Logo weiterlesen.de
Zerbrechliches Glück

1. KAPITEL

Laura erholte sich in einem Hotelzimmer des „Fürstenhofs“ nur langsam von ihrer schweren Lungenentzündung, die sie sich im Wald zugezogen hatte. Auf Anweisung von Direktor Saalfeld wurde der Kranken jeder Wunsch von den Augen abgelesen, und so wurde Laura verwöhnt wie selten in ihrem Leben. Auch ihre beste Freundin Tanja kümmerte sich rührend um sie. Heute brachte Tanja Lauras Post. Neben Rechnungen und Werbung war ein Brief von Wolf Hinrichsen aus Lübeck darunter. Seine Firma hieß „Schokoladen“. Laura überflog das Geschriebene.

„Hinrichsen will sich mit mir treffen!“, meinte sie schließlich. „Er will mit mir über das Rezept für den ‚Süßen Kuss‘ reden. Dabei verkauft der nur Billigschokolade für den Grabbeltisch … Der kriegt mein Rezept niemals!“ Und damit zerknüllte sie den Brief und warf ihn direkt in den Mülleimer. Tanja beobachtete sie mit einem kritischen Ausdruck im Gesicht.

„Aber Laura! Du könntest reich werden!“, sagte sie.

„Will ich doch gar nicht“, entgegnete die Freundin.

„Was willst du dann?“, fragte Tanja verständnislos.

„Wieder gesund werden, so schnell wie möglich. Und dann kümmere ich mich wieder selbst um meinen Laden. Und um meine Pralinen.“

Laura konnte nicht ahnen, dass Wolf Hinrichsen längst im „Fürstenhof“ abgestiegen war und sich an Cora Franke gewandt hatte, um ihr eine hohe Summe für das Rezept zu bieten. Die PR-Managerin würde ganz sicher nichts unversucht lassen, um Laura das Familiengeheimnis zu entreißen. Aber auch Tanja fand, dass Laura sich zumindest das Angebot von Hinrichsen anhören sollte, und ergriff die Initiative.

„Laura hat Angst, Sie würden ihren ‚Süßen Kuss‘ zu Spottpreisen im Supermarkt verscherbeln“, erklärte das Zimmermädchen dem Schokoladenfabrikanten. Der schüttelte sofort den Kopf.

„Unsinn! Das würde ich nie machen! Diese Kunstwerke müssen besonders vermarktet werden“, erklärte er charmant. Tanja dachte nach und schließlich verriet sie Hinrichsen, wo Frau Mahler zu finden wäre.

Xaver stand in der Küche und machte Wasser heiß, während er vor sich hin pfiff. Als Robert in die Küche kam, bemerkte er den Pagen und wurde sogleich ungehalten.

„Können Sie mir verraten, was das werden soll? Seit wann machen Sie sich Ihren Tee in meiner Küche?“, fuhr er den Pagen an. Doch der blieb die Ruhe selbst.

„Das Wasser kommt in die Wärmflasche, die ich dann gleich zu Laura bringe.“

„Ach, sind Sie hier als Krankenpfleger beschäftigt?“, frotzelte Robert.

„Ich handle nur im Auftrag von Herrn Hoffmann. Wenn Sie ein Problem haben, können Sie sich gerne bei ihm beschweren“, erklärte Xaver. Roberte lächelte gequält und kümmerte sich dann wieder um sein Essen. Während Xaver darauf wartete, dass sein Wasser kochte, fragte Robert auf einmal:

„Was ist denn nun mit Ihnen und Marie? Ist wirklich alles aus?“ Xaver verzog keine Miene, und Robert begann den Mitleidigen zu spielen.

„Wie schade. Marie war doch praktisch schon in Köln. Und trotzdem haben Sie es vermasselt! Hatten Sie nicht sogar schon eine Wohnung gemietet?“ Xaver nahm das Wasser vom Herd und schüttete es langsam in die Wärmflasche. Dann antwortete er.

„Machen Sie sich mal keine Gedanken um Marie und mich.“

„Ich mache mir nur Sorgen, und zwar um Sie, Xaver …“, entgegnete Robert süffisant. Doch Xaver blieb gelassen.

„Nicht nötig. Es gibt auch noch andere Frauen unter der Sonne. Wenn Sie Marie weiter vergeblich hinterherlaufen wollen – nur zu!“ Robert war das Lächeln vergangen.

„Das verstehe ich nicht. Wenn Marie Ihnen egal ist – warum sind Sie dann in den ‚Fürstenhof‘ zurückgekommen?“, hakte er nach.

„Sie werden’s nicht glauben, aber ich muss Geld verdienen. Und das geht nun mal am besten mit Arbeit.“ Mit diesen Worten nahm er die Wärmflasche und verließ die Küche.

Laura lag zitternd im Bett. Das Fieber machte ihr noch immer zu schaffen, und ihre Füße wollten einfach nicht warm werden. Da klopfte es an der Tür. Xaver trat ein.

„Ich wollte gerade ein bisschen schlafen“, stöhnte Laura. Aber der Page ließ sich nicht beirren.

„Schau mal, was ich für dich habe“, lächelte er und hielt ihr eine Wärmflasche entgegen. „Mit lieben Grüßen von Herrn Hoffmann. Laura war überrascht und gerührt zugleich. Ihr Ex-Verlobter hatte Xaver noch ein Geschenk für sie mitgegeben – warme Socken aus Schafwolle. „Vermisse dich sehr. Dein treuloser Zuckerkeks“, stand auf der beiliegenden Karte. Laura musste lachen, fing jedoch gleich wieder an zu husten. So wollte Lars sich also wieder in ihr Herz schleichen. Natürlich erinnerte er sich daran, dass sie schon immer unter kalten Füßen gelitten hatte. Die Idee, ihr eine Wärmflasche und die Socken bringen zu lassen, war reizend – aber so leicht ließ sie sich nicht mehr um den Finger wickeln. Da konnte Lars ihr einen ganzen Laster mit Socken schenken!

Hildegard war gerade damit beschäftigt, einem Lieferanten eine Kiste mit Gemüse abzunehmen, als Wolf Hinrichsen vor ihr auftauchte. In der Hand hielt er einen riesigen Blumenstrauß, den Hildegard sofort bemerkt hatte.

„Ist der für mich? Oder für Frau Franke?“, fragte sie in Anspielung an Hinrichsens Gespräch mit Cora Franke, das ihr nicht entgangen war. Seit Wolf Hinrichsen im Hotel abgestiegen war, hatte Hildegard ein Auge auf ihn geworfen. Die beiden kannten sich gut aus Teenagerzeiten, denn sie hatten damals den Tanzkurs zusammen besucht. Gleich an seinem ersten Abend hatte Wolf Hinrichsen Hildegard zu einem gemeinsamen Abendessen eingeladen – sie schwelgten in Tanzschulerinnerungen. Hildegard war mehr als angetan von den Komplimenten und Geschenken, mit denen Wolf Hinrichsen sie bedachte. Zuletzt hatte er sie mit einigen „Süßen Küssen“ zu erfreuen gewusst und damit den Unmut von Alfons geweckt. Doch diesmal musste Wolf Hinrichsen sie enttäuschen.

„Tut mir Leid, weder noch“,antwortete er. „Ist was Geschäftliches. Genau wie der Besuch von Frau Franke. Sie wollte nur wissen, ob ich mit dem Hotel zufrieden bin.“ Hildegard machte Anstalten, mit ihrer Kiste zurück ins Hotel zu gehen, aber Wolf Hinrichsen hielt sie zurück.

„Sag bloß, du bist eifersüchtig?“

„Quatsch! Wie kommst du denn darauf?“, reagierte Hildegard empört. Doch er ließ nicht locker.

„Vielleicht hätte ich das damals auch versuchen sollen … Dich eifersüchtig zu machen. Aber für solche Tricks war ich zu jung. Außerdem gab es im ganzen Tanzkurs kein Mädchen, das dir auch nur annähernd das Wasser hätte reichen können“, sagte er überaus charmant. Jetzt musste Hildegard schmunzeln.

„Ich glaube dir kein Wort“, antwortete Hildegard lächelnd.

„Solltest du aber, denn du warst die Schönste von allen.“ Und nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „Und du bist es immer noch.“ Hildegard wollte seine Komplimente abtun und weitergehen, aber er hielt sie noch einmal auf und fragte sie:

„Sag mal, hättest du Lust, heute Abend mit mir ins Casino zu gehen?“

„Ins Casino?“, wiederholte Hildegard, und ihre Verwunderung war ihr deutlich anzumerken. „Ich überlege es mir“, sagte sie dann. Nachdem Wolf gegangen war, musste sie immer noch über den alten Charmeur schmunzeln.

Xaver war kaum gegangen, da klopfte es wieder an Lauras Tür. Sie sah zunächst nichts weiter als einen riesigen Blumenstrauß. Ein fremder Mann betrat den Raum und stellte sich als Wolf Hinrichsen vor. Laura machte ein abweisendes Gesicht.

„Wer hat Ihnen gesagt, wo ich bin?“, wollte sie wissen.

„Die Hotelleitung war so nett, mir weiterzuhelfen“,behauptete er. „Ich hoffe, Sie sind deswegen nicht böse?“ Sie sah ihn verärgert an.

„Ich weiß, Sie wollen mein Rezept“, meinte sie kalt. „Vergessen Sie’s! Das werde ich Ihnen nicht verraten! Niemals!“ Trotz dieser Abfuhr blieb Wolf Hinrichsen freundlich. Er verabschiedete sich höflich und äußerte die Hoffnung, mit Laura über die Kunst der Confiserie plaudern zu dürfen, sobald es ihr wieder besser ginge. Sie kochte innerlich vor Wut. Als der aufdringliche Schokoladenfabrikant endlich verschwunden war, griff sie sofort zum Telefon:

„Alexander! Ich bin’s, Laura! Ich wollte dich ganz kurz was fragen. Gerade war dieser Schokoladenfritze bei mir, dieser Hinrichsen! Wie kommst du dazu, mir diesen Kerl auf den Hals zu hetzen?“ Alexanders Stimme klang ehrlich überrascht:

„Wie? Ich verstehe kein Wort.“ Aber dann wurde sein Ton angespannt. „Tut mir Leid, ich habe jetzt keine Zeit für so was. Bitte rufen Sie später noch einmal an.“ Damit legte er auf. Laura starrte wütend das Telefon an. Er konnte nicht sprechen, Katharina war bei ihm, klar. Ihr trauriger Blick wanderte zu den wollenen Socken, die Lars ihr geschenkt hatte. Als könnte sie dort einen Trost finden …

Lauras Anruf hatte Alexander wirklich durcheinander gebracht. Er war im Stall mit Katharina, die beiden waren gerade von einem Ausritt zurückgekommen, den sie zusammen unternommen hatten. Endlich hatte Alexander dafür einmal Zeit gefunden. Alexander fand es unglaublich, wie sicher seine Verlobte trotz ihrer Blindheit im Sattel saß. Kurz bevor sein Handy geklingelt hatte, hatte Katharina vorgeschlagen, Laura gemeinsam einen Krankenbesuch abzustatten – er hatte sich herausgewunden, indem er behauptete, keine Zeit zu haben und die Ansteckung zu fürchten. Dann hatte Katharina angekündigt, dass sie lieber in Südafrika heiraten würde als im „Fürstenhof“.

„Weit weg von hier … Damit du auf andere Gedanken kommst“, hatte sie vorgeschlagen. „Stell dir vor, die Sonne, Palmen … Und du brauchst wirklich mal eine Auszeit von dem ganzen Stress hier.“ Vermutlich hatte Katharina sogar Recht. Aber seiner Mutter war im Augenblick eine so strapaziöse Reise nicht zuzumuten, die Chemotherapie setzte ihr schon genug zu; das musste auch seine Verlobte einsehen. Vielleicht sollten sie die Hochzeit noch einmal verschieben, bis es Charlotte wieder besser ging. Katharina wirkte enttäuscht, als sie das hörte. Aber als er sie liebevoll in den Arm nahm, versprach sie, darüber nachzudenken. Schließlich rührten sie Charlottes Strapazen ebenso wie Alexander.

„Wollen wir dann zurück ins Hotel?“, fragte Alexander, als die Pferde versorgt waren. Katharina schüttelte den Kopf. Sie wollte noch ein bisschen bei ihrer Stute Thalia bleiben. „Aber wie kommst du zurück?“

„Mach dir keine Sorgen“, entgegnete sie. „Ich komme schon klar. Zur Not hilft mir Andreas.“ Ihr Verlobter gab ihr einen Kuss auf die Wange und machte sich auf den Weg zum Hotel. Er bemerkte nicht, dass Katharina ihm verzweifelt hinterherblickte – Schmerz und Eifersucht standen in ihren Augen, die nichts weniger waren als blind.

Was sollte sie tun? Sie ahnte nur zu gut, wer bei dem hektischen Telefonat am anderen Ende der Leitung gewesen war. Laura, die Katharina für ihre Freundin gehalten hatte. Doch seit sie herausgefunden hatte, dass Alexander sie mit der Dessertköchin betrog, war ihr klar, dass ihn nur noch das Mitleid an sie band. Deshalb spielte sie trotz ihrer Spontanheilung weiterhin die Blinde. Aber lange würde sie dieses absurde Theater nicht mehr durchhalten können. Es strengte sie schon so lange an, immer darauf achten zu müssen, sich nicht zu verraten. Wenn sie einige Zeit allein war, fiel es ihr besonders schwer, sich wieder umzustellen, sobald sie jemandem begegnete. Sie wunderte sich selbst, wie lange sie das schon durchhielt.

Mit kräftigen Bewegungen striegelte sie ihr Pferd. Es tat gut, sich einmal nicht hilflos geben zu müssen. Da hörte sie plötzlich ein klirrendes Geräusch. Sie fuhr herum und sah, wie Andreas zwei Tellereisen in den Stall trug. Katharina versteckte sich hinter Thalia und beobachtete, wie der Stallmeister die brutalen Fallen ausprobierte, indem er die Bügel spannte und zuschnappen ließ.

„Was war das für ein Geräusch?“, rief sie und fiel sofort wieder in die Rolle der Blinden. Andreas erschrak sichtlich, als er begriff, dass er nicht allein im Stall war.

„Das war nur mein Hammer“,log er.„Er ist mir runtergefallen.“

„Ein Hammer? Hörte sich das nicht eher an wie eine zuschnappende Falle?“ Der Stallmeister musterte sie misstrauisch.

„Tut mir Leid, aber da haben Sie falsch gehört.“ Katharina wollte widersprechen. Es war unglaublich, wie dreist Andreas ihr ins Gesicht log. Aber wenn sie insistierte, würde er womöglich erkennen, dass sie gar nicht blind war. Mit Hilfe ihres Blindenstocks tastete sie sich aus dem Stall. Aber sie wollte die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen und erzählte abends Alexander von ihrer Entdeckung.

„Vorhin im Stall, da ist Andreas gekommen, und ich schwöre dir: Er hat eine Tierfalle dabei gehabt! Dieses harte Klacken – das war eindeutig das Zuschnappen von einem Tellereisen! Natürlich hat er alles abgestritten! Aber ich bin ganz sicher, dieser brutale Kerl stellt heimlich Fallen auf!“ Ihr Verlobter wirkte skeptisch.

„Und du glaubst wirklich, dass das eine Falle war? Ich meine, du hast nur ein Geräusch gehört …“, meinte er zögernd. Katharina unterbrach ihn voller Wut:

„Aber gesehen habe ich nichts, das meinst du doch?“

„Bitte, beruhige dich“, hielt Alexander dagegen. „Ich werde mit dem Burschen reden.“ Aber seine Verlobte war nicht mehr zu besänftigen.

„Vergiss die Sache“, sagte sie bitter. „Wir wollen doch nicht, dass du dich wegen deiner behinderten Verlobten vor dem Stallburschen lächerlich machst!“ Und damit verschwand sie ins Bad und schlug die Tür hinter sich zu. Alexander sah ihr bedrückt hinterher.

Alfons gab dem Pagen gerade Anweisungen für die Ankunft alter Stammgäste, als er Hildegard kommen sah, frisch geschminkt und sichtlich in Eile.

„Du bist ja richtig rausgeputzt. Wo willst du denn hin?“, fragte er sie.

„Wolf hat mich eingeladen, mit ihm auszugehen“, entgegnete sie gut gelaunt.

„Wie? Schon wieder? Zum zweiten Mal?“, wollte Alfons wissen und erhielt prompt die Antwort.

„Ja, wir gehen ins Casino! In der Tiefkühltruhe sind noch Pizzas. Such dir eine aus, Marie wird sie dir bestimmt in den Ofen schieben.“ Mit diesen Worten ließ sie Alfons einfach stehen und eilte davon. Er blickte seiner Frau nachdenklich hinterher.

Marie hatte Feierabend und ging nach Hause. Überrascht sah sie ihren Vater, der wie ein Wilder Holz hackte, er war schon ganz nass geschwitzt. Er musste also schon eine ganze Weile damit beschäftigt sein. Marie ging verwundert auf ihn zu.

„Hallo Papa! Warum hackst du denn jetzt noch Holz?“, fragte sie ihn.

„Warum nicht?“, antwortete er abweisend. Marie merkte, dass ihr Vater wohl wenig Lust auf ein Gespräch hatte, aber sie fragte noch nach ihrer Mutter. Alfons’Antwort fiel so barsch aus, dass Marie deutlicher wurde.

„Papa! Nun sag schon, was ist los?“ Alfons unterbrach endlich seine Hackerei und sah sie völlig außer Atem an.

„Deine Mutter ist mit ihrem neuen Schwarm unterwegs. Eigentlich ja ihr alter. Du weißt schon, dieser Wolf Hinrichsen. Du hättest sie mal sehen sollen. Die war aufgedreht wie ein Teenager!“ Marie versuchte sogleich, ihn zu beschwichtigen.

„Ach komm, jetzt mach dir mal keine Sorgen.“ Doch darauf ging Alfons nicht ein.

„Bin gespannt, wann sie wiederkommt. Wenn sie überhaupt wiederkommt … Weißt du, wo sie ist? Im Casino!“ Marie war überrascht und beeindruckt. Dort hätte sie ihre Mutter nun auch nicht vermutet. Alfons fuhr fort.

„Meine Hildegard am Roulettetisch – das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen!“ Marie versuchte, ihn zu beruhigen.

„Jetzt mach’ dir nicht so viele Gedanken. Ich koche uns was Schönes. Dann sieht die Welt schon anders aus.“ Alfons dachte sofort an Hildegards Kommentar zum Essen.

„Mutter hat was von einer Pizza gesagt.“

Marie verdrehte die Augen und versprach, etwas anderes zu zaubern als Pizza. Als sie sich auf den Weg ins Haus machte, sagte Alfons noch: „Mach’ dir keine Mühe. Ich habe keinen Hunger.“ Doch Marie ließ sich nicht von ihrem Vorhaben abbringen und rief ihm zu: „Der kommt schon.“

Sie überlegte nicht lange und kochte eine leckere Gemüsesuppe. Als sie fertig war, ging sie nach draußen, um Alfons Bescheid zu sagen, der immer noch Holz hackte. Sie war sich sicher, dass er spätestens jetzt Hunger wie ein Bär haben musste. Doch Alfons stellte den Hackklotz zur Seite und setzte sich erschöpft auf die Bank.

„Tut mir Leid. Ich bin immer noch nicht hungrig“, sagte er. Marie versuchte witzig zu sein.

„Hast du Angst, dass Mama unser Haus verspielt?“ Aber Alfons war nicht nach Lachen zumute.

„Mir doch egal, was deine Mutter treibt. Ich finde es einfach nur lächerlich, wie sie sich benimmt. Casino! Roulette! Und das in ihrem Alter!“ Marie ahnte, was dahinter steckte.

„Was heißt hier‚ in ihrem Alter‘? Gib doch zu, dass du eifersüchtig bist!“ Ihr Vater reagierte empört.

„Quatsch! Eifersucht – das ist doch nur was für junge Leute!“ Aber Marie ließ nicht locker.

„Tut mir Leid, Papa, aber das ist Blödsinn! Bei Eifersucht und Liebe spielt das Alter keine Rolle.“ Alfons grummelte nur halb verständlich „Du scheinst dich ja auszukennen“, und starrte dann finster vor sich hin. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Dann sagte Marie:

„Mir ist auch aufgefallen, dass Mama in letzter Zeit … ein bisschen kratzbürstig ist. Vielleicht will sie einfach nur etwas mehr Aufmerksamkeit von dir?“ Das schien ihr Vater nicht zu verstehen, und so redete Marie weiter.

„Na, dieser Hinrichsen, der ist charmant, geht mit ihr aus und macht ihr Komplimente! Ist doch klar, dass Mama das gefällt!“ Das wollte Alfons nun gar nicht hören.

„Dieser Gockel“, rief er aus.

„Immerhin gibt dieser Gockel Mama das Gefühl, attraktiv zu sein und … geliebt zu werden.“ Empört antwortete Alfons.

„Was soll das denn heißen? Ich liebe deine Mutter, das weißt du genau!“ Aufgebracht sprach er weiter. „Hildegard kennt mich! Sie muss doch wissen, was ich für sie fühle.“ Doch Marie ließ nicht locker.

„Aber über ein paar Blumen ab und zu würde sie sich bestimmt auch freuen.“ Alfons schüttelte nur den Kopf.

„Mein Gott, ich mach’ doch nicht den Hampelmann für sie! Soll sie doch zu diesem Hinrichsen gehen. Ich bleib’ so, wie ich bin. Und wenn das deiner Mutter nicht gut genug ist, dann hab’ ich eben Pech.“ Marie seufzte auf. Wie konnte ihr Vater nur so stur sein!

„Mensch, Papa … Mama liebt dich über alles. Die will dir nur einen Denkzettel verpassen!“, versuchte sie ihn zu überzeugen. Doch Alfons ließ sich nicht darauf ein, er war zu gekränkt.

„Ich weiß überhaupt nicht mehr, was sie will und was nicht!“ So hatte Marie ihren Vater lange nicht erlebt, es tat ihr Leid, ihn so zu sehen und sie umarmte ihn liebevoll. Dann sagte sie beschwichtigend:

„Jetzt reicht’s aber, Papa. Komm, wir gehen rein und essen was! Alfons nickte müde, aber er folgte ihr ins Haus.

Mithilfe der Wärmflasche und der Socken waren Lauras Füße langsam wieder warm geworden. Entspannt lag sie in den Kissen und träumte vor sich hin. Es war komisch; eigentlich hatte sie im Bett schon immer gefroren. Nur mit Lars nicht – dann war es immer mollig warm gewesen. Selbst in ihrer ersten Nacht … In Lauras altem Bett von ihrer Oma … Mitten im Winter und mit einer defekten Heizung – aber sie hatten sich so aneinander gekuschelt, dass ihnen nicht kalt geworden war … Eigentlich verband sie mit Lars viel mehr als mit Alexander, mit dem sie sich ja auch immer nur stritt. Das Schlitzohr von ihrem Ex-Verlobten schaffte es stattdessen immer wieder, Laura zum Lachen zu bringen. Das war doch immerhin etwas! Über solchen Gedanken war Laura eingeschlafen. Erst als jemand zärtlich ihr Gesicht streichelte, wachte sie wieder auf.

„Der Zimmerservice schickt mich“, lächelte Lars. „Hier soll das Wasser in einer Wärmflasche ausgetauscht werden.“ Laura strahlte ihren Verlobten an und bat ihn, ihr ein wenig Gesellschaft zu leisten. Überrascht und erfreut kam Lars ihrem Wunsch nach und setzte sich zu ihr. Er zeigte auf einen Teller mit Zwieback:

„Darf ich einen?“, fragte er Laura, die überrascht antwortete:

„Seit wann bist du denn so wild auf dieses trockene Zeug?“

„Man muss eben nehmen, was man kriegen kann“, entgegnete er.

„Gilt das auch für deine Affäre mit Cora?“, wollte Laura wissen. Lars lächelte etwas hilflos.

„Bist du mir etwa noch böse deswegen?“, fragte er nach einer Weile.

Laura seufzte. Dann schüttelte sie den Kopf. „Es interessiert mich nur, wie du ausgerechnet mit der was anfangen konntest. Aber vergiss es! Eigentlich geht es mich ja gar nichts an.“ Es entstand eine Pause.

Dann meinte er: „Ich war auch nicht immer glücklich mit dem, was du so gemacht hast … Zum Beispiel, als du einfach sang- und klanglos nach Bayern gefahren bist, ohne mir eine Chance gegeben zu haben, meinen Fehler wieder gutzumachen.“ Sie sah ihn nachdenklich an.

„Okay“, erwiderte sie schließlich. „Wir haben uns gegenseitig enttäuscht. Aber findest du nicht, dass wir dieses Beziehungsgequatsche endlich lassen sollten?“ Lars lächelte.

„Wenn du meinst … Schluss mit den alten Geschichten. Jetzt ist erst mal wichtig, dass du wieder auf die Beine kommst.“ Er verabschiedete sich von ihr mit einem Kuss auf die Wange und versprach, sie wieder zu besuchen.

2. KAPITEL

Am nächsten Morgen lag Alexander noch im Bett, als er von einer völlig aufgelösten Katharina wachgerüttelt wurde.

„Alexander! Bitte, wach’ auf! Schnell, du musst mir helfen!“ In ihrem Gesicht stand die blanke Panik. Alexander hatte sich im Bett aufgerichtet. „Thalia ist verschwunden! Ich wollte noch einmal mit Andreas reden – wegen der Fallen. Aber im Stall war keine Spur von ihm. Thalia war nicht in ihrer Box. Ich bin auf die Koppel gegangen und habe nach ihr gerufen. Sie kommt immer, wenn ich sie rufe, das weißt du! Irgendetwas stimmt da nicht. Wenn sie aus der Koppel gelaufen ist – und jetzt in einer dieser mörderischen Fallen steckt?“ In großer Eile zog Alexander sich an. Nun war auch er ernsthaft beunruhigt.

Katharina hatte Recht gehabt. Er entdeckte ihre Stute weder im Stall noch auf der Koppel. Aber er fand in der Sattelkammer den Stallmeister. Andreas reagierte ungläubig, als Alexander ihn auf Thalias Verschwinden ansprach. Er habe das Pferd frühmorgens auf die Koppel gebracht, erklärte er. Dann konfrontierte der Juniorchef ihn mit dem Verdacht, er würde Tellereisen aufstellen. Der Stallmeister widersprach vehement, aber Alexander blieb misstrauisch.

„Hier werden keine Fallen aufgestellt! Das wäre eine Riesenschweinerei. Und außerdem auch Wilderei!“, erklärte er energisch. Dann machte er sich selbst auf die Suche nach Katharinas Stute.

Marie ging zu ihrem Vater an die Rezeption. Nach ihrem Gespräch mit ihm hatte sie sich Gedanken gemacht und war der Überzeugung, dass ihr Vater die Initiative ergreifen musste. Er konnte doch nicht weiter tatenlos dem Treiben von Wolf Hinrichsen zusehen. Sie legte eine Zeitung vor ihn auf den Tresen.

„Diese Zeitung habe ich extra für dich besorgt, jetzt musst du dir nur noch etwas aussuchen. Da stehen jede Menge tolle Veranstaltungen drin, die Mama bestimmt Spaß machen.“ Alfons reagierte verwundert.

„Du meinst …?“

„Ja, führ’ sie endlich mal wieder schön aus. So etwas mögen wir Frauen …“, sagte Marie. Alfons war gerührt.

„Ach, Mariechen …Wie schnell du doch groß geworden bist …“, seufzte er. Marie erwiderte seinen liebevollen Blick, ließ sich aber nicht von ihrem eigentlichen Anliegen ablenken und zeigte auf die Zeitung. Alfons wand sich unter dem Vorwand, dass er ja nicht bei der Arbeit in der Zeitung blättern könnte, aber Marie gab nicht auf. Alfons war jetzt belustigt über die Hartnäckigkeit seiner Tochter, und er begann den Veranstaltungskalender zu überfliegen.

„Was meinst du, was sie wohl mag? Vielleicht etwas in der Art ‚Komödiantischer Abend‘?“ Marie reagierte entsetzt auf diesen Vorschlag und erinnerte ihren Vater an ein verunglücktes Geschenk in Form einer Topfpflanze, mit der er bei Hildegard überhaupt nicht hatte landen können. Also schlug sie etwas vor.

„Hier, das Opernballett, heute Abend. Das wär’s.“ Alfons versuchte zu protestieren mit der Bitte, nicht zu den Hupfdohlen zu müssen, aber Marie blieb hart. Dann fiel ihm ein, dass er doch keine Karten mehr bekommen würde so kurzfristig, aber Marie ließ auch dieses Argument nicht gelten, sondern bat ihn, es wenigstens zu probieren. Also griff Alfons zum Hörer und erkundigte sich tatsächlich nach zwei Karten, aber als er erfuhr, wie früh das Ballett schon begann, bestellte er sie nicht. Marie war empört.

„Also, Papa, das ist eine echt dumme Ausrede!“ Alfons fühlte sich ertappt und erwiderte schuldbewusst:

„Gut, dann kümmere ich mich später darum, wenn ich weiß, wer mich vertreten kann.“

Im Hotelrestaurant traf Laura auf Wolf Hinrichsen. Er begrüßte sie ausnehmend freundlich und überredete sie, an seinem Tisch Platz zu nehmen, wo er gerade sein Frühstück zu sich nahm. Sie entschied sich nach anfänglichem Zögern für eine heiße Schokolade. Wohlwollend beobachtete Wolf Hinrichsen, wie Laura genießerisch den Duft der Schokolade einatmete, bevor sie den ersten Schluck nahm.

„Sie trinken heiße Schokolade wie andere Menschen Wein“, sagte er, und Laura war um eine Antwort nicht verlegen.

„Zartbittere Couvertüre schmelzen, Milch dazu … Ein kompletter Genuss …“, erwiderte Laura lächelnd.

„Sie haben ein geheimnisvolles Lächeln“, sagte Hinrichsen, während er Laura betrachtete. Dann fuhr er fort.

„Sie lächeln so, als ob sie noch mehr als nur ein Pralinengeheimnis verbergen.“ Laura blickte ihn sofort tadelnd an, und Wolf Hinrichsen fügte charmant hinzu:

„Ja, ich habe versprochen, nicht auf das Thema zu kommen. Aber wir sind beide Profis, und ich möchte Ihnen eine Wette vorschlagen.“ Damit öffnete er eine kleine Schachtel, in der eine Praline lag.

„Mit dieser Kreation habe ich damals meinen Durchbruch geschafft. Ab da war der Erfolg nicht mehr aufzuhalten.“ Laura stutzte.

„Aber jetzt stellt ihre Firma doch nur noch Massenware her, oder?“ Wolf Hinrichsen ging sofort auf ihre Skepsis ein.

„Ich versichere Ihnen, Ihr ‚Süßer Kuss‘ würde immer einzigartig bleiben, selbst wenn ich das Produkt in großen Mengen herstelle.“Verschmitzt erwiderte Laura:

„Sie bräuchten nur das Rezept.“

„Existiert es eigentlich auch schriftlich? Oder nur in Ihrem Kopf?“, fragte Hinrichsen geschickt beiläufig. Ohne lange nachzudenken, beantwortete Laura seine Frage.

„Meine Oma hat zum Glück alles aufgeschrieben. In ein Rezeptbuch. Sonst könnte ich mir ihre genialen Ideen nie merken.“ Kaum, dass sie diese Worte ausgesprochen hatte, merkte sie, dass sie sich verplappert hatte und versuchte es sofort zu überspielen. Betont sachlich fragte sie:

„Was für einen Tausch wollten Sie mir denn vorschlagen?“

„Sie verraten mir die Zutaten in meiner Praline. Und ich bedränge sie nicht weiter. Schmecken Sie es nicht heraus, dann …“

„… dann gebe ich Ihnen das Rezept für die ‚Süßen Küsse‘ …“ vervollständigte Laura seinen Satz. Sie musterten sich einen Moment wie Pokerspieler, dann ging Laura auf den Vorschlag ein.

„Eigentlich bin ich zwar keine Spielerin, aber das kann ich riskieren, weil ich es sicher herausschmecken werde.“ Wolf Hinrichsen war überrascht.

„Sie sind sich ihrer Sache sehr sicher.“

„Ich hatte die beste Lehrmeisterin der Welt – meine Oma“, entgegnete Laura charmant. Mit diesen Worten nahm sie eine Praline und begann die Verkostung.

„Sehr gut, muss ich sagen. Raffiniert“, war ihr erster Kommentar. Wolf Hinrichsen gab sich bescheiden.

„Mit ihrem „Süßen Kuss“ kann sie allerdings nicht mithalten.“ Laura wog den Kopf, während sie sich weiter auf den Geschmack der Praline konzentrierte. Dann versuchte Hinrichsen, sie zu provozieren.

„Bin schon gespannt auf das Rezept.“ Doch Laura antwortete nur übermütig:

„Abwarten … schmeckt nach Kakaobutter, Kirschgeist, einem Hauch spanischer Vanille und … und …“, sie ließ sich Zeit, und Wolf wartete gespannt, wie die Wette ausgehen würde. Dann war er sich seines Sieges sicher:

„Sie wissen es nicht … Also, was ist in Ihren ‚Süßen Küssen‘?“ Laura konzentrierte sich weiter und sagte nur:

„Mandelmousse. Die vierte Zutat ist Mandelmousse.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Zerbrechliches Glück" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen