Logo weiterlesen.de
Zeppelinpost

Therese, nur du hast mir das letzte Jahr lebenswert gemacht. Verzeih, dass ich dich töten musste.

Im Jahr 1997 wurde das sogenannte Karl-Valentin-Haus in der Zeppelinstraße 41 im Münchner Viertel Au renoviert. Dabei wurde in einem Kellerabteil des Vorderhauses neben vielen anderen Gegenständen, Möbeln und Müll aus den über hundert Jahren davor, ein ramponierter Schreibtisch gefunden. Der Entrümpler hielt ihn für wertlos und verkaufte ihn zusammen mit einigen anderen Möbeln aus dem Haus für zehn Mark weiter. Der Tisch landete in der Werkstatt des Restaurators Kagerer in der Rumfordstraße und wartete dort über zwanzig Jahre darauf, weggeworfen oder hergerichtet zu werden.

Als es endlich soweit war, begann der Restaurator als Erstes damit, die stark verklemmte Schublade mühselig herauszulösen. In der Hoffnung, dort einen kleinen Schatz zu finden. Münzen oder alte Geldscheine, die sich noch an Sammler verkaufen ließen. Das passierte nicht gerade selten. Zwar eher in Nachtkästchen oder Bettgestellen als in Schreibtischen, aber man wusste ja nie. Schließlich konnte man es sogar klappern hören, wenn man den Tisch rüttelte. In der Schublade war aber nichts als ein einzelner sehr dicker Briefumschlag mit vielen maschinengeschriebenen Seiten darin. Zwischendrin hand- und maschinengeschriebene Briefe, an deren Rand kleine Zettel geklebt waren, die offenbar einzelne Passagen der Briefe kommentierten. Das Kompendium war die ausführliche Lebensbeichte eines Carl Dürrnheimer. Die eigentlich viel interessantere Geschichte aus dem Haus in der Zeppelinstraße 41. Spannender als die Lausbubengeschichten aus der Jugend von Karl Valentin. Aber dafür deutlich weniger lustig.

Kagerer schenkte das Bündel Papier meinem Cousin, als er ihm den aufpolierten Schreibtisch für sein erstes Büro abkaufte. Der schenkte es mir, weil »du dich doch für so Historisches interessierst«. Ich las es und wollte meine Facharbeit am Gymnasium darüber schreiben. Mein Geschichtslehrer war dagegen und ich beschloss, im Studium oder später mal irgendeine Arbeit darüber zu schreiben. Irgendwann.

Als ich viele Jahre später unseren Keller räumen musste, weil seit Jahren Abwasser ins Mauerwerk gesickert war und alles renoviert werden musste, fiel mir dieses überraschend gut erhaltene Bündel Papier in die Hände. Gleich daneben fand ich, deutlich aufgeweichter, meinen Collegeblock mit meinen sehr kryptischen Aufzeichnungen von damals, als ich noch dachte, dass dies das Thema meiner Facharbeit sein würde.

Mein Kind ist nun groß genug, um meistens alleine zurechtzukommen, die Frau arbeitet Vollzeit, und ich habe plötzlich Freiräume, die es mir ermöglichen, alles noch einmal von Neuem anzusehen, zu lesen und dieses Buch daraus zu machen:

1

München, im April 1933

Mein Name ist Carl Dürrnheimer. 31 Jahre. Geboren am 12. Februar 1902 in Neustadt an der Haardt/Pfalz (Kgr. Bayern). Wohnhaft Zeppelinstraße 41 in München.

Ich werde in den nächsten Stunden verhaftet werden und bin mir sicher, dass ich in den folgenden Wochen wegen des Mordes an meiner Verlobten Therese Aumiller zum Tode verurteilt werde. Oder zumindest zu lebenslänglich. Ich werde mich nicht gegen das Urteil wehren und während des Prozesses schweigen. Wenn es denn einen gibt. Das weiß man ja heutzutage nicht mehr. Ich habe mich zu sehr in einem undurchdringlichen Geflecht aus Geschichten und Erfundenem verstrickt, um jemals mit der Wahrheit glaubwürdig zu sein. Ich wüsste gar nicht, wie ich in dieser Situation noch meine Unschuld beweisen könnte. Das haben mir die beiden Polizisten mehr als deutlich gemacht. Es ist leichter, mich meinem Schicksal zu ergeben als zu kämpfen. Ich bin auch zu erschöpft, um mich noch groß gegen Ermittler und Staatsanwälte aufzubäumen. Mein Leben mit Therese war so erfüllt, dass es mir nicht schwerfällt, einfach auch zu verschwinden, jetzt, wo sie weg ist. Ohne Therese hat mein Leben ohnehin keinen Inhalt mehr. Das muss ich mir eingestehen. Nichts würde mein Weiterleben rechtfertigen. Was soll auch nach diesem wundervollen Jahr mit ihr noch kommen?

Ich schreibe dies, um die Wahrheit von der Seele zu haben. Ohne die Hoffnung, dass dieser Zettelhaufen jemals zu meiner Rehabilitierung beitragen könnte. Ich bin es Therese einfach schuldig, alles niederzuschreiben. Ich schreibe alles nach
bestem Wissen und Gewissen auf. Aber auf mein Gedächtnis ist Verlass. Vielleicht können Sie mich ja ein klein wenig verstehen und merken, dass es Ihnen in meiner Situation nicht anders gegangen wäre.

2

Ich wurde im Jahr 1902 als einziges Kind des Ehepaars Dürrnheimer in Neustadt an der Haardt in der bayerischen Pfalz geboren. Ich hatte wahrscheinlich eine sehr glückliche frühe Kindheit. Meine Erinnerungen daran sind natürlich sehr verschwommen und undeutlich. Deshalb weiß ich es nicht mehr so genau. Aber neben jenen an die Zeiten mit Therese, sind es die schönsten Erinnerungen meines Lebens.

Wir wohnten in einem Haus mit Garten. Die Mutter war für mich da, es gab Nachbarskinder, Tiere, eine Sandkiste und eine Teppichstange zum Turnen. Alles, was sich ein kleiner Bub wünscht. So hat es jedenfalls die Mutter immer erzählt, und so wirkt es auf den wenigen Fotografien, die von damals noch existieren. Ich selbst erinnere mich nur verschwommen an ein Versteck in einem Gebüsch, einen toten Vogel, den wir beerdigten und Lurche oder Molche in einem großen Weckglas. Eine normale Kindheit in einer frohen und zufriedenen Familie. So, wie man es den meisten Menschen wünscht.

In meinen Erinnerungen an den Vater, saß dieser immer in seinem Arbeitszimmer in der oberen Etage und erfand Kreuzworträtsel oder Zahlenrätsel für Zeitungen und Zeitschriften. Ich weiß bis heute nicht, ob das wirklich sein Beruf oder nur eine Nebenbeschäftigung war. Oder ob er mir als Kind nicht erklären konnte, was er wirklich tat. Offenbar war mit seiner Arbeit nicht viel Geld zu verdienen, denn wir verhielten uns zwar gutbürgerlich, waren jedoch in Wirklichkeit eher arm. Meine Mutter war gelernte Laborantin, aber sie kümmerte sich ausschließlich um mich, ihr einziges Kind. Vielleicht wäre es uns besser gegangen, hätte sie gearbeitet und mein Vater wäre bei mir geblieben. Sie hätte bestimmt, obwohl sie nur eine Frau war, mehr Geld nach Hause gebracht als der Vater. Meine Eltern waren sehr liebevoll und fürsorglich. Manchmal zu sehr, manchmal zu wenig. Wie die meisten Eltern wären, wenn sie könnten.

1908 mussten wir nach München ziehen. Er habe eine neue Arbeit angeboten bekommen, die er nicht ausschlagen könne, sagte der Vater. Erst große Vorfreude, dann ein Schock für ein Kind aus der Kleinstadt.

Für eines der modernen, neuen und wohlhabenden Viertel wie Schwabing reichte es natürlich nicht, deshalb zogen wir in das Arbeiterviertel Au. In die Nachbarwohnung der Wohnung, in der die Familie Fey gewohnt hatte. Die Familie des Münchner Komikers Karl Valentin. Das ganze Haus in der Zeppelinstraße, die damals noch Entenbachstraße hieß, hatte ursprünglich den Feys gehört. 1906 jedoch waren Karl Valentin und seine Mutter, nach dem Tod des Vaters und der Pleite der familiären Spedition, nach Zittau umgezogen, und das Haus gehörte von da an erst Adolf Weiß und ab 1910 Ludwig Weinberger. Das wussten weder meine Eltern noch ich. Es hätte uns auch nicht interessiert. Erst nach dem Krieg, als ich einen der Filme Valentins im Kino sah, sagte mir eine Nachbarin, dass er hier im Haus gewohnt hatte.

Als Sechsjähriger war ich begeistert, als ich während der Zugfahrt nach München erfuhr, dass wir in die Entenbachstraße ziehen sollten. Ich erinnere mich noch genau an meine Vorstellung von einem kleinen Bach voller Fische und Enten, an dessen Ufer ich mit meinen neuen Münchner Freunden spielen konnte. Und ich weiß auch noch, wie enttäuscht ich gewesen bin, als ich die graue Stadtstraße von der Droschke aus sah. Ich sei wohl in Tränen ausgebrochen und habe einige Tage durchgeweint und wollte nicht auf die Straße, so erzählte es mir meine Mutter einige Jahre später. Die Entenbachstraße wurde 1910 in Zeppelinstraße umbenannt. Das machte es aber nicht besser. Obwohl ich sagen muss, dass der Name bei dem, worüber ich hier noch schreiben werde, eine gewisse Rolle spielt. Ohne den Straßennamen hätte ich wahrscheinlich nie Zeppelinpost bekommen.

Für mich, als behüteten, verhätschelten Kleinstadt-Buben, hatte sich mit dem Umzug nach München alles geändert. Alles war komplizierter, enger, unpersönlicher geworden und machte mir Angst. Meine Eltern konnten sich deutlich weniger um mich kümmern, und obwohl der Vater wohl mehr verdiente, waren wir doch ärmer, da in München alles teurer war als in der Pfalz.

Die Au war ein zu hartes Pflaster für ein Kind wie mich. Dort lebten fast ausschließlich Arbeiterfamilien mit meistens acht Kindern oder mehr. Während wir recht komfortabel auf drei Zimmern wohnten, hausten die Nachbarsfamilien oft alle zusammen in einem oder zwei Zimmern. Ich hatte zwar nicht viel Spielzeug, konnte aber wenigstens mit meinen Bauklötzen in meinen eigenen vier Wänden spielen oder so tun, als würde ich meine Kinderbücher lesen. Alle anderen Kinder waren immer in den Treppenhäusern unterwegs oder liefen bei jedem Wetter barfuß auf der Straße und in den Höfen herum.

Die ersten Monate nach unserer Ankunft in München wollte ich nur vom Fenster zur Straße aus den Kinder unseres Viertels zusehen und nicht selbst dabei sein. Mich gruselte vor den wild anmutenden Kinderbanden, die alle keine Schuhe trugen und einen komischen, kaum verständlichen Dialekt sprachen. Da war es mir deutlich angenehmer, nur vom Fenster aus zuzusehen, als mich selbst in die Höhle der Löwen zu wagen und mitzuspielen. Ich bitte Sie, stellen Sie sich einfach mal die Kinder aus der Au vor dem Krieg vor. Wild, unbeobachtet von den Eltern, schmutzig, arm und immer hungrig. Den Grammer und den Schneider, die endlos vielen Schmadererbrüder und die Wagners. Wunden an den Knien und Ellenbogen, ausschließlich Schimpfwörter benutzend. Wären Sie da so einfach mitgerannt? Ohne Angst? Aber was mir am meisten Respekt einflößte, waren die kahl rasierten Schädel der Buben. Läuse- und Flohprävention. Die Jungen wirkten auf mich wie die entlaufenen Sträflinge aus meinem Kinderbuch ›Der schwarze Peter‹. Ich wollte und konnte da nicht mitmachen. Vorerst, dachte ich. Irgendwann würde ich den Mut fassen und mit den fremden Kindern einfach sprechen und mitspielen. Aber das war nicht so. In diesen Wochen der Furcht legte ich den Grundstein für das Motto meiner Kindheit: Nicht dabei sein.

Als sich meine Mutter irgendwann dazu entschloss, mich auf die Straße zu zwingen, war es schon zu spät. Die anderen hatten mich im Zimmer hinter geschlossenen Fenstern sitzen gesehen, erkannt, dass ich wochenlang nicht mitspielen hatte wollen und mich aus ihrem Spielkameraden-Repertoire gestrichen. Ich weiß nicht, ob sie mich für hochnäsig oder verhätschelt oder schlichtweg uninteressant hielten. Vielleicht war es auch etwas ganz anderes.

Während sie sich die Knie aufschlugen, um Schusser wetteten und Abenteuer in den Hinterhöfen erlebten, wurde ich von keinem der Kinder in der Au überhaupt mehr wahrgenommen. Ich hatte mich irgendwann, als ich die Buben aus der Lilienstraße über unsere Hinterhofmauer klettern sah, runtergetraut und mich dazugestellt. Die Schmadererbrüder kickten einen toten Vogel hin und her, wie einen Fußball und die anderen lachten. Ich lachte mit und dachte, so das Eis brechen zu können. Aber es klappte nicht. Als die Jungen weiterliefen, rannte ich mit. Aber sie hängten mich ab. Später begegnete ich ihnen in der Zeppelinstraße wieder und fragte einen, wo sie gewesen seien. Er schaute nur zu den anderen und reagierte nicht weiter.

Ich ließ mich die ersten Wochen noch nicht entmutigen und versuchte weiterhin, Anschluss zu finden. Vergeblich. Ich
durfte nicht nur nicht mitspielen, sondern wurde noch dazu nicht einmal gehänselt oder gequält, wie man es von meiner Situation als Neuer und ›Schnösel‹ mit Schuhen und Mütze hätte erwarten können. Obwohl ich das eigentlich gar nicht war. Weder graute mir vor Schmutz noch hatte ich Angst vor Abenteuern, noch sprachen wir zu Hause Altgriechisch oder Siezten uns. Ich versuchte mir immer mehr bayerische Wörter und Phrasen anzueignen, damit ich wenigstens sprachlich zu den Originalauern passte. Auch meine Schuhe versteckte ich im Keller und ging nur noch barfuß nach draußen. Meine Mutter machten meine schmutzigen Fußsohlen nicht wütend, sondern sie weckten die Hoffnung in ihr, dass ich mich langsam mit den Kindern des Viertels anfreundete. Ihr war es lieber, dass ich Freunde hatte, als dass sie sich vor dem schlechten Einfluss der Straßenbuben fürchtete. Die Kinder ignorierten mich weiter und mein Wunsch dabei zu sein, wurde immer größer und brennender. Ein einziges Mal erlebte ich so etwas wie Aufmerksamkeit. Einer der Jungen stahl mir meine Mütze vom Kopf und warf sie in einen Baum, in der Hoffnung, dass sie in den Ästen hängenblieb. Immer wieder schmiss er die Mütze hoch, bis sie sich tatsächlich irgendwo nicht allzu weit oben in einem Ast verfing. Der Bub lachte, aber als die anderen nicht mit einfielen, hörte er wieder damit auf. Als gäbe es ein ungeschriebenes Gesetz, das den Kindern der Au verbot, mich wahrzunehmen: §123 Absatz 5. Jeglicher Kontakt zu Carl Dürrnheimer ist den Kindern der Zeppelinstraße, der Lilienstraße und des Kreuzplätzchens untersagt. Bei Zuwiderhandeln werden sie mit Gruppenausschluss auf unbestimmte Zeit bestraft. Im Laufe der Zeit entwickelte ich eine regelrechte Sehnsucht danach, wieder so geärgert oder gequält zu werden wie an jenem Tag. Lieber der Depp sein als der Niemand.

Meine Mutter gab mir jeden Morgen ein Fünferl mit auf den Weg in die Schule, von dem ich mir ein Nusshörnchen
kaufen konnte. So eine Art Trostpflaster, denke ich. Sie bekam ja mit, wie ich immer noch keinen Anschluss zu den anderen bekam. Das tägliche Hörnchen und mein nicht vorhandener Bewegungsdrang ließen mich dicklich werden. Aber nicht einmal mein unförmiger Körper brachte die Straßenkinder dazu, mich wahrzunehmen und zu hänseln. Wie gerne hätte ich einmal »He, schaut euch den Wambo an! Wir schmeißen ihm Steine nach, dann muss er rennen, der Gwamperte!« gehört oder wäre einmal mit Schnee eingeseift worden. Ich blieb aber stets nur der stumme Beobachter, von dem keiner zu wissen schien, dass er existierte.

Manchmal drängte ich mich den anderen Kindern sogar regelrecht auf und versuchte möglichst viel Angriffsfläche zu bieten. Ich zog bunte Hosenträger an, die ich auf dem Speicher gefunden hatte oder benutzte Ausdrücke wie ›mich dünkt‹ oder Wörter wie ›Gevatter‹. Oder ich versuchte besonders mutig und waghalsig zu sein und ließ mich extra beim Klingelputzen erwischen, um mit den Ohrfeigen, die ich von den Geärgerten bekam, anzugeben. Niemand hörte sich meine aufgeregten Erzählungen davon an. Oder ich ›stahl‹ für alle Nusshörnchen beim Bäcker (in Wirklichkeit kaufte ich sie). Sie wurden zwar gegessen, aber alle taten so, als wären die Hörnchen einfach aus dem Nichts aufgetaucht.

In der Schule war es nicht besser. Mein hochdeutsch eingefärbtes, immer ein wenig gekünstelt klingendes Bayerisch und die Tatsache, dass ich in der Schule auch im Sommer Schuhe trug, ließen meine Lehrer und die Mitschüler vermuten, dass ich aus ›gutem Hause‹ und deshalb besonders intelligent und gebildet war. Ich war aber eher unterdurchschnittlich talentiert. Noch dazu schwieg ich meistens im Unterricht und hatte keine schöne Handschrift. Ich schaffte es nur durch den Einsatz und den Ehrgeiz meines Vaters auf das Gymnasium. Der paukte den Schulstoff unter enormem Aufwand in mich hinein und dank irgendwelcher Verbindungen, die er zum Direktor des Theresien-Gymnasiums hatte, schaffte ich es dorthin. Dass er mich aufs Gymnasium schickte, machte mich aber nicht glücklicher. Es bedeutete für mich eine noch stärkere Trennung von den Kindern, die ich so gerne als Freunde gehabt hätte. Sie Volksschule, ich Gymnasium. Der Graben wurde unüberbrückbar. Immer wenn ich meinem Vater und dem endlosen Gepauke entkommen konnte, floh ich aus der engen Wohnung in die Hinterhöfe und versuchte weiterhin, mich bei den Straßenkindern des Viertels anzubiedern. Weiterhin ohne Erfolg.

3

Anfangs auf dem Gymnasium, in der Sexta, versuchte ich mich bei meinen neuen Mitschülern einzuschmeicheln. Ich wollte neu anfangen und alles anders machen als vier Jahre zuvor. Also stellte ich mich dort als verwegener Auer Bub dar, der nur zufällig auf dem Gymnasium gelandet war. Ich sprach so breit Bayerisch, wie ich nur konnte, spuckte andauernd auf den Boden und zog mich sogar so an, wie ich es bei den anderen Kindern in der Au gesehen hatte. Nur den rasierten Schädel traute ich mich nicht. Das brachte mir anfangs auch Aufmerksamkeit und einiges an Respekt. Ich erzählte von meinen Erlebnissen im Glasscherbenviertel Au, und die Kinder aus den Villen rund um die Theresienwiese machten große Augen. Ich berichtete vom Klingelputzen, vom Stehlen, von toten Tieren, die wir fanden und zerlegten und vom Bier, das wir heimlich tranken. Ein echter Gesetzloser. Damit konnte ich auch meine schlechten Noten begründen. Ich habe so viel mit meinem Rabaukentum zu tun, dass ich nicht zum Lernen komme, erzählte ich in der Klasse herum. In Wirklichkeit büffelte mein Vater viel und oft mit mir. Es brachte aber nichts. Der Aufwand, den wir für einen Vierer in Latein oder Mathematik treiben mussten, stand in keinem Verhältnis zum Ergebnis.

Zur Einschulung auf dem Gymnasium hatte mir mein Vater die Bücher von Tom Sawyer und Huckleberry Finn geschenkt. Es waren zwei der wenigen Bücher, die ich gerne und ohne dazu gezwungen zu werden las. Der Junge Tom gefiel mir, und ich wollte gerne so verwegen und beliebt sein wie er. Also verwendete ich die Geschichten, die ich wieder und wieder im Buch las und erzählte sie mit ausgetauschten Namen und Orten meinen Mitschülern am Gymnasium. Wenn ich heute so darüber nachdenke, griff ich damit dem, was achtzehn Jahre später passieren sollte vorweg. Scheinbar ein weiteres Prinzip meines Lebens. Ich erfand einen eigenen Huckleberry Finn und nannte ihn nach einem Buben aus der Lilienstraße, den ich sehr bewunderte, Grammer Georg. Indianer-Joe wurde zum zwielichtigen Juden Goldberg mit seinem koscheren Laden in der Humboldtstraße. Der entlaufene Sklave Jim aus dem zweiten Buch wurde zu einem unschuldig inhaftierten und dann entlaufenen Häftling aus Stadelheim, von dem ich in der Zeitung gelesen hatte und der in meinen Erzählungen unter der Wittelsbacherbrücke hauste. Becky Thatcher nannte ich Regina Thalhammer, wie die Tochter einer Bekannten meiner Mutter, und die Isarauen in der Flaucherwildnis wurden zu meinem Mississippi. Ich verwendete die Geschichte mit der toten Katze und dem Warzenzauber aus Tom Sawyer, dem Zaunstreichen und dem toten Muff Potter (bei mir: Matthias Pottner).

Erst als ich eines Tages erzählte, dass mein Huckleberry und ich vorhatten, Isarpiraten zu werden, wurde einer meiner Mitschüler skeptisch und brachte am nächsten Tag seine Ausgabe des Tom Sawyer mit. Er zeigte die entsprechenden Stellen in der Klasse herum. Mein Kartenhaus fiel in sich zusammen, und ich musste mich selbst ins innere Klassenexil begeben, um nicht vollends zum Klassendeppen zu werden. Diesmal war ich selbst die Ursache für meine Einsamkeit und mein Außenseitertum. Ich denke, dass es damals hätte klappen können, mit dem Anschlussfinden. Aber ich wollte zu schnell, zu viel Aufmerksamkeit und Im-Mittelpunkt-Stehen.

Die kurzzeitige Beliebtheit bei den Klassenkameraden hatte mir gezeigt, dass ich nicht ohne Beachtung leben wollte. Ich war zu allem bereit, um vom Unsichtbaren zum Sichtbaren zu werden. Ob gute oder schlechte Aufmerksamkeit spielte keine Rolle, Hauptsache ich existierte.

Das Gymnasium war dafür verbrannte Erde. Also versuchte ich mich wieder an den Kindern in der Au. Neuer Versuch, neues Glück, dachte ich, pirschte mich wieder an die Straßenbuben heran und schloss mich an meinen freien Nachmittagen und an den Sonntagen ungefragt den Buben aus der Lilienstraße, dem großen Grammer (dem Vorbild für meinen Huckleberry), seinem kleinen Bruder und dem Schweiger an. Ich beobachtete sie bei ihren Streichen und lachte lauter als die anderen darüber. Bis eines Tages etwas mit einem der wohlbehüteten Mädchen vom anderen Isarufer passierte, das so nicht hätte geschehen dürfen. Ich wollte unbedingt ein Teil der Gruppe sein. Mir war natürlich auch damals schon klar, wie falsch es war, was wir, und im Speziellen ich, dem anderen Kind antaten, aber das spielte damals für mich eine kleinere Rolle als die Aussicht auf Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Ich weiß den Namen des Mädchens nicht mehr, aber sie lief jeden Tag um fünf Uhr nachmittags mit ihrem weißen Spitz auf dem Isarspazierweg an der Erhardtstraße entlang. Manchmal war sie alleine, manchmal lief sie mit einem anderen Mädchen, das fast genauso aussah wie sie: blonde Zöpfe, ein sauberes blaues Kleid, weiße Schürze und weiße Schuhe. Eine »Gspickte«, eine Reiche, sagte der große Grammer und »um die ist es nicht schade«. »Die nehmen wir aus, so wie ihr Vater meinen Vater ausnimmt«, sagte der Schweiger. Ob das irgendwas mit der Realität zu tun hatte und die beiden Väter in echt in einem Arbeitsverhältnis zueinander standen, wusste ich nicht. Wahrscheinlich war der Vater des Mädchens irgendwo ein Chef, der Vater vom Schweiger irgendwo anders ein kleiner Arbeiter, der lange und hart schuftete, aber zu wenig verdiente, um seine unzähligen Kinder durchzubringen. Wahrscheinlich hatten die beiden gar nichts miteinander zu tun.

Eines Tages sahen die drei Buben (immer mit mir im Schlepptau, ohne dass sie es wollten oder bemerkten), wie das
Mädchen in einem Geschäft für fünfzig Pfennige türkischen Honig kaufte. Ein sehr großes Stück. Sie packte es aus, schleckte kurz daran und verfütterte die Süßigkeit dann an den Spitz. Türkischer Honig war für Auer Arbeiterkinder ein unerschwingliches Luxusgut. Die drei Buben waren entsetzt und sich sofort einig: Für diese Verschwendung musste das Mädchen büßen! Von uns hatte noch nie einer jemals ein so großes Stück türkischen Honig in der Hand gehalten. Außerdem, dachten wir uns, wer so viel Geld für Süßigkeiten hat, hat bestimmt noch mehr. Alleine fürs Geldhaben musste sie eigentlich schon blechen. »Und Hunde, die Süßigkeiten fressen, scheißen immer weiß. Das ist noch ekelerregender als normale Hundescheiße«, sagte der Schweiger.

Der große Grammer war ein Angeber, aber gleichzeitig ein Feigling. Deshalb befahl er seinem kleinen Bruder, das Mädchen bei ihrem nächsten Spaziergang abzufangen und abzulenken. Warum er für diese undankbare Aufgabe seinen Bruder nahm und nicht mich, den Deppen aus der Zeppelinstraße, der sich als Handlanger förmlich aufdrängte, fragte ich mich schon gar nicht mehr. Es kam mir schon zu normal vor. Die beiden anderen Buben wollten, während das Mädchen nicht aufpasste, den Spitz entführen, um dann wieder über den redegewandten kleinen Bruder Lösegeld zu verlangen, »sonst landet das Viech in der Isar und dersauft«.

Alles lief zuerst wie geplant. Der kleine Grammer verwickelte das Mädchen in ein Gespräch, die beiden anderen Buben schnappten sich den Spitz und alle drei (vier, mit mir) liefen weg. Wir hörten das Mädchen noch schreien, liefen aber weiter mit dem Hund unter Schweigers Arm über die Reichenbachbrücke zurück in unser Revier.

Etwa eine Stunde später gingen wir vier mit dem Hund wieder auf das gute Isarufer. Der große Grammer und der Schweiger versteckten sich mit dem Spitz im Gebüsch. Der kleine Grammer und ich gingen auf den Isarweg, wo wir auch auf das Mädchen trafen. »Wenn du deinen Hund wiederhaben willst, musst du uns zehn Mark geben. Anderweitig dersauft das Viech in der Isar«, rief ihr der kleine Grammer schon von Weitem zu und glaubte, dass das Mädchen sofort so viel Angst um ihr Tier haben würde, dass sie uns das Geld gleich geben würde. Wir waren uns auch sicher, dass die Kinder der Reichen immer sehr viel Geld mit sich herumtrugen. Sie war aber nicht so unbedarft, wie sie auf uns gewirkt hatte. Das Mädchen war viel selbstbewusster als wir. Sie behandelte uns nicht mit dem Respekt, den man vor gefährlichen Verbrechern hat, sondern mit der Hochnäsigkeit, mit der Menschen ihres Standes ihre ungehorsamen Dienstboten behandelten. Sie blieb ganz ruhig und drohte uns mit ihrem Vater und der Polizei und sagte: »Nichts bekommt ihr! Außer einer Tracht Prügel. Und dann bekommen eure Eltern Probleme, weil ›Eltern haften für ihre Kinder‹.« Der kleine Grammer war ratlos und bekam es mit der Angst vor seinem Vater zu tun. Sowohl wir beiden Lösegeldforderer als auch die beiden anderen im Gebüsch wussten in dem Moment nicht, wie wir weitermachen sollten. Mit dieser Reaktion hatten wir nicht gerechnet. Den Hund freilassen und weglaufen? Da witterte ich meine Chance, endlich die Aufmerksamkeit und Anerkennung der anderen Kinder zu bekommen und reagierte sofort. Ich lief zu den beiden Buben im Gebüsch, nahm ihnen den Hund ab und warf ihn in die Isar. »Wer hat jetzt ein Problem? Dein Scheißviech wohl«, schrie ich das Mädchen an.

Der Hund verschwand im kalten Wasser, die drei Buben aus der Lilienstraße rannten weg und ich hinterher.

Am nächsten Tag stand mittags ein Gendarm vor der Schule und schaute sich alle herauslaufenden Kinder an. Die drei Buben wurden sofort erkannt und bestraft. Sie mussten den Hund in Raten ersetzen (fünfundzwanzig Mark) und bekamen von den eigenen Eltern und dem Chauffeur der Familie des Mädchens Prügel. Alle drei mussten für mehrere Monate drei Nachmittage die Woche nachsitzen und Sätze aufschreiben wie: »Ich werde nie wieder einem anderen Menschen das Haustier wegnehmen …«. Was sie dabei lernen sollten, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Das große ›Nie-wieder-Hunde-stehlen‹?

Der große Grammer war schon über zwölf und musste später noch für sechs Wochen in den Jugendarrest. An mich, als Hauptmörder, dachte niemand. Ich stellte mich sogar selbst dem Gendarmen im Viertel und gestand meine Hauptschuld. Der zuckte nur mit den Schultern. »Wir haben die Täter schon. Brauchst nicht den Helden zu spielen.« Im Weggehen glaubte ich ihn noch »Gschaftler« murmeln zu hören. Für die drei Buben war ich weder Verräter, noch Held. Ich blieb einfach unsichtbar. Trotz meiner Bemühungen.

4

Ungefähr ab dem Sommer des Kriegsjahres 1916 traten die Mädchen in die Leben der Auer Straßenbuben und ersetzten nach und nach Schusser, das Kicken, das Abenteuer-Erleben und die Raufereien. Vor allem Burgl Schmaderer aus der Lilienstraße. Sie war die Wildeste und Ungestümste der Auer Mädchen. Und in meinen Augen die Schönste. Natürlich war sie das nicht nur für mich. Sie war bei allen Buben des Viertels mindestens genauso begehrt. Ich denke, dass sie nicht nur besonders gut aussah, sondern auch erreichbarer als die anderen Mädchen wirkte. Während zum Beispiel die Schusteranni, die Zweithübscheste in der Au, immer schön keusch und brav tat und meistens gleich empört schrie, wenn einer einen dreckigen Witz machte, lachte Burgl mit und sah dabei auch noch schön aus. Sie war hübsch, frech und straßenschlau, aber ungebildet. Also das genaue Gegenteil von mir. Ich war nicht besonders schlau, konnte aber so wirken, als sei ich klug, aber nur weil ich von meinem Vater zur Bildung gezwungen wurde.

Burgl hatte damals immer eine Entourage von fünf, und später mit dem Reißner, sechs Buben um sich. Den Wimmer, den Kellerer, den Rosshaupt, den Grammer und den Selcheralois. Jeder der fünf gab damit an, schon mal »an ihre Duttn« gefasst zu haben oder ihre »Haare untenrum« gesehen zu haben. Besonders der Grammer und der Selcher stritten sich andauernd, wer von den beiden gerade mit ihr ging. Burgl ließ aber unser aller Vorstellungskraft heiß laufen. Sie entwickelte sich zur allabendlichen Besucherin in den Gedanken der Buben des Viertels. Auch in meinen Träumen begann Burgl regelmäßig mit ihren wachsenden Brüsten unter den immer zu kleinen, fadenscheinigen Kleidern vorbeizuschauen. Wahrscheinlich war sie bei mir am öftesten.

Irgendwann begann ich Burgl Schmaderer nicht nur in meinen Träumen heraufzubeschwören, sondern auch im echten Leben den Kontakt zu ihr zu suchen. Im Rahmen meiner Möglichkeiten natürlich. Genauso unauffällig, wie ich mich an die Buben-Cliquen des Viertels herangewanzt hatte, suchte ich jetzt die Nähe der Burgl-Gruppe.

Um die Entourage herum gab es eine weitere. Einen erweiterten Kreis der Verehrer der Verehrer. Da fiel einer mehr nicht auf. Von innen nach außen nahm die Aufmerksamkeit ab, und ich befand mich, wenn überhaupt, in der äußersten Entourage. Ich war das einzige Mitglied dieses letzten Rings um Burgl Schmaderer. So weit weg vom Kern, dass sie mich nicht mehr sehen konnte.

Mir genügte es vorerst aber. Ich konnte alles in Burgls Leben mitbekommen und sogar so tun, als würde ich es selbst miterleben. In meiner Fantasie verschwanden die anderen Entourageringe, und ich war der einzige verbleibende Mensch neben Burgl. Ich bezog jeden Satz, den sie zu einem aus dem innersten Kreis sagte, auf mich. Bei »du bist mir vielleicht einer« fühlte ich mich geneckt und bei »lass deine Bratzen fei bei dir« zog ich unwillkürlich meine Hände zurück. Wenn die Gruppe in Richtung Rosengarten ging, ging ich gedanklich neben Burgl, wenn sie sich aus der Gassenschenke ein Bier holte, trank ich es mit ihr alleine. So kam es mir zumindest vor.

Ich würde nicht sagen, dass Burgl damals zu einer Obsession wurde. Ich könnte nicht einmal sagen, dass ich in sie verliebt gewesen wäre. Aber ich begehrte ihren Körper, verklärte sie und gab ihr Charakterzüge, von denen sie wahrscheinlich nicht einmal wusste, dass sie existierten. Ich litt auch nicht unter der Realität und meiner Nicht-Existenz. Das war ich ja gewöhnt. Meine Wahrnehmung war eine andere. Eine Parallelwirklichkeit, von der nur ich ganz alleine wusste. Nur mir war klar, dass ihre Neckereien gar nicht dem Grammer galten, sondern mir. Ich lebte in einer anderen Dimension, unsichtbar für alle, außer mir selbst.

5

Ab 1917, als Folge der Schlacht an der Somme und der Offensive an der Ancre, veränderte sich die Stadt. Soldaten kehrten heim, es gab plötzlich wieder mehr Männer, und trotz Hunger und Rüben normalisierte sich der Alltag wieder etwas. Eines jedoch war neu und fiel im Stadtbild auf: Man sah immer mehr amputierte, gesichtsversehrte und geistig gestörte Kriegsheimkehrer auf den Straßen. Einarmige, Einbeinige, Kriegszitterer, Schreier und Morphinisten waren plötzlich überall. Alle mit der typischen Kriegskrüppellaufbahn: Musterung, Krieg, Schützengraben, Verletzung, Lazarett, Rekonvaleszenz, Heimkehr, Krüppel. Man sah Männer, die bettelten, aber die Sammelbecher kaum halten konnten vor Zittern, Männer, die sich zuerst ganz normal mit jemandem zu unterhalten schienen, aber auf einmal ohne Vorwarnung losschrien, Trambahnschaffner mit nur einem Arm oder Schuhputzer mit nur einem Bein. Das war zwar befremdlich, aber wir Kinder gewöhnten uns schnell daran.

Anders war es bei den Gesichtsversehrten. Männer ohne untere Gesichtshälfte, mit fehlender Schädeldecke unter dem Hut oder deformierten Gesichtern. Aber zum Glück blieben sie meistens versteckt zu Hause oder bekamen Glasaugen und Gesichtsprothesen aus Kupfer, die das Schlimmste verdeckten.

In der Straße mit dem seltsamen Namen Kreuzplätzchen lebte in der Hausnummer 1 eine Familie Reißner. Der Vater Arbeiter, die Mutter Zugehfrau auf der anderen Isarseite und fünf Söhne. Alle hatten sich freiwillig gemeldet und waren im Krieg. 1916 waren bereits vier gefallen und einer vermisst. Wenn man die Reißnerin beim Bäcker oder auf dem Markt sah, machten die meisten aus Scham einen großen Bogen um sie. Bei denen, die selber Söhne an der Front hatten, kam auch noch der Aberglaube hinzu, dass so ein großes Unglück ansteckend sein könnte. Erst als die Reißnerin Anfang des Sommers 1917 die Nachricht erhielt, dass der noch vermisste Sohn in einem Lazarett hinter der Front am Chemin des Dames aufgetaucht war, sprachen die Menschen wieder mit ihr. Manchmal aus Erleichterung, manchmal aus Pflichtgefühl und manchmal auch aus schlechtem Gewissen. Seltener sogar aus echter Freude.

Er sei versehrt, hieß es. Aber besser ein Sohn ohne Arm oder Bein als gar keiner, sagte der Reißnervater. Er tauchte zum Frühschoppen wieder beim Wirt auf und verkündete, dass ihm der eine Rückkehrersohn alle anderen vier ersetze.

Als der Sohn Franz aber im Juli wirklich am Hauptbahnhof ankam, war das ganze Viertel schockiert. Franz fehlte fast das ganze Gesicht. Nase, ein Auge, der Oberkiefer und die eine Gesichtshälfte waren quasi weg. Stattdessen war da nur eine rosig entzündete Haut. So ähnlich wie wenn man von einer Wunde den Schorf abkratzt und die Stelle darunter noch nicht ganz verheilt ist. Man hatte ihn so zusammengeflickt, dass alles wieder halbwegs funktionierte, aber menschlich war daran nicht mehr viel. Er konnte nicht richtig sprechen und schlürfte nur breiige Nahrung. Sein Gesicht war zu vernarbt und voller Wulste, als dass man ihm eine Maske hätte herstellen können. An der Stelle, an der man normalerweise ein Glasauge eingesetzt hätte, war gar kein Loch dafür da. Nur eine klumpige Narbe. Sein Anblick war so gruselig und gleichzeitig mitleiderregend, dass es selbst den frechsten Buben im Viertel die Sprache verschlug. Keiner der Halbwüchsigen, die sonst Einbeinigen aus Spaß die Krücken wegzogen oder Zitterern rohe Eier zuwarfen, die sie vor Zittern nicht fangen konnten und auf ihren Hosen landeten, hatte das Bedürfnis, Franz zu hänseln. Er bekam auch keinen Spitznamen wie all die anderen. Zitteralois, einhaxiger Dauerläufer, Krückenhupfer, Bazfotzn oder Stotterotto. Der Franz wurde nur Franz genannt. Wer dem Franz begegnete, grüßte ihn und behandelte ihn wie eine Respektsperson. Und das, obwohl sich vor dem Krieg niemand jemals um die Reißnerkinder gekümmert hatte. Die Auer taten so, als könne man sein Gejaule und Gestammel verstehen. Der Wagnerbräu ließ eigens für ›unseren Franz‹ eine Art Krug mit Trinkvorrichtung anfertigen, damit er mit den anderen beisammensitzen und sein Bier trinken konnte. Beim Bäcker gab es nur für den Reißnersohn eine Brösel-Mischung, die er mit Milch oder Kaffee zu einem Brei verrühren konnte. Der Metzger stellte eine besonders dicke und nahrhafte Suppe für ihn her und der Obsthändler auf dem Markt hob überreife Birnen für ihn auf, aus denen sich ein Obstmus herstellen ließ. Woran es lag, dass Franz, anders als die meisten anderen Kriegsversehrten, nicht behandelt wurde wie ein Krüppel, kann ich nur vermuten. Ich denke, dass er sich einfach nie wie einer ohne Gesicht verhalten hat. Er hat immer weitergesprochen, obwohl er nicht zu verstehen war, er hat gearbeitet, um seine Eltern zu unterstützen und sich und seinen Freunden gelegentlich etwas gönnen zu können und er hat mit den Mädchen geschäkert, obwohl sie das sicher von sich aus nicht gemacht hätten. Ich wünschte, ich hätte das auch gekonnt.

Im Frühjahr 1918 spielte Franz sogar schon mit den anderen Buben Fußball, und im August saß er mit der ganzen Bande aus dem Viertel in der Grünanlage an die Isar und gehörte dazu. Von meinem Zimmer aus konnte ich manchmal das komische Geräusch hören, das er machte, wenn er lachte.

Franz wurde im Sommer 1918 zu einem echten Teil von Burgls Entourage. Obwohl er ein paar Jahre älter war als die anderen. Manchmal konnte ich die sieben hören, wenn sie die Zeppelinstraße entlangkamen und sich laut unterhielten. Oft schlich ich dann ein wenig später auch auf die Straße und lief ihnen hinterher. Wenn sie dann an die Isar gingen, setzte ich mich ein paar Meter entfernt auf eine Bank oder einfach ins Gras hinter einen Baum und schaute ihnen beim Befreundetsein zu. Ich war immer sehr vorsichtig, weil ich nicht wollte, dass sie mich sahen. Natürlich war ich neidisch. Aber nicht auf den Franz alleine. Ich träumte mich mitten in die Gruppe hinein, und manchmal fühlte es sich in meinem Versteck so an, als gehörte ich dazu.

Einmal hörte ich nur Burgls Stimme von der Straße herauf und wunderte mich, warum nur sie sprach und nicht das übliche laute Gejohle und Gerede der anderen zu hören war. Außerdem war es viel später am Tag als sonst. Fast schon Abend. Ich schaute aus dem Fenster und sah, wie Burgl nur mit Franz die Straße entlang in Richtung Frühlingsanlagen ging. Burgl alleine mit dem Monster, dachte ich. Ich ging hinterher. Man konnte ja nie wissen. Vielleicht brauchte sie ja einen Helden. Sie waren sehr vertraut und liefen nebeneinander her, als wäre Franz ein ganz normaler junger Mann und sie seine Verlobte. Sie gingen unter der Braunauer Eisenbahnbrücke hindurch immer weiter die Isar entlang bis zur Flaucherwildnis. Es wurde dämmrig und sie setzten sich auf eine Kiesbank. Es war sehr warm. Burgl hatte schon auf dem Weg aufgehört, aufgeregt und laut zu reden. Nur manchmal glaubte ich, sie leise ein paar Worte gurren zu hören. Ich schlich mich etwas näher an die beiden heran, um das Gespräch mitzubekommen. Es war inzwischen ganz dunkel geworden. Ich hockte unsichtbar im Gebüsch, Burgl und Franz waren im Mondlicht recht gut zu erkennen. Die beiden saßen einfach nur da und blickten auf den Fluss. Sonst war es still, bis auf die leise vom Flaucher Biergarten herüberklingende Musik. Plötzlich stand Franz auf, drehte sich zu Burgl um, nahm ihre Hand und zog sie hoch. Als sie stand, schaute sie ihm lange in die Augen. Also in das Auge, das er noch hatte. Ich hätte gedacht, dass einer wie Franz, um solche Blicke zu bekommen, jemandem sehr viel Geld bezahlen, sie festhalten oder sogar fesseln müsste, aber offenbar tat Burgl das freiwillig. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich gesagt, dass sie es sogar genoss. Dann sah ich, wie Franz Burgl das Kleid aufknöpfte und herunterzog. Sie stand nur im Untergewand mit dem Rücken zu mir. Oberrum war sie nackt. Die bunten Lichter vom Biergarten gaben Burgls Silhouette eine seltsame, aber schöne Lichtkante. Franz schaute sie mit seinem einen Auge an.

Es war schwer, die Gefühle zu erkennen, die sich auf seinem vernarbten Gesicht widerspiegelten. Aber er wirkte auf mich wild und unberechenbar. »Das ist meine Gelegenheit«, dachte ich. Aus dem Gebüsch springen und den Franz mit einem Stock niederstrecken. Dann Burgl wie ein Ritter wieder anziehen und sie galant nach Hause begleiten. Dort würde ich sie dann wieder ausziehen. Aber ich traute mich nicht. Ich sah auch nicht, dass Burgl sich wehrte. Müsste sie nicht schreien und um sich schlagen, wenn sie das alles nicht wollte? Franz legte seine Hände auf Burgls Busen, und ich hörte ihn seine glucksenden Geräusche machen. Sie streichelte seinen Kopf, während er an ihrem Busen herumfummelte und mit seinem vernarbten Mund daran herumzuzelte. Er schien sehr stark zu sabbern, denn ich hörte sein Spuckeschlürfen viel lauter als sonst. Burgl legte ihren Kopf in den Nacken. Gerade so, als würde sie das alles erregen. Sie stöhnte sogar ein bisschen. Mir grauste und es schüttelte mich. Ich sah vor meinem inneren Auge, wie Franz mit seinem entstellten, kaum funktionierenden Mund an Burgls Busen hing und musste einen Würgereiz unterdrücken. Warum grauste es den anderen und besonders Burgl nicht genauso vor dem Franz wie mir? Ich wandte mich ab und schlich mich durch das Gebüsch davon. Gedemütigt, weil Franz begehrenswerter war als ich, aber auch weil ich mich nicht getraut hatte, Burgl zu retten.

6

In den letzten zwei Augustwochen blieb ich zu Hause und vermied es, den anderen zu begegnen. Wenn ich die Stimmen der sieben auf der Straße hörte, schlich ich ihnen nicht mehr hinterher, sondern schloss stattdessen das Fenster. Mit Burgl hatte ich nichts mehr zu tun. Franz’ Gesicht an ihrem Busen ging mir nur schwer aus dem Kopf.

Langsam entwickelte ich eine Theorie rund um das Burgl-Franz-Ereignis, die es mir wieder ermöglichte, Burgl zu sehen. Sie hatte das alles nur aus Patriotismus getan. Für Deutschland. Einem Helden von der Somme die Ehre erweisen, sozusagen. Ein bisschen auch aus Schuldgefühlen. Sie als Daheimgebliebene wollte dem armen Soldaten Franz etwas Gutes tun. Dem gesichtsversehrten Kriegshelden. Ein für mich neuer Charakterzug an Burgl, der sie adelte und plötzlich nicht mehr nur körperlich begehrenswert erscheinen ließ, sondern liebbar machte. Ich war von da an nicht mehr nur an Burgls Busen, Mund, Beinen und Hinterteil interessiert, sondern ich begann auch, mich in sie zu verlieben. Oder in meine Vorstellung von ihr. Ich beobachtete sie wieder mehr, sah ihr und ihrer Clique beim Jungsein zu und versuchte, irgendwie in ihre Nähe zu kommen. Ich hatte das Gefühl, dass irgendwann der Moment kommen würde, an dem ich in Burgls Welt treten und zum einzig wirklich wichtigen Mann in ihrem Leben werden würde.

Im September 1918 bekam Franz eine Lehrstelle als Kunstschmied in Sendling, zog in ein Zimmer bei der Familie, der der Betrieb gehörte und war von da an aus dem Viertel verschwunden. Ich habe ihn vor ein paar Jahren mit Frau und drei Kindern am Kreuzplätzchen gesehen. Ein Umzugsunternehmen holte die Möbel der Eltern aus der Wohnung. Franz führte sie zu einem Opel, den er selbst lenkte und fuhr mit ihnen davon. Frau und Kinder in der Taxe hinterher. Die Nachbarin erzählte mir, dass er für sich und seine Familie in Solln ein Haus gebaut hatte und nun mit seinen Eltern, seiner besonders hübschen Frau und seinen drei Kindern dort hinzog. Das Gesicht hatte er scheinbar nachträglich noch operieren lassen, denn er war bei Weitem nicht mehr so abstoßend wie früher. Sogar ein Glasauge hatten sie ihm einsetzen können und eine neue Nase geformt. Als ich ihn grüßte, sah ich in seinem funktionierenden Auge, dass er nicht wusste, wer ich war.

7

Im April 1919 muss es dann passiert sein. Freicorps und KPDler waren überall in der Stadt, Straßenkämpfe, Anarchie, Räterepublik und viele der Auer Vorstadt-Großmäuler mittendrin. Eine verwirrende Zeit. Im Frühsommer war es kein Gerücht mehr: Burgl war schwanger. Sie war verzweifelt, ich überglücklich, denn ich fühlte, dass meine Stunde gekommen war.

Die Auer Buben unseres Jahrgangs waren 1918 in einer Art Schwebezustand. Sie waren gerade nicht mehr eingezogen worden, mussten aber jederzeit damit rechnen, im letzten Moment doch noch in den Krieg geschickt zu werden. Also fingen die meisten erst 1919 an, richtig erwachsen zu werden und nach und nach aus dem Viertel und Burgls Dunstkreis zu verschwinden. Sie gingen in Haidhausen, der Altstadt oder sonst wo in die Lehre, zogen ganz weg oder waren arbeitslos und verschwanden irgendwo in den Asylen oder Ledigenwohnheimen. Jedenfalls hatte keiner genug Interesse an einer schwangeren Siebzehnjährigen, um sich weiterhin um Burgl zu scheren. Die Entourage löste sich auf. Man konnte Burgl oft alleine die Zeppelinstraße entlanggehen sehen. Ein ungewohntes Bild. Das ehemalige Objekt der Begierde aller war plötzlich einsam.

Ich machte unter größten Mühen und nur durch den enormen Druck, den mein Vater auf mich ausübte, im letzten Jahrgang das Notabitur nach Kriegslehrplan. Das königliche Vorkriegsabitur oder das spätere aus dem Freistaat hätte ich wahrscheinlich nicht geschafft.

Ab Mai bereitete ich mich auf mein Jurastudium vor (das war meine offizielle Ausrede für mein Rumgesitze in der Stube, das Aus-dem-Fenster-Gestarre und Leerer-Kopf-Spielen). Um mir ein wenig Taschengeld zu verdienen, hatte ich zusätzlich eine Heimarbeitsbeschäftigung. Mein Vater verlangte nach dem Abitur Kostgeld von mir, und ein bisschen Geld brauchte ich auch so noch. Meine Mutter finanzierte mir die Nusshörnchen nicht mehr.

Also saß ich im Mai und im Juni jeden Tag an meinem Schreibtisch und schaute säckeweise Postkarten aus dem ganzen Reich durch. Ich überprüfte und bewertete Teilnahmepostkarten für Preisausschreiben verschiedener Zeitschriften. Meist die Wochenend-Beilagen der großen Tageszeitungen. Von der Vossischen- bis zur Frankfurter Zeitung. Ich bewertete die Lösungen der Rätsel. Die korrekten bekamen einen grünen, die falschen einen roten Strich. Ich arbeitete im Akkord und achtete anfangs nicht auf die Form oder den Inhalt der Karten. Erst später ging mir auf, dass viele der Teilnehmer ihre ganze Hoffnung in das Gewinnen des Preisausschreibens gelegt hatten. Einige Postkarten rochen förmlich nach Steckrüben und der Verzweiflung des ersten Nachkriegsjahres. Antworten auf Preisausschreiben für einen Jahresvorrat an Rasierseife, geschrieben in den Handschriften alter Damen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Zeppelinpost" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen