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Zerbrechliches Herz

Über die Autorin

Rebecca Serle ist eine Vollzeitschriftstellerin, was heißt, dass sie im Schlafanzug arbeitet. Sie studierte an der University of Southern California und machte ihren Magister in der New School in New York. (Ihr gefällt New York viel besser als L. A., aber erzählt das bloß nicht weiter.) Rebecca mag glänzendes Haar, Kaffee, Yoga und so zu tun, als wäre sie Engländerin. Sie hatte auch schon einmal ein gebrochenes Herz. Es lief letztendlich auf etwas Gutes hinaus, weil sie ihre Erfahrungen in diesem Buch verarbeitet hat. Zerbrechliches Herz ist ihr erster Roman. Mehr erfahrt ihr unter www.rebeccaserle.com oder unter www.luebbe.de

BASTEI ENTERTAINMENT

Sie meidet Amors Pfeil, sie hat Dianens Witz,

Umsonst hat ihren Panzer keuscher Sitten

Der Liebe kindischen Geschoß bestritten.

Sie wehrt den Sturm der Liebesbitten ab,

Steht nicht dem Angriff kecker Augen, öffnet

Nicht ihren Schoß dem Gold’, das Heil’ge lockt.

O, sie ist reich an Schönheit; arm allein,

Weil, wenn sie stirbt, ihr Reichtum hin wird sein.

(Romeo, aus Romeo und Julia.

Ein Trauerspiel in 5 Akten. 1. Akt, 1. Szene)

(Übersetzt von August Wilhelm von Schlegel)

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Prolog

Shakespeare hat da etwas falsch verstanden. Sein berühmtestes Werk, und er lag völlig daneben. Ihr kennt das Stück, von dem ich spreche. Ich spreche von der unter einem unglücklichen Stern stehenden Liebe. Von den vom Pech verfolgten Liebenden, die von ihrer Familie und den Umständen auseinandergerissen wurden. Es ist die perfekte Liebesgeschichte. Weil es jemanden gibt, der dich so sehr liebt, dass er sogar für dich sterben würde.

Aber die Leute vergessen immer, dass Romeo und Julia keine Liebesgeschichte ist, es ist eine Tragödie. Romeo und Julia ist noch nicht mal der Originaltitel des Stücks. Es heißt: »Romeo und Julia. Ein Trauerspiel in 5 Akten.« Trauerspiel. Jeder stirbt für diese Liebe, die meiner Meinung nach von Anfang an alles andere als stabil war. Immerhin haben sich ihre Familien gehasst, und selbst wenn sie überlebt hätten, wäre jeder Urlaub und jeder Geburtstag bis an ihr Lebensende einfach nur obernervig gewesen. Mal abgesehen davon, dass sie keine gemeinsamen Freunde gehabt hätten, also vergiss Doppeldates. Nein, es wären Romeo und Julia ganz allein, auf ewig. Vielleicht hört sich das für Vierzehnjährige romantisch an, aber es ist absolut nicht realistisch. Also ich kann mir jedenfalls kein unromantischeres Ende für eine Geschichte vorstellen. Und in Wahrheit sollte es so auch gar nicht aufhören.

Wenn man aufmerksam liest, bemerkt man, dass es da jemanden gab, bevor Julia überhaupt auf der Bildfläche erschienen ist. Jemanden, den Romeo sehr geliebt hat. Sie hieß Rosaline. Und an diesem ersten Abend, dem Abend, an dem alles begann, ging Romeo auf die Feier, um sie zu sehen. Alle glauben immer, Romeo und Julia waren ihrem Schicksal ausgeliefert, ein Spielball ihrer Liebe. Stimmt nicht. Julia war kein süßes unschuldiges Mädchen, das von ihrer Bestimmung überrollt wurde. Sie wusste genau, was sie tat. Shakespeare leider nicht. Romeo gehörte nicht zu Julia, er gehörte mir. Wir waren bis in alle Ewigkeit füreinander bestimmt, und es wäre auch so gekommen, wenn sie nicht aufgetaucht wäre und ihn mir weggeschnappt hätte. Vielleicht hätte dann das alles vermieden werden können. Vielleicht wären sie dann noch am Leben.

Was, wenn die größte Liebesgeschichte, die je erzählt worden ist, die falsche war?

Erste Szene

»So war das aber gar nicht geplant.«

Ich öffne einen Spalt weit meine Augen und ziehe verstohlen die Decke über den Kopf. Meine Freundin Charlie steht mit verschränkten Armen vor meinem Bett. In einer Hand hat sie eine Tüte Fruchtgummis und in der anderen einen Becher von Starbucks.

Ich blinzele und schaue kurz zum Wecker auf meinem Nachttisch: 6:35 Uhr.

»Mensch. Es ist noch mitten in der Nacht.«

Charlie seufzt dramatisch. »Also bitte, ich bin gerade mal zehn Minuten zu früh.«

Ich reibe mir die Augen und setze mich auf. Draußen ist es schon hell, was aber nicht wirklich verwunderlich ist, immerhin haben wir August, und wir sind in Südkalifornien. Außerdem ist es ziemlich heiß, und mein Top ist vom Schlafen total verschwitzt. Ich verstehe nicht, warum meine Eltern nach all den Jahren immer noch keine Klimaanlage wollen.

Charlie gibt mir den Starbucksbecher, lässt sich neben mich aufs Bett fallen und schiebt sich ein paar Fruchtgummis in den Mund, und das alles während sie mir weiter eine Standpauke hält. Charlie trinkt keinen Kaffee – sie glaubt, dass er das Wachstum hemmt –, trotzdem besorgt sie mir jeden Morgen einen. Großer Latte macchiato Vanille. Einmal Zucker.

»Hörst du mir überhaupt zu?«, fragt sie irritiert.

»Machst du Witze, Charlotte? Ich schlafe

»Nicht mehr«, sagt Charlie und zieht meine Bettdecke weg. »Heute ist der erste Schultag, und ich lasse mir von dir nicht die Laune verderben. Los, raus aus den Federn, Ms Caplet.«

Ich sehe sie böse an, und sie lächelt. Charlie ist schön. Nicht wie jede beliebige Highschool-Blondine. Sie ist wirklich atemberaubend. Sie hat erdbeerrote Locken und strahlend grüne Augen, und außerdem eine unglaublich weiße, durchscheinende Haut. Manchmal ist sie so umwerfend, dass es selbst mich umhaut. Und ich bin ihre beste Freundin.

Wir haben uns in der ersten Klasse auf dem Spielplatz kennengelernt. John Sussmann hatte mir mein Erdnussbutter-Marmeladen-Sandwich geklaut und in den Sandkasten geworfen. Charlie hat ihn umgeschubst, mein Brot aus dem Sand gefischt und sogar die Hälfte davon gegessen, womit bewiesen war, dass er nicht gewonnen hatte. Das war vom ersten Augenblick an wahre Freundschaft.

»Weißt du was?«, sagt sie, als ich meine Beine über die Bettkante schiebe und Richtung Bad verschwinde. »Ben und Olivia gehen jetzt miteinander. Ben hat’s mir erzählt.«

»Wurde auch langsam Zeit.« Ich stecke die Zahnbürste in den Mund und wühle im Spiegelschrank nach meinem Deo.

Charlies ungeduldiges Geplapper verrät mir, dass mir keine Zeit zum Duschen bleibt.

»Na ja, das ist irgendwie schon was Besonderes. Er ist mein Bruder.« Ben und Charlie sind sogar Zwillinge, aber sie sind sich überhaupt nicht ähnlich. Er ist groß, blond und schlaksig, und er mag Englisch, ein Fach, das Charlie belanglos findet. Sie liebt Geschichte: »Warum sollte man etwas lesen, das überhaupt nicht passiert ist, wenn man erfahren kann, was tatsächlich stattgefunden hat. Das wirkliche Leben ist sowieso viel spannender.«

Olivia ist unsere andere beste Freundin. Sie gehört zu uns, seit sie in der achten Klasse an unsere Schule in San Bellaro gekommen ist.

»Die beiden«, nuschele ich und spucke den Schaum aus, »flirten doch schon ewig. Das musste doch passieren.«

»Aber nun wird sie, tja, was eigentlich? Nach der Schule zu uns kommen?«

»Sie kommt doch jetzt schon nach der Schule zu euch.«

»Ich weiß, warum du so gelassen bist«, sagt Charlie.

»Weil ich noch immer im Tiefschlaf bin?«

»Nein, weil Rob gestern Abend zurückgekommen ist und du ihn heute sehen wirst.« Triumphierend steckt sie sich noch einen Fruchtgummi in den Mund.

Mein Magen zieht sich kurz zusammen. Das macht er schon die ganze Woche. Der Gedanke, dass ich Rob wiedersehen werde, macht mich irgendwie krank.

Es ist acht Wochen her, was wahrscheinlich eine lange Zeit ist, auch wenn ich mich weigere, das zuzugeben. Was sind im Großen und Ganzen betrachtet schon zwei Monate? So was wie eine Millisekunde. Okay, so lange waren wir noch nie voneinander getrennt, und ja, ich habe ihn vermisst, aber ich kenne Rob schon mein Leben lang. Es ist wirklich keine große Sache, wenn ich ihn wiedersehe. In den Sommerferien war viel los, und Robert Monteg ist auch nicht mein fester Freund oder so. Himmel, allein wenn ich an seinen Namen denke, wird mir übel. Ich verstehe das nicht. Das sollte es nicht. Wir sind Freunde. Er wohnt einfach nur nebenan.

»Ich habe beschlossen«, sagt Charlie, »dass ihr beide das Traumpärchen des Abschlussjahrgangs werdet.«

»Na, wenn du das beschlossen hast.« Ich schlüpfe in einen blauen Rock und ziehe ein weißes Top über meinen Kopf. Charlie sieht aus, als käme sie gerade vom Friseur, und ich wage einen Blick in den Spiegel. Genau wie ich vermutet habe: totales Vogelnest.

Charlie wirft mir einen BH zu und trifft mich im Gesicht. »Danke schön.«

»Ach, komm schon«, sagt sie. »Wir reden von Rob. Ihr habt euch letztes Schuljahr endlich geküsst, und dann geht er die ganzen quälenden Sommerferien lang als Betreuer in ein Camp und schreibt dir diese Liebesbriefe und sagt, wie gern er dich hat. Und jetzt ist er zurück, und du glaubst, ihr werdet kein Paar? Bitte.«

Klar, dass Charlie das so sieht. Nur, es stimmt nicht. Nicht einmal annähernd. Es war nämlich folgendermaßen:

Der »Kuss«, von dem sie redet, war überhaupt kein richtiger Kuss. Und die Tatsache, dass Rob und ich zusammen zum letzten Abschlussball gegangen sind, hat nichts zu bedeuten. Wir sind beste Freunde, und keiner von uns hatte eine Verabredung. Rob sieht gut aus, und er ist klug. Ich könnte euch ganz leicht zehn Mädchen aus unserem Jahrgang nennen, die ihre Gucci-Tasche hergegeben hätten, wenn sie mit Rob zum Abschlussball hätten gehen dürfen. Ich glaube, Rob hat Angst vor dem weiblichen Geschlecht. Na ja, also eigentlich glaubt Charlie das. Sie sagt, das ist die einzig mögliche Erklärung, warum er immer noch keine feste Freundin hat. Die einzig mögliche Erklärung neben der Tatsache, dass er auf mich wartet (ihre Worte, nicht meine).

Jedenfalls haben wir miteinander getanzt, und mir sind meine Haare über die Augen gerutscht, und Rob hat sie zur Seite gestrichen und meine Wange geküsst. Meine Haare rutschen mir ständig über die Augen, und meine Wange küsst auch mein Vater, also kann man das nicht wirklich als wilde Knutscherei bezeichnen. Es ist nur zufällig in der Öffentlichkeit passiert, bei einem langsamen Lied.

Und was diese E-Mails betrifft. Das sind ganz bestimmt keine Liebesgrüße. Ein Beispiel:

Hallo Rosie,

danke für deinen Brief. Gut zu wissen, dass Charlie nach wie vor verrückt ist, und danke für die Kaugummis. Ich kaue gerade einen. 32257.jpg

Das Camp ist gut, aber ich habe Heimweh. Manchmal denke ich, es war eine bescheuerte Idee, hierher zurückzugehen, besonders nach dem Schuljahresende und allem. Es ist halbwegs in Ordnung. Ich schlafe wieder in Koje 13. Weißt du noch, als wir beide hier waren? Scheint schon Ewigkeiten her zu sein. Ist es wahrscheinlich auch. Jedenfalls fehlst du mir wirklich. Schätze mal, das meinte ich mit Heimweh. Ohne dich ist es hier nicht dasselbe. Gestern Nacht bin ich zu den Docks rausgegangen und habe daran gedacht, wie wir damals zur Schlafenszeit dort geschwommen sind. Erinnerst du dich noch? Das Wasser war eiskalt. In dem Sommer mussten uns unsere Eltern Pullover nachschicken. Jedenfalls denke ich an dich und hoffe, dir geht es gut.

Rob

Charlie hat diese E-Mail durchgekämmt und sie so zusammengefasst: Ich liebe dich, und es tut mir total leid, dass ich ins Camp gefahren bin. Mir bricht das Herz, wenn ich nicht bei dir sein darf, und wenn ich wieder zurück bin, lass uns für immer zusammen sein. In Liebe, Rob

Kein Wunder, dass sie Geschichte mag, sie erfindet sie ständig neu.

Ihre Fantasie ist schön und gut – aber eben nur Fantasie. Diese Art zu denken bringt Mädchen regelmäßig in Schwierigkeiten. Und das ist nicht nur bei Charlie so. Letztes Jahr zum Beispiel, als Olivia mit Taylor Simsburg ausgegangen ist (und mit »ausgegangen« meine ich, dass sie sich zweimal verabredet hatten, wovon eine Verabredung das Winterfest unserer Schule war), hat er gesagt, dass ihr Gelb gut stehe, worauf sie ihm eine Playlist mit dem Titel »Here comes the Sun« gemacht hat. Und dann hat sie noch ständig Sonnenblumen mit sich rumgeschleppt, egal ob das nun grad passte oder nicht.

Natürlich leiden nicht alle Mädchen an Wahnvorstellungen. Aber sie können sehr geschickt die Wirklichkeit in etwas vollkommen anderes verdrehen. Und wenn es eins gibt, das ich wirklich nicht mag, dann, dass man die Augen vor der Realität verschließt. Was soll das? Dinge sind nun mal, wie sie sind, und es ist für alle das Beste, das zu akzeptieren. Es ist noch niemand an einem Zuviel an Informationen gestorben. Das Problem sind die Missverständnisse. Und solange Rob mir nichts anderes signalisiert, gibt es für mich keinen Grund zu der Annahme, dass er mehr als meine Freundschaft will.

Außer dieser einen Sache, die am Abend vor seiner Abreise passiert ist. Ich habe Charlie und Olivia nichts davon erzählt, weil ich selber nicht genau weiß, was ich davon halten soll. Aber ich drehe und wende das Ganze ständig in meinem Kopf. Und das schon seit zwei Monaten.

Wir saßen bei mir im Zimmer auf dem Boden und haben uns eine alte Friends-DVD angesehen. Das ist an sich noch nicht ungewöhnlich. Machen wir andauernd. Rob flüchtet gern mal aus dem Chaos zu Hause, wo drei kleine Brüder um ihn herumschwirren. Aber an dem Abend war er anders als sonst. Wenn Ross einen Witz riss, hat Rob nicht gelacht, was verrückt ist, weil Ross in der Serie sein Lieblingsschauspieler ist und Rob immer lacht. Er hat ein tiefes Baritonlachen. Wie der Weihnachtsmann.

Wir haben die Folge geguckt, in der Rachel aus der Wohnung auszieht, die sie sich mit Monica teilt, und es gibt da die Szene, wo Rachel Monicas Kerzenleuchter klauen will. Ist auch egal, jedenfalls schnappt sie sich gerade die Teile, als auf dem Fernseher plötzlich nur ein Standbild ist, und Rob mich total intensiv anguckt. Den Blick hat er manchmal vor wichtigen Basketballspielen.

»Ist was?«, habe ich gefragt. Keine Antwort. Er hat mich einfach nur weiter angesehen. Er hat diese riesigen braunen Augen, die wie kleine Tassen voller Kakao aussehen. Nicht dass ich daran denke, wenn ich ihn angucke. Ich mag Kakao nicht mal. Ich will sie nur genau beschreiben.

Er hat nichts gesagt, er saß einfach nur da und hat mich angeschaut, und schließlich hat er sich zu mir gelehnt und seine Hand an mein Kinn gelegt. Was er noch nie gemacht hat. Und auch sonst noch kein anderer Junge. Und dann, mein Kinn lag noch immer in seiner Hand, sagte er: »Gott, bist du schön.« Einfach so. »Gott, bist du schön.« Was verrückt ist, weil a) das nicht stimmt. Ich bin nicht unattraktiv oder so, allerdings hebe ich mich vom Rest auch nicht besonders ab. Ich habe braune Augen und braune Haare und das, was Charlie als Stupsnase bezeichnet. Wenn mich jemand beschreiben würde, dächtest du wahrscheinlich, dass du mich kennst, gleichzeitig wärst du aber nicht in der Lage, mich aus einer Menschenmenge rauszufischen. Außer vielleicht, weil ich schnell rot werde, wenn mir etwas peinlich ist – was mich aber nicht wirklich begehrenswerter macht. Also, a) »schön« passt nicht wirklich zu mir, und b) ist das echt plump. Also habe ich gelacht, die einzig vernünftige Reaktion, die mir in dem Moment eingefallen ist, und dann hat er seine Hand weggenommen und Friends weiterlaufen lassen, und als wir uns verabschiedet haben, hat er mich wie immer umarmt, und dann am nächsten Morgen war er weg. Seitdem kaue ich diesen Augenblick ständig durch. Zwei Monate schon.

»Wann ist er überhaupt zurückgekommen?«, fragt Charlie, als wir die Treppe runterstapfen.

»Keine Ahnung. Spät.«

Am liebsten hätte ich »Zu spät, damit ich sehen kann, wie in seinem Zimmer das Licht angeht« gesagt, aber ich tu’s nicht. Charlie weiß nicht, dass ich mich manchmal aus meinem Fenster lehne, um nachzuschauen, ob bei Rob das Licht brennt. Unsere Grundstücke sind durch ein paar Bäume getrennt, durch die man nicht viel sehen kann. Sein Zimmer liegt aber genau schräg gegenüber von meinem, und das Licht verrät mir, ob er zu Hause ist. Meistens warte ich abends, bis es angeht, dann weiß ich, dass er nebenan ist, nicht weit von mir. Ich glaube fast, dass ich das in den Sommerferien mit am meisten vermisst habe. Sehen, wie das Licht angeht.

»Komisch, dass er gestern nicht mehr rübergekommen ist.« Sie wackelt mit den Hüften und lacht.

Ich zucke mit den Schultern. »Er hat mir gesimst.«

Sie wirbelt herum und fasst mich an den Schultern. »Was genau?«

»›Ich bin zurück‹?«

»Ich bin zurück«, sagt Charlie nachdenklich. Dann schleicht sich dieses gewisse Grinsen auf ihr Gesicht. »Ich bin zurück und allzeit bereit.«

»Also wirklich«, sage ich, »wir reden von Rob. Du machst aus einer Mücke einen Elefanten.«

»Vielleicht, vielleicht aber auch nicht.« Als wir die Küche betreten, hakt sie sich bei mir unter. »Du weißt ja, dass ich immer gerne auf Nummer sicher gehe.«

»Drama«, verbessere ich. »Du gehst gern auf Nummer Drama.«

Meine Mom und mein Dad tanzen in Bademänteln mit ihren Orangensaftgläsern herum. Meine Mom hält ihr Glas über den Kopf, während er sie kitzelt.

»Entschuldigung, Mädels«, sagt sie mit errötetem Gesicht. »Ich hab euch gar nicht bemerkt.« Mein Dad zwinkert uns einfach nur zu. Igitt! Und dann tut es ihnen nicht mal leid. Sie machen so was die ganze Zeit. Sie knutschen ständig im Wohnzimmer herum und kleben füreinander Nachrichten an den Kühlschrank: »Küss mich auf dem Küchentisch« und solche Sachen. Wahrscheinlich sollte ich froh sein, dass meine Eltern nach zwanzig Jahren noch immer verliebt sind und das ineinander, aber irgendwie macht mir das Angst.

»Die haben bestimmt noch Sex«, raunt Charlie mir zu, als würde sie eine Diskussion beenden. Aber glaubt mir, da muss man nicht diskutieren. Sie tun es tatsächlich.

Wahrscheinlich wäre es gar nicht so wichtig, wenn, na ja, wenn ich es selbst schon getan hätte. Nicht dass ich etwas gegen Sex hätte. Moralisch gesehen, meine ich. Wollt ihr wissen, was wirklich mein Problem ist? Mein Problem ist, dass ich die ganze moralische Kiste nicht besonders ernst nehme. Es ist wie mit dem Mädchen, das ich mal gekannt habe: Sarah, die nie Fleisch gegessen hat. Sie hat buchstäblich ihr ganzes Leben lang keinen einzigen Hamburger gegessen. Ihre Eltern haben kein Fleisch gegessen, also ist sie auch so erzogen worden. Auf jeden Fall hat ihr Dad eines Tages wieder damit angefangen, und plötzlich stand das Zeug auf dem Tisch, und ich erinnere mich, als sie mir erzählt hat, wie seltsam und unnatürlich sie das fand. Als müsste sie jetzt plötzlich zur Fleischesserin werden, und das wäre dann auch noch das Normalste der Welt. Sie war Vegetarierin, verdammt noch mal. Wäre doch eigenartig, wenn man das mal so eben über Bord werfen würde. So, als würde man etwas, das einen grundlegend ausmacht, mal eben ändern.

Vielleicht hat es ja auch damit zu tun, dass ich noch nicht mal kurz davor stand, Sex zu haben. Letztes Jahr war ich mit Jason Grove zusammen. Wir haben ein paarmal rumgeknutscht, meistens auf der Rückbank vom Wagen seines Dads oder bei ihm im Keller. Ich glaube, es war ganz in Ordnung, aber er hat meinen BH einfach nicht aufbekommen, und nach ein paar Versuchen haben wir dann aufgegeben.

Charlie findet das tragisch. Olivias und meine Jungfräulichkeit sind fast wie ein Angriff auf ihre Persönlichkeit. Sie hat es immerhin schon mit zwei Jungs gemacht. Der erste war Matt Lester, ihr Freund in der zehnten Klasse. Sie haben es nach einem Schulfest gemacht, und sie hat erzählt, dass es schrecklich war und sie es nie wieder getan haben. Jetzt gibt es Jake, ihren Immer-mal-wieder-Freund: »Ich zähle nicht mehr mit«, sagt Charlie nur. Was, nehme ich mal an, ganz normal ist. Man zählt ja nicht ewig, wie oft man schon miteinander geschlafen hat. Irgendwann ist es eben einfach nur Sex, glaube ich zumindest.

»Dieses Jahr wird eindeutig dein Jahr«, hat Charlie mir letzte Woche erklärt. »Und du wirst deine Unschuld ganz sicher nicht in irgendeinem unromantischen Feriencamp verlieren.«

»Was sagen meine Zukunftsaussichten?«

»Du hast genau eine«, sagte Charlie. »Rob. Ihr zwei seid einfach füreinander bestimmt.«

Füreinander bestimmt. Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich in Bezug auf Rob und mich noch nie an diese Redewendung gedacht habe. Es ist mir durchaus in den Sinn gekommen, dass zwischen uns etwas laufen könnte. Aber ich habe Charlie lieber nicht zu viel davon erzählt. Vor allem, weil meine Gedanken über Rob vielleicht wirklich mehr mit diesen von ihr geliebten Fernsehshows zu tun haben als mit meinen tatsächlichen Gefühlen. Ja klar, ich mag ihn gern. Er ist mein bester Freund. Natürlich habe ich ihn gern. Aber will ich ihn küssen? Will ich, dass er mich küsst? Und bin ich bereit, unsere Freundschaft für den unwahrscheinlichen Fall, dass unsere Romanze wirklich aufgeht, aufs Spiel zu setzen? Ganz davon abgesehen, dass ich nicht weiß, was er davon hält. Vielleicht bereut er ja, dass er gesagt hat, ich wäre schön. Vielleicht hat er es sich ja inzwischen anders überlegt. Immerhin war er den ganzen Sommer über einen halben Bundesstaat weit weg, und nur weil ich mich während der zwei Monate nicht auf die nächstbesten Lippen gestürzt habe, heißt das noch lange nicht, dass er eine ähnliche Erfolgsbilanz aufzuweisen hat.

Meine Mom schiebt meinen Vater von sich und stellt den Saft ab. »Seid ihr bereit für euren ersten Schultag?«

»Auf jeden Fall«, antwortet Charlie und zwinkert mir zu.

»Na, das ist doch gut«, sagt sie. Sie schaufelt Rührei auf den Teller und gibt ihn meinem Vater. »Ist Rob zurück?«

Klar, dass meine Mutter das fragt. Die Krone des Ganzen ist nämlich, dass seine und meine Eltern auch eng befreundet sind. Sie sind schon seit fünfzehn Jahren Nachbarn. Meine Eltern sind ein paar Monate vor meiner Geburt nach San Bellaro gezogen. Robs Familie zwei Jahre später. Meine Mom war mal Schauspielerin in Los Angeles. Nicht berühmt oder so, aber ich glaube, dass sie auf dem Weg dorthin war, bevor sie meinen Vater kennengelernt hatte. Er war Stadtrat mit Aussicht auf einen Senatorenposten und wurde zu einer ihrer Filmpremieren eingeladen. Sie haben Der letzte Unbekannte gezeigt, wahrscheinlich die größte Rolle meiner Mutter, und mein Dad sagt immer, dass er sich in dem Moment in sie verliebt hat, als er sie auf der Leinwand sah. Dass sie seine letzte Unbekannte war. Ein halbes Jahr später haben sie geheiratet, und ein Jahr danach bekamen sie mich. Mein Vater wurde kein Senator (er unterrichtet Geschichte hier am College), aber dafür sein Bruder. Ich glaube, es ist nicht leicht für ihn, dass sein Bruder seinen Traum verwirklicht hat und er nicht. Sie haben schon ewig nicht mehr miteinander gesprochen, und jedes Mal, wenn sein Name in der Zeitung steht, bringt mein Dad die Seiten höchstpersönlich zur Mülltonne.

Meine Mom schaut mich immer noch an und wartet auf eine Antwort wegen Rob, aber ich zucke nur mit den Schultern und schiebe mir eine Scheibe Toast in den Mund. Charlie reißt sie mir sofort weg.

»Bagel-Mittwoch«, sagt sie und lässt den Toast auf die Anrichte fallen, als wäre er giftig. »Hallo?!«

Mein Vater schlägt sich übertrieben mit der Hand gegen die Stirn, und meine Mutter seufzt.

»Na dann«, sagt sie, »einen schönen Tag.«

»Oh, den werden wir haben«, gibt Charlie zurück und schnappt sich meine Schultasche. »Warten Sie nicht auf uns.« Sie wirft meiner Mom ein Küsschen zu und bugsiert mich nach draußen.

Charlie hat einen alten Cherokee Jeep, den wir Big Red nennen. Er ist nicht so schick wie Olivias Auto, aber das ist egal. Charlie würde selbst auf einem Dreirad noch gut aussehen. Als wir reinklettern, weht mir der vertraute Geruch von ihrem Parfüm entgegen. Eine Mischung aus Lilie und Frangipani, die sie sich letztes Jahr im Body Shop selber zusammengestellt hat. Ihr Auto ist immer bis zum Gehtnichtmehr vollgestopft. Sie könnte jederzeit abhauen und irgendwo anders hinziehen. Auf dem Rücksitz liegt ein riesiger Stoffbeutel mit ihren Initialen: CAK. Darin ist so ziemlich alles, was man sich nur vorstellen kann. Als wir einmal in Olivias Strandhaus in Malibu waren, hat sich ein Stück Mais dermaßen zwischen meine Zähne geschoben, dass mein Zahnfleisch blutete. Charlie hat mich zu Big Red gebracht und einen kleinen zahnärztlichen Eingriff vorgenommen.

Sie lässt das Auto an und fährt rückwärts aus unserer Einfahrt, wobei sie beim Blick in den Rückspiegel Lipgloss aufträgt. Ich schaue kurz zu Robs Haus, aber durch die Bäume sieht man fast nichts. Auch nicht, ob in seiner Einfahrt noch irgendwelche Autos stehen.

Ich nehme ihren iPod und mache Radiohead an.

»Aah.« Unzufrieden reißt sie mir den iPod aus der Hand. Sie stellt auf Beyoncé und dreht sich zu mir. »Was ist heute Morgen los mit dir? Es ist der erste Schultag. Wir müssen gut drauf sein. Wir können nur erfolgreich sein, wenn wir die Sache richtig angehen.«

Besagt zumindest eine ihrer Theorien. Charlie hat einen ganzen Sack voll Theorien. Sie hat zu so ziemlich allem eine Theorie. Zum Beispiel ist sie fest davon überzeugt, dass man sich während der Highschoolzeit nur ein Mal eine neue Haarfrisur zulegen sollte. Olivia hat ihre Haare radikal abgeschnitten, nachdem sie mit Taylor Schluss gemacht hat, woraufhin Charlie ihr klargemacht hat, dass sie sich jetzt nicht noch einmal neu erfinden kann. »Ich hoffe, er war es wert«, hat sie gesagt.

»Ich bin gut drauf.« Ich zwinge mich zu einem Lächeln und nehme ihr den Lipgloss ab.

Charlie seufzt und fährt auf die Landstraße. »Komm schon, ich meine es ernst. Du solltest gut drauf sein. Ich und Jake, du und Rob, Olivia und Ben.« Sie schluckt, nachdem sie »Ben« gesagt hat, so als hätte sie einen schlechten Geschmack im Mund. »Wir werden dieses Jahr in der Schule so was von den Ton angeben.«

Eine andere von Charlies Theorien besagt, dass wir in einem Highschoolfilm leben. Olivia scheint das auch zu glauben. Deshalb sagen sie so Sachen wie »Wir werden so was von den Ton angeben« und meinen das vollkommen ernst, ohne Sarkasmus oder Ironie. Ich glaube, wir sind beliebt. Charlie ist schwierig. Sie ist außergewöhnlich und auf eine Art anziehend, die sie gefürchtet und geliebt macht. Dagegen ist Olivia quasi die Traumfrau der Highschool. Große Brüste, blondes Haar, hübsche Nase und ein bisschen naiv. Es gibt fast keinen Kerl an unserer Schule, der nicht in sie verknallt ist. Und dann haben ihre Eltern auch noch Geld wie Heu. Ihr Vater macht irgendwas in der Musikbranche. Produzent oder Eigentümer eines Plattenlabels. Vielleicht auch beides. Ehrlich gesagt frage ich mich manchmal, wie ich bei den beiden gelandet bin. Ich dürfte gar nicht so beliebt sein. Die gängige Auffassung spricht total gegen mich.

Darum fand ich es auch immer schon so gut, dass ich mit Rob befreundet bin. Klar, er ist beliebt – er ist wahrscheinlich der beliebteste Junge aus unserer Stufe –, aber er ist auch einfach nur Rob. Ich muss ihm nichts vorspielen oder großartig überlegen, was ich als Nächstes sagen soll. Das mache ich bei Charlie und Olivia auch nicht, aber manchmal kommt es mir so vor, als spielten wir drei nur Theater. Als müssten wir unbedingt unseren Text richtig aufsagen. Als würde die ganze Aufführung nur davon abhängen.

»Hast du schon von Len Stephens gehört?«, fragt Charlie. »Sie haben ihn rausgeschmissen.«

Len Stephens ist der Typ aus unserem Jahrgang, mit dem wir nichts zu tun haben wollen. Charlie bezeichnet ihn als ätzend, die meisten anderen einfach als Idioten. Er macht sich über alles und jeden lustig, und seine Haare sind so lang und unordentlich, als ob er sie selber schneiden würde.

»Aber die Schule hat doch noch nicht mal angefangen.«

»Anscheinend hat er den Abistreich zu früh gespielt.«

»Was hat er gemacht?«

»Das Onlinesystem so umstrukturiert, dass alle Schülerakten gelöscht sind.«

»Nein!«

»Ehrlich.« Charlie legt die Hand aufs Herz, als würde sie ein Gelübde ablegen.

»Wie kann das denn sein?«

Charlie zuckt mit den Schultern. »Er hat sich ins Computersystem der Schule gehackt.«

Ich weiß von Len eigentlich nur, dass er früher auch bei dieser deutschen Klavierlehrerin, Frau Famke, Unterricht hatte. Er hatte seine Stunde immer vor mir. Ich habe irgendwann in der sechsten Klasse damit aufgehört, er wahrscheinlich auch. Zu der Zeit haben die meisten mit Sport oder Tanzen angefangen und dafür andere Hobbys aufgegeben. Ich fand ihn damals ziemlich gut, allerdings muss das nicht wirklich was heißen, schließlich mochte ich damals auch diese schrecklichen Schlauchtops.

»Egal«, sagt Charlie, damit ist das Thema für sie beendet. »Lass uns lieber über Jake reden.«

»Also seid ihr beide wieder zusammen?« Ich schaue auf die vorbeifliegenden Bäume. Nicht dass mir Charlies Liebesleben egal wäre. Es ist nur so, dass die jeweilige Momentaufnahme noch lange nichts über ihre Beziehung sagt. Wenn sie heute mit Jake zusammen ist, kann das morgen schon ganz anders sein. Oder wenn wir zur Schule kommen. Sie haben eine sehr eigenartige Beziehung. Charlie tut gerne so, als wäre alles herzzerreißend und verstörend. Als könnten sie nicht zusammenfinden, obwohl sie es wirklich wollten. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wo das Problem liegt. Außer falls es ihr unangenehm ist, dass er gerne Baseballmützen trägt und jeden »Alter« nennt. Was es wahrscheinlich ist. Sie haben Schluss gemacht, als er sie auf dem Abschlussball »Kumpel« genannt hat, und haben eine Woche lang nicht miteinander gesprochen. Den Sommer über haben sie es dann locker angehen lassen, aber diese offizielle Wiedervereinigung wundert mich nicht. Ich denke, dass sie vor allem deshalb über so viele Hindernisse gestolpert sind, weil Charlie es gerne dramatisch mag. Und was, bitte schön, ist dramatischer als ein gebrochenes Herz?

»Ja, sind wir«, sagt sie. »Er hat gestern Abend vorbeigeschaut und will, dass dieses Jahr alles anders wird.« Jake hat die letzten eineinhalb Jahre mindestens zweiundvierzig Mal gesagt, dass alles anders werden soll, also genieße ich die Aussage mit Vorsicht.

»Toll.«

»Wirklich, Rose. Ich glaube, diesmal könnte es klappen.« Ich gucke kurz zu ihr. Sie sieht ernst und entschlossen aus. Fast feierlich. Was einigermaßen logisch ist, wenn man Charlie kennt. Der Entschluss, etwas zu tun, und das Tun selbst sind in ihrer Welt fast dasselbe.

»Das ist großartig«, zwitschere ich. »Super.« Ich versuche, begeistert zu klingen, aber Charlie durchschaut mich.

»Wie bitte schön sollen wir dieses Jahr zusammenarbeiten, wenn du wie ein Trauerkloß durch die Gegend läufst?« Sie gibt mir ihre Kosmetiktasche und klappt den Beifahrerspiegel runter. »Auftragen bitte. Du musst top aussehen, wenn wir den Zuschauerraum betreten.«

Zweite Szene

Wir wohnen genau sieben Minuten von der Schule entfernt, und wenn ich sage, dass wir noch nie zu spät gekommen sind, dann meine ich das wirklich so. Wir sind noch nie zu spät gekommen! Seit Charlie letzten Oktober ihr eigenes Auto bekommen hat, holt sie mich ab, aber wir fahren schon seit der Grundschule zusammen. Zuerst mir ihrer Mom, und dann, als ihre Mutter krank wurde, mit meiner.

Charlie sagt, wenn man beliebt ist, sollte man es nicht übertreiben. Man kann sich dann zwar eine Menge erlauben, aber man sollte auch seine Grenzen kennen. Für uns heißt die Grenze Zuspätkommen – was wir nicht machen. Nicht mal Olivia, die wahrscheinlich jeden Morgen vier Stunden braucht, bis sie fertig ist. Ich glaube nicht, dass sie sich groß Gedanken macht, ob sie pünktlich ist oder nicht, aber sie ist nicht gerade der diskussionsfreudige Typ.

Seit meinem ersten Highschooljahr habe ich einen untadeligen Anwesenheitsnachweis. Die einzige Ausnahme war, als Olivia sich den Fuß gebrochen hatte und ich sie zur Notaufnahme begleitet habe. Mir ist dieses Pünktlich-ankommen-Ding nur recht. Ich möchte nämlich gerne in Stanford aufgenommen werden und dort nächstes Jahr mit dem Studium anfangen. Ich glaube, meine Chancen stehen gar nicht mal schlecht. Ich muss mich im ersten Halbjahr einfach nur auf das Wesentliche konzentrieren. Also halte ich mich an Charlies Komm-nie-zu-spät-Regel, auch wenn ich andere Gründe dafür habe als sie.

Charlie biegt auf den oberen Parkplatz ab, und ich will schon was sagen. Aber dann fällt mir ein, dass wir ja jetzt in der Oberstufe sind und wirklich hier parken dürfen. Von hier oben kann man das ganze Schulgelände sehen. San Bellaro wurde letztes Jahr in irgendeinem landesweiten Wettbewerb zur schönsten Schule gewählt, und wie ich so in Charlies Auto sitze, verstehe ich für einen winzigen Augenblick warum. Das Gelände war früher ein Landgut, und Copper House, das Hauptgebäude unserer Schule, war damals das Herrenhaus. Die Lehrerzimmer sind umfunktionierte Schlafzimmer, und in einigen Klassenzimmern hängen noch diese viktorianischen Kronleuchter. Jake will dieses Jahr als Abistreich die Mädchenumkleiden plündern und unsere Unterwäsche an die Kronleuchter hängen. Charlie wollte ihm klarmachen, dass man den Abistreich nicht den Abiturienten spielt, aber ich glaube nicht, dass er das kapiert hat.

Die anderen Schulgebäude sind ehemalige Gästehäuser, Werkstätten oder ein alter Pferdestall. Das Gebäude hinter dem Schulhof ist neu, aber es wurde im Stil vom Copper House gebaut, sodass man das nicht wirklich bemerkt. Die Gebäude sind dicht mit Efeu bewachsen, und wenn man direkt am Fußballplatz vorbeiguckt, sieht man das Meer. Eigentlich könnte man an diesem Ort gut seine Zeit verbringen, wenn es nicht ausgerechnet eine Schule wäre.

Als wir auf den Parkplatz fahren, steigt Olivia gerade aus ihrem BMW-SUV, ein Geschenk von ihrem Stiefvater zu ihrem sechzehnten Geburtstag. Das Auto ist weiß, und auf dem Nummernschild steht OLIVE16. Olivias Eltern nennen sie manchmal Olive. Sie sagt, dass sie das nicht leiden kann, aber ich glaube, dass sie es insgeheim liebt. In ihrer Familie stehen sich alle sehr nahe. Ihre Mutter hat mit ihrem Stiefvater noch zwei Jungs bekommen, und Olivia verbringt viel Zeit mit ihren kleinen Brüdern.

»Heyyy«, ruft Olivia. Sie hat fast das Gleiche an wie Charlie: hautenge Jeans, violette Ballerinas und ein graues Top. Olivia hat allerdings kein Kapuzenshirt, sondern lässig eine knallblaue Strickjacke über ihr Outfit geworfen. Ihre blonden Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie sieht aus, als wäre sie gerade aus einer Plastikverpackung gewickelt worden. Voll und ganz Barbie.

Da gibt es eine Sache, die niemand über Olivia weiß: Früher in der Mittelstufe war sie pummelig. In den Sommerferien vor der achten Klasse, bevor sie hierhergezogen ist, hat sie alle überflüssigen Pfunde verloren. Wir kannten sie da zwar noch nicht, haben aber ein paar Fotos gesehen. Es ist komisch, wenn man sich Olivia anders als perfekt vorstellt. Aber es gab eine Zeit, da war sie es nicht.

Olivia dehnt sich, und während sie ihre Arme über den Kopf reckt, rutscht ihr Shirt nach oben und gibt ziemlich viel von ihrem Bauch preis. Charlie nennt das den »Power-Move«. Sie glaubt, dass wir alle einen haben. Etwas, das wir machen, um uns in Szene zu setzen. Beth Orden zum Beispiel streckt manchmal ihre Brust raus, weil ihr Busen seit Ende des zweiten Jahres hier auf der Highschool größer ist als der der meisten anderen.

»Na dann, viel Glück«, sagt Charlie und zeigt auf Olivias Bauchnabel. »Auch wenn es nicht danach aussieht, es gibt eine Kleiderordnung.«

Olivia gähnt, verdreht die Augen und schließt einen Knopf ihrer Strickjacke.

»Geeehen wir endlich«, sagt sie. Olivia zieht oft einzelne Silben in die Länge. Das nervt. Aber wenn man so gut aussieht, spielen nervende Angewohnheiten keine Rolle. So wie es keine große Rolle spielt, ob du bei McDonald’s zu deinem Big Mac eine Diät- oder eine normale Cola bestellst. Im Großen und Ganzen ist es egal. Und das ist mit Olivias gedehnter Sprechweise genauso. Es ist nicht wichtig, und selbst wenn es auffällt, finden die meisten Leute es süß.

»Mach mal halblang«, blafft Charlie sie an. »Es ist noch früh genug. Hast du die Bagels besorgt?«

Olivia nickt und holt eine Tüte vom Fahrersitz. Großmutters Kaffeehaus. Immer wenn Olivia mittwochs ihren kleinen Bruder Drew zur Schule bringt, hält sie kurz beim Kaffeehaus und kauft für uns ein. Wir nehmen alle was anderes, aber wir wissen auswendig, was jede von uns will. Charlie nimmt einen Kaffeehausbagel mit ganz normalem Frischkäse, Olivia einen Blaubeerbagel mit Butter und Erdbeermarmelade und ich einen Mohnbagel mit Schittlauchfrischkäse. Manchmal teilen Charlie und ich, aber eher selten.

Charlie öffnet die Tüte und verteilt die Bestellungen. Sie hat mir zu meinem Bagel noch einen Kaugummi gelegt, den sie aus ihrer Hosentasche hervorgezaubert hat. »Für Rob«, sagt sie und zwinkert mir zur. Ich merke, dass mein Gesicht ganz warm wird, und schaue weg.

»Wie geht’s ihm?« Olivia schiebt ihre Tasche über die Schulter und wirft die Tür zu.

»Wie geht’s Ben?«, feuert Charlie zurück.

Olivia schluckt, aber dann legt Charlie einen Arm um sie. »Entspann dich. Alles in Ordnung. Und die große romantische Neuigkeit kommt heute sowieso von Rose. Erzähl’s ihr«, sagt sie und guckt mich an.

»Was erzählen?« Ich streiche mir die Haare hinter die Ohren. Es ist noch nicht mal acht Uhr am ersten Tag nach den Ferien, und ich will schon nicht mehr hier sein.

»Von der SMS.«

»Er hat mir nur gesimst, dass er zurück ist«, sage ich leise.

»Ach du lieber Gott«, kreischt Olivia. »Ihr seid jetzt also wirklich zusammen!«

Ich halte unauffällig nach Robs silbernem Volvo Ausschau, aber normalerweise ist er immer zu spät, also rechne ich nicht wirklich damit, ihn zu finden. Charlie grinst nur und legt ihren anderen Arm um meine Schulter, und so schlendern wir drei Richtung Schule.

***

Klar sind wir früh dran, aber heute gibt es einen guten Grund. Wir dürfen endlich den Oberstufenraum nutzen – oder das EZ, wie wir es auch nennen, weil es eigentlich ein Elternzimmer ist, immerhin haben sie die Snackautomaten finanziert. Der Raum liegt abseits vom Copper House und ist ausschließlich für uns Oberstufenschüler reserviert. Wir drei waren letztes Jahr schon unerlaubterweise ein paarmal da. Tatsächlich war das der Ort, an dem ich Jason an meinen BH rangelassen habe. Offiziell hätten wir nie dort sein dürfen.

Olivia plappert über ihren kleinen Bruder, der heute Morgen ihre Schultasche geklaut und versteckt hat, und über ihre Mom, die ihr eine neue Handtasche von Tod’s versprochen hat, die sie aber immer noch nicht bekommen hat.

»Warum kaufst du sie dir nicht einfach selbst?«, fragt Charlie leicht genervt.

»Darum geht es doch gar nicht«, sagt Olivia und dann nichts mehr.

Als wir endlich das EZ erreichen, ist es zehn nach sieben, wir haben also noch eine ganze halbe Stunde bis zur Schülerversammlung.

Im EZ gibt es an drei Seiten Fenster und einen Ausgang, der zum sogenannten Laubengang führt. Das ist ein Fußweg, der vom Copper House zum unteren Schulhof führt, wo wir praktisch das ganze Jahr über unsere Mittagspause verbringen, schließlich sind wir in Kalifornien.

An der vierten Wand stehen drei Automaten. An einem gibt es Kaffee, Cappuccino und solche Sachen, am anderen Wasser und Saft und am dritten Snacks. Charlie drückt ein paar Nummern und gibt eine Runde San Pellegrino aus. Charlie trinkt nur Wasser mit Kohlensäure. Das ist total ihr Ding.

Eine andere von Charlies Theorien besagt, dass man unbedingt »ein Ding« haben muss. Das macht einen besonders. Sie nennt das deine »Sieben« wie ihre Lieblingsprimzahl. Eine Primzahl kann man nicht teilen, genauso wie das Ding, das nur dich ausmacht, nicht von dir getrennt werden kann. Olivias Sieben ist zum Beispiel, dass sie immer irgendetwas Violettes bei sich hat, selbst wenn es nur ihr Schlüsselband ist. Dabei hätte Olivia viel lieber ihre Haare als ihre Sieben, weil sie die über alles liebt, aber Charlie sagt, dass die Violett-Sache viel interessanter sei. Meine Sieben ist, dass ich nicht selber Auto fahre. Ich finde das zu negativ und habe Charlie das auch gesagt, aber sie hat das nicht gelten lassen. »Das macht dich besonders«, sagt sie. »Es ist toll.«

Ich habe meinen Führerschein erst zu meinem siebzehnten Geburtstag bekommen. Da hätte ich genauso gut warten können, bis ich vierzig bin. Es ist nicht so, dass ich Verantwortung scheue. Ich übernehme gerne Verantwortung. Ich bin eine gute Schülerin. Ich bin organisiert. Ich bin eine gute Freundin, meistens zumindest. Aber Auto fahren macht mich verrückt. Total. Man kann jederzeit einen Unfall bauen. Allein diese riesigen Metallpanzer, die da herumrasen und versuchen, sich gegenseitig auszuweichen. Irgendwie habe ich beim Auto fahren immer das Gefühl, dass ich das Leben der anderen Autofahrer in der Hand halte. Deshalb habe ich es einfach nicht sehr oft gemacht.

Meine Eltern haben mir aber trotzdem ein Auto gekauft. Es ist ein alter weißer Toyota von einem Arbeitskollegen meines Dads, der umgezogen ist. Wahrscheinlich haben sie gedacht, dass der Wagen eine Art Ansporn für mich wäre und ich mich dann endlich hinters Steuer setzen würde. Aber sobald ich auf dem Fahrersitz Platz nehme, bekomme ich feuchte Hände und mein Herz fängt an zu rasen. Schräg, ich weiß. Ich bin ein Teenager, Himmelherrgott noch mal! Auto fahren sollte eine der Sachen sein, die ich am liebsten mache. Freiheit, Flucht, Unabhängigkeit. Schon kapiert, keine Angst. Aber für mich ist das nicht aufregend, sondern einfach nur schrecklich.

An der rechten Fensterseite sitzen ein paar Abschlussschüler. Eine Dorothy, die seit der sechsten Klasse Dorky genannt wird – bekloppt, ich weiß –, und Len, was mich völlig überrascht. Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals pünktlich war. Und außerdem, ist er nicht von der Schule geflogen? Charlies Gerüchteküche stimmt zwar nicht immer ganz, aber normalerweise entsprechen rund zehn Prozent der Wahrheit.

»Hallo.« Ich winke Dorothy. Len grinst mich an, als hätte ich gerade ihn begrüßt.

»Er ist voll die Pest«, flüstert Charlie mir zu. Dann schaut sie auf. »Warum, bitte schön, haben sie dich nicht rausgeworfen?«, fragt sie laut und deutlich.

»Wen, mich?« Len lässt seine Arme zur Seite fallen. Jetzt sieht man ein lilafarbenes Shirt mit einem gelben Blitz. Das ist noch was über Len: Er hat immer Langarmshirts an, sogar im Sommer. Sehr seltsam.

Er neigt den Kopf zur Seite, und eine braune Locke rutscht über seine Stirn. Er hat diesen Lockenmopp, mit dem er halb wie ein verrückter Professor und halb wie ein klassischer Schulabbrecher aussieht. Ich glaube, das einzig Gute an ihm sind seine Augen. Sie sind groß und blau und rund wie ...

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