Logo weiterlesen.de
Zeitreisende sterben nie

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Danksagung
  6. Zitat
  7. Prolog
  8. TEIL EINS Alle Zeit der Welt
  9. Kapitel 1
  10. Kapitel 2
  11. Kapitel 3
  12. Kapitel 4
  13. Kapitel 5
  14. Kapitel 6
  15. Kapitel 7
  16. Kapitel 8
  17. Kapitel 9
  18. Kapitel 10
  19. Kapitel 11
  20. Kapitel 12
  21. Kapitel 13
  22. Kapitel 14
  1. TEIL ZWEI Spuren im Sand
  2. Kapitel 15
  3. Kapitel 16
  4. Kapitel 17
  5. Kapitel 18
  6. Kapitel 19
  7. Kapitel 20
  8. Kapitel 21
  9. Kapitel 22
  10. Kapitel 23
  11. Kapitel 24
  12. Kapitel 25
  13. Kapitel 26
  14. Kapitel 27
  15. Kapitel 28
  16. Kapitel 29
  17. Kapitel 30
  18. Kapitel 31
  1. TEIL DREI Zeit aus den Fugen
  2. Kapitel 32
  3. Kapitel 33
  4. Kapitel 34
  5. Kapitel 35
  6. Kapitel 36
  7. Kapitel 37
  8. Kapitel 38
  9. Kapitel 39
  10. Kapitel 40
  11. Kapitel 41
  12. Kapitel 42
  13. Kapitel 43
  14. Kapitel 44
  15. Kapitel 45
  1. Epilog
  2. Zitate
  3. Über den Autor

Danksagung

Meine Anerkennung gilt Ginjer Buchanan, die seit beinahe einem Vierteljahrhundert eine wesentliche Rolle bei diesen Projekten gespielt hat; Bert Yeargan und Joe Garner, die mich mit dem Aufbau einer Zahnarztpraxis vertraut gemacht haben; Sara und Bob Schwager, die in einer Weise gegenwärtig waren, wie ich sie bis dahin nicht gekannt hatte; Ralph Vicinanza für seine stete Unterstützung; Athena Andreadis, die mir Orientierungshilfe geboten hat und sich als Übersetzerin für Alexandria betätigte; Robert Dyke, der mich in der Spur gehalten hat. Und, natürlich, wie immer Maureen.

Am Leben aller Großen können wir sehen,

Wie wir auch streben nach Vortrefflichkeit,

Bleibt von uns, wenn wir einst gehen,

Doch nur eine Spur im Sand der Zeit.

LONGFELLOW, »A PSALM OF LIFE«

Prolog

Sie begruben ihn an einem grauen Morgen. Es war kalt für diese Jahreszeit, und Regen lag in der Luft. Nur wenige Trauergäste waren gekommen, und denen fiel es nicht schwer, ihre Trauer um einen Mann zu beherrschen, der seine Bekannten traditionell auf Distanz gehalten hatte. Der Prediger, weißhaarig und kraftlos, war selbst dem Ende nahe, und Dave fragte sich, was er wohl denken mochte, als der Wind an den Seiten seines Gebetsbuches zerrte.

»Asche zu Asche …«

Shel war der erste Zeitreisende gewesen, nun ja, eigentlich der zweite. Sein Vater war der erste gewesen. Aber von all den Leuten, die sich zu dem Begräbnis eingefunden hatten, war Dave der Einzige, der davon wusste.

Er stand da, die Hände in den Manteltaschen vergraben. Er hatte schon früher Freunde zu Grabe getragen; Al Caisson, der einem Aneurysma zum Opfer gefallen war, und Lee Carmody, der in einem Pfadfinderlager vom Baum gefallen war. Aber kein Verlust war so schmerzhaft gewesen. Vielleicht, weil Shel so lebendig gewirkt hatte. Vielleicht, weil er und Shel so vieles gemeinsam gehabt hatten. Gewiss, der Bursche war merkwürdig gewesen, manchmal lästig, unberechenbar. Sogar selbstsüchtig. Er hatte nicht viele Freunde gehabt. Aber an diesem letzten Tag erkannte Dave, dass er ihn geliebt hatte. Dass er nie jemanden wie ihn gekannt hatte.

»… werden auferstehen …«

Dave war nicht so überzeugt, dass es eine Wiederauferstehung gab, aber er wusste mit aller Klarheit, dass Adrian Shelborne in anderen Zeitaltern immer noch auf Erden wandelte. Auch irgendwo in der Zukunft. Shel hatte stets nur kurze Sprünge stromabwärts eingeräumt, nichts, was über einen Monat oder so hinausgegangen wäre, gerade ausreichend, seine Neugier zu befriedigen. Aber Dave hatte in jüngster Zeit erkannt, dass er etwas verheimlichte. Shel, so sein Verdacht, war tiefer in die Zukunft vorgedrungen, als er zugegeben hatte.

Nicht, dass das noch etwas ausgemacht hätte.

Der Prediger kam zum Ende, klappte sein Buch zu und hob die Hand, um den polierten, lavendelfarbenen Sarg zu segnen. Der Wind war frisch, und der herannahende Regen lastete auf der Luft. Die Trauernden, von denen manch einer es eilig hatte, sich wieder seinem Tagewerk zuwenden zu können, stellten sich in einer Reihe auf, gingen langsam an dem Sarg vorbei und legten Lilien auf ihm ab. Als auch das vorbei war, verweilten sie noch kurz und unterhielten sich leise. Helen stand an der Seite und sah arg verloren aus.

Die inoffizielle Geliebte, die nicht einmal Jerry oder den anderen Familienangehörigen bekannt war. Mit ruckartigen Bewegungen tupfte sie sich die Augen ab, und ihr Blick ruhte wie festgenagelt auf dem grauen Stein, der seinen Namen und seine Daten trug.

Dann schaute sie in Daves Richtung, und ihre Blicke trafen sich.

Die Trauernden machten sich auf den Weg zu ihren Fahrzeugen, wechselten noch einige letzte Worte, starteten Motoren und fuhren davon. Nur wenigen schien es zu widerstreben, diesen Ort zu verlassen. Helen gehörte dazu.

Dave trat zu ihr. »Bist du in Ordnung?«

Sie nickte. Ja.

Shel hatte nie begriffen, was Dave für sie empfunden hatte. Er hatte viel über sie geredet, als sie stromaufwärts gewesen waren. Darüber, wie sehr ihr das viktorianische London gefallen hätte. Oder St. Petersburg vor dem ersten Krieg. Und natürlich hatte er das große Geheimnis nie mit ihr geteilt. Das war etwas, das er stets auf später verschoben hatte.

Andererseits hatte sie auch nie begriffen, was David empfand. Er hatte sie Shel vorgestellt und zugesehen, wie er mit ihr davonspaziert war. Dumm.

Ihm kam in den Sinn, dass er vielleicht eine zweite Chance bekommen würde. Doch kaum war ihm dieser Gedanke gekommen, da überwältigte ihn eine Flut der Schuldgefühle. Er schob die Idee beiseite.

Trotzdem …

Sie zitterte.

Ihre Wangen waren feucht.

»Ich vermisse ihn auch«, sagte David.

»Ich habe ihn geliebt, Dave.«

»Ich weiß.« Er ergriff ihren Arm. »Lass uns rausgehen.«

Sie machten sich auf den Weg zur Straße. Tränen rannen aus ihren Augen. Sie hielt inne, versuchte, etwas zu sagen, versuchte es noch einmal. »Ich hätte«, sagte sie schließlich, als sie sich wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte, »ihm so gern gesagt, wie viel er mir bedeutet hat. Wie glücklich ich war, ihn gekannt zu haben.«

»Das wusste er, Helen. Er war besessen von dir.« Sie schniefte, wischte sich die Augen ab.

»Gehst du zum Kaffeetrinken?«, fragte er.

»Nein, ich glaube, ich habe genug für heute.«

»Wie wäre es dann, wenn ich dich nach Hause bringe?«

»Nicht nötig«, sagte sie. »Ich komme schon zurecht.« Ihr Wagen stand ganz in der Nähe eines steinernen Engels.

Linda Keffler, Shels Chefin über etliche Jahre, kam zu ihnen, um ihr Beileid kundzutun. »Wir werden ihn vermissen«, sagte sie.

Offenkundig hatte sie keine Ahnung, wer Helen war, also stellte Dave sie vor. »Sie waren eng befreundet«, erklärte er.

»Es tut mir so leid, meine Liebe. Ihn auf solch eine Art zu verlieren …«

Helen versuchte gar nicht erst, etwas zu sagen. Sie stand nur da und bemühte sich, ihre Gefühle im Zaum zu halten.

Linda sah selbst ein wenig weinerlich aus. »Sagen Sie mir, wenn ich irgendetwas für Sie tun kann«, bat sie. Dann ging sie auch schon mit schnellen Schritten zu ihrem Wagen, begierig fortzukommen.

Als sie weg war, machte Helen sich auf den Weg zu ihrem eigenen Wagen. Dave begleitete sie. »Ruf mich doch bei Gelegenheit an«, sagte sie.

Er machte ihr die Tür auf. Sie stieg ein, startete den Motor und öffnete das Fenster. »Danke für alles, Dave«, sagte sie.

Dann hob sie die linke Hand zum Gruß und fuhr langsam davon. Sie hatte Adrian Shelborne so gut gekannt. Und so wenig.

Jerry war Shels älterer Bruder. Er hatte wenig Ähnlichkeit mit Shel. Er lächelte viel häufiger und war sich der Welt um ihn herum erheblich bewusster. Mit brennendem Blick hatte er den Sarg angestarrt, der auf Riemen auf die Arbeiter wartete, die ihn in die Erde absenken würden. Als er sah, dass Helen fort war, kam er rüber. »Dave«, sagte er. »Danke, dass du gekommen bist.«

»Das war selbstverständlich.«

»Ich weiß. Ich weiß, dass ihr zwei euch sehr nahegestanden habt.« Er atmete tief durch. »Es ist wirklich schwer zu glauben.«

»Ja. Es tut mir leid, Jerry.«

»Kommst du mit zum Haus?«

»Ja. Ich könnte einen Drink vertragen.«

Sie schüttelten einander die Hände, und Jerry zog weiter. Dave dachte darüber nach, wie oberflächlich der Mann war. Dies war das erste Mal, dass Jerry anscheinend ein echtes Interesse an irgendetwas Wichtigem aufgebracht hatte, zumindest soweit Dave sich erinnern konnte. Wenn Shels Vater ihn ins Vertrauen gezogen hätte, ihm ebenso wie Shel den Zugriff auf den Konverter ermöglicht hätte, er hätte nichts damit anzufangen gewusst.

Jerry zog den Kopf ein und duckte sich in seine Limousine. Beim Verlassen der Parklücke scheuchte er einige Tauben auf.

Dave atmete tief durch und wandte sich ab. Schwer zu glauben. Fort. Shel und die Zeitmaschinen.

Sie waren im Feuer zerstört worden. Die einzig verbliebene Einheit hatte Dave sicher in seiner Sockenschublade versteckt gehalten. Hätte er den Willen aufgebracht, er wäre sie losgeworden. Hätte losgelassen.

Auf dem Heimweg schaltete er das Radio ein. Es war ein gewöhnlicher Tag. Friedensgespräche in Afrika abgebrochen. Noch ein Kongressabgeordneter wurde beschuldigt, Wahlkampfgelder abgezweigt zu haben. Vorfälle häuslicher Gewalt hatten erneut zugenommen. Der Wirtschaft ging es nicht gut. Und in Los Angeles hatte eine Massenkarambolage auf einer Schnellstraße einen kuriosen Abschluss gefunden: Zwei Leute, ein Mann und eine Frau, hatten eines der verunglückten Fahrzeuge aufgebrochen und den Fahrer entführt, von dem angenommen wurde, dass er entweder tot oder ernstlich verletzt war. Offenbar hatten sie sich mit ihm davongemacht.

So etwas gab es nur in Kalifornien.

Shel hatte nie viel über seinen Vater gesprochen. Aber Michael Shelborne war für Arbeiten, die Dave nicht ansatzweise verstand, zweimal für den Nobelpreis nominiert worden. Und er hatte eine Möglichkeit gefunden, in der Zeit zu reisen; eine Meisterleistung, von der außer Dave niemand etwas wusste. Er erinnerte sich, dass Shel einmal erwähnt hatte, sein Vater sei über seine Berufswahl enttäuscht gewesen. Wie sein Dad hatte auch Shel Physik studiert, aber ihm fehlte Michaels Genialität, und so war er schließlich Leiter der Pressestelle von Carbolite geworden, einem Hightech-Unternehmen. Aber wenn Michael schon von Shel enttäuscht gewesen war, was musste er dann erst über Jerry gedacht haben, der Anwalt geworden war?

Schon jetzt vermisste Dave Shels Stimme, seine sarkastische Weltsicht, seinen vergnügten Zynismus.

Er seufzte. Die Welt war ein grausamer, quälender Ort. Genieß das Leben, solange du kannst. Er erinnerte sich, wie sein Großvater einmal bemerkt hatte, er solle sein Leben in vollen Zügen genießen. »Solange du kannst«, hatte er gesagt und David aus diesen ausdrucksstarken, meerblauen Augen angesehen. »Du bekommst nur ein paar Jahrzehnte Tageslicht. Wenn du Glück hast.«

Ray White, ein ehemaliger Tennisspieler, der allein nahe der Straßenecke lebte, machte einen Spaziergang. Als Dave abbremste und in seine Auffahrt abbog, winkte er ihm zu. Dave erwiderte die Geste.

Er stieg aus dem Wagen aus, ging hinein und schloss ab. Normalerweise trank er nicht allein, aber heute war er bereit, eine Ausnahme zu machen. Er schenkte sich einen Brandy ein und starrte zum Fenster hinaus. Der Himmel klarte endlich wieder auf. Der Abend würde schön werden. Irgendwo weiter hinten regte sich etwas, vielleicht ein Zweig, aber es hörte sich an, als wäre es innerhalb des Hauses.

Er ignorierte das Geräusch. Der Tag war lang gewesen, und er war müde. Er ließ sich tiefer in den Sessel sinken und schloss die Augen.

Da war es wieder. Vielleicht eine Bodendiele. Kaum mehr als ein Flüstern.

Er schnappte sich einen Golfschläger und ging hinaus in den Korridor, starrte die Treppe hinauf zum Obergeschoss, warf einen Blick in die Küche.

Holz knarrte. Oben. Vielleicht ein Scharnier.

So leise er konnte, stieg er die Stufen hinauf. Er hatte etwa die Hälfte der Treppe hinter sich, als er ein Klicken von der geschlossenen Tür zum mittleren Schlafzimmer hörte. Jemand drehte den Knauf. Dave erstarrte.

Die Tür ging auf. Und Shel kam zum Vorschein.

»Hi, Dave«, sagte er.

TEIL EINS

Alle Zeit der Welt

Kapitel 1

… Entschwunden schon früher

Zu diesem stillen, fremden Ufer!

Werden wir uns begegnen wie bisher

An einem Sommermorgen …

CHARLES LAMB, »HESTER

Adrian Shelborne hatte sich schon in jungen Jahren in die Alte Welt verliebt. Während die meisten Kinder in seiner Schule in den Ferien ans Meer oder in einen Freizeitpark gefahren waren, hatte sein Vater, Michael Shelborne M.A., Ph.D., hauseigenes Genie bei Swifton Labs auf der Nordwestseite von Philadelphia, seine Freizeit dazu genutzt, mit ihm und seinen älteren Bruder Jerry zum Schiefen Turm von Pisa zu reisen, zur Chinesischen Mauer, zum Tadsch Mahal und zur Cheopspyramide. Sie hatten die Sphinx fotografiert, waren durch den Parthenon geschlendert und hatten den Ort besucht, an dem der Leuchtturm von Alexandria gestanden hatte. Aber Michaels Interesse kannte keine Grenzen. Die Familie reiste ebenso auf einem Kreuzfahrtschiff durch den Panamakanal und lugte vom Rand des Grand Canyon hinab auf den Colorado River. Sie besuchten die Victoriafälle, als Adrian gerade acht war, und mit zehn flog er am Fuji vorbei. Er bettelte seinen Vater an, den Everest zu besteigen, aber das kam, so die Worte des älteren Shelborne, vielleicht später einmal infrage. Shel war in vielfacher Hinsicht ein ganz typischer Junge und hätte es geliebt zu erzählen, er habe auf dem Gipfel dieses Berges mit Schneebällen geworfen. Aber er wurde, wie die meisten von uns, mit zunehmendem Alter vernünftiger, vorsichtiger. Als er dreißig war, hätte er sich unter keinen Umständen überreden lassen, solch ein Projekt anzugehen. Oder, da wir schon dabei sind, zu nahe an den Rand des Grand Canyon heranzugehen.

Mit dem Everest ging all das zu Ende, denn Jerry hatte die Mädchen entdeckt, und er hatte die Reisen so oder so nie so sehr gemocht. Er wollte nach Wildwood und den ganzen Sommer am Strand herumsitzen, und so kehrte er in derartigen Angelegenheiten gegenüber dem Bruder sein höheres Alter heraus. In der Folge war Dad die ständigen Nörgeleien leid geworden, und so trat die Strandpromenade an die Stelle der Daibutsu-Statuen und des Kamelreitens in der Wüste.

Shels Vater hatte gehofft, seine Söhne würden eines Tages in seine Fußstapfen treten, aber in Hinblick auf Jerry, der klar zu erkennen gegeben hatte, dass er Jura studieren würde, ließ er die Hoffnung bald wieder fahren. Er bemühte sich, keinen Druck auf Shel auszuüben. Viele Male sagte er ihm: »Tu, was du willst, finde heraus, was dir wichtig ist.« Dennoch hatte Shel stets gewusst, was sein Vater hoffte. Gewusst, wie enttäuscht er über seinen älteren Sohn war. Hinzu kam, dass Shel wissen wollte, warum Menschen stürzten, wenn sie über Dächer spazierten, oder ob der Himmel wirklich unendlich war, und wenn nicht, was war dann am Rand des Weltraums? Also war er nach Princeton gegangen, hatte im Hauptfach Physik studiert, eine mittelmäßige Leistung abgeliefert, sich zu seiner Promotion gezittert und die Universität in dem sicheren Wissen verlassen, dass er nie mehr sein würde als jemand, der die Entdeckungen anderer würde erhärten können.

Sein Problem mit der Physik war, dass er nie so recht imstande gewesen war, sich ein Bild von der Realität zu machen, nie verstanden hatte, inwiefern der Raum aus Gummi bestand. Oder dass er langsamer alterte, wenn er siebzig fuhr, als wenn er seinen Motor im Stand warm laufen ließ. Er wusste, dass all das wahr war, wenn auch etwas überzogen, aber er konnte die Dinge nicht sehen.

Shels Mutter war bei einem Autounfall gestorben, als er gerade vier gewesen war. Er hatte den Unfall miterlebt, war aber ohne einen Kratzer davongekommen. Sie hatte ihn auf seinem Kindersitz angeschnallt, aber versäumt, den eigenen Sicherheitsgurt anzulegen. Er erinnerte sich lebhaft daran, wie er in den Gurt gepresst worden war, an das Kreischen des aus der Form geratenen Metalls und die verzweifelten Schreie seiner Mutter.

Sein Vater hatte nie wieder geheiratet. »Sie ist unersetzlich«, hatte er seinen Söhnen erklärt, die eine Weile gefürchtet hatten, eine fremde Frau könne in ihr Haus einziehen.

Dann, an einem Tag im Oktober 2018, als beide Söhne ihrer eigenen Wege gingen, Jerry in einer Anwaltskanzlei und Shel in der Public-Relations-Abteilung von Carbolite Systems, spazierte Michael aus der Welt hinaus.

Der erste Hinweis darauf, dass etwas Ungewöhnliches im Gang war, erfolgte in Form eines spätabendlichen Telefonanrufs. Es war sein Vater, der mehrere Wochen als Berater in einer Regierungsangelegenheit verreist gewesen war. »Adrian«, sagte er. »Ich wollte dir nur sagen, dass ich zu Hause bin.«

Shel war überrascht. »Ich wusste nicht, dass du kommst.«

»Ich bis vor Kurzem auch nicht. Hör mal, ich habe eine Nachricht für Jerry hinterlassen. Was hältst du davon, wenn wir morgen gemeinsam zu Mittag essen? Hast du Zeit?«

Da war etwas in seiner Stimme. »Dad, ist bei dir alles in Ordnung?«

»Sicher, alles bestens.«

»Okay«, sagte er. »Freut mich zu hören. Wo möchtest du denn essen?«

»Wie wäre es mit diesem Italiener?«

»Servio's?«

»Ja, vielleicht gegen elf Uhr dreißig dann ist es noch nicht so voll.«

»Das ist gut.« Shel hatte sich die Phil Castle Show angesehen. Sie zeigten ein Interview mit jemandem, der versuchte, einen neuen Film zu verkaufen. Er hatte gerade abschalten wollen, als das Telefon klingelte. Nun holte er es nach. »Bleibst du jetzt, oder musst du wieder los?«

»Ich werde mir ein paar Tage freinehmen. Dann gehe ich zurück zu Swifton.«

»Schön zu hören. Wir haben dich vermisst.«

»Ich habe euch auch vermisst, Shel.«

»Und ich freue mich darauf, dich morgen endlich wiederzusehen.«

Von einer vagen äußerlichen Ähnlichkeit abgesehen, hätten Jerry Shelborne und sein Bruder nicht unterschiedlicher sein können. Jerry war mehrere Zoll größer als Shel und hatte sich jahrelang einen Spaß daraus gemacht, seinen Bruder als »die andere Hälfte des Komikerteams« vorzustellen. Jerry war gepflegt und gut in Form. Er war einer dieser Typen, die sich Tag für Tag in ihrem Fitnessclub verausgabten.

Die Kluft, die sich zwischen ihnen aufgetan hatte, beruhte in Jerrys Augen darauf, dass Shel sich durch das Leben schwindelte. Dass er sich den Wünschen seines Vaters gefügt hatte, statt seiner eigenen Muse - das war tatsächlich der Begriff, den er benutzt hatte - zu folgen, und dass Shel folglich den Rest seines Lebens Elektronikgeräte verhökern würde, es sei denn, er kriegte doch noch irgendwann die Kurve. Bedauerlicherweise steckte durchaus ein Körnchen Wahrheit in diesen Vorwürfen. Und das machte sie, logischerweise, noch schmerzhafter.

Jerry sah in seiner eigenen Karriere eine Möglichkeit, »einen Fußabdruck zu hinterlassen«. Seine Argumentation lautete, dass er jene schützte, die er »die kleinen Leute« nannte. »Die Großunternehmen schröpfen uns alle«, so erklärte er gern potenziellen Klienten, »solange wir nicht bereit sind zurückzuschlagen.« Und, um dem Mann gegenüber gerecht zu sein, er schien üblicherweise auf der richtigen Seite seiner Fälle zu kämpfen, auch wenn er offenkundig einen beträchtlichen Teil des Geldes, das im Gerichtssaal den Besitzer wechselte, in die eigene Tasche steckte.

Sie warteten bei Servio's, einem gehobenen italienischen Restaurant nahe der City Avenue, auf ihren Vater. »Letzte Woche hatte ich einen Fall«, sagte Jerry gerade, als Shel auf seine Uhr sah und ihm ins Wort fiel.

»Er ist schon zwanzig Minuten zu spät.«

»Passt gar nicht zu ihm«, entgegnete Jerry.

Shel zog sein Mobiltelefon hervor und wählte eine Nummer. Eine aufgezeichnete Stimme meldete sich: »Dr. Shelborne ist im Moment nicht erreichbar. Bitte hinterlassen Sie Ihren Namen und Ihre Rufnummer nach dem Signalton.«

»Lass uns gehen und nachsehen, wo er bleibt«, sagte Shel. Dann erzählte er der Kellnerin, die er persönlich kannte, was los war. »Sollte er kommen«, sagte er, »dann ruf mich an, ja?«

Michael Shelborne lebte in einem bescheidenen zweistöckigen Holzrahmenhaus an der Moorland Avenue mit zwei großen Eichen im Vorgarten und einem Basketball-Backboard, das Shel als Kind benutzt hatte und das nun mehr oder weniger den Nachbarskindern gehörte. Shel und Jerry fuhren in Shels Wagen vor und parkten in der Einfahrt. Michaels schwarzer Skylark stand in der Garage.

»Warum geht er dann nicht ans Telefon?«, überlegte Jerry laut.

In der Küche und dem Arbeitszimmer brannte Licht. Sie gingen zur Vordertür, und Shel klingelte.

Ein Eichhörnchen spazierte über den Rasen, hielt kurz inne und schaute die Männer an.

Shel klingelte noch einmal und lauschte dem Klingelton.

Jerry drehte den Türknauf. Die Tür war verschlossen. »Hast du deinen Schlüssel dabei?«, fragte er.

Während der Abwesenheit ihres Vaters war Shel von Zeit zu Zeit hergekommen, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. Ein Steuergerät schaltete die Lichter regelmäßig an und aus, um die Illusion zu schaffen, jemand sei zu Hause. Trotzdem war der Skylark zusammen mit ihrem Vater in New Mexico gewesen. Es wäre nicht schwer gewesen herauszufinden, dass niemand hier war.

»Nein«, sagte Shel. »Ich dachte, den brauche ich heute nicht.«

»Vielleicht ist eine der anderen Türen offen.« Sie versuchten es an der Hintertür, aber die war auch verschlossen. Die Nebentür befand sich innerhalb der Garage, aber das Tor war unten, und es verriegelte sich automatisch.

Shel wohnte nur wenige Minuten entfernt. »Ich hole die Schlüssel«, sagte er. »Bin gleich wieder da.«

Die Türkette war vorgelegt. »Kein gutes Zeichen«, sagte Jerry. Er steckte den Kopf so weit wie möglich in den offenen Türspalt. »Dad, bist du da irgendwo?«

»Vielleicht sollten wir 911 rufen.«

»Erst mal sehen, was hier los ist. Wir würden ziemlich dumm dastehen, wenn wir einen Krankenwagen rufen und er nur eingeschlafen ist.« Er klingelte noch einmal.

Shel versuchte es an den Fenstern, aber die waren natürlich auch zu. Auf dem Rasen war kein Stein zu finden, aber ein Ast war von einem Baum abgebrochen und auf die Einfahrt gefallen. Er nahm ihn an sich und ging zurück zur Tür. Jerry sagte ihm, welches Fenster er einschlagen sollte. Das war einer der Gründe, warum er und Jerry nur wenig Umgang miteinander pflegten.

Ehe er den nächsten Schritt unternahm, rief Shel bei Servio's an. »Nein«, sagte man ihm. »Er ist nicht aufgetaucht.«

Shel wählte sich eine andere Stelle als die, die Jerry vorgeschlagen hatte, und rammte den Ast in die Scheibe. Dann griff er durch das Loch, entriegelte das Fenster und schob es hoch.

Jerry stand daneben und wartete darauf, dass Shel hineinkletterte und die Tür öffnete. »Sehr gut«, sagte er, als Shel das noch fehlende Stück Arbeit erledigt hatte.

Wieder riefen sie nach ihrem Vater. Immer noch keine Antwort. Shel hastete die Treppe hinauf und schaute ins Schlafzimmer. Er hatte nicht in seinem Bett geschlafen. Zwei Gepäckstücke, erkennbar voll, aber ungeöffnet, standen unter dem Fenster. Die übrigen Zimmer waren leer. Er ging zurück nach unten, wo Jerry gerade kopfschüttelnd aus dem Arbeitszimmer kam.

»Er ist nicht hier. Sein Gepäck steht oben. Sieht aus, als wäre er nur kurz hier gewesen, um die Koffer abzustellen.«

»Ich verstehe das nicht«, sagte Jerry und hielt eine Brieftasche und einen Schlüsselbund hoch.

»Wo hast du das her?«

»Vom Esszimmertisch.« Er fing an, die Fenster zu kontrollieren.

»Was machst du da, Jerry?«

»Die anderen Türen, hinten und an der Seite, sind beide von innen verriegelt.« Er drehte sich um und zuckte mit den Schultern. »Die Fenster auch. Er muss hier irgendwo sein.«

Shel konnte sich kaum vorstellen, dass sein Vater aus dem zweiten Stock geklettert war, dennoch ging er zurück nach oben und kontrollierte jedes einzelne Zimmer. Die Fenster waren alle verriegelt.

Er war nicht im Badezimmer.

Nicht in einem der Schränke.

Nicht unter dem Bett.

»Irgendwie ist er rausgekommen.«

»Wann warst du das letzte Mal hier, Shel?«

»Mittwoch.« Vor fünf Tagen.

»Die Kette war nicht vorgelegt, als du gegangen bist?«

»Wie sollte sie?«

Jerry griff erneut zu den Schlüsseln. »Ohne seinen Wagen geht er nie irgendwohin.«

Shel ging zurück nach draußen. Frank Traeger, der Nachbar auf der anderen Straßenseite, rechte Laub zusammen. Shel ging zu ihm hinüber.

»Shel«, sagte er. »Schön, dich zu sehen. Wie geht es dir?«

»Gut, Frank. Hör mal, hast du zufällig meinen Vater gesehen?«

»Nein«, sagte er. »Ich hatte angenommen, er wäre zu Hause.«

»Aber gesehen hast du ihn nicht?«

»Nein, nur den Wagen.«

Derweil rief Jerry im Haus die Polizei.

Zwanzig Minuten später hielt ein Wagen vor dem Haus. Zwei uniformierte Polizisten, beides Männer, stiegen aus. Sie stellten einige Fragen, wollten wissen, ob ihr Vater gesundheitliche Probleme hatte, ob er öfter einfach davonspazierte, ohne jemandem etwas zu sagen, ob so etwas schon einmal passiert sei. Anschließend durchsuchten sie das Haus. Dann stellten sie noch ein paar Fragen. Als Jerry erwähnte, dass sie keine Ahnung hatten, wie ihr Vater aus dem Haus herausgekommen sein konnte, beschied ihn der kleinere der beiden, der, der offenbar der Verantwortliche war, dass der Weg hinaus nun wirklich zweitrangig sei. »Finden wir ihn erst mal. Dann können wir uns den Kopf über solche Details zerbrechen.« Als sie fertig waren, sagte er, ja, in Ordnung, sie würden einen Bericht schreiben. »Wir melden es«, sagte der Beamte, ein übergewichtiger Afroamerikaner, der nun eine weitere verrückte Geschichte erlebt hatte, die er seinen Kindern erzählen konnte. Shel nahm an, dass er die ganze Geschichte für einen Schwindel hielt, dass er glaubte, ihr Vater würde seine Söhne nur besonders gewitzt aufs Glatteis führen wollen. »Wir brauchen noch eine Beschreibung«, setzte er hinzu.

Shel trieb ein paar Fotos auf. Auf einigen waren beide Elternteile mit ihren Söhnen zu sehen. Ein anderes zeigte Michael mit seinen fast erwachsenen Kindern unter einem Baum. Und dann waren da noch einige relativ neue Fotos, darunter eines von Vater und Söhnen, als sie zur Eröffnung von Jerrys Kanzlei einen Toast ausbrachten.

»Okay«, sagte der kleinere Polizist. »Wenn er sich bei Ihnen meldet oder Sie herausfinden, was passiert ist, wäre es nett, wenn Sie uns informierten.«

Die Polizisten gingen hinaus und umrundeten das Haus. Dann baten sie Jerry, das Garagentor zu öffnen, und musterten den Skylark. »Ist das sein einziger Wagen?«, fragten sie.

»Ja, Sir«, sagte Shel.

»Es ist sonderbar«, bekundete der Partner. »Kennen Sie jemanden, der Ihrem Vater etwas antun wollte?«

»Nicht, dass ich wüsste«, sagte Shel.

»Okay. Wenn wir etwas herausfinden, melden wir uns bei Ihnen.«

Damit stiegen sie in ihren Streifenwagen und brausten davon.

Ihr Vater unterhielt ein Büro im hinteren Bereich des Hauses. Überall Bücher, vorwiegend solche, die sich mit den Freuden der Physik befassten, der reinen Ekstase der Quantenwelt, der absoluten, ungetrübten Wonne der Null und den glücklichen Zeiten mit der Gravitationskonstante.

Mehrere Bücher, die Shel zuvor noch nie gesehen hatte, lagen auf einem Stapel auf dem Schreibtisch. Petrarcas Canzoniere, Die göttliche Komödie und Das Dekameron. Er klappte sie auf. Sie waren alle auf Italienisch geschrieben. Außerdem lagen zwei Software-Pakete auf dem Schreibtisch: Italienisch lernen für zu Hause und Sprechen Sie Italienisch wie ein Italiener.

Michael Shelborne hatte mit Italienisch wenig zu schaffen. Er hatte vor Jahren ein wenig aufgeschnappt, als sie Rom und Süditalien bereist hatten. Aber das hatte gerade gereicht, um »Hallo« und »Auf Wiedersehen« zu sagen. Und, wie er gern scherzte, für »Sind Sie in festen Händen?«

Am Rand des Tisches entdeckte er eine Ausgabe der Denkschrift Walking with the Wind von John Lewis.

An den Wänden hingen noch mehr Familienbilder von ihm und Mom aus ihrer Jugend. Dann war da eines, das sie alle vier zeigte; Shel saß auf dem Schoß seiner Mutter, und Jerry stand vor ihnen und wiegte einen Baseballschläger in den Armen. Und dann war da noch ein Bild von Clemmie, einer Katze, die ihnen vor vielen Jahren gehört hatte.

Über einem Tisch stapelten sich diverse Auszeichnungen und Zertifikate, in denen Michaels Errungenschaften hervorgehoben wurden. Vielen Dank von Parker Electronics. Mit großer Anerkennung von Deercroft Oversight. Mann des Jahres - Montgomery County. Außerdem war da noch ein Mannschaftsfoto der Phillies aus dem letzten Jahr (Dad war wie Shel ein treuer Fan). Und direkt über dem Drucker hing ein Porträt von Galileo, dessen gefühlvoller Blick auf seinem Teleskop ruhte. Seines Vaters Held.

Shel versuchte es erneut über sein Mobiltelefon. Es klingelte, ein paar Noten von Beethovens Fünfter. Das Telefon lag im Schreibtisch. Er öffnete die Schubladen. Nahm es heraus. Sah außer denen von Jerry und ihm keine weiteren aufgezeichneten Anrufe.

Es war nicht logisch. Jerry ging hinauf, und Shel konnte ihn herumlaufen und Türen öffnen hören.

»Shel.« Jerry trat auf den oberen Treppenabsatz. »Hast du die Roben gesehen?«

»Welche Roben?«

»Im Kleiderschrank. Komm mal eine Minute her.« Jerry kehrte in das Gästezimmer zurück. »Sieh dir das an.«

Mehrere Roben hingen nebeneinander, und das waren die einzigen Kleidungsstücke in dem Schrank. Jerry zog eine hervor. Es war kein Hausmantel. »Sieht eher aus wie eine Toga«, sagte Shel.

Die Robe war dunkelrot und aus einem derben Material gefertigt. Jerry legte sie auf das Bett und nahm eine weitere aus dem Schrank. Schlammbraun, dieses Mal. Wieder der grobe Stoff. »So was trägt man vielleicht auf einer Bühne«, sagte er. »Hast du je mitbekommen, dass Dad ein Interesse an Schauspielerei hat?«

»Dad? Das kann ich mir nicht vorstellen.«

Es waren sechs. Und auf dem Boden des Schrankes fanden sie drei Paar Sandalen. »Ich erinnere mich auch nicht, ihn diese Dinger je tragen gesehen zu haben«, verkündete Jerry.

Shel musterte sie etwas genauer. »Sie wurden aber getragen«, sagte er.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Shel.

Jerry sah eher verärgert aus als besorgt. Er atmete tief ein und betont langsam aus. »Aufgeben und nach Hause gehen«, sagte er. »Und warten, bis wir erfahren, was passiert ist.«

Shel starrte das Haus an, die großen, leeren Fenster, den Schornstein, die vordere Veranda, auf der sie so viele stille Sommerabende verbracht hatten. Dieser Ort steckte voller Erinnerungen an Puzzle- und Kartenspiele und an Aufsätze, die bis zum Unterrichtsbeginn am nächsten Morgen fertig geschrieben werden wollten. Und an alte Freunde und Mädchen, die er einen Sommer lang geliebt hatte.

Doch es war alles fort. Das Haus fühlte sich seltsam an. Es war zu einem Ort geworden, der ihm vollkommen fremd war.

Kapitel 2

Heute lesen wir wissenschaftliche Analysen zum Thema Zeitreisen in seriösen Wissenschaftsmagazinen, verfasst von angesehenen Größen auf dem Gebiet der theoretischen Physik … Wie kam es zu dieser Veränderung? Der Grund ist, dass wir Physiker erkannt haben, dass Zeit ein zu wichtiges Thema ist, es ausschließlich Science-Fiction-Autoren zu überlassen.

KIP THORNE, ENTNOMMEN AUS

PHYSICS OF THE IMPOSSIBLE VON MICHIO KAKU

Am nächsten Tag rief die Polizei bei Shel an und bat ihn, zu Michaels Haus zu kommen, wo er eine Stunde lang befragt wurde. Hatte er etwas von seinem Vater gehört? War so etwas schon einmal vorgekommen? Konnte Shel ihnen eine Liste seiner Freunde und Bekannten geben? Hatte sein Vater seines Wissens irgendwelche Feinde? Hatte je irgendjemand seinen Vater bedroht?

Da die Ermittler sich keine einfache Erklärung für die Roben - es waren sechs - zurechtlegen konnten, nahmen sie sie mit. Außerdem packten sie alles ein, was auf dem Schreibtisch lag, einschließlich des Rolodex' und der Karteikarten. Sogar die Stifte verschwanden.

Einen Tag später, am Donnerstag, brachte der Inquirer die Story. BEDEUTENDER PHYSIKER VERMISST, lautete die Schlagzeile. Die verschlossenen Türen und Fenster wurden nicht erwähnt.

Am Freitag tauchte das FBI mit einem Durchsuchungsbefehl auf. »Reine Routine«, sagte man ihm. »Ihr Vater hat als Berater für die Regierung gearbeitet, also sind wir natürlich interessiert.« Waren Shel irgendwann einmal merkwürdige, fremde Leute aufgefallen, die mit seinem Vater gesprochen hatten? (Die Beschreibung passte zu mindestens der Hälfte derjenigen, mit denen sein Vater üblicherweise zu tun hatte.) Waren ihm Leute mit einem fremdsprachigen Akzent aufgefallen? Sie erkundigten sich auch nach den Roben. Hatte er seinen Vater je eine davon tragen gesehen? Wusste Shel, wozu sie gut waren? Hatte sein Vater möglicherweise ein Doppelleben geführt? War er schwul? Gehörte er irgendeiner Geheimgesellschaft an? Sie zeigten ihm Fotos und fragten ihn, ob ihm eines der Gesichter vertraut erschiene.

Inzwischen riefen Freunde und Verwandte an. »Tut mir leid, das mit deinem Dad.«

»Das kommt alles wieder in Ordnung.«

»Sag uns Bescheid, wenn wir irgendetwas tun können.«

Bei solchen Gelegenheiten wusste grundsätzlich niemand, was er sagen sollte. In gewisser Weise war das noch schwieriger, als wenn sein Vater gestorben wäre. Selbst Shels alter Freund Dave Dryden gab zu, dass er einfach keine Worte fand.

Dave war ein großer, unbekümmerter Bursche, den er bereits seit der Kindheit kannte. Während Shel im Highschoolteam Baseball gespielt hatte, hatte sich Dave, der schon da etwa einsdreiundneunzig groß gewesen war, strikt auf Diskussionen und Schachrunden konzentriert. Trotzdem hatte die Chemie zwischen ihnen gestimmt, und sie hatten ihre Freundschaft noch gepflegt, als die meisten anderen Leute aus dieser Zeit längst auseinandergegangen waren. Als Shel an dem Punkt angelangt war, an dem er einfach mit jemandem reden musste, hatte er sich automatisch an Dave gewandt.

Am Freitagabend trafen sie sich in Lenny Pound's Bar and Grill. Dave mit seinem roten Haar und den grünen Augen war der größte Mensch im ganzen Lokal. Er bewegte sich mit der Geschmeidigkeit eines geborenen Sportlers und war auch noch Linkshänder. Derzeit lehrte er Sprachen und klassische Literatur an der Penn. »Ein vergeudetes Leben«, hatte Shel zu ihm gesagt. »Du hättest für die Phillies spielen können.«

Der Auftritt des FBI faszinierte Dave. »An welcher Art Projekt hat dein Vater mitgearbeitet?«

Shel zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Darüber hat er nie gesprochen.«

»Du meinst, er hat sich gedacht, du würdest es eh nicht verstehen.«

»Vermutlich.«

Freitagabends war es bei Lenny stets laut, und dieser Abend bildete keine Ausnahme. Man musste brüllen, um sich Gehör zu verschaffen. Das war nicht der Ort, den Shel für ein ruhiges Gespräch ausgewählt hätte, aber sie hatten sich angewöhnt hierherzukommen, weil der Laden viele Frauen anzog. Die Musikanlage dröhnte vor sich hin, und die Konversation spielte sich bei etwa tausend Dezibel ab.

Aber es gab so oder so nicht viel zu sagen. Niemand hatte irgendwelche Fortschritte hinsichtlich der Suche gemeldet. Das FBI hatte sich für die verschlossenen Türen interessiert, war jedoch zu dem Schluss gekommen, dass Shels Vater an was immer geschehen sein mochte beteiligt gewesen war.

Schließlich wechselten sie im beiderseitigen Einvernehmen das Thema. »Wirst du nächste Woche trotzdem zu der Aufführung gehen, Shel?«

Das hatte er vergessen. Sie gehörten beide den Devil's Disciples an, einer Gruppe von Theaterliebhabern. Shel mochte das Theater, aber das war nicht der Grund, warum er sich der Gruppe angeschlossen hatte. Die Mitgliedschaft bei den Disciples zog aus Gründen, die sich seinem Verständnis entzogen, eine unmäßige Anzahl hübscher junger Frauen an. Am Dienstagabend würden sie Helden sehen, und Shel hatte noch nie ein Stück von Shaw gesehen, das ihm nicht gefallen hätte. Aber das schien gerade nicht der richtige Zeitpunkt zu sein. »Ich denke, ich passe, Dave.«

Dave reagierte mit Missfallen. »Du kannst doch eigentlich gar nichts tun, Shel. Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, die ganze Nacht in deiner Wohnung herumzusitzen.«

Samstagmorgen brachten die Medien Einzelheiten zu dem Verschwinden. Sie betonten vor allem den Umstand, dass es schien, als habe es keine Möglichkeit für Michael Shelborne gegeben, das Haus zu verlassen. Binnen Stunden hatten die Online-News einen geistesgestörten Physiker aufgetrieben, der etwas von Vakuumfluktuationen erzählte und behauptete, die Regierung unterhielte ein Geheimprojekt, dessen Umsetzung dazu führen könne, dass jemand einfach in eine andere Dimension hinüberträte. »Wenn es wirklich das ist, was passiert ist«, sagte er im Zuge eines Interviews bei Widescope, »dann werden wir ihn vermutlich nie wiedersehen.«

Später im Zuge derselben Befragung sagte er, das Experiment, so es denn tatsächlich stattfände, könnte zu einer Raum-Zeit-Diskontinuität führen.

»Ist das gefährlich?«, wollte der Reporter wissen.

Der Physiker kicherte. »Wir könnten New Jersey verlieren«, sagte er todernst.

Die Geschichte schaffte es auf die Titelseiten. Das führte zu weiteren Sendungen und schließlich zu einer bundesweiten Berichterstattung. Ein neues Gerücht breitete sich aus, demzufolge Shelborne an einem Gerät gearbeitet habe, das seinen Nutzer unsichtbar machen könne. Die diversen Sendergruppen holten mehr Physiker oder angebliche Physiker in ihre Studios und erkundigten sich, ob Unsichtbarkeit möglich sei. Die Antwort war ein nachhallendes Ja. Was zu wirren Fragen über die Gesellschaft, in der wir leben würden, führte, wenn die Leute in der Lage wären, sich oder ihre Autos unsichtbar zu machen.

Sonntagnachmittag nahmen weitere Ermittler Kontakt zu Shel auf und fielen in seines Vaters Haus ein. Sie stellten endlos viele Fragen, darunter nicht eine, die er nicht bereits beantwortet hatte. Tauschten sich diese Leute denn nie untereinander aus?

Shel war überzeugt, er würde einen Anruf erhalten. Oder sein Vater würde mit einer Erklärung auf den Lippen zur Tür hereinspazieren. »Wir haben im Auftrag des Pentagon ein Experiment durchgeführt. Ein neues Gerät, das es Geheimagenten gestattet, durch Wände zu gehen.«

Carbolite stellte eine Vielzahl Unterhaltungs- und Kommunikationsprodukte für Haushalt und Arbeitsplatz her. Das erfolgreichste Produkt sollte Showbiz werden, ein Gerät, das es dem Eigentümer erlaubte, seine eigenen Drehbücher zu laden, einen Regisseur auszuwählen, eine Partitur hinzuzufügen, die Darsteller auszusuchen und ihren Auftritt zu verfolgen. Shel arbeitete gerade an der Vorveröffentlichungswerbung, als seine Sekretärin ihm sagte, ein Mr Joshua Jenkins wolle ihn am Telefon sprechen.

»Bin beschäftigt«, sagte er.

»Er sagt, er sei der Anwalt Ihres Vaters.«

Shel hatte nicht gewusst, dass sein Vater einen Anwalt hatte. »Lassen Sie sich seine Nummer geben, und sagen Sie ihm, ich rufe zurück.«

Er ahnte, worum es ging. Testamentsvollstreckung. Komplikationen, da sein Vater verschwunden und sein derzeitiger Status unbekannt war. Irgendwann, so das Rätsel nicht gelöst wurde, würden er und Jerry vermutlich gezwungen sein, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um ihn für tot erklären zu lassen.

Nein, das konnte es unmöglich sein. Dafür war es noch viel zu früh.

Er griff nach einem Telefon und hämmerte die Nummer in die Tasten. Erreichte eine Sekretärin am anderen Ende. »Washburn und McKay.«

»Hier spricht Adrian Shelborne. Mr Jenkins erwartet meinen Rückruf.«

»Eine Minute, bitte.«

Klicken am anderen Ende, dann eine männliche Stimme. »Mr Shelborne?«

»Ja.«

»Tut mir leid, die Sache mit Ihrem Vater. Gibt es inzwischen etwas Neues?«

»Soweit ich weiß nicht.«

»Schwer zu glauben, dass so etwas wirklich passieren konnte. Nun ja, hoffen wir das Beste.«

»Danke.«

»Mr Shelborne, ich hatte mich gefragt, ob Sie vielleicht die Zeit fänden, mich in meinem Büro zu besuchen? Ihr Vater hat hier etwas für Sie hinterlassen.«

»Wirklich? Was?«

»Ich weiß es nicht. Es ist ein Umschlag. Meine Anweisung lautet, es Ihnen zu geben, sollte er sterben. Oder handlungsunfähig sein. Oder wenn es durch andere Umstände gerechtfertigt scheint.«

»Mr Jenkins, keine dieser Bedingungen trifft zu.«

»Ich weiß. Wenn es Ihnen lieber ist, behalte ich es einfach. Aber ich dachte, Sie sollten wenigstens von seiner Existenz erfahren.«

Jenkins war überdimensioniert, ein kleines Rhinozeros, kahl, mit weißem Spitzbart und stechenden blauen Augen. Er saß in einem ebenso überdimensionierten Sessel und kritzelte in einer Akte herum, als seine Sekretärin Shel in das Büro geleitete.

Er blickte auf. Lächelte. Zeigte auf einen Stuhl. »Ich mag Ihren Vater, Mr Shelborne«, sagte er. »Ich hoffe, Sie finden ihn. Und ich hoffe, es geht ihm gut. Aber ich nehme an, Sie wissen, was man im Allgemeinen über derartige Dinge sagt?«

»Man sagt, dass die Überlebensaussichten, wenn derjenige nicht binnen weniger Tage gefunden wird …« Shel setzte sich. »Ich weiß.« Inzwischen wurde sein Vater bereits seit einer Woche vermisst.

»Ich wollte das nicht am Telefon sagen, weil ich einfach nicht begreife, was da vor sich geht, aber er hat mir gesagt, es bestünde die Möglichkeit, dass er verschwindet.«

Shel musste die Bemerkung mehrfach durch seinen Kopf kreisen lassen, ehe er begriffen hatte, was der Anwalt gesagt hatte. »Er wusste, dass so etwas passieren könnte?«

»Offensichtlich.«

»Warum? Was hat er getan?«

»Ich weiß es nicht.«

»Haben Sie ihn denn nicht gefragt?«

»Natürlich. Er hat sich geweigert, noch mehr zu sagen. Er hat nur gesagt, die Möglichkeit bestünde. Und sollte das passieren, sollte ich Ihnen den Umschlag geben.« Er wirkte verlegen. »Ich war nicht sehr erfreut darüber. Ich habe ihm gesagt, er würde mir eine Erklärung liefern müssen, oder er könne sich einen anderen Anwalt suchen.«

»Ich sehe, was daraus geworden ist.«

»Er kann ein sehr schwieriger Mann sein, Dr. Shelborne. Er hat mir gesagt, es sei unwahrscheinlich, aber für den abwegigen Fall - ich glaube, dass waren seine exakten Worte - für den abwegigen Fall, dass er plötzlich nicht mehr in Erscheinung träte, sollte ich Sie anrufen und Ihnen das hier übergeben.« Er öffnete eine Schreibtischschublade und zog einen Umschlag hervor.

»Wie lange ist das her?«

»Das war im Juni. Vor vier Monaten.« Er reichte Shel den Umschlag. »Ich glaube nicht, dass wir je zuvor so einen Auftrag übernommen haben.«

Shels voller Name stand auf dem Umschlag. Adrian George Shelborne. Er sah den Anwalt an und öffnete den Umschlag. Drin fand er einen Metallschlüssel und eine Nachricht, verfasst in der Handschrift seines Vaters.

Adrian, der Schlüssel gehört zu einem Postfach bei der hiesigen UPS-Niederlassung. Darin wirst du drei Q-Pods finden. Vernichte sie. Ich meine nicht, wirf sie weg; ich meine, nimm sie auseinander. Hämmer sie platt. Wirf sie ins Feuer. Und dann versenk die Überreste mit einem Gewicht im Ozean.

Erzähl niemandem davon. Auch Jerry nicht. Vernichte sie einfach, und dann vergiss sie. Niemand sonst weiß, dass sie existieren. Belass es dabei.

Du und Jerry, ihr seid jetzt die Eigentümer von Swifton mit einem Aktienanteil von ungefähr 70 %o. Ihr könnt natürlich tun, was ihr wollt, aber ich rate euch, behaltet euren Anteil. Macht Markeson zum Leiter. Dem könnt ihr vertrauen.

Ihr beide werdet außerdem den Großteil des Grundbesitzes erben. Ich habe ein paar bescheidene Spenden für einige Wohltätigkeitsverbände veranlasst. Auch hier bleibt euch überlassen, wie ihr im Einzelnen vorgehen wollt. Ich möchte euch dafür danken, dass ihr mir die Söhne wart, die ihr seid. Ihr habt mir in meinem Leben mehr Freude gemacht, als ich je hoffen konnte. Es tut mir leid, dass eure Mutter nicht lange genug gelebt hat, um zu sehen, was aus euch geworden ist. Ich wünsche euch ein langes und glückliches Leben.

Jerry wird einen ähnlichen Brief erhalten, aber ohne die Details zu den Q-Pods.

In Liebe

Sie sahen aus wie ganz gewöhnliche Q-Pods. Vielleicht ein bisschen breiter als die Standardgeräte, auf denen Leute Bücher, Musik und Filme abspeicherten. Jedes war mit einem Akku versehen. Aber eine Sache erregte seine Aufmerksamkeit: Es gab kein Herstellerlogo. Die Geräte waren selbst gebaut.

Er zog einen Plastikbeutel hervor und legte die Q-Pods hinein. Dann rollte er den Beutel zusammen, sodass niemand sehen konnte, was er enthielt. Er schloss das Postfach, verließ die UPS-Niederlassung und ging zu seinem Parkplatz.

Es regnete. Mehrere Leute hasteten vorbei, versuchten, einen Bus zu erwischen, ohne allzu nass zu werden. Unten an der Kreuzung quietschten Bremsen. Vulgäre Beschimpfungen wurden laut.

Wenn sein Vater wollte, dass die Q-Pods zerstört wurden, warum hatte er sie dann nicht selbst zerstört? Und was zum Teufel war darauf gespeichert, dass er ihretwegen so besorgt war?

Er steuerte den Wagen vom Parkplatz südwärts auf die Cavalier Avenue und stand gleich bei der ersten Gelegenheit vor einer roten Ampel. Die Scheibenwischer fegten hin und her und schoben den Regen von der Scheibe. Ein Bus hielt neben ihm. Während er darauf wartete, dass die Ampel umschaltete, öffnete er den Beutel und nahm einen der Q-Pods heraus. Das Ding war nicht eben beeindruckend. Inzwischen gab es kompaktere Geräte. Er wollte ihn gerade einschalten, als der Wagen hinter ihm hupte. Die Ampel hatte umgeschaltet.

Er rollte über die Kreuzung und steuerte mit der rechten Hand. Mit der Linken öffnete er die Klappe. Der Bildschirm leuchtete auf, und schwarze Lettern forderten: NUTZERKENNUNG ANGEBEN.

Besser, er wartete, bis er wieder in seinem Büro war. Er legte das Gerät auf den Beifahrersitz und schaltete das Radio ein.

Er legte die Q-Pods auf seinen Schreibtisch. Nahm einen in die Hand. Landete erneut bei NUTZERKENNUNG EINGEBEN. Gefolgt von genug Platz für sieben Zeichen.

Er tippte michael.

Der Q-Pod blinkte. UNGÜLTIGE NUTZERKENNUNG.

Er versuchte es mit swifton.

UNGÜLTIGE NUTZERKENNUNG.

Was sonst? Sein Vater hatte eine Weile den Namen der Katze als Codewort für alles Mögliche benutzt. Er versuchte es. Clemmie.

UNGÜLTIGE NUTZERKENNUNG.

Er machte weiter, bis ihm nichts mehr einfallen wollte.

An diesem Abend sprach er mit Jerry. Jerry war einverstanden, die Aktien zu halten, solange ein vernünftiges Wachstumspotenzial zu erkennen war. Aber er wollte einen Blick auf die Ertragsrechnungen werfen, ehe er sich festlegte.

Am Morgen suchte Shel Swifton Labs auf. Das Unternehmen seines Vaters. Alle blickten nervös in die Zukunft. Er informierte Edward Markeson über den Wunsch seines Vaters, dass er die Leitung übernehmen solle. »Zumindest, bis Dr. Shelborne wieder da ist.« Dann rief er die Belegschaft zusammen und gab die Neuigkeit weiter.

Anschließend spazierte er durch das Gebäude und versicherte jedem Einzelnen so gut er konnte, dass das Labor weiterarbeiten würde wie eh und je.

Er hatte einen der Q-Pods mitgenommen. Den zeigte er nun entgegen den Anweisungen seines Vaters herum, in der Hoffnung, dass es bei irgendjemandem klingelte. Aber niemand erinnerte sich an das Gerät. Und niemand konnte ihm einen passenden Code vorschlagen, um das Gerät zu aktivieren.

Bei Carbolite musste spürbar geworden sein, wie abgelenkt Shel war, denn als der Nachmittag sich dem Ende zuneigte, rief Linda ihn zu sich und riet ihm, sich ein paar Tage freizunehmen. Sie war eine gute Chefin, klug und umgänglich gegenüber ihren Mitarbeitern. »Ich weiß, diese Sache mit Ihrem Vater belastet Sie, Shel«, sagte sie. »Gehen Sie nach Hause, und kommen Sie zurück, wenn Sie wieder Sie selbst sind.«

Er wandte ein, es ginge ihm gut, aber er würde sich vielleicht trotzdem den Rest des Tages freinehmen.

Er wohnte in einem Stadthaus an der Wallace Avenue, das zwischen einer Apotheke und einem Musikalienhandel in einer ruhigen Gegend lag. Gleich auf der anderen Straßenseite befand sich ein Park. Es gab ein paar Bäume und ein paar Kinder, und ihm gefiel es dort. Er steuerte den Wagen in seine Garage, ging zur Seitentür hinein und ließ sich auf das Sofa fallen. Das aktivierte offenbar sein Mobiltelefon, dessen Klingelton »Love in Bloom« war (in seiner Kindheit hatte er sich mit seinem Vater oft die alten Jack-Benny-Sendungen angesehen). Es war wieder das FBI. »Mr Shelborne, haben Sie ein paar Minuten Zeit? Ich werde Sie nicht lange beanspruchen.«

Sie wollten weitere Informationen über die Mitarbeiter seines Vaters. Wie gut kannte er Lester Atkin? Stand sein Vater irgendwie mit einem James Greavis in Verbindung? Hatte Shel diesen Herren je gesehen? Dann schickten sie ihm ein Bild eines Mannes mit einem Schnurrbart und gefährlichen Augen, der aussah wie ein Auftragskiller.

»Nein«, sagte er. »Ich erinnere mich nicht, ihn je gesehen zu haben.«

Es dauerte mehr als nur ein paar Minuten. Und er kannte keine der genannten Personen. Als er sich erkundigte, ob das FBI eine Verbindung zwischen ihnen und seinem Vater festgestellt habe, verweigerten sie ihm eine Antwort. Dann, als es endlich vorbei war, dankten sie ihm für seine Hilfe und beendeten das Gespräch.

Er griff nach dem Q-Pod. Klappte ihn auf und sah zu, wie der Bildschirm heller wurde.

NUTZERKENNUNG EINGEBEN.

Sein Vater war in puncto Sicherheit nie sonderlich gut gewesen. Er dachte, die Leute würden sich viel zu viele Sorgen machen, weshalb durchaus die Chance bestand, dass er das Codewort irgendwo notiert hatte. Sollte er das getan haben, dann fand sich die Lösung vermutlich irgendwo in dem Material, das die Ermittler aus dem Haus mitgenommen hatten. Und er erinnerte sich in der Tat, den Namen »Clemmie« auf einer der Karten gesehen zu haben. Shel rief die Polizei an und nannte seinen Namen. »Ich würde gern wissen, wann Sie mit den Sachen meines Vaters fertig sein werden.«

Die Person am anderen Ende bat ihn zu warten und informierte ihn anschließend, dass die Ermittlungen in dem Fall noch im Gang seien.

»Das ist mir bewusst. Trotzdem frage ich mich, ob Sie vielleicht die persönliche Habe meines Vaters wieder herausgeben könnten.«

Das erforderte anscheinend eine eingehende Besprechung. Eine neue Stimme, tiefer und bestimmter: »Dr. Shelborne? Ich fürchte, wir brauchen die Sachen noch eine Weile.«

»Wäre es dann vielleicht möglich, dass ich sie mir kurz ansehe?«

»Das ist eigentlich nicht üblich, Doktor.«

»Ich wäre Ihnen wirklich verbunden.« Er dachte sich eine Geschichte über eine dringend benötigte Telefonnummer aus. »Überwachen Sie mich, wenn Sie wollen. Ich werde Handschuhe tragen. Ich möchte nur kurz einen Blick auf sein Rolodex und seine Karteikarten werfen.«

Wieder trat eine Pause ein. Dann: »Okay. Kommen Sie rüber. Wir werden sehen, was wir für Sie tun können.«

Sie führten ihn in einen Nebenraum, wo er unter Beobachtung eines Polizisten die Karten durchblätterte, bis er die mit Clemmies Namen gefunden hatte. Dies war nur eine von neun Zeichengruppen auf der Karte, aber nur zwei andere bestanden aus sieben Zeichen. Eine war Oscar 14. Der einzige Oscar, von dem Shel je gehört hatte, war ein Papagei, der seiner inzwischen verstorbenen Tante Mary gehört hatte. Aber er hatte keine Ahnung, was die 14 bedeuten mochte.

Die letzte Möglichkeit war XX356YY. Die Ziffern hörten sich beinahe wie der Batting Average irgendeines Spielers an, was, bedachte er seines Vaters Baseballleidenschaft, ihn nicht verwundert hätte.

Er erhob sich, dankte dem Beamten und ging.

Draußen auf der Straße fischte er den Q-Pod aus der Tasche. Beide Codes erwiesen sich als falsch.

Da hatte es noch eine Tante namens Eleanor in der Familie seines Vaters gegeben. Er versuchte es damit. Und hatte keinen Erfolg.

Er fuhr nach Hause, schenkte sich einen Scotch ein und setzte sich auf das Sofa. Der Tag war herrlich warm. Haufenweise Kinder spielten auf der Straße.

Als er später zum Abendessen ins Clement's ging, nahm er den Q-Pod mit und spielte an ihm herum, während er auf sein Essen wartete. Er gab die Namen diverser Speisen und Getränke ein, die sein Vater gemocht hatte. Chablis. Hotdogs. Omelett. NYstrip. Und noch ein paar, die er nicht mochte: Polenta. Lobster. Und da sie oft hier zusammen gegessen hatten, versuchte er es auch mit clement.

Als sein Roastbeef mit Stampfkartoffeln und Krautsalat serviert wurde, legte er das Gerät weg und konzentrierte sich darauf, sein Essen zu genießen.

Am Dienstag saß er wieder an seinem Schreibtisch. Den Q-Pod hatte er mitgenommen und zeigte ihn nun den Ingenieuren im Labor. Niemand konnte ihm irgendetwas Hilfreiches sagen, aber man bot ihm an, eine Analyse durchzuführen.

Doch der Gedanke gefiel Shel nicht, nachdem sein Vater so sehr darauf bestanden hatte, dass er die Geräte vernichten solle.

An diesem Abend holte Dave ihn zu der Vorstellung ab und fragte sogleich, ob es irgendwelche Neuigkeiten gäbe.

»Nein«, sagte Shel. »Sie suchen immer noch.« Dann zeigte er ihm den Q-Pod. »Hast du so was schon mal gesehen?«

»Ich glaube nicht. Vielleicht. Ich achte nicht so auf solches Zeug. Was machst du damit? Spiele spielen?«

»Ja«, sagte Shel, und sie machten sich auf den Weg zum Theater.

Dave gestand, dass er sich seit Monaten auf diese Aufführung gefreut hatte. Normalerweise gingen die Disciples in das nahe gelegene Bala-Cynwyd, wo eine Amateurtheatergruppe aktiv war. Dies aber war etwas Besonderes. Ein professionelles Ensemble gab Helden in der Penn.

Zwanzig Minuten vor Beginn der Vorstellung trafen sie ein und besetzten ihre Plätze. Dave erzählte ihm, er habe die Gruppe bei den Proben am Nachmittag bereits gesehen. »Die sind nicht schlecht«, kündigte er an.

Wie so oft bei Collegevorführungen ging es geräuschvoll zu, als der Saal sich füllte. Schließlich wurde das Saallicht gedimmt, das Publikum kam zur Ruhe, und der Vorhang hob sich. Zum Vorschein kam das von Kerzen erleuchtete Schlafgemach eines jungen Mädchens.

Das Schlafzimmer gehört natürlich Raina. Sie steht auf dem Balkon, als ihre Mutter eintritt, sie sieht und verzweifelt aufstöhnt. »Du wirst dir den Tod holen«, sagt sie. Aber sie hat Neuigkeiten über einen großen Sieg im Kriege zu berichten. Die beiden umarmen sich vor Freude. Einige Minuten unterhalten sie sich über das politische Drumherum, um das Publikum in den Stand der Dinge einzuführen. Dann bleibt Raina allein zurück. Sie greift zu einem Buch und geht ins Bett. Die Aufmerksamkeit des Publikums wird auf den Balkon gelenkt. Etwas bewegt sich dort. Und man sieht, wie sich eine männliche Gestalt ins Zimmer stiehlt.

Wenn Shel an diesem Abend etwas brauchen konnte, dann war es Bernard Shaw. Schokolade, so stellt einer der Charaktere fest, ist nützlicher als Kugeln. Und er war für zwei Stunden sehr nahe daran, die Welt außerhalb des Gebäudes zu vergessen.

Als die Vorstellung zu Ende war und die Darsteller ihre abschließende Verbeugung hinter sich gebracht hatten, versammelten sich die Disciples in einem Sitzungsraum, wo sich die Mitwirkenden für kurze Zeit zu ihnen gesellten und sie sich an Hors d'ævres und Erfrischungsgetränken erfreuten.

Zwei neue Mitglieder verstärkten die Disciples an diesem Abend. Eines dieser Mitglieder war Helen Suchenko, eine Frau mit einer Mähne brauner Haare und Augen von der Farbe des Meerwassers. An das andere neue Mitglied konnte Shel sich später nicht mehr erinnern.

Dave stellte ihr Shel mit einem Funkeln in den Augen vor. »Eine alte Freundin«, sagte er. »Ich versuche schon ein Jahr lang, sie zu überreden, sich uns anzuschließen.«

»Ich habe das von Ihrem Vater gehört«, sagte Helen. »Ich hoffe, alles kommt wieder in Ordnung.«

Shel dankte ihr und sagte etwas in der Art von, er freue sich, sie kennengelernt zu haben, und das war schon der wesentliche Inhalt der Unterhaltung. Er hatte das vage Gefühl, dass es eine Verbindung zwischen ihr und Dave gab. Und wie sollte es auch nicht? Die Frau war ein Hammer. Also widerstand er der Versuchung. Außerdem schien es ihm zumindest ein wenig geschmacklos zu sein, sich an eine Fremde heranzumachen, die ihm ihr Mitgefühl entgegengebracht hatte.

Zwei Uhr war längst vorbei, als er nach Hause kam. Er schaltete sein Mobiltelefon wieder ein und sah, dass er eine Nachricht erhalten hatte. »Dr. Shelborne, wir sind mit dem Eigentum Ihres Vaters fertig. Wir wollten Sie nur informieren, dass Sie die Sachen morgen abholen können.«

Er zog die Jacke aus, nahm die Krawatte ab und widmete sich erneut dem Q-Pod. Dieses Mal versuchte er es mit allen physikalischen Begriffen, die ihm in den Sinn kamen. Winklig. Neutron. Quantum. Fission. Geodäte. Er tippte Entität, thermal, nuklear, Isotope und Kinetik. Dann ging er online, um mehr zu suchen.

Irgendwann forderte ihn das Gerät auf, die Akkus zu laden.

Grollend fügte er sich und starrte es an. Was genau tust du also?

Die Phillies hatten zwei Spieler, deren Namen sieben Buchstaben umfassten. Keiner passte. Dann erinnerte er sich an Galileo.

Er tippte den Namen. Drückte ENTER.

Der Bildschirm flackerte kurz. Antwortete: UNGULTIGE NUTZERKENNUNG.

Verdammt.

Vielleicht war es auch gut so.

Er fragte sich, ob Galileo einen Titel gehabt hatte. Professor, vermutlich. Aber das waren mehr als sieben Buchstaben.

Er führte eine Suche durch, fand aber nichts.

Andererseits hatte er definitiv einen Nachnamen gehabt.

Galilei.

Er versuchte es und drückte ENTER.

Der Schirm blinkte. WUNSCHEN SIE ZU REISEN?

Er lachte. Das Ding würde ihm einen Flug buchen. Oder eine Bahnreise.

Er tippte: Ja.

HIER?

Hier? Das ergab keinen Sinn. Nein.

ZIEL?

Er versuchte es mit Kairo. Aber er erhielt nur erneut ZIEL? zur Antwort. Dann, mit einer kurzen Verzögerung: LAT/LONG?

Allmählich wurde es unheimlich. Was zum Teufel passierte da eigentlich? Auf welcher Länge und Breite befand er sich hier? Er zuckte mit den Schultern und tippte ungefähre Werte ein. Breite 41°40'N, Länge 79°03'W.

Ein weiteres Eingabefeld erschien. Das Gerät wollte, dass er das Zielgebiet weiter eingrenzte. Er fügte weitere Ziffern hinzu.

DATUM?

Er zuckte mit den Schultern. Morgen? Warum nicht? Er tippte »24. Oktober 2018«.

ZEIT?

Was zum Teufel wollte das Ding noch? Rechtzeitig für ein spätes Mittagessen. Drei Uhr war so gut wie jede andere Zeit. Er gab die Zeit ein, achtete auf das »P.M.«. STANDARDEINSTELLUNG ZURÜCKSETZEN?

Warum nicht? Ja.

HIER?

Ja.

Auf dem Bildschirm erschien: BEREIT.

Ein großer schwarzer Knopf trug die Aufschrift AUSFÜHREN. Er betätigte ihn.

Das Licht der Lampen wurde schwächer und erlosch.

Das Sofa verschwand. Der Boden kippte und verwandelte sich in eine Grasfläche. Es wurde wieder hell, und er fiel auf die Nase und rollte einen Hang hinab.

Kapitel 3

Die Physik erklärt uns, was unmöglich ist, gleich, wie viel wir investieren. Die Technik erklärt uns, was möglich ist und was es kosten wird.

WALTER F. CUIRLE, NOTEBOOKS

Shel holperte durch ein Brombeergestrüpp, fing sich einige Dornen ein und krachte gegen einen Baum. Über ihm filterte ein Gewirr belaubter Äste das Sonnenlicht. Vögel sangen, aber darüber hinaus herrschte tiefe Stille. Sonnenlicht.

Er sah zur Uhr. Sie zeigte 2:35A.M. an. Wo zum Teufel war er?

Mitten in einem Pulk aus Bäumen. Mitten am Tag. Nein. Eher am Morgen. Der Boden war noch feucht.

Er raffte sich auf und kämpfte darum, auf dem grasbewachsenen Abhang nicht aus dem Gleichgewicht zu geraten. Ein Eichhörnchen lugte hinter einem Gebüsch hervor. Es war kalt. Und er war hier draußen ohne Pullover oder Jacke. Er fing an zu zittern. Und das lag nicht allein an der Temperatur.

Er konnte in keine Richtung mehr als etwa dreißig Meter weit sehen. Der Q-Pod lag auf dem Boden. Er hob ihn auf und sah ihn an. Auf dem Display stand: RÜCKKEHR?

Er suchte in seinen Taschen nach seinem Mobiltelefon, aber er hatte es offenbar nicht dabei. So was passiert, wenn man nicht im Voraus weiß, dass man fortgeht.

»Ist hier jemand?«, fragte er. Dann versuchte er es noch einmal. Lauter. »Hallo! Ist hier jemand? Hilfe!«

Das Eichhörnchen sauste einen Baumstamm hinauf.

Der Q-Pod war zu groß für seine Hosentaschen, also hielt er ihn einfach in der Hand, ehe er sich aufs Geratewohl in eine Richtung wandte und losmarschierte.

Unentwegt dachte er darüber nach, was geschehen war, wie er von der Aufführung zurückgekommen war und wie er verschiedene Ziffernkombinationen an dem Q-Pod ausprobiert hatte. Und plötzlich war er hier gelandet. Er war nicht hier aufgewacht. Der Ort war einfach aufgetaucht. Als wäre er aus seinem Arbeitszimmer direkt in den Wald getreten. In den Sonnenschein.

Er hatte nicht getrunken. Also war die einzig sinnvolle Erklärung, dass er eine Art Schlaganfall erlitten hatte oder eine Form von Bewusstseinsstörung. Er war weggetreten, hatte sich in seinen Wagen gesetzt und war hierhergefahren. Wo auch immer hier war.

Aber das war albern. Es gab in seinem Leben keine Vorgeschichte, die dergleichen hätte erklären können.

Und wo war sein Wagen?

Er lauschte auf Motorengeräusche. Aber er hörte nichts außer den Vögeln. Und dem Wind.

Das Gehen brachte seinen Kreislauf in Schwung, was immerhin ein bisschen half. Bald erreichte er einen Bach, zu breit, ihn zu überspringen, und das Letzte, was er brauchte, waren nasse Füße. Er wandte sich nach rechts und folgte dem Ufer.

Nach etwa eineinhalb Kilometern kam er zu einer Stelle, an der vor Kurzem jemand gelagert haben musste. Inzwischen war er ernsthaft durchgefroren. Er musterte das verkohlte Holz. Vielleicht sollte er versuchen, ein Feuer zu entfachen. Aber er hatte keine Streichhölzer. So etwas trug er nie bei sich. Und wie zum Teufel sollte er ohne Streichhölzer ein Feuer anzünden? Pfadfinder machten gern eine große Sache daraus, Feuer zu entfachen, indem sie Holzstücke aneinander rieben. Er war auch einmal Pfadfinder gewesen, aber Shel hatte nie versucht, ein Feuer mit ein paar Stöcken anzuzünden. Niemand hatte das. Bis auf Tommie Barker, der immer schon gern angegeben hatte.

Er ging weiter.

Nach einer Weile überließ er den Bach sich selbst. Die Sonne stieg höher über den Ästen der Bäume, und er hörte ein Flugzeug. Es flog über ihn hinweg und brummte und brummte, bis das Geräusch allmählich verhallte. Augenblicke später stolperte er über einen halb vergrabenen Pflug, der aussah, als läge er schon ein ganzes Jahrhundert hier draußen. Ein Zaun kam in Sichtweite, und er folgte ihm, sah aber nirgends ein Gebäude, keine Kühe, keine bestellten Felder, nichts.

Dann, endlich, hörte er einen Wagen.

Er war irgendwo vor ihm, und das Motorengeräusch wurde schon leiser. Er hastete aus dem Wald heraus und stand neben einem Highway. Der Wagen krabbelte einen Berg hinauf, erreichte den Gipfel und verschwand gemächlich außer Sichtweite.

Die Straße war zweispurig. Er konnte einen etwa eineinhalb Kilometer langen Abschnitt sehen. In eine Richtung ging es über einen Hügel, in die andere um eine Kurve. Er schlang die Arme um den Oberkörper und wartete.

Ein Pick-up kam in Sicht. Kam um die Kurve. Shel winkte. Bitte.

Der Pick-up wurde langsamer, als der Fahrer in seine Richtung schaute. Sich seine Gedanken machte. Aber er machte keine Anstalten anzuhalten. Ihre Blicke trafen sich, als der Transporter vorüberholperte. Der Fahrer war bärtig und weißhaarig, vermutlich in den Sechzigern. Shel sah ihm nach, als er den Hang hinauffuhr. Zwei weitere Fahrzeuge fuhren vorbei, eines in jede Richtung, ehe ein Prince Electric auf der Hügelkuppe auftauchte und vor ihm an den Straßenrand fuhr. Zwei Männer saßen drin, beide in Arbeitskleidung, beide ungefähr zwanzig Jahre alt.

»Wo soll's denn hingehen, Kumpel?«, fragte der Fahrer.

Er hatte keine Ahnung. »In eine Stadt mit einem Restaurant.«

Die Tür auf der rechten Seite wurde geöffnet, und der Beifahrer blickte zu ihm hinaus. »Sheffield ist ungefähr vier Meilen von hier.« Mit einem Nicken deutete er auf die Kurve. »Springen Sie rein.« Er rückte zur Seite, um Platz zu machen.

Erleichtert kletterte Shel in den Wagen und zog die Tür zu. Für einen Moment schloss er die Augen, als ihn die warme Luft umfing.

»Alles in Ordnung?«, fragte der Beifahrer. »Sie sehen halb erfroren aus.«

»Ja, danke. Ist kalt da draußen.«

»Wo ist Ihr Wagen?«

»Liegen geblieben.«

»Nicht das beste Wetter für so was.«

Sie setzten ihn an einer Chevron-Tankstelle mit einem kleinen Laden ab, der auch Hotdogs anbot. Und guten Kaffee. Aber es gab kein öffentliches Telefon. Vermutlich gab es so etwas so oder so nicht mehr.

Seine einzigen Mittel bestanden aus den wenigen Scheinen, die er zusammengefaltet in einer Tasche hatte. Etwa dreißig Dollar. Seine Brieftasche hatte er nicht bei sich, also hatte er auch keine Kreditkarten, keinen Ausweis, nichts.

»Alles in Ordnung, Mister?« Das war die Verkäuferin, eine grauhaarige Frau, die gleichzeitig als Bedienung fungierte. Sie sah ihn besorgt an, als sie seine Tasse nachfüllte.

»Ja«, sagte er. »Mir geht es gut. Ah, wo bin ich?«

»Sie meinen, wo dieser Ort liegt?«

»Ja, bitte. Ich habe mich verirrt.«

»Sie sind im Allegheny National Forest.«

»Sie machen Witze.« Er war nicht ganz sicher, wo der Wald lag, aber er wusste, dass er nicht in der Nähe von Philadelphia war. »Wir sind aber in Pennsylvania, richtig?«

»Klar.«

Eine große Wanduhr von der Art, wie man sie beim Discounter bekam, zeigte 11:45 an. Auf seiner Uhr war es Viertel nach vier. »Miss«, sagte er, »können Sie mir einen Gefallen tun?«

»Klar. Was brauchen Sie?«

»Ein Telefon. Ich muss ein Ferngespräch führen. Ich bezahle es auch.«

»Warten Sie einen Moment.« Sie ging. Der Kleinanzeigenteil einer Zeitung lag auf dem Nebentisch. Er griff danach und überprüfte das Datum. Die Aufführung hatten sie sich am Dienstagabend angesehen. Jetzt war Mittwochvormittag. Er hatte beinahe acht Stunden verloren.

Mein Gott.

Sie kam zurück und reichte ihm ein Mobiltelefon. Er bedankte sich.

»Schon gut«, sagte sie.

Er stellte seine Uhr nach und rief Dave an.

»Du bist wo?», fragte der.

»Im Allegheny National Forest.«

»Was zum Teufel machst du da draußen?«

»Das ist eine lange Geschichte.«

»Das kann ich mir denken.«

»Kannst du herkommen und mich abholen?«

»Klar. Wo genau bist du?«

»Warte kurz.« Er fragte die Verkäuferin.

»Sheffield«, sagte sie. »An der Route 6.«

Er gab die Information weiter. Dave sagte okay. Dann: »Hattest du eine Panne mit deinem Wagen, Shel?«

»Nein.«

»Warum erzählst du mir dann nicht einfach, was passiert ist?«

»Ich weiß nicht, was passiert ist.« Er war wütend, und sein Gefühl hatte sich auf seinen Ton niedergeschlagen. Die Verkäuferin behielt ihn im Auge, und er wollte nichts sagen, was sie beunruhigen könnte.

»Du weißt es nicht?«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Du meinst, du kannst dich an nichts erinnern?«

»Nicht mehr, seit ich gestern Nacht nach Hause gekommen bin.«

»Du solltest ins Krankenhaus gehen, Shel.«

»Es geht mir gut. Könntest du …?«

»Klar, aber pass auf, ich habe jetzt Unterricht. Eigentlich sind es zwei Kurse, aber für heute Nachmittag kann ich jemanden zur Vertretung holen. Trotzdem musst du ein bisschen Geduld haben. Der Kurs um zwölf fängt gleich an. Danach kann ich dich abholen.«

»Gut. Ich werde hier sein.«

»Ich komme, so schnell ich kann.«

Er rief Linda an. »Tut mir leid, dass ich heute Morgen nicht gekommen bin. Mein Wecker hat versagt, und ich war todmüde nach …«

»Wer ist da?«, fragte sie.

»Shel.«

Lange passierte nichts. Dann legte sie auf.

Er versuchte es noch einmal. »Linda …«

»Hören Sie, wer immer Sie sind, bitte lassen Sie das. Ich habe keine Zeit für Spielchen.« Und sie legte wieder auf.

Die Verkäuferin kam regelmäßig zu seinem Tisch, um nachzusehen, was er so tat. Er erkundigte sich nach den Öffnungszeiten.

»Bis acht«, sagte sie. »Wann werden Sie denn abgeholt?«

»Mein Fahrer kommt aus Philly.«

Mitleid spiegelte sich in ihren Zügen. »Das wird vier, fünf Stunden dauern, schätze ich.«

»Ich weiß.« Ihm kam der Gedanke, dass Dave sich vermutlich abhetzen würde. Keine gute Idee. Es war schließlich nicht so, als würde Shel irgendwohin verschwinden. Er sollte ihn noch einmal anrufen und ihm sagen, er solle sich Zeit lassen.

»Hier ist das Telefon«, sagte die Frau.

Aber er erreichte nur Daves Mailbox.

Er gab ihr das Telefon zurück. »Wenn Sie nichts dagegen haben«, sagte er, »würde ich gern hier drin warten.«

»Natürlich.« Sie lächelte. »Machen Sie es sich bequem.«

Ihr Name war Marilyn. Wenn er wieder daheim wäre, würde er ihr eine Schachtel Pralinen schicken.

Dave traf gegen fünf Uhr dreißig ein. »Ich habe Les angerufen, ehe ich zum Unterricht gegangen bin«, sagte er, als er den Wagen von der Tankstelle und auf der U. S. 6 Richtung Südosten lenkte. Les war Shels direkter Nachbar, der Mann, dem die Apotheke gehörte. »Er sagt, dein Wagen steht in der Garage.«

»Ja. Okay. Übrigens habe ich versucht, dich noch einmal anzurufen. Ich wollte dir sagen, du musst dich nicht beeilen, aber ich habe nur die Mailbox erreicht.«

Dave tastete in seinen Taschen herum, wurde aber nicht fündig. »Ich muss es auf meinem Schreibtisch liegen lassen haben. In den Unterricht nehme ich es nie mit.« Er nickte. »Ja, genauso war es. Weil ich gleich nach dem Unterricht losgefahren bin.« Er zuckte mit den Schultern. »Macht nichts.« Sie krochen hinter einem Sattelschlepper her. Dave wartete auf eine passende Gelegenheit, zog raus und fuhr an ihm vorbei. »Hast du wirklich keine Ahnung, was passiert ist, Shel?«

»Ich habe zu Hause gearbeitet. Und dann war ich da, wo du mich gefunden hast.«

»Und das ist alles?«

»Ja.«

»Was hast du da?« Dave musterte den Q-Pod.

Shel zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Etwas von meinem Vater.«

»Du musst wirklich zum Arzt, Shel«, sagte Dave kopfschüttelnd.

»Sieht so aus.«

Auf der langen Fahrt zurück nach Hause drehte sich das Gespräch vorwiegend um Hirntumore und Amnesie und diverse Neurosen; Themen, mit denen keiner der beiden vertraut war, was Dave aber nicht daran hinderte, munter weiter zu theoretisieren. Schließlich, was sollte es sonst sein? Shel krümmte sich auf der ganzen Fahrt. »Aber selbst wenn ich einen Tumor hätte oder so was in der Art«, sagte er, »wie bin ich dann da rausgekommen? Zu Fuß?«

Sie hatten gerade die Mautstation in Harrisburg hinter sich, als er feststellte, dass er seine Schlüssel nicht bei sich hatte. Er würde in sein Haus einbrechen müssen.

Es war bereits dunkel, als sie an einer Raststätte hielten. Während des Essens fand Shel eine Erklärung. Der Q-Pod musste eine Art mentaler Störung ausgelöst haben. Das würde erklären, warum sein Vater gewollt hatte, dass er die Geräte zerstörte. Die Q-Pods waren Waffen! Allerdings erklärte das immer noch nicht, wie er in den Allegheny National Forest geraten war.

Dave schüttelte den Kopf. Es ergab nach wie vor keinen Sinn. »Ich denke, das hat eher etwas mit dem Druck zu tun, unter dem du stehst. Dein Vater ist verschwunden, Shel. Das zehrt an dir. Es kann kein Zufall sein, dass das so kurz, nachdem du ihn verloren hast, passiert ist.«

»Wie bin ich dorthin gekommen?«

»Vielleicht mit einem Bus. Oder einem Taxi.«

Schließlich, erpicht darauf, das Thema zu wechseln, erkundigte sich Shel nach Helen Suchenko.

»Die ist nett, nicht wahr?«, sagte Dave.

»Ja. Sieht aus wie eine Herzensbrecherin.«

»Sie ist Ärztin.«

»Wirklich? Ahhh …« Er zögerte. »Du hast sie als eine alte Freundin vorgestellt. Wie eng ist denn diese Freundschaft?«

Dave lächelte. »Mach dir keine Gedanken«, sagte er vage sorglos. »Zwischen uns ist nichts Ernstes.«

Shel glaubte, er hätte so etwas wie Widerstreben in der Antwort wahrgenommen. »Sicher?«

»Absolut.«

Dave lieferte Shel kurz vor elf vor seiner Haustür ab. Die Außenbeleuchtung flammte auf, als sie in die Einfahrt einbogen.

Als Erstes warfen sie einen Blick in die Garage. Der Toyota war da, genau wie Les gesagt hatte.

Shel seufzte. »Jetzt müssen wir einbrechen.« Hilflos musterte er das Haus.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Zeitreisende sterben nie" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen