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Zeitriss

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Kapitel 1.
  7. 38 Jahre früher
    1. Kapitel 2.
    2. Kapitel 3.
    3. Kapitel 4.
    4. Kapitel 5.
    5. Kapitel 6.
    6. Kapitel 7.
    7. Kapitel 8.
    8. Kapitel 9.
    9. Kapitel 10.
    10. Kapitel 11.
    11. Kapitel 12.
    12. Kapitel 13.
    13. Kapitel 14.
    14. Kapitel 15.
    15. Kapitel 16.
    16. Kapitel 17.
    17. Kapitel 18.
    18. Kapitel 19.
    19. Kapitel 20.
    20. Kapitel 21.
    21. Kapitel 22.
    22. Kapitel 23.
    23. Kapitel 24.
    24. Kapitel 25.
    25. Kapitel 26.
    26. Kapitel 27.
    27. Kapitel 28.
    28. Kapitel 29.
    29. Kapitel 30.
    30. Kapitel 31.
    31. Kapitel 32.
    32. Kapitel 33.
    33. Kapitel 34.
    34. Kapitel 35.
    35. Kapitel 36.
    36. Kapitel 37.
    37. Kapitel 38.
    38. Kapitel 39.
    39. Kapitel 40.
    40. Kapitel 41.
    41. Kapitel 42.
    42. Kapitel 43.
    43. Kapitel 44.
    44. Kapitel 45.
    45. Kapitel 46.
    46. Kapitel 47.
    47. Kapitel 48.
    48. Kapitel 49.
    49. Kapitel 50.
    50. Kapitel 51.
  8. Kapitel China im Mai 1900
    1. Kapitel 52.
    2. Kapitel 53.
    3. Kapitel 54.
    4. Kapitel 55.
    5. Kapitel 56.
    6. Kapitel 57.
  9. Epilog
  10. Quellen

Über den Autor

Christopher Ride ist Geschäftsführer einer australischen IT-Firma. Am liebsten schreibt Christopher Ride in seinem Haus am Strand, wo er vom Schreibtisch aus einen malerischen Blick aufs Meer hat. Dort arbeitet er derzeit an seinem nächsten Thriller. Noch wichtiger als das Schreiben ist ihm seine Familie, mit der er in Melbourne lebt.

Christopher Ride

Zeitriss

Thriller

Aus dem Englischen von
Angela Koonen

1.

Provinz Shantung, China

Festungsruine

Ortszeit: 7.13 Uhr

24. November 1898

Das weite Gelände war mit frischem, feinem Schnee überzogen, dem ersten dieses Winters. Die Morgensonne schien durch den kahlen Birkenwald auf die verfallene Ostmauer. Die Festung Shantung war seit über hundert Jahren von keiner Garnison mehr bemannt worden. Im reichen, blühenden China der Ming-Zeit war sie eines der äußeren Bollwerke gewesen, aber das lag Jahrhunderte zurück. Jetzt war sie eine Ruine, die mit ihren eingefallenen Dächern zum desolaten Zustand der nördlichen Provinzen passte. Dürren hatten das Land verwüstet, und die einstige Kornkammer Chinas lag brach.

In einem herrschaftlich goldenen Gewand, auf dem ein furchterregender fünfklauiger Drache prangte, ging Randall Chen auf die gut zweihundert barbrüstigen Männer zu, die sich zu Kampfübungen in den Gemäuern bereit machten. Ihrem Ritual gemäß trainierten sie sechs Tage in der Woche kurz nach Sonnenaufgang. Bauern, Landarbeiter und Arbeitslose waren sie und bildeten eine Bürgerwehr von beträchtlicher Wirksamkeit. Während Randall über den verschneiten Platz auf sie zuschritt, zogen einige Kämpfer das Schwert aus der Scheide, andere einen Pfeil aus dem Köcher, den Langbogen noch auf dem Rücken.

Randall war bewusst, dass das Drachengewand ihren Groll erregte. »Ihr habt den Mord an den zwei deutschen Missionaren begangen«, rief er ihnen zu. Sein Ton war ruhig, sein Mandarin fehlerfrei. »Welche Anmaßung!«

Seine Worte lösten Verwirrung, sogar Furcht aus, sodass nun auch die Übrigen zur Waffe griffen und Kampfhaltung einnahmen. Die Bogenschützen wichen zurück und legten einen Pfeil auf. In der Morgenstille hörte man sie Bogen und Sehne spannen. Mindestens fünf Männer hatten ein Gewehr, das sie beieinander kniend auf den Eindringling anlegten. Die Schwertkämpfer schwärmten zu einem weiten Halbkreis aus. Vier Kämpfer rannten zu der verfallenen Außenmauer, um nachzusehen, ob dies ein Hinterhalt war – nur ein Diplomat würde sich so furchtlos ihrer Kämpferschar nähern. Dieser Mann gehörte, nach seiner Kleidung zu urteilen, zur kaiserlichen Familie, und sein unverfrorener Auftritt bedeutete zweifellos, dass die kaiserlichen Soldaten nicht weit waren.

»Ihr seid also die gefürchteten Rebellen der Gesellschaft der Großen Schwerter«, rief Randall.

Schweigen.

Die Blicke von zweihundert Männern waren fest auf ihn gerichtet. Inzwischen war er so nah herangekommen, dass sie seine Augenfarbe erkennen konnten – ein fremdartiges Saphirblau, eine aufsehenerregende Farbe, die sie noch bei keinem Landsmann gesehen hatten. Randall spürte, dass sie Angst hatten, dass ihnen das Herz in der Brust hämmerte. Ihr warmer Atem kondensierte in der stillen, kalten Luft zu weißen Schwaden. Er selbst fand es erregend, dass er bei so vielen Männern solche Angst erzeugen konnte.

Wer ihre Furcht lenken kann, hat eine ernstzunehmende Streitmacht an der Hand, dachte er.

Randalls Schritte knirschten leise im Schnee, seine Hände hatte er locker in die weiten Ärmel des Drachengewands gesteckt. Er trug weder Waffe noch Rüstung. Was er trug, waren ein mit großen Smaragden und Rubinen besetzter roter Gürtel, schwarze Sandalen und auf dem Rücken eine Ledermappe.

In dieser Gegend würde schon allein für den Gürtel ein Mord begangen.

Die Provinz Shantung war in ganz China als Heimat des Konfutse berühmt, der zweieinhalbtausend Jahre zuvor gelebt hatte; seine Weisheit und sein ehrenvolles Vermächtnis jedoch waren hier längst vergessen. Seit zehn Sommern gab es Missernten, aber keine Nahrungsreserven. Der gewaltige Gelbe Fluss war im Vorjahr über die Ufer getreten und hatte tausend Dörfer zerstört. An einer Stelle hatten über zweihundertvierzig Hektar Land hüfttief unter Wasser gestanden. Aber auch das war kein Segen gewesen, da eine anschließende Heuschreckenplage vernichtete, was noch übrig geblieben war.

Erschwerend kam hinzu, dass China durch den Krieg mit Japan geschwächt war. Um die Eroberung der Mandschurei zu verhindern, fanden im Osten beständig Kämpfe statt, die Shantungs magere Ressourcen verzehrten. Die kleinen gelben Männer waren bereit, dem Reich der Mitte Mineral- und Eisenerze zu entreißen, um die eigenen Fabriken damit zu versorgen. Und was sie dem chinesischen Volk antun wollten, war noch viel schlimmer.

Randall war nun umringt von den verzweifelten Männern Shantungs, die kämpften, um ihre Familien zu ernähren. Nur durch solche Gruppen gab es noch einen Rest von Recht und Ordnung, nachdem in der Region infolge des Elends die Anarchie herrschte.

»Wo ist Li Tang?«, fragte Randall.

Nach einigem Zögern brummte einer, stach sein Schwert in den Boden und trat vor. Kurz schwenkten seine Augen zu denen, die auf der Außenmauer standen und ihm mit einer Geste anzeigten, dass keine Gefahr nahte. Voller Verachtung spuckte der Aufgerufene einen dicken Schleimklumpen aus, der zehn Schritte vor dem ungebetenen Gast auf dem Boden landete. »Ihr seid hier nicht willkommen, Fremder«, knurrte er.

»Ich will eure Gefolgschaft«, erwiderte Randall.

Li Tang lachte leise und schaute suchend über die verfallenen Gemäuer nach Anzeichen eines Hinterhalts. »Ich bin niemandes Gefolgsmann«, sagte er, während sein Blick endlich an den Edelsteinen am Gürtel des Fremden hängen blieb.

»Ich werde euer Meister sein«, erklärte Randall.

An Li Tangs Körper spannten sich die Muskeln. Plötzlich griff er an. Er würde es dem kaiserlichen Eindringling schon zeigen. Sein blauäugiger Kopf würde die Trophäe sein, und, noch besser, sein juwelenbesetzter Gürtel würde das ganze Dorf ein Jahr lang ernähren.

Randall Chen rührte kein Glied, als der Mann auf ihn zuflog. Li Tang war ein begabter Kämpfer; Randall wusste das. Aber sein Können würde nicht annähernd ausreichen. Im letzten Moment beugte Randall die Knie, senkte seinen Schwerpunkt, drehte die Schultern zur Seite – jede Bewegung war perfekt. Mit unglaublicher Schnelligkeit nahm er den linken Arm zurück, um die rechte Faust nach vorn zu stoßen. Kein tödlicher Stoß, doch er streckte den Anführer der Großen Schwerter mit hörbarem Knacken zu Boden.

»Du begreifst nicht, mit wem du es zu tun hast«, raunte Randall.

Li Tang, der annahm, das sei bloß ein Glückstreffer gewesen, sprang auf und wurde von einem gedrehten Rückwärtstritt umgestoßen.

Es war vollkommen still, als Randall den Kopf senkte und zwei Schritte zurücktrat. Er drückte die rechte Faust in die linke Handfläche, das Zeichen des Zen, und verbeugte sich respektvoll.

Li Tang kniete im Schnee. Seine Wut über diese hochmütige Zurschaustellung kämpferischer Überlegenheit war groß. Mit einem trotzigen Schrei befahl er den Bogenschützen zu schießen.

Sechs Pfeile verließen die Sehne und flogen auf den Eindringling zu.

Im Kampfstil der Gottesanbeterin streckte Randall den tödlichen Geschossen beide Handflächen entgegen. Wie in Zeitlupe sah er sie kommen.

Nach einer Drehung des Körpers flogen drei dicht an ihm vorbei. Ihr Luftzug bewegte ganz leicht die feine Seide seines Gewands. Nach einer leichten Neigung des Kopfs verfehlten zwei Pfeile knapp seine rechte Wange. Der sechste schoss mitten auf seine Brust zu. Mit einer schnellen Handbewegung, für das menschliche Auge nahezu unsichtbar, fing er den Pfeil dicht hinter der Spitze, hob ihn über den Kopf wie eine Trophäe und brach ihn zwischen den Fingern entzwei wie einen Zweig. Dann warf er ihn zu Boden.

»Das kann ich euch lehren«, rief Randall den verblüfften Kämpfern zu. »Der Drachengott hat mich in Besitz genommen! Eure Schwerter, Pfeile und Kugeln können mich nicht verwunden.« Er legte die Hände zengemäß ineinander und beugte respektvoll den Kopf. »Schließt euch mir an, dann zeige ich euch das Geheimnis der Unsterblichkeit.«

Li Tang stand auf. Auf seiner erhitzten Haut schmolz der haften gebliebene Schnee rasch. »Ich weiß nicht, wer Ihr seid, Fremder, aber Ihr gehört zur kaiserlichen Familie«, erwiderte er mit erhobenem Haupt. »Also seid Ihr korrupt und vergnügungssüchtig. Ihr gehört zu denen, die Shantung zehn Sommer lang im Stich gelassen haben. Seit meiner Knabenzeit schon vernichtet die Dürre unsere Ernten. Der Fluss ist viele Male über die Ufer getreten. Seuchen und Verbrechen herrschen in unseren Dörfern. Und Ihr habt nichts getan! Wir haben zusehen müssen, wie unsere Kinder und Frauen elend starben.«

»Die weißen Barbaren haben Schuld an den Leiden des Volkes«, sagte Randall.

Li Tang sah ihn hasserfüllt an. »Der Sohn des Himmels hat sie ins Land gelassen!«, höhnte er. »Und seit sie da sind, hat uns das Glück verlassen. Ihr hättet es wissen müssen! Die weißen Barbaren brachten uns Masern und Pocken. Ihr seid daran schuld! Ihr und Eure Schwäche für die abendländischen Teufel.«

Randall behielt die Zen-Haltung bei. »Du hast recht, Li Tang. Vollkommen. Die Abendländer und die japanischen Teufel sind schuld an den Übeln, die uns alle umgeben. Und darum bin ich hier. Ihr werdet mein Heer sein. Ihr alle.« Er deutete mit ausholender Geste auf die umstehenden Krieger. »Ihr habt zwei deutsche Missionare getötet. Das soll nur der Anfang sein. Ich bin nicht hier, um euch dafür zu maßregeln; ich bin hier, um euch zu danken. Und von nun an werden wir gemeinsam jeden weißen Mann und jeden Japaner in China töten. Jeden Missionar, jeden Geschäftsmann, jede Frau aus dem Abendland.«

Li Tang lachte unwillkürlich. »Das ist unmöglich.«

»Ich kann euch alle unverwundbar machen!«, rief Randall. »Schwerter werden euch nicht schneiden, Kugeln nicht durchdringen. Mit dieser geheimnisvollen, alten Macht können wir zusammen die Welt regieren!«

Zum Zeichen der Respektverweigerung kehrte Li Tang dem blauäugigen Chinesen den Rücken zu, fuhr dann aber heftig herum. »Warum kommt Ihr hierher?«, verlangte er zu wissen. »Warum zu uns? Ihr habt das kaiserliche Heer. Ein Heer, das nicht einmal die kleinen gelben Angreifer im Norden schlagen kann«, schloss er lachend.

Randall gab die Zen-Haltung auf. Der beißende Spott konnte ihn nicht beeindrucken, zumal er zu erwarten gewesen war. »Das ist nicht mein Heer«, erwiderte er mürrisch. »Die Generäle sind korrupt. Sie gehorchen nicht. Ihre Niederlage in der Mandschurei ist meine Art, ihnen eine Lehre zu erteilen. Ich gewähre dem kaiserlichen Heer keine Hilfe – nicht die geringste.«

Li Tang zeigte auf ihn. »Ihr tragt die kaiserlichen Gewänder, seid aber nicht Kuang Hsu, der Sohn des Himmels.«

Der fünfklauige Drache, das Zeichen kaiserlicher Macht, wurde nur vom Kaiser selbst oder von seiner Gemahlin getragen. Jedem anderen war dies bei Todesstrafe verboten.

»Über China herrscht nicht mehr Kuang Hsu, sondern ich.«

»Und wer seid Ihr?«, fragte Li Tang.

»Ich bin der Geliebte und Meister der Kaiserinwitwe Cixi, der Regentin von China und Göttin des Reichs der Mitte.« Er hob die Stimme. »Als ihr Meister biete ich euch Ruhm und ewigen Sieg über die abendländischen Invasoren! Ich biete jedem von euch die Schulung zur Unverwundbarkeit an. Gemeinsam können wir unser Volk von den fremden Teufeln befreien!«

»Einen Pfeil zu fangen ist eine Sache«, meinte Li Tang ärgerlich. »Wer Unverwundbarkeit anbietet, muss einen Beweis liefern.« Ohne den Blauäugigen aus den Augen zu lassen, wich er zurück und nahm einem seiner Leute ein Krag-Jørgensen-Gewehr aus der Hand. Er legte auf den Fremden an und zielte auf den Drachen.

Randall nahm Kampfhaltung an, bewegte rhythmisch-fließend die Hände und stieß langsam und lange den Atem aus.

Das Gewehr feuerte.

Die Kugel pfiff über den Platz.

Randall erfasste sie mühelos mit einem Blick und hob die rechte Hand. Die Kugel traf die Handfläche. Er spürte keinen Schmerz, nur das Abprallen auf der Haut. Dann fiel das heiße Bleigeschoss zu Boden, wo es zischend im Schnee landete.

Randall zeigte den Männern die Handfläche.

Die Haut war nicht einmal gerötet.

Die Kämpfer sperrten verwundert den Mund auf. Einer nach dem anderen fielen sie vor dem leibhaftigen Gott auf die Knie. Nur Li Tang blieb stehen und starrte ihn verblüfft an.

Randall sah ihn an und legte die Hände ineinander. »Du darfst knien, junger Krieger. Du hast dich gut geschlagen.«

Randall fühlte sich sehr an seine erste Begegnung mit Lord Elgin erinnert, die nun achtunddreißig Jahre zurücklag. Doch er fühlte sich so viel machtvoller als damals. Erheblich machtvoller. Er war in der Tat ein leibhaftiger Gott – ein Mann, der in fast vierzig Jahren keinen Tag gealtert war.

»Mit der richtigen Schulung«, rief er, »könnt ihr genauso unverwundbar sein! Gemeinsam können wir China von den fremden Teufeln und ihrem stinkenden Einfluss befreien. Ihr werdet alle von meiner Hand geführt. Ihr sollt nicht mehr Gesellschaft der Großen Schwerter heißen; von heute an werdet ihr als Yi Ho Tuan bekannt sein: in Rechtschaffenheit vereinigte Boxer. Für euch, meine Boxer, habe ich keinen Namen, sondern heiße nur der Meister. So werdet ihr mich nennen.«

In der Ruine der Festung Shantung war Randalls sanfter Schlummer endlich zu einem Ende gekommen. Er war aus seinem Leben ausufernden Vergnügens erwacht und hatte China in einem Albtraum vorgefunden. Es war Zeit, die Dinge in die Hand zu nehmen und Asien zu unterwerfen, zum Wohle des Reiches. Die Welt war sein, und er würde vor nichts haltmachen, bis er seine Ziele erreicht hätte. Die Geschichte würde neu geschrieben werden, und er allein würde den Verlauf bestimmen.

In der Festung Shantung konnte unmöglich jemand begreifen, dass er vor einem Mann stand, der hundertachtzig Jahre aus der Zukunft gekommen war. Doch die Zukunft war nicht der Ursprung von Randalls unglaublichen Kräften. Der Ursprung war ein Baum, ein alter Baum, der mehr als fünftausend Winter überstanden hatte und der mit der Seele des Planeten verbunden war. Sein Mark war es, das unvorstellbare Kräfte spendete: Unverwundbarkeit, Ausdauer, Schnelligkeit, sogar die Macht, die Auswirkungen der Zeit aufzuhalten.

»China wird Krieg führen«, sagte Randall zu sich. »Einen heiligen Krieg.« Und seine Feinde würden zahllos und entschlossen sein. Das Abendland hatte China lange genug ausgebeutet. Die Invasoren hatten das Volk mit Opium betäubt, das Land seiner Bodenschätze und Ernten beraubt. Es war Zeit, ihrer Gefräßigkeit Einhalt zu gebieten. Endlich war im Osten eine neue Streitmacht erwacht, eine magische Streitmacht, die machtvoller war als alle bisherigen.

Die Geschichte wird sich unwiderruflich ändern, dachte Randall.

Der Boxeraufstand hatte begonnen.

38 Jahre früher

2.

Peking, China

Verbotene Stadt

Palast der Irdischen Ruhe

14. Juni 1860

Ortszeit: 14.04 Uhr

Unternehmen Esra – Tag 103

Cixi stöhnte vor Wut. »Finde heraus, wer der Verräter ist!«, fauchte sie. »Er hat die Qing betrogen und muss bestraft werden! Seine Familie muss bestraft werden!«

Li Lien-ying, Großeunuch am Drachenthron, und seine beiden Gehilfen standen im 45-Grad-Winkel vornübergebeugt und hefteten ihren Blick auf den glänzenden Steinboden.

Die zornigen Schritte der kaiserlichen Gemahlin, die in ihrem Audienzraum auf und ab stürmte, klapperten durch die kühle Stille des Palastes. Sie konnte nicht glauben, dass die Qing bei Dalian so leicht besiegt worden waren. General Ling war allzu selbstsicher gewesen, stellte sie nun fest. Dennoch, er hatte immerhin eine Streitmacht befehligt, die fünfmal so stark war wie die der Briten und Franzosen. Sie kochte vor Wut. Er hatte versagt! Er hatte ihren Gemahl enttäuscht, den Sohn des Himmels, den siebten Kaiser der Qing-Dynastie. Er hatte das Reich der Mitte im Stich gelassen.

Nun war China einmal mehr der Gnade der böswilligen Fremden ausgeliefert, wie schon nach dem ersten Opiumkrieg. Der anschließende Vertrag von Nanking war ein Desaster gewesen. Die Briten hatten Hongkong an sich gerissen und zusammen mit den Franzosen und den Deutschen in den Hafenstädten Shanghai, Ningpo, Futschou, Kanton und Amoy diplomatische Vertretungen eingerichtet. Sie verlangten sogar Vertretungen im Herzen des Landes – innerhalb der Mauern Pekings! Das würde sie nicht dulden. Noch würde sie jemals dem Handel mit Opium zustimmen. Eher würde sie von eigener Hand sterben. Und jetzt schien es, als begehrten auch die Amerikaner, Italiener, Russen und Japaner ein Stück von China. Cixi reckte schnuppernd die Nase in die Luft und verzog angewidert das Gesicht. Ihr war, als könnte sie den Verwesungsgestank der fremden Teufel riechen, wie er über die hohen Mauern des Palastes wehte.

Sie verabscheute die abendländischen Völker mehr als alles andere auf der Welt. Sie betrieben den schimpflichen Opiumverkauf. Sie verlangten Rechte, die sie nicht verdienten. Sie wagten es, die Macht des Kaiserhofes herauszufordern. Wenn ihr Gemahl diesen Horden nicht mit strenger Haltung entgegentreten wollte, dann würde sie es selbst tun.

»Ihr müsst Euren Zorn fahren lassen, Edle Kaiserliche Gemahlin«, riet Li Lien.

Cixi näherte sich flink und fixierte ihn mit glühendem Blick. »Ist mein Zorn nicht schön?«, fragte sie ein wenig beißend.

Der Großeunuch war ein imposanter Mann von einsachtzig, der am Hof alle überragte. Die durchschnittliche Größe der Chinesen betrug nur einen Meter fünfzig. Die kaiserliche Gemahlin selbst maß einen Meter sechzig. Wie die meisten der fast dreitausend Eunuchen, die in der Verbotenen Stadt lebten und arbeiteten, war Li Lien als kleiner Junge kastriert worden; man hatte ihm sowohl den Hodensack als auch den Penis entfernt. Der einzige intakte Mann, der sich nach Einbruch der Dunkelheit noch in der Verbotenen Stadt aufhalten durfte, war der Kaiser. Um seinen enormen Harem zu bewachen, war die Beschäftigung von Eunuchen, der sogenannten Halbmänner, ein notwendiges Übel. Nur so war zu gewährleisten, dass ein Kind, das in dem riesigen Palastkomplex empfangen wurde, tatsächlich sein Abkömmling war. Die Eunuchen verrichteten jegliche Arbeit, vom Kochen und Putzen bis zur Gartenpflege und Verwaltung; sie stellten sogar die Palastwache.

Cixi blickte zu ihrem Großeunuchen auf. An den Schläfen seines geschorenen Hauptes zeigte sich ein feines Adernetz, das einzige Anzeichen seiner heftig wachsenden Furcht. Mit Absicht schob sich Cixi vor sein Gesicht und füllte sein Blickfeld aus. »Findest du mich nicht mehr schön?«, fragte sie.

Es herrschte Stille in dem großen Saal, solange er über die Antwort nachdachte. »Ihr seid immer schön. Und ich bedarf Eurer wie der Morgenhimmel der Sonne.«

Seine helle Stimme brachte in Cixi eine Saite zum Klingen, und einen Moment lang war sie wieder ruhig.

»Ihr müsst Eure Möglichkeiten sorgfältig erwägen«, sagte er.

Die kaiserliche Gemahlin war in ein bodenlanges Seidengewand gehüllt. Der schwere, schimmernd schwarze Stoff lag um die Taille eng an und war mit naturgetreuen Sommerblumen in allen Farben bestickt. An den weiten Ärmeln und der Brust prangten in Gold die Symbole der Qing. Rock- und Ärmelsaum waren mit Nerz besetzt. Um die Schultern trug sie einen kurzen schwarz-goldenen Umhang, der scharlachrot gefüttert war. Das glänzende Haar war zu einem ordentlichen Doppelknoten gebunden. Perlenohrringe von feinster Handwerkskunst schmückten ihre Ohren. Zwei elegante rote Perlenschnüre kreuzten ihre Brust, und ein aufsehenerregendes Seil aus mattem Gold hing um ihren Hals. In der Hand hielt sie einen scharlachroten Fächer halb geöffnet, sodass der fünfklauige Drache – das nicht anzuzweifelnde Zeichen kaiserlicher Macht – stets zu sehen war.

Cixi war sehr anziehend, wenn auch nicht die schönste Frau im Palast. Es gab dreitausend Konkubinen und Dienerinnen, die dem Kaiser gehörten, und alle waren, sofern nicht aus Bündniserwägungen, allein wegen ihrer Schönheit ausgewählt worden. Cixi war mit sechzehn Jahren in die Verbotene Stadt gekommen und nach einiger Zeit zur Konkubine vierten Ranges erhoben worden. Doch ihre Überlegenheit in der Liebeskunst, ihr überwältigender Charme, ihre Munterkeit und, so wurde geflüstert, ihr grenzenloses Glück sorgten dafür, dass sie die Lieblingsgefährtin des Kaisers wurde und ihm darüber hinaus als Einzige seines Harems einen Sohn und Erben schenkte, den Thronanwärter des Reiches.

Fünf Jahre hatte sie warten müssen, bis sie in das Schlafgemach des Kaisers Hsien Feng gerufen wurde. Für eine Frau in China, und besonders für eine in der Verbotenen Stadt, war das Bett des Mannes der einzige Weg zu Macht und Einfluss. Dies war eine Welt, wo Frauen gering geschätzt wurden und nur entweder als Gegenstand körperlicher Freuden oder als Gebärerin eines kaiserlichen Erben betrachtet wurden. In jener Nacht wurde Cixi dem Brauch gemäß nackt und in ein rotes Seidentuch gehüllt vor das Bett des Kaisers gelegt.

Von da an sollte ihr Einfluss auf den Herrscher die Geschicke Chinas ändern. Sie übte eine solche Faszination auf Hsien Feng aus, dass sie keine Nacht mehr getrennt von ihm verbringen durfte, solange der Kaiser sich in der Verbotenen Stadt aufhielt. Solch ein Arrangement hatte es in den zweitausend Jahren kaiserlicher Herrschaft noch nicht gegeben.

So ging es nun seit einigen Jahren.

Cixi bewegte sich mit außergewöhnlicher Anmut und Berechnung. Ihre Körperbeherrschung war vollendet. Es kam nie vor, dass sie stolperte, murmelte oder ratlos blickte. Ihre Entscheidungen teilte sie oft wortlos mit, und wenn sie sprach, dann knapp und präzise. Man hielt sie weithin für die beste Bettgespielin in ganz China. Angeblich konnte sie so immense Sinnesfreuden bereiten, dass ihr dafür jeder Wunsch erfüllt wurde – ein Gerücht, das sie gern nährte. Als ausgezeichnete Schülerin der Hofpolitik hatte sie unbezähmbare Machtgelüste entwickelt und besaß, was noch entscheidender war, das Talent, diese Macht zu erlangen.

Li Lien trug das traditionelle Gewand des Palasteunuchen mit den überlangen Ärmeln. Die obere Hälfte war goldviolett gemustert, die untere Hälfte zierte ein Dreieck in Orange, Gelb, Grün und Blau. Das war ein ungewöhnliches Zusammenspiel von Farben und Formen und beinahe schmerzhaft anzusehen. Dazu hatte er einen runden, spitzen Hut aus Bambus auf dem Kopf und trug um die Taille einen schlichten Ledergürtel, an dem gleich neben der Schnalle die goldene Spange des Großeunuchen prangte.

In Peking kannte jeder die Kleidung der Eunuchen, und jeder wusste, dass sie im Palast beträchtlichen Einfluss hatten. Wegen ihrer hohen Stimme und ihres opportunistischen Verhaltens nannte man sie die Krähen.

Cixi schwieg seit einer Weile. Aus den Räucherschalen stiegen feine Weihrauchkringel in die reglose Luft auf. Schließlich sagte Li Lien in die Stille hinein: »Unsere Spione haben den Verräter an Lord Elgins Seite ausgemacht. Er ist kein alltäglicher Mann, sondern auf den ersten Blick zu erkennen.«

»Und woran?«, fragte Cixi und stellte sich ein narbiges oder entstelltes Gesicht vor.

»An den blauen Augen«, antwortete Li Lien.

Seine Gebieterin richtete ihren brennenden Blick auf ihn. »Sie sind blau?«

»So viel steht fest. Er ist ein Chinese mit blauen Augen.«

»Weißt du das gewiss?«

»Ja, Edle Kaiserliche Gemahlin. Vollkommen.«

Ein Chinese mit blauen Augen war eine unvorstellbare Erscheinung. »Ich habe dergleichen noch nie gehört«, sagte sie verwundert. Li Lien sagte zweifellos die Wahrheit – ein Irrtum bei solch einem bedeutenden Detail wäre ein Grund zur Enthauptung und für sie eine Peinlichkeit. »Ist er eine Art Albino?«

»Nein. Seine Hautfarbe ist normal und seine Statur kräftig.«

Cixi blickte an die kunstvolle Decke ihres Palastes. »An diesem blauäugigen Teufel verblüfft mich alles. Er ist wie aus dem Nichts gekommen. Sein Wissen über unsere Streitkräfte und Strategie ist umfassend. Seine Einschätzung unserer ehrwürdigsten Generäle sogar noch besser. Es ist geradezu, als könnte er in die Zukunft blicken«, sagte sie bestimmt. »Er kann sehen, was wir als Nächstes tun. Dieser Mann, ich muss seinen Namen erfahren!«, rief sie. »Wir waren siegreich, bis er der Dunkelheit entstieg!«

Li Lien erwiderte ruhig: »Der Blauäugige ist bewandert und schwer zu fassen. Und ich habe weitere schlechte Nachrichten. Der erste Bericht über ihn kam vor fünf Monaten. Die Palastwache meldete einen Mann mit blauen Augen in Bettlerkleidung in der Verbotenen Stadt. Doch nachdem man ihn in die Enge getrieben hatte, verschwand er in die Dunkelheit wie ein Geist, indem er sich von der Mauer stürzte – ein Sprung in den Wassergraben, den man unmöglich überleben kann. Darum habe ich den Vorfall zunächst als ein täuschendes Spiel der Schatten abgetan. Doch Spione aus Dalian haben bestätigt, dass es den Blauäugigen gibt. Es heißt, dass die Briten und Franzosen ihn mit größter Achtung behandeln und dass er sich an Lord Elgins Seite aufhält.«

»An Elgins Seite?« Cixis Verwunderung wuchs. Seit dem vorigen Opiumkrieg war die Lage nicht mehr so ernst gewesen. Das waren Umstände, die die kaiserliche Herrschaft in den Grundfesten erschütterten.

Cixi dachte über die schwindende Stärke ihres Gemahls nach und wusste, dass es an ihr war, die richtige Entscheidung zu treffen. Mit seiner Gesundheit hatte der Sohn des Himmels auch seine Kühnheit verloren, und damit lag die Macht über die kommenden Entscheidungen bei seinen Ratgebern.

Sie sind allesamt korrupte Narren, entschied Cixi im Stillen.

Sie glitt wie ein Hai unter Beutetieren an den drei Halbmännern vorbei, die in starrer Verbeugung ausharrten.

Lord Elgin hegte eine wohl bekannte Abneigung gegen Chinesen, und Cixi schloss daraus, dass der Blauäugige viel zu bieten haben musste, um solche Voreingenommenheit beiseiteschieben zu können.

»Du wirst den Namen des Mannes aufdecken«, sagte Cixi in freundlichem Ton. »Ich muss meinen Gegner kennen. Und wenn er Familie oder eine Geliebte hat, können wir die als Hebel benutzen.« Kurz schwieg sie. »Mein Gemahl ist schwach, das weißt du. Seine Feigheit schmerzt mich.« Wieder schwieg sie für einen Moment. »Ich brauche Verbündete, um das Reich zu schützen. Die Briten haben Dalian an der Einfahrt zu diesem Küstenstrich eingenommen, und mit Hilfe ihrer Geheimwaffe – dem Blauäugigen – werden sie sicherlich bis Tientsin fahren. Wenn sie dort siegen, werden sie auf Peking marschieren und bald vor den Toren des Palastes stehen.« Sie rieb ihre glatten eleganten Hände. »Wie lautet dein Rat, Li Lien?«

Er überlegte, dann sagte er: »Wir müssen ausländische Geschütze erwerben, um unsere Festungen bei Taku zu verteidigen«, antwortete er.

»Und wie soll das möglich sein?«, fragte sie.

»Die Russen fordern seit Langem, dass wir ihnen das linke Ufer des Amurs überlassen. Sie suchen einen Hafen, der im Winter nicht zufriert. Ohne ihn haben sie keinen Zugang zum Pazifik, wenn sie ihn am meisten brauchen. Wir können dadurch zweierlei gewinnen. Erstens werden uns die Russen mit den 32-Pfündern versorgen, die wir so dringend benötigen. Es heißt, die Briten haben neue Kriegsschiffe mit einer dickeren Panzerung – darum brauchen wir die größeren Kanonen, wenn wir die Festungen halten sollen. Zweitens können wir damit die Russen aus dem Konflikt heraushalten. Wenn sie sich nämlich den Briten anschließen, wird unsere Lage noch ernster.«

Solch eine Entscheidung lag außerhalb ihrer Macht. »Ich brauche die Unterstützung von Prinz Kung«, sagte sie. Andernfalls würde ihre Einflussnahme von den übrigen Beratern untergraben werden. »Dann und nur dann werde ich mit meinem Gemahl über einen Handel mit den Russen sprechen.«

»Ein ausgezeichneter Plan«, sagte Li Lien. »Ich werde Prinz Kung sofort kommen lassen.«

»Doch selbst wenn wir die Kanonen haben«, überlegte Cixi, »bedeutet das noch nicht, dass wir die Briten schlagen. Unsere Generäle konnten bisher nichts gegen sie ausrichten, nicht einmal mit einer Übermacht.«

»Es ist, als würde der Blauäugige unsere Pläne ganz genau kennen, als hätte er einen Spion in der Führung unserer Streitkräfte.«

»Dann müssen wir das Spiel ändern«, sagte Cixi gedankenvoll. »Nach den Lehren Sunzis gibt es drei Mittel, einen Krieg zu gewinnen: erstens durch Stärke, zweitens durch Täuschung und drittens durch Verbündete.« Ein zynisches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. »Die Zeit ist gekommen, eine altes Bündnis zu erneuern. Gemäß dem mandschurischen Protokoll werde ich mich an Senggerinchin und das mongolische Heer um Schutz wenden.«

Ein ausgezeichneter Einfall, befand sie. Die Zukunft von vierhundert Millionen Chinesen würde von der Leidenschaft des Mongolenprinzen abhängen. Seine Heere waren während der letzten fünf Monate durch Westasien gezogen und hatten alles, was auf ihrem Weg lag, bezwungen; bis an die Grenzen Indiens, hieß es. Cixi war dem barbarischen Teufel erst einmal begegnet, bei einem Festmahl zu Ehren ihres Gemahls vor vier Jahren. Der Mann war ein ungehobeltes Scheusal, der sein Begehren ihr gegenüber unverhohlen geäußert hatte. Ein halsstarriges, eingebildetes Tier, das nur eine Leidenschaft kannte – Eroberung um jeden Preis.

Wenn es das war, was Senggerinchin wollte, dann würde sie selbst die Eroberung sein, die kaiserliche Gemahlin mit ihrer berühmten Sinnlichkeit. Sie und das mandschurische Protokoll sollten für ihn Grund genug sein, seine Heere zum Schutz des Reiches zu senden und das größte Bollwerk an der Südostküste, die Taku-Festungen, zu verteidigen. Die waren alles, was noch zwischen den Invasoren und Peking stand. Aber Senggerinchin und die schwere russische Artillerie würden Chinas Chancen auf einen Sieg erheblich verbessern. Und wenn es tatsächlich einen Spion im Kreis der Generäle gab, würde diese Bedrohung durch den Ruf des Mongolen sicherlich unterminiert.

Während die mongolischen Horden dem Reich der Mitte in seiner Not zu Hilfe eilten, würde Cixi die Stärke ihrer eigenen Truppen erhöhen. Denn ein starkes Militär würde vonnöten sein, um den mongolischen Prinzen zu besiegen, nachdem er für Rettung gesorgt hätte und darum nicht mehr von Nutzen wäre. Eines war gewiss: Die Qing-Generäle wussten, wie sie gegen die Mongolen zu kämpfen hatten. Es waren nur die Briten und dieser rätselhafte chinesische Verräter, an denen sie bisher gescheitert waren.

Der Plan war perfekt.

Die Briten würden eine solche Allianz nicht erwarten. Die mächtigen Mongolen hatten sich seit 1644, seit über zweihundert Jahren nicht mehr mit den Qing verbündet – zuletzt beim Umsturz der Ming-Herrschaft, als die ruhmreichen mandschurischen Heere aus den nördlichen Wäldern in die Ebenen Chinas ausgeschwärmt waren, um den Drachenthron an sich zu reißen.

So abstoßend Cixi den mongolischen Prinzen fand, er war ein entscheidender Faktor, um ihr Ziel zu erreichen. Und dazu würde sie ihren Teil beitragen – um jeden Preis.

Cixi drehte sich zu Li Lien um. »Bring mir Feder und Papier, sofort«, sagte sie eilig. »Stelle mir die schnellsten Boten bereit – fünf Pferde, vier Reiter. Dann geh zu den Konkubinen meines Gemahls und wähle die schönste und anmutigste aus. Sie soll zusammen mit meinem Brief als Geschenk an Senggerinchin geschickt werden, als Vorgeschmack auf die Freuden Chinas.«

»Wie Ihr wünscht, Edle Kaiserliche Gemahlin.«

»Dann lass ein Abkommen mit den Russen verfassen. Nenne es den Vertrag von Aigun, nach meiner Großtante, die eine liebliche alte Dame war. Beeile dich, Li Lien, die Zeit ist kostbar. Wenn wir das Reich der Mitte vor den Invasoren retten wollen, müssen wir rasch und geschickt handeln.«

Der Großeunuch neigte kurz den Kopf, dann lief er gefolgt von seinen Gehilfen aus dem Saal.

3.

Gelbes Meer

40 Seemeilen westlich von Taku, China

31. Juli 1860

Ortszeit: 14.02 Uhr

Unternehmen Esra – Tag 150

Ein Geschwader von 173 Schiffen, darunter 100 mit britischer Flagge, war von Hongkong aus zu einem bestimmten Zweck in den Golf von Bohai gefahren: um die Taku-Festungen einzunehmen, die die Mündung des Haihe bewachten. Dort wollten die britischen und französischen Streitkräfte einen Brückenkopf bilden und die 130 Kilometer über Land auf Peking zumarschieren. Es war das größte Geschwader, das das Gelbe Meer je befahren hatte, und brachte über 11 000 britische und 6700 französische Soldaten mit.

Randall Chen stand im Bug des vordersten Kanonenbootes HMS Furious. Mit 30 Meter Länge und 240 Tonnen Verdrängung war es das größte unter den Schiffen. Es war ein dampfbetriebener Doppeldecker mit gepanzerten Wänden und einer Mannschaft aus 45 Leuten. Es hatte vier Haubitzen, 32-Pfünder, an Bord, zwei im Bug und je eine an den Seiten. Wegen des kolossalen Gewichts war es nicht schnell und hatte kein gefälliges Aussehen. Doch das verlangte Randall auch nicht. Die Chinesen besaßen keine nennenswerte Marine, und Schiffe wie dieses wirkten einschüchternd genug. Von Hongkong bis nach Japan und Korea machten sie die Gewässer unsicher, damit jedes Volk der Region begriff, dass Britannien die Weltmeere beherrschte.

Die 21 Kriegsschiffe wurden von 20 Raddampfern mit geringem Tiefgang begleitet, 65 Truppentransportern und darüber hinaus von Flottenversorgern und Kohletendern. Es war Nachmittag, und das Geschwader bot, wie es nach Osten in den Wind und auf die hügelige Küste in der Ferne zudampfte, einen spektakulären Anblick. Die Farbe des Wassers rund um China war smaragdgrün, im Gegensatz zum Pazifik, der leuchtend blau war, und zum dunkelblauen Atlantik. Heute, wo der Wind überall weiße Schaumkronen und Gischt hervorbrachte, war das Meer mit einer Kombination aus Smaragdgrün und Weiß besonders schön.

Randall drehte sich nach dem Geschwader um, das zum Dreieck ausgefächert hinter ihm herfuhr. Plötzlich wurde ihm das Herz schwer. Unter seiner Führung würden die 17 000 Soldaten Vernichtung über die Festungen bringen, wie sie es schon vor zwei Wochen bei Dalian getan hatten.

Henry Loch näherte sich dem chinesischen Passagier und blieb in dem stürmischen Wind kerzengerade, die Hände an den Seiten, vor ihm stehen. »Verzeihung, Sir.« Es war ihm deutlich anzuhören, wie sehr es ihm widerstrebte, einen Chinesen mit Sir anzureden.

Randall wandte sich dem übergewichtigen Sekretär zu. »Was gibt’s?«, fragte er. Der Wind zerzauste ihm das Haar und wehte ihm Strähnen in die Augen.

»Lord Elgin bittet um Ihre Anwesenheit, Sir.« Wieder klang die Anrede erzwungen. Dass Elgin ihm befohlen hatte, Randall Chen wie einen Ebenbürtigen zu behandeln, passte dem Mann gar nicht. Und er konnte seinen Drang nicht bezwingen, Chen wegen der blauen Augen anzustarren, so sehr er sich auch bemühte.

»Richten Sie ihm aus, dass ich gleich komme«, gab Randall schroff zur Antwort. Mit seinem grauen Dreiteiler, der in Hongkong von Marks & Spencer geschneidert worden war, den glänzenden Schuhen und der goldenen Uhr, die in seiner Westentasche steckte, wirkte und fühlte er sich an Bord eines britischen Kanonenbootes völlig fehl am Platz.

Loch drehte sich auf dem Absatz um und ging über das schwankende Deck zur Brücke. Da Lord Elgin ihn erst kürzlich zu seinem Privatsekretär gemacht hatte, war er bestrebt, ihn zufriedenzustellen. Sein Vorgänger war noch vor dem Auslaufen in Shanghai von der Malaria aufs Krankenlager geworfen worden.

Randall drehte sich wieder dem Meer zu und ließ sich die salzige Luft um die Nase wehen. Jeder, mit dem er zu tun hatte, benahm sich höflich und ruhig gegen ihn, dennoch spürte er stets Abneigung. Keinem behagte seine Anwesenheit, nicht einmal Lord Elgin selbst.

Konzentriere dich auf das Wesentliche, sagte er sich. In knapp einem Monat ist alles vorbei.

Er war schon seit fünf Monaten in China. Seine molekulare Rekonstruktion hatte in der Verbotenen Stadt stattgefunden. Lästigerweise hatte er von dort erst einmal bis nach Hongkong reisen müssen, um Elgin zu begegnen. Doch anders wäre es nicht möglich gewesen, an den britischen Gesandten heranzukommen und sein Vertrauen zu gewinnen. Doch davon hing der Erfolg seines Unternehmens entscheidend ab. Und nun endlich war er wieder unterwegs zum Ort seiner Ankunft, der Hauptstadt Peking, die nur noch zweihundert Kilometer entfernt war.

Randall dachte an die Festungen, die sie einzunehmen hatten. Sie waren vor dreihundert Jahren von Kaiser Jiajing am Haihe gebaut worden, um Tientsin gegen Invasionen von See zu schützen. Es waren fünf, drei am Nordufer und zwei am Südufer. Dazu säumten zwanzig kleinere die Flussmündung, zumeist Geschützstellungen mit nur einer Kanone. Die fünf großen ragten eindrucksvoll über der morastigen Küste und den Salzsümpfen auf. Sie hatten zehn Meter hohe Außenmauern mit Zinnen und eine zentrale Wehrplatte, auf der bis zu vierzig Kanonen standen, im Allgemeinen Zwölfpfünder, die in alle Richtungen feuern konnten. Jede Festung war von zwei fünfzehn Meter breiten Gräben umgeben, die mit schmutzigem Seewasser und mit Tausenden aufrechter, spitzer Bambusstöcke gefüllt sowie mit Verhauen aus Zweigen und Dornbüschen umzäunt waren. Betreten konnte man die Festungen lediglich über eine schmale Holzbrücke, die hochgezogen wurde, wenn ein Angriff drohte. Besonders von der Seeseite aus waren sie furchterregende Verteidigungsanlagen.

Randall klappte seine Taschenuhr auf und las die Zeit ab. Es war kurz nach zwei. Die Sturmfront würde in drei Stunden hier sein. Bis dahin musste das Geschwader innerhalb der 10-Meilen-Zone liegen, wo das Wasser flach genug zum Ankern war. Er steckte die Uhr weg und ging nach achtern auf die Brücke zu.

Als er die Tür beiseiteschob, wurde er von Lord Elgin herzlich empfangen. Elgin war ein rundlicher Mann von eins achtundsiebzig, der aber größer erschien. Er trug einen dicken, schwarzen, zweireihigen Mantel mit schwarzem Pelz an Ärmelsaum und Kragen. An der Brust über dem Herzen präsentierte er stolz zwei kunstvolle Silbermedaillen in Blütenform. Die obere zeichnete ihn als den 8. Earl von Elgin aus, die untere als den 12. Earl von Kincardine. Es war viel zu heiß für diesen dicken Wollmantel, doch er trug ihn als stolzer Brite der Förmlichkeit halber. Infolgedessen bedeckte ein feiner Schweißfilm sein rötliches Gesicht. Er war geboren als James Bruce, ältester Sohn aus zweiter Ehe des 7. Earl von Elgin, und wirkte sehr Respekt einflößend. Sein Gesicht war glatt rasiert bis zu dem struppigen Backenbart, der die Kinnlinie zierte. Der Kopf war kahl, nur an den Seiten und am Hinterkopf war ein Streifen dichter, weißer Haare stehen geblieben, die ihm bis über die Ohren reichten. Er war eine markante Erscheinung, legendär und stets förmlich-korrekt. Dazu besaß er einen Charme, den er wirkungsvoll einsetzte, um seinen finsteren Charakter zu verbergen.

»Danke, dass Sie kommen, Mr. Chen«, sagte er höflich. »Sie kennen Sir Hope Grant, Lieutenant-General des Pazifik-Geschwaders.«

Randall neigte grüßend den Kopf vor dem drahtigen Offizier, der eine große Nase, dunkle Haare und einen buschigen Schnurrbart und Koteletten hatte. Sir Hope beugte sich über den Kartentisch. Er war nicht herzlich und lächelte kaum, obwohl er dies zweifellos versuchte. Er trug die scharlachrote Jacke der King’s Dragoon Guards sowie weiße Jodhpurs und schwarze Reitstiefel. Sein weißer Tropenhelm lag neben ihm auf den Karten. An seinem weißen Lederzeug hingen ein Holster mit einschüssiger Pistole und ein Säbel mit Lederscheide.

Außer ihm waren sechs weitere Männer anwesend: der Kapitän John Weatherall, Henry Loch und vier Seeleute, die still ihrer Arbeit nachgingen.

»Die Flotte muss mehr Fahrt machen«, sagte Randall ohne Umschweife. »Sonst sind unsere Pläne gefährdet.«

Lord Elgin führte Randall zum Kartentisch. »Ja, wir sprachen gerade darüber«, sagte er nachdenklich. »Sir Hope schlug ein anderes Vorgehen vor.«

Dieser riss sich räuspernd vom Anblick des blauäugigen Chinesen los und zeigte auf die Karte. »Das Glück ist auf unserer Seite, und wir müssen den Vollmond ausnutzen. Wir werden die drei Festungen am Nordufer von vorn angehen, indem wir morgen Mittag beim höchsten Stand der Flut in die Flussmündung einlaufen. Mit unseren vielen Geschützen werden wir die äußeren Verteidigungsanlagen dem Erdboden gleichmachen. Im Schutz der Dunkelheit greifen wir an.« Sein britisches Selbstvertrauen war unbeirrt. »Bis zum Morgen haben wir die Kerle in die Berge getrieben oder niedergemacht. Wenn die unser Geschwader sehen, werden sie sich in die Hosen pissen.«

Lord Elgin sah seinen chinesischen Ratgeber forschend an. »Was halten Sie von dem Plan?«, fragte er.

Randall schüttelte den Kopf. »Er ist katastrophal.«

Es herrschte angespanntes Schweigen, bis Sir Hope erneut das Wort ergriff und bei aller Korrektheit seinen Zorn spüren ließ. »Wir haben die überlegene Feuerkraft. Das ist die umfassendste Streitmacht, die in dieser Ecke der Welt je mobilisiert wurde! Wir sind unaufhaltbar, unversenkbar, egal, was wir tun.«

»Sobald die Flut zurückgeht«, erwiderte Randall, »liegen unsere Schiffe jenseits des Schlickgürtels fest und werden eines nach dem anderen zusammengeschossen, ohne dass es eine Fluchtmöglichkeit gibt. Senggerinchin ist jetzt Kommandant der Festungen, General. Der Haihe ist flussaufwärts mit Sperrpfosten und Ketten blockiert. Der Mongole hat eine Falle für Sie aufgestellt, und Sie wollen direkt hineinfahren.«

»Trotzdem«, erwiderte Sir Hope. »Ihre Geschütze können ein gepanzertes Kriegsschiff wie dieses nicht versenken.«

»Inzwischen verfügen sie über russische 32-Pfünder, und damit werden sie Ihre Schiffe versenken, sogar dieses, und zwar mit Leichtigkeit.« Randall wusste, er sollte taktvoller sein, doch die Arroganz dieser Männer hatte seine Geduld aufgezehrt. Mit seinem Wissen über die Zukunft könnte diese anglo-französische Flotte in der Tat die unaufhaltsamste der Welt sein – sofern diese britischen Dummköpfe auf ihn hörten. »Seien Sie nicht hochmütig, Sir Hope. Der Preis könnte immens sein.«

Sir Hope schoss die Röte ins Gesicht. »Wie können Sie es wagen, mir zu widersprechen, Sie –« Das Wort Kuli lag ihm bereits auf der Zunge, als ihm Lord Elgin, Diplomat wie immer, ins Wort fiel.

»Beruhigen Sie sich, Sir Hope.« Und zu Randall gewandt: »Wie können Sie dessen so sicher sein, Mr. Chen?«

Randall blieb vollkommen gefasst. »Habe ich nicht in allem recht gehabt, Lord Elgin? Habe ich mich bei den Geschützstellungen und der Truppenzahl bei Dalian etwa geirrt?« Er stellte sich Elgins Blick und hielt ihm stand. »Ich bin hier, damit Sie keine Fehler begehen. Ihr Bruder Frederick Bruce und Admiral Jennings haben diese Festungen schon einmal unterschätzt. Das stimmt doch, nicht wahr? Vor nicht mal einem Jahr und mit großen Verlusten für die britische Marine. Sie haben einen Frontalangriff probiert, und es gab auf Ihrer Seite 434 Tote, dazu vier versenkte Schiffe. Der Landungstrupp wurde bis zum letzten Mann niedergemacht. Hätten Commodore Tatnall und die amerikanische Marine nicht rechtzeitig eingegriffen, wären die Verluste noch größer gewesen.«

»Wir haben jetzt ein viel leistungsstärkeres Geschwader«, erwiderte Sir Hope herablassend, »mit besser gepanzerten Schiffen.«

»Ohne meine Führung wird es zahllose Verluste geben und weitere Schiffe werden sinken«, hielt Randall ihm entgegen. »Ich weiß, dass Sie und Ihre Streitkräfte schon einmal hier gewesen sind, Lord Elgin, vor vier Jahren. Die Qing werden aber diesmal nicht die britische Flagge hissen und sich ergeben. Sie werden kämpfen wie neulich, als Ihr Bruder ihre Stärke dummerweise unterschätzt hat. Die Qing haben den Sieg gekostet und Geschmack daran gefunden, unabhängig davon, wie groß Ihre Flotte ist.«

Lord Elgin verschränkte die Arme und musterte seinen unbeirrbaren chinesischen Ratgeber. Ihm war jeder zuwider, der schlecht über seinen jüngeren Bruder sprach, doch er schlug nicht zurück. Frederick war überheblich vorgegangen, und sein Ruf und seine Laufbahn würden die Narben seiner Niederlage auf ewig tragen.

»Ich verlange, dass wir das unter uns besprechen!«, sagte Sir Hope, der noch immer rot im Gesicht war.

Lord Elgins Blick blieb auf Chen gerichtet. »Was schlagen Sie also vor?«, fragte er und verbiss sich jeglichen aggressiven Unterton.

Randall ging an den Kartentisch und drängte Sir Hope mit einer Geste beiseite, nahm dessen Helm und reichte ihn an Loch weiter, ohne diesen auch nur anzusehen, dann tippte er mit dem Zeigefinger auf die Karte. »Wir fahren auf die Küste zu und gehen hier vor Anker, gegen halb fünf, und bleiben da über Nacht. Die Soldaten machen sich bereit, morgen früh von Bord zu gehen. Die Boote sollen Männer, Munition und Vorräte aufnehmen, so viel sie tragen können. Dann werden sie dreizehn Kilometer nördlich der Taku-Forts ans Ufer geschleppt. Dort werden sie nicht auf Gegenwehr stoßen. Sobald 3500 Mann auf festem Boden stehen, werden sie die kleine Festung Pei Tang überrennen. Dort werden Sie dann Ihr Hauptquartier aufschlagen. Sie werden Ihr Pionierkorps ausschicken, damit es die Hindernisse zwischen Pei Tang und Taku entfernt.«

»Was für Hindernisse?«, fragte Lord Elgin.

»Sie müssen wenigstens sechzig befestigte Kanäle und Gräben überbrücken. Es wird leichten Widerstand geben, und der Boden wird schlammig und schlecht begehbar sein. Doch diese Vorbereitung ist unerlässlich, damit die Truppen und der Nachschub gut durchkommen, und vor allem müssen Sie Ihre größten Geschütze transportieren.« Randall zeigte auf die Karte. »Das wird mindestens eine Woche dauern.«

Sir Hope, der im Hintergrund stand, warf die Arme hoch. »Ich kann die Forts innerhalb von zwei Tagen einnehmen!«, rief er aufgebracht.

Randall fuhr fort. »Sodann werden Sie die östlichste der großen Festungen mit der schweren Artillerie angreifen, von der Rückseite und mit voller Kraft. Die erste wird schwer einzunehmen sein. Wenn Sie Ihre Soldaten schließlich hineinschicken, werden die Qing kämpfen bis zum letzten Mann.«

»Müssen wir sie denn von hinten angreifen?«, fragte Lord Elgin zweifelnd. »Durch den ganzen Morast?«

Randall nickte. »Wenn Sie die Verluste gering halten wollen, ist das der einzige Weg. Ich weiß, Sie halten das für unsportlich, aber wir haben eine Schlacht zu gewinnen. Wenn die Qing sehen, wie leicht Sie die große Festung erobert haben, brauchen Sie nur noch ein paar höhere Abgesandte mit Dolmetschern hinzuschicken und die Kapitulation auszuhandeln. Auf diese Weise müssen Sie nur zwei Festungen mit Gewalt einnehmen. Die übrigen werden Ihnen völlig intakt in die Hände fallen.«

»Sein Plan ist lächerlich«, brummte Sir Hope. »Ich verlange, dass wir das unter uns erörtern. Dieser Mann könnte ein Spion sein. Wir laufen vielleicht in eine Falle.«

Lord Elgin zog eine Augenbraue hoch und sah Chen fragend an. »Warum müssen wir gegen halb fünf vor Anker gehen?« Für diesen Punkt des Plans fehlte ihm die Erklärung.

»Weil ein Sturm aufkommt und wir sonst Schiffe verlieren«, antwortete Randall völlig überzeugt.

Die acht Seeleute auf der Brücke schauten zum Horizont. Der Himmel war azurblau bis auf einige hohe Zirruswölkchen.

»Das ist doch lächerlich«, raunte Sir Hope durch die Zähne.

»Ich werde in meine Kabine gehen und etwas schlafen«, sagte Randall. »Denn heute Nacht wird das schwer möglich sein.« Er wandte sich an den Kapitän. »Ich schlage vor, dass Sie mehr Fahrt machen, Captain.« Und zu Lord Elgin: »Ihre Soldaten werden morgen bei schwerem Regen an Land gehen. Sehen Sie zu, dass sie vorbereitet sind.«

Ohne ein weiteres Wort verschwand er durch die Schiebetür. Kurz pfiff der Wind herein, dann war es wieder still.

»Von wegen Sturm!«, platzte Sir Hope heraus. »Sehen Sie sich den Himmel an! Dieser Kuli ist ein Hochstapler, es kann gar nicht anders sein. Und Sie gestatten ihm, dass er uns in eine Falle treibt.«

Elgin tippte sich mit dem Zeigefinger an die Unterlippe. »Bei Dalian hat er recht gehabt, nicht wahr?«

»Er muss einen Informanten gehabt haben, der ihm die Anordnung der Verteidigungsanlagen verraten hat. Aber das hier … das ist absurd! Die Streitkräfte Ihrer Majestät werden von einem Chinesen geführt! Solch eine Beleidigung dürfen Sie nicht zulassen. Das Britische Empire regiert die Welt, Lord Elgin, und das wird es auch in tausend Jahren noch tun!«

Loch nahm ein Fernglas zur Hand und suchte den Horizont ab. »Sir Hope hat recht – wie soll er wissen, wie sich das Wetter entwickelt?«

Lord Elgin gab nicht nach. »Captain, erhöhen Sie die Geschwindigkeit des Geschwaders und laufen Sie flacheres Gewässer an. Wenn Mr. Chen recht hat, wird der Sturm bald hier sein. Wenn nicht, ist er ein Lügner und Aufschneider. Und sollte sich das herausstellen, wird ihn der volle Zorn Ihrer Majestät treffen. Doch bis dahin werden wir seinem Rat folgen. Verstanden? Und Sie alle werden ihn Mr. Chen und nicht den Chinesen nennen oder ihn gar als Kuli bezeichnen.«

Lord Elgin wusste aus eigener Erfahrung, dass Chen über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügte. Der Blauäugige war in sein Büro in Hongkong gekommen und hatte ihm viele Details genannt, die nur Elgin selbst kennen konnte. Und wenn er nicht gewesen wäre, wären im März Tausende Menschen zu Tode gekommen, denn in Hongkong war den Bäckern befohlen worden, das Brot für die Ausländer mit Arsen zu vergiften. Aber Mr. Chen hatte ihn gewarnt, und so war Männern, Frauen und Kindern ein qualvoller Tod erspart geblieben. Solange dieser Fremde also gewillt war, sie im Kampf gegen die Qing zu unterstützen, würde er von Nutzen sein – danach freilich gab es für einen Mann mit solchem Wissen und solcher Voraussicht nur ein Schicksal: den raschen Tod. Wenn nötig, würde Elgin eigenhändig dafür sorgen. Denn solange er ihn nicht ein für alle Mal zum Schweigen gebracht hatte, war seine Ehre bedroht.

Er sah zum Horizont. Dort über den Yanshan-Bergen sammelten sich Sturmwolken mit rasender Geschwindigkeit. So unglaublich es war, die Geschichte schien sich genau nach Chens Vorhersage zu entwickeln.

4.

Gelbes Meer

3 Kilometer vor der Küste von Pei Tang, China

31. Juli 1860

Ortszeit: 17.00 Uhr

Unternehmen Esra – Tag 150

Der Himmel wurde dunkler, der Seegang stärker. Über der chinesischen Küste türmten sich in der feuchtwarmen Luft mächtige Quellwolken auf. Aus der Ferne hörte man Donner grollen. Blitze zuckten über den Himmel und kündigten die Gefahr an, die bald schon hereinbrechen sollte. Um fünf Uhr war der Himmel nachtschwarz, und schwerer Regen peitschte auf die Flotte nieder, die bei Pei Tang vor Anker lag. Die Windgeschwindigkeit betrug zuweilen sechzig Knoten, fast wie bei Orkanstärke. Eines der Versorgungsschiffe, HMS Kishna, riss sich los und kenterte. Es sank so schnell, dass 36 Mann mit ihm untergingen.

Lord Elgin und Sir Hope Grant blieben auf der Brücke der Furious, während Wassermassen gegen das schwerfällige Schiff schlugen. Sie verloren kein Wort über Chens Vorhersage, sondern versuchten bloß, auf dem heftig schwankenden Boden nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Obgleich vertraut mit der See und ihrer Urgewalt, waren sie von dem plötzlichen Einsetzen des Sturms so überrascht, dass sie an nichts anderes dachten als ihre Angst. Wie aus dem Nichts war er gekommen, ungeheuer schnell, und machte ihnen nun klar, dass sie ihr Leben nicht mehr in der Hand hatten.

HMS Furious hatte beide Buganker in voller Länge ausgeworfen, und trotzdem driftete sie ab. Die Bootswände ächzten und knirschten, als würde sie gleich auseinanderbrechen. Der Kapitän wiederholte in einem fort: »Sie wird halten, sie wird halten.« Aber jeder fürchtete sich.

Der Sturm dauerte bis kurz vor Mitternacht. Dann ließ er innerhalb einer halben Stunde beträchtlich nach, und nur der Regen hielt an. Nachdem Lord Elgin seine Nerven mit einem dreifachen Cognac beruhigt hatte, gab er Befehl, die Landung vorzubereiten. Jetzt konnte er sicher sein, dass Chens Voraussagen mehr als Vermutungen waren. Chen war ein Superhirn, vielleicht sogar ein Weiser mit einem gewissen Maß an Magie.

Bis zum Morgengrauen waren zwanzig Beiboote beladen. Zwei Stunden später näherten sie sich der morastigen Küste. Wieder hatte Chen recht: Die Landung verlief bei schwerem Regen und ohne militärischen Widerstand. Das einzige Anzeichen für Leben war ein Bauernjunge, der beim Anblick der hundert Soldaten von Suttons 2. Regiment, das als erstes den Fuß auf den Strand setzte, davonrannte.

Sir Hope Grant landete mit der dritten Welle. Er war hocherfreut, dass nirgendwo Verteidigungsanlagen zu sehen waren. Und nahezu jeder in der Gegend war nach Süden zu den Taku-Forts geflohen, das hatte sein Spähtrupp gemeldet. Widerstrebend tat er, was Chen geraten hatte, und schickte seine Pioniere unter dem Schutz von General Napiers 2. Division aus.

Französische Truppen besetzten bald das verlassene Dorf Sihne, das auf allen Seiten von knietiefem Morast umgeben war. Mit der steigenden Hitze des Tages wurde auch der Gestank unerträglich.

Während der nächsten drei Tage wurden bei strömendem Regen über 340 Pferde von den Flottenversorgern HMS Sirius und HMS Eastern Empire gebracht, und auf der morastigen Ebene von Pei Tang entstand eine große Zeltstadt. Über zweitausend Soldaten waren auf dem provisorischen Landekopf postiert, und die Kavallerie war bereit.

Sir Hopes Zuversicht wuchs stündlich.

Randall Chen und Lord Elgin blieben an Bord der Furious. Jeden Morgen schrieb Randall einen Brief an Sir Hope, in dem er ihm die notwendigen Aufgaben im Einzelnen zuwies. Die Vorbereitungen gingen reibungslos vonstatten, und alles lief nach Plan.

5.

Mongolisches Feldlager

13 Kilometer südwestlich von Sihne, China

5. August 1860

Ortszeit: 23.30 Uhr

Unternehmen Esra – Tag 155

Senggerinchin hatte geduldig gewartet, bis die britischen Truppen gelandet waren, ehe er seinen ersten Zug machte. Als direkter Nachfahre von Dschingis Khan war er der geborene Krieger, der die Schwäche der Furcht kaum kannte. In der Überzeugung, dass der erste Eindruck, den er mit seinem Heer auf den Gegner machte, für den Erfolg entscheidend war, hatte er seine besten Männer um sich gesammelt und lauerte nun auf Elgins ersten Fehler.

Auf Cixis Bitte war er von Sayn Shanda in der südlichen Mongolei mit viertausend Horqin-Kriegern nach Süden geritten. Unter seinem Befehl standen zudem zehntausend Tataren mit Luntenschlossmusketen – einer außer auf kurze Entfernung unzuverlässigen Waffe. Der mongolische Prinz stützte sich lieber auf das Ehrgefühl geschickter Bogenschützen und die Schnelligkeit gut ausgebildeter Schwertkämpfer.

In seiner Brusttasche trug er den Brief der kaiserlichen Gemahlin, den sie eigenhändig geschrieben hatte. Sie versprach ihm darin unerschöpfliche Freuden, die seine Wünsche überstiegen. Es feuerte Senggerinchin ungemein an, dass sie ihren Leib zur Gänze und auf dem Bett des Kaisers Hsien Feng versprach, im Palast des Westens. Er musste lächeln, als er sich vorstellte, sie im Bett des Himmelssohns zu besitzen. Seinen Samen in die Lieblingsfrau des Kaisers zu spritzen – das wäre sein Augenblick des Triumphs. Auf ewig wollte sie sich seinen Wünschen beugen, und er würde auf der Einlösung des Versprechens bestehen.

In dem großen seidengefütterten Zelt stand sein Mittagessen vor ihm auf dem Tisch ausgebreitet. Er trug einen blauen Kavallerierock mit weiten Hosen. Die Brust war mit dem Schwarzen Horqin-Banner, dem Symbol der Inneren Mongolei, in roter Stickerei verziert. Sein Kopf war kahl und glänzend, die kleinen Ohren anliegend. Ein langer, dünner Schnurrbart, den er zwirbelte, wenn ihm langweilig war, hing bis zum Schlüsselbein herab. Er war stämmig und muskulös wie die meisten Mongolen, und sein Kinn kantiger als das seiner chinesischen Nachbarn. An den Füßen trug er schwarze Reitstiefel und um die Taille einen schwarzen Ledergürtel, an dem ein rasiermesserscharfer Säbel hing, der einst dem mächtigen Dschingis Khan gehört hatte.

Alle halbe Stunde eilten seine Ratgeber in das Zelt, um sich vor seinen Füßen niederzuwerfen und neue Einzelheiten über die Truppenbewegungen der Briten und Franzosen zu melden.

Senggerinchin sprang freudig von seinem Stuhl auf. »Endlich!«, sagte er. »Die roten Barbaren haben ihre Stärke überschätzt!« Soeben hatte er erfahren, dass Sir Hope Grant Napiers 2. Division mit einem Erkundungsauftrag ausschickte.

Mit diesem Sieg werde ich meinem Ziel einen Schritt näher kommen, dachte er schmunzelnd. Er griff in die Brusttasche und zog Cixis Brief hervor. Nachdem er das rosa Reispapier behutsam auseinandergefaltet hatte, hielt er es an die Nase und roch den verlockenden Duft, der sorgsam darin eingefangen war. Sie hatte ihm einen Vorgeschmack auf die Genüsse ihres Körpers gegeben; sie hatte das Papier über ihre Weiblichkeit gerieben, um dem Versprechen mit dem süßen Aroma ihrer Säfte Glanz zu verleihen. Die lockenden Worte ermutigten ihn, sich seine Hände auf ihrer Haut vorzustellen, ihre Lippen auf seinem Fleisch, ihre festen Brüste, die sich hoben, wenn sie rittlings auf seinen Lenden saß und eben jenen Duft ihrer Weiblichkeit darauf verteilte.

Senggerinchin faltete den Brief zusammen und steckte ihn in ein Lederetui, bevor er ihn seinem Konsul zur sicheren Aufbewahrung gab.

Draußen fiel ein gleichmäßiger Regen, als der Mongolenprinz seine acht Generäle zu sich rief. »Lasst die tatarische Reiterei antreten«, sagte er sofort. »Der Zeitpunkt ist gekommen, da wir diesem Krieg unser Siegel aufdrücken. Die feigen Briten wollen unsere Festungen von hinten angreifen. Sie haben kein Ehrgefühl. Aber gerade darum müssen wir noch mehr auf der Hut sein. Ich habe geglaubt, ihr Hochmut werde sie zu einem frontalen Angriff verleiten, doch sie gehen einen vorsichtigen Weg. Das ist sehr unbritisch.«

Keiner seiner Generäle sagte ein Wort, während er seinen Plan erläuterte.

»Heute haben die roten Barbaren einen Fehler begangen. Sie haben bei Regen ihre Infanterie und eine einzige Reiterschwadron in Marsch gesetzt.« Er tippte auf die große Karte, die an der Zeltwand hing. »Ihre Musketen werden bei der Nässe nicht schießen, sodass ihnen nur Säbel und Bajonette bleiben. Damit sind sie unseren Bogenschützen hoffnungslos unterlegen. Sie werden zum Rückzug gezwungen sein, und der Sieg ist unser. Heute müssen wir kühner denn je kämpfen. Am Ende des Tages werden sie begriffen haben, dass das Tatarenheer den Tod nicht fürchtet, sondern willkommen heißt, dass wir stark und entschlossen sind, das Reich der Mitte zu schützen. Sie sollen erfahren, dass der mächtige Prinz Senggerinchin der größte lebende Feldherr der Gegenwart ist.«

Er setzte sich einen dunkelblauen runden Hut mit einer hohen Pelzkrempe auf, von der hinten eine dreiäugige Pfauenfeder herabhing, die höchste militärische Auszeichnung im Qing-Reich. »Handelt rasch und zielstrebig, meine Generäle, denn wir müssen den Barbaren auf offenem Gelände, nämlich im Schlickwatt, begegnen. So können sie die ganze Pracht unseres Heeres sehen.«

Er blickte sie der Reihe nach an. »Enttäuscht mich nicht, sonst werdet Ihr die Schärfe meines Schwertes spüren. Wir Mongolen dulden kein Versagen.« Darauf drehte er sich um und ging mit schnellem Schritt in den strömenden Regen hinaus.

8 Kilometer südwestlich von Pei Tang, China

Am Rand des Schlickwatts

Gegen den Befehl hatte Sir Hope die 2. Division und zwei Reiterschwadronen von Probyns Horse antreten lassen und marschierte mit ihnen, zu zehnt in einer Reihe, auf Taku zu, um selbst zu sehen, was sie dort erwarten würde. Der Regen strömte herab, schon seit mehreren Stunden, und floss nicht mehr ab, sodass sie eine weite Wasserfläche vor sich hatten, die sich unter den Tropfen beständig kräuselte. Trotz dieser trüben Umgebung bot die 2. Division in ihren scharlachroten Jacken, die freilich durchnässt waren, den weißen Hosen und den geschulterten Musketen einen beeindruckenden Anblick. Sie alle trugen flache Filzhüte mit einem weißen Nackentuch, welches verhinderte, dass ihnen das Wasser in den Kragen floss.

Sir Hope, der auf seinem Lieblingspferd, einem weißen Araber, vorantrabte und hinter sich das Patschen der Hufe hörte, hätte nicht zuversichtlicher sein können. Rechts neben ihm ritt Major Probyn auf einem braunen Wallach. Er war ein hartgesottener, erfahrener Offizier, der schon in Indien und Südafrika gekämpft hatte. Er hielt nichts von Politik, sondern nahm seine Befehle entgegen und kämpfte für Königin und Vaterland, wenn es sein musste bis zum Tod.

Auf Sir Hopes Befehl sollten die fünfhundert Männer auf Taku marschieren und sehen, wie weit sie kämen, ohne auf Widerstand zu stoßen. Er hatte die Absicht, das Land nach Westen hin zu erkunden und zu sehen, wie weit sie gehen müssten, um dem morastigen Boden auszuweichen. Wegen des Regens hatten sie keine gute Sicht, doch sie marschierten weiter. Sir Hope hatte entschieden, dass es nicht nach seinem Geschmack war, auf dem Landekopf herumzusitzen und Befehle von einem Kuli entgegenzunehmen, der auf dem Kanonenboot im trocknen, warmen Quartier saß. Sir Hope war ein Mann der Tat, ein mehrfach ausgezeichneter Soldat, der auch im vorigen Opiumkrieg gekämpft hatte – ein Mann, der sich persönlich bei der Einnahme der befestigten Stadt Tschinkiang ausgezeichnet hatte. Dort war er auch verwundet worden, von einem Querschläger seiner eigenen Leute, sodass er nun ein Bein nachzog. Doch er war äußerst stolz darauf, wie er sich im Punjab-Feldzug hervorgetan hatte. Seine taktische Kühnheit hatte die ganze Routenplanung der Rebellentruppen bei Serai Ghat beeinträchtigt. Seiner Vorstellung nach war er ein tüchtiger Soldat, der Befehlshaber seiner Männer und nicht der Untergebene eines chinesischen Beraters.

Durch den Regendunst waren in der Ferne tatarische Reiter auszumachen. Sie schienen sich in dem morastigen Gelände gut auszukennen, und ihre Pferde versanken nicht im Schlamm, ganz im Gegensatz zu Probyns Tieren. Sir Hope zog den Säbel und zeigte auf die Reiter. »Ich sehe nicht mehr als zehn. Schicken Sie Ihre Kavallerie hin. Mal sehen, womit wir es zu tun haben.«

»Unsere Gewehre schießen bei dem Wetter nicht«, bemerkte Major Probyn. »Wir werden sie Mann gegen Mann besiegen müssen.«

»Dann tun Sie es!«, erwiderte Sir Hope mit einem Seitenblick.

Zwar bewegten sie sich durch freies Gelände, doch das Schilf des Schlickwatts bot auf beiden Seiten gute Deckung. Major Probyn befahl, zum Angriff zu blasen. Seine fünfzig Reiter kamen nur langsam voran, als sie mit gezogenem Säbel auf die Tataren zuhielten. Sir Hope verfolgte voller Stolz, wie seine Leute ins Gefecht ritten.

Es dauerte volle fünf Minuten, bis die Probyns, geführt von Captain Timms, festen Boden erreichten und Geschwindigkeit aufnehmen konnten. Und im selben Moment wandte sich die Lage zum Schlechten. Auf beiden Seiten erschienen über fünfhundert tatarische Reiter aus dem Marschland. Die 2. Division war umzingelt und hatte keine Kavallerie, um die Linien aufzubrechen.

Sir Hope begriff, dass er für dumm verkauft worden war. Major Probyn befahl dem Trompeter, die Reiter zurückzurufen, doch die waren zu weit entfernt. Sir Hope brüllte Befehle nach allen Seiten, und seine Soldaten formierten sich zu einem ordentlichen, dichten Kreis, bei dem sie das aufgepflanzte Bajonett nach außen richteten, sodass sie unangreifbar wie ein riesiger Igel aussahen.

Die tatarischen Reiter preschten von allen Seiten heran. Da sie die leichteren Pferde hatten, kamen sie müheloser durch den Morast als die Briten. Im vollen Galopp zogen sie einen Langbogen vom Rücken und schossen einen Pfeil ab, sobald sie auf hundert Meter an die 2. Division herangekommen waren.

Das Ergebnis war vernichtend. Pfeile drangen in Fleisch und Knochen, Männer schrien, und niemand konnte etwas tun, um es den Feinden zu vergelten.

Mitten in dem Blutbad versuchten einige verzweifelt, das Luntenschloss ihrer Muskete zu trocknen, doch das feuchte Pulver machte das Schießen unmöglich. Trotzdem legten viele Soldaten auf die Feinde an und drückten ab, hörten jedoch nur das entmutigende Klicken. Immer mehr Pfeile, die die Mongolen alle zwölf Meter von der Sehne ließen, fanden ihr Ziel.

Sir Hope hatte noch nie so tüchtige Reiter gesehen. Während er mit seinem Pferd im Zentrum der 2. Division kauerte, sah er die Mienen der tatarischen Krieger: Sie waren voller Hass. Und sie ließen nicht nach! Obwohl es sinnlos war, sprangen wenigstens fünfzig Reiter mit ihrem Pferd in den Bajonettwall.

Auf allen Seiten gab es schrille Schreie und Gewieher, dazu das schabende Klirren der Säbel und Bajonette. Männer wurden von aufgespießten Pferden erdrückt, die mit dumpfem Schlag niederfielen, als hätte sie die Faust eines Riesen getroffen.

Das Blut floss in Strömen, der Regen wusch es in die schlammigen Pfützen. Dennoch gaben die Soldaten alles, um ihre Formation gegen den pausenlosen Ansturm zu halten.

Dann plötzlich schallte ein Horn, und die Tataren zogen sich zurück.

Senggerinchins Ziel war die Erniedrigung der 2. Division gewesen, und das hatte er erreicht. Je mehr Männer am Leben waren, um über ihre Niederlage von der Hand der Tataren zu berichten, desto besser.

Seine Reiterei war innerhalb von zwei Minuten in der Marsch verschwunden wie Schatten in der Nacht. Das war sein bester Überfall gewesen – seine Geduld hatte sich weidlich ausgezahlt.

Sir Hope Grant bestieg sein Pferd und betrachtete das entsetzliche Blutbad. Über hundert Männer waren verwundet und weitere hundert würden ihre Familie niemals wiedersehen. Selbst sein Pferd hatte einen Streifschuss am Ansatz der Mähne abbekommen. Er blickte ringsum in die Gesichter; sie waren blass und mutlos. In diesem Augenblick kamen die Probyns über die Ebene herangesprengt. Ihren Pferden flog der Schaum vom Maul, doch sie kehrten unbeschadet zurück. Sie hatten den tatarischen Reitertrupp nicht einholen können, sodass dieser kampflos davongeritten war, was der Demütigung die Krone aufsetzte.

Abgesehen von den Reitern und Pferden, die in den Bajonettwall gesprungen waren, hatten die Briten ihren Gegnern keine Verluste zufügen können. Das war die schlimmste Niederlage, die sie sich denken konnten. Sie alle waren Zeuge von der Tapferkeit und Entschlossenheit der Qing geworden.

Sir Hope war in eine Falle gelaufen und ganz allein dafür verantwortlich. Er hatte Lord Elgin und die Königin enttäuscht. Wegen seiner Befehle war nun die Kampfmoral seiner Invasionstruppen gestört. Am Ende würde dieses Gefecht viel mehr Männer das Leben kosten, als an diesem Tag gefallen waren – die britische Überlegenheit schien dahin zu sein und mit ihr das Selbstbewusstsein der Soldaten.

6.

Küste bei Pei Tang, China

13 Kilometer nördlich der Taku-Festungen

7. August 1860

Ortszeit: 18.30 Uhr

Unternehmen Esra – Tag 157

Auch nach zwei Tagen war Randall Chen noch wütend, weil Sir Hope Grant gegen seinen ausdrücklichen Befehl mit der 2. Division Richtung Taku marschiert war. Natürlich war zu erwarten gewesen, dass Senggerinchin auf der Lauer lag. Die ganze Situation bewies nur die völlige Arroganz der Briten. Sie glaubten, an Ausbildung, Waffen und Taktik überlegen zu sein und selbstverständlich den Sieg davonzutragen. Doch sie hatten sich ganz erbärmlich geirrt. Senggerinchin war ein geborener Krieger und ein ausgekochter Feldherr. Kein Gegner unterschätzte ihn, ohne teuer dafür zu bezahlen. Er würde die Eigenschaften des Terrains und die Überzahl seiner Leute zu seinem Vorteil nutzen, und nach dem stattgefundenen Gefecht zu urteilen, kannte er Waffen und Taktik der Briten ebenso gut wie Sir Hope.

Dieser Sieg der Qing war in der Tat ein maßgebender Schlag. Denn er bedeutete, dass Randall von nun an alle Gefechtsvorbereitungen noch genauer zu überwachen hatte. Seine übergeordneten Pläne würden sich um wenigstens zehn Tage verzögern, bis der Himmel aufgeklart wäre. Für die Artillerie hatte die Ausgangslage perfekt zu sein. Noch ein taktischer Fehler oder eine Fehleinschätzung, und der Krieg würde sich Monate hinziehen. Jetzt hieß es, zurückhaltend sein und die Ereignisse wieder in die richtigen Bahnen lenken. Und er sollte zuversichtlich sein, trotz des Rückschlags.

An Bord der Furious hinkte Sir Hope durch Lord Elgins Kabine und goss sich noch einen Cognac ein. Der Wind hatte zwar nachgelassen und die smaragdgrüne See war flach wie ein Brett, doch der Regen klopfte nach wie vor gegen die Bullaugen.

»Ich wusste in dem Moment, als ich Probyns Horse hinter der Reiterkolonne hergeschickt hatte, dass das ein verflixter Fehler war«, jammerte Sir Hope. »Diese Tatarenbastarde!«

»Ihren größten Fehler begingen Sie in dem Moment, als Sie das Lager verließen«, erwiderte Randall.

Lord Elgin stemmte seinen schweren Körper aus dem Sessel und ging zu den beiden Kristallkaraffen. Sein Gesicht glänzte vor Schweiß. »Wir müssen daraus lernen«, sagte er nachdenklich. Unter dem leisen Klirren des Kristallglases füllte er seinen bayerischen Cognacschwenker zu zwei Dritteln und trank einen großen Schluck.

Um seine Frustration zu verbergen, knöpfte Randall sich die Nadelstreifenweste auf und zog die Uhr an ihrer Kette hervor, um sie aufzuklappen. Er blickte auf die Zeiger und schloss den Deckel. »Sie haben Glück gehabt, dass Senggerinchin Sie nicht bis zum letzten Mann niedergemacht hat«, sagte er rundheraus.

»Ich habe keine Angst, mit meinen Männern zu sterben!«, stieß Sir Hope hervor. Dann knallte er sein Glas auf den Mahagonitisch, dass der Stiel zerbrach. »Wenn diese Qing-Rüpel eine Schlacht wollen, sind sie bei mir an der richtigen Adresse! Ich werde ihnen selbst entgegentreten, mit dem Säbel in der Hand, in vorderster Reihe!«

»Niemand stellt Ihren Mut in Frage, Sir Hope«, versicherte Elgin.

»Königin Victoria wäre erfreut zu hören, dass Sie diesen draufgängerischen Mut haben«, sagte Randall. »Doch klare Überlegung wäre diesmal angebrachter, meine ich.«

Sir Hope erbleichte sichtlich gedemütigt. Noch nie hatte ein Chinese so herablassend mit ihm gesprochen. »Die Königin hat ihr Schwert auf meine Schulter gelegt, Sir, und mich zu einem Ritter des Empire geschlagen! Nennen Sie nie wieder ihren Namen in meiner Gegenwart. Dazu haben Sie kein Recht.« Unwillkürlich griff er an seinen Säbel, als wollte er blankziehen und Randall in Stücke hauen.

»Wir werden am 21. August angreifen«, bestimmte Randall mit großer Autorität, ohne auf Sir Hopes offensichtliche Beleidigung einzugehen. »Ein morgendlicher Überfall auf die Festung Wei, das ist die größte. Sie liegt am Nordufer des Flusses, der Küste am nächsten. Sie werden Ihre Artillerie und Ihre Leute genau so in Stellung bringen, wie ich gesagt habe – Sie werden mindestens zwanzig Haubitzen brauchen. Die Mauer auf der Ostseite muss zwei Tage lang mit Kanonenkugeln und Granaten beschossen werden. So werden Ihre Leute hineingelangen – durch die Öffnungen, die die Geschütze geschaffen haben.«

»Aber die Wei-Festung ist von allen am besten gesichert«, wandte Elgin ein.

»Genau darum greifen wir sie an. Der Name bedeutet ›mächtig‹, und die Qing glauben daran. Unser Ziel ist, dass die anderen Forts kampflos aufgeben. Wir wollen nicht jede Geschützstellung der Qing mit Gewalt einnehmen müssen. Das würde Zeit und viele Menschenleben kosten. Wie schon der große Sunzi gesagt hat: Es ist besser, die Ressourcen des Gegners unzerstört zu übernehmen, als ihn Mann gegen Mann zu vernichten.«

»Mein Gott!«, rief Sir Hope aus. »Jetzt besitzen Sie auch noch die Frechheit, einen toten chinesischen General zu zitieren! Es waren Chinesen, die meine Männer im Schlickwatt niedergemetzelt haben, Mr. Chen!«

»Wenn Sie meinen Befehlen gehorcht hätten, wäre das nicht passiert!«, entgegnete Randall.

»Ich gehorche nicht Ihren Befehlen, Sir!«

»Verzeihung«, sagte Randall, dem sein Schnitzer bewusst wurde. »Lord Elgins Befehlen. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass Sie das Lager nicht hätten verlassen dürfen. Senggerinchin hat nur darauf gewartet, dass Sie ihm in die Falle gehen. Wenn Sie gehorcht hätten, würden die hundertdreiundzwanzig Männer noch leben, und die anderen hundert hätten jetzt keine Wunden zu pflegen.«

Sir Hope griff nach einem neuen Glas und schenkte sich ein. »Unglaublich, dass ich mir das anhören muss!« Er trank den Cognac in einem Zug und goss sich den nächsten ein.

Randall fuhr fort: »Die 2. Division wird den Angriff auf die Wei-Festung führen. Die Männer werden ihre Niederlage auslöschen wollen. Es wird schwierig sein, aber sie werden siegen.« Randall blickte Sir Hope in die braunen Augen. »Und Sie werden derjenige sein, der sie überzeugt, dass sie das können. Sie werden für ihre Tapferkeit sorgen, Sir Hope.«

Da dieser vom Cognac schon benebelt und außerdem verblüfft war, weil Chen so unerwartet Vertrauen in seine Führungseigenschaften zeigte, konnte er seine Neugier nicht länger bezwingen. »Woher kommen Sie, Mr. Chen?«, fragte er mit dem leisen Tonfall des Zweifels.

»Ich bin mir nicht sicher, wie die Frage gemeint ist.«

»Sie kennen die Zukunft, Mr. Chen. Das haben Sie viele Male bewiesen. Wie können Sie das? Woher kommen Sie? Warum stehen Sie uns gegen Ihr eigenes Volk zur Seite? Denn Sie sind einer von ihnen, trotz Ihrer blauen Augen.«

Lord Elgin sah seinen chinesischen Ratgeber forschend an. Das waren Fragen, zu denen ihm bislang der Mut gefehlt hatte.

Randall blickte Sir Hope in die Augen. »Ich bin hier, damit Sie den Krieg gewinnen – mehr brauchen Sie nicht zu wissen. Sehen Sie es einfach so: Äußerlich bin ich Chinese, aber ich sehe die Welt mit abendländischen Augen.« Er wandte sich Lord Elgin zu. »Und es ist unerlässlich, dass Sie sich an unsere Abmachung halten. Ich werde Ihnen helfen, den Krieg zu gewinnen und den Vertrag von Tientsin durchzusetzen. Dann werden wir gemeinsam auf Peking marschieren. Und wie versprochen wird sich die Geschichte allein Ihrer fähigen, kühnen Führerschaft erinnern – als wäre ich gar nicht hier gewesen. Ihre Truppen werden Senggerinchin besiegen, und China wird offen vor Ihnen liegen wie eine nackte Frau mit gespreizten Beinen. Aber die Mauern der Verbotenen Stadt werden von Ihren Leuten nicht angetastet. Der Kaiser wird nicht geschwächt oder unterworfen. Wenn Sie den Vertrag von Tientsin durchsetzen wollen, in Ordnung. Aber Sie müssen versprechen, sich an unsere Abmachung zu halten, Lord Elgin. Das kann ich nicht klar genug sagen. Die Mauern der Verbotenen Stadt dürfen nicht angetastet werden.«

»Ja, ja, mein Freund«, versicherte Lord Elgin lächelnd und hob das Glas. »Die Mauern der Verbotenen Stadt werden nicht angetastet.« Sein Gesichtsausdruck war der eines Politikers und zeigte keinerlei Schwäche. »Sie haben mein Wort.«

7.

Im Schlickwatt

1,6 Kilometer nördlich der Wei-Festung, China

21. August 1860

Ortszeit: 5.23 Uhr

Unternehmen Esra – Tag 171

Die Dämmerung nahte, und der Himmel im Osten färbte sich rot. Der britische Artilleriebeschuss hielt seit zwei Tagen konstant an. Das unaufhörliche Donnern von dreiundzwanzig Haubitzen schallte über Taku und den Haihe, während die zwölf Pfund schweren Kanonenkugeln und die mit Schießpulver gefüllten Granaten, deren Lunte von Hand angezündet wurde, in die wehrhafte Festung flogen. Die Granaten erfüllten ihren Zweck erst, wenn die Lunte heruntergebrannt war und die Ladung explodierte. Bei Nacht war es ein erstaunliches Spektakel, wenn die Geschosse mit einem Funkenschweif ihrem Ziel entgegensausten, dann mit einem Lichtblitz zersprangen, und im nächsten Moment der Knall bei den Geschützen zu hören war.

Die Kanonen waren durch Schlick und Sumpfland und über Hunderte Wasserläufe, die in alle Richtungen flossen, herbeigeschafft worden – die Haubitzen von nicht weniger als sechs Pferden pro Stück, um die schwierigsten Stellen zu überwinden. Von See her feuerten sechs Kanonenboote auf die Festungsmauer, doch mehr aus Gründen psychologischer Kriegführung. Randall wollte Senggerinchins Männer denken lassen, sie seien eingekreist. In Wirklichkeit war es nicht möglich, die Mauer an der Seeseite zu durchbrechen, denn dort war sie zwölf Meter dick.

Die Qing feuerten von der Festung mit den russischen Geschützen zurück. Zwar hatten sie den Vorteil der größeren Höhe, doch Geschosse und Schießpulver waren unterlegen und erzielten keine Treffer.

Die Vorbereitungen der vergangenen Woche waren reibungslos verlaufen. Am 12. August war ein britisch-französischer Verband aus tausend Mann südwestlich entlang der Dammstraße nach Sin-Ho vorgerückt, während sich die 2. Division, geführt von Sir Hope, von Süden mit 340 Reitern genähert hatte. Sir Hopes Division stand erneut der tatarischen Kavallerie gegenüber, doch ein weiter Linksschwenk der britisch-französischen Truppen beschnitt die Rückzugsmöglichkeiten der Tataren beträchtlich, sodass diese kampflos zur Festung flohen. Die brillant abgestimmte Zangenbewegung der Verbündeten jagte sie aus dem Schlickwatt und dem Sumpfgebiet nach Norden, sodass der Transport der schweren Geschütze und Munitionswagen ungehindert beginnen konnte.

Am 14. August wurde das Dorf Tang Ku wie befohlen von der 2. Brigade überrannt. Durch diese Eroberung wurde Senggerinchins Kavallerie der Nachschub abgeschnitten und die Möglichkeit beseitigt, von Westen her überflügelt zu werden. Unter Randalls Führung töteten die Briten über hundert tatarische Krieger und nahmen das Dorf ein, ohne selbst einen Mann zu verlieren.

Randall blickte durchs Fernglas zu den beschädigten Mauern der Festung und suchte nach Löchern, die groß genug wären, um einen Mann durchzulassen. Er stand auf einer haushohen hölzernen Plattform, die die Pioniere gebaut hatten, knapp zwei Kilometer von den feindlichen Stellungen entfernt. Sie war der höchste und beste Beobachtungspunkt im Gelände. Bei Flut stand das Schlickwatt darunter dreißig Zentimeter unter Wasser.

Lord Elgin saß in seinem weich gepolsterten Lehnstuhl aus der Zeit Ludwigs XVI., der auf seinen Befehl hin aus der Schiffskabine durch den Sumpf getragen worden war, damit er es bequemer hatte. Wie immer schwitzte er heftig.

Neben ihm in einem identischen Stuhl saß der britische Konsul von Hongkong, Harry Parkes. Er trug einen schwarzen Anzug und rauchte eine Castleford-Pfeife. Er war nach Gouverneur Bowering der ranghöchste Bewohner Hongkongs, sprach fließend Kantonesisch und Mandarin und war Lord Elgins Chefunterhändler. Randall war sehr wohl bekannt, dass Parkes einer der gerissensten Männer im Fernen Osten war. Er war es, der sich den Zwischenfall auf der Arrow zunutze gemacht hatte, eines unter britischer Flagge fahrenden Schiffes, das im Oktober 1856 von den Chinesen unbefugt beschlagnahmt worden war. Er hatte ihn zum Vorwand genommen, um China den Krieg zu erklären. Diese wohl berechnete Aktion hatte den alleinigen Zweck gehabt, die Handelsbedingungen für die Briten zu verbessern. Darum war Parkes bei den Militärführern und Beamten der Qing gleichermaßen verhasst.

Parkes war sechs Stunden zuvor mit einem Dampfer von Hongkong gekommen und auf direktem Wege zum Schlachtfeld geeilt. Ursprünglich hatte er abgelehnt, mit der britisch-französischen Flotte zu fahren, weil er abwarten wollte, ob es ihnen gelänge, bei Pei Tang ihr Lager aufzuschlagen. Er wollte nicht noch einmal mit einer Niederlage in Verbindung gebracht werden – wie vor einem Jahr, als er Frederick Bruce und Admiral Jennings bei ihrem törichten Versuch begleitete, die Taku-Forts einzunehmen. Die Erinnerung war noch frisch. Er hatte mit angesehen, wie Hunderte britischer Soldaten niedergemäht wurden und vier Schiffe Ihrer Majestät unter vernichtendem Feuer ihre letzte Reise zum Meeresgrund antraten. Als scharfsinniger Politiker würde er zu verhindern wissen, dass er noch einmal in die Nähe eines Versagers kam.

Parkes hielt die Pfeife an die Lippen. Wolken von Tabakrauch stiegen aus seinem Mund auf, während er unauffällig jede Bewegung Chens beobachtete. Der 32-jährige Konsul sah verhältnismäßig gut aus und war schmal gebaut. Sein Kopf war kahl, Gesicht und Nase schmal, die Mund- und Kinnpartie glatt rasiert. Doch bei dem Backenbart, der bestimmt zehn Zentimeter nach außen abstand, gewann man den Eindruck, als wollte er sein Gesicht um jeden Preis verbreitern.

Alle paar Sekunden wurde eine Kanonenkugel oder Granate auf die Festung abgefeuert. Es hörte nicht auf. Die Geschütze standen in weitem Halbkreis auf der Ebene, und ab und zu flüsterte Chen ein paar Worte in Elgins Ohr. Der brüllte sodann den entsprechenden Befehl Major-General Sir Robert Napier, Sir Hopes Stellvertreter, zu.

Wieder neigte sich Chen zu Lord Elgin. »Alle Geschütze sollen um ein Grad höher zielen«, flüsterte er.

»Alle Geschütze ein Grad höher!«, schrie Lord Elgin.

Parkes sagte kein Wort; er beobachtete nur und nahm jede Einzelheit in sich auf.

»Jetzt dauert es nicht mehr lange«, flüsterte Randall.

Elgin wischte sich mit einem bestickten Taschentuch den Schweiß von der Stirn. »Das hoffe ich. Es ist heiß hier, und die Mücken machen mich wahnsinnig.« Er wrang die angesammelte Nässe aus dem kleinen Tuch, und die Tropfen fielen auf den Holzboden des behelfsmäßigen Kommandostands.

Wieder blickte Chen durchs Fernglas. Es fielen noch zehn Schüsse, bevor die Granaten über die Außenmauer der Festung flogen. Drei Minuten später gab es eine ungeheure Explosion, die fünfhundertmal lauter war als der Knall einer Granate. Der Boden erzitterte. Randall spürte die Erschütterung im ganzen Körper, doch die Zerstörung fand anderthalb Kilometer entfernt statt. Ein paar Augenblicke später stieg eine vielsagende schwarze Rauchwolke über der Festung auf. Die Pulverkammer war getroffen worden.

Lord Elgin stand staunend von seinem Stuhl auf. »Mein Gott«, hauchte er.

Parkes ließ bei der Explosion die Pfeife fallen. Einen Moment lang verlor er seine kühle Haltung und taumelte ans Geländer. »Die armen Seelen«, sagte er. Die Bemerkung war jedoch mehr darauf gerichtet, Chen zu gefallen, als echtes Mitgefühl auszudrücken. Der Diplomat versuchte bereits, den chinesischen Berater zu umgarnen und dessen Vertrauen zu gewinnen.

Randall nickte beipflichtend, auch wenn sich alles wie geplant entwickelte. Eines war sicher: Er erfüllte seine Mission als Aufseher, und mit seiner kundigen Führung würden die Briten und Franzosen die Taku-Forts zweifellos einnehmen. Die Verluste würden sich auf ein Minimum beschränken. Die Geschichte würde im Einklang mit dem großen Plan festgeschrieben und das Gleichgewicht der Natur in alle Ewigkeit erhalten bleiben.

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