Logo weiterlesen.de
Zerbrechlich

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Zitat
  9. Prolog
    1. Charlotte
  10. Teil I
    1. Rezept
    2. Amelia
    3. Sean
    4. Charlotte
    5. Sean
    6. Marin
    7. Piper
    8. Charlotte
  11. Teil II
    1. Rezept
    2. Charlotte
    3. Piper
    4. Amelia
    5. Marin
    6. Sean
    7. Charlotte
    8. Sean
    9. Amelia
    10. Rezept
    11. Marin
    12. Piper
    13. Sean
    14. Amelia
    15. Piper
    16. Charlotte
    17. Marin
    18. Amelia
    19. Charlotte
    20. Amelia
  12. Teil III
    1. Rezept
    2. Charlotte
    3. Sean
    4. Marin
    5. Sean
    6. Amelia
    7. Piper
    8. Marin
    9. Rezept
    10. Charlotte
    11. Sean
    12. Amelia
    13. Charlotte
    14. Marin
    15. Sean
    16. Amelia
    17. Charlotte
    18. Amelia
    19. Piper
    20. Marin
    21. Charlotte
  13. Teil IV
    1. Rezept
    2. Marin
    3. Charlotte
    4. Piper
    5. Marin
    6. Sean
    7. Charlotte
    8. Amelia
    9. Sean
    10. Marin
    11. Piper
    12. Charlotte
    13. Amelia
    14. Sean
    15. Charlotte
    16. Amelia
    17. Rezept
    18. Charlotte
    19. Amelia
    20. Piper
    21. Sean
    22. Amelia
    23. Charlotte
    24. Piper
    25. Charlotte
    26. Marin
    27. Amelia
    28. Sean
    29. Amelia
    30. Marin
    31. Amelia
    32. Charlotte
    33. Piper
    34. Charlotte
    35. Rezept
    36. Willow
    37. Rezept
  14. Danksagung
  15. Anmerkung der Autorin

Über dieses Buch

Willow, ihr lang ersehntes Kind, ist perfekt. Das ist das Erste, was Charlotte O’Keefe hört, als sie ihr Baby auf dem Ultraschallbild sieht. Ja, es ist perfekt. Daran ändert auch Willows Krankheit nichts. Charlotte liebt ihr Kind abgöttisch und will nur eins: es beschützen. Denn Willow braucht allen Schutz der Welt. Beim kleinsten Stoß brechen ihre Knochen. Jedoch auch ihr Herz kann brechen. Das scheint Charlotte zu vergessen, als sie vor Gericht das Geld für die richtige Behandlung erkämpfen will. Die Krankheit hätte früh erkannt und die Eltern gewarnt werden können. Charlotte muss jedoch behaupten, ihr geliebtes Kind sei besser nie geboren worden ...

Über die Autorin

Jodi Picoult, geboren 1967 auf Long Island, studierte in Princeton Creative Writing und in Harvard Erziehungswissenschaften. Seit 1992 schreibt sie mit sensationellem Erfolg Romane. Sie wurde für ihre Werke vielfach ausgezeichnet, beispielsweise mit dem New England Bookseller Award. Ihre Romane erscheinen in 35 Ländern. Jodi Picoult gehört zu den erfolgreichsten und beliebtesten amerikanischen Erzählerinnen weltweit. Sie lebt zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Hanover, New Hampshire.

Jodi Picoult

Zerbrechlich

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von
Rainer Schumacher

Für Marjorie Rose,

die Blumen auf der Bühne erblühen lässt,

mich auf der anderen Seite der Welt mit Pflanzen versorgt

und die weiß, dass man ohne eine Blume im Haar

nie wirklich angezogen ist.

BFFI

Und? Hast du bekommen,

was du vom Leben gewollt hast? Trotz allem?

Ich ja.

Und was hast du gewollt?

Mich geliebt zu nennen, mich auf der Welt

geliebt zu fühlen.

RAYMOND CARVER, ›FRAGMENT‹

Prolog

Charlotte

14. Februar 2002

Ständig brechen oder zerbrechen irgendwelche Dinge. Gläser, Geschirr und Fingernägel. Autos, Schallplatten und Kartoffelchips. Man kann ein Pferd brechen oder einen Vertrag. Man kann das Eis brechen. Stimmen brechen; Schweigen wird gebrochen, und Tag und Nacht brechen an.

In den letzten beiden Monaten meiner Schwangerschaft habe ich mir eine Liste all dieser Dinge gemacht in der Hoffnung, es würde deine Geburt einfacher gestalten.

Versprechen werden gebrochen.

Und Herzen.

In der Nacht vor deiner Geburt habe ich mich im Bett aufgesetzt, um der Liste etwas hinzuzufügen. Ich kramte im Nachttisch nach Stift und Papier, doch Sean legte seine warme Hand auf mein Bein. Charlotte?, fragte er. Ist alles in Ordnung?

Bevor ich ihm darauf antworten konnte, zog er mich in die Arme, drückte mich an sich, und ich schlief friedlich ein. Was ich niederschreiben wollte, war vergessen.

Erst Wochen später, als du schon da warst, fiel mir wieder ein, welcher Gedanke mich in jener Nacht geweckt hatte: Verwerfungen. Das sind die Stellen, an denen die Erde auseinanderbricht. Das sind die Stellen, wo Erdbeben entstehen und Vulkane geboren werden. Oder anders gesagt: Die Welt zerbröckelt unter uns; der feste Boden unter unseren Füßen ist Illusion.

Du bist während eines Sturms angekommen, den niemand vorausgesagt hat. Ein »Nordoster«, sagten die Meteorologen später, ein Blizzard, der eigentlich nach Norden in Richtung Kanada hätte ziehen sollen, anstatt sich in einen wahren Rausch zu steigern und über der Küste Neuenglands niederzugehen. Aus den Nachrichten verschwanden die Berichte über ein Highschool-Pärchen, das sich in einem Altenheim wiedergetroffen und geheiratet hatte. Stattdessen wurde in einem fort gemeldet, wie stark der Sturm war und in welchen Gemeinden durch Vereisungen der Strom ausfiel. Amelia saß in der Küche und bastelte Valentinskarten, während ich beobachtete, wie sich über ein Meter Schnee vor der Glasschiebetür türmte. Im Fernsehen waren Bilder von Autos zu sehen, die von der Straße rutschten.

Mit zusammengekniffenen Augen schaute ich auf den Bildschirm, ob es sich bei dem Fahrer des Streifenwagens, der mit blinkendem Blaulicht hinter einem umgestürzten Fahrzeug stand, um Sean handelte.

Ein lauter Knall an der Schiebetür ließ mich erschrocken zusammenzucken. »Mami!«, schrie Amelia; auch sie hatte sich erschreckt.

Ich drehte mich gerade um, als der nächste Hagelschlag einen fingerlangen Sprung in das dicke Glas machte, aus dem rasch ein faustgroßes Netz von Rissen wuchs. »Daddy wird das später wieder in Ordnung bringen«, sagte ich.

Das war der Augenblick, in dem meine Fruchtblase platzte.

Amelia schaute zwischen meine Füße. »Dir ist da was passiert.«

Ich tappte zum Telefon, und als Sean nicht ans Handy ging, rief ich in der Zentrale an. »Ich bin die Frau von Sean O’Keefe«, sagte ich. »Bei mir haben die Wehen eingesetzt.« Der Diensthabende sagte, er werde einen Krankenwagen schicken, aber es könne eine Weile dauern; aufgrund der vielen Autounfälle seien alle unterwegs.

»Ist schon okay«, sagte ich und erinnerte mich, wie lange ich mit deiner Schwester in den Wehen gelegen hatte. »Vermutlich habe ich ohnehin noch Zeit.«

Plötzlich überfiel mich eine derart starke Wehe, dass ich mich zusammenkrümmte und den Hörer fallen ließ. Amelia starrte mich mit aufgerissenen Augen an. »Alles in Ordnung, Liebling«, log ich und lächelte, bis mir die Wangen schmerzten. »Mir ist nur das Telefon runtergefallen.« Ich griff nach dem Hörer, und diesmal rief ich Piper an, der ich jetzt am ehesten zutraute, mich zu retten.

»Du kannst noch keine Wehen haben«, erklärte sie im Brustton der Überzeugung, obwohl sie es natürlich besser wusste – sie war nicht nur meine beste Freundin, sie hatte auch mit mir an dem Geburtshilfekurs teilgenommen. »Der Kaiserschnitt ist erst für Montag angesetzt.«

»Ich glaube nicht, dass das Baby darüber informiert worden ist«, keuchte ich und biss die Zähne zusammen, weil schon wieder eine Wehe kam.

Piper sprach nicht aus, was wir beide dachten: dass ich dich nicht auf natürliche Weise zur Welt bringen durfte. »Wo ist Sean?«

»Ich … ich weiß nicht … oh, Piper!«

»Atme«, sagte Piper instinktiv, und ich begann zu keuchen, ha-ha-hi-hi, wie ich es gelernt hatte. »Ich werde Gianna anrufen und ihr sagen, dass wir auf dem Weg sind.«

Gianna war Dr. Del Sol, die Spezialistin, die ich vor knapp acht Wochen auf Pipers Bitte hin hinzugezogen hatte. »Wir?«

»Wolltest du etwa selber fahren?«

Fünfzehn Minuten später hatte ich deine Schwester bestochen, das Fragen sein zu lassen, indem ich sie auf die Couch setzte und Blau und Schlau einschaltete. Ich habe mich neben sie gesetzt, in Vaters Wintermantel, denn ein anderer passte mir nicht mehr.

Als damals bei Amelias Geburt die Wehen einsetzten, stand die gepackte Tasche bereits neben der Tür. Ich hatte einen Geburtsplan und eine eigens zusammengestellte Musikkassette bei mir, die im Kreißsaal gespielt werden sollte. Ich wusste, es würde schmerzhaft werden, doch dafür winkte eine schier unglaubliche Belohnung: das Kind, auf das ich monatelang sehnsüchtig gewartet hatte. Darum war ich bei meinen ersten Wehen ganz aufgeregt gewesen.

Diesmal jedoch war ich wie versteinert. In meinem Bauch warst du einfach sicherer als draußen.

Dann stand plötzlich Piper in ihrem leuchtend pinkfarbenen Parka in der Tür und füllte den Raum mit ihrer selbstbewussten Stimme. »Blau und Schlau?«, sagte sie und machte es sich neben deiner Schwester bequem. »Das ist meine absolute Lieblingssendung, weißt du … nach Jerry Springer natürlich.«

Amelia. Bis dahin hatte ich noch nicht einmal darüber nachgedacht, wer auf sie aufpassen würde, während ich im Krankenhaus war, um dich zur Welt zu bringen.

»Wie weit sind sie auseinander?«, fragte Piper.

Die Wehen kamen inzwischen alle sieben Minuten. Als die nächste wie eine Flut über mich hereinbrach, krallte ich mich in die Couchlehne und zählte bis zwanzig, den Blick fest auf die Risse in der Glastür gerichtet.

Um das Zentrum hatte sich spiralförmig Reif ausgebreitet. Ein beängstigender, wenn auch schöner Anblick.

Piper nahm meine Hand. »Alles wird gut, Charlotte«, versprach sie mir, und weil ich eine Närrin war, habe ich ihr geglaubt.

Die Notaufnahme war voller Menschen, die bei Unfällen während des Sturms verletzt worden waren. Junge Männer hielten sich blutige Handtücher an den Kopf, und auf Tragen lagen jammernde Kinder. Piper führte mich an allen vorbei und in die Gynäkologie hinauf, wo Dr. Del Sol bereits im Gang auf und ab lief. Binnen zehn Minuten gab man mir eine Periduralanästhesie und fuhr mich in den Operationssaal für einen Kaiserschnitt.

Ich spielte dabei ein Spiel mit mir selbst: Wenn in diesem Gang eine gerade Zahl von Leuchtstoffröhren an der Decke hing, würde Sean noch rechtzeitig eintreffen. Wenn mehr Männer als Frauen im Aufzug waren, würde sich alles als falsch erweisen, was die Ärzte mir gesagt hatten. Ohne dass ich Piper hatte bitten müssen, hatte sie sich OP-Kleidung angezogen, um notfalls für Sean an meiner Seite einspringen zu können. »Er wird schon noch rechtzeitig kommen«, sagte sie und schaute zu mir herunter.

Der Operationssaal war kalt und metallisch. Eine Krankenschwester mit grünen Augen – das war alles, was ich zwischen Maske und Kappe von ihr sehen konnte – hob mein Krankenhaushemd hoch und rieb mir den Bauch mit Betadine ein. Als sie das sterile Abdecktuch darüberlegten, bekam ich Angst. Wenn nun mein Unterleib nicht ausreichend betäubt war und ich das Skalpell noch spüren konnte? Was, wenn du entgegen all meiner Hoffnung die Geburt nicht überleben würdest?

Plötzlich flog die Tür auf, und Sean wehte mit einem kalten Luftzug herein. Er band sich eine Maske vors Gesicht und hatte sich das OP-Hemd nur halb in die Hose gesteckt. »Warten Sie!«, rief er. Er trat an den Tisch und berührte meine Wange. »Schatz«, sagte er. »Es tut mir leid. Als ich es gehört habe, bin ich so schnell wie möglich …«

Piper tätschelte Sean den Arm. »Da ist ja das Publikum«, bemerkte sie und machte ihm Platz, doch nicht ohne mir noch mal schnell die Hand zu drücken.

Und dann war Sean an meiner Seite. Ich spürte seine warmen Hände auf meinen Schultern, und der Klang seiner Stimme lenkte mich ab, als Dr. Del Sol das Skalpell ansetzte. »Ihr habt mir eine Heidenangst eingejagt«, sagte er. »Was habt ihr beide euch nur dabei gedacht, allein zu fahren?«

»Dass wir das Kind nicht auf dem Küchenboden bekommen wollen?«

Sean schüttelte den Kopf. »Es hätte etwas Furchtbares passieren können.«

Ich spürte ein Ziehen unter dem weißen Abdecktuch. Unwillkürlich atmete ich tief ein und drehte den Kopf zur Seite. Da habe ich es dann gesehen: das vergrößerte Ultraschallbild aus der 27. Woche mit deinen sieben Knochenbrüchen, den einwärtsgebogenen Gliedern. Es ist schon etwas Furchtbares passiert, dachte ich.

Und dann hast du geschrien, obwohl sie dich so behutsam hochhoben, als wärst du aus Zuckerwatte. Du hast geschrien, doch nicht wie die normalen Neugeborenen. Du hast geschrien, als würden sie dich zerreißen. »Vorsichtig«, ermahnte Dr. Del Sol die OP-Schwester. »Sie müssen das ganze …«

Es gab ein Knacken, ein Geräusch wie beim Platzen einer Luftblase, und du hast noch lauter geschrien, was ich nicht für möglich gehalten hätte. »Oh Gott«, sagte die Krankenschwester, und ihre Stimme nahm einen hysterischen Tonfall an. »War das ein Bruch? War ich das?« Ich habe den Kopf nach dir gereckt, doch ich konnte nur deinen winzigen Mund und die feuerroten Wangen sehen.

Das Ärzteteam und die Krankenschwestern scharten sich um dich, konnten dein Weinen jedoch nicht stoppen. Ich glaube, bis zu dem Moment habe ich fest gehofft, all die Ultraschallaufnahmen und Testergebnisse wären ein Irrtum. Bis zu dem Augenblick, wo ich dich schreien hörte, habe ich Angst gehabt, ich würde dich vielleicht nicht lieben können.

Sean schaute den Ärzten über die Schulter. »Sie ist perfekt«, sagte er und drehte sich zu mir um, doch seine Worte hatten einen Nachhall, als wollte er sie von mir bestätigt wissen.

Perfekte Babys schreien nicht so laut, dass es einem das Herz zerreißt. Perfekte Babys sehen nicht nur so aus, sie sind es auch.

»Heb nicht ihren Arm hoch«, murmelte eine Krankenschwester.

Und eine Kollegin erwiderte: »Wie soll ich sie denn wickeln, wenn ich sie nicht anfassen darf?«

Und die ganze Zeit über hast du geschrien, und das in einer Tonlage, wie ich sie noch nie gehört hatte.

Willow, flüsterte ich. Das war der Name, auf den dein Vater und ich uns geeinigt hatten. Ich hatte ihn erst davon überzeugen müssen. Nein, so werde ich sie nicht nennen, hatte er gesagt. Willow heißt »Weide«, und Weiden trauern. Aber ich wollte dir eine Prophezeiung mit auf den Weg geben, den Namen eines Baumes, der sich biegt, anstatt zu brechen.

Willow, flüsterte ich erneut, und irgendwie hast du mich gehört, trotz der aufgeregten Ärzte und Schwestern, der surrenden Geräte und trotz deiner Schmerzensschreie.

Willow, sagte ich laut, und du hast den Kopf nach mir gedreht, als hätte ich dich mit dem Wort umarmt. Willow, sagte ich erneut, und du hast aufgehört zu schreien – einfach so.

Als ich im fünften Monat schwanger war, habe ich von dem Restaurant, in dem ich früher gearbeitet habe, einen Anruf bekommen. Die Mutter des Patissiers hatte sich die Hüfte gebrochen, und für den Abend war ein Restaurantkritiker des Boston Globe angekündigt. Natürlich sei es unverschämt und sicher kein guter Zeitpunkt für mich, aber ob ich nicht eben reinkommen und schnell mein Millefeuille machen könne? Das mit dem Würzschokaladeneis, den Avocados und dem Bananenbrûlée?

Ich muss zugeben, ich war egoistisch. Ich fühlte mich träge und fett, und ich wollte mir zeigen, dass ich noch zu mehr taugte, als mit deiner Schwester Karten zu spielen und Koch- und Buntwäsche auseinanderzusortieren. Also habe ich Amelia bei ihrem Babysitter gelassen und bin zu Capers gefahren.

Die Küche hatte sich in all den Jahren, da ich nicht mehr dort gewesen war, nicht verändert, nur die Speisekammer hatte der neue Chefkoch umgestaltet. Sofort räumte ich mir einen Arbeitsplatz frei und machte mich an den Blätterteig. Irgendwann mittendrin ließ ich ein Stück Butter fallen und bückte mich, um es aufzuheben, bevor jemand darauf ausrutschen konnte. Dabei war mir in aller Deutlichkeit bewusst, dass ich bei Weitem nicht mehr so beweglich in der Hüfte war wie noch vor wenigen Monaten. Ich spürte, wie du mir den Atem geraubt hast, als ich dir deinen stahl. »Tut mir leid, Schatz«, sagte ich laut und richtete mich wieder auf.

Nun frage ich mich: War das der Augenblick, wo dir die Knochen brachen? Habe ich dich verletzt, weil ich verhindern wollte, dass sich ein anderer verletzt?

Kurz nach drei in der Nacht bist du auf die Welt gekommen, aber bis zum nächsten Abend habe ich dich nicht mehr wiedergesehen. Alle halbe Stunde ging Sean, um sich von den Ärzten auf den neuesten Stand bringen zu lassen: Sie wird geröntgt. Sie nehmen ihr Blut ab. Sie glauben, es könnte auch ein Knöchel gebrochen sein. Und dann, um sechs Uhr, brachte er mir die bis dahin beste Nachricht: Typ III, sagte er. Sie hat sieben Brüche, die bereits verheilen, und vier neue, aber sie atmet normal. Ich lag im Krankenhausbett und lächelte wie blöde. Ich war sicher die einzige Wöchnerin auf der Geburtsstation, die sich über solch eine Neuigkeit freute.

Seit zwei Monaten wussten wir schon, dass du mit OI – Osteogenesis imperfecta, der so genannten Glasknochenkrankheit – geboren werden würdest, zwei Buchstaben, die unser ganzes Leben bestimmen sollten. Es handelt sich um eine Kollagenfehlbildung, die Knochen so brüchig macht, dass sie beim Stolpern, beim Umdrehen, ja sogar beim Niesen brechen können. Es gibt mehrere Typen davon, doch nur bei zweien kommt es zu Knochenbrüchen im Mutterleib, wie wir sie auf den Ultraschallbildern gesehen hatten. Trotzdem konnte uns der Radiologe seinerzeit nicht sagen, ob du nun Typ II hattest, was bei der Geburt tödlich gewesen wäre, oder Typ III, was ernst ist und zu immer weiteren Deformierungen führt. Nun wusste ich, dass du im Laufe der Jahre Hunderte Knochenbrüche haben würdest, doch wichtig war nur noch eins: dass du überhaupt am Leben warst.

Als der Sturm nachließ, fuhr Sean nach Hause, um deine Schwester zu holen, damit sie dich kennenlernen konnte. Ich schaute mir die Radarbilder im Fernsehen an, die zeigten, wie der Blizzard nach Süden zog und sich in einen alles lahmlegenden Eisregen verwandelte, der über Washington, D.C., niederging. Ich versuchte, mich ein wenig aufzusetzen, obwohl die frisch genähte OP-Wunde wie Feuer brannte. »Hey«, sagte Piper, kam herein und setzte sich auf die Bettkante. »Ich habe es schon gehört.«

»Ja«, sagte ich. »Wir sind ja so glücklich.«

Piper zögerte nur einen winzigen Augenblick, bevor sie lächelte und nickte. »Sie ist jetzt auf dem Weg nach unten«, erzählte sie, und im selben Moment schob eine Krankenschwester ein Kinderkörbchen in den Raum.

»Sooo. Hier ist deine Mami«, trällerte sie.

Du lagst auf dem Rücken auf einem Kissen aus speziellem Schaumstoff, das sich dem Körper anpasst, und hast tief und fest geschlafen. Deine winzigen Ärmchen und Beinchen und dein linker Knöchel waren mit Bandagen umwickelt.

Sobald du älter wärst, so hieß es, würde man dir ansehen können, dass du unter OI leidest – zumindest wer sich auskennt. Die Beugung deiner Arme und Beine und die dreieckige Gesichtsform würden auffallen, und du würdest nie größer werden als einen Meter. Doch jetzt, in diesem Augenblick, sahst du trotz deiner Verbände makellos aus: eine pfirsichfarbene Haut, ein winziger himbeerroter Mund, die Haare widerspenstig und goldblond, die Wimpern so lang wie mein kleiner Fingernagel. Ich streckte die Hand aus, um dich zu streicheln – und zog sie wieder zurück, weil ich mich erinnerte.

Ich hatte mir so sehr gewünscht, du mögest die Geburt überleben, dass ich über die Herausforderungen, die das für uns bedeutete, gar nicht nachgedacht hatte. Ich hatte ein wunderschönes kleines Mädchen, das so zerbrechlich war wie eine Seifenblase. Als deine Mutter sollte ich dich vor Schaden bewahren. Doch was würde werden, wenn ich dich immer wieder verletzte?

Piper und die Krankenschwester schauten einander an. »Du willst sie in den Arm nehmen, nicht wahr?«, fragte Piper. Sie schob die Hand als Stütze unter das Schaumstoffkissen, während die Krankenschwester die Seiten anhob, um deine Ärmchen zu stützen. Langsam legten sie mir das Kissen in die Armbeuge.

Hey, flüsterte ich und nahm dich ein wenig enger. Den rauen Schaumstoff in den Händen, fragte ich mich, wie lange es wohl dauern würde, bis ich dich richtig spüren, deine Haut an meiner fühlen durfte. Ich dachte an Amelias Säuglingszeit: wie ich sie im Bett in den Arm nahm, wenn sie weinte, und mit ihr einschlief. Da habe ich zwar stets Angst gehabt, ich könnte mich versehentlich auf sie legen und sie ersticken. Aber bei dir stellte es schon eine Gefahr dar, dich aus der Wiege zu heben. Oder dir den Rücken zu reiben.

Ich schaute zu Piper auf. »Vielleicht solltest du sie besser nehmen …«

Piper ließ sich neben mir nieder und strich mit einem Finger über deinen Kopf. »Charlotte«, sagte Piper, »sie wird schon nicht zerbrechen.«

Wir wussten beide, dass das gelogen war, aber bevor ich dahingehend etwas sagen konnte, stapfte Amelia herein, mit Schnee an Handschuhen und Pudelmütze. »Sie ist da! Sie ist da!«, sang deine große Schwester. An dem Tag, als ich ihr gesagt habe, dass du kommst, hat sie gefragt, ob du rechtzeitig zum Mittagessen da sein würdest. Als ich daraufhin erwidert habe, das dauere noch gute fünf Monate, hat sie erklärt, das sei zu lang. Stattdessen hat sie so getan, als wärst du schon da. Sie trug ihre Lieblingspuppe herum und nannte sie »Schwesterchen«. Manchmal, wenn sie dazu keine Lust mehr hatte oder von etwas abgelenkt wurde, ließ sie die Puppe auf den Kopf fallen, und dein Vater hat gelacht. Gott sei Dank ist das nur das Übungsexemplar, hat er dann immer gesagt.

Sean stand in der Tür, während Amelia aufs Bett und zu Piper auf den Schoß kletterte, um ihr Urteil abzugeben. »Sie ist viel zu klein, um mit mir Rollschuh zu fahren«, sagte Amelia. »Und warum sieht sie wie eine Mumie aus?«

»Das sind Schleifen«, antwortete ich, »wie bei einem Geschenk.«

Das war das erste Mal, dass ich gelogen habe, um dich zu beschützen, und als hättest du das mitbekommen, bist du in diesem Augenblick aufgewacht. Du hast nicht geweint, dich nicht gewunden. »Was ist denn mit ihren Augen passiert?« Amelia schnappte nach Luft, und wir alle sahen zum ersten Mal das deutlichste Merkmal deiner Krankheit: Die Lederhaut deiner Augen war nicht weiß, sondern strahlend blau.

Mitten in der Nacht hatten die Krankenschwestern Schichtwechsel. Du und ich, wir schliefen beide tief und fest, als die Neue den Raum betrat. Träge wachte ich auf, sah ihren Schwesternkittel und las das Namensschild. »Warten Sie«, sagte ich, als sie nach deiner Windel griff. »Vorsichtig.«

Sie lächelte nachsichtig. »Entspannen Sie sich, Mom. Ich habe schon zehntausend Windeln gewechselt.«

Doch das war, bevor ich gelernt habe, mich für dich einzusetzen, und als sie an der Windel zog, zog sie zu schnell. Du hast dich auf die Seite gerollt und zu kreischen begonnen. Das war nicht das Weinen, mit dem du zu verkünden pflegtest, dass du Hunger hast; das war das schrille Schreien, das ich nach deiner Geburt gehört hatte. »Sie tun ihr weh!«

»Sie mag es einfach nicht, mitten in der Nacht geweckt zu werden …«

Es setzte mir schon furchtbar zu, dich so schreien zu hören, doch dann wurde auch noch deine Haut vollkommen blau, und dein Atem ging schnell und flach. Die Krankenschwester beugte sich mit ihrem Stethoskop über dich. »Was ist denn los? Was hat sie denn?«, verlangte ich zu wissen.

Die Krankenschwester runzelte die Stirn, während sie deine Brust abhörte, und plötzlich wurdest du ganz schlaff. Die Schwester drückte einen Knopf hinter meinem Bett. »Code Blau«, hörte ich, und binnen Sekunden war der Raum voller Menschen, obwohl es mitten in der Nacht war. Dann Diagnosen und Anweisungen im Stakkato: Sie ist hypoxämisch … Luft in den Arterien … Stickstoff bei achtundvierzig Prozent … Zuführung von FIO2 …

»Ich beginne mit der Herzmassage«, sagte jemand.

»Das Kind hat OI

»Besser leben mit gebrochenen Rippen als mit heilen Knochen sterben.«

»Wir brauchen ein tragbares Bruströntgengerät …«

»Links waren keine Atemgeräusche zu hören, als das begonnen hat …«

»Es hat keinen Zweck, auf den Röntgenapparat zu warten. Es könnte zu einem Pneumothorax gekommen sein …«

Zwischen zwei weißen Kitteln hindurch sah ich eine Nadel aufblitzen und zwischen deine Rippen dringen, und dann, nur Augenblicke später, schnitt ein Skalpell knapp unter dem Einstich in deine Haut. Blut war zu sehen, eine Klammer und schließlich ein Schlauch, den man dir in den Brustkorb schob. Ich schaute zu, wie sie den Schlauch einnähten.

Als Sean eintraf, atemlos und völlig außer sich, hatte man dich schon auf die Intensivstation verlegt. »Sie haben sie aufgeschnitten«, schluchzte ich; mehr brachte ich nicht heraus. Sean nahm mich in die Arme, und endlich ließ ich den Tränen freien Lauf, die ich bis dahin ängstlich zurückgedrängt hatte.

»Mr. und Mrs. O’Keefe? Ich bin Dr. Rhodes.« Ein Mann, der aussah, als könnte er noch zur Highschool gehen, steckte den Kopf zur Tür herein, und Sean packte fest meine Hand.

»Ist Willow okay?«, fragte er.

»Wann können wir sie sehen?«

»Bald«, antwortete der Arzt, und der Kloß in meinem Hals löste sich langsam auf. »Beim Röntgen hat sich der Verdacht einer gebrochenen Rippe bestätigt. Sie war mehrere Minuten lang hypoxämisch, was wiederum mit einem sich erweiternden Pneumothorax in Verbindung stand. Als Folge davon kam es zu einer mediastinalen Verlagerung und kardiopulmonalem Arrest.«

»Reden Sie Englisch mit uns, verdammt!«, brüllte Sean.

»Sie hat über mehrere Minuten hinweg keinen Sauerstoff bekommen, Mr. O’Keefe. Das Herz, die Luftröhre und weitere wichtige Organe und Gefäße sind als Folge der angestauten Luft im Brustkorb auf die andere Seite des Körpers verschoben worden. Dank der Bülow-Drainage, also des Schlauchs, den wir gelegt haben, werden sie jedoch wieder dahin zurückkehren, wo sie hingehören.«

»Keinen Sauerstoff«, wiederholte Sean, und die Worte blieben ihm im Halse stecken. »Reden wir hier von Hirnschäden?«

»Das ist durchaus möglich. Allerdings müssen wir noch eine Weile warten, bis wir das wissen.«

Sean beugte sich vor. Er ballte die Fäuste so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. »Aber ihr Herz …«

»Sie ist jetzt stabil. Allerdings besteht nach wie vor die Möglichkeit eines Herz-Kreislauf-Zusammenbruchs. Es lässt sich einfach nicht vorhersagen, wie ihr Körper auf unsere Rettungsmaßnahmen reagieren wird.«

Ich brach in Tränen aus. »Ich will nicht, dass sie das noch einmal durchmacht. Ich kann nicht zulassen, dass sie ihr das noch einmal antun, Sean.«

Der Arzt machte ein untröstliches Gesicht. »Vielleicht sollten Sie sich überlegen, eine DNR-Anordnung zu unterschreiben und einen entsprechenden Vermerk in die Krankenakte setzen zu lassen, damit derartige Wiederbelebungsmaßnahmen künftig unterbleiben.«

Die letzten Wochen meiner Schwangerschaft hatte ich damit verbracht, mich auf alles gefasst zu machen, doch wie sich nun herausstellte, war ich nicht annähernd genug vorbereitet.

»Denken Sie einfach mal darüber nach«, riet der Arzt.

Vielleicht ist es ihr nicht bestimmt, hier bei uns zu sein, sagte Sean. Vielleicht ist das Gottes Wille.

Und was ist mit meinem Willen?, entgegnete ich. Ich will sie. Ich habe sie immer gewollt.

Verletzt schaute er mich an. Glaubst du, ich nicht?

Aus dem Fenster konnte ich den abschüssigen Krankenhausrasen sehen, der ganz und gar mit glitzerndem Schnee bedeckt war. Es war ein strahlend schöner Tag, und niemand wäre je auf die Idee gekommen, dass hier vor Kurzem noch ein Blizzard gewütet hatte. Ein unternehmungslustiger Vater, der seinen Sohn beschäftigen wollte, hatte ein Tablett aus der Cafeteria mitgenommen. Darauf rodelte der Junge jauchzend den Hügel hinunter, dass der Schnee hinter ihm aufspritzte. Unten angekommen, kullerte er vom Tablett, stand auf und winkte zur Krankenhausfassade hinauf, wo ihm vermutlich jemand aus einem Fenster wie meinem zuschaute. Ich fragte mich, ob seine Mutter wohl gerade ein Baby bekommen hatte. Vielleicht lag sie ja direkt nebenan und lachte ihrem Sohn zu.

Meine Tochter, dachte ich gedankenverloren, wird nie rodeln dürfen.

Piper hielt meine Hand, während wir dich auf der Intensivstation besuchten. Der Schlauch ragte zwischen deinen Rippen hervor, und an den Armen und Beinen hattest du feste Verbände. Ich schwankte ein wenig. »Alles in Ordnung mit dir?«, fragte Piper.

»Ich bin nicht diejenige, um die du dir Sorgen machen musst.« Ich schaute sie an. »Sie haben uns gefragt, ob wir einen Reanimationsverzicht unterschreiben wollen.«

Piper riss die Augen auf. »Wer hat euch das gefragt?«

»Dr. Rhodes …«

»Der ist noch in der Facharztausbildung«, sagte Piper derart angewidert, als hätte sie ihn beschuldigt, Nazi zu sein. »Ein Azubi. Der kennt nicht mal den Weg zur Cafeteria, geschweige denn, dass er weiß, wie man mit einer Mutter sprechen muss, die gerade dabei war, als ihr Baby einen Herzstillstand erlitt. Kein Kinderarzt würde eine DNR-Anordnung für ein Baby empfehlen, solange nicht durch Tests bestätigt ist, dass tatsächlich ein irreversibler Hirnschaden vorliegt …«

»Sie … sie haben sie vor meinen Augen aufgeschnitten«, berichtete ich mit zitternder Stimme. »Ich habe gehört, wie ihre Rippen brachen, als sie versucht haben, ihr Herz wieder zum Schlagen zu bringen.«

»Charlotte …«

»Würdest du so eine Anordnung unterschreiben?«

Als Piper nicht darauf antwortete, ging ich auf die andere Seite deines Bettchens, sodass du zwischen uns lagst. »Sieht so der Rest meines Lebens aus?«

Piper schwieg lange Zeit. Wir lauschten der Symphonie aus Surren und Piepen, die dich umgab. Ich sah dich im Schlaf zusammenzucken. Du hast deine winzigen Zehen gekrümmt und die Ärmchen ausgebreitet. »Nicht deines Lebens«, erwiderte Piper schließlich, »sondern Willows.«

Noch am selben Tag habe ich, mit Pipers Worten in den Ohren, die DNR-Anordnung unterschrieben. Es war ein Flehen um Gnade in Schwarz auf Weiß … und zwischen den Zeilen stand: Das war das erste Mal, dass ich gelogen und gesagt habe, ich wünschte, du wärst nie geboren worden.

Teil I

Die meisten Dinge brechen, Herzen eingeschlossen.
Die Lektionen, die einem das Leben erteilt,
lehren einen nicht Weisheit, sondern
hinterlassen Narben und Schwielen.

Wallace Stegner,
DIE NACHT DES KIEBITZ

Temperieren: auf eine mäßig warme, auf den Bedarf gut abgestimmte Temperatur bringen.

Das lateinische Wort ›temperare‹ bedeutet ›sich mäßigen‹ oder ›ins richtige Verhältnis setzen‹. Dennoch bringen wir mit ›Temperament‹ häufig ein Übermaß an Erregung in Verbindung, wann immer ein Mensch rasch zu Zornesausbrüchen neigt. In der Kochkunst hingegen kommt der Begriff des ›Temperierens‹ der ursprünglichen Bedeutung schon viel näher, heißt ›Temperieren‹ doch, einen Effekt zu verstärken, indem man sich Zeit lässt. So temperiert man Eier, indem man geringe Mengen heißer Flüssigkeit hinzugibt. Die Idee dahinter ist, die Temperatur anzuheben, ohne dass die Eier stocken. Das Ergebnis ist eine Eiercreme, die man als Bestandteil von unterschiedlichen Desserts verwenden kann.

Interessant ist dabei Folgendes: Die Konsistenz des fertigen Produkts hat nichts mehr mit der Flüssigkeit gemein, die man dafür verwendet hat; und je mehr Eier man benutzt, desto dicker und reichhaltiger wird das Ergebnis.

Mit anderen Worten: Die Substanz, mit der man beginnt, bestimmt das Ergebnis.

Crème Patisserie

2 Tassen Vollmilch
6 Eigelb, zimmerwarm
140 Gramm Zucker
40 Gramm Stärkemehl
1 Teelöffel Vanille

Die Milch in einem unbeschichteten Topf zum Kochen bringen. Eigelb, Zucker und Stärkemehl in einer Stahlschüssel miteinander verrühren. Die Eigelbmischung mit der Milch temperieren, dann unter stetem Rühren erhitzen. Sobald die Mixtur zu stocken beginnt, schneller rühren, bis sie kocht; von der Herdplatte nehmen. Vanille zugeben, und das Ganze in eine Stahlschüssel schütten. Darauf ein wenig Zucker streuen und eine Plastikfolie direkt auf die Crème legen. Das Ganze in den Kühlschrank stellen und kalt servieren. Die fertige Crème eignet sich auch hervorragend als Füllung für Obstkuchen, Napoleontorte, Bienenstich, Eclairs etc.

Amelia

Februar 2007

In meinem ganzen Leben war ich noch nie in Urlaub. Ich habe noch nicht einmal New Hampshire verlassen, es sei denn, man zählt das eine Mal mit, als ich mit dir und Mom nach Nebraska gefahren bin – und selbst du musst zugeben, dass man es nicht gerade mit einem Strandspaziergang oder einem Besuch des Grand Canyon vergleichen kann, wenn man drei Tage lang im Krankenzimmer eines Shriner-Hospitals hockt und alte Tom-und-Jerry-Cartoons schaut, während du untersucht wirst. Du kannst dir also vorstellen, wie aufgeregt ich war, als ich erfuhr, dass unsere ganze Familie nach Disney World fahren würde. Die Reise sollte während der Februarferien stattfinden, und wir würden in einem Hotel wohnen, durch das eine Monorail fährt.

Mom stellte eine Liste der Vergnügungsbahnen zusammen, auf die wir gehen würden: »It’s a Small World«, »Dumbo, the Flying Elephant«, »Peter Pan’s Flight«.

»Die sind doch nur was für Babys«, beschwerte ich mich.

»Aber sie sind auch sicher«, erwiderte Mom.

»Was ist mit ›Space Mountain‹?«, schlug ich vor.

»›Fluch der Karibik‹«, konterte sie.

»Na, toll!«, schrie ich. »Da fahre ich das erste Mal in meinem Leben in Urlaub und werde noch nicht einmal Spaß dabei haben!« Dann stürmte ich rauf in unser Zimmer. Da konnte ich zwar nicht mehr hören, was unten vor sich ging, konnte mir aber sehr gut vorstellen, was unsere Eltern jetzt sagten: Da haben wir’s. Amelia spielt schon wieder die Trotzige.

Es ist schon komisch … Wenn so etwas passiert (nämlich ständig), ist es nicht Mom, die alles wieder glattbügelt. Sie ist einfach zu beschäftigt, weil sie nur dafür sorgt, dass mit dir alles in Ordnung ist; also muss Dad das erledigen. Ach, das ist auch so etwas, weswegen ich eifersüchtig bin: Du hast einen echten Vater, ich nur einen Stiefvater. Meinen richtigen Vater kenne ich gar nicht. Mom und er haben sich schon vor meiner Geburt getrennt, und sie schwört, sein Verschwinden sei das Beste, was er je für mich habe tun können. Doch Sean hat mich adoptiert, und er verhält sich so, als liebte er mich genauso sehr wie dich … wäre da nicht dieser finstere Stachel, der mich ständig daran erinnert, dass das nicht sein kann.

»Meel«, sagte er, als er in mein Zimmer kam (er ist der Einzige, der mich so nennen darf; der Name erinnert mich immer an Mehlwürmer, nur nicht, wenn Dad ihn sagt), »ich weiß, dass du alt genug für die großen Vergnügungsbahnen bist. Aber wir wollen, dass auch Willow Spaß an der Reise hat.«

Denn wenn Willow Spaß hat, dann haben wir alle Spaß. Er musste das nicht extra aussprechen; ich habe es auch so gehört.

»Wir wollen einfach nur eine ganz normale Familie auf Urlaub sein«, sagte er.

Ich zögerte. »Das Teetassenkarussell«, hörte ich mich sagen.

Dad versprach, sich für mich einzusetzen. Obwohl Mom strikt dagegen war – und wenn Willow gegen die harte Wand einer Teetasse schlägt, was dann? –, überzeugte er sie, dass wir uns ruhig herumwirbeln lassen dürften, denn wenn wir dich fest zwischen uns nähmen, würdest du dich gar nicht verletzen können. Danach grinste er mich an. Er war so stolz darauf, diesen Deal erkämpft zu haben, dass ich es einfach nicht übers Herz brachte, ihm zu sagen, dass mir das Teetassenkarussell vollkommen egal war.

Es war mir nur in den Sinn gekommen, weil ich im Fernsehen mal vor ein paar Jahren einen Werbespot für Disney World gesehen hatte. Darin war Tinker Bell wie ein Moskito über den Köpfen glücklicher Besucher durchs Zauberreich geflattert. Dann zeigte der Spot eine Familie mit zwei Töchtern, die ungefähr im selben Alter waren wie wir beide, und die amüsierten sich auf dem Teetassenkarussell des Verrückten Hutmachers. Ich starrte sie an und konnte gar nicht wegsehen – die ältere Tochter hatte sogar braune Haare wie ich, und wenn man die Augen zusammenkniff, sah der Vater genauso aus wie Dad. Natürlich war mir klar, dass die Leute in dem Werbespot wahrscheinlich noch nicht mal eine echte Familie waren, sondern Schauspieler, die ihre falschen Töchter vielleicht erst am Morgen der Aufnahme kennengelernt hatten; aber ich wollte, dass sie echt waren. Ich wollte glauben, dass sie von Herzen lachten, während sie sich wie verrückt im Kreis drehten.

Nimm zehn Fremde, steck sie in einen Raum, und frag sie, mit wem von uns beiden sie mehr Mitleid haben – mit dir oder mit mir. Wir wissen alle, welche Antwort sie geben werden. Es ist schon verdammt schwer, deine Gipsverbände zu übersehen, wie auch die Tatsache, dass du trotz deiner fünf Jahre erst so groß bist wie eine Zweijährige. Auch deinen schiefen Gang kann man nicht ignorieren – das heißt, wenn du ausnahmsweise mal so gesund bist, dass du gehen kannst. Ich will damit nicht sagen, du hättest es leicht gehabt. Aber ich habe es schwerer gehabt, denn jedes Mal, wenn ich mein Leben beschissen fand, habe ich dich angesehen und mich dafür gehasst, so etwas auch nur gedacht zu haben.

Hier mal eine Kurzfassung, was es heißt, ich zu sein:

Amelia, spring nicht aufs Bett. Du tust Willow weh.

Amelia, wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst deine Socken nicht auf dem Boden liegen lassen? Willow könnte darüber stolpern.

Amelia, schalte den Fernseher aus – obwohl ich erst seit einer halben Stunde geschaut habe, während du fünf Stunden am Stück darauf gestarrt hast.

Ich weiß, wie selbstsüchtig das klingt; doch man wird ein Gefühl ja nicht los, nur weil man weiß, dass es falsch ist. Und ich bin zwar erst zwölf, aber glaub mir, ich habe längst kapiert, dass unsere Familie nicht wie andere ist und auch nie sein wird. Ein typisches Beispiel: Welche Familie packt einen ganzen zusätzlichen Koffer mit Verbänden und wasserdichten Schienen voll, nur für den Fall? Welche Mutter verbringt vor dem Urlaub einen ganzen Tag damit, sich über sämtliche Krankenhäuser in Orlando zu informieren?

Es war am Tag unserer Abreise, und während Dad den Wagen beladen hat, haben du und ich am Küchentisch gesessen und Schnick-Schnack-Schnuck gespielt. »Schnuck«, sagte ich, und wir beide hatten »Schere«. Ich hätte es wissen müssen; du hast immer »Schere« gemacht. »Schnuck«, sagte ich wieder, und diesmal nahm ich »Stein«. »Stein bricht Schere«, sagte ich und tippte mit der Faust auf deine Hand.

»Vorsichtig«, ermahnte mich Mom, obwohl sie noch nicht einmal in unsere Richtung schaute.

»Gewonnen.«

»Du gewinnst immer.«

Ich lachte. »Das kommt, weil du immer ›Schere‹ machst.«

»Leonardo da Vinci hat die Schere erfunden«, hast du gesagt. Du hattest schon immer den Kopf voll von Dingen, die außer dir niemand wusste, die aber auch keinen interessierten. Du hast ständig gelesen, im Netz gesurft oder dir Sendungen im History Channel angeschaut, bei denen ich eingeschlafen wäre. Die Leute erschraken regelrecht, wenn sie auf eine Fünfjährige trafen, die wusste, dass das Geräusch einer Toilettenspülung die Tonlage E-Dur hat oder dass ›town‹ das älteste Wort der englischen Sprache ist. Aber Mom hat gesagt, dass viele Kinder mit OI ungewöhnlich früh zu lesen beginnen und sprachliche Frühentwickler sind. Ich habe mir das immer wie einen Muskel vorgestellt: Dein Gehirn ist eben mehr benutzt worden als dein übriger Körper, in dem ständig ein Knochen kaputt war; kein Wunder also, dass du wie Klein-Einstein geklungen hast.

»Habe ich alles?«, fragte meine Mutter, aber sie redete mit sich selbst. Sie ging nun schon zum millionsten Mal ihre Liste durch. »Der Brief«, sagte sie und drehte sich zu mir um. »Amelia, wir brauchen den Arztbrief.«

Sie meinte einen Brief von Dr. Rosenblad, in dem das Offensichtliche stand: dass du OI hast und von ihm im Krankenhaus behandelt wirst. Der Brief sollte im Notfall vorgelegt werden – was ziemlich komisch war, denn mit deinen ganzen Knochenbrüchen warst du ständig ein Notfall. Der Brief lag im Handschuhfach des Vans neben den Fahrzeugpapieren, dem Handbuch des Toyotas, einer alten Karte von Massachusetts, einer Quittung von Jiffy Lube und einem alten, ausgewickelten Kaugummi, der inzwischen vertrocknet war. Ich hatte einmal Inventur gemacht, während Mom an der Tankstelle bezahlte.

»Wenn er sowieso im Van liegt, warum kannst du ihn dir dann nicht selbst nehmen, wenn wir zum Flughafen fahren?«

»Weil ich das mit Sicherheit vergessen werde«, antwortete Mom, als Dad gerade hereinkam.

»Alles abreisebereit«, erklärte er. »Was meinst du, Willow? Wollen wir Micky besuchen gehen?«

Du hast ihn breit angegrinst, als wäre Micky Maus real und nicht irgendein Teenager, der sich in den Ferien mit einem großen Plastikteil auf dem Kopf etwas dazuverdient. »Micky Maus hat am 18. November Geburtstag«, hast du verkündet, während Dad dir vom Stuhl herunterhalf. »Amelia hat mich beim Schnick-Schnack-Schnuck geschlagen.«

»Das kommt, weil du immer ›Schere‹ machst«, sagte Dad.

Mom warf noch einen letzten Blick auf ihre Liste und runzelte die Stirn. »Sean, hast du das Motrin eingepackt?«

»Zwei Flaschen.«

»Und die Kamera?«

»Mist, die habe ich oben auf der Kommode liegen lassen …« Er drehte sich zu mir um. »Süße, kannst du sie eben holen, während ich Willow in den Wagen setze?«

Ich nickte und lief nach oben. Als ich mit der Kamera in der Hand wieder nach unten kam, war Mom allein in der Küche und drehte sich langsam im Kreis, als wisse sie nicht, was sie ohne Willow an ihrer Seite tun solle. Schließlich schaltete sie das Licht aus, schloss die Haustür ab, und ich hüpfte zum Wagen. Ich gab Dad die Kamera und schnallte mich hinten neben deinem Kindersitz an. Auch wenn es mir mit meinen zwölf Jahren schwerfällt, das zuzugeben, ich freute mich tierisch auf Disney World. Ich dachte an Sonnenschein, Disneylieder und Monorails und nicht eine Sekunde an den Brief von Dr. Rosenblad.

Was heißt, dass alles, was danach geschah, meine Schuld war.

Wir schafften es noch nicht einmal bis zu den bescheuerten Teetassen. Bis wir endlich im Hotel waren, war es bereits Spätnachmittag. Wir fuhren zum Park und hatten gerade die Main Street, U.S.A., betreten – mit direktem Blick auf Cinderellas Schloss –, als die Katastrophe ihren Lauf nahm. Du sagtest, du hättest Hunger, und so gingen wir in einen auf altmodisch getrimmten Eissalon. Dad stellte sich an und hielt dich an der Hand, während Mom Servietten zu dem Tisch brachte, an dem ich schon saß. »Schaut mal«, sagte ich und zeigte nach draußen auf Goofy, der einem schreienden Kleinkind die Hand schüttelte. In genau dem Moment hob Mom eine Serviette auf, die sie hatte fallen lassen, und Dad ließ deine Hand los, um sein Portemonnaie aus der Tasche zu holen. Du bist sofort zum Fenster gelaufen, um zu sehen, was ich da entdeckt hatte; dabei bist du dann auf einem winzigen Stück Papier ausgerutscht.

Wie in Zeitlupe sahen wir, wie deine Beine unter dir nachgaben und du mit voller Wucht auf den Hintern fielst. Du hast zu uns aufgeschaut, und das Weiße in deinen Augen wurde blau – wie immer, wenn du dir etwas gebrochen hast.

Es war fast so, als hätten die Leute in Disney World damit gerechnet, dass so etwas passiert. Kaum hatte Mom dem Mann hinter der Eistheke gesagt, dass du dir ein Bein gebrochen hast, kamen auch schon zwei Sanitäter mit einer Trage. Mom gab ihnen Anweisungen, wie sie es bei medizinischem Personal immer tat, und den beiden gelang es, dich auf die Trage zu befördern. Du hast weder geschrien noch geweint, doch das hast du eigentlich nie getan. Ich habe mir einmal beim Volleyball in der Schule den kleinen Finger gebrochen und bin fast durchgedreht, als er knallrot wurde und anschwoll wie ein Ballon; aber du hast noch nicht einmal geweint, wenn dir ein gebrochener Armknochen aus der Haut ragte.

»Tut das nicht weh?«, flüsterte ich, als sie die Trage hochhoben, aus der plötzlich Räder klappten.

Du hast dir auf die Unterlippe gebissen und genickt.

Als wir zum Tor von Disney World kamen, wartete dort ein Krankenwagen. Ich warf einen letzten Blick auf die Main Street, U.S.A., auf den Metallkegel, in dem der Space Mountain lag, und auf die Kinder, die hinein- statt hinausliefen. Dann stieg ich in das Auto, das irgendjemand besorgt hatte, damit Dad und ich dir und Mom ins Krankenhaus folgen konnten.

Es war irgendwie seltsam, eine fremde Notaufnahme zu betreten. In unserem Krankenhaus kannte dich jeder, und die Ärzte hörten auf das, was Mom ihnen sagte. Hier jedoch schenkte ihr niemand auch nur die geringste Aufmerksamkeit. Sie sagten, dass es sich nicht nur um einen, sondern um zwei Oberschenkelhalsbrüche handeln könnte, und das wiederum berge die Gefahr innerer Blutungen. Mom ging mit dir zum Röntgen, während Dad und ich auf den grünen Plastikstühlen warten mussten. »Tut mir leid, Meel«, sagte Dad, und ich zuckte nur mit den Schultern. »Vielleicht ist es diesmal ja nur ein ganz einfacher Bruch, und wir können morgen schon wieder in den Park.« In Disney World hatte ein Mann im schwarzen Anzug meinem Vater gesagt, wir würden »kompensiert« oder so ähnlich, falls wir an einem anderen Tag wiederkommen wollten.

Es war Samstagabend, und die Leute, die in die Notaufnahme kamen, waren viel interessanter als das Programm in dem Fernseher in der Ecke. Da waren zwei Jungen im Collegealter. Die bluteten an der gleichen Stelle an der Stirn, und wann immer sie einander ansahen, fingen sie an zu lachen. Dann war da ein alter Mann mit paillettenbesetzter Hose, der sich den Bauch hielt, und ein Mädchen, das nur Spanisch sprach und zwei schreiende Zwillingsbabys in den Armen hielt.

Plötzlich kam Mom rechts von uns durch die Doppeltür gestürmt. Eine Schwester und eine Frau mit engem Nadelstreifenrock und roten Highheels liefen hinter ihr her. »Der Brief!«, schrie Mom. »Sean, was hast du mit dem Brief gemacht?«

»Was für ein Brief?«, erwiderte Dad, doch ich wusste bereits, wovon sie sprach, und mir wurde übel.

»Mrs. O’Keefe«, sagte die Frau in dem engen Rock, »bitte. Lassen Sie uns das irgendwo anders und in Ruhe besprechen.«

Sie berührte Mom am Arm und … Nun, ich kann das nur so beschreiben: Mom klappte einfach zusammen. Wir wurden in einen Raum gebracht, in dem eine alte, zerschlissene rote Couch und ein kleiner, ovaler Tisch mit künstlichen Blumen standen. An der Wand hing ein Bild von zwei Pandas, und ich starrte es an, während die Frau in dem engen Rock – sie sagte, ihr Name sei Donna Roman und sie komme vom Jugendamt – mit unseren Eltern sprach. »Dr. Rice hat uns kontaktiert, weil Willows Verletzungen ihn beunruhigt haben«, erklärte sie. »Die Röntgenaufnahmen deuten darauf hin, dass das nicht ihr erster Knochenbruch war.«

»Willow hat Osteogenesis imperfecta«, sagte Dad.

»Das habe ich ihr schon gesagt«, erwiderte Mom. »Sie hört nicht zu.«

»Ohne entsprechendes ärztliches Attest müssen wir das eingehender untersuchen. Das ist schlicht Routine und dient einzig und allein dem Schutz der Kinder und …«

»Ich würde mein Kind ja gerne beschützen«, unterbrach Mom sie in rasiermesserscharfem Tonfall, »wenn Sie mich nur endlich wieder zu ihm lassen würden!«

»Dr. Rice ist ein Experte in …«

»Wenn er ein Experte wäre, würde er wissen, dass ich die Wahrheit sage«, schoss Mom zurück.

»Wenn ich richtig verstanden habe, versucht Dr. Rice gerade, den Arzt ihrer Tochter zu erreichen«, sagte Donna Roman. »Aber da wir Samstagabend haben, ist das nicht leicht. Deshalb möchte ich, dass Sie uns eine schriftliche Vollmacht geben, Willow eingehend zu untersuchen – einschließlich Computertomografie und neurologischer Tests. Währenddessen können wir ja ein wenig reden.«

»Tests sind das Letzte, was Willow braucht«, erwiderte Mom. »Davon hat sie schon mehr als genug über sich ergehen lassen müssen.«

»Schauen Sie, Miss Roman«, mischte Dad sich ein. »Ich bin Polizeibeamter. Sie glauben doch nicht ernsthaft, dass ich Sie anlügen würde, oder?«

»Ich habe bereits mit Ihrer Frau gesprochen, Mr. O’Keefe, und ich werde auch noch mit Ihnen sprechen … aber zunächst einmal möchte ich mit Willows Schwester reden.«

Ich klappte den Mund auf und wieder zu, doch es kam kein Ton heraus. Mom starrte mich an, als wolle sie meine Gedanken lesen, und ich schaute zu Boden, bis ich plötzlich diese roten Highheels vor mir sah. »Du musst Amelia sein«, sagte Donna, und ich nickte. »Warum gehen wir nicht ein wenig spazieren?«

Als wir den Raum verließen, trat ein Polizist vor die Tür, der wie Dad aussah, wenn er zur Arbeit ging. »Trennen Sie die beiden voneinander«, sagte die Roman zu ihm, und der Mann nickte. Dann führte sie mich zum Süßigkeitenautomaten am anderen Ende des Gangs. »Was möchtest du gerne? Ich bin ja ein Schokoladenjunkie, aber vielleicht stehst du mehr auf Chips.«

Sie war so viel netter zu mir, wenn meine Eltern nicht dabei waren. Sofort deutete ich auf einen Riegel Snickers. Ich musste die Situation ausnutzen, solange es noch ging. »Ich nehme an, so hast du dir deine Ferien nicht vorgestellt«, bemerkte Donna, und ich schüttelte den Kopf. »Ist das Willow schon öfter passiert?«

»Ja. Sie bricht sich ständig irgendwelche Knochen.«

»Und wie?«

Für jemanden, der eigentlich intelligent sein sollte, kam mir die Frau ziemlich dumm vor. Wie bricht man sich schon die Knochen? »Na, sie fällt hin oder wird von irgendetwas getroffen.«

»Sie wird von irgendetwas getroffen?«, wiederholte Donna Roman. »Oder meinst du von irgendjemandem?«

Auf dem Spielplatz im Kindergarten hat dich mal ein Kind umgerannt. Du warst zwar ziemlich talentiert darin, allem Möglichen auszuweichen, doch an dem Tag warst du einfach nicht schnell genug. »Nun ja«, antwortete ich, »manchmal auch das.«

»Wer war bei Willow, als sie sich diesmal verletzt hat, Amelia?«

Ich dachte an Dad, der an der Eistheke deine Hand gehalten hatte. »Mein Vater.«

Donna kniff die Lippen zusammen. Sie warf Münzen in den Automaten, und heraus kam eine Flasche Wasser. Sie drehte sie auf. Ich hätte gerne einen Schluck davon getrunken, war aber zu verlegen, um sie danach zu fragen.

»War er aufgeregt?«

Ich dachte an das Gesicht meines Vaters, als wir hinter dem Krankenwagen zum Krankenhaus gerast waren. »Ja … ziemlich sogar.«

»Glaubst du, er hat das getan, weil er wütend auf Willow war?«

»Was getan?«

Donna Roman kniete sich neben mich, sodass sie mir in die Augen schauen konnte. »Amelia«, sagte sie, »du kannst mir ruhig erzählen, was wirklich passiert ist. Ich werde schon dafür sorgen, dass sie dir nicht wehtun.«

Plötzlich wusste ich, was sie dachte. »Mein Dad war nicht wütend auf Willow«, sagte ich. »Er hat sie nicht geschlagen. Es war ein Unfall!«

»Solche Unfälle müssen nicht passieren.«

»Nein … Sie verstehen nicht … Willow hat …«

»Nichts, was Kinder tun, rechtfertigt Misshandlung«, murmelte Donna Roman vor sich hin, doch ich konnte sie klar und deutlich hören. Sie ging zu dem Zimmer zurück, wo meine Eltern warteten, doch obwohl ich ihr hinterherschrie, achtete sie nicht mehr auf mich. »Mr. und Mrs. O’Keefe«, sagte sie, »wir nehmen Ihre Kinder zu deren Schutz vorläufig in Verwahrung.«

»Warum fahren wir nicht aufs Revier und reden mal miteinander?«, sagte der Officer zu Dad.

Mom schlang die Arme um mich. »In Verwahrung? Zum Schutz? Was soll das heißen?«

Mit fester Hand – und mithilfe des Polizeibeamten – versuchte Donna Roman, mich aus Moms Armen zu lösen. »Wir wollen nur die Sicherheit der Kinder garantieren, bis sich das alles geklärt hat. Willow wird über Nacht hierbleiben.« Sie wollte mich aus dem Raum führen, doch ich krallte mich am Türrahmen fest.

»Amelia«, rief meine Mutter aufgelöst, »was hast du ihr erzählt?«

»Ich habe versucht, ihr die Wahrheit zu sagen!«

»Wo bringen Sie meine Tochter hin?«

»Mom!«, kreischte ich und streckte die Hand nach ihr aus.

»Komm, Schatz«, sagte Donna Roman und zog an meinen Händen, bis ich loslassen musste. Während ich schrie und um mich trat, wurde ich aus dem Krankenhaus gezerrt. Fünf Minuten lang wehrte ich mich aus Leibeskräften; dann brach ich zusammen. Da verstand ich, warum du nie geweint hast, obwohl es wehgetan hat: Es gibt eine Art von Schmerz, die man einfach nicht laut ausdrücken kann.

Ich kannte das Wort Pflegefamilie sonst nur aus Büchern und Fernsehsendungen. Ich habe mir immer vorgestellt, dass so etwas nur für Straßenkinder ist, für Kinder, deren Eltern Drogendealer sind – nicht für Mädchen wie mich, die in netten Häusern wohnen, viele Weihnachtsgeschenke bekommen und nie hungrig zu Bett gehen. Wie sich herausstellte, war Mrs. Ward, die Pflegemutter, nicht anders als andere Mütter auch. Ich nehme an, sie war auch eine – jedenfalls den Fotos nach zu urteilen, mit denen nahezu jede Wand gepflastert war. In einem roten Bademantel und Pantoffeln, die wie rosa Schweinchen aussahen, empfing sie uns an der Tür. »Du musst Amelia sein«, sagte sie und öffnete die Tür ein wenig mehr.

Ich hatte eine ganze Schar von Kindern erwartet, doch wie sich herausstellte, war ich bei ihr das einzige. Sie führte mich in die Küche, die nach Spülmittel und gekochten Nudeln roch. Dort stellte sie dann ein Glas Milch und eine Stange Kekse vor mich hin. »Du hast sicher großen Hunger«, sagte sie. Das stimmte zwar, aber ich schüttelte trotzdem den Kopf. Ich wollte nichts von ihr annehmen, denn das wäre nichts anderes als eine Kapitulation gewesen.

Mein Schlafzimmer verfügte über eine Kommode, ein kleines Bett und eine Daunendecke, die über und über mit Kirschen bedruckt war. Es gab auch einen Fernseher mit Fernbedienung. Meine Eltern hätten mir nie einen Fernseher ins Zimmer gestellt; meine Mutter sagte immer, das Fernsehen sei die Wurzel allen Übels. Das sagte ich später Mrs. Ward, und sie lachte. »Das mag durchaus sein«, erklärte sie, »aber manchmal sind die Simpsons einfach die beste Medizin.« Sie öffnete eine Schublade und holte ein sauberes Handtuch sowie ein Nachthemd heraus, das mir mehrere Nummern zu groß war. Ich fragte mich, woher es wohl stammte und wie lange das letzte Mädchen darin geschlafen hatte.

»Mein Zimmer ist ein kleines Stück den Flur hinunter, falls du mich brauchst«, sagte Mrs. Ward. »Kann ich dir sonst noch etwas besorgen?«

Meine Mutter.

Meinen Vater.

Meine Schwester.

Mein Zuhause.

»Wie …« Mühsam brachte ich die ersten Worte in diesem Haus hervor. »Wie lange muss ich hierbleiben?«

Mrs. Ward lächelte traurig. »Das weiß ich nicht, Amelia.«

»Sind meine Eltern … Sind sie auch bei fremden Leuten?«

Sie zögerte. »So ungefähr.«

»Ich möchte Willow sehen.«

»Das ist das Erste, was wir morgen machen«, sagte Mrs. Ward. »Wir werden ins Krankenhaus fahren. Gefällt dir das?«

Ich nickte. Ich wollte ihr unbedingt glauben. An diesem Versprechen hielt ich mich fest wie daheim an meinem Plüschelch. Alles wird gut, konnte ich mir einreden.

Ich lag auf dem Bett und versuchte, mich an die nutzlosen Informationshäppchen zu erinnern, die du immer heruntergerasselt hast, bevor wir schlafen gegangen sind und ich dir gesagt habe, du sollst endlich den Mund halten: Frösche müssen vor dem Schlucken die Augen schließen. Mit einem einzigen Bleistift kann man einen fünfunddreißig Meilen langen Strich ziehen. Cleveland rückwärtsgesprochen ergibt DNA Level C.

Allmählich verstand ich, warum du diese dummen Fakten mit dir herumgetragen hast wie andere Kinder ihre Schnuffeldecken: Wenn ich sie mir immer wieder vorsagte, fühlte ich mich fast schon besser. Nur weiß ich nicht, ob das daran lag, dass es half, etwas zu wissen, während der Rest des Lebens ein einziges großes Fragezeichen war, oder daran, dass sie mich an dich erinnerten.

Ich war noch immer hungrig – oder leer, ich weiß es nicht. Nachdem Mrs. Ward in ihr eigenes Zimmer gegangen war, stieg ich auf Zehenspitzen aus dem Bett. Ich schaltete das Licht im Flur an und ging in die Küche hinunter. Dort öffnete ich den Kühlschrank und ließ das Licht und die Kälte auf meine nackten Füße fallen. Ich starrte auf gebratenes Fleisch, das sorgfältig in Plastiktüten portioniert war, auf Äpfel und Pfirsiche in einem Korb und Tetrapaks mit Orangensaft und Milch, die superordentlich nebeneinanderlagen. Als ich glaubte, von oben ein Knarren zu hören, schnappte ich mir, so viel ich konnte: einen Laib Brot, eine Tupperdose mit gekochten Spaghetti und eine Handvoll von diesen Keksen. Dann lief ich in mein Zimmer zurück, schloss die Tür und breitete meinen Schatz auf dem Laken aus.

Zuerst knabberte ich nur an den Keksen. Doch dann knurrte mir der Magen, und ich aß alle Spaghetti – mit den Fingern, weil ich keine Gabel hatte. Anschließend aß ich ein Stück Brot und dann noch eines und noch eines, und bevor ich mich versah, war nur noch die Plastikfolie übrig, in die es eingewickelt gewesen war. Was ist mit mir los?, dachte ich und schaute mir mein Bild im Spiegel an. Wer isst denn einen ganzen Laib Brot? Mein Äußeres war schon widerlich genug – langweiliges braunes Haar, das sich je nach Wetter auch noch kräuselte, Augen, die zu weit auseinanderstanden, schiefe Zähne und Speckröllchen über der Jeans –, aber mein Inneres war noch schlimmer. Ich stellte es mir als schwarzes Loch vor – ja, das aus dem Physikunterricht –, finster und alles verschlingend. Ein Vakuum aus Nichts, hatte mein Lehrer es genannt.

Alles, was je gut in mir gewesen war oder was die Leute Gutes in mir gesehen hatten, war vergiftet worden, weil ich mir im finstersten Teil meiner Seele gewünscht hatte, ich hätte eine andere Familie. Mein wirkliches Ich war eine widerwärtige Person, die sich ein Leben vorstellte, in dem du nie geboren worden warst. Mein wirkliches Ich hat zugeschaut, wie du in den Krankenwagen geschoben worden bist, und hat sich einen Augenblick lang gewünscht, nicht mitfahren zu müssen, sondern in Disney World bleiben zu können. Mein wirkliches Ich war eine bodenlose Seele, die einen ganzen Laib Brot in zehn Minuten essen konnte und immer noch Platz für mehr hatte.

Ich hasste mich.

Ich weiß nicht, warum ich dann nach nebenan ins Badezimmer gegangen bin und mir den Finger in den Hals gesteckt habe. Vielleicht lag es an dem Gefühl, dass mir das Gift ins Blut sickerte, und ich wollte es loswerden. Oder ich wollte mich selbst bestrafen. Oder die Kontrolle über dieses schwarze Loch erlangen, das eben unkontrollierbar alles verschlungen hatte; womöglich würde sich dann auch der Rest von mir beherrschen lassen. Ratten können sich nicht übergeben, schoss es mir durch den Kopf – das hast du mir mal erzählt. Jedenfalls hielt ich mir mit einer Hand das Haar hoch und erbrach mich in die Toilette, bis ich schwitzte, ein knallrotes Gesicht hatte und völlig leer war. Erleichtert stellte ich fest, dass ich wenigstens eine Sache richtig machen konnte, auch wenn es mir danach noch mieser ging als vorher. Mein Magen drehte sich; ich schmeckte Galle im Mund und fühlte mich noch furchtbarer als vorher – doch jetzt hatte dieses Gefühl einen eindeutig körperlichen Grund, auf den ich mit dem Finger zeigen konnte.

Geschwächt taumelte ich zu dem fremden Bett zurück. Meine Augen fühlten sich wie Sandpapier an, mein Hals schmerzte, und ich konnte nicht einschlafen. Darum griff ich nach der TV-Fernbedienung und schaltete durch die Kanäle, durch Heimwerkershows, Cartoons und Late-Night-Talkshows. Es war auf Nick at Nite, nach zweiundzwanzig Minuten der Dick Van Dyke Show: Plötzlich lief da der alte Disney-World-Spot wie ein böser Scherz, wie eine höhnische Erinnerung. Es war wie ein Schlag in die Magengrube: Da war Tinker Bell, da die glücklichen Leute und da die Familie auf dem Teetassenkarussell, die wir hätten sein können.

Was, wenn meine Eltern nie wieder zurückkommen würden?

Was, wenn du nicht wieder gesund werden würdest?

Was, wenn ich für immer hierbleiben müsste?

Als ich zu schluchzen begann, stopfte ich mir einen Kissenzipfel in den Mund, damit Mrs. Ward mich nicht hörte. Ich schaltete den Fernseher stumm und schaute zu, wie die Familie sich in Disney World fröhlich im Kreis drehte.

Sean

Es ist schon komisch, nicht wahr, wie man sich in seiner Meinung zu hundert Prozent sicher sein kann, bis man selbst in die entsprechende Lage kommt. Wie zum Beispiel eine Festnahme. Menschen, die nicht für das Gesetz arbeiten, finden es furchtbar, wenn jemand irrtümlich festgenommen wurde, selbst dann, wenn ein begründeter Verdacht bestanden hat. Aber als Polizist entlässt man die Person einfach wieder und sagt ihr, man habe nur getan, was man habe tun müssen. In jedem Fall sei das besser, als zu riskieren, dass ein Verbrecher auf freiem Fuß bleibt, habe ich immer gesagt. Zum Teufel mit den Bürgerrechtlern, die einen Täter nicht mal erkennen, wenn er ihnen ins Gesicht spuckt. Das war es, was ich aus tiefstem Herzen geglaubt habe, bis man mich selbst unter dem Verdacht der Kindesmisshandlung aufs Revier der Polizei von Lake Buena Vista brachte. Ein Blick auf deine Röntgenbilder, auf Dutzende noch nicht ganz verheilte Brüche, auf die Krümmung deines rechten Unterarms hatte gereicht, und die Ärzte waren durchgedreht und hatten sofort das Jugendamt angerufen. Dr. Rosenblad hatte uns schon vor Jahren ein Attest gegeben, das uns vor einer Festnahme bewahren sollte, denn viele Eltern von Kindern mit OI werden der Misshandlung beschuldigt, wenn die Krankengeschichte nicht bekannt ist – und Charlotte hatte ihn immer im Wagen dabei, nur für alle Fälle. Doch an diesem Tag, nachdem wir wegen der Reise an so vieles hatten denken müssen, war der Brief vergessen worden, und so wurden wir auf dem Revier verhört.

»Das ist Blödsinn!«, brüllte ich. »Meine Tochter ist in der Öffentlichkeit gestürzt. Mindestens zehn Leute können das bezeugen. Warum holen Sie sich die nicht? Haben Sie hier in der Gegend denn nichts Besseres zu tun?«

Ich hatte abwechselnd guter und böser Cop gespielt, doch wie sich herausstellte, wirkt das nicht, wenn man es mit einem fremden Kollegen zu tun hat. Es war Samstag und fast Mitternacht, und das wiederum hieß, dass es vermutlich bis Montag dauern würde, bis die Situation von Dr. Rosenblad geklärt werden konnte. Ich hatte Charlotte nicht mehr gesehen, seit wir in die Streifenwagen gestiegen waren, und in Fällen wie diesen pflegten auch wir die Eltern voneinander zu trennen, damit sie sich keine gemeinsame Lüge ausdenken konnten. Das Problem war nur, dass die Wahrheit ziemlich verrückt klang. Ein Kind rutscht auf einer Serviette aus und trägt einen mehrfachen Bruch des Oberschenkelknochens davon? Man muss nicht wie ich schon neunzehn Jahre bei der Polizei sein, um so etwas verdächtig zu finden.

Ich stellte mir vor, wie Charlotte nach und nach die Fassung verlor. Nicht bei dir sein zu können, während du Schmerzen leidest, würde sie förmlich zerreißen, und dass Amelia Gott weiß wo war, machte die Sache noch schlimmer. Ich dachte immer wieder daran, wie Amelia es früher gehasst hat, im Dunkeln einzuschlafen, und wie ich mitten in der Nacht in ihr Zimmer geschlichen bin, um das Licht auszuschalten. Hast du Angst?, habe ich sie einmal gefragt, und sie hat geantwortet: Nein. Ich will nur nichts verpassen. Wir haben in Bankton, New Hampshire gelebt, einem kleinen Ort, wo jeder jeden kannte und man im Vorbeifahren zur Begrüßung angehupt wurde, wo die Kassiererin im Lebensmittelladen einen den Einkauf mitnehmen ließ, wenn man mal die Kreditkarte daheim vergessen hatte und versprach, später wiederzukommen. Das heißt nicht, dass wir nicht auch die miesen Seiten des Lebens kannten – Cops sehen hinter die weiß getünchten Fassaden und polierten Türen und entdecken dabei allerlei versteckte Albträume: hoch geschätzte Lokalgrößen, die insgeheim ihre Frauen prügeln; ausgezeichnete Studenten mit Drogenproblemen; Lehrer mit Kinderpornografie auf dem Rechner. Aber als Polizeibeamter war es stets mein Ziel, all diesen Dreck auf dem Revier zu lassen, damit du und Amelia in seliger Unwissenheit aufwachsen könnt. Doch was passiert stattdessen? Ihr müsst zuschauen, wie die Polizei von Florida in die Notaufnahme kommt und eure Eltern mitnimmt, und Amelia wird in eine Pflegefamilie verbracht. Welche Narben würde dieser lausige Versuch eines Urlaubs wohl bei euch hinterlassen?

Nach der zweiten Befragungsrunde hatte der Kollege mich allein gelassen. Ich kannte das. Das war seine Methode, mich mürbe zu machen, weil er dachte, er könne mich später mit ein paar neu gewonnenen Erkenntnissen in Widersprüche verwickeln und zum Geständnis bringen.

Ich fragte mich, wo Charlotte wohl inzwischen war, in einem anderen Verhörzimmer oder vielleicht sogar in einer Zelle? Wenn sie uns über Nacht hierbehalten wollten, brauchten sie einen Haftbefehl, und für den hatten sie einen guten Grund. Es war bei ihnen in Florida zu einer neuen Verletzung des Kindes gekommen, und diese in Verbindung mit den alten, die auf den Röntgenbildern sichtbar waren, war ein ausreichendes Indiz, bis irgendjemand unsere Version der Geschichte bestätigen würde. Aber zum Teufel damit – ich wollte nicht länger warten. Du und deine Schwester, ihr beide brauchtet mich.

Ich stand auf und hämmerte an den Spiegel, durch den der Detective mich wahrscheinlich beobachtete.

Er kam wieder in den Raum. Dürr, rothaarig, pickelig … der war noch nicht einmal dreißig. Ich wog 225 Pfund – alles Muskeln – und war 1,90 m groß. Zuletzt hatte ich dreimal in Folge bei den jährlichen Fitnesstests die inoffizielle Reviermeisterschaft im Gewichtheben gewonnen. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich den Kerl zu Brei schlagen können. Das brachte mir allerdings wieder in Erinnerung, weshalb er mich verhörte.

»Mr. O’Keefe«, sagte der Detective. »Lassen Sie uns das noch einmal durchgehen.«

»Ich will meine Frau sehen.«

»Das ist im Augenblick nicht möglich.«

»Sagen Sie mir dann wenigstens, ob es ihr gut geht?«

Meine Stimme brach am Ende der Frage, und das reichte aus, um den Detective zu erweichen. »Es geht ihr gut«, antwortete er. »Sie ist gerade bei einem Kollegen.«

»Ich möchte telefonieren.«

»Sie stehen nicht unter Arrest«, sagte er.

Ich lachte. »Ja, klar.«

Er deutete auf das Telefon auf dem Tisch. »Sie müssen die Neun vorwählen, um eine Leitung nach draußen zu bekommen«, sagte er, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust zum Zeichen, dass er mir keine Privatsphäre geben würde.

»Kennen Sie die Nummer des Krankenhauses, in dem meine Tochter liegt?«

»Sie können sie nicht sprechen.«

»Warum nicht? Ich bin nicht inhaftiert«, erklärte ich.

»Es ist schon spät. Ein guter Vater würde sein Kind nicht wecken wollen. Aber Sie sind ja auch kein guter Vater, nicht wahr, Sean?«

»Ein guter Vater würde sein Kind nicht allein im Krankenhaus lassen, besonders nicht, wenn es Angst und Schmerzen hat«, konterte ich.

»Gehen wir erst einmal durch, was wir durchgehen müssen. Vielleicht haben Sie dann ja noch Gelegenheit, ihre Tochter zu erwischen, bevor sie ins Bett geht.«

»Ich sage kein Wort mehr, bevor ich nicht mit ihr gesprochen habe«, versuchte ich zu verhandeln. »Geben Sie mir die Nummer, und ich werde Ihnen sagen, was heute wirklich geschehen ist.«

Der Detective starrte mich eine Minute lang an – auch diese Technik kannte ich. Wenn man diesen Job so lange gemacht hat wie ich, kann man in den Augen des Gegenübers die Wahrheit lesen. Ich fragte mich, was er in meinen las. Enttäuschung vielleicht. Hier saß ich, ein erfahrener Polizeibeamter, und ich hatte dich nicht vor alldem bewahren können.

Der Detective nahm den Hörer ab und wählte. Er ließ sich mit deinem Zimmer verbinden und sprach leise mit der Krankenschwester. Dann reichte er mir den Hörer. »Sie haben eine Minute«, sagte er.

Du warst benommen – die Schwester hatte dich wecken müssen –, und deine Stimme klang dünn und schwach. »Willow«, sagte ich. »Ich bin es. Daddy.«

»Wo bist du? Wo ist Mama?«

»Wir kommen dich holen, Liebling. Morgen früh sind wir wieder bei dir.« Ich wusste nicht, ob das möglich sein würde, aber ich wollte dich nicht glauben lassen, wir hätten dich im Stich gelassen. »Eins bis zehn?«, fragte ich.

Das war ein Spiel, das wir bei jedem Bruch spielten. Ich nannte dir eine Schmerzskala, und du hast mir gezeigt, wie tapfer du bist. »Null«, hast du geflüstert, und das traf mich wie ein Schlag ins Gesicht.

Es gibt da etwas, was du über mich wissen solltest: Ich weine nicht. Seit dem Tod meines Vaters habe ich nicht mehr geweint, und damals war ich zehn. Aber ich stand mehrmals kurz davor. So zum Beispiel, als du geboren wurdest und kurz danach beinahe gestorben wärst. Oder als ich deinen Gesichtsausdruck gesehen habe, als du mit zwei Jahren wieder hast laufen lernen müssen, nachdem deine Hüfte fünf Monate lang eingegipst gewesen war. Oder auch heute, als ich zusehen musste, wie sie Amelia fortbrachten. Es war nicht so, dass mir nicht zum Heulen zumute war; doch einer musste schließlich stark sein, damit ihr es nicht zu sein brauchtet.

Also riss ich mich zusammen und räusperte mich. »Erzähl mir etwas, das ich nicht weiß, Schatz.«

Das war noch so ein Spiel, das wir spielten: Wenn ich nach Hause kam, hast du irgendetwas rezitiert, was du am Tag gelernt hattest. Ehrlich, ich habe nie ein Kind gesehen, das Informationen so aufgesogen hat wie du. Dein Körper mochte dich ja ständig im Stich lassen, aber dein Verstand machte das wieder wett.

»Eine Krankenschwester hat mir gesagt, dass das Herz einer Giraffe fünfundzwanzig Pfund wiegt.«

»Das ist ja riesig«, erwiderte ich. Wie schwer war wohl mein eigenes? »Und jetzt möchte ich, dass du dich wieder hinlegst und schläfst, Willow, damit du putzmunter bist, wenn ich dich morgen holen komme.«

»Versprochen?«

Ich schluckte. »Versprochen. Schlaf schön, ja?« Ich gab dem Detective den Hörer wieder zurück.

»Wie rührend«, sagte er gefühllos und legte auf. »Also gut. Ich höre.«

Ich stützte die Ellbogen auf den Tisch. »Wir waren gerade erst im Park angekommen, und da war eine Eisdiele nicht weit vom Eingang. Willow hatte Hunger; also beschlossen wir, dort eine kleine Pause einzulegen. Meine Frau ist Servietten holen gegangen; Amelia hat sich an den Tisch gesetzt, und Willow und ich haben uns angestellt. Ihre Schwester hat etwas durchs Fenster entdeckt, und Willow lief los, um es sich anzusehen. Dann ist sie gefallen und hat sich die Oberschenkelknochen gebrochen. Sie leidet unter einer Krankheit mit Namen Osteogenesis imperfecta, die ihre Knochen extrem brüchig macht. Etwa eins von zehntausend Kindern wird damit geboren. Was zum Teufel wollen Sie sonst noch wissen?«

»Das ist genau die gleiche Erklärung, die Sie mir schon vor einer Stunde gegeben haben.« Der Detective warf seinen Stift auf den Tisch. »Ich dachte, Sie wollten mir sagen, was wirklich passiert ist.«

»Das habe ich. Ich habe Ihnen nur nicht gesagt, was Sie hören wollten.«

Der Detective stand auf. »Sean O’Keefe«, sagte er, »Sie sind verhaftet.«

Gegen sieben, Sonntag früh, lief ich auf dem Gang des Polizeireviers auf und ab. Ich war wieder ein freier Mann und wartete auf Charlotte. Der diensthabende Sergeant, der mich freigelassen hatte, ging verlegen neben mir her. »Ich bin sicher, Sie verstehen das«, sagte er. »Angesichts der Umstände war das unsere Pflicht.«

Ich knirschte mit den Zähnen. »Wo ist meine ältere Tochter?«

»Das Jugendamt ist mit ihr bereits auf dem Weg hierher.«

Aus professioneller Höflichkeit hatte man mir erzählt, dass Louie, unser Dispatcher in Bankton, nicht nur meine Stellung als Polizeibeamter bestätigt, sondern auch erzählt habe, du littest an einer Krankheit, bei der man sich leicht die Knochen bricht. Trotzdem hatte dich das Jugendamt erst freigeben wollen, wenn das auch von einem Mediziner bestätigt worden wäre. Also betete ich die halbe Nacht lang – muss allerdings gestehen, dass ich deine Freilassung weniger Jesus als vielmehr deiner Mutter zuschreibe. Charlotte hatte oft genug Law & Order gesehen, um zu wissen, dass sie nach ihrer Verhaftung das Recht auf einen Anruf hatte, und zu meiner Überraschung hat sie diesen Anruf nicht genutzt, um mit dir zu sprechen. Stattdessen hat sie Piper Reece angerufen, ihre beste Freundin.

Ich mag Piper, ganz ehrlich. Und erst recht, seit sie Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hat, um Mark Rosenblad an einem Wochenende um drei Uhr morgens an den Apparat zu bekommen, wo sie ihn dann auch noch überzeugen konnte, in dem Krankenhaus in Florida anzurufen. Im Übrigen verdanke ich Piper sogar meine Ehe; schließlich haben sie und Rob mich mit Charlotte bekannt gemacht. Doch wenn man das alles mal beiseitelässt, ist Piper … ein wenig zu viel. Sie ist klug, vertritt energisch ihre Meinung und hat die meiste Zeit recht, was einen schon frustrieren kann. Wenn ich mich mit deiner Mutter gestritten habe, ging es meistens um etwas, das Piper ihr in den Kopf gesetzt hatte. Dabei mögen Forschheit und ausgeprägtes Selbstbewusstsein Piper ja gut anstehen, aber bei Charlotte wirken sie irgendwie fehl am Platze … sie kommt mir dann vor wie ein Kind, das mit den Sachen seiner Mutter Verkleiden spielt. Deine Mutter ist eher ein ruhiger Typ, der einem Rätsel aufgibt. Ihre Stärken merkt man nicht gleich, sie springen einen nicht an. Wenn man einen Raum betritt, fällt einem die breit lächelnde Piper mit ihrem blonden Kurzhaarschnitt und den ewig langen Beinen als Erstes auf, wogegen Charlotte diejenige ist, über die man noch lange nachdenkt, nachdem man wieder gegangen ist. Diese unverfrorene Direktheit macht Piper zwar zu einer anstrengenden Person, aber genau damit hat sie es geschafft, mich aus der Zelle in Buena Vista rauszuholen. Also habe ich ihr nach der kosmischen Gesamtrechnung schon wieder etwas zu verdanken.

Plötzlich ging eine Tür auf, und ich sah Charlotte: benommen, blass, die braunen Locken schon halb aus dem Haargummi. Sie funkelte den Beamten an, der sie begleitete. »Ich zähle jetzt bis zehn, und sollte Amelia dann nicht hier sein, ich schwöre …«

Gott, ich liebe deine Mutter. Wenn es darauf ankommt, denken wir beide vollkommen gleich.

Dann bemerkte sie mich. »Sean!«, rief sie und warf sich in meine Arme.

Ich wünschte, du wüsstest, was es heißt, das fehlende Stück von einem selbst zu finden, das eine Stück, das dich stärker macht. Für mich ist Charlotte genau das. Sie ist klein, nur 1,58 m, aber in dieser kurvenreichen Figur – deretwegen sie sich immer stresst, weil sie nicht wie Piper Größe vier hat – verbergen sich Muskeln, die dich überraschen würden, Muskeln, die sie beim jahrelangen Mehlschleppen als Konditorin entwickelt hat und später, als sie dich und deine Ausrüstung hat tragen müssen.

»Alles in Ordnung mit dir, Schatz?«, murmelte ich in ihr Haar. Charlotte roch nach Äpfeln und Sonnencreme. Sie hatte darauf bestanden, dass wir uns alle eincremen, noch bevor wir den Flughafen von Orlando verlassen. Nur um sicherzugehen, hatte sie gesagt.

Sie antwortete nicht, sondern nickte nur an meiner Brust.

Dann hallte ein Schrei durch den Gang, und wir sahen Amelia auf uns zufliegen. »Ich habe ihn vergessen, Mom«, schluchzte sie. »Ich habe vergessen, den Arztzettel mitzunehmen. Es tut mir leid. Es tut mir ja so leid.«

»Niemand hat hier irgendwelche Schuld.« Ich kniete mich hin und wischte Amelia die Tränen aus dem Gesicht. »Machen wir, dass wir hier rauskommen.«

Der diensthabende Sergeant hatte angeboten, uns in einem Streifenwagen zum Krankenhaus zu fahren, aber ich ließ uns stattdessen ein Taxi rufen. Sollten sie ruhig an ihrem schlechten Gewissen ersticken. Ich würde ihnen keine Gelegenheit geben, es auch nur ansatzweise wiedergutzumachen.

Als das Taxi vor dem Haupteingang hielt, gingen wir drei nach draußen. Ich ließ Charlotte und Amelia den Vortritt und stieg dann ebenfalls ein. »Zum Krankenhaus«, sagte ich zu dem Fahrer, schloss die Augen und lehnte mich zurück.

»Gott sei Dank«, sagte deine Mutter. »Gott sei Dank, es ist vorbei.«

Ich öffnete noch nicht einmal die Augen. »Nein. Gar nichts ist vorbei«, erwiderte ich. »Jemand wird dafür bezahlen.«

Charlotte

Es reicht, wenn ich sage, dass die Heimfahrt nicht gerade angenehm war. Man hatte dir einen Spreizgips angelegt, einen sogenannten Petriecast, sicherlich eines der qualvollsten Heilinstrumente, die je von Ärzten ersonnen wurden. Dabei handelte es sich um eine regelrechte Schale aus Gips, die dir von den Knien bis zu den Rippen reichte. Dein Oberkörper war leicht zurückgebogen, und die Beine waren gespreizt, sodass die Knochen korrekt verheilen konnten. Folgendes hatte man uns dazu gesagt:

  • Du solltest diese Schale vier Monate lang tragen.
  • Dann würde man sie entzweischneiden, und du müsstest wochenlang wie eine Auster in einer Schalenhälfte zubringen und deine Bauchmuskeln trainieren, damit du wieder aufrecht sitzen kannst.
  • Der kleine quadratische Ausschnitt am Bauch sollte deinem Magen Platz geben, damit er sich trotz Gips beim Essen ausdehnen kann.
  • Der breite Spalt zwischen deinen Beinen sollte dir ermöglichen, aufs Klo zu gehen.

Und Folgendes hat man uns nicht gesagt:

  • Du würdest weder imstande sein, dich vollständig aufzusetzen, noch, dich hinzulegen.
  • Du würdest nicht in einem normalen Sitz zurück nach New Hampshire fliegen können.
  • Du würdest dich noch nicht einmal im Fond des Wagens hinlegen können.
  • Du würdest nicht über längere Zeit bequem in deinem Rollstuhl sitzen können.
  • Deine Kleider würden nicht über den Gips passen.

Wegen dieser Schwierigkeiten konnten wir unser Hotel in Florida nicht sofort verlassen. Wir liehen uns einen Van mit drei Sitzreihen und setzten Amelia ganz nach hinten. Die mittlere Reihe bekamst du, und die polsterten wir mit Decken von Wal-Mart aus. Auch kauften wir Männer-T-Shirts und Boxershorts, die sich wegen der elastischen Bündchen über den Gips streifen ließen. Die überschüssige Weite korrigierten wir an der Seite mit Haargummis, und wenn man nicht zu genau hinschaute, sah das gar nicht mal so schlecht aus. Modisch waren die Shorts natürlich nicht, aber sie bedeckten deine Schrittpartie, die andernfalls für jedermann sichtbar gewesen wäre.

So machten wir uns an die lange Heimfahrt.

Du hast geschlafen. Im Krankenhaus hatte man dir noch einmal Schmerzmittel verabreicht. Amelia löste abwechselnd Kreuzworträtsel und fragte, wann wir endlich zu Hause seien. Wir aßen in Drive-ins, da du nicht am Tisch sitzen konntest.

Als wir sieben Stunden unterwegs waren, rutschte Amelia auf ihrer Bank herum. »Wisst ihr, dass Mrs. Grey uns immer über die coolen Sachen schreiben lässt, die wir in den Ferien gemacht haben? Ich werde erzählen, dass ihr euch den Kopf zerbrochen habt, wie man Willow zum Pinkeln auf die Toilette bringen könnte.«

»Wag das ja nicht«, mahnte ich.

»Na ja … Wenn ich das weglasse, wird mein Aufsatz echt kurz ausfallen.«

»Wir könnten uns auf dem Rest der Fahrt ja ein wenig Spaß gönnen«, schlug ich an einem Punkt vor. »Vielleicht in Memphis einen Zwischenstopp einlegen, in Graceland … oder in Washington, D.C. …«

»Oder wir könnten geradewegs durchfahren und es hinter uns bringen«, sagte Sean.

Ich schaute ihn an. Das dunkelgrüne Armaturenlicht legte sich wie eine Maske um seine Augen.

»Können wir zum Weißen Haus gehen?«, fragte Amelia. Ihr Interesse war geweckt.

Ich stellte mir vor, wie schwül es jetzt in Washington war und wie wir dich in deinem schweren Verband die Stufen zum Lincoln Memorial hinaufschleppten. Wenn ich aus dem Fenster schaute, war die Straße ein langes schwarzes Band, das sich vor uns ewig ausrollte. »Dein Vater hat recht«, sagte ich.

Als wir schließlich daheim ankamen, hatte sich bereits herumgesprochen, was passiert war. Auf der Arbeitsplatte in der Küche lag ein Zettel von Piper. Es handelte sich um eine Liste der Leute, die Essen vorbeigebracht und im Kühlschrank verstaut hatten. Piper hatte sie mit einem Wertungssystem versehen, wobei fünf Sterne für »zuerst essen«, drei Sterne für »besser als Chef Boyardee« und ein Stern für »Botulismusalarm« standen. Ich habe schon vor langer Zeit festgestellt, dass Menschen lieber helfen, indem sie dir einen Nudelauflauf vorbeibringen, als durch persönliches Anpacken. Man übergibt eine Schüssel und hat seine Pflicht getan – da braucht man sich nicht weiter zu engagieren, und das Gewissen bleibt rein. Essen ist der Ersatz für Beistand.

Die Leute fragen mich ständig, wie ich zurechtkomme; doch die Wahrheit ist, sie wollen es gar nicht wissen. Sie schauen auf deine Gipsverbände – in Tarnmuster, Pink oder Neonorange. Sie sehen mir zu, wie ich den Wagen auslade und deine Gehhilfe mit den Tennisballfüßen aufbaue, damit wir über den Bürgersteig kriechen können, während hinter uns Kinder an Klettergerüsten turnen, Ball spielen und all die anderen Dinge tun, bei denen du zerbrechen würdest. Sie lächeln mich an, weil sie freundlich sein oder tolerant erscheinen wollen; aber sie denken die ganze Zeit über: Gott sei Dank. Gott sei Dank hat es sie erwischt und nicht mich.

Wenn ich mich darüber beschwere, sagt dein Vater immer, dass ich fair sein soll. Manche Leute wollten ehrlich helfen. Ich erwidere dann, wenn sie wirklich helfen wollten, würden sie keine Nudelaufläufe bringen, sondern anbieten, Amelia zum Äpfelpflücken oder Eislaufen mitzunehmen, damit sie mal aus dem Haus kommt, oder sie würden uns Arbeit im Vorgarten abnehmen. Und eine echte Entlastung wäre es, wenn sie die Versicherungsgesellschaft anriefen und stundenlang über die Bezahlung diverser Rechnungen verhandelten, damit ich das nicht zu tun brauchte.

Sean will nicht verstehen, dass die meisten Menschen, die uns ihre Hilfe anbieten, das nicht um unseret-, sondern um ihretwillen tun. Um ehrlich zu sein, nehme ich ihnen das nicht einmal übel. Das hat etwas mit Aberglauben zu tun: Wenn man einer Familie in Not hilft … Wenn man sich Salz über die Schulter wirft … Wenn man nicht unter einer Leiter hindurchgeht, dann ist man vielleicht gefeit. Dann kann man sich einreden, dass man selbst von so etwas verschont bleibt.

Versteh mich nicht falsch. Ich beschwere mich nicht. Andere Menschen schauen mich an und denken: Die arme Frau. Sie hat ein behindertes Kind. Aber wenn ich dich anschaue, sehe ich das Mädchen, das sich schon mit drei Jahren den vollständigen Text von Queens »Bohemian Rhapsody« gemerkt hat, das Mädchen, das bei einem Gewitter immer zu mir ins Bett kriecht – nicht weil es selbst Angst hätte, sondern weil ich mich fürchte. Ich sehe das Mädchen, dessen Lachen in mir nachschwingt wie eine Stimmgabel. Ich habe mir nie ein nicht behindertes Kind gewünscht, denn dieses Kind wärst nicht du gewesen.

Am nächsten Morgen telefonierte ich fünf Stunden lang mit der Versicherung. Den Weg von der Klinik in Florida zum Hotel hatten wir im Krankenwagen zurückgelegt. Krankenwagenfahrten waren jedoch von unserer Police nicht abgedeckt. Das Krankenhaus wiederum entließ einen Patienten im Spreizgips grundsätzlich nur dann, wenn er sich von einem Krankenwagen an sein Ziel transportieren ließ. Das war ein Teufelskreis; nur war ich offenbar die Einzige, die das so sah, und musste darum ein Gespräch führen, das schon ans Absurde grenzte. »Damit ich das richtig verstehe«, sagte ich zu dem inzwischen vierten Versicherungsmitarbeiter, mit dem ich an diesem Tag sprach. »Sie sind der Meinung, dass ich den Krankenwagen nicht hätte nehmen müssen, und deshalb wollen Sie die Kosten nicht übernehmen.«

»Das ist korrekt, Ma’am.«

Du hast, von Kissen gestützt, auf der Couch gelegen und mit einem Textmarker Streifen auf deinen Gips gemalt. »Und was hätte ich Ihrer Meinung nach sonst tun sollen?«, fragte ich.

»Das ist doch offensichtlich. Sie hätten die Patientin im Krankenhaus belassen können.«

»Ihnen ist aber durchaus klar, dass sie den Gips monatelang wird tragen müssen, oder? Hätte ich meine Tochter etwa so lange im Krankenhaus lassen sollen?«

»Nein, Ma’am. Nur so lange, bis eine geeignete Transportmöglichkeit gefunden worden wäre.«

»Aber das einzige Transportmittel, das das Krankenhaus gestattet hat, war ein Krankenwagen!«, entgegnete ich. Inzwischen sah dein Bein wie eine Zuckerstange aus. »Hätte unsere Police denn den verlängerten Krankenhausaufenthalt abgedeckt?«

»Nein, Ma’am. Die Maximalzahl an Krankenhaustagen für derartige Verletzungen ist …«

»Jajaja, das hatten wir schon.« Ich seufzte.

»Mir scheint«, sagte der Versicherungsmensch gereizt, »dass Sie angesichts der Alternativen – verlängerter Krankenhausaufenthalt oder ungenehmigte Krankenwagenfahrt – eigentlich gar keinen Grund haben, sich zu beschweren.«

Ich spürte, wie mir die Zornesröte in die Wangen stieg. »Und mir scheint, dass Sie ein gewaltiges Arschloch sind!«, brüllte ich und knallte den Hörer auf. Dann drehte ich mich um und sah dich. Der Textmarker in deiner Hand hing gefährlich nah an den Couchbezügen. Du warst verdreht wie eine Brezel. Deine untere, eingegipste Hälfte zeigte nach vorne, während du Kopf und Schultern nach hinten gedreht hattest, um aus dem Fenster schauen zu können.

»Fluchdöschen«, hast du gemurmelt. Du hattest eine alte Konservendose mit Geschenkpapier umwickelt, und jedes Mal, wenn Sean in deiner Gegenwart geflucht hat, hast du einen Vierteldollar kassiert. Allein diesen Monat hattest du damit zweiundvierzig Dollar eingenommen – auch den ganzen Weg von Florida hierher hattest du fleißig mitgezählt. Ich holte einen Vierteldollar aus der Tasche und warf ihn in die Dose auf dem Tisch, aber du hast mir nicht zugeschaut. Deine Aufmerksamkeit war nach draußen gerichtet, auf den gefrorenen Teich, wo Amelia Schlittschuh lief.

Deine Schwester lief schon Schlittschuh seit … nun, seit sie in deinem Alter war. Sie und Pipers Tochter Emma nahmen zweimal die Woche Unterricht, und du hast dir nichts sehnlicher gewünscht, als es deiner Schwester gleichzutun. Nur leider war daran gar nicht zu denken. Du hast dir einmal den Arm gebrochen, als du in der Küche auf Socken Eislaufen gespielt hast.

»Bei all den schlimmen Ausdrücken, die dein Dad und ich so von uns geben, hast du bald genug Bargeld, um dir ein Flugticket zu kaufen und von hier abzuhauen«, scherzte ich, um dich abzulenken. »Und? Wohin willst du? Las Vegas?«

Du hast dich vom Fenster abgewandt und mich angeschaut. »Das wäre dumm«, hast du gesagt. »Um Blackjack zu spielen, muss ich einundzwanzig sein.«

Sean hatte es dir beigebracht, ebenso wie Hearts, Texas Hold’em und Five Card Stud. Zuerst war ich entsetzt gewesen, bis mir klar geworden war, dass es schon unter Folter fiel, fünf Stunden am Stück Go Fish spielen zu müssen. »Dann in die Karibik?«

Ich redete, als würdest du irgendwann ungehindert reisen können, und das angesichts des letzten Urlaubs, den du vermutlich nie vergessen würdest. »Ich habe daran gedacht, was zu lesen zu kaufen«, hast du gesagt. »Zum Beispiel Dr. Seuss.«

Du hast auf einem Niveau wie Sechstklässler gelesen, während Gleichaltrige sich noch mit dem Alphabet abmühten. Das war einer der wenigen Vorteile deiner Krankheit: Wenn du viel still liegen musstest, hast du dich auf Bücher und das Internet konzentriert. Amelia nannte dich sogar Wikipedia, wenn sie dich ärgern wollte. »Dr. Seuss?«, sagte ich. »Wirklich?«

»Die Bücher sind nicht für mich. Ich dachte, wir könnten sie dem Krankenhaus in Florida schicken. Dort gab es nur Wo ist Spot? zu lesen, und das wird nach dem fünften, sechsten Mal wirklich langweilig.«

Das verschlug mir die Sprache. Ich wollte dieses dämliche Krankenhaus und alles, was damit verbunden war, einfach nur vergessen … und da warst du, von Selbstmitleid keine Spur. Du hast nicht jede Gelegenheit genutzt, dich selbst zu bemitleiden, nur weil du allen Grund dazu hattest. Tatsächlich glaubte ich manchmal sogar, dass die Menschen dich nicht wegen deiner Krücken oder deines Rollstuhls anstarrten, sondern weil du über Fähigkeiten verfügtest, von denen sie nur träumen konnten.

Das Telefon klingelte erneut. Kurz träumte ich davon, dass es der Vorstandsvorsitzende der Versicherung war, der sich persönlich bei mir entschuldigen wollte. Aber es war Piper. Sie wollte nur mal nachhören. »Erwische ich dich in einer ruhigen Minute?«, fragte sie.

»Eigentlich nicht«, antwortete ich. »Aber ruf doch in ein paar Monaten wieder an.«

»Hat sie große Schmerzen? Hast du mit Rosenblad telefoniert?«, bombardierte mich Piper mit Fragen. »Und wo ist Sean?«

»Ja, nein, und ich hoffe, er verdient gerade genug Geld, um die offenen Kreditkartenrechnungen aus dem Urlaub zu begleichen, den wir gar nicht gehabt haben.«

»Hör zu. Ich werde Amelia morgen zum Schlittschuhlaufen abholen, wenn ich Emma hinfahre. Dann hast du schon mal eine Sache weniger, über die du dir den Kopf zerbrechen musst.«

Den Kopf zerbrechen? Mir war nicht einmal bewusst gewesen, dass Amelia am nächsten Tag Training hatte. Das stand nicht einmal ganz unten auf der Liste, das stand gar nicht drauf.

»Brauchst du sonst noch etwas?«, fragte Piper. »Lebensmittel? Benzin? Johnny Depp?«

»Eigentlich wollte ich Valium sagen, aber jetzt nehme ich Tor 3.«

»Das habe ich mir gedacht. Da hast du einen Kerl geheiratet, der aussieht wie Brad Pitt – nur durchtrainierter –, und worauf stehst du? Auf den langhaarigen Künstlertyp.«

»Wie heißt es doch so schön? Die Kirschen in Nachbars Garten schmecken stets süßer.« Gedankenverloren beobachtete ich, wie du nach dem alten Laptop neben dir griffst und ihn auf dem Schoß balanciertest. Er rutschte immerzu weg, weil der Winkel des Gipses so ungünstig war; also schnappte ich mir ein Kissen und stopfte es als Unterlage auf deinen Schoß. »Im Augenblick sieht es auf meiner Seite des Zauns tatsächlich recht düster aus«, sagte ich zu Piper.

»Ups, ich muss weg. Offensichtlich schreit mein Patient nach mir.«

»Wenn ich für jedes Mal, wo ich das gehört habe, einen Dollar bekommen hätte …«

Piper lachte. »Charlotte«, sagte sie, »versuch, den Zaun einzureißen.«

Ich legte auf. Du hast eifrig mit zwei Fingern getippt. »Was machst du da?«

»Ich richte einen E-Mail-Account für Amelias Goldfisch ein«, hast du geantwortet.

»Ich wage stark zu bezweifeln, dass er einen braucht …«

»Deshalb hat er ja auch mich darum geben und nicht dich …«

Reiß den Zaun ein. »Willow«, verkündete ich, »schalt den Laptop aus. Wir beide gehen Schlittschuh laufen.«

»Du machst Witze.«

»Nö.«

»Aber du hast gesagt …«

»Willow, möchtest du dich mit mir streiten oder Schlittschuh laufen?« Dein Gesicht leuchtete auf. So hattest du zuletzt gestrahlt, als wir in Richtung Florida fuhren. Ich zog mir ein Sweatshirt und Stiefel an und holte meinen Wintermantel aus dem Flur, um dich damit obenherum warm zu halten. Um deine Beine wickelte ich Decken, hob dich hoch und setzte dich auf meine Hüfte. Ohne den Gips warst du eine schlanke Elfe, mit hast du dreiundfünfzig Pfund gewogen.

Für eines war der Spreizgips wirklich gut – praktisch wie dafür gemacht: Ich konnte dich damit perfekt auf der Hüfte balancieren. Du hast dich ein Stück von mir weg in meinen Arm gelehnt, und so habe ich dich durch den Flur und über die Stufen nach draußen manövriert.

Als Amelia uns kommen sah – langsam wie eine Schildkröte zwischen Schneewehen hindurch –, hörte sie auf, Pirouetten zu drehen. »Ich gehe Schlittschuh laufen«, hast du gesungen, und Amelia starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an.

»Du hast schon richtig gehört«, sagte ich.

»Du nimmst sie aufs Eis mit? Bist du nicht diejenige, die von Dad gefordert hat, er soll den Teich zuschütten, weil es angeblich eine grausame Strafe für Willow war?«

»Ich reiße den Zaun ein«, verkündete ich.

»Was denn für einen Zaun?«

Ich schob die Decken unter deinen Hintern und setzte dich vorsichtig aufs Eis. »Amelia«, sagte ich, »jetzt brauche ich mal kurz deine Hilfe. Ich möchte, dass du auf sie aufpasst, während ich meine Schlittschuhe hole – lass sie nicht aus den Augen.«

Ich rannte zum Haus zurück und blieb nur kurz auf der Schwelle stehen, um mich zu vergewissern, dass Amelia noch dicht bei dir war. Meine Schlittschuhe waren tief im Schuhschrank vergraben. Ich wusste nicht einmal mehr, wann ich sie zum letzten Mal benutzt hatte. Sie waren an den Schnürsenkeln zusammengebunden, und ich warf sie mir über die Schulter und schnappte mir dann den Bürostuhl mit den Rollen. Draußen drehte ich ihn um, wuchtete ihn hoch und balancierte ihn auf dem Kopf. Ich dachte an Afrikanerinnen in bunten Kleidern, die mit Körben voller Obst oder Hirse auf dem Kopf auf dem Heimweg zu ihren Familien waren.

Am Teich stellte ich den Stuhl aufs Eis. Arm- und Rückenlehne richtete ich so aus, dass dein Gips genau hineinpasste. Dann hob ich dich auf die Sitzfläche.

Ich hockte mich hin, um meine Schlittschuhe anzuziehen. »Festhalten, Wiki«, sagte Amelia, und du hast dich an die Stuhllehnen geklammert. Amelia stand hinter dir und begann, sich über das Eis zu bewegen. Die Decken um deine Beine blähten sich wie Ballons, und ich rief deiner Schwester zu, sie solle vorsichtig sein. Aber das war sie schon. Sie hatte sich über die Rückenlehne gebeugt und hielt dich fest, fuhr dabei immer schneller und schneller. Dann wirbelte sie plötzlich um den Stuhl herum, lief rückwärts und zog dich hinterher.

Du hast den Kopf in den Nacken gelegt und die Augen geschlossen, während Amelia dich im Kreis gedreht hat. Amelias dunkle Locken lugten unter ihrer gestreiften Pudelmütze hervor, und ihr Lachen hallte hell und klar über das Eis. »Mom!«, rief sie. »Schau mal!«

Ich stand auf. »Wartet auf mich«, sagte ich. Anfangs war ich noch ein wenig wackelig auf den Beinen, doch ich wurde mit jedem Schritt sicherer.

Sean

Als ich an meinem ersten Arbeitstag nach dem Urlaub in den Umkleideraum kam, fand ich ein Fahndungsplakat neben meiner frisch gereinigten Uniform. Darauf war ein Foto von mir, und quer darüber stand in leuchtend roter Schrift: GEFASST. »Sehr komisch«, knurrte ich und riss das Plakat herunter.

»Sean O’Keefe!«, sagte einer der Jungs und tat so, als hätte er ein Mikrofon in der Hand, das er dann einem anderen Cop unter die Nase hielt. »Sie haben gerade den Superbowl gewonnen. Was haben Sie als Nächstes vor?«

Zwei Fäuste wurden in die Luft gehoben. »Ich fahre nach Disney World!«

Die übrigen Jungs lachten sich kaputt. »Hey, Sean, dein Reisebüro hat angerufen«, sagte einer. »Sie haben dir schon die Tickets für deinen nächsten Urlaub gebucht. Guantanamo.«

Mein Captain brachte sie zum Schweigen und trat zu mir. »Jetzt mal im Ernst, Sean. Du weißt, dass wir nur Witze machen. Wie geht es Willow?«

»Sie ist okay.«

»Falls wir irgendetwas tun können …«, sagte der Captain. Den Rest des Satzes ließ er unausgesprochen.

Ich winkte ab und tat so, als ob mir das alles nichts ausmachte, als wäre ich einer der Witzereißer und nicht ihre Zielscheibe. »Habt ihr nichts Anständiges zu tun? Für was haltet ihr das hier? Lake Buena Vista PD

Ich erntete lautes Gelächter, dann verzogen sie sich nach und nach, bis ich mich allein umziehen konnte. Ich schlug mit der Faust gegen den Metallrahmen meines Spinds, und er sprang auf. Ein Stück Papier flatterte heraus. Auch darauf war mein Gesicht zu sehen, diesmal mit Mickymausohren auf dem Kopf. Und darunter stand: DIE WELT IST KLEIN.

Anstatt mich umzuziehen, ging ich zum Empfang und zog das Telefonbuch aus einem Stapel im Regal. Ich blätterte durch die Werbeanzeigen, bis ich den Namen gefunden hatte, den ich schon unzählige Male im Nachtprogramm gehört hatte: »Robert Ramirez, Ihr Anwalt bei Zivilklagen: Weil Sie das Beste verdienen.«

Ja, das tue ich, dachte ich, und auch meine Familie.

Also wählte ich die Nummer. »Ja«, sagte ich, »ich hätte gerne einen Termin.«

Ich war immer der Nachtwächter. Wenn ihr Mädchen eingeschlafen wart und Charlotte geduscht hatte und ins Bett gekrochen war, war es mein Job, das Licht auszumachen, die Türen abzuschließen und ein letztes Mal durchs Haus zu gehen. Aufgrund deines schweren Gipsverbandes war im Augenblick die Wohnzimmercouch dein Bett. Fast hätte ich das Nachtlicht in der Küche abgeschaltet, dann fiel es mir ein. Ich ging noch einmal zu dir, zog dir die Decke unters Kinn und küsste dich auf die Stirn.

Oben sah ich noch nach Amelia und ging schließlich in unser Schlafzimmer. Charlotte stand, in ein Handtuch gewickelt, im Bad und putzte sich die Zähne. Ihre Haare waren nass. Ich trat hinter sie, legte ihr die Hände auf die Schultern und drehte eine Locke um meinen Finger. »Ich liebe es, wie dein Haar das macht«, sagte ich und schaute zu, wie die Locke wieder in ihre ursprüngliche Form zurücksprang. »Es ist, als hätte es ein eigenes Gedächtnis.«

»Dann wohl eher einen eigenen Willen«, meinte sie und schüttelte ihr Haar, bevor sie sich übers Becken beugte, um sich den Mund auszuspülen. Als sie sich wieder aufrichtete, küsste ich sie.

»Minzfrisch«, sagte ich.

Sie lachte. »Habe ich etwas verpasst? Wird hier gerade eine Zahnpastareklame gedreht?«

Unsere Blicke trafen sich im Spiegel. Ich habe mich schon immer gefragt, ob sie das Gleiche sieht wie ich, wenn ich sie anschaue, oder, wenn wir schon dabei sind, ob sie bemerkt, dass mein Haar am Ansatz dünner wird. »Was willst du?«, fragte sie.

»Woher weißt du denn, dass ich etwas will?«

»Weil ich seit sieben Jahren mit dir verheiratet bin?«

Ich folgte Charlotte ins Schlafzimmer und schaute zu, wie sie das Handtuch fallen ließ und sich das Nachthemd überwarf, ein übergroßes T-Shirt. Ich weiß, du möchtest das nicht hören – welches Kind will das schon? –, aber das war noch so etwas, was ich an deiner Mutter geliebt habe. Auch nach sieben Jahren noch drehte sie sich beim Umziehen von mir weg, als würde ich nicht schon längst jeden Zoll von ihr kennen.

»Ich möchte, dass du und Willow morgen mit mir kommt«, sagte ich. »Zu einem Anwalt.«

Charlotte ließ sich auf die Matratze fallen. »Weshalb das denn?«

Ich versuchte, meine Gefühle in erklärende Worte zu fassen. »Es geht um die Art, wie wir behandelt worden sind. Die Verhaftung. Ich kann denen das nicht einfach durchgehen lassen.«

Sie starrte mich an. »Warst du nicht derjenige, der gesagt hat, er wolle einfach nur nach Hause und normal weiterleben?«

»Ja, und weißt du, was das heute für mich bedeutet hat? Das ganze Revier lacht über mich. Ich werde für immer der Cop sein, der es geschafft hat, verhaftet zu werden. Das Wichtigste in meinem Job ist mein Ruf, und den haben sie ruiniert.« Zögernd setzte ich mich neben Charlotte. Ich war ein Verfechter der Wahrheit, auch wenn ich sie nicht immer aussprach, besonders nicht, wenn ich danach vollkommen nackt dastand. »Sie haben mir meine Familie weggenommen. Als ich in der Zelle war, habe ich an euch gedacht und wollte am liebsten jemanden in der Luft zerreißen. Ich wollte mich in den Menschen verwandeln, für den sie mich ohnehin gehalten haben.«

Charlotte schaute mir in die Augen. »Wen meinst du mit ›sie‹?«

Ich nahm ihre Hand. »Nun«, sagte ich, »ich hoffe, das wird uns der Anwalt sagen.«

Die Wände des Wartezimmers in der Kanzlei von Robert Ramirez waren mit den Kopien von Abfindungsschecks tapeziert, die er für seine Klienten erstritten hatte. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, ging ich an der Wand entlang und las ein paar. »350.000 Dollar«, »1,2 Millionen Dollar«, »890.000 Dollar«. Amelia beschäftigte sich mit der Kaffeemaschine, einem raffinierten kleinen Ding, in das man eine Tasse stellen konnte, und nach dem Druck ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Zerbrechlich" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen