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Zeitsplitter – Die Jägerin

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BASTEI ENTERTAINMENT

Morgen, und morgen, und dann wieder morgen,

Kriecht so mit kleinem Schritt von Tag zu Tag,

Zur letzten Silb auf unserm Lebensblatt;

Und alle unsre Gestern führten Narren

Den Pfad zum staubigen Tod.

William Shakespeare, Macbeth

EINS

Em

Ich starre auf das metallene Abflussgitter in der Mitte des Betonbodens. Es war das Erste, was mir ins Auge sprang, als sie mich in diese Zelle sperrten, und seither habe ich kaum wieder weggeschaut. Als sie mich herbrachten, war ich trotzig. Ich schlurfte langsam in den dünnen Gefängnisslippern, die sie mir gegeben hatten, durch den Gang, sodass sie mich an beiden Armen mit sich zerren mussten. Aber als ich den Abfluss entdeckte, fing ich an zu schreien. Er wuchs in meiner Vorstellung, bis er alles war, was ich in der kleinen Zelle aus Betonziegeln sah. Ich trat nach den Männern, die mich festhielten, und versuchte, meine Arme aus ihrem Eisengriff zu befreien. Mir fielen nur die grauenhaftesten Gründe ein, weshalb sie einen Abfluss im Boden brauchten.

Die Horrorfantasien, die sich mir am ersten Tag aufdrängten, sind nicht wahr geworden – jedenfalls noch nicht –, doch der Abfluss beherrscht nach wie vor mein Denken. Er ist wie ein schwarzes Loch für mich und zieht meine Aufmerksamkeit immer wieder auf sich. Selbst jetzt liege ich auf der schmalen Pritsche mit dem Rücken zur Wand und starre auf dieses Ding, als gäbe es etwas, das ich aus ihm herauslesen könnte. Knapp fünfzehn Zentimeter im Durchmesser, mit zweiunddreißig kleinen Löchern und einer Vertiefung von der Größe einer Fünf-Cent-Münze in der Mitte.

»Was machst du?« Die vertraute Stimme dringt wie von fern durch die Lüftungsöffnung heran.

»Ich backe Kuchen.«

Er lacht, und das Geräusch lässt mich lächeln. Ich bin ein wenig überrascht, dass meine Muskeln noch wissen, wie das geht.

»Starrst du schon wieder auf den Abfluss?«

Ich sage nichts.

»Em, bitte«, sagt er. »Du machst dich damit nur selbst verrückt.«

Aber ich habe etwas anderes im Sinn.

Heute werde ich endlich das Geheimnis des Abflusses lüften.

Irgendwann später höre ich die näher kommenden Schritte einer Wache. Es ist schwer, hier drin zu beurteilen, wie viel Zeit vergeht, so ganz ohne Uhr oder Fenster oder Tätigkeit, die den langen Fluss der Sekunden unterbricht. Alles, was ich habe, um die vergehende Zeit zu messen, sind die Gespräche mit dem Jungen in der Nachbarzelle und das An- und Abschwellen meines Hungers.

Mein Magen knurrt beim Geräusch der Stiefel auf dem Beton; es ist, als würde die Glocke für einen Pawlow’schen Hund geläutet. Es muss Mittagszeit sein.

Die schwere Tür aus Metall schwingt weit auf, sodass Kessler zu sehen ist, der Wachtposten, dessen Gesicht an ein schwelendes Feuer erinnert. Die meisten Wachen zeigen sich mir gegenüber gleichgültig, aber er hasst mich. Er grollt, glaube ich, weil man ihn zwingt, mich zu bedienen, mir mein Essen zu bringen und gelegentlich einen frischen Satz der blauen Kleidung, die man mich tragen lässt. Ich muss bei diesem Gedanken lächeln. Wenn er wüsste, woran ich gewöhnt war, bevor die Welt um uns herum zusammenbrach wie ein verrottetes Haus.

Kessler hält mir das Tablett hin, und ich beeile mich, es ihm aus der Hand zu reißen. Wenn ich nicht schnell genug bin, lässt er es scheppernd zu Boden fallen, und das Essen spritzt in alle Richtungen. Die Demütigung, irgendetwas, das Kessler mir bringt, eifrig entgegenzunehmen, zerrt an meinen Eingeweiden, aber heute warte ich ausnahmsweise ungeduldig auf meine Mahlzeit. Natürlich nicht wegen des braunen, labberigen Essens auf dem Tablett.

Sondern wegen des Bestecks, das daneben liegt.

Kessler bedenkt mich mit einem verschlagenen, spöttischen Grinsen, bevor er die Tür meiner Zelle schließt. Sobald er weg ist, schnappe ich mir Löffel und Gabel vom Tablett und beginne sie zu untersuchen. Es ist kein Messer dabei, wie immer. Das pampige Essen muss nicht geschnitten werden, und sie fürchten wahrscheinlich, dass ich mit dem stumpfen Plastikgerät einen heroischen Ausbruchsversuch wage und damit auf die Männer mit den Maschinengewehren vor meiner Zelle losgehe.

Ich stelle das Tablett beiseite und setze mich im Schneidersitz vor den Abfluss. Ich versuche es als Erstes mit der Gabel und drücke die Zinken gegen eine der Schrauben, die die Abdeckung fixieren. Wie ich vermutet habe, sind sie zu breit, um in den Schlitz zu passen, daher werfe ich die Gabel weg. Sie schlittert mit einem melodischen Pling über den Betonboden und landet neben dem Tablett.

Meine einzige Hoffnung ist nun noch der Löffel. Ich drücke die runde Seite gegen dieselbe Schraube, und sie greift. Ich halte den Atem an, als könnte eine Veränderung des Luftdrucks im Raum mein Vorhaben vereiteln, und benutze den Löffel als Werkzeug, um die Schraube zu lösen. Er rutscht ab. Ich versuche es noch ein halbes Dutzend Mal, aber es hilft nichts; der Löffel rutscht immer wieder von der Schraube ab, sodass ich vergeblich drücke und drehe. Die Krümmung des Löffels ist zu stark, um in dem kerzengeraden Schlitz des Schraubenkopfs Halt zu finden, und vor lauter Frust hebe ich die Hand, um den Löffeln gegen die Wand zu schleudern.

Meine Hand erstarrt in der Luft. Tief durchatmen. Denk nach.

Der Stiel des Löffels ist viel zu dick, um in den Schlitz zu passen, und das Ende zu breit, aber … Ich befühle den nackten Beton des Zellenbodens, der rau und kalt ist. Es könnte klappen.

Als Kessler zurückkommt, um mein Tablett zu holen, warte ich schon auf ihn. Mein Magen ist leer und schmerzt, aber ich habe das Essen nicht angerührt. Ich brauche ein Tablett voll mit dem schlabbrigen Fraß. Kessler schiebt die Tür auf, und sobald die Öffnung groß genug ist, schleudere ich ihm das Tablett entgegen.

»Das ist widerlich!«, schreie ich. »Wir sind doch keine Tiere!«

Kessler duckt sich, und das Tablett fliegt krachend gegen die Wand hinter ihm. Er weicht fluchend zurück, als braune und grüne Essensspritzer auf seinem Gesicht und seiner Uniform landen. Ich unterdrücke ein boshaftes Lächeln – für die halbe Sekunde, bevor Kessler die Hand hebt und mir hart ins Gesicht schlägt. Ich falle zu Boden, und Tränen springen mir beißend in die Augen.

»Verrückte Schlampe«, sagt Kessler, als er die Tür zuknallt.

Hoffentlich ist er so zornig darüber, die Schweinerei beseitigen zu müssen, dass er den fehlenden Löffel nicht bemerkt.

Ich warte, so lange ich kann, nur um sicher zu sein. Eine Stunde, vielleicht zwei? Dann ziehe ich den Löffel unter meiner dünnen Schaumstoffmatratze hervor, unter der ich ihn versteckt habe. Ich breche den Löffelkopf ab, sodass ein scharfer Rand entsteht, und vergleiche ihn mit dem Schlitz der Schraube, indem ich ihn mit dem Finger nachfahre.

Ich laufe zur Wand und halte mein Gesicht ganz nah an die Lüftungsöffnung. »Hey, bist du da?«

Ich höre das gequälte Ächzen rostiger Federn, als Finn von seiner Pritsche aufsteht. »Ich wollte gerade gehen. Du hast Glück, dass du mich noch erwischst.«

Ich presse meine Finger an die kalten Lamellen der Lüftung. Manchmal ist es schwer zu glauben, dass uns nur dreißig Zentimeter Beton trennen. Es fühlt sich an, als wäre er ganz weit weg.

Ob er jemals seine Seite der Wand berührt und an mich denkt?

»Könntest du etwas singen?«, frage ich.

»Etwas singen?«

»Bitte!«

»Äh, okay.« Er ist verwirrt, kommt meiner Bitte aber bereitwillig nach. Finn sagt niemals Nein. »Irgendwelche Wünsche?«

»Was du willst.«

Er fängt an, etwas zu singen, das nach Kirche klingt. Vielleicht ein Choral. Dass Finn jede Woche mit seiner Mutter in die Kirche ging, wusste ich nicht, bis all das hier begann – bis wir flohen und unser altes Leben hinter uns ließen wie die Abgase des Lastwagens, der uns aus der Stadt schmuggelte. Finn ging sogar gern hin. Ich war damals schockiert, auch wenn ich mich jetzt nicht mehr erinnere, warum. Vielleicht, weil Religion in meinem Leben nie eine Rolle gespielt hat oder weil die Vorstellung von Gebeten und Gemeindebasaren und Predigten so gar nicht zu dem Finn passte, den ich damals kannte.

Dem Finn, den ich damals zu kennen glaubte.

Seine Stimme ist schön, ein starker Tenor, der mich an das Gefühl von kühler Baumwolle auf der Haut denken lässt. Man würde das nie glauben, wenn man ihn ansieht. Oder vielleicht doch, ich weiß nicht. Es ist Monate her, dass ich Finn zum letzten Mal zu Gesicht bekommen habe. Vielleicht sieht er gar nicht mehr so aus, wie ich ihn in Erinnerung habe.

Während Finns Stimme von den Wänden widerhallt, bis sie jeden Riss und jeden Spalt ausfüllt, drücke ich den scharfen Rand des abgebrochenen Löffels auf den Betonboden. Ich ziehe ihn auf der rauen Oberfläche vor und zurück und feile so das Plastik langsam ab. Während ich die Bewegung immer schneller werden lasse, vermischt sich in meinen Ohren das Kratzen des Löffels auf dem Boden mit Finns Stimme.

Trotz der Kälte in der Zelle perlt bald Schweiß auf meiner Stirn. Ich halte inne und prüfe an der Schraube die Breite des Löffels. Er ist noch immer nicht schmal genug, aber es wird langsam besser. Ich fange wieder an zu feilen. Dabei packe ich den Löffel so fest, dass meine Hand zu schmerzen beginnt. Es wird klappen; ich bin mir ganz sicher.

Finn hört auf zu singen, aber ich merke es kaum, so konzentriert bin ich auf meine Aufgabe. »Em, was machst du da?«

»Es wird klappen«, flüstere ich mir zu.

»Was wird klappen?«

Ich prüfe den Löffel erneut, und diesmal passt der Rand perfekt in den Schraubenschlitz. Ich ramme ihn hinein und spüre, wie mein Blut zu rauschen beginnt. Eine dumpfe, leise Stimme in meinem Hinterkopf fragt, warum mir der blöde Abfluss so wichtig ist, aber ich kann sie über dem Pochen in meinem Kopf kaum hören. Ich beginne, den Löffel zu drehen, aber die Schraube rührt sich nicht. Jahre alter Schmutz und Rost und Gott weiß was hält sie fest. Ich drehe stärker und versuche, sie mit Gewalt zu bewegen, bis das Plastik ächzt und zu brechen droht.

»Komm schon, verdammt!«

Ich greife den Löffel ganz unten, so nah an der Schraube, wie es nur eben geht, und drehe. Quietschend beginnt sich die Schraube zu bewegen. Ich lache, und es fühlt sich fremd und wunderbar auf meinen Lippen an. Als die Schraube geknackt ist, nehme ich die nächste und die übernächste in Angriff und helfe mit den Fingernägeln nach, als der Löffel nicht schnell genug ist. Und endlich reiße ich am Gitter, als es nur noch ein Stück an der letzten Schraube hängt. Es geht ab. Plötzlich ist es nur noch ein dünnes Stück Metall, und ich lasse es mit einem Klirren fallen.

»Em, was ist da los?«

Finn klingt jetzt besorgt, aber ich habe keine Zeit, mich davon berühren zu lassen. Endlich ist der Abfluss offen. Ich greife hinein. Der rationale Teil meines Gehirns sagt mir, dass ich nichts außer einem kalten Abflussrohr finden werde, aber tiefer und instinktiver in mir flüstert etwas von … was? Einem Zweck? Einem Schicksal? Von einem der anderen großen Dinge, an die zu glauben ich vor Jahren aufgehört habe?

Das Flüstern ist nicht überrascht, als sich meine Finger um einen Gegenstand schließen, der im Abfluss versteckt ist. Mein Körper spannt sich an, als mich wilde Freude durchfährt, als wüssten meine Muskeln, dass sie die Explosion in meinem Inneren im Zaum halten müssen. Ich ziehe den Gegenstand heraus, ins Licht, und starre ihn an.

Es ist ein Gefrierbeutel, alt und gesprenkelt mit Wasserflecken und Schimmel. Solch ein banaler Gegenstand – er beschwört Erinnerungen an die Erdnussbutterbrote herauf, die ich früher in meinem Sportbeutel zu entdecken pflegte – erscheint mir ganz und gar fehl am Platz in meiner Gefängniszelle. Darin befindet sich ein einziges Stück Papier, weiß mit blauen Linien, wie ich es aus der Schule kenne, mit gezacktem Rand, der erkennen lässt, dass es aus einem Notizheft gerissen wurde.

Ich öffne den Beutel mit zitternden Fingern. Plötzlich habe ich Angst. Ich wusste, dass irgendetwas an dem Abfluss wichtig war, von dem Augenblick an, in dem ich ihn sah. Das ist nicht normal. Das kann nicht gut sein.

Ich hole den Zettel heraus und werfe den ersten Blick darauf. Der Raum wird zum Vakuum um mich herum. Ich versuche zu atmen und merke, dass ich es nicht kann, als ob keine Luft mehr da wäre.

Das Papier ist fast vollständig bekritzelt. Einige Zeilen sind mit Tinte geschrieben, andere mit Bleistift, die Zeilen oben sind mit der Zeit so verblasst, dass man sie kaum lesen kann, die unten wirken hingegen ganz frisch. Jeder Satz bis auf den allerletzten ist mit einer dünnen Linie ordentlich durchgestrichen.

Oben auf dem Zettel steht ein Name in vertrauten Großbuchstaben, und die Zeile ganz unten ist dick und dunkel; die Worte haben sich ins Papier eingegraben, als ob die Person, die sie geschrieben hat, den Stift tief hineingedrückt hätte.

Diese Person war ich.

Ich habe dieses Stück Papier noch nie in meinem Leben gesehen, doch es ist definitiv meine Schrift: mein Schreibschrift-»e«, während alle anderen Buchstaben in Druckschrift geschrieben sind, mein schiefes »k« und das schmale »a«. Ein Teil von mir erkennt es instinktiv, als würde ein Telefon in einem anderen Zimmer läuten.

Ich beginne zu zittern. An diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt bedeutet ein Brief, den ich geschrieben habe und an den ich mich trotzdem nicht erinnere, etwas ganz Bestimmtes.

Doch es ist die letzte Zeile, die mich panisch zur Toilette in der Ecke stürzen lässt.

Du musst ihn töten.

ZWEI

Em

Ich würge, bis mein Magen sich damit abfindet, dass nichts mehr da ist, was er von sich geben könnte. Dann lehne ich die Stirn an die kühle Wand und wische mir den Mund mit dem Ärmel ab.

Du musst ihn töten.

Wenn ich die Augen schließe, sehe ich die Wörter immer noch vor mir. Sie sind wie eingebrannt in mich, aber ich kann sie nicht akzeptieren. Es muss einen anderen Weg geben. Ich bin nicht so hart.

Noch nicht.

Am anderen Ende des Ganges höre ich das Klicken einer Tür. Jemand kommt. Ich rapple mich auf und haste zum Abfluss. Ich will nicht wissen, was der Doktor tun wird, wenn er entdeckt, dass ich ihn geöffnet habe. Und wenn er den Zettel sieht …

Der Gedanke lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Er würde mich todsicher umbringen.

Mit Händen, die vor lauter Eile ungelenk sind, zerbreche ich den Löffel in mehrere Teile und werfe sie in den Abfluss. Ich kann nun ein Paar schwere Stiefel auf dem Beton hören. Ich lege das Abdeckgitter zurück auf den Abfluss und setze die Schrauben so gut ich kann mit Fingerspitzen und Nägeln ein. Ich schnappe mir den Plastikbeutel und den Zettel und werfe mich auf die Matratze. Beide schiebe ich unter mich, gerade als Kesslers Gesicht in der kleinen Fensteröffnung meiner Zellentür auftaucht.

»Wo ist der Löffel?«, fragt er.

Wunderbar. Kessler ist nicht so dumm, wie ich gehofft hatte.

»Ich weiß nicht, was Sie meinen«, sage ich und lehne den Kopf lässig an die Wand. Ich zwinge mich, normal und gleichmäßig zu atmen, obwohl meine Lunge von der Anstrengung der letzten Minute brennt.

Kessler dreht sich nach rechts und spricht mit jemandem, den ich nicht sehen kann. Jemandem, der keine Armeestiefel trägt, sodass ich ihn nicht hören konnte. Meine Zehen krümmen sich in den Slippern.

Kessler wendet sich wieder mir zu. »Wir wissen, dass du ihn hast. Rück ihn heraus.«

Okay, das geht nicht mehr. Ich müsste die Einzelteile aus dem Abflussrohr fischen, und dann würden sie den gesamten Raum auf den Kopf stellen, um zu finden, was ich vor ihnen verstecke. Wenn sie den Zettel voller Drohungen in meiner Schrift finden, bin ich tot.

Davon abgesehen werde ich diesen Männern niemals etwas geben, das sie haben wollen, egal, wie winzig es sein mag.

Ich verschränke die Hände hinter dem Kopf. »Sie können mich mal.«

»Es ist doch nur ein Plastiklöffel, Kleines.« Es ist die Stimme des Doktors, die gedämpft durch die Tür dringt. »Was willst du damit anstellen? Einen Tunnel hier raus graben?«

Beim Klang seiner Stimme springe ich auf die Füße. »Fahr zur Hölle!«

»Em?« Das ist Finn an der Lüftungsöffnung. »Was ist los?«

»Letzte Chance.«

Ich spucke gegen das Zellenfenster. Meine Haut fühlt sich vor Wut wie elektrisch aufgeladen an. Jede Sekunde wird die Tür aufgehen, der Doktor wird hereinkommen, und dann wird irgendein neuer Horror beginnen. Und das nur wegen eines Plastiklöffels. Meine Beine zittern vor Verlangen davonzulaufen. Aber wohin? Außerdem kann ich das aushalten.

»Aufmachen«, sagt der Doktor.

Ich höre das Rasseln eines Schlüssels im Schloss, das Geräusch einer sich öffnenden Tür, aber meine rührt sich nicht. Es dauert länger, als es sollte, bis ich verstehe.

»Nein!« Ich werfe mich gegen die versperrte Tür. Das Hämmern meiner Fäuste gegen das Metall produziert einen hohlen Klang. »Lasst ihn in Ruhe! Finn!«

Auf der anderen Seite der Wand schreit Finn vor Schmerz auf. Ich höre das schwache Knistern des militärischen Spezialelektroschockers, den der Doktor gern benutzt, um sich die feinen Hände nicht schmutzig zu machen. Der Schocker verfügt über eine Reihe von Einstellungen, von denen einige zu Bewusstlosigkeit führen, andere zu sofortigem Herzstillstand. Ersteres habe ich selbst erlebt und Letzteres gesehen, und das Wissen, dass dieses Gerät gerade an Finn zum Einsatz kommt, macht mich wahnsinnig. Ich brülle seinen Namen und werfe mich wieder und wieder gegen die Tür.

Der Doktor erscheint an der winzigen Fensteröffnung in meiner Zellentür, und ich fahre zurück, als hätte ich Angst, er würde durch die Scheibe greifen und mir die Hände um den Hals legen. Nicht, dass das nötig wäre. Allein der Anblick seines Gesichts weckt in mir das Gefühl, als würde er mir die Luft abdrücken.

»Du kannst das jederzeit beenden«, sagt er. Er sieht so aus, wie er immer ausgesehen hat. Ich bezweifle, dass ich mich in einem Spiegel wiedererkennen würde, doch an ihm ist die Zeit spurlos vorübergegangen. Seine Stimme wird weicher, fast freundlich. »Gib mir einfach den Löffel.«

Ich starre ihn aus verschleierten, brennenden Augen an. Finn stöhnt jetzt vor Schmerz, und es gibt nichts, was ich tun könnte, denn der Zettel würde uns beide ins Verderben stürzen. Ich schlucke und schmecke Galle. »Ich habe ihn nicht. Kessler muss ihn verloren haben.«

Der Doktor sieht traurig aus, und, Gott, ich hasse ihn dafür. Dann gibt er ein Zeichen, und Kessler tut etwas, das Finn wieder aufschreien lässt.

Meine Stimme und die Ballen meiner Fäuste sind vom Schlagen gegen die Tür wund, als Finn schließlich verstummt. Kesslers schwere Schritte und die leiseren Tritte des Doktors passieren meine Zelle und verklingen allmählich. Schuldgefühle beschweren mich wie Bleigewichte und lassen jede Bewegung langsam und mühsam werden, während ich das Kissen und die dünne Baumwolldecke von der Pritsche nehme und mich auf dem kalten Boden neben der Lüftungsöffnung zusammenrolle.

»Finn?«, flüstere ich. »Bist du da?«

Stille. Hasst er mich genauso, wie ich mich gerade hasse?

»Finn?«

»Ich komme gerade zur Tür rein. Hab mir ’ne Pizza geholt.«

Ich breche in Tränen aus.

»Hey.« Seine Stimme ist leise und heiser. »Hey, ist schon okay.«

»Halt die Klappe!«, heule ich. »Versuch bloß nicht, mich zu trösten! Ich hab gerade dafür gesorgt, dass du gefoltert wurdest!«

»Schsch, Em, mir geht’s gut.«

»Das stimmt doch gar nicht!«

»Doch. Ich würde …«

»Was?«

Er seufzt. »Ich würde dich jetzt nur gern sehen.«

Ich rutsche noch näher an die Wand, presse mich dagegen und lege meine Hand mit gespreizten Fingern an den Beton, als wäre es Finn, den ich berühre. Es ist albern, und ich bin froh, dass er es nicht sieht, aber ich fühle mich ein bisschen besser. »Ich dich auch.«

»Weißt du noch, dass du mich früher nicht ausstehen konntest?«

Ich lache, schniefe und hickse gleichzeitig. »Na, du warst ja auch unausstehlich.«

»Ich denke, unverbesserlich würde es besser treffen.«

Ich lehne die Stirn an die Wand und stelle mir einen Moment lang vor, es wäre seine Schulter, warm und stark. »Du redest nur Scheiß.«

»Hey, ich hab mich eben für dich foltern lassen. Du solltest mein Ego ein bisschen schonen.«

»Finn …«

»Schsch«, macht er sanft. »Und jetzt sag, wie falsch du damals lagst und wie toll ich bin.«

Er ist toll. Und er hat das hier nicht verdient.

Genauso wenig wie ich.

»Ich werde ihn töten«, sage ich leise.

»Ja, ich weiß.«

»Nein, ich meine es ernst. Wir werden hier rauskommen«, sage ich, »und dann töte ich ihn.«

Durch die Lamellen der Lüftungsöffnung erkläre ich ihm flüsternd alles – den Abfluss, den Zettel und die Botschaft ganz am Schluss. Finns Schweigen ist so schwer und undurchdringlich wie die Wand zwischen uns. Ich versuche, mir ein Bild von ihm in Erinnerung zu rufen. Wirres blondes Haar, das wahrscheinlich dringend einen Schnitt nötig hätte und sich um die Ohren und im Nacken lockt. Blaue Augen, die vom Schock noch geweitet sind. Oder sind sie grün? Nein, definitiv blau. Blau wie tiefes, klares Wasser. Sein Mund steht bestimmt offen, aber egal wie sehr ich mich anstrenge, ich erinnere mich nicht daran, wie sein Mund aussieht. Sind die Lippen dünn oder voll, rosa oder blass?

Ich bin mir nicht mal mehr sicher, wie ich aussehe.

»Können wir das?«, fragt er schließlich.

Können wir ihn töten?, meint er. Vielleicht kann er es nicht aussprechen. »Ich glaube, wir haben keine Wahl.«

»Aber zuerst müssten wir ausbrechen«, sagt er. »Und zurückreisen. Meinst du, dass das möglich ist?«

»Dem Zettel zufolge haben wir das schon vierzehn Mal gemacht.«

»Wie?«

»Ich weiß nicht. Aber ich bin mir sicher, dass ich es mir mitgeteilt hätte, wenn ich es wissen müsste.«

Er lacht. »Ich kann nicht fassen, wie abgedreht dieser Satz ist.«

»Wirklich?« Ich beneide Finn um die Gabe, sich in jeder Situation seinen Sinn für Humor zu bewahren. Aber nichts an alldem kommt mir lustig vor.

»Em …«

»Sag mir nicht, dass wir das nicht tun müssen.« Ich muss einen verdammt guten Grund gehabt haben, diesen Satz zu schreiben, und dem verdrehten kleinen Geschöpf in mir, das aus all meinem Zorn und meiner Bitterkeit geboren ist, tut es nicht leid. »Sag mir nicht, dass es einen anderen Weg gibt.«

»Eigentlich wollte ich dich fragen, was du anhast.«

Ich beiße mir auf die Lippen, um ein Lächeln zu unterdrücken. Okay, das war irgendwie lustig.

»Gott, du fehlst mir«, sage ich – und wünsche mir sofort, die Worte zurückzunehmen. Ich wende das Gesicht von der Lüftungsöffnung ab in der absurden Furcht, er könnte mich erröten sehen.

»Ich weiß«, erwidert er leise. Ich stelle mir vor, wie er auf der anderen Seite seine Hand an die Wand drückt. »Aber ich bin ja da.«

Tage vergehen. Finn und ich verbringen die Zeit zwischen den drei täglichen Mahlzeiten mit Gesprächen über das, was ich entdeckt habe.

»In welche Zeit sollen wir zurückgehen?«, fragt er schließlich. Wir beide haben das Thema bisher vermieden. Es ist mit Schmerzen verbunden, und davon haben wir hier drin schon reichlich.

»Darüber habe ich auch schon nachgedacht«, sage ich. »Wir müssen am vierten Januar dort sein. Vor vier Jahren.«

Schweigen.

»Wirklich?«

Ich verstehe sein Zögern. Es ist ein Tag, den auch ich nicht noch einmal erleben will.

»Wir können es nicht tun, bevor er die Formel gefunden hat«, sage ich. »Die Paradoxie wäre so gewaltig, dass wir nicht voraussagen könnten, was passieren würde. Es muss danach sein.«

»Okay«, sagt er. »Aber warum am vierten?«

»Weil er uns dort nicht vermuten wird«, sage ich. »Erinnerst du dich daran, wann ich die Aufzeichnungen erhalten habe?«

»Natürlich. An diesem Tag.«

»Aber der Doktor weiß das nicht«, sage ich. »Er glaubt, ich wäre irgendwann später darauf gestoßen. Weißt du warum?«

»Warum?«

»Weil er sich nicht daran erinnert, an diesem Tag die Formel gefunden zu haben«, sage ich. »Er glaubt, dass er sie drei Tage später zum ersten Mal niedergeschrieben hat. Am siebten.«

»Wenn wir also zum vierten zurückgehen«, sagt Finn, »haben wir mindestens drei Tage, bis er mit uns rechnet.«

»Genau.« Ich seufze. »Außerdem wird er noch geschwächt sein von dem, was gerade passiert ist. Ein bisschen später, und er könnte schon zu stark sein. Zu gut geschützt.«

Finn pflichtet mir bei. Er weiß so gut wie ich, dass es keinen anderen Zeitpunkt gibt, der uns eine solche Chance bietet. Wir gehen noch einmal alles durch und tüfteln jede Kleinigkeit aus, die wir im Voraus planen können. Am Ende kenne ich jedes durchgestrichene Wort auf dem Zettel auswendig und glaube, die Ereigniskette zu kennen, die ihn in meinen Besitz gebracht hat. Ich erinnere mich nicht mehr an die Ereignisse, die mich dazu gebracht haben, diese Zeilen zu schreiben, aber jene vergangenen Versionen meiner selbst – Kopien von mir, die nicht mehr existieren – haben mir genug Anhaltspunkte hinterlassen, um es mir auszumalen.

Irgendwann gibt es nichts mehr zu besprechen, und auch der Abfluss hält nicht mehr als Obsession her, daher bleibt mir nichts weiter übrig, als an die Decke zu starren. Das schlechte Essen, die Schmerzen, selbst die Visiten des Doktors kann ich aushalten. Aber diese Langeweile? Dieses Warten darauf, dass irgendetwas passiert? Ich bin sicher, dass mich das um den Verstand bringt.

»Finn, bist du wach?«, frage ich, während ich mich auf die Seite rolle.

Keine Antwort. Seine Begabung, unter allen nur denkbaren Umständen zu schlafen, erstaunt mich immer wieder. Er schläft wohl sechzehn Stunden am Tag, nur um die Langeweile zu vertreiben.

»Scheißkerl«, flüstere ich.

Ich starre eine Weile die Tür an, um der Zimmerdecke eine Verschnaufpause zu gönnen. Irgendwann muss ich einfach aus dieser Zelle kommen. Zumindest ist mir das schon vorher gelungen. Jede frühere Version von mir konnte fliehen und hat dem Zettel unter meiner Matratze etwas hinzugefügt. Wie schaffe ich das nur? Ich wünschte, ich könnte mich an das erinnern, was jene anderen Ems erlebt haben, denn eine Flucht erscheint mir unmöglich. Ich gehe zum hundertsten Mal im Geiste jede Alternative durch. Ich könnte die Wache überwältigen, die mir mein Essen bringt, oder den Doktor bei einer seiner mitternächtlichen Visiten in meine Gewalt bringen und als Geisel benutzen. Das würde mich aus meiner Zelle bringen und vielleicht auch Finn aus seiner. Aber selbst wenn ich dazu in der Lage wäre – und seien wir ehrlich, das ist ein riesiges Wenn –, ist da immer noch ein weitläufiger Regierungskomplex jenseits meiner Zelle, auf den ich vor Monaten nur einen kurzen Blick erhascht habe, an jenem Tag, als sie mich hier hereinschleppten. Er ist voller bewaffneter Soldaten, die zwischen mir und Cassandra stehen, selbst wenn ich wüsste, wohin ich gehen muss, was ich definitiv nicht tue. Jeder Plan, den ich aushecke, führt in eine Sackgasse – oder zu einer Kugel im Kopf.

Wie alles andere wird am Ende auch das Nachdenken über meine Flucht und/oder meinen Tod langweilig. So langweilig, dass ich fast erleichtert bin, als sich die Tür öffnet und den Blick auf den Doktor sowie den Mann freigibt, den Finn und ich den »Direktor« getauft haben – jener Strippenzieher, der den Doktor steuert.

Fast.

Ich tue, als ob ich gähnen muss, weil ich weiß, dass es ihn ärgert, doch mein Herz hämmert. »Ist es schon wieder Zeit?«

Der Direktor gibt einem Soldaten ein Zeichen, und er tritt vor, um mich hochzureißen und auf den metallenen Klappstuhl zu stoßen, den sie mitgebracht haben. Er fixiert meine Hände auf den Armlehnen mit der gleichen Art Kabelbinder, die unser Gärtner für die Rosensträucher benutzt hat.

»Die Füße auch«, sagt der Direktor. Ich bin zufrieden, dass er sich an das letzte Mal erinnert.

Sobald das wehrlose, von Männern mit Maschinengewehren umgebene Mädchen ordentlich festgeschnallt ist, beginnt die Befragung. Früher habe ich mitgezählt, wie oft der Doktor und der Direktor mich zu einer unserer kleinen Plauderstündchen besuchen kamen – ich dachte stets, es könnte das letzte Mal sein, weil ihnen der Geduldsfaden reißen und sie mich endlich doch umbringen würden. Irgendwo in den Zwanzigern habe ich den Überblick verloren. Das war vor einigen Wochen.

»Wo sind die Aufzeichnungen?«, fragt der Direktor.

»Sie wollen nicht einmal wissen, wie mein Tag war? Hat Ihnen Ihre Mutter keine Manieren beigebracht?«

Der Direktor schlägt mir ins Gesicht. Anders als der Doktor schert es ihn nicht, wenn er sich die Hände blutig macht. Meine Sicht verschwimmt. Kein Film und kein Buch hat mich darauf vorbereitet, wie weh es tut, geschlagen zu werden, und auf gewisse Art und Weise ist es immer noch ein Schock.

»Ich habe heute keine Zeit für deine Spielchen«, sagt der Direktor. »Wir müssen jetzt wissen, wo die Aufzeichnungen sind. Wem hast du sie ausgehändigt? China? Indien?«

»Davon hängen Leben ab«, sagt der Doktor ruhig aus seiner Ecke, als würde es ihn einen Dreck kümmern.

Ich werfe dem Direktor eine Kusshand zu, so gut das mit gefesselten Händen geht. Ich weiß, dass in dem Augenblick, in dem ich ihnen sage, wo sich die Aufzeichnungen befinden, mein letzter Trumpf verspielt ist. Dass ich diese Information habe und sie nicht, ist das Einzige, was Finn und mich so lange am Leben gehalten hat. Selbst wenn ich am liebsten aufgeben und das Sterben endlich hinter mich bringen würde, lässt mich das Wissen, dass auch Finns Leben in meinen Händen liegt, den Mund halten. Egal, was sie tun.

Und sie tun verdammt viel.

Ich bin mir sicher, dass meine Schreie Finn aus seinem Nickerchen reißen, aber wenigstens verrate ich uns nicht.

DREI

Em

Ein weiterer Tag vergeht. Ich bin nur halb wach, starre an die Decke und versuche, in dem spärlichen blauen Licht vom Gang die Risse zu erkennen, von denen ich weiß, dass sie da sind. Ich betaste träge meine Blutergüsse. So wie sie sich anfühlen, wenn ich darauf drücke, haben sie wahrscheinlich eine ähnlich lila-rote Farbe wie die Bettbezüge in unserem alten Gästezimmer. Meine Mutter mochte diese Farbe immer. Ich vermute, es hatte etwas mit ihrer Schwäche für einen guten Cabernet zu tun.

Ich höre Stiefel auf dem Gang und ziehe die Stirn in Falten. Ich habe keinen Hunger. Ist es schon Zeit fürs Frühstück? Aber nein, das Licht ist ja noch immer aus.

Meine Tür öffnet sich langsam, der Wärter dahinter ist ein Mann, der erst seit Kurzem zu unserer Bewachung abgestellt ist. Ich mag ihn. In seinen Augen kann ich noch einen Schimmer menschlichen Anstands erkennen, und anders als Kessler reicht er mir meine Mahlzeiten immer und sagt manchmal sogar Danke, wenn ich ihm das Tablett zurückgebe. Ich bin mir nicht sicher, wie er heißt. Connor? Cooper?

»Als du klein warst«, sagt er, während er unruhig in der Tür stehen bleibt, »hattest du einen imaginären Freund namens Miles. Er war ein lila Känguru.«

Ich fahre hoch. »Was?«

»Komm schon. Wir müssen gehen.«

»Wovon redest du?«

»Ich hole dich hier raus.«

Mein Mund wird trocken, und plötzlich fühlt sich meine Zunge zu groß für meinen Mund an. Das ist es, worauf ich gewartet habe. Der Ausweg. Ich habe noch nie jemandem von Miles erzählt, in meinem ganzen Leben nicht.

Außer offenbar diesem Wachposten.

»Was ist mit Finn?«, frage ich.

»Ihn auch. Und jetzt beeil dich.«

Ich springe auf, und meine Beine sind überraschend standfest unter mir. Ich greife unter meine Matratze, ziehe den Zettel in dem Plastikbeutel hervor und stopfe ihn in meine Hosentasche. Der Wachtposten – Connor? – ist schon weg, um Finns Zelle aufzuschließen. Ich gehe langsam auf meine Zellentür zu. Sie steht weit offen. Ich berühre den Türrahmen mit den Fingerspitzen und untersuche die Stelle, an der die Wände, mein Gefängnis für so lange Zeit, aufhören und ins Nichts stoßen. Ich mache versuchsweise einen Schritt durch die Tür, und eine alberne Sekunde lang glaube ich, dass ich anfangen muss zu weinen.

Ich höre das Rasseln eines Schlüssels, der sich im Schloss dreht, und sehe zu, wie Connor versucht, Finns Zelle zu öffnen. Oh mein Gott. Die Erkenntnis trifft mich mit derselben Wucht wie diese gemeingefährliche Welle im Urlaub auf Kiawah Island, die mir die Luft aus den Lungen presste: Gleich werde ich Finn sehen.

Connor bekommt endlich das Schloss auf und zieht an der Tür, und alles gerät ins Stocken, bis die Stille zwischen zwei Herzschlägen sich ausdehnt und ohrenbetäubend wird. Während ich auf unsere plötzliche Freiheit wie ein Tier reagiert habe, das die Welt außerhalb der Gitterstäbe vergessen hatte, fliegt Finn geradezu aus seiner Zelle, wie ein Vogel aus seinem Käfig. Ich habe kaum Zeit, ihn anzusehen, bevor er in einem Durcheinander aus Armen und Beinen gegen mich prallt und mich so fest hält, dass ich nicht atmen kann. Was mir aber herzlich egal ist.

»Oh mein Gott«, sagt er wieder und wieder. »Oh mein Gott.«

»Lass mich dich anschauen.« Ich weiche zurück und lege die Hände an seine Wangen. Ich erforsche sein Gesicht. Blaue Augen, natürlich. Und wie konnte ich nur diesen Mund vergessen? Dünne, rosafarbene Lippen mit einem schiefen Mundwinkel, der immer an ein spöttisches Lächeln denken lässt. Mein Gott, warum habe ich vorher nie bemerkt, wie gut er aussieht? »Du brauchst einen Haarschnitt.«

Er fährt mir mit dem Daumen über den Wangenknochen. »Du bist so schön.«

Ich habe seit Jahren Angst. Immer auf der Flucht, getrennt von allen, die ich liebe, gefoltert und verhört und stets den Tod vor Augen. Aber ich schwöre, ich hatte noch nie solche Angst wie jetzt, da Finn sich vorbeugt und mich zum allerersten Mal küsst.

Er presst seine Lippen so sanft auf meine, dass ich glaube, er fürchtet, all dies sei ein Traum, der sich an der schönsten Stelle einfach in Luft auflöst. Seine Hände drücken sich fester in meinen Rücken, er zieht mich ganz nah an sich heran, und eine Sekunde lang ist all meine Angst wie weggeblasen.

»Es tut mir leid«, sagt Connor, »aber wir müssen weiter.«

Finn wirft mir ein scheues Lächeln zu, als wir uns voneinander lösen, und Connor zieht im Losgehen die Pistole. Ich ergreife Finns Hand und verflechte meine Finger mit seinen. Jetzt, da er an meiner Seite ist, will ich ihn nicht wieder verlieren, nicht einmal eine Sekunde lang.

Connor geht voran, wir folgen ihm auf den Fersen. Ich drehe fortwährend den Kopf, um alles um mich herum aufzunehmen. Es ist mein erster Blick auf mein Gefängnis, seitdem sie uns vor wie vielen Monaten auch immer hier eingesperrt haben, und damals war ich nicht in der Verfassung, die Umgebung zu beachten. Neben meiner und Finns Zelle liegen noch drei weitere – auch sie sind mit Betonwänden und Metalltüren ausgestattet, doch leer. Der Rest des Gangs scheint als Lager zu dienen. Das ist so trivial, dass ich schockiert und mehr als nur ein bisschen beleidigt bin. Es sieht so aus, als hätte der Doktor Finn und mich zusammen mit anderem alten Krempel weggeräumt – wie den Karton mit den Wintersachen, den man im Sommer in den Keller bringt und am Ende völlig vergisst.

»Wo sind alle?«, flüstere ich, sobald wir die verschlossene Tür, die unseren Gang vom Rest des Gebäudes trennt, hinter uns gelassen haben. Bisher haben wir keinen einzigen Soldaten zu Gesicht bekommen.

»Es ist mitten in der Nacht. Minimalbesatzung«, antwortet Connor über die Schulter zurück. »Und ich hab Drogen in die Kaffeekanne im Pausenraum getan.«

»Weißt du«, sage ich, »ich fange wirklich an, dich zu mögen.«

»Warte damit, bis wir bei Cassandra sind.«

Wir schleichen auf das Herz der Anlage zu, die, wie mir erst jetzt so richtig aufgeht, riesig ist. Connor muss darauf achten, dass seine Stiefel kein lautes Geräusch auf dem Betonboden machen, während Finn und ich lautlos in unseren dünnen Gefängnisslippern vorwärtstappen. Mein Atem geht mit jedem Schritt schwerer, in meiner Brust brennt es vor Anstrengung. Bis zu diesem Augenblick war mir nicht klar, welchen Tribut es vom Körper fordert, in einem vier mal vier Schritt großen Raum zu leben. Ich werfe Finn einen Blick zu, um zu sehen, ob er zu schwitzen und zittern beginnt wie ich, doch es scheint ihm nichts auszumachen. Vermutlich hat er in seiner Zelle trainiert, der eitle Mistkerl.

Ich wünschte jetzt, ich hätte auch daran gedacht.

»Alles in Ordnung?«, fragt er. Ich bin langsamer geworden, und da unsere Hände noch immer ineinander verschränkt sind, zieht er mich vorwärts. Ich nicke, hole tief Luft und zwinge mich, meine Schritte zu beschleunigen.

Ich bin so darauf konzentriert, einen Fuß vor den anderen zu setzen, dass ich weder höre, wie sich die Tür am anderen Ende des Gangs öffnet, noch sehe, wie der dunkelhaarige Mann hindurchtritt. Aber Connor tut es. Sein Arm knallt gegen meine Brust, um Finn und mich in eine Türöffnung zu schieben, die eine kleine Nische bildet. Ich erhasche nur einen flüchtigen Blick auf den Mann, bevor ich außer Sichtweite bin.

Es ist der Doktor. Ich drücke mich flach an die Tür und versuche, meinen keuchenden Atem zu beherrschen.

Connor geht auf ihn zu, und Entsetzen durchfährt mich wie ein Messer. Ich bin mir plötzlich sicher, dass dies hier eine Falle des Doktors ist, ein neuer Trick, um uns in die Knie zu zwingen. Connor wird uns ihm jetzt übergeben, und wir werden unsere Zellen nie wieder verlassen. Mich packt das wilde Verlangen loszurennen.

Vielleicht spürt Finn, was ich denke, denn er drückt meine Hand, hält mich fest.

»Connor, was tun Sie in diesem Teil des Gebäudes?«, hören wir den Doktor von unserem erbärmlichen Versteck aus fragen. Alles, was er tun muss, ist, ein paar Schritte in unsere Richtung zu machen, und die Nische in der Wand wird uns nicht länger verdecken. »Sollten Sie nicht die Gefangenen bewachen?«

»Doch, Sir. Abrams hat mich abgelöst. Der Sergeant hat mich geschickt, Sie zu holen.«

Der Doktor seufzt verärgert. »Ich habe nicht einmal Dienst. Ich bin nur hier, um Papierkram zu erledigen. Was will er denn?«

»Ich weiß nicht genau, Sir. Alles, was er gesagt hat, war, dass er Sie in der Zentrale sehen möchte.«

Schritte nähern sich. Es sind nicht Connors Stiefel mit den schweren Sohlen, sondern – darauf würde ich mein Leben verwetten – feine italienische Lederschuhe. Ich drücke mich so heftig an die Tür in meinem Rücken, dass zu meiner Kollektion an Blutergüssen neue dazukommen werden, falls wir diese Nacht überleben.

»Ich muss erst in mein Arbeitszimmer«, sagt der Doktor. »Dann …«

»Er sagte, es sei dringend, Sir.«

Die Schritte halten an. »Lassen Sie mich los, Soldat.«

Oh Gott. Ich balle die freie Hand zur Faust. Wenn der Doktor hier vorbeikommt, werde ich ihm wenigstens ein paar eigene blaue Flecke verpassen, bevor sie uns umbringen.

»Verzeihung, Sir«, sagt Connor mit bebender Stimme. »Ich meinte ja nur, dass der Sarge Sie wirklich dringend braucht, und dass keine Zeit für …«

Die Stille dehnt sich aus, und selbst mit geschlossenen Augen kann ich den prüfenden Blick des Doktors vor mir sehen, mit dem er Connor mustert. In meinen Ohren klingt Connor wahnsinnig schuldbewusst, und der Doktor müsste schon taub sein, um nicht zu merken, dass hier etwas faul ist. Ich kann nur hoffen, dass seine mangelnde Menschenkenntnis und das Gefühl, unbesiegbar zu sein, die Oberhand behalten.

»Na gut«, sagt der Doktor endlich. »Ich gehe in die Zentrale, und Sie kehren zu den Gefangenen zurück. Und nächstes Mal denken Sie daran, wer wessen Vorgesetzter ist!«

»Ja, Sir.«

Die leichteren Schritte des Doktors entfernen sich von uns, und ich stoße den angehaltenen Atem aus.

»Wir müssen uns beeilen«, sagt Connor, als er zu uns zurückkommt. »Er wird merken, dass etwas nicht stimmt, wenn in der Zentrale niemand ist. Aber sie liegt auf der anderen Seite des Komplexes, und wir sind Cassandra schon ganz nahe.«

Wir laufen durch die Korridore. Connor ist immer drei oder vier Meter vor uns, um nach anderen Soldaten Ausschau zu halten. Finn zerrt mich praktisch hinter sich her. Als wir anhalten, beuge ich mich vor, stütze die Hände auf die Knie und ringe nach Atem. Finn streicht mir in beruhigenden Kreisen über den Rücken, doch Connors Aufmerksamkeit gilt ausschließlich dem, was vor uns liegt. Er hat die Pistole auf Brusthöhe gehoben und zielt auf eine Biegung des Gangs. Er legt einen Finger an die Lippen.

»Der Kontrollraum liegt gleich um die Ecke«, flüstert er. »Es werden Wachen dort sein, da konnte ich nichts machen. Also bleibt ihr beide hier.«

Finn spannt sich neben mir an. »Was hast du vor?«

»Spielt das eine Rolle? Sobald ihr zurückreist, wird nichts von dem hier je stattgefunden haben, richtig?«

Ich hole noch einmal tief Luft. »Das ist der Plan.«

»Bewegt euch nicht.« Connor steckt seine Waffe zurück ins Holster, läuft los und biegt um die Ecke. Wir hören ihn rufen, dazu das Schlagen von Fäusten auf Glas. Der Kontrollraum. Finn legt mir den Arm um die Schultern, und ich schmiege mich eng an ihn. Gott, wie warm er ist. Meine letzte Umarmung ist so lange her, dass ich vergessen hatte, wie warm ein anderer Mensch sein kann.

»Feuer in Flügel A!«, brüllt Connor. »Wir brauchen alle Einheiten. Kommt schon!«

Eine Pause und dann das fast unhörbare Geräusch einer sich öffnenden Tür.

»Aber wir haben keinen Alarm«, sagt ein Soldat. »Und es gab auch keinen Funkruf.«

»Wir können unseren Posten nicht verlassen«, fügt ein zweiter hinzu.

Das plötzliche Peitschen von zwei Schüssen, das von den Wänden widerhallt, ist ohrenbetäubend. Ich schlage die Hände vor den Mund.

»Kommt jetzt!«, ruft Connor.

Finn setzt sich in Bewegung, und das tue ich auch. Wir biegen um die Ecke und nähern uns dem Kontrollraum, der auf allen vier Seiten vom Boden bis zur Decke mit Panzerglas eingefasst ist. Die beiden Soldaten sind im Eingang zusammengesunken. Eine Pfütze dunklen Bluts sammelt sich unter ihnen und wird mit jeder Sekunde größer. Ich hätte mir niemals so viel Blut vorgestellt. Filme und Bücher haben mich auch nicht auf den Anblick zweier Männer vorbereitet, denen der Schädel weggeblasen wurde.

Connor steht im Kontrollraum, hinter den Leichen der Wachen. Sein Gesicht und seine Uniform sind rot gesprenkelt, und ich beginne zu zittern, als er mir seine Hand hinstreckt. Es ist die Rechte, die Hand, mit der er geschossen hat, und der Rückstoß hat einen Schatten aus winzigen roten Punkten auf seiner Haut hinterlassen. Ich zwinge mich, sie zu ergreifen, und er hilft mir dabei, über die Leichen zu springen. Finn setzt nach mir über die gebrochenen Körper, doch sein Fuß landet am Rande der Pfütze aus Blut und gleitet unter ihm aus, sodass er hinfällt. Ich helfe ihm auf, und er schüttelt seine durchweichten Slipper ab.

»Ich hoffe bei Gott, dass ihr wisst, wie das Ding da funktioniert«, sagt Connor, während er auf die unzähligen Reihen von blinkenden Lichtern und Schaltern auf der Konsole blickt. Über der Konsole ist ein Sichtfenster angebracht, das den Blick in eine zweite, kleinere Kammer freigibt; sie ist nur durch eine Tür in der Ecke des Kontrollraums zugänglich. Der Anblick des winzigen Raums, der auf eine gespenstische Weise frei von jeglicher Farbe und Textur ist, fesselt mich. Er ist wie eine glatte, leere Schachtel in verschiedenen Grauschattierungen.

»Ich habe eine Vorstellung«, sage ich. »Jemand hat mir früher stundenlang hiervon erzählt. Finn, kannst du …«

»Schon dabei«, sagt er, während er sich auf den Stuhl vor dem Hauptcomputerterminal gleiten lässt. »Wie ich unseren Doktor kenne, wurde das System so eingerichtet, dass es möglichst simpel zu bedienen ist.«

Finn hämmert auf die Tastatur ein, eine Falte bildet sich vor Konzentration auf seiner Stirn. Ich weiß, dass er bissig und angespannt wird, wenn man ihn unterbricht, deshalb wende ich mich Connor zu. »Danke für alles.«

Er wischt sich die Hände an seiner Hose ab. »Kein Problem.«

»Warum hilfst du uns?«, frage ich. »Ich meine, wie habe ich dich überzeugt? Ich muss das wissen.«

Er zuckt die Achseln. »Ich war nicht mehr als ein besserer Wachmann, und du hast mir die Möglichkeit gegeben, ein Held zu werden. Außerdem habe ich einige Dinge gesehen …«

»Wie schlimm ist es da draußen?«

»Schlimm.«

Connor sieht verängstigt aus, und das erschreckt mich. Er ist ein Mann, der seelenruhig seine bewaffneten Kameraden unter Drogen gesetzt und eben erst, ohne mit der Wimper zu zucken, zwei Männern in den Kopf geschossen hat. Doch was auch immer in der Außenwelt vor sich geht, macht ihn einsilbig und angespannt. Als Finn und ich gefangen genommen wurden, griffen amerikanische Drohnen gerade China an, Israel befand sich in einem nuklearen Kräftemessen mit Syrien, und ein Gutteil von Houston wurde einfach von der Landkarte radiert. Schwer vorstellbar, dass es noch schlimmer kommen konnte.

Doch ich schätze, es ist so.

»Du glaubst wirklich, dass ihr an alldem etwas ändern könnt?«, fragt Connor, und ich kann nun die Verzweiflung sehen, die sich tief in seinen Augen versteckt.

Ich fahre mit dem Finger den Rand des Plastikbeutels in meiner Tasche nach. »Ich glaube, dass wir nicht aufhören werden, solange wir es nicht getan haben.«

»Ach, hier«, sagt er und greift in seine eigene Tasche. »Das hätte ich beinahe vergessen. Ihr werdet es brauchen.« Er zückt seine Brieftasche und zieht ein kleines Foto einer Frau mit honigfarbenem Haar und einem fröhlichen, breiten Lächeln heraus. Er gibt es mir.

»Was ist das?«

Er grinst. »Das ist der wahre Grund, wie du mich überzeugt hast, euch zu helfen.«

Ich lächle. »Sie ist hübsch.«

»Und sie hat Ja zu einem Loser wie mir gesagt, kannst du das glauben?«

Ich stecke das Foto in meine Tasche zu dem Zettel im Plastikbeutel. »Ja, das kann ich.«

»Okay, ich hab’s«, sagt Finn, während er ein paar abschließende Befehle eingibt. »Alles ist mehr oder weniger automatisiert, ich muss also nur das Datum eingeben, und dann kann Connor den Teilchenbeschleuniger starten, sobald wir drin sind.«

»Warte«, sagt Connor. »Wenn du ein Datum eingibst … wird er dir dann nicht einfach folgen? Oder zehn Minuten vor euch auftauchen und euch erschießen, sobald ihr ankommt?«

»Daran haben wir schon gedacht«, sage ich.

»Ich kenne einen Code, der das tatsächliche Datum verbirgt, das wir eingeben, und ein anderes anzeigt«, sagt Finn. »Bist du dir ganz sicher mit dem vierten Januar, Em? Letzte Chance.«

»Ich bin mir sicher.«

»Okay«, sagt Finn. »Ich lasse es so aussehen, als wären wir zum siebten zurückgereist. Erst dann wird uns der Doktor erwarten. Das sollte uns genug Zeit lassen, uns um alles zu kümmern, bevor er uns nachreist.«

»Wie starte ich den Teilchenbeschleuniger?«, fragt Connor.

»Sobald wir in der Kammer sind« – Finn deutet auf die Return-Taste – »drückst du hier. Die Automatisierung erledigt den Rest. Der Beschleuniger braucht etwa zwei Minuten, um die Partikel auf die richtige Geschwindigkeit für die Kollision zu bringen. Danach sollten wir weg sein.«

»Klingt einfach«, sagt Connor. Ich unterdrücke das hysterische Verlangen zu lachen. »Ich schätze, es bleibt nichts mehr zu sagen außer, na ja, viel Glück!«

Finn schüttelt Connor die Hand, und er und ich gehen auf die andere Seite des Kontrollraums, wo sich die Tür zur Kammer befindet. Als Finn sie aufzieht, heult plötzlich eine ohrenzerreißende Sirene auf. Meine Hände fliegen an meine Ohren, und mein Körper krümmt sich zusammen, weg von dem betäubenden Lärm. Finn flucht.

»Schnell, rein!«, brüllt Connor durch das Geheul. »Bevor sie da sind! Ich halte sie auf!«

Connor knallt die Tür hinter uns zu. Ich zerre Finn hinter mir her in die Mitte des Raums, bis wir beide auf dem großen schwarzen Kreis stehen, der das Zentrum von Cassandra markiert, jenes kilometerlangen, subatomaren Teilchenbeschleunigers, der tief unter dieser Regierungseinrichtung in die Erde gebaut ist. Connor verbarrikadiert die Tür zur Kammer, indem er etwas, das wie der Schrank für die Backup-Server aussieht, davor umwirft. Die Sirene ist so laut, dass ich nicht einmal den Krach höre, als er auf den Boden knallt. Connor läuft zurück zum Computer, und zu dem Heulen der Sirene gesellt sich nun ein anderes Geräusch, ein Grollen, das so tief ist, dass ich fast glaube, es mir nur einzubilden – bis die Vibrationen vom Teilchenbeschleuniger viele tausend Meter unter mir aufsteigen und meine Füße erreichen. Energie umflirrt Finn und mich, mir stellen sich die Härchen im Nacken auf, und auf meinen Armen bildet sich Gänsehaut.

Und das ist nur der Anfang. Ich habe diese Reise, die meine früheren vierzehn Ichs unternommen haben, noch nie gemacht, doch ich habe schon oft genug zugehört, wie sie erklärt wurde, um zu wissen, was als Nächstes kommt. Wenn die Teilchen, die unter meinen Füßen in der kilometerlangen Röhre umherwirbeln – sie ist so groß, dass ein Lastwagen hindurchfahren könnte –, miteinander kollidieren, und das bei annähernder Lichtgeschwindigkeit, wird die Explosion so gewaltig sein, dass sie die Zeit selbst zersplittert.

Ich habe plötzlich große Angst. Nicht vor der Explosion, die mein Fassungsvermögen übersteigt, sondern vor dem, was ich tun muss, wenn alles vorbei ist. Vor dem, für das wir all das hier auf uns nehmen.

Du musst ihn töten.

Entweder spürt Finn meine Angst, oder er hat selbst welche, denn er legt seine Hände an mein Gesicht, um meinen Blick auf ihn zu lenken.

»Es wird schon gut gehen«, sagt er. Seine Worte sind über dem Dröhnen kaum zu verstehen.

Doch dann wird alles sehr still, wenigstens für mich. Irgendwie finde ich Ruhe in Finns dunkelblauen Augen. Gott, wie habe ich nur so lange in dieser Zelle überlebt, ohne in diese Augen sehen zu können?

Mich trifft eine furchtbare Erkenntnis. Sie ist so offensichtlich, dass ich nicht glauben kann, dass ich bis jetzt nicht daran gedacht habe. Mein Herz bricht und verströmt weiß glühende Qual in meinen Körper.

»Finn«, sage ich. Und dann erzähle ich ihm das Schreckliche, das ich endlich begriffen habe – zu spät, um etwas dagegen tun zu können.

Er sieht mir in die Augen und erklärt mir, warum ich mir keine Sorgen machen muss. Ich banne seine Worte in mein Gedächtnis – oder vielleicht auch mein Herz.

Über seine Schulter hinweg sehe ich eine Bewegung, und die Welt und ihr Lärm sind wieder da. Die Soldaten kommen. Als wir nicht hingesehen haben, hat Connor die Leichen aus dem Eingang geschafft und den Kontrollraum versperrt, doch die Tür ist nur eine armselige Barriere. Ich sehe entsetzt zu, wie sie auffliegt. Connor feuert in die hereindrängenden Leiber und schaltet Soldat um Soldat aus. Doch sie sind in der Überzahl und haben mehr Waffen. Rasch wird er überwältigt. Ich verberge mein Gesicht an Finns Brust, als ein Kugelhagel Connor niederstreckt und er zu Boden sinkt.

Aber ich kann nicht lange wegschauen. Soldaten strömen in den Kontrollraum. Die meisten eilen geradewegs zu dem umgekippten Serverschrank vor der Tür zur Kammer. Wenn sie die Tür öffnen, wird Cassandra automatisch heruntergefahren, und wir sind gescheitert.

Aber der Anblick, der mich erst wirklich mit Grauen erfüllt, ist der Doktor, der hinter den Soldaten den Raum betritt. Unsere Blicke treffen sich durch das zehn Zentimeter dicke Glas des Sichtfensters, und die Wut in seinem Gesicht fährt mir bis ins Mark. Ich glaube, dass er weiß, was ich vorhabe. Selbst wenn wir entkommen, wird mich dieser Blick durch die Zeit hinweg verfolgen.

Er geht zum Schaltpult. Das Grollen unter unseren Füßen fühlt sich jetzt wie ein Erdbeben an, doch mit dem Doktor am Schaltpult und den Soldaten an der Tür bleiben uns nur noch Sekunden. Ich presse Finns Hand so fest, dass ich spüre, wie seine Knochen aneinandergedrückt werden. Sie werden Cassandra anhalten und uns dann auf irgendeine langsame, einfallsreiche Art umbringen.

Doch sie kommen zu spät.

Als die Soldaten die Tür aufstemmen, explodiert die Welt, und mein Körper zerspringt in Schmerz und Feuer.

VIER

Marina

Vier Jahre zuvor

Ich zupfe abwesend an dem pinkfarbenen Nagellack auf meinem Daumennagel, während ich auf die Einfahrt nebenan schaue. Tamsin schlägt mir auf die Hand.

»Hör auf damit!« Sie untersucht den Nagel und seufzt. »Den werde ich noch mal machen müssen.«

»Er war sowieso ungleichmäßig«, sage ich. »Du wirst es überleben.«

Sophie, die ausgestreckt auf meinem Bett liegt, schaut nicht mal von ihrem Handy hoch, während sie spricht. »Wenigstens kaut sie nicht mehr darauf herum.«

»Ja, stimmt. Das war ja sooo eklig.«

Eigentlich kaue ich immer noch ab und zu an meinen Nägeln, aber ich achte darauf, es nicht vor meinen Freundinnen zu tun. Ich habe mich immer noch nicht an das Gefühl des Nagellacks gewöhnt; es ist, als würden meine Nägel ersticken. Aber Tam sagt, dass wir meiner perfekten Farbe immer näher kommen, irgendetwas, das zu dem pflaumenfarbenen »Sophie-so-fein« und dem hellroten »Tam-erika« passt.

»Marina …«, sagt Tamsin, während sie eine Schicht Lack auf die Nägel meiner rechten Hand aufträgt. »Marina … Dein Name weckt überhaupt keine Assoziationen.«

Sophies Kopf schnellt in die Höhe. »Aqua Marina!«

»Ich lackiere ihre Nägel pink, du Genie. Das passt besser zu braunem Haar.«

Ich höre nur halb zu. Mein Blick schweift zum Fenster und zum Haus nebenan. Tamsin schaut auf und erwischt mich.

»Er ist nicht aufgetaucht, seitdem du vor zehn Sekunden rübergesehen hast«, sagt sie und grinst mich an.

Ich überlege, mich dumm zu stellen, aber am Ende rolle ich nur mit den Augen. »Halt die Klappe.«

Es hat keinen Sinn, so zu tun, als würde ich nicht darauf warten, dass James nach Hause kommt. In den drei Wochen, in denen er fort war, habe ich nur eine einzige SMS von ihm bekommen, in der er schrieb, dass er heute Abend aus Connecticut zurückkehren würde. Normalerweise hätten wir während seiner gesamten Abwesenheit telefoniert und uns SMS geschrieben, aber es fühlte sich zu seltsam an, nach dem, was passiert ist, bevor er wegging.

»Er wird dich bestimmt fragen, ob du mit ihm ausgehst«, sagt Sophie, während sie zu meinem Schrank hinübergeht und beginnt, meine Klamotten zu durchwühlen. »Ich kann nicht glauben, dass du James Shaws Freundin wirst!«

»Ich weiß nicht«, sage ich. Ich bin so ziemlich in James verliebt, seit ich denken kann, aber ich hatte nie die Hoffnung, dass er dasselbe empfinden könnte. Wenn man bedenkt, wer er ist und wer ich bin, ist es eigentlich unmöglich.

»Oh bitte.« Tamsin pustet über meine frisch pink lackierten Nägel. »Er hat dich fast geküsst, und für James ist das praktisch ein Heiratsantrag. Hat er jemals zuvor ein Mädchen geküsst?«

Ich bezweifle es, doch allein bei der Vorstellung, dass James ein anderes Mädchen küssen könnte, dreht sich mir der Magen um. »Aber er hat seitdem nicht mal mit mir geredet! Heißt das nicht, dass er es bereut?«

»Nein, er war nur erschrocken, als er merkte, dass er total in dich verliebt ist«, sagt Tamsin. »Aber jetzt, da sein großes Gehirn Zeit hatte, sich an den Gedanken zu gewöhnen …«

»Ich wette, das ist nicht das Einzige, was groß an ihm ist«, sagt Sophie und zieht die Augenbrauen hoch.

Tamsin ächzt, und ich sage: »Widerlich!« Aber Sophie lacht nur und zieht sich meinen neuen Kaschmirpulli über.

»Ich meine es ernst!«, sagt sie. »Du weißt doch, dass du bei ihm den ersten Schritt tun musst, oder?«

»Absolut«, sagt Tamsin. »Aber du musst cool bleiben.«

»Und wie mache ich das?«, frage ich. Ich zittere und schwitze schon bei dem Gedanken daran. »Nicht alle von uns haben so viele Jungs besprungen, dass ihnen das leichtfällt.«

»Bei diesem Jungen?«, fragt Sophie. »Da sollte es verdammt leicht sein.«

Sophie gibt ein anzügliches Stöhnen von sich und küsst ihren Handrücken, und Tamsin und ich lachen. Das ist das Beste an Sophie – sie fürchtet nie, lächerlich auszusehen. Tamsin wiederum, mit ihrem vornehmen englischen Akzent und ihrem Bollywood-Star-Look, lässt alles, was sie tut oder sagt, cool aussehen. Also bin ich die Einzige, die sich fortwährend Sorgen macht, sie könnte sich blamieren. Ich könnte es nur nicht ertragen, wieder zu der Versagerin ohne Freunde zu werden, die ich einmal war.

Es klopft an meiner Zimmertür, und Sophie schlägt sich die Hand vor den Mund. »Sind deine Eltern zuhause?«, flüstert sie.

Ich winke ab. »Das ist Luz. Komm rein!«

Luz, die schon unsere Haushälterin ist, seitdem ich ein kleines Mädchen war, streckt den Kopf durch die Tür.

»Ich gehe nach Hause, mi querida«, sagt sie. »Hältst du durch, bis deine mamá kommt?«

Tamsin lacht, und ich erstarre.

»Ich bin sechzehn, Luz«, fauche ich. »Ich glaube, ich werde es überleben.«

Ich sehe, wie ein bekümmerter Ausdruck über das Gesicht der Frau huscht, und fühle mich kurz schlecht. Luz gehört zu den wenigen Menschen auf der Welt, die mich wirklich lieben, aber ich wünschte, sie würde mich nicht wie ein kleines Kind behandeln. Es ist peinlich.

»Im Kühlschrank sind Empanadas, falls ihr Mädchen etwas essen möchtet«, sagt sie.

»Okay«, sage ich, obwohl ich weiß, dass wir auf keinen Fall Empanadas essen werden.

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