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Zeitreise

A. Alles mit Gott.

1. Mit Gott!

Friedrich Güll

Mit Gott! das sei dein Wanderspruch

in deines Lebens Wanderbuch

Mit Gott! das sei dein Pilgerstab

auf deiner Wallfahrt bis zum Grab

Mit Gott hindurch dein Lebenslauf,

Geh’n dir des Himmels Pforten auf.

2. Das beste Gebet

Claudius

Das Vaterunser ist ein für allemal das beste Gebet; denn du weißt, wer es gemacht hat. Aber kein Mensch auf Gottes Erdboden kann es so nachbeten, wie er es gemeint hat. Das schadet aber auch nicht, wenn wir es nur gut meinen; der liebe Gott muß am Ende noch immer das Beste thun, und der weiß, wie ich es sein soll. Wenn du es aber verlangst, so will ich dir aufrichtig sagen, wie ich es mit dem Vaterunser zu machen pflege.

Siehe, wenn ich es beten will, so denke ich erst an meinen seligen Vater, wie der so gut war und mir so gern geben mochte. Dann Stelle ich mir die ganze Welt als meines Vaters Haus vor, und alle Menschen in Europa, Asien, Afrika und Amerika sind dann in meinen Gedanken meine Brüder und Schwestern, und Gott sitzt im Himmel auf einem goldenen Stuhle und hat seine rechte Hand über das Meer und bis an das Ende der Welt ausgestreckt, und seine Linke voll Heil und Gutes, und die Bergspitzen umher rauchen - und dann fange ich an:

Vater unser, der du bist im Himmel!

3. Gottes Zucht

Fouqué

Wenn alles eben käme,

Wie du gewollt es hast,

Und Gott dir gar nichts nähme

Und gäb´dir keine Last:

Wie wär´s denn um dein Sterben,

Du Menschenkind, bestellt?

Du müsstest fast verderben,

So lieb wär´dir die Welt.

Nun fällt eins nach dem andern,

Manch liebes Band dir ab,

Und heiter kannst du wandern

Gen Himmel durch das Grab.

Dein Zagen ist gebrochen,

Und deine Seele hofft. -

Dies ward schon oft gesprochen,

Doch spricht man´s nicht zu oft.

4. Der werbende Vater

Chr. v. Schmid

Ein Vater war sehr krank und dem Tode nahe. Da rief er noch am letzten Morgen seines Lebens seine Kinder an das Sterbebett zusammen und ermahnte sie zu allem Guten; besonders aber befahl er ihnen, den christlichen Unterricht fleißig zu besuchen und demselbe mit Aufmerksamkeit anzuwohnen.

“Liebe Kinder!” sprach er, “ich habe fünfzig Jahre gelebt und in dieser Welt viele Freuden genossen; die reinsten, seligsten, ja wahrhaft himmlischen Freuden aber hat mir die Religion gewährt; sie bewahrte alle meine irdischen Freuden rein, erhöhte und veredelte sie. Das bezeuge ich vor Gott.

Ich habe fünfzig Jahre gelebt und in dieser Welt vieles gelitten und manchen harten Kampf zu bestehen gehabt; in allen Leiden aber habe ich den besten Trost und dies sicherste Stütze einzig in unserer heiligen Religion gefunden. Dies bezeuge ich vor Gott.

Ich habe fünfzig Jahre gelebt, bin öfters dem Tode nahe gewesen, ja, ich werde den Abend sicher nicht mehr erleben und bezeuge es aus Erfahrung vor Gott: Nur die göttliche Kraft der Religion kann dem Tode seine Schrecken nehmen; nur der heilige Glaube an unseren Erlöser kann uns Mut und Stärke geben, den wichtigen Schritt in die Ewigkeit getrost zu thun und vor Gottes Richterstuhl zu erscheinen.

Bestrebt daher, ihr, unseren göttlichen Erlöser, recht kennen zu lernen und seine heiligen Lehren zu befolgen; dann werdet ihr Gott wohlgefällig sein, zufrieden leben und einst selig sterben.”

Die vernahmen diese Worte unter heißen Thränen. Der Vater starb in der nächsten Stunde; die Kinder aber bewahrten seine letzten Worte ihr Leben lang in ihren Herzen, befolgten sie und lernten nun auch aus Erfahrung, daß lautere Wahrheit enthielten.

5. Heute

Alban Stolz

Ich stehe an einem Bache und schaue in die Wellen, wie sie zittern und wie sie rennen, schnell fortzukommen, und ich schaue mit den Gedanken noch weiter, als die Augen reichen, dem Wasser nach.

Wo gehst du hin, kleine Welle, und wo kommst du her? Du bist am Schwarzwald droben geronnen aus moosiger Quelle und bist ungesehen wild abgestürzt vom Felsgestein - und wie in Schweiß gekommen, schäumt und schnauft das Wässerlein noch eine Zeit lang im engen Thal und fließt dann besänftigt und süß durch schöne, weite Ebenen. Jetzt glänzt das Wasserflöckchen im Sonnenschein, und nachher versinkt er im Schatten von Weidengebüsch, und sechs Stunden später leuchtet es wie ein milder Flämmchen rötlich und goldig im Abendrot. Die Sonne sinkt; aber die Welle wallt fort, bald stahlgrau und dunkel, bald weiß-blau im Mondenschein, oder geht unter in schwarzer Nacht.

So geht es immer vorwärts, und zuletzt stürzt das wilde Wassertröpflein in einen Fluß oder Strom und wird hinunter geschwemmt ins weite Meer. Aber so groß und unergründlich das auch ist, die kleine Welle geht darin nicht verloren, und es gibt ein Auge, das jedem Tropfe im Meere nachkommt.

Man kann oft in Büchern lesen, die sei wie ein Fluß und die Ewigkeit wie ein unendliches Meer. Nun den, ein Tag im Menschenleben, ein “Heute” ist gerade so wie eine kleine Welle, die im Bache schwimmt und sich hebt und glänzt und wieder versinkt.

Es quillt der Tag hervor aus der Nacht und dem Schlaf, glitzert eine Weile an der Helle und sinkt wieder hinab in die Nacht und den Schlaf. So ein Tag ist eine Spanne Zeit, ein Schritt, ein Pendelschlag, ein Ruck vorwärts.

O Mensch, du kannst die Uhr still stehen machen, aber nicht die Zeit und nicht dein Heute. Die Gelehrten sagen, die Erde mit allem, was darauf ist, jage schneller im Weltenraume fort als eine losgeschossene Büchsenkugel, ohne daß wir es sehen. Das ist das stille Jagen, der stille Sturm der Zeit. Laß dein Leben nicht daran zerbrökkeln und zerstäuben in verdorbene, nutzlos verlebte Tage! Jeder Tag wird auferstehen von den Toten ins ewige Leben, dir zum Gericht oder zur schönen Seligkeit. Aber du bist nur Herr und Eigentümer des heutigen Tages; die vergangenen Tage sind unauslöslich eingeätzt im Buche deines Lebens, und vielleicht kommt bald das letzte Blatt, dein letzter Tag; und der Sarg, in den sie dich legen, ist der Gedankenstrich zu deinem verflossenen Erdenleben. Dann nagelt der Schreiner noch den eisernen Schlußpunkt hinein; der Totengräber aber wirft den Streusand über dich hin mit seiner Schaufel. Gott behüte dich!

6. Gottes Allmacht

Hirscher

Gott ist allmächtig! Wer erfasset genug den Umfang und die Tiefe seiner Macht? Alles Sichtbare und Unsichtbare, alle Erscheinungen, Kräfte und Gesetze sind das Werk seines Willens. Alles und alles, vom nadelgroßen Fischchen bis zum Seeungeheuer, von der Mücke bis zum Adler, vom Wurm bis zum Menschen, vom Wassertropfen bis zum Weltmeere, vom Sandkorn bis zum Gebirge, bis zur ganzen Erde und der Sonne und dem ganzen Sonnenhimmel, vom leisesten Lüftchen bis zum Orkan, vom matten Flämmchen der Lampe bis zum flammenden Blitze, bis zur allleuchtenden Sonne; alles Wasser, das unsichtbar in den Höhlen der Erde und in den Dünsten des Himmels ist, alle Tiere des dunkeln Abgrundes, das unendliche Heer der nur dem bewaffneten Auge sichtbaren Infusorien, alles Feuer, das verborgen in den Körpern liegt, alle Luft, die wir atmen, ohne sie zu sehen, alles Leben, das sich überall regt; die Kraft im Gelenke des Wurmes und im Nacken des Löwen, der Bildungstrieb in der Blume des Feldes und in der Biene des Waldes, die Geschicklichkeit, ihre Nahrung zu finden und ihr Nest zu bauen, in der Schwalbe wie im Adler; das Gesetz, nach welchem der Tau sich bildet und der Schnee, die Ähre reift und der Apfel, der Donner rollt und der Blitz fährt, der Winter weicht und der Frühling Gras und Blüten triebt, die Sonne aufgeht und der Mond wechselt, des Menschen und des Tieres Einbildungskraft sich vorstellt, das Gedächtnis behält, der Verstand denkt, des Menschengeistes Vernunft die Wahrheit sucht, seine Phantasie künstlerisch schafft, der freie Wille handelt - zu all diesem sprache Gott: “Es sei!” und es war; zu all´ diesem spricht er “Es bleibe!” und es bleibt. Spricht er: “Vergehe!” so vergeht es; spricht er: “Eine andere Welt werde, Geschöpfe ohne Zahl anderer Art!” so sind sie; trägt er sie, so bleiben sie; zieht er seinen Odem zurück, so zerfallen sie.

7. Gott lebt noch!

Jul. Sturm

Bei Meister Martin war die Not zu Haus.

Aus jedem Winkel guckte sie heraus;

Sie machte sich in Küch´ und Keller breit;

Sie saß am leeren Tisch zur Mittagszeit

Und legte selbst am Abend schadenfroh

Sich mit dem Müden auf die Schütte Stroh.

Und ob's der Meister noch so emsig trieb,

Arbeitend halbe Nächte munter blieb,

Umsonst. es wuchs die Not mit jedem Tag.

Und mutlos ward der Meister allgemach,

Liefs ruh´n die fleißige Hand und seufzte schwer

Und wankte wie ein Schatten bleich umher.

Und mahnte ihn sein Weib, auf Gott zu trau'n,

Zog er zusammen finstrer noch die Brau'n

Und brummte: „Weib, laß mir das Trösten sein!

Uns kann vom Elend nur der Tod befrei'n!”'

Da schwieg die Frau und sprach kein Wörtlein mehr

Und wankte wie ein Schatten bleich umher,

Saß müßig an dem Rocken stundenlang,

Tief in Gedanken still und seufzte bang. -

Da sprach der Mann: “ Was fehlt dir nur, Marie?”

Und als sie schwieg, drang er noch mehr in sie.

Sie sollte ihm ihr Leiden dich gesteh´n;

Er könne sie nicht mehr so traurig seh´n.

Und sie darauf: “Ach, in verwichner Nacht

Hat mir ein Traum das Herz so schwer gemacht.

Ja, bester Mann, ich will dir´s nur gesteh´n,

Ich hab´ im Traum den lieben Gott geseh´n.

Er lag im Sarg; sein Haar war silberweiß,

Und weinend standen Engel rings um Kreis.

Der Helfer starb. Nie endet uns´re Not.

Der liebe Gott, der liebe Gott ist tot.”-

Da lächelte der Mann nach langer Zeit

Zum erstenmal und sprach mit Freundlichkeit:

“Ei, Ei, Marie, wie du so thöricht bist!

Weißt du denn nicht, daß Gott unsterblich ist.

Daß er, erhaben über Raum und Zeit,

Regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit?”-

“Wie,” sprach die Frau, “so glaubst du, lieber Mann,

Daß Gott im Himmel niemals sterben kann,

Daß er derselbe bleibet fort und fort,

Und wählest ihn doch nicht zu deinem Hort

Und setzest deine Hoffnung nicht auf ihn,

Daß Hilfe stets zur rechten Zeit erschien?” -

Da fiel´s wie Schuppen von des Mannes Geist,

“Ja, Gott ist treu, er hält, was er verheißt.

Dank, liebes Weib! du wecktest mein Vertrau´n,

Auf Gottes Hilfe will ich freudig bau´n,

Und zag´ ich jemals wieder in der Not,

Dann frag mich nur: Ist denn der Herrgott tot?”-

8. Du sollst den Sonntag heiligen!

In Lyon lebte zu Anfang dieses Jahrhunderts ein Schuhmacher, der gewöhnlich auch am Sonntage, wenigstens vormittags, arbeitete,. Ein ihm gegenüber wohnender Kaufmann bemerkte dieses und machte seinem Nachbar darüber freundliche Vorstellungen. Der Schuhmacher entgegnete, daß er den Sonntag notwendig zur Arbeit brauche: er sei ein armer Mann, der eine zahlreiche Familie zu ernähren habe; wenn er Sonntags nicht arbeite, erleide er großen Schaden; zudem werde er am Samstag nie mit der Arbeit fertig, er müsse noch ein Stück vom Sonntag dazunehmen.

Der Kaufmann schüttelte über diese Rede ungläubig den Kopf und fragte freundlich: “Ich wünsche nicht, daß Sie und Ihre Familie Schaden leiden; aber machen Sie einmal die Probe, und unterlassen Sie die Sonntagsarbeit ein halbes Jahr lang; thun Sie Ihre Pflicht als Christ, und besuchen Sie fleißig den Gottesdienst! Ich bin gern bereit, Ihnen allen Schaden, den Sie erleiden werden, zu ersetzen. Gehen Sie auf diesen Vorschlag ein?” “Herzlich gern,” war die Antwort. Die Nachbarn gaben sich freundlich die Hände, und der Vertrag wegen der Sonntagsfeier war geschlossen.

Nachdem ein halbes Jahr vorüber war, ging der Kaufmann wieder zum Schuhmacher und sprach: “Brav, herr Nachbar! Sie haben Ihr Wort ehrlich gehalten; nun will auch ich das meinige halten. Sagen Sie mir also, wieviel der Schaden beträgt, den Sie und Ihre Familie durch die Arbeitsunterlassung am Sonntage erlitten haben. Meinem Versprechen gemäß will ich alles bis auf den letzten Heller vergüten.” “O, keinen Pfennig, bester Herr, sind Sie mir zu vergüten verpflichtet,” erwiderte der Handwerker; “vielmehr bin ich Ihnen tausendfältigen Dank schuldig. Sehen Sie, mein Herr, Ihr Rat hat mir statt Schaden nur Gewinn gebracht, und in meinem Hause geht alles seitdem besser. Anfangs, ja, da konnte ich mich an die Enthaltung von der Arbeit am Sonntage nicht recht gewöhnen; es wäre diese und jene Arbeit noch zu Ende zu bringen; allein der Gedanke, es werde mir der Schaden vergütet werden, und die Erinnerung an mein gegebenes Wort hielten mich ab, den Sonntag zu entheiligen. Ich ging dann nach Ihrem Auftrag fleißigen den Gottesdienst, da hörte ich in der Predigt, der ich wohl viele Jahre nicht mehr beigewohnt hatte, manche gute Lehre, manche heilsame Ermahnung zur Geduld, zur Unterdrückung des Zornes, zum Gebete und zu anderen christlichen Übungen, die ich so lange vergessen hatte. Ich versuchte nun wieder einmal das Beten, und wahrlich, Herr Nachbar, es ist zu verwundern, wie es in meinem Kopfe, der so geraume Zeit durch lauter Gedanken ans Irdische ganz wüst und völlig verfinstert worden war, als bald hell und licht wurde. Ich fühlte bald einen lieblichen Frieden in meinem Innern. Nun geht auch die Arbeit am Montag besser von statten, und ich schultere heiter und wohlgemut die ganze Woche fort; dabei bin ich gesund, und meine Kunden mehren sich.”

Tief gerührt zog der Kaufmann seine Geldbörse heraus und gab dem erstaunten Schuhmacher zwei Goldstücke, indem er sprach: “Nehmen Sie dieses als freundliches Andenken von mir und als einen Beweis, wie sehr ich über den glücklichen Erfolg meines Rates erfreut bin. Sie haben erfahren, daß, wenn wir das Unsrige thun, Gott auch das Seinige thut, und daß der Spruch ewig wahr bleibt: An Gottes Segen ist alles gelegen.”

9. Elisabeths Rosen

L. Bechstein

Sie stieg herab wie ein Engelbild,

Die heilige Elisabeth, fromm und mild,

Die gabenspendende hohe Frau,

Vom Wartburgschloß auf die grüne Au.

Sie schon trägt ein Körbchen, es ist verhüllt,

Mit milden Gaben ist´s vollgefüllt;

harren die Armen am Begersfuß,

Auf der Herrin freundlichen Liebesgruß.

So geht Sie ruhig; - doch Argwohn stahl,

Durch Berräters Mund sich zu dem Gemahl,

Und plötzlich tritt Ludwig ihr zürnend nah´

Und fragt die Erschrockende: “Was trägst du da?”

“Herr, Blumen!” bebt´s von den Lippen ihr.

“Ich will sie sehen! Zeige sie mir!”

Wie des Grafen Hand das Körbchen enthüllt,

Mit duftenden Rosen ist´s angefüllt.

Da wird das zürnende Wort gelähmt,

Vor der edelen Herrin steht er beschämt,

Vergebung flehet von ihr sein Blick,

Vergebung lächelt sie sanft zurück.

Er geht, und es fliegt ihres Auges Strahl

Fromm dankend empor zum Himmelsaal.

Dann hat Sie zum Thal sich hinabgewandt

Und die Armen gespeist mit milder Hand.

10. Fluch und schilt nicht

Chr. v. Schmid

Fridolin, ein frommer Bauersmann, sagte öfters: “Wer Gotte recht vom Herzen liebt, dem wird es leicht, das Gute zu thun und das Böse zu meiden.” Er hatte aber einen Knecht, der sehr jähzornig war und dann in die rohesten Fluch- und Scheltworte ausbrach. Fridolin ermahnte ihn öfters, er solle aus Liebe zu Gott den Zorn überwinden. Allein der Knecht sagte: „Das ist mir nicht möglich; Menschen und Tiere machen mir zu viel Verdruß.“

Eines Morgens sprach Fridolin zu ihm: „Matthias, sieh da einen schönen neuen Thaler! Diesen will ich dir schenken, wenn du den Tag hindurch geduldig bleibst und kein zorniges Wort aus deinem Munde hören läßt.“ Dem Knechte gefiel dieser Antrag, und er nahm ihn mit Freuden an.

Die übrigen Dienstboten aber verabredeten es heimlich miteinander, ihn um den Thaler zu bringen. Alles, was sie den ganzen Tag thaten und sagten, zielte nur darauf hin, ihn zornig zu machen. Allein der Knecht hielt sich so tapfer, daß ihn nicht ein einziges zorniges Wörtlein entwischte.

Am Abende gab Fridolin ihm den Thaler, sagte aber dabei: „Schäme dich, daß du einem elenden Stücke Geld zulieb deinen Zorn so gut überwinden kannst, aber aus Liebe zu Gott es nicht thun magst.“ Der Knecht besserte sich und ein sehr sanftmütiger Mensch.

Wenn Gottes Liebe wird dein Herz durchdringen

So wirst du auch das Schwerste leicht vollbringen.

11. Guter Rat

L. Hensel

Wenn dich die Menschen kränken,

Durch Verrat und Trug,

Sollst du fromm gedenken,

Was dein Herr ertrug!

Kommen trübe Tage,

Sieh allein auf ihn;

Freundlich ohne Klage

Geh durch Dornen hin.

Wird dir´s immer trüber,

Nagt dich innrer Schmerz,

Hab ihn immer lieber,

Drück ihn sanft ans Herz.

Machen deine Sünden

Die das Leben schwer,

Suche ihn zu finden!

O, er liebt dich sehr.

Quält dich heimlich Sehnen,

Tief verschwieg´nes Weh.

Sprich zu Gott mit Thränen:

“Herr, dein Will´ gescheh!”

12. Meide die Rachsucht!

Joh. Pet. Hebel

In der Türkei, wo es bisweilen etwas ungerade hergehen soll, trieb ein reicher und vornehmer Mann einen Armen, der ihn um eine Wohlthat anflehte, mit Scheltworten und Schlägen von sich ab, und als er ihn nicht mehr erreichen konnte, warf er mit einem Stein nach ihm. Alle, die dies sahen, verdroß es; aber niemand konnte erraten, warum der arme Mann den Stein aufhob und, ohne ein Wort zu sagen, in die Tasche steckte, und niemand dachte daran, daß er ihn von nun an bei sich tragen würde. Aber das that er.

Nach Jahr und Tag hatte der reiche Mann ein Unglück, nämlich er verübte einen Spitzbubenstreich und wurde deswegen nicht nur seines Vermögens verlustig, sondern er mußte auch, nach dortiger Sitte, zur Schau und Schande rückwärts auf einen Esel gesetzt, durch die Stadt reiten. An Spott und Schimpf fehlte es nicht, und der Mann mit dem Stein in der Tasche stand auch unter den Zuschauern und erkannte seinen Beleidiger. Jetzt fuhr er schnell mit der Hand in die Tasche; jetzt griff er nach dem Stein; jetzt hob er ihn schon in die Höhe, um ihn wieder nach seinem Beleidiger zu werfen, und — wie von einem guten Geiste gewarnt, liefs er ihn wieder fallen und ging mit einem bewegten Gesichte davon.

Daraus kann man lernen: Erstens soll man im Glücke nicht übermütig, nicht unfreundlich und beleidigend gegen geringe und arme Menschen sein; denn es kann vor Nacht leicht anders werden, als es am frühen Morgen war, und “wer dir als Freund nicht nützen kann, der kann vielleicht als Feind dir schaden“. Zweitens, man soll seinem Feinde keinen Stein in der Tasche und keine Rache im Herzen nachtragen. Denn als der arme Mann den Stein auf die Erde fallen ließ und davon ging, sprach er zu sich selber so: „Rache am Feinde auszuüben, solange er reich und glücklich war, das wäre thöricht und gefährlich gewesen, jetzt, nachdem er unglücklich ist, wäre es unmenschlich und schändlich.“

13. Das beste Ruhekissen

Agens Franz

Es lag ein Mann auf seidnem B´fühl,

Doch schlug sein Herz ihm bang und schwül.

Er warf sich hin, er warf sich her,

Als ob sein Bett von Dornen wär,

Und träumt´ er , war´sein banger Traum;

Denn in des Herzens dunklem Raum,

Da wohnte Schuld und Furcht vor Strafen

Und ließ nicht ruhen ihn und schlafen. -

Ein andrer Mann lag nebenbei

Auf einer harten, nierdern Streu,

Doch schlief er sanft udn träumt süß

Vom Himmelsglück im Paradies.

Und fragst du, wer ihn eingewiegt,

Ihn, der so sanft und friedlich liegt?

Sein Engel war´s, sein gut Gewissen,

Das legte sanft sein Ruhekissen.

14. Gottvertrauen

Der Menschen Schicksal steht in Gottes Hand. Sie wird die Braven überall erhalten, wenn Menschen diese Hand nur lassen walten - es ist ja Gottes Hand.

Der Menschen Schicksal ruht in Gottes Hand. Wenn Menschenherzen sich vereinen, wenn treu und brav und bieder sie es meinen, dann schützt sie Gottes Hand.

Der Menschen Schicksal ruht in Gottes Hand. Wer Treue bricht und ohne Güte handelt, mit bösem Herzen böse Wege wandelt, den strafet Gottes Hand.

Der Menschen Schicksal ruht in Gottes Hand. Wer des Gewissens Stimme überhöret, mutwillig braver Menschen Glück zerstöret, der fällt durch Gottes Hand.

Der Menschen Schicksal steht in Gottes Hand. We, er zur Prüfung hat ein beschieden, der sei auch damit findlich still zufrieden; ihn stärket Gottes Hand.

Der Menschen Schicksal steht in Gottes Hand. Sind durch den Tod die Herzen einst geschieden, ins ferne Land entrückt zum ew´gen Frieden: Sie einet Gottes Hand.

15. Und dann?

Alban Stolz

Zum heiligen Philippus Reri kam einst ein Jüngling und erzählte ihm mit großer Freude, daß seine Eltern ihm auf vieles Bitten endlich erlaubt hätten, die Rechtsgelehrsamkeit zu studieren, und daß er keine Mühe scheuen wolle, die Studien recht bald und gut zu vollenden. Der heilige Philippus machte nicht gern viele Worte und fragte nur: “Und dann?” - “Dann werde Advokat,” erwiderte der fröhliche Student. - “Und dann?” fragte der Heilige weiter. - “Dann,” sagte der Jüngling, “dann werde ich viele verwickelte Prozesse zu Ende führen und mir durch meine Kenntnisse und meinen Eifer Ruf und Ansehen zu verschaffen wissen; die Leute werden mir stark zulaufen, um mir ihre Prozesse zu übertragen.” - “Und dann?” fragte der Heilige wieder. - “Dann,” fuhr der junge Mann fort, “dann werde ich ein hübsches Geld mir verdienen, ein schönes Haus an der Hauptstraße kaufen, Pferde und Kutsche anschaffen und ein vergnügtes, herrliches Leben führen. Frohes Mutes kann ich dann dem Alter entgegensehen.” - Ganz ruhig fragte der alte Patriarch wieder: “Und dann?” - “Dann,” sagte der Jüngling langsam, “dann - dann - ja dann - werde ich sterben.” Der heilige Philippus aber erhob die Stimme und fragte noch einmal: “Und dann?” Der Jüngling antwortete hierauf nicht; er bedachte sich, und es stiegen ernste, dunkle Wolken auf in seiner Seele, Gedanken an Tod und Sarg und Grab und an das große, stille Meer hinter dem Grabe, an die Ewigkeit.

Er begriff nunmehr die Absicht des Heiligen und beschloß, vor allem für das Heil seiner unsterblichen Seele zu sorgen.

16. Sei du mit mir!

E. Geibel

Herr, den ich tief im Herzen trage, sei du mit mir!

Du Gnadenhort in Glück und Plage, sei du mit mir!

Im Brand des Sommers, der dem Manne die Wange bräunt,

Wie in der Jugend Rosenhage, sei du mit mir!

Behüte mich am Born der Freude vor Übermut,

Und wenn ich an mir selbst verzage, sei du mit mir!

Dein Segen ist wie Tau den Reben; nichts kann ich selbst;

Doch daß ich kühn das Höchste wage, sei du mit mir!

0 du mein Trost, du meine Stärke, mein Sonnenlicht,

Bis an das Ende meiner Tage sei du mit mir!

17. Sprüche

Im Namen Gottes fang´ich an; Gott ist es, der mir helfen kann. -

Alles mit Gott! - Mit Gott begonnen, ist schon gewonnen.-

Fängst du dein Werk mit Beten an, ist´s um die Hälfte schon gethan.

Bet´und arbeit, so hilft Gott allzeit! - Thue das Deine, Gott thut das Seine! -

Nach oben schau, auf Gott vertau! - Wer Gott vertaut, hat wohl gebaut! -

Vertrau auf Gott! So wirst du auch dir selber trau´n und wirst auf festen

Grund dein Haus mit Ehren bau´n.- An Gottes Segen ist alles gelegen! -

Gott lässt wohl sinken, aber nicht ertrinken!

Wenn die Not am größten, ist Gott am nächsten. -

Leide und trage, dein Weh nicht klage, an Gott nicht verzage! -

Wenn du Gott wolltest Dank für jede Luft erst sagen, du fändest gar nicht

Zeit, noch über Weh zu klagen! -

Alles Ding währt seine Zeit, Gottes Lieb´in Ewigkeit. -

Fürchte Gott, thue recht und scheue niemand! -

Willst du die Krone deines Lebens erben, lern christlich leben und selig

sterben.

B. Der häusliche Herd.

18. Glückliches Hauswesen

Spitta

O selig Haus, wo man dich aufgenommen,

Du wahrer Seelenfreund, Herr Jesus Christ,

Wo unter allen Gästen, die da kommen,

Du der gefeiertste und liebste bist;

Wo allen Herzen dir entgegenschlagen

Und aller Augen freudig auf dich seh'n,

Wo aller Lippen dein Gebot erfragen

Und alle deines Winks gewärtig steh'n.

O selig Haus, wo Mann und Weib in einer,

In deiner Liebe eines Geistes sind,

AIs beide eines Heils gewürdigt, keiner

Im Glaubensgrunde anders ist gesinnt;

Wo beide unzertrennbar an dir hangen

In Lieb und Leid, Gemach und Ungemach,

Und nur bei dir zu bleiben stets verlangen

An jedem guten, wie am bösen Tag.

O selig Haus, wo man die lieben Kleinen

Mit Händen des Gebets ans Herz dir legt,

Du Freund der Kinder, der sie als die Seinen

Mit mehr als Mutterliebe hegt und pflegt;

Wo sie zu deinen Füßen gern sich sammeln

Und horchen deiner süßen Rede zu

Und lernen früh dein Lob mit Freuden stammeln,

Sich deiner freu'n, du lieber Heiland, du.

O selig Haus, wo Knecht und Magd dich kennen,

Und wissend, wessen Augen auf sie seh'n,

Bei allem Werk in einem Eifer brennen,

Daß es nach deinem Willen mag gescheh'n,

Als deine Diener, deine Hausgenossen,

In Demut willig und in Liebe frei,

Das Ihre schaffen froh und unverdrossen,

In kleinen Dingen zeigen grohe Treu'!

O selig Haus, wo du die Freude teilest,

Wo man bei keiner Freude dein vergißt;

O selig Haus, wo du die Wunden heilest

Und aller Arzt und aller Tröster bist;

Bis jeder einst sein Tagewerk vollendet,

Und bis sie endlich alle ziehen aus

Dahin, woher der Vater dich gesendet,

Ins große, freie, schöne Vaterhaus.

19. Die Familie

Nach Deimling

„Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei." Dieses Wort der heiligen Schrift ist der Grund aller menschlichen und geschichtlichen Entwicklung. Die erste Stufe derselben bildet das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern. Ist doch selbst der Tierwelt eingepflanzt, daß die Eltern für ihre Jungen sorgen; und auch den wildesten Barbaren, die jeder anderen Ordnung Hohn sprechen, ist wenigstens dieses Verhältnis mit den gesitteten Böllern gemeinsam. Bei den letzteren aber begnügen sich Vater und Mutter nicht, dem Kinde nur die notdürftigste Nahrung zu reichen; wie sie selbst durch das Band der Liebe dauernd verbunden sind, so ist auch der Zusammenhang zwischen ihnen und ihren Kindern ein unauflöslicher und umfaßt nicht nur die äußere Pflege, sondern jene trachten aufs eifrigste danach, daß ihre Kinder auch der geistigen und sittlichen Güter, welche die Bildung gewährt, teilhaftig werden.

Und was für ein warmes und trauliches Plätzchen das Kind daheim bei den Eltern und Großeltern und neben den Geschwistern hat, und wie hier alle (wenigstens wenn es so ist, wie es sein soll) einander zu Gefallen leben; wie sich der Vater in seinem Geschäft und Beruf abmüht für die Erhaltung und Forderung der Seinigen; wie die Mutter für die Pflege der Kinder und Besorgung des Hauswesens vom frühen Morgen bis zum späten Abend thätig ist — alles dieses und vieles Ähnliche bedarf keines weiteren Ausmalens.

Alle menschliche Geselligkeit beruht auf dem Bande der Familie, dem deshalb auch die Kirche eine besondere Heiligkeit beilegt. Auch der Staat findet in der Familie seine beste Stütze; denn ohne ein geordnetes Familienleben ist kein Staatsleben denkbar. Der kindliche Gehorsam ist gleichsam die Vorschule des staatsbürgerlichen Gehorsams, und aus der Liebe zum häuslichen Herde entspringt die Vaterlandsliebe.

Die Familie ist zugleich der mächtigste Sporn zum Fleiß und zur Sparsamkeit, der Hort der Sittlichkeit und die Pflanzstätte aller edlen Regungen des Menschen.

20. Der Eltern Beruf

Fr. Schiller

Der Mann muß hinaus

ins feindliche Leben,

Muß wirken und streben

Und pflanzen und schaffen,

Erlisten, erraffen,

Muß wetten und wagen,

Das Glück zu erjagen.

Da strömt herbei die unendliche Gabe,

Es füllt sich der Speicher mit köstlicher Habe.

Die Räume wachsen, es dehnt sich das Haus.

Und drinnen waltet

Die züchtige Hausfrau,

Die Mutter der Kinder,

Und herrschet weise im häuslichen Kreise

Und lehret die Mädchen

Und wehret den Knaben

Und regt ohn' Ende

Die fleißigen Hände

Und mehrt den Gewinn

Mit ordnendem Sinn

Und füllet mit Schätzen die duftenden Laden

Und dreht um die schnurrende Spindel den Faden

Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein

Die schimmernde Wolle, den schneeigen Lein

Und füget zum Guten den Glanz und den Schimmer

Und ruhet nimmer.

21. Wenn eine Mutter betet für ihr Kind.

Ferd. Stolle

Der reinste Tön, der durch das Weltall klingt,

Der reinste Strahl, der zu dem Himmel dringt,

Die heiligste der Blumen, die da blüht,

Die heiligste der Flammen, die da glüht,

Ihr findet sie allein, wo, fromm gesinnt,

Still eine Mutter betet für ihr Kind.

Der Thränen werden viele hier geweint,

Solange uns des Lebens Sonne scheint;

Und mancher Engel, er ist auserwählt,

Auf daß er unsre stillen Thränen zählt —

Doch aller Thränen heiligste, sie rinnt,

Wenn eine Mutter betet für ihr Kind.

O, schaut das Hüttchen´dorten, still und klein,

Nur matt erhellt “von eitler Lampe Schein,

Es sieht so trüb, so arm, so öde aus,

Und gleichwohl ist’s ein kleines Gotteshaus;

Denn drinnen betet fromm gesinnt,

Still eine Mutter für ihr Kind.

O, nennt getrost es einen schönen Wahn,

Weil nimmer es des Leibes Augen sah’n;

Ich lasse mir die Botschaft rauben nicht,

Die Himmelsbotschaft, welche zu uns spricht,

Das Engel Gottes sters versammelt sind,

Wenn eine Mutter betet für ihr Kind.

22. Christoph v. Schmid an seine Mutter

Christoph Schmid, von dessen schönen Erzählungen du gewiß schon viele gelesen hast, hatte als Hilfspriester nur ein geringes Gehalt. Sobald er jedoch das erste Geld erspart hatte, ließ er sich ein Goldstück dafür einwechseln und schickte es seiner Mutter zum Geburtstage und schrieb ihr folgendes liebevolle Briefchen dazu:

Liebste Mutter!

Ihr Geburtstag ist allemal ein rechter Freudentag für mich. Ich werde an diesem Tage Gott recht bitten, daß er das unaussprechlich viele Gute, das Sie an mir gethan haben, doch mit tausendfachem Segen vergelten und mir eine so liebe, gute Mutter noch recht lange erhalten wolle. Ich schicke da auch ein kleines Goldstück, daß ich schon lange auf Ihren zusammengespart habe. Verschmähen Sie dies kleine Geschenk nicht! Sie sehen doch wenigstens daraus, daß ich eine größere Lust daran haben, meiner lieben Mutter eine kleine Freude zu machen, als an Spielen, Trinken und anderen Lustbarkeiten der Welt.

Ich bin mit der herzlichsten, kindlichen Liebe

Ihr dankbarster Sohn
Christoph

23. Ein Tochterherz

W. O. v. Horn

In der Stadt Reims in Frankreich lebte ein Kaufmann, Namens Mortier. Er war ein durchaus rechtschaffener Mann, der pünktlich bisher bezahlt hatte und deswegen das Vertrauen der Kaufmannschaft in hohem Grade besah.

Mehrere Bankrotte in Paris brachten ihm aber plötzlich so heftige Schläge bei, daß er die Waren, welche er hier- und dorther bezogen, nicht bezahlen konnte, wenigstens nicht zu der ihm gesetzten Frist.

Der ehrliche Mann konnte sich sagen, daß er ohne seine Schuld in diese bedrängte Lage geraten war. Er entschloß sich daher, nach Paris zu reisen, die Geschäftsbücher seinen Gläubigern offen darzulegen und um Nachlaß oder längere Frist zur Zahlung zu Bitten.

Die rückhaltlose und ehrliche Weise, wie er das that, konnte nur das Vertrauen in seine Denkungsart bestärken. Gern bewilligten ihn daher seine Gläubiger diese Frist, auch wohl einen ansehnlichen Nachlaß, nur einer nicht und gerade der, welchem er am meisten schuldete Dieser verlangte ohne Schonung Geld, und jeder Versuch war vergeblich, ihn auf mildere Gesinnung zu bringen. Der Grund der Härte lag aber nicht in einer Gefühllosigkeit dieses Mannes, sondern darin, daß erst kürzlich ein betrügerischer Bankrott ihn um bedeutende Summen gebracht hatte. Die Art, wie man ihn hinter das Licht geführt, war so nichtswürdig, daß er geschworen hatte, seine Ausstände aufs strengste einzutreiben.

Mit harten Worten verlangte er die Zahlung der Schuld und ließ Mortier, weil er seiner Verpflichtung nicht nachkommen konnte, ohne weiteres in das Schuldgefängnis werfen.

Als diese Nachricht nach Reims kam, traf sie die schuldlos unglückliche Familie Mortiers wie ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel; trostlos weinten Mutter und Kinder. Adeline, Mortiers älteste Tochter, ein edles, frommes Mädchen, faßte nun den Entschluß, ihren Vater zu befreien, und war bereit, selbst ihr Leben dafür hinzugeben.

Was sie aber eigentlich thun wollte, sagte sie niemand, selbst der Mutter nicht. Unter dem Vorwande, dem Vater Wäsche und Kleidungsstücke ins Gefängnis zu bringen, erhielt Adeline von der Mutter die Erlaubnis, nach Paris zu reisen, wozu sich gerade eine passende Gelegenheit ergab; denn ein treuer Freund der Familie reiste nach Paris, und unter seinem Schutze war sie sicher. Alles, was sie an erspartem Gelde und an Wertsachen besah, nahm sie mit.

Kaum war sie in Paris angekommen, so begab sie sich mit ihren Habseligkeiten zu dem Kaufmann, der ihren Vater hatte ins Gefängnis setzen laffen. Sie flehte ihn um Schonung ihres guten Vaters an, und sagte ihm, daß er schuldlos sei und ihn nur der Fall anderer Häuser in die Verlegenheit gebracht habe, nicht augenblicklich bezahlen zu können.

„Haben Sie Mitleid," sprach die gute Tochter, „haben Sie Mitleid mit meinem armen Vater, der den Ruf strenger Rechtlichkeit immer für sich hatte; haben Sie Mitleid mit uns, seinen unschuldigen Kindern! Und rauben Sie den Ernährer, dem Geschäft den Vorsteher, ihm den guten Namen für immer! Ja, wenn Sie auf Ihrer Absicht beharren, so folgt sogar, daß Sie das Haus zum Erklären des Bankrottes nötigen, wodurch Sie alsdann nicht bloß uns, sondern auch sich selbst den größten Schaden zufügen. Befreien Sie ihn aber, so wird er seinen Fleiß verdoppeln und Sie redlich zahlen."

Heiße Thränen rannen über die Wangen des braven Mädchens. Sie nahm nun ihre Schmucksachen und ihr Sparbüchsengeld, legte es vor den Mann hin, der ihr schweigend zugehört hatte, und sagte: „Nehmen Sie dies als Abschlagszahlung! Es ist alles, was ich ' mir seit Jahren erspart habe."

“Ich habe einen Plan entworfen, den Sie billigen werden. Sie bedürfen gewiß in Ihrem Hauswesen eines Dienstmädchens. Ich flehe Sie an, geben Sie mir diese Stelle. Den Lohn, welchen Sie einem solchen Mädchen geben, rechnen Sie jährlich von der Schuld meines Vaters ab. Ich will arbeiten Tag und Nacht, soweit meine Kräfte reichen. Keine Arbeit soll mir zu schwer, keine zu niedrig sein. Ich will sie thun ohne Widerrede, ohne Säumen. Ich will Ihr Bestes fördern, wo ich kann, — nur geben Sie meinen guten Vater frei, daß meine liebe Mutter und meine Geschwister nicht darben müssen, daß keine Schande unsern guten Ruf verderbe und meine kleinen Geschwister einen Erzieher haben. Ich will das Unterpfand sein!"

Sie sprach diese Worte mit einem hinreißenden Gefühle. — Der Kaufmann hatte mit Gewalt seine Thränen unterdrückt, jetzt aber brachen sie unaufhaltsam hervor.

“Ihr Vater," sagte er, „ist ein von Gott reich gesegneter Mann, denn in Ihnen hat er einen reichen Schatz; aber ich erkenne es, er ist auch ein braver Mann, denn nur ein solcher kann solch ein Kind erziehen. Ich danke Gott," fuhr er fort, „daß er Sie zu mir geführt hat; denn Sie sind mir ein guter Engel geworden, der mein Herz von einer Härte heilt, die ihm ein nichts- würdiger Betrüger eingeflößt hat. Gehen Sie hin, Ihr Vater ist frei; aber kehren Sie bald wieder mit ihm zurück; ich muß mit ihm reden "

Schnell schrieb er nun seinen Entschluß dem Gericht, sandte das Schreiben ab, und Mortier wurde aus seiner Haft entlassen. Unaussprechlich war Adelines Glück, unaussprechlich ihre Freude, daß sie ihrem teuren Vater die Freiheit ankündigen durfte. Wie staunte der Vater! Wie innig dankten beide Gott! Wie innig segnete er sein vortreffliches Kind!

Noch aber kannte er nicht alles, was sie gethan. Erst als er mit Adeline zu dem Kaufmann kam und dieser mit der innigsten Bewunderung dem Vater sagte, was sie gethan, schloß er sie unter Thränen an sein glückliches Vaterherz.

“Ehe wir weiter von dem reden, was sich auf unser Geschäft bezieht," sagte der Kaufmann, “muß ich Sie, Herr Mortier, bitten, daß Sie mir gestatten, Ihre Tochter beim Worte zu nehmen. Sie hat sich mir als Unterpfand für Sie eingesetzt, und sie soll es mir bleiben, aber nicht als Dienstmädchen, sondern als liebes Kind soll sie bei uns leben, daß wir ihr schönes Herz noch genauer kennen lernen können."

Der glückliche Vater gab es gern zu und eilte nach Reims, um seine Gattin ihres Leides zu entheben.

24. Kindesdank

Ein achtzehnjähriger Mensch, dessen Eltern arme Taglöhnersleute waren, diente bei einem Bauern. Eines Nachmittags saß er auf seinem Pfluge und ließ seine beiden Ochsen, die von der Arbeit müde geworden waren und sich niedergelegt hatten, ein wenig ausruhen. Da ging ein Bauer aus dem benachbarten Dorfe vorbei und sagte: ,,Weißt du es schon, daß deinen Eltern in der vergangenen Nacht ihre Kuh gefallen ist?”

Der Knecht sprang erschrocken von seinem Pfluge auf, und seine Augen standen voll Thränen. Aber er wußte auch sogleich, was er thun wollte. AIs er heimgekommen war und seinen Ochsen das Futter gereicht hatte, ging er zu seinem Herrn in die Stube und sagte: ,,Gebt mir eine von Euren Kühen! Geld habe ich nicht; aber ich will euch ein ganzes Jahr dafür dienen." Der Bauer nahm den Vorschlag an, und der wackere Sohn führte noch in derselben Nacht die Kuh in aller Stille in den Stall seiner Eltern, ohne ihnen etwas zu sagen. Aber seine Mutter, die am Morgen darauf in den Stall kam, erriet sogleich, wer die Kuh gebracht hatte, und trocknete mit der Schürze mehr als eine Freudenthräne.

25. Vom Undank der Kinder

K. Stöber

Es ist recht und wohlgesagt von alten, weisen Leuten: „Gott, den Eltern und den Lehrern kann man nimmer genugsam danken, noch vergelten." Leider wird aber gar oft erfüllt das gemeine Sprichwort, daß ein Vater leichter sechs Kinder ernähren kann, als sechs Kinder einen Vater.

Man sagt ein Beispiel von einem Vater, der seinen Kindern alle seine Güter, Haus, Hof, Äcker und alle Bereitschaft übergab, weil er hoffte, sie würden ihn ernähren. Da er nun bei seinem ältesten Sohne eine Zeit lang war, wurde der Sohn seiner überdrüssig und sprach: “Vater, mir ist diese Nacht ein Kälblein geboren, und wo jetzt Euer Armstuhl ist, soll die Wiege stehen; wolltet Ihr nicht zu meinem Bruder ziehen, der eine größere Stube hat?" —

Als der Vater eine Zeit lang bei dem andern Sohn gewesen war, wurde der auch seiner müde und sprach: “Vater, Ihr habt gern eine warme Stube, und mir thut der Kopf davon weh; wollt Ihr nicht zu meinem Bruder gehen, der ein Bäcker ist?" —

Der Vater ging; und da er eine Zeit lang bei seinem dritten Sohne gewesen war, wurde er auch diesem zur Last, daß er sprach: „Vater, bei mir geht es aus und ein wie in einem Taubenschlage, und du kannst dein Mittagsschläfchen nicht machen; willst du nicht zu meiner Schwester, der Kähte, die an der Stadtmauer wohnt?” Und der Alte merkte, wieviel es geschlagen hatte, und sprach bei sich selbst: “Wohlan, das will ich thun! Ich will mich aufmachen und es bei meinen Töchtern versuchen! Die Weiber haben ein weicheres Herz!” —

Da er aber eine Zeit lang bei seiner Tochter gewesen war, wurde auch sie seiner überdrüssig und meinte, es sei ihr immer sehr angst, wenn der Vater zur Kirche oder sonst wohingehe und die hohe Treppe hinunter müsse; bei der Schwester Elisabeth brauche er keine Treppen zu steigen, die wohne zu ebener Erde. —

Damit er in Frieden wegkam, gab ihr der Alte zum Schein recht und zog zu seiner anderen Tochter. Und da er eine kurze Zeit bei ihr gewesen war, wurde sie auch seiner müde und ließ ihm durch einen Dritten zu Ohren kommen, ihr Quartier am Wasser wäre zu feucht für einen Mann, der mit der Gicht geplagt sei; ihre Schwester, die Totengräberin bei St. Johannis, hätte eine überaus trockene Wohnung. Der Alte glaubte selbst, sie könne recht haben, und begab sich vor das Thor zu seiner jüngsten Tochter Lene. —

Und als er zwei Tage bei ihr gewesen war, sagte ihr Söhnlein zu seinem Großvater: “Die Mutter sagte gestern zur Base, für dich gäbe es kein besseres Quartier als in einer Kammer, wie sie der Vater grabe.” —

Über diese Rede brach den Alten das Herz, daß er in seinen Lehnstuhl zurücksank und starb. Der Friedhof zu St. Johannisnahm ihn auf und ist barmherziger gegen ihn als seine sechs Kinder; denn er läßt ihn in seiner Kammer immer ungehindert schlafen seit dieser Zeit. —

Darum sagt man im Sprichwort, daß ein Vater leichter sechs Kinder ernähren kann, denn sechs Kinder einen Vater.

26. Geschwisterliebe

K. Stöber

Vor Jahren sollte in der Umgegend von Halberstadt eine ungewöhnlich reiche Ernte eingebracht werden; aber es fehlte an den ausreichenden Händen dazu. Deswegen stellten sich aus der Nachbarschaft mehrere Leute ein, welche mit ihren wenigen Äckern schon fertig waren, und boten gegen Taglohn ihre Aushilfe an. Unter ihnen waren auch zwei kräftige Burschen, die von einem Gutsbesitzer auf die Zeit von vier Wochen fünfzehn Thaler verlangten. Als man sie aber fragte, warum es gerade fünfzehn Thaler sein müßten, antworteten sie: “Unser Bruder, der ein Handwerk gelernt hat, möchte diesen Herbst noch Meister werden und braucht dazu diese Summe. Der Vater aber kann keinen Heller beisteuern, weil er selbst nur ein Taglöhner ist. Wir wollen treu und tüchtig arbeiten und begehren keinen Pfennig, den wir nicht verdienen werden." Dieser Versicherung glaubte der Gutsbesitzer, und die Brüder hielten Wort, als er auf ihre Forderung eingegangen war. Des Morgens waren sie die ersten und des Abends die letzten auf dem Felde. Wenn sie nach Hause gekommen waren und die anderen schon auf der Streu lagen, gingen sie noch an die eine und die andere Arbeit im Hofe. Als aber die vier Wochen um waren, ließ sie der Gutsbesitzer zu sich kommen, zählte die fünfzehn Thaler auf und sagte: „Das ist für Euern Bruder, und das — er legte einen Zehnthalerschein dazu — noch etwas für Euren alten Vater. Sagt ihm, daß ich ihm zu so wackeren Söhnen, wie Ihr seid, Glück wünsche, und daß er zu mir kommen möge, wenn auch Ihr Euch ansässig machen wollt."

27. Unsere Wohnung

Nach Fr. Scholz

In unserer Wohnung verbringen wir die meiste Zeit des Lebens. Sie soll daher unserm Befinden zuträglich, trocken, luftig und hell sein. Feuchte Wohnräume sind ungesund. Sie entstehen, wenn ein Haus auf nassem Grunde erbaut und nicht gut unterkellert ist. Die Feuchtigkeit steigt alsdann aus dem Boden in die Mauern empor, wo sie die Poren ausfüllt, so daß die Luft nicht mehr durch die Wände eindringen kann. Dadurch entstehen schädliche Dünste und bilden sich Pilze, namentlich wenn eine solche Wohnung nicht fleißig gelüftet wird.

Das Lüften ist überhaupt für eine Wohnung von großer Bedeutung. In jedem geschlossenen Raume, wo sich Menschen längere Zeit aufhalten, wird die Luft infolge der Ausatmung und Ausdünstung verdorben. Man hat ausgerechnet, daß wir in einer Stunde ungefähr 375 Liter Luft ein- und somit ebensoviel ausatmen. Die ausgeatmete Luft enthält aber viel Kohlensäure und ist daher für unsere Gesundheit nachteilig. Daraus geht hervor, wie notwendig es ist, daß wir durch häufiges öffnen der Fenster frischer Luft Zutritt in unsere Wohnräume gewähren. Dies darf auch im Winter nicht versäumt werden, zumal sich reine Luft leichter erwärmt als unreine. Gar manche Krankheit kann hierdurch abgehalten oder in ihrer Verbreitung gehindert werden.

Wenn ein Zimmer geheizt wird, so trägt auch der Ofen mit zur Lüftung bei. Verbrauchte Luft entweicht durch den Ofen und den Kamin und wird durch frische Luft, welche durch die Ritzen und Poren der Thüren, ...

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