Versammlung wie in Trance«, sagte er. Und dann wiederholte er seine letzten Worte: »Ist es jetzt Verrat, wenn ich dich hören lasse, was er gesagt hat?«

»Schreib darüber«, sagte der Polizist weiter. »Wir werden ihn im Auge behalten. Ich setze drei Leute auf ihn an und lasse ihn rund um die Uhr bewachen. Wenn sich jemand an ihn ranmacht, können wir sicher sein, dass er keinen Unsinn erzählt hat, dass diese Geschichte nicht erstunken und erlogen ist und dass ein echter Boss gesprochen hat.«

Die Geschichte versetzte mich in Erstaunen. Da, wo ich herkomme, haben sie es immer so gemacht. Aber solche Sachen in New York zu hören, das war merkwürdig. Da, wo ich herkomme, tritt man nicht nur wegen des Geldes der Organisation bei, sondern um Teil eines großen Ganzen zu werden und wie auf einem Schachbrett zu agieren. Um genau zu wissen, welchen Bauern man wann bewegen muss. Um zu wissen, wann man im Schach steht. Oder wenn man als Läufer zusammen mit seinem Pferd den König drangekriegt hat.

»Es ist zu riskant«, sagte ich.

»Mach es«, beharrte er.

»Ich glaube nicht«, antwortete ich.

Ich wälzte mich im Bett und fand keinen Schlaf. Nicht die Geschichte an sich gab mir zu denken, die ganze Verkettung der Umstände machte mich ratlos. Man hatte mich kontaktiert, damit ich die Geschichte einer Geschichte einer Geschichte schrieb. Die Quelle – der alte italienische Boss – erschien mir instinktiv vertrauenswürdig. Nicht zuletzt deshalb, weil man fern von seinem Land jemanden, der die eigene Sprache spricht, mit denselben Codes, denselben Redewendungen, Vokabeln und Auslassungen, sofort als seinesgleichen erkennt: als jemanden, dem man Gehör schenken kann. Aber auch, weil diese Rede genau zum richtigen Zeitpunkt gehalten wurde, vor den richtigen Leuten. Wenn diese Sätze tatsächlich so gefallen waren, bezeugten sie die schlimmste aller möglichen Wendungen. Dann instruierten die italienischen Bosse, die letzten Calvinisten des Westens, jetzt erstmals die neue Generation von Mexikanern und Lateinamerikanern: das aus dem Drogenhandel hervorgegangene kriminelle Bürgertum, so grausam und gierig wie keine Generation zuvor. Eine neue Garde, entschlossen, die Märkte zu erobern, der Finanzwelt das Handeln zu diktieren und die Investitionen zu steuern. Um Geld zu raffen und Reichtümer anzuhäufen.

Eine Beklemmung packte mich, mit der ich nicht umzugehen wusste. Ich hatte das Gefühl, auf einem harten Brett zu liegen, mein Zimmer ein enges Loch. Am liebsten hätte ich zum Telefon gegriffen und den Polizisten angerufen, aber es war zwei Uhr morgens, und ich fürchtete, er würde mich für verrückt erklären. Also setzte ich mich an den Schreibtisch und tippte eine E-Mail. Ich würde darüber schreiben, aber ich bräuchte tiefere Einblicke, ich müsste mir den Mitschnitt selbst anhören. Die Rede drehte sich darum, wie man in dieser Welt leben soll: Anweisungen nicht nur für einen Mafioso, sondern für jeden, der in dieser Welt etwas zu sagen haben will. Worte von einer Klarheit, die man nur wählt, wenn man andere instruieren will. In der Öffentlichkeit wird stets beteuert, Soldaten wollen den Frieden und hassen den Krieg, aber hinter verschlossenen Türen lehrt man sie zu schießen. Die Rede des Bosses zielte darauf ab, den lateinamerikanischen Organisationen die Gepflogenheiten der italienischen Organisationen zu übermitteln. Der Chicano hatte nichts erfunden.

Dann bekam ich eine SMS. Der Informant war mit dem Auto gegen einen Baum gerast. Es sei kein Racheakt gewesen. Ein großer italienischer Schlitten, mit dem er nicht zurechtkam. Ein Baum. Und Ende.

2  Big Bang

Don Arturo ist ein betagter Herr mit einem ausgezeichneten Gedächtnis. Und er teilt seine Erinnerungen mit jedem, der bereit ist, ihm zuzuhören. Eines Tages, so erzählt Arturo, erschien ein General auf einem Pferd, das allen sehr groß vorkam, in Wirklichkeit aber schlicht gesund war in einem Landstrich der mageren Pferde mit arthritischen Läufen. Er stieg ab und ließ alle gomeros, die Opiumbauern, zusammenrufen. Der Befehl war kategorisch: Die sofortige Inbrandsetzung der Schlafmohnfelder. So tritt der Staat auf, mit kategorischen Befehlen. Fügten sie sich nicht, würde man sie ins Gefängnis werfen. Für zehn Jahre. Die gomeros zogen das Gefängnis vor. Zum Getreideanbau zurückzukehren war schlimmer als jede Haftstrafe. Doch in diesen zehn Jahren würden ihre Kinder keinen Schlafmohn anbauen können, ihre Felder würden beschlagnahmt werden oder bestenfalls verdorren. Die gomeros senkten nur stumm den Blick. Ihr Land und die Mohnpflanzen, alles würde in Flammen aufgehen. Die Soldaten kamen und gossen Dieselöl auf die Felder und die Mohnblumen, auf die Saumpfade und die Wege zwischen den Latifundien. Arturo erzählte, wie sich die roten Mohnfelder von der zähen Flüssigkeit schwarz färbten. Eimerweise Dieselöl, das die Luft mit einem widerlichen Geruch erfüllte. Damals machte man alles noch von Hand, die großen Pumpen gab es noch nicht. Eimer voll stinkendem Dieselöl. Aber nicht deshalb erinnert sich Arturo noch so genau. Er erinnert sich, weil er damals gelernt hat, was Mut bedeutet und dass Feigheit dem Menschen eigen ist. Die Felder fingen an zu brennen. Es war kein loderndes Feuer, vielmehr wurde ein Streifen Land nach dem anderen von den Flammen verschlungen. Blüten, Stängel und Wurzeln fingen an zu brennen. Die Bauern standen da und schauten zu, ebenso die Gendarmen und der Bürgermeister, die Frauen und die Kinder. Ein schmerzliches Schauspiel. Doch auf einmal kamen zwischen den brennenden Sträuchern brüllende Feuerbälle hervor. Sie sahen aus wie lebendige Flammen, die hüpften und röchelten. Aber es waren keine Flammen, die plötzlich lebendig geworden waren. Es waren Tiere, die sich zwischen den Mohnpflanzen in ihren Höhlen versteckt gehalten und das Klappern der Eimer und den fremdartigen Dieselgestank nicht zu deuten gewusst hatten. Kaninchen, streunende Hunde und sogar ein kleiner Maulesel. Sie waren von den Flammen erfasst worden, und es war nichts mehr zu machen. Einen von Diesel auf der Haut entfachten Brand kann kein Wasser löschen, und ringsum brannten lichterloh die Felder. Die Tiere brüllten und verendeten vor aller Augen, aber das war nicht das einzige Drama. Auch einige gomeros waren ins Feuer geraten. Während die einen die Felder mit Diesel übergossen, hatten andere cerveza getrunken und waren dann zwischen den Pflanzen eingeschlafen. Sie brüllten nicht so laut wie die Tiere, und sie torkelten, als nährte der Alkohol in ihrem Blut die Flammen zusätzlich. Niemand eilte ihnen zu Hilfe, niemand brachte eine Decke. Die Flammen loderten bereits zu hoch.

In diesem Augenblick begann Don Arturo etwas zu begreifen. Er erzählt von einer mageren Hündin, die auf das Feuer zurannte. Sie stürzte sich mitten hinein in dieses Inferno und kam nacheinander mit zwei, drei, sechs Welpen wieder heraus, die sie in Erde wälzte, um die Flammen zu ersticken. Das Fell der Welpen war versengt, und sie spuckten Rauch und Asche. Sie hatten Verbrennungen erlitten, waren aber am Leben. Auf ihren kleinen Pfoten tappten sie hinter ihrer Mutter her, die jeden einzelnen Zuschauer in den Blick zu nehmen schien. Die Hündin betrachtete die gomeros, die Soldaten und alle anderen, die untätig und verzweifelt dastanden. Ein Tier wittert Feigheit. Und Angst respektiert es. Angst ist ein Überlebensinstinkt, der größten Respekt verdient. Angst überkommt einen, zur Feigheit entschließt man sich. Die Hündin hatte Angst, trotzdem stürzte sie sich in die Flammen, um ihre Jungen zu retten. Doch kein Mensch rettete einen anderen Menschen. Man hatte alle verbrennen lassen. Das erzählte Don Arturo. Man muss kein bestimmtes Alter haben, um das zu begreifen. Er mit seinen acht Jahren begriff das sofort, und bis zum heutigen Tag, als Neunzigjähriger, hat er diese Wahrheit nicht vergessen: Tiere besitzen Mut, und sie wissen, was es heißt, das Leben zu verteidigen. Die Menschen prahlen mit ihrem Mut, aber sie tun nichts anderes, als zu gehorchen, zu kuschen und sich durchzumogeln.

Zwanzig Jahre lang bedeckte Asche die Felder, dann kam wieder ein General. Auf den Latifundien aller Länder dieser Erde gibt es immer jemanden, der sich im Namen eines Mächtigen in Uniform und Stiefeln auf einem Pferd präsentiert. Oder in einem Geländewagen, das hängt von der jeweiligen Epoche ab. Der General befahl den Bauern, wieder gomeros zu werden. Schluss mit dem Getreideanbau. Zurück zum Schlafmohn. Zurück zum Opium. Die Vereinigten Staaten rüsteten zum Krieg, und dringender als Kanonen, Gewehrkugeln und Panzer, dringender als Flugzeuge und Flugzeugträger, dringender als Uniformen und Stiefel brauchten sie Morphin. Ohne Morphin kann man keinen Krieg führen. Wer schon einmal krank war, schwer krank, weiß, was Morphin bedeutet: die Erlösung von den Schmerzen. Ohne Morphin kann man keinen Krieg führen, denn Krieg bedeutet zerschmetterte Knochen, zerfetzte Körper und Schmerzen. Die Entrüstung über die Gewalt kommt später. Für die Entrüstung gibt es Traktate und Kundgebungen, Kerzen und Mahnwachen. Für die körperlichen Schmerzen gibt es nur eins: Morphin. Vielleicht leben einige meiner Leser in dem Teil der Welt, in dem noch Ruhe und Frieden herrscht. Sie kennen die Schreie in den Krankenhäusern, die Schmerzensschreie von Gebärenden und Kranken, von schreienden Kindern und Erwachsenen mit ausgekugelten Gelenken. Aber sie haben vermutlich noch nie die Schreie eines Menschen gehört, der von einer Gewehrkugel getroffen wurde. Dessen Knochen von Maschinengewehrfeuer zerschmettert wurden oder von den Splittern einer Explosion, die ihm den Arm oder das halbe Gesicht zerfetzt hat. Das sind Schreie, die man nicht mehr vergisst. Mit solchen Schreien wachen Kriegsveteranen und Reporter, Ärzte und Berufssoldaten jeden Morgen auf. Wer die Schreie eines sterbenden oder verwundeten Frontsoldaten gehört hat, dem helfen keine kostspieligen Psychotherapien und keine Streicheleinheiten. Nichts ist antimilitaristischer als der Schrei eines Kriegsversehrten. Nur Morphin setzt diesen Schreien ein Ende und wiegt die Soldaten im Glauben, sie könnten mit heiler Haut davonkommen und die Schlacht gewinnen.

Die USA brauchten also Morphin für den Krieg und forderten daher Mexiko auf, die Opiumproduktion zu erhöhen. Sie verlegten sogar Schienen, um den Transport zu erleichtern. Wie viel Opium benötigten sie? Viel. So viel wie möglich. Arturo war inzwischen erwachsen geworden. Er war fast dreißig und hatte schon vier Kinder, aber er würde die Felder, die er bebaute, nicht anzünden wie sein Vater. Auch wenn er wusste, dass ihm früher oder später der Befehl dazu erteilt werden würde. Als der General schon aufgebrochen war, eilte Arturo ihm auf Feldwegen nach. Er hielt den Tross an und schlug einen Handel vor. Der größte Teil seines Opiums solle an den Staat gehen, der es den US-amerikanischen Streitkräften verkaufte, der Rest als Schmuggelware an die Yankees, die Opium und Morphin zum Vergnügen konsumierten. Der General war einverstanden, für eine ansehnliche Provision und unter einer Bedingung: »Du bringst das Opium selbst über die Grenze.«

Der alte Arturo ist wie eine Sphinx. Keiner seiner Söhne gehört zu den Narcos, den Drogenhändlern. Keiner seiner Enkel und keine seiner Schwiegertöchter. Aber die Narcos respektieren ihn, weil er der älteste Opiumschmuggler dieser Gegend ist. Vom gomero wurde Arturo zum Mittelsmann. Er baute nicht nur Schlafmohn an, er vermittelte auch zwischen Produzenten und Händlern. Das blieb so bis in die achtziger Jahre, und es war nur der Anfang, weil in diesen Jahren ein Großteil des Heroinhandels mit Amerika in den Händen der Mexikaner lag. Arturo wurde mächtig und wohlhabend. Doch dann ereignete sich etwas, das seiner Tätigkeit als Vermittler von Opium ein Ende setzte: die Geschichte mit Kiki. Nach der Geschichte mit Kiki beschloss Arturo, wieder Getreide anzubauen und sich vom Opium und den Männern des Heroins und Morphins loszusagen. Kikis Geschichte liegt lange zurück, aber Arturo hat sie bis heute nicht vergessen. Und als seine Söhne sagten, sie würden gern mit Kokain handeln wie er selbst einst mit Opium, wusste Arturo, dass der Augenblick gekommen war, Kikis Geschichte zu erzählen, eine Geschichte, die jeder kennen sollte. Er führte seine Söhne aus der Stadt hinaus und zeigte ihnen eine Grube voller Blumen, die meisten vertrocknet. Eine tiefe Grube. Und er begann zu erzählen. Ich hatte von dieser Geschichte zwar gelesen, aber ich hatte nicht verstanden, wie wichtig sie war, bis ich Sinaloa kennenlernte, eine Landzunge, ein Paradies, in dem man mit den schlimmsten Höllenqualen bestraft werden kann.

Kikis Geschichte ist eng verknüpft mit Miguel Ángel Félix Gallardo, bekannt als »El Padrino«, der Pate. Félix Gallardo arbeitete bei der mexikanischen Gerichtspolizei. Er hatte jahrelang Schmuggler verhaftet, er hatte sie verfolgt, ihre Methoden studiert und ihre Routen aufgedeckt. Er wusste alles über sie. Er war ihr Jäger. Eines Tages unterbreitete er den Drogenbossen den Vorschlag, sich zu organisieren, unter einer Bedingung: Sie müssten ihn als Boss akzeptieren. Wer einverstanden war, gehörte zur Organisation, wer lieber auf eigene Faust weitermachte, konnte seiner Wege gehen. Und wurde anschließend getötet. Auch Arturo war einverstanden, sich in die Abhängigkeit zu begeben. Félix Gallardo legte die Uniform ab und übernahm den Transport von Marihuana und Opium. So lernte er alle Schmuggelrouten in die Vereinigten Staaten kennen, Meter für Meter. Wo es einen Hang hochging, und wo man den Pferden und Lkws freien Lauf lassen konnte.

Damals gab es in Mexiko noch keine Kartelle. Sie entstanden erst mit Félix Gallardo. Heute nennt sie jeder so, sogar Kinder, die nicht wirklich wissen, was mit diesem Wort gemeint ist. Doch es ist genau die richtige Bezeichnung für jene Gruppen, die den Kokainhandel beherrschen und das Kapital, die Preise und den Vertrieb bestimmen. Kartelle. In der Wirtschaftssprache bezeichnet ein Kartell Produzenten, die über Preise, Produktionsmengen und Vertriebsmodelle Absprachen treffen. Was für die legale Wirtschaft gilt, gilt auch für die illegale. Die Preise zwischen den Kartellen in Mexiko wurden von wenigen Personen festgelegt. El Padrino war der mexikanische Kokainkönig. Unter ihm standen Rafael Caro Quintero und Ernesto Fonseca Carrillo, genannt »Don Neto«. In Kolumbien trugen die rivalisierenden Kartelle von Cali und Medellín einen offenen Kampf um die Kontrolle des Kokainhandels und der Transportrouten aus. Ein Massaker. Aber Pablito Escobar, der Herr von Medellín, hatte auch außerhalb Kolumbiens ein Problem: Die US-amerikanische Polizei, die er nicht bestechen konnte, beschlagnahmte zu viele seiner Ladungen. An der Küste Floridas und in der Karibik verlor er kiloweise Kokain. Die Flughäfen bildeten wegen der hohen Geldforderungen eine Barriere. Daher beschloss Escobar, Félix Gallardo um Hilfe zu bitten. Escobar »El Mágico« und Félix Gallardo El Padrino verstanden sich auf Anhieb. Und sie kamen überein, dass die Mexikaner den Kokaintransport in die USA übernehmen würden. Félix Gallardo kannte die Grenzen, und die Kanäle standen ihm offen. Er kannte die Marihuana-Routen. Es waren dieselben wie einst für das Opium. Und er vertraute Escobar. Er wusste, dass der kolumbianische Boss ihm keine Konkurrenz machen würde, weil er nicht stark genug war, um in Mexiko einen eigenen Mann zu etablieren. Félix Gallardo hatte Escobar kein Exklusivrecht zugesichert. Er würde Medellín vorrangig behandeln, behielt sich jedoch vor, auch für das Cali-Kartell und andere, kleinere Kartelle den Kokaintransport zu übernehmen, falls sie ihn darum bäten. Er würde von allen profitieren, ohne sich jemanden zum Feind zu machen: eine schwierige Lebenspraxis, doch in dieser Phase, da viele seine Hilfe benötigten, konnte er aus allen Geld herauspressen. Immer mehr Geld.

Gewöhnlich bezahlten die Kolumbianer jede Fracht in bar. Medellín zahlte, und die Mexikaner übernahmen den Transport in die USA, zunächst gegen Pesos, dann gegen Dollars. Doch dann befürchtete El Padrino eine Abwertung des Geldes und befand, dass der unmittelbare Handel mit Kokain lohnender wäre. Es direkt auf dem nordamerikanischen Markt zu verkaufen würde sich erst richtig auszahlen. Als das kolumbianische Kartell immer mehr Transporte in Auftrag gab, verlangte El Padrino, mit Kokain bezahlt zu werden. Escobar war einverstanden, das Geschäft erschien ihm sogar lukrativer. Allerdings hätte er ohnehin nicht nein sagen können. Wenn die Ladung leicht zu transportieren war und in Lkws oder Zügen versteckt werden konnte, gehörten fünfunddreißig Prozent des Kokains den Mexikanern. War der Transport komplizierter, weil er durch Tunnel unter der Grenze führte, gingen fünfzig Prozent der Ladung an die Mexikaner. Die unwegsamen Routen und die 3000 Kilometer lange Grenze, die Mexiko mit den Vereinigten Staaten verbindet, wurden zu El Padrinos wertvollster Ressource. Die Mexikaner waren jetzt nicht mehr nur Transporteure, sondern mischten auch im Vertrieb mit. Sie brachten das Kokain zu den Bossen, den Zonenchefs, den Dealern, den US-amerikanischen Organisationen. Nicht mehr nur die Kolumbianer, auch die Mexikaner konnten jetzt ihren Platz am Verhandlungstisch beanspruchen. Und dann noch mehr. Unendlich viel mehr. So ist es auch bei den großen Unternehmen: Der Vertrieb entwickelt sich häufig zum größten Konkurrenten des Herstellers, und die Zulieferer haben einen größeren Gewinnanteil als der eigentliche Produzent.

Doch El Padrino ist geschickt und weiß, wie wichtig es ist, unauffällig zu agieren, insbesondere in jenen Jahren, da aller Augen auf Escobar El Mágico und auf Kolumbien gerichtet sind. Er ist also vorsichtig und versucht, ein ganz normales Leben zu führen. Als Boss, nicht als Alleinherrscher. Er plant jeden einzelnen Transport akribisch genau und weiß, dass jede Behörde geschmiert und jeder Kontrollpunkt bezahlt werden muss. Jeder zuständige Beamte in jeder Zone. Jeder Bürgermeister jedes Dorfes, das durchfahren wird. El Padrino weiß, dass er bezahlen muss. Immer bezahlen muss, damit sein Erfolg von allen als Erfolg empfunden wird. Vor allem aber, dass er zahlen muss, bevor jemand reden, verraten, mehr anbieten und sich an eine rivalisierende Gruppe oder an die Polizei verkaufen kann. Die Polizei ist entscheidend. Schließlich war er selbst einmal Polizist gewesen. Also suchten sie jemand, der den reibungslosen Transport garantierte: Kiki. Kiki war ein Bulle, der die Drogen vom mexikanischen Bundesstaat Guerrero in den Bundesstaat Baja California passieren ließ, so dass der Übergang in die USA glatt verlaufen konnte. El Padrinos Partner Caro Quintero empfand Kiki gegenüber eine regelrechte Verehrung und lud ihn zu sich nach Hause ein. Er erklärte ihm, wie ein Boss leben, welchen Lebensstil er pflegen und wie er sich seinen Männern präsentieren sollte: reich und vermögend, aber ohne zu protzen. Er müsse den Eindruck vermitteln, wenn es ihm gutgeht, werde es auch seinen Männern gutgehen und den Leuten, die ihm zuarbeiten. Im Umkehrschluss sollen alle sich wünschen, dass sein Umsatzvolumen wächst und seine Geschäfte florieren. Hat dagegen jemand das Gefühl, der Boss hat alles und kann alles haben, dann werden sie ihm etwas wegnehmen wollen, weil sie denken, es sei zu viel des Guten. Ein subtiles Gleichgewicht. Das Geheimnis des Erfolgs besteht darin, diese Linie niemals zu überschreiten, den Verlockungen eines Luxuslebens niemals nachzugeben.

Kiki ließ die Drogen spielend leicht passieren, und El Padrinos Clan zahlte gern. Es schien, als könne er jedermann bestechen, als stünden ihm die gesamten Vereinigten Staaten offen. Mit der Zeit gewann Kiki das uneingeschränkte Vertrauen des Clans, und sie teilten ihm ein streng gehütetes Geheimnis mit. Dieses Geheimnis war El Búfalo. Nachdem der x-te Sattelschlepper mit kolumbianischem Kokain und mexikanischem Marihuana die Grenze zu den USA passiert hatte, brachten sie Kiki nach Chihuahua. Kiki hatte den Begriff El Búfalo schon tausendmal gehört, ohne zu wissen, für was er stand. War es ein Codewort, eine spezielle Operation, ein Beiname? Doch El Búfalo war nicht der Boss der Bosse, er war kein heiliges und verehrungswürdiges Tier, auch wenn bei der Nennung dieses Namens oft eine fast sakrale Ehrfurcht und Ergriffenheit mitschwang. Nichts von alledem oder vielmehr all das zusammen. El Búfalo war eine der größten Marihuanaplantagen der Welt. Mehr als fünfhundert Hektar Land, das von rund zehntausend Bauern bearbeitet wurde. Keine Protestbewegung zwischen New York und Athen, zwischen Rom und Los Angeles kam ohne Marihuana aus. Eine Party ohne Haschischzigaretten? Eine Demonstration ohne Joints? Unvorstellbar. Gras war das Synonym für eine milde Dröhnung, für ein angenehmes Gemeinschaftsgefühl, für gesteigertes Wohlbefinden und ein Gefühl des Einsseins mit der Welt. Ein Großteil des Haschisch, das die Amerikaner rauchten, das an den Universitäten von Rom und Paris, bei Kundgebungen in Schweden, bei Protestmärschen in Deutschland und auf Partys konsumiert wurde, stammte aus El Búfalo, von wo aus die Mafiaorganisationen es in die halbe Welt transportierten. Kiki sollte noch mehr Lkws passieren lassen, noch mehr Sattelschlepper, beladen mit dem Gold, das in El Búfalo produziert wurde. Und Kiki sagte zu.

Am Morgen des 6. November 1984 wurde El Búfalo von vierhundertfünfzig mexikanischen Soldaten gestürmt. Sie kamen per Hubschrauber, rissen die Hanfpflanzen heraus und beschlagnahmten bereits geerntetes Marihuana: ganze Ballen, die getrocknet und zerkleinert werden sollten. Mit den mehreren tausend Tonnen Marihuana gingen in El Búfalo acht Milliarden Dollar in Flammen auf. El Búfalo und alle seine Anbauflächen wurden vom Clan des Bosses Rafael Caro Quintero kontrolliert. Die Plantage stand unter dem Schutz von Polizei und Armee und bildete die wichtigste wirtschaftliche Einnahmequelle der Region. Alle verdienten daran. Caro Quintero konnte es nicht fassen, dass ihm bei all dem Geld, das er investiert hatte, um die Maschinerie zu ölen und Polizei und Armee zu bestechen, eine derartige Militäroperation entgangen war. Sogar die Militärflugzeuge kontaktierten ihn für gewöhnlich und erbaten seine Erlaubnis, bevor sie dieses Gebiet überflogen. Niemand konnte begreifen, was passiert war. Die Mexikaner mussten von den Amerikanern unter Druck gesetzt worden sein. Die amerikanische Drogenpolizei musste ihre Finger im Spiel gehabt haben.

Caro Quintero und El Padrino waren besorgt. Zwischen ihnen herrschte ein enges Vertrauensverhältnis, sie waren die Mitbegründer der Organisation, die in Mexiko das Drogenhandelsmonopol innehatte. Jetzt wurden sie von sämtlichen Mitgliedern ihrer Organisation bedrängt. Von allen Verantwortungsebenen kam die Forderung, jeden zu überprüfen, der auf ihrer Gehaltsliste stand. Und jeder sollte dazu beitragen. Sie hätten im Voraus informiert sein müssen. Normalerweise wurden sie gewarnt, wenn eine Beschlagnahmung bevorstand, und dann sorgten sie selbst dafür, dass eine bestimmte Menge Drogen gefunden wurde: eine größere Menge, wenn der Polizist, der die Beschlagnahmung durchführte, die Medien an seiner Seite hatte und Karriere machen wollte; etwas weniger, wenn es keiner ihrer eigenen Leute war. Kiki sprach mit allen. Er sprach mit Don Neto, er sprach mit den politischen Referenten des Padrino, er eilte zurück nach Guadalajara, wo sich die Bosse versammelten. Er wollte die Stimmung ausloten und erkunden, welche weiteren Schritte die Kartellführung plante. Eines Tages verabredete er sich mit seiner Frau Mika zum Mittagessen. Das geschah nicht oft, nur wenn Kiki unbesorgt war und nicht allzu viel um die Ohren hatte. Sie wollten sich in einem Lokal ein Stück weit von seinem Büro treffen, in einem der schönsten Viertel von Guadalajara.

Kiki legte sein Dienstabzeichen und seine Pistole in die Schublade und verließ sein Büro. Als er sich seinem Pick-up näherte, kamen fünf Männer auf ihn zu, drei von vorne, zwei vonseiten des Hecks, und richteten ihre Pistolen auf ihn. Kiki hob die Hände und sah ihnen ins Gesicht. Er wird wohl versucht haben zu prüfen, ob es sicarios waren, Auftragskiller, die er kannte, oder ein Boss, dem er in der Vergangenheit Unrecht getan oder einen Gefallen erwiesen hatte. Wahrscheinlich wurde er mit den Händen im Nacken in einen beigen VW Atlantic verfrachtet. Seine Frau wartete, und als er nicht kam, rief sie in seinem Büro an.

Kiki wurde in die Calle Lope de Vega gebracht. Er kannte das Haus, ein zweistöckiges Gebäude mit Veranda und Tennisplatz, eines der Anwesen von El Padrinos Leuten. Sie hatten ihn enttarnt. Denn Kiki war keiner der zahllosen mexikanischen Polizisten im Dienst der Narcos, er war kein korrupter Bulle, der für El Padrino alles möglich machte. Kiki arbeitete für die DEA, die amerikanische Drug Enforcement Administration.

Sein richtiger Name war Enrique Camarena Salazar, amerikanischer Staatsbürger mexikanischer Herkunft, der 1974 in die US-Drogenpolizei eingetreten war. Zunächst arbeitete er in Kalifornien, dann wurde er nach Guadalajara geschickt. Vier Jahre lang entschlüsselte Kiki Camarena das Netz der großen Kokain- und Marihuanaschmuggler Mexikos. Bald spielte er mit dem Gedanken, sie zu infiltrieren, denn die Polizeioperationen führten zwar zur Verhaftung von campesinos, Dealern, Fahrern und Auftragskillern, aber das eigentliche Problem blieb ungelöst. Er wollte Schluss machen mit dem Mechanismus der massenhaften Verhaftung von Leuten, die in der Organisation nur kleine Fische waren. Zwischen 1974 und 1976, als die mexikanische Regierung und die DEA eine gemeinsame Task Force bildeten, um der Opiumproduktion in den Sinaloa-Bergen ein Ende zu setzen, gab es viertausend Festnahmen, aber alles nur Bauern und Fahrer. Solange die Bosse des Drogenschmuggels, die Drahtzieher im Hintergrund, auf freiem Fuß waren, würde die Organisation weiterbestehen und sich ständig erneuern. Kiki begann, tiefer in den Drogenhandel des Goldenen Dreiecks zwischen den Bundesstaaten Sinaloa, Durango und Chihuahua einzudringen, wo große Mengen Marihuana und Opium produziert wurden. Kikis Mutter machte sich Sorgen, sie war nicht einverstanden mit dem, was er tat, und wollte nicht, dass sich ihr Sohn den Baronen des internationalen Drogenhandels ganz allein entgegenstellte. Doch Kiki gab ihr zur Antwort: »Auch als Einzelner kann ich etwas ausrichten.« Das war seine Philosophie. Und er hatte recht. Kiki wurde verraten. Nur sehr wenige waren über die Operation informiert gewesen, und einer von ihnen hatte geredet. Die Entführer brachten ihn in einen Raum und folterten ihn. Sie wollten ein Exempel statuieren. Niemand sollte jemals vergessen, wie Kiki Camarena, der Verräter, bestraft wurde. Sie schalteten ein Aufnahmegerät ein und zeichneten alles auf, denn sie mussten El Padrino demonstrieren, dass sie nichts unversucht gelassen hatten, um Kiki zum Reden zu bringen. Sie wollten wissen, wie viel Kiki bereits verraten hatte und wer aus seinem Team noch in die Organisation eingeschleust worden war. Sie schlugen ihn ins Gesicht und gaben ihm Fausthiebe auf den Kehlkopf, so dass er keine Luft mehr bekam. Sie brachen ihm die Nase und schlugen ihn, dass seine Augenbrauen aufplatzten, während er mit verbundenen Augen gefesselt dasaß. Als Kiki ohnmächtig wurde, holten seine Folterer einen Arzt. Mit eiskaltem Wasser brachten sie ihn wieder zu Bewusstsein und wuschen ihm das Blut ab. Kiki weinte vor Schmerzen. Er sagte nichts. Sie fragten ihn, wie die DEA an die Informationen herangekommen sei, wer sie übermittelt hatte. Sie wollten Namen. Aber es gab keine Namen. Sie glaubten ihm nicht. Sie befestigten elektrische Kabel an seinen Hoden und verabreichten ihm Stromstöße. Auf dem Tonband sind Schreie und dumpfe Schläge zu hören. Es klingt, als würde sein Körper von den Stromstößen angehoben. Während Kiki mit Händen und Füßen an einen Stuhl gefesselt dasaß, setzte einer der Folterer einen Schraubenzieher an seinem Schädel an und begann, ihn hineinzudrehen. Das Werkzeug bohrte sich in seinen Kopf und sprengte Fleisch und Knochen. Die Schmerzen waren höllisch. Kiki sagte immer wieder: »Lasst meine Familie in Ruhe. Bitte, tut meiner Familie nichts.« Bei jeder Ohrfeige, die sie ihm gaben, bei jedem Zahn, der herausbrach, bei jedem Stromschlag, den sie ihm verabreichten, wurde der Schmerz noch schlimmer, wenn er sich vorstellte, Mika, Enrique, Daniel und Erik könnten dieselben Qualen erleiden. Seine Frau und die drei Söhne. Auf den Tonbandaufnahmen ist das der Satz, den er am häufigsten wiederholt. Ganz gleich, was für eine Beziehung du zu deiner Familie hast: zu wissen, dass sie für etwas bezahlen muss, wofür du allein verantwortlich bist, macht den Schmerz unerträglich. Unerträglich ist die Vorstellung, dass ein anderer durch deine Schuld, aufgrund von Entscheidungen, die du getroffen hast, Qualen erleiden muss.

Wenn der Körper vom Schmerz überwältigt wird, kommt es zu unerwarteten, unausdenklichen Reaktionen. Das Opfer lügt nicht in der Hoffnung, dass der Schmerz dadurch aufhört, fürchtet es doch, dass seine Lügen entlarvt werden und der Schmerz zurückkehrt, womöglich noch qualvoller. Der Schmerz bringt das Opfer vielmehr dazu, genau das zu sagen, was der Folterer hören will. Das Qualvollste jedoch ist der völlige Orientierungsverlust. Du liegst am Boden in deinem Blut, deiner Pisse, deinem Schleim, mit gebrochenen Knochen. Dennoch hast du keine Wahl, du setzt weiterhin auf ihre Einsicht, auf ihren Verstand, auf ihr nicht vorhandenes Mitgefühl. Vor Schmerzen kannst du nicht mehr klar denken, du hast panische Angst. Du flehst um Erbarmen, vor allem für deine Familie. Wie kannst du glauben, dass jemand, der fähig ist, dir die Hoden zu verbrennen und dir einen Schraubenzieher in den Schädel zu bohren, dein Flehen erhört und deine Familie schont? Kiki flehte seine Peiniger an, etwas anderes kam ihm gar nicht in den Sinn. Man muss wohl annehmen, dass gerade sein Flehen ihren Rachedurst und ihre Grausamkeit noch weiter angestachelt hat.

Sie brachen ihm die Rippen. »Könnt ihr mich nicht verbinden? Bitte«, hört man irgendwann auf dem Tonband. Sie hatten ihm die Lungen durchbohrt, und es war, als würden gläserne Klingen in sein Fleisch dringen. Einer von ihnen brachte Kohle zum Glühen, als wollten sie Steaks grillen. Sie bohrten ihm einen glühend heißen Stock ins Rektum. Sie schändeten ihn mit einem glühenden Stock. Die Schreie auf dem Band sind unerträglich, niemand konnte es ertragen, das Gerät weiterlaufen zu lassen. Wenn die Rede auf Kikis Geschichte kommt, erzählt immer jemand, dass die Richter, die sich die Aufnahmen anhören mussten, wochenlang nicht schlafen konnten. Die Polizisten, die die neunstündige Tonbandaufnahme transkribierten, mussten sich übergeben. Einige notierten unter Tränen, was sie hörten, andere hielten sich die Ohren zu und schrien: »Es reicht!« Kiki wurde gemartert, während sie ihn fragten, wie er alles organisiert hatte. Sie wollten Namen, Adressen und Kontonummern. Aber er war der Einzige, der sich bei ihnen eingeschmuggelt hatte. Mit Zustimmung einiger seiner Vorgesetzten und der Unterstützung einer kleinen Polizeieinheit in Mexiko hatte er alles ganz allein organisiert. Die Stärke seiner verdeckten Operation lag ja gerade darin, dass er allein war. Doch die mexikanischen Polizisten, die wenigen, die Bescheid wussten, bewährte und in jahrelanger Erfahrung erprobte Männer, hatten sich verkauft. Sie hatten das Vorhaben an Caro Quintero weitergegeben.

Der Verdacht, dass die mexikanische Polizei in den Verrat verwickelt war, kam sofort auf. Zeugenaussagen bestätigten, dass korrupte Polizisten im Sold des Guadalajara-Kartells an Kikis Entführung beteiligt waren. Doch Los Pinos, der Sitz des mexikanischen Staatspräsidenten, reagierte nicht, es wurden keine Ermittlungen aufgenommen und keine Erklärungen abgegeben. Alle Bemühungen zur Aufklärung wurden von der Regierung gestoppt, die die Sache herunterspielte und meinte: »Ihr habt jemanden aus den Augen verloren, mehr nicht. Vielleicht ist er in Guadalajara und genießt die Sonne. Die Angelegenheit hat keine Priorität.« Die Möglichkeit einer Entführung wurde nicht eingeräumt. Auch Washington empfahl der DEA, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Die politischen Beziehungen zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten seien viel zu wichtig, als dass sie durch das spurlose Verschwinden eines Polizisten aufs Spiel gesetzt werden durften. Aber die DEA konnte eine solche Niederlage nicht hinnehmen und schickte fünfundzwanzig ihrer Leute nach Guadalajara, um Untersuchungen einzuleiten. Es begann eine Art Menschenjagd mit dem Ziel, Kiki Camarena zu finden. El Padrino merkte, dass die Luft für ihn dünn wurde. Sich an Kiki zu vergreifen war offenbar ein falscher Schritt gewesen. Aber wer eine ganze politische Klasse zum Verbündeten hat und sich einbildet, er habe alles im Griff, überschätzt leicht seine Macht. Seine Macht und die Macht des Geldes. An Kiki wollte man ein Exempel statuieren. Man hatte größtes Vertrauen in ihn gesetzt, und deshalb musste seine Bestrafung unvergesslich sein. Eingebrannt für alle Zeiten.

Einen Monat nach Kikis Entführung wurde seine Leiche in der Nähe des Dorfes La Angostura im Bundesstaat Michoacán gefunden, hundert Kilometer südlich von Guadalajara. Sein lebloser Körper lag am Rand einer Landstraße. Er war noch gefesselt und geknebelt, seine Augen verbunden. Eine geschundene Leiche. Die mexikanische Regierung log, als sie erklärte, die Leiche sei von einem Bauern des Dorfes gefunden worden, eingewickelt in einen Plastiksack. FBI-Untersuchungen von Erdresten auf der Haut ergaben, dass die Leiche an einem anderen Ort verscharrt und erst später zur Fundstelle gebracht worden war. Zu dieser Grube, wo Kikis Leiche ursprünglich verscharrt gewesen war, führte Don Arturo, der alte Opiumschmuggler, seine Söhne und legte Blumen nieder. Und als seine Enkel und die Kinder seiner Enkel ihn um Erlaubnis baten, in die Drogenkartelle einzutreten, für die Narcos zu arbeiten, den Narcos Land zu geben, schwieg Arturo. Er, der einstmals geachtete Opiumschmuggler, hatte all dies aufgegeben, doch seine Nachkommen, inzwischen weit verzweigt, verstanden nicht, warum. Sie verstanden ihn nicht, bis der Alte sie zu diesem Erdloch führte. Und dann erzählte er von Kiki und von dieser Hündin, die er als Kind gesehen hatte. Er erzählte die Geschichte und machte damit sein Verbot plausibel. Es war die Art und Weise, wie die Hündin sich ins Feuer gestürzt hatte, um die Welpen herauszuholen. Don Arturo wusste, dass er den Mut dieser Hündin haben musste.

Die Geschichte von Kiki Camarena sollte eigentlich nicht mehr wehtun, ja vielleicht brauchte sie gar nicht mehr erzählt zu werden, denn sie ist längst bekannt. Eine erschütternde Geschichte. Eine Geschichte, die man für marginal halten könnte, weil sie sich in einem unbekannten und belanglosen Winkel der Erde zugetragen hat. Aber sie ist zentral. Fast möchte ich sagen, sie ist der Ursprung der Welt, wie wir sie heute kennen. Es gilt zu verstehen, wo das Seufzen und Stöhnen des Planeten Erde, wo seine Kreisbahnen, seine Ströme, sein Blut, seine Grausamkeit und die Richtung, die er nimmt, ihren Ursprung haben. Die Welt, in der wir heute leben, die Wirtschaft, die unseren Alltag und unsere Entscheidungen bestimmt, ist in weit größerem Maße von den Beschlüssen und Taten Félix Gallardos »El Padrino« und Pablo Escobars »El Mágico« geprägt, als von denen Reagans und Gorbatschows. Dies ist zumindest meine Auffassung.

Mehrere Zeugen berichten, dass El Padrino 1989 die mächtigsten mexikanischen Narcos zu einem Treffen in einem Resort in Acapulco zusammenrief. Während die Welt den Fall der Berliner Mauer erwartete, während man die Zeit der kummervollen deutschen Teilung und des Kalten Kriegs, des Eisernen Vorhangs und der unüberwindlichen Grenzen hinter sich ließ, wurde in dieser Stadt im Südwesten Mexikos heimlich, still und leise über die Zukunft der Welt entschieden. El Padrino beschloss, die von ihm gesteuerten Aktivitäten des Drogenhandels aufzuteilen und in die Hände der Schmuggler zu legen, die noch nicht ins Visier der DEA-Fahnder geraten waren. Er teilte das Territorium in Zonen oder plazas auf und vertraute sie Männern an, die das alleinige Recht erhielten, den Drogenschmuggel in ihrem Gebiet abzuwickeln. Wer ein Terrain betrat, das außerhalb der eigenen Kontrolle lag, musste dem dort herrschenden Kartell eine bestimmte Geldsumme bezahlen. Damit sollte den Kämpfen um die Kontrolle strategisch wichtiger plazas ein Ende gesetzt werden. Félix Gallardo schuf so ein Modell, das die Symbiose der Kartelle garantierte.

Doch die Aufteilung des Territoriums brachte noch weitere Vorteile. Seit der Geschichte mit Kiki, für El Padrino noch immer eine offene Wunde, waren vier Jahre vergangen. Nie hätte er damit gerechnet, jemals auf diese Weise hintergangen zu werden. Deshalb musste er nun die gesamte Produktions- und Lieferkette stärken und verhindern, dass ein schwaches Glied dieser Kette letztlich die ganze Organisation in die Knie zwang. Die Organisation war von nun an kein monolithischer Block mehr, der von den Ordnungskräften mit einer einzigen Razzia zerschlagen werden konnte. Sie würde auch dann nicht untergehen, wenn ihr die politische Protektion entzogen wurde oder wenn der Wind sich drehte. Die eigenständige Bewirtschaftung der Zonen erhöhte auch den unternehmerischen Spielraum der einzelnen Gruppen, und die Bosse konnten ihre plazas aus der Nähe besser kontrollieren. Investitionen, Marktbeobachtung, Wettbewerb: All dies schuf mehr Möglichkeiten und ein größeres Betätigungsfeld. Mit anderen Worten, El Padrino leitete eine Revolution ein, deren Folgen bald weltweit zu spüren sein sollten: Er privatisierte den mexikanischen Drogenmarkt und öffnete ihn für die Konkurrenz.

Bei der besagten Versammlung der Bosse soll es keineswegs lautstark hergegangen sein. Keine Szenen, kein Melodrama, keine Komödie. Die Bosse kamen, parkten und nahmen an den Tischen Platz. Es gab nur wenige Leibwächter. Eine Menüfolge wie bei einem festlichen Empfang, wie bei einer Taufe. Die neue Macht der Narcos wurde aus der Taufe gehoben. El Padrino traf ein, als die anderen schon beim Essen waren. Er nahm Platz und erhob sein Glas. Eines für jeden Trinkspruch, für jedes Territorium, das er einem Boss überantwortete. Er forderte Miguel Caro Quintero auf, sich gleichfalls zu erheben, und sprach ihm die plaza Sonora zu. Beifallklatschen, dann leerten sie ihr Glas. Das zweite Glas erhob er auf die Familie Carrillo Fuentes: »Ciudad Juárez gehört euch.« Die Route Matamoros übergab er an Juan García Ábrego. Die Brüder Arellano Félix erhielten Tijuana. Das letzte Glas erhob er auf die Pazifikküste. Joaquín Guzmán Loera, »El Chapo«, und Ismael Zambada García, »El Mayo«, standen auf, noch bevor sie dazu aufgefordert wurden. Sie beanspruchten diese Territorien, hier waren sie Vizekönige gewesen, jetzt wurden sie endlich zu Herrschern ernannt. Damit war die Aufteilung abgeschlossen, die neue Welt geschaffen. Vielleicht ist diese Geschichte eine Legende, aber ich bin überzeugt, dass nur solche Legenden die Symbolkraft besitzen, um einen echten Gründungsmythos zu schaffen. Wie bei einem römischen Kaiser, der seine Söhne um sich versammelt und jedem einen Teil seines Herrschaftsgebiets als Erbe zuweist. El Padrino musste die neue Ära mit einer feierlichen Geste einleiten oder zumindest sicherstellen, dass eine solche Geschichte verbreitet wurde, die für ihn zugleich eine Art Lebensversicherung darstellte.

An diesem Tag entstanden die Kartelle des Drogenhandels, die heute, mehr als zwanzig Jahre später, immer noch existieren. Es entstanden kriminelle Organisationen, die nichts mehr mit der Vergangenheit zu tun hatten: Institutionen mit einem festen Territorium, in dem bestimmte Preise und Verkaufsbedingungen galten, bestimmte Schutzmaßnahmen und Regeln der Vermittlung zwischen Produzenten und Endverbrauchern. Die Drogenkartelle besitzen die Macht, Preise und Kompetenzen festzulegen: entweder am runden Tisch oder mit Sprengstoff und Tausenden Toten. Auf welche Weise Preis und Vertrieb des Kokains bestimmt werden, hängt von der jeweiligen Situation ab, von den beteiligten Akteuren, den Bündnissen und Loyalitäten, den Ambitionen der Bosse, den Wirtschaftsströmen.

El Padrino sollte die Oberaufsicht über die Operationen behalten. Als ehemaliger Polizist verfügte er über die entsprechenden Kontakte, und damit war weiterhin er der Mann an der Spitze. Aber ihm blieb keine Zeit mehr, seinen Plan aufgehen zu sehen. Als fast vier Jahre zuvor Kikis Leiche auftauchte, war sofort klar gewesen, dass die DEA nicht eher ruhen würde, als bis sie die Qualen gerächt hatte, die einer ihrer Kollegen – nach Ansicht vieler der Beste von allen – hatte erleiden müssen. Kikis Qualen. Die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko verschärften sich. Die mehr als 3000 Kilometer lange Grenze zwischen beiden Staaten, diese lange Zunge, die, wie die Kokainkuriere sagen, Amerika den Arsch leckt und deshalb alles hineinschmuggeln kann, was Mexiko will, wurde Tag und Nacht überwacht, so streng wie nie zuvor. Einer von Rafael Caro Quinteros Leuten hatte gesagt, Kikis Leiche sei zunächst im Park La Primavera westlich von Guadalajara verscharrt worden und hätte nie entdeckt werden sollen. Proben des Erdreichs stimmten mit denen auf Kikis Leiche überein. Kikis Kleidung war vernichtet worden, angeblich weil sie vermodert war, aber man wollte natürlich Beweise vernichten. Unter dem Namen Operation Leyenda begann die DEA mit den umfangreichsten Ermittlungen, die die USA bis dahin jemals in einem Mordfall eingeleitet hatten. Die amerikanischen Fahnder verfolgten jede Spur. Fünf Polizisten, die zugaben, an Camarenas Enttarnung beteiligt gewesen zu sein, wurden verhaftet. Sie alle nannten Rafael Caro Quintero und Ernesto »Don Neto« Fonseca Carrillo als Auftraggeber. Auch sie wurden verhaftet.

Caro Quintero versuchte zu fliehen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Mexiko, sein angestammtes Herrschaftsgebiet, ihn an die US-Drogenpolizei ausliefern würde. Er hatte immer alle gekauft, und diesmal zahlte er einem Kommandanten der mexikanischen Gerichtspolizei 60 Millionen Pesos. Er schaffte es nach Costa Rica. Aber wenn man flieht, darf man niemals glauben, man könne sein altes Leben mitnehmen. Man flieht, und fertig. In gewisser Weise stirbt man. Caro Quintero aber nahm seine Freundin Sara Cristina Cosío Vidaurri Martínez mit. Doch Sara war kein Boss. Sie schaffte es nicht, im Untergrund zu leben. Man könnte meinen, es gehöre nicht viel dazu, sich irgendwo weit weg eine neue Identität aufzubauen, und es reiche aus, Geld zu haben. Doch versteckt zu leben und sich immerfort zu verstellen ist eine Folter und erzeugt einen psychischen Druck, dem nur wenige gewachsen sind. Nach Monaten in der Fremde hielt Sara es nicht mehr aus und rief ihre Mutter in Mexiko an. Die Polizei ging davon aus, dass dies früher oder später geschehen würde, und überwachte ihr Telefon. Saras Fehler brachte die DEA auf die Spur des Bosses, seines Hauses, seines neuen Lebens. Sie kamen ihn holen. Caro Quintero und Don Neto verweigerten die Zusammenarbeit mit der Justiz und schoben die Verantwortung für den Mord an Kiki auf den Boss Félix Gallardo alias El Padrino. Sie seien nur an der Entführung beteiligt gewesen, erklärten sie. Wahrscheinlich war diese Aussage mit El Padrino abgesprochen, der in Mexiko die politische Unterstützung hoher Staatsbeamter genoss. Aber die Organisationen lehren, dass es nur eine Regel gibt: die des »Wer bietet mehr«. In den vier Jahren nach Kikis Tod hatte die US-amerikanische Polizei die Protektion, die Félix Gallardo genoss, systematisch demontiert. Um an den Padrino heranzukommen, mussten sie das ganze Netzwerk aufdröseln, das ihn schützte. In der Politik, der Justiz, der Polizei und unter den Journalisten. Viele von denen, die vom Guadalajara-Clan bezahlt worden waren, um den Padrino und seine Leute zu schützen, wurden entweder verhaftet oder aus ihrem Amt entlassen. Zu denen, die vor Gericht gestellt wurden, gehörte auch der Chef von Interpol Mexiko, Miguel Aldana Ibarra, der über Informationen zu den Ermittlungen und zum Kokainhandel verfügte. Auch er stand auf der Gehaltsliste des Padrino und gab die Informationen zuerst an die Narcos und erst dann an seine Vorgesetzten weiter. El Padrino wurde am 8. April 1989 verhaftet. Ein paar Jahre später wurde er in das Hochsicherheitsgefängnis in El Altiplano gebracht, wo er bis heute eine vierzigjährige Haftstrafe verbüßt.

El Padrino, Rafael Caro Quintero, Ernesto Fonseca Carrillo: alle hinter Gittern. Doch diese Geschichten gehen offenbar nie zu Ende, wie Caro Quintero zeigt, der am Abend des 9. August 2013 erneut die frische Luft der Freiheit atmet. Ein Bundesgericht in Guadalajara stellte in dem Prozess wegen Entführung, Folter und Mord an Kiki Camarena einen »Verfahrensfehler« fest. Das Bundesgericht, das Caro Quintero verurteilt hatte, sei dazu nicht befugt gewesen, da der DEA-Polizist nicht im diplomatischen oder konsularischen Dienst gestanden hatte. Der Prozess hätte vor einem einfachen Gericht stattfinden müssen – eine juristische Spitzfindigkeit, die ausreichte, um einen der größten mexikanischen Bosse auf freien Fuß zu setzen. Doch in den Vereinigten Staaten sind Verfahren gegen ihn wegen verschiedener Straftaten anhängig. Das US-Außenministerium hat daher eine Belohnung von fünf Millionen Dollar für Hinweise ausgesetzt, die zu seiner Ergreifung führen. Die Amerikaner wollen ihn erneut hinter Gittern sehen, diesmal hinter den eigenen.

Der Mord an Kiki Camarena und die nachfolgenden Ereignisse stellen einen Wendepunkt im Kampf gegen den mexikanischen Drogenhandel dar. Man erkannte, wie unbehelligt die Kartelle bislang agieren konnten. Einen DEA-Agenten direkt vor dem US-amerikanischen Konsulat am helllichten Tag zu entführen, zu foltern und zu töten war mehr, als sie bis dato gewagt hatten. Camarenas Instinkt hatte ihn nicht getrogen. Er hatte früher als andere erkannt, dass sich die Strukturen geändert hatten, dass es sich längst nicht mehr nur um eine Gruppe von Gangstern und Schmugglern handelte. Er hatte erkannt, dass es um einen Kampf gegen die Bosse des Drogenhandels ging, dass die Beziehungen zwischen den staatlichen Behörden und den Schmugglern zerschlagen werden mussten und dass die massenweise Verhaftung der Handlanger nichts nützte, wenn die Ströme nicht ausgetrocknet wurden, die die Märkte mit Geld versorgten und die Macht der Bosse stärkten. Kiki hatte den unaufhaltsamen Aufstieg dieses kriminellen Bürgertums studiert. Die Geldströme interessierten ihn mehr als die Killer oder die Dealer. Er hatte etwas verstanden, mit dem sich die USA bis heute schwertun: Man muss der Hydra den Kopf abschlagen und die großen Bosse treffen; die Gliedmaßen sind nur ausführende Organe. Und er hatte verstanden, dass der Vertrieb im Vergleich zu den Produzenten immer mächtiger wurde. Dieses Gesetz der Wirtschaft gilt auch für das Geschäft mit den Drogen. Für die kolumbianischen Produzenten begann eine Zeit der Krise, ebenso für das Medellín- und das Cali-Kartell und für die Guerillagruppen der FARC, der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens.

Kikis Tod lenkte die Aufmerksamkeit der US-amerikanischen Öffentlichkeit in nie dagewesener Weise auf das Problem des Drogenhandels. Nachdem man seine Leiche gefunden hatte, begannen viele Amerikaner, zunächst in Calexico, Kalifornien, Kikis Geburtsstadt, zum Gedenken an seine Schändung und die körperlichen Leiden rote Schleifen zu tragen. Im Namen des Opfers, das Camarena im Kampf gegen die Drogenmafia gebracht hatte, riefen sie dazu auf, dem Drogenkonsum zu entsagen. In Kalifornien und später überall in den Vereinigten Staaten wurde die Red Ribbon Week veranstaltet, die »Woche des roten Bandes«, die bis heute alljährlich im Oktober zur Drogenprävention ausgerufen wird. Kikis Geschichte wurde für das Fernsehen und das Kino verfilmt.

Vor seiner Verhaftung hatte El Padrino die Bosse überzeugen können, nicht mehr mit Opium zu handeln, sondern sich ganz auf Kokain zu konzentrieren, das in Südamerika produziert und in den USA konsumiert wurde. Das war jedoch keineswegs das Ende des Anbaus von Marihuana und Schlafmohn in Mexiko. Dieser Anbau geht weiter, ebenso der Handel und der Export. Allerdings haben Marihuana und Opium an Bedeutung verloren, sie wurden von Kokain und später von hielo, Ice oder Methamphetamin, zunehmend verdrängt. Die Weichenstellungen bei dem Treffen in Acapulco wenige Monate vor El Padrinos Festnahme hatten zu einem Wachstum der Organisationen geführt. Ohne die Führung und die unumstrittene Autorität des Bosses jedoch kam es zu erbitterten Territorialstreitigkeiten unter denen, die übrig geblieben waren. Der Krieg der Kartelle begann bereits Anfang der neunziger Jahre. Ein Krieg fern der medialen Öffentlichkeit, da kaum jemand an die Existenz von Drogenkartellen glaubte. Doch je blutiger der Konflikt wurde, desto mehr Ruhm und Popularität gewannen seine Protagonisten. Sie sind Haie. Haie, die die Zerrüttung Lateinamerikas in Kauf nehmen, um den Drogenmarkt zu beherrschen, der heute allein in Mexiko ein Volumen zwischen 25 und 50 Milliarden Dollar jährlich besitzt. Die Wirtschaftskrise, der von Derivaten und faulen Krediten gebeutelte Finanzsektor, die entfesselten Börsen zerstören fast überall die Demokratie, vernichten Arbeitsplätze und Hoffnungen, vernichten Kapital und zerstören Menschenleben. Die kriminelle Wirtschaft dagegen wird von der Krise nicht zerstört, sondern gestärkt. Mit diesem neuzeitlichen Big Bang, dem Ursprung schnellfließender Finanzströme, entstand die Welt, in der wir heute leben. Der Kampf der Ideologien, der Kampf der Kulturen, religiöse und kulturelle Konflikte sind nur Episoden im Weltgeschehen. Die Wunde aber, die das kriminelle Kapital schlägt, verschiebt sämtliche Koordinaten. Lässt man die kriminelle Gewalt der Kartelle außer Acht, erscheinen alle Beurteilungen und Interpretationen der Krise unplausibel. Die Macht der Kartelle gilt es genauer zu betrachten, es gilt, ihr ins Gesicht, in die Augen zu sehen. Sie hat die Grundlagen der modernen Welt gelegt und ein neues Universum geschaffen. Von hier nahm der Big Bang seinen Ausgang.

Kokain # 2

Nicht Heroin macht dich zum Zombie. Nicht der Entspannungsjoint, von dem du blutunterlaufene Augen bekommst. Die Leistungsdroge par excellence ist Kokain. Mit Kokain kannst du alles erreichen. Bevor Kokain dein Herz stillstehen lässt und dir die Birne zermatscht, bevor du keinen mehr hochkriegst und dein Magen ein eiterndes Geschwür wird, wirst du mehr arbeiten, dich mehr amüsieren und mehr ficken können als jemals zuvor. Kokain ist die erschöpfende Antwort auf das dringendste Bedürfnis unserer Zeit: die Aufhebung von Grenzen. Mit Kokain wirst du intensiver leben. Du wirst kommunikativer sein, das oberste Gebot des modernen Lebens. Je kommunikativer du bist, desto glücklicher bist du, desto besser bist du drauf, desto mehr Gefühle wirfst du in die Waagschale, desto mehr verkaufst du. Egal womit, du kommst mit allem besser an. Immer besser. Aber unser Körper funktioniert nicht nach diesem Prinzip des »immer mehr«. Irgendwann klingt die Erregung ab. Und der Körper kehrt in einen Zustand der Ruhe zurück. Und genau hier setzt das Kokain an. Es leistet Präzisionsarbeit, denn es muss sich in jede einzelne Zelle einschleusen, genau da, wo sie sich teilt, am synaptischen Spalt, und einen zentralen Mechanismus blockieren. Es ist wie beim Tennisspiel, wenn man einen unerreichbaren Longline-Ball ins gegnerische Feld spielt. In diesem Augenblick steht die Zeit still, und alles erscheint vollkommen: Innere Ruhe und Kraft befinden sich in völligem Gleichgewicht. Das Gefühl des Wohlbefindens wird durch den mikroskopisch kleinen Tropfen einer Substanz ausgelöst, den Neurotransmitter, der in den synaptischen Spalt fällt. Die Folge ist eine Erregung der Zelle, die auf die Nachbarzelle übergreift und immer weiter, bis in kürzester Zeit Millionen von Zellen an diesem Erregungsmuster beteiligt sind. Das Leben kommt in Schwung. Dann kehrst du zur Grundlinie zurück, und auch dein Gegner macht sich bereit, sich erneut mit dir zu messen. Das Gefühl von vorhin ist nur noch ein schwacher Nachhall. Der Neurotransmitter wurde resorbiert, die Impulse zwischen den Zellen sind blockiert. Hier tritt das Kokain erneut in Aktion. Es hemmt die Resorption der Neurotransmitter, und die Zellen feuern unablässig, als wäre das ganze Jahr Weihnachten: ein festliches Lichtermeer, dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr. Dopamin und Noradrenalin heißen die Neurotransmitter, nach denen das Kokain verrückt ist und von denen es nicht lassen kann. Mit Dopamin stehst du im Mittelpunkt der Party, denn plötzlich fällt dir alles viel leichter. Reden, flirten, sympathisch wirken und dich anerkannt fühlen. Noradrenalin wirkt unterschwelliger. Es intensiviert deine Wahrnehmung der Welt. Wenn ein Glas zu Boden fällt, siehst du es früher als alle anderen. Wenn ein Fenster zuschlägt, hörst du es zuerst. Wenn dich jemand ruft, drehst du dich um, noch bevor man deinen Namen ganz ausgesprochen hat. So funktioniert Noradrenalin. Es erhöht die Wachsamkeit und die Alarmbereitschaft, deine Umgebung ist plötzlich voller Gefahren und Bedrohungen, sie wird feindselig, und du erwartest ständig ein Unheil oder einen Angriff. Die Angst-Alarm-Reaktionen sind beschleunigt, du reagierst sofort und unvermittelt. Die Tür zur Paranoia steht sperrangelweit offen. Kokain ist der Sprit des Körpers. Das Leben wird in die dritte Potenz erhoben, bevor es dich verbraucht und zerstört. Doch für dieses potenzierte Leben, das dir scheinbar geschenkt wird, zahlst du Wucherzinsen. Vielleicht erst später. Aber später zählt nicht. Entscheidend ist nur das Hier und Jetzt.

3  Krieg um das weiße Öl

In Mexiko fängt alles an. Die Welt, in der wir heute leben und atmen, das ist China und Indien. Aber auch Mexiko. Wer Mexiko nicht kennt, kann nicht verstehen, wie heute auf diesem Planeten Reichtum generiert wird. Wer nicht auf Mexiko schaut, wird niemals das Schicksal der Demokratien begreifen, die von den Drogenhandelsströmen umgestaltet wurden. Wer sich Mexiko nicht ansieht, findet nicht die Spur, um den Geruch des Geldes zu erkennen. Er wird nicht verstehen, wie der Geruch des kriminellen Geldes als Wohlgeruch erscheinen kann, der nichts zu schaffen hat mit dem Modergestank von Tod, Elend, Barbarei und Korruption.

Wer Kokain verstehen will, muss Mexiko verstehen. Die Nostalgiker der Revolution, die in Lateinamerika ein Refugium gefunden haben oder in Europa alt geworden sind, blicken auf dieses Land wie auf eine alternde Geliebte, die mit einem reichen Mann unglücklich verheiratet ist. Einst, als sie noch arm und jung war, hat sie sich mit einer Leidenschaft hingegeben, die ihr Ehemann mit all seinem Geld niemals kennenlernen wird. Die anderen Beobachter sehen nur das, was sich ihrem Blick bietet: ein Land der entsetzlichen Gewalt, einen nicht endenden grausamen Bürgerkrieg, den soundsovielten in einem Land, das nicht aufhört zu bluten. Aber in Mexiko wiederholt sich auch eine altbekannte Geschichte: die Geschichte eines Krieges, der immer weiter um sich greift, weil die Kriegsherren stark sind und die Staatsgewalt, die sie eigentlich in die Schranken weisen sollte, morsch oder schwach ist. Wie in der Feudalzeit, wie im Japan der Samurai und der Shogune, wie in den Tragödien William Shakespeares. Und doch ist Mexiko kein entlegenes Land, das in einem modernen Mittelalter versunken ist. Mexiko lässt sich nicht beschreiben. Es ist einfach Mexiko. Hier und jetzt. Hier, wo der Krieg längst alle Grenzen sprengt. Hier, wo die Warlords die begehrteste Ware der Welt besitzen. Es ist der Krieg des weißen Pulvers, das viel Geld einbringt, so viel, dass es gefährlicher ist als Öl.

Die Quellen des weißen Öls liegen im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa. Sinaloa liegt am Meer. Seine Flüsse fließen von der Sierra Madre hinunter zum Pazifik, und es ist so wunderschön, dass man meint, es könne dort nichts anderes geben als gleißendes Licht und nackte Füße im Sand. So möchte der Schüler antworten, wenn er von der Erdkundelehrerin zu den Schätzen des Landes befragt wird. Opium und Cannabis, Frau Lehrerin, müsste er stattdessen sagen. Und zwar so viel davon, dass es seine Schule nur deswegen gibt, weil die Großväter Marihuana und Opium angebaut haben. Dank des Kokains haben ihre Kinder heute Universitätsabschlüsse und Arbeit. Doch wenn er das antworten würde, bekäme er eine schallende Ohrfeige und einen Eintrag ins Klassenbuch, wie es zu meiner Zeit hieß. Der Schüler gibt also wohlweislich die Antwort, die in den Erdkundebüchern steht: dass der Reichtum des Bundesstaates auf Fisch, Fleisch und biologischer Landwirtschaft beruht. Doch bereits im 19. Jahrhundert brachten chinesische Kaufleute das Opium nach Sinaloa. Das schwarze Gift, wie sie es nannten. Und Sinaloa wurde zum Opiumanbaugebiet. Schlafmohn kann man praktisch überall anbauen. Wo Getreide wächst, gedeiht auch Schlafmohn. Entscheidend ist das Klima: weder zu große Hitze noch zu viel Feuchtigkeit, kein Frost und kein Hagel. Und Sinaloa hat ein gutes Klima, es hagelt so gut wie nie, und das Meer ist immer in der Nähe.

Heute hat das Sinaloa-Kartell alle Konkurrenten aus dem Feld geschlagen und übt die uneingeschränkte Macht aus, zumindest bis zum nächsten Umbruch. Die Droge garantiert Vollbeschäftigung und ernährt ganze Generationen: Bauern und Politiker, Junge und Alte, Polizisten und Nichtstuer. Sie muss produziert und gelagert, transportiert und geschützt werden. Und ganz Sinaloa ist tatkräftig daran beteiligt. Das Kartell agiert im Goldenen Dreieck, und mit einem Territorium von 650 000 Quadratkilometern ist es das größte in Mexiko. Unter seiner Führung wird ein bedeutender Teil des Kokainhandels mit den Vereinigten Staaten abgewickelt. Die Narcos von Sinaloa sind in mehr als achtzig amerikanischen Städten vertreten, mit Zellen vor allem in Arizona, Kalifornien, Texas, Chicago und New York. Sie beliefern den amerikanischen Markt mit Kokain aus Kolumbien. Nach Angaben der US-Generalstaatsanwaltschaft war das Sinaloa-Kartell zwischen 1990 und 2008 für Einfuhr und Vertrieb von mindestens 200 Tonnen Kokain und von großen Mengen Heroin in die Vereinigten Staaten verantwortlich.

Der Bundesstaat Sinaloa ist das Reich von El Chapo, der in den USA mehr zählt als ein Minister. Koks, Marihuana, Amphetamine: Ein Großteil der Substanzen, die die Amerikaner schnupfen, rauchen und schlucken, wandert durch die Hände seiner Männer. Seit 1995 ist er der oberste Boss der Gruppe, die sich 1989 aus der Asche des Guadalajara-Kartells erhoben hat. El Chapo, »der Kurze«. Denn seine Körpergröße ist sein Kapital. Ein Meter siebenundsechzig eiserne Entschlossenheit. Niemand darf es wagen, auf ihn herunterzublicken. Seine geringe Größe kompensiert er durch Schläue und Charisma, Verführungskraft und Führungsstärke. El Chapo erhebt sich nicht über seine Männer, er beherrscht sie nicht, und er besticht nicht durch körperliche Größe.

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