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Zeitenlos

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Sterben
  27. Danksagung

Über die Autorin

Shelena Shorts hat einen Bachelor in Englisch und einen Master in Pädagogik. Sie unterrichtete sechs Jahre Amerikanische Literatur an Schulen sowie in Online-Kursen. Wenn sie nicht gerade mit Schülern arbeitet, schreibt sie Romane für junge Erwachsene und alle, die im Herzen jung geblieben sind. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Virginia.

www.shelenashorts.com

Kapitel 1

Der Unfall

Gewöhnlich zog mit dem Ende des Sommers eine große Wolke Trübsal auf. Aber nicht in diesem Jahr. Zum ersten Mal kam der September mit dem beruhigenden Wissen näher, dass ich im Schlafanzug zur Schule gehen konnte.

Okay, gehen ist übertrieben. Um ehrlich zu sein, musste ich, was die Schule betraf, nirgendwohin. Ich wälzte mich buchstäblich aus dem Bett, warf den Laptop an, putzte mir die Zähne und loggte mich dann in meinen Stundenplan ein. Es gab keine schlechten Tage mehr, zumindest keine, an denen mich jemand zu Gesicht bekam. Und es gab auch keine Tage mehr, an denen ich nicht wusste, was ich anziehen sollte, keine Berge von Klamotten mehr auf dem Bett, die mir nicht gefielen. Es war alles so einfach. Allein der Gedanke daran nahm meinem letzten Schuljahr viel von seinem Schrecken.

Doch der Weg dahin war nicht leicht gewesen, denn mein scheinbares Glück hatte seinen Preis gehabt. Ich hatte drei Umzüge in drei verschiedene Bundesstaaten über mich ergehen lassen müssen, ehe meine Mutter endlich einsah, dass ich nicht schon wieder als »die Neue« in der Klasse von vorn anfangen konnte. Sie selbst war kontaktfreudig, jeder Umzug war für sie eine Chance, »zu sehen, was da draußen so los ist«. Ich aber hatte nach dem dritten Umzug genug gesehen, und das wusste sie. Deshalb ist mir ihr besorgter Gesichtsausdruck auch noch gut in Erinnerung, als sie das Thema ansprach. »Sophie«, sagte sie, als ich vier Monate der elften Klasse hinter mir hatte. »Ich möchte zurück nach Kalifornien.«

Es ist schon seltsam, dass ich bei diesen Worten nicht ausgerastet bin. Wobei, genau genommen gefiel mir die Idee sogar. Dort war ich zur Welt gekommen, dort lebte meine Oma. Meine einzige Sorge war der Umzug mitten im Schuljahr – doch dann rückte meine Mutter mit der Sprache heraus: Oma war krank. Weil wir sie nicht sich selbst überlassen konnten, zogen wir also um. Meine beste Freundin Kerry und die schneereichen Winter von Virginia tauschten wir gegen die weit entfernte, aber vertraute Sonne Kaliforniens ein.

Der Gedanke, schon wieder von vorne anfangen zu müssen, hatte mich zunächst fast in Selbstmitleid versinken lassen, aber dann entdeckte meine Mutter, dass es in Kalifornien eine Online-Highschool gab. Das bedeutete, dass ich nicht schon wieder das neue Mädchen der Klasse sein würde. Ich vergeudete keine Zeit und schrieb mich ein. Und kaum war das erledigt, ergab sich alles andere fast von selbst.

Meine Mutter fand einen Job in einer der Kliniken auf dem Campus der Universität von Berkeley und kaufte uns ein gelbes Haus mit zwei Schlafzimmern vor den Toren San Franciscos. Es war ein kleines altes Haus, aber sie sagte, es habe »gute Knochen«. Ich hoffte nur, dass die avocadogrünen Elektrogeräte nicht Teil des Skeletts waren.

Das Schönste an dem Haus war die Aufteilung. Ein Schlafzimmer befand sich im ersten Stock, das andere unten; beide hatten Zugang zu der doppelstöckigen Veranda mit ihrem unglaublichen Blick über die hügelige Landschaft. Ich hätte mich in jedem der beiden Zimmer wohlgefühlt, aber meine Mutter bestand darauf, dass ich das obere nahm, weil ich dort mehr Platz hätte, um mir einen Arbeitsplatz einzurichten.

Außerdem hatte ich oben viel Privatsphäre; wie sich zeigen sollte, würde ich mehr davon brauchen, als wir beide erwartet hatten.

Nach wenigen Wochen meinte Mama jedoch, dass ich dort oben zu viel Zeit alleine verbrächte und mehr Kontakt zu anderen Jugendlichen bräuchte. Sie begann mich zu nerven, dass ich an schulischen Veranstaltungen teilnehmen und öfter unter Leute gehen sollte. Mama hatte gut reden; sie unterhält sich sogar mit Fremden im Fahrstuhl. Die Vorstellung von mir auf Rollschuhen, Schlange stehend für ein Eis oder auf irgendeinem Schulausflug fand ich absolut nicht erbaulich. Außerdem würde damit der Zweck der Übung verfehlt, mir die peinlichen Versuche zu ersparen, neue Freunde zu finden. Ich suchte so lange nach Ausflüchten, bis sie mir schließlich ein Ultimatum stellte.

Die Alternative war, einmal in der Woche mit ihr auf dem Campus von Berkeley zu Mittag zu essen. Ich brauchte nicht lange, um zu begreifen, dass dieser Vorschlag gar nicht so schlecht war. Immerhin ermöglichte Mama mir, die Onlineschule zu besuchen, sodass ich das Haus ansonsten nicht verlassen musste. Der einzige visuelle Kontakt, den ich zu Jugendlichen meines Alters hatte, war der grüne Punkt neben ihren Namen, wenn wir gleichzeitig online waren. Wenn sie also wollte, dass ich mich mit ihr zum Lunch treffe und dieser Abstecher zum Campus für sie als Kontakt mit anderen Kids durchging, würde ich mich ganz bestimmt nicht beschweren. Tatsächlich freute ich mich sogar darauf.

Ich merkte schnell, wie groß der Unterschied zwischen Campus und Highschool war. Wenn mir danach war, konnte ich auf dem Campus in Jogginghosen und einem nicht dazu passenden T-Shirt aufkreuzen, und nur meiner Mutter würde das auffallen. Das machte es mir leicht, meinen Teil der Abmachung zu erfüllen. Also traf ich sie jeden Donnerstag, und sie war im Gegenzug damit einverstanden, dass ich weiterhin in meinem Zimmer zur Schule ging.

Es war ein guter Deal, der so schnell zur Gewohnheit wurde, dass wir unsere wöchentliche Verabredung fast den ganzen Sommer hindurch einhielten. Die einzige Ausnahme waren die letzten drei Ferienwochen, als ich Kerry in Virginia besuchte. Weil Mama und ich noch nie so lange getrennt gewesen waren, benahm sie sich, als würde es sich um eine Ewigkeit handeln.

Und kaum war ich wieder da, vergeudete sie keine Zeit, unsere Tradition wieder aufleben zu lassen. »Los, mach schon, Sophie«, drängte sie. »Komm am Donnerstag. Ohne dich schmeckt es nicht richtig.«

Sie hätte gar nicht so dick auftragen müssen. Ich wäre auch so gekommen. Das Essen war nämlich viel besser als die Sandwiches mit Erdnussbutter und Marmelade, die ich zu Hause meistens aß; und dass ich mein Abschlussjahr online absolvieren konnte, war es mehr als wert, mich eine Stunde lang von ihr ausfragen zu lassen. Daher war ich in der letzten Augustwoche auf dem Weg nach Berkeley, um unser gewohntes Treffen bereitwillig wieder aufzunehmen.

Als ich ankam, herrschte auf dem Campus Hochbetrieb. Das Semester hatte bereits begonnen, und ich rechnete damit, dass es angesichts der vielen herumkreisenden Autos voller Studenten, die nicht zu spät kommen wollten, fast unmöglich sein würde, einen Parkplatz zu finden. Da ich es nicht eilig hatte, fuhr ich die Reihen meist geduldig ab, bis ich eine freie Lücke fand. Diesmal hatte ich Glück. Ich fand so schnell einen Parkplatz, dass ich tatsächlich noch vor Mama bei unserem bevorzugten Sandwichladen eintraf.

Ich ging hinein und fand einen Tisch an einem der großen Glasfenster, die den Blick auf den Garten freigaben. Das Ambiente wirkte so gar nicht schulmäßig, doch dann bemerkte ich, dass die meisten Gäste unter einundzwanzig waren und wie Schüler Rucksäcke mit sich herumschleppten. Einige saßen lachend mit ihren Freunden zusammen. Andere aßen allein und lauschten ihrem iPod. Während ich wartete, versuchte ich, niemanden allzu offensichtlich anzustarren, aber ein Mädchen in der Ecke fiel mir auf. Ich beobachtete, wie sie einen Stapel Bücher aus ihrer Umhängetasche zog und darin blätterte. Ich überlegte, welche Kurse sie wohl belegt hatte, und dachte an meinen eigenen Stundenplan.

Auf dem Lehrplan standen dieses Jahr Englische Literatur, Staats- und Wirtschaftswissenschaften, Algebra II, Naturwissenschaften, Physik und Fotografie. Ziemlich normal also, es hätte schlimmer kommen können. Ich mochte Englisch und Naturwissenschaften und war wegen des Fotokurses schon ganz aufgeregt. Staatswissenschaft würde auf der Liste meiner Lieblingsfächer ganz hinten stehen. Beim Gedanken an dieses Fach rümpfte ich die Nase. In dem Moment beugte sich meine Mutter zu mir herunter und küsste mich auf die Wange.

»Hallo, Liebling, woran denkst du?«

»Nur an meinen Stundenplan«, antwortete ich vage.

Sie setzte sich mir gegenüber. »Aha. Bist du nervös?«

»Wegen was?«

»Na, wegen deines Abschlussjahres. Das letzte Jahr, bevor du endgültig erwachsen bist.«

»Bitte, Mama. Fang bloß nicht jetzt schon damit an, dass du mich vermissen wirst.« In Erwartung des unvermeidlichen Gesprächs über meine Zukunft ließ ich die Schultern hängen. Ich wusste noch nicht so richtig, was ich machen wollte.

»Ich sage doch gar nichts. Nur, dass es ein wichtiges Jahr für dich wird.«

»Ich weiß.«

Sie hielt kurz inne und beugte sich dann vor, als wollte sie mir ein Geheimnis verraten. »Ich bin kurz vor dem Verhungern und werde heute nichts mit dir teilen. Ich glaub, ich nehme diesen riesigen Geflügelsalat.«

Ich war erleichtert, dass sie nicht darauf bestand, das Gespräch über meine etwas diffuse Zukunft weiterzuführen. »Klingt gut«, sagte ich und stand schnell auf, um unsere Bestellung aufzugeben. Normalerweise war das Anstehen in der Essensschlange ziemlich unspektakulär, aber diesmal schien ich einen Schatten zu haben. Als ich mich umdrehte, sah ich einen älteren Mann in einem Tweedjackett. Er sagte zunächst nichts, stand aber so dicht hinter mir, dass ich ihn unmöglich ignorieren konnte. Ich versuchte den Abstand zu vergrößern, und er versuchte mir wieder auf die Pelle zu rücken. Schließlich tippte mir eine faltige Hand auf die Schulter.

»Verzeihung«, sagte der Mann höflich. Ich drehte mich um und zog fragend die Augenbrauen hoch. Er sah mich so konzentriert an als sei ich ein Gemälde. »Sie kommen mir so bekannt vor.« Ich warf ihm einen prüfenden Blick zu und war sicher, ihn noch nie gesehen zu haben. Er neigte den Kopf und beäugte mich über den Rand seiner Brille. »Diese jadegrünen Augen würde ich überall wiedererkennen.«

Jetzt begann ich mich echt unwohl zu fühlen. »Ähm, es tut mir leid, aber ich kenne Sie nicht.« Ich lächelte so freundlich ich konnte und wandte mich ab. Doch ich spürte seinen Blick im Rücken.

Der Mann gab nicht so leicht auf. »Hat Ihre Mutter hier studiert?«, fragte er.

Ich drehte mich halb zu ihm um. »Nein, hat sie nicht.« In der Hoffnung, ihn endgültig abgewimmelt zu haben, versuchte ich ein letztes gezwungenes Lächeln.

»Sind Sie sicher? Sie war in keinem einzigen Kurs?«

»Ja, ich bin mir ganz sicher.«

»Sie sehen einer jungen Dame sehr ähnlich, die ich vor Jahren unterrichtet habe. Sie war in meinem Fotografiekurs.«

»Wie nett.« Ich verstand nicht, was diese Fragen sollten, lächelte noch einmal und machte zwei weitere Schritte Richtung Tresen. Ein oder zwei Minuten vergingen.

»Vielleicht war Ihre Tante hier?«

Oh Mann. Ich drehte mich wieder um. »Nein, es tut mir leid. Niemand, den ich kenne, hat hier studiert.« Glücklicherweise fragte das Mädchen hinter dem Tresen in dem Moment nach meiner Bestellung.

Ich hatte keine Ahnung, was der Typ von mir wollte, aber ich war es nicht gewohnt, von Fremden darauf angesprochen zu werden, dass ich jemandem ähnlich sah. Die meisten warfen einen Blick auf meine Mutter und sahen mich dann an, als wäre ich ein Adoptivkind. Sie hatte eine sehr helle Hautfarbe und ihre leuchtenden rotblonden Naturlocken waren zu einem Bob geschnitten. Meine Haut hatte das ganze Jahr hindurch eine natürliche Bräune, und mein dunkles Haar war der absolute Gegensatz zu ihrem. Es war nicht nur schwarz, sondern auch glatt und von den Schultern abwärts leicht gestuft. Das Einzige, was ich von ihr geerbt habe, sind die grünen Augen und die schlanke Figur.

Ich bin definitiv nach meinem brasilianischen Vater geraten, aber weil er in unserem Leben nie eine Rolle gespielt hatte, gab es für die Leute keinerlei Anhaltspunkte, wenn sie über mein Aussehen spekulierten. Stattdessen wurde ich regelmäßig gefragt, wo ich herkäme. Die Feststellung, dass ich jemandem ähnlich sah, überraschte mich deshalb.

Noch einmal drehte ich mich zu dem Professor um, der mich immer noch anstarrte. Ich nickte ihm zu und trug das Essen zu unserem Tisch.

Kaum hatte ich mich hingesetzt, da bediente sich meine Mutter auch schon von den Pommes auf meinem Teller und legte mit der Planung meines bevorstehenden achtzehnten Geburtstags los. Bis dahin waren es nur noch drei Tage, und sie konnte einfach nicht aufhören, darüber zu reden. Einen Augenblick hatte ich das Gefühl, dass Mama selbst wieder achtzehn war. Sie liebte es, Dinge zu planen, und ich ließ sie deshalb gewähren. Meine einzige Bitte war, das Ganze so schlicht wie möglich zu halten, und das versprach sie. Mir blieb nichts anderes übrig als abzuwarten, ob sie sich auch daran halten würde.

Der Weg zurück zu meinem Wagen schien nach dem Essen immer endlos, doch das machte mir nichts aus. So hatte ich Zeit nachzudenken, außerdem war die Gegend wunderschön. Auf dem Campus standen die faszinierendsten Bäume, die ich je gesehen hatte. Sie waren mehr als ungewöhnlich, geradezu bizarr. An einem der Wege stand eine riesige Eiche mit einem gewaltigen Stamm, aus dem vier oder fünf dicke Äste herausragten. Sie waren zuerst in die Höhe gewachsen und hatten sich dann geneigt, sodass ihre Spitzen den Boden wie eine gewaltige Kralle berührten.

Am westlichen Ende des Campus befand sich eine Gruppe von Bäumen mit ganz normalen Stämmen. Doch die kräftigen Äste hatten in alle Richtungen ausgetrieben und schraubten sich wie gewellte Pommes fein säuberlich in die Höhe. Es war der eigenartigste, aber auch lustigste Anblick, den man sich vorstellen kann. Mir machte dieser Spaziergang absolut nichts aus, und ich hoffte wirklich, dass Naturmotive eine Aufgabe in meinem Fotografiekurs sein würden. Und selbst wenn nicht, war klar, dass ich unbedingt noch mal hierherkommen musste, um Fotos zu schießen.

In der Zwischenzeit aber musste ich bis zum Schulbeginn irgendetwas tun, und deshalb legte ich auf dem Weg nach Hause einen Stopp in einer Secondhand-Buchhandlung ein, um dort vielleicht ein interessantes Buch zu finden.

Der Laden war so klein, dass die Frau hinter der Kasse die Stimme kaum erheben musste, um mich zu begrüßen. Ich erwiderte ihr Lächeln und machte mich auf den Weg in die Hardcover-Abteilung. Weil ich mit meinen Büchern ziemlich grob umging, wurden Taschenbücher bei mir nie alt. Ich brauchte Bücher, die stabiler waren, und von ihnen gab es mehrere Regale voll. Ich begann ganz oben und arbeitete mich auf der Suche nach irgendeinem alten Wälzer systematisch nach unten durch.

Ich stand auf Klassiker und hatte eine ganz besondere Vorliebe für gebrauchte Bücher, am liebsten mit Widmung und Datum. Solche Einträge führten dazu, dass ich meiner Fantasie freien Lauf ließ und mir ausmalte, wie der frühere Besitzer wohl ausgesehen haben mochte. Gebrauchte Bücher hatten einfach mehr Charakter, fand ich.

Ich hatte die Frauenromane halb durchgesehen, als mir ein Buch auffiel, das besonders alt aussah. Es war ein viktorianischer Klassiker von Elizabeth Gaskell mit dem Titel »North and South«. Auf einem der bräunlich verfärbten Seiten stand eine verblasste Widmung: Herzlichen Glückwunsch zum 18. Geburtstag, Liebling. Alles Liebe, Mama. 8. Oktober 1962.

Das war schon etwas eigenartig. Ich fröstelte ein bisschen angesichts des persönlichen Bezugs zu mir und klemmte das Buch unter den Arm. Es kam mir so passend vor, dass ich es kaufte.

Zu Hause goss ich mir ein großes Glas Limonade ein und setzte mich auf meine Veranda, wo ich las und gleichzeitig die Aussicht genoss.

Es war zwar ein gutes Buch, doch als Geschenk für eine Tochter schien es mir eine merkwürdige Wahl. Es sei denn, dachte ich, die Tochter war der Heldin der Geschichte ähnlich gewesen. Sie musste ein starkes Mädchen gewesen sein, das sich über soziale Ungerechtigkeit den Kopf zerbrach und seinem Herzen folgte. Ich seufzte angesichts dieser Vorstellung, und das Buch fühlte sich plötzlich so schwer an, als würde seine eigene Geschichte auf ihm lasten. Doch es erfüllte seinen Zweck und würde mich bis zu meinem Geburtstag am Sonntag beschäftigen.

Ich wachte morgens wie an jedem anderen Tag auf. Doch als ich mir die Zähne putzen wollte, wurde ich vom Anblick eines mit lila und rosa Luftballons gefüllten Badezimmers völlig überrascht. Mama. Das war typisch für sie. Auf den Spiegel war ein weißes Papier geklebt, das mit pflaumenfarbenen Herzen übersät war, und auf dem in Großbuchstaben stand: »Herzlichen Glückwunsch. Ich hab dich lieb!«

Ich musste lächeln, als ich den Zettel vorsichtig löste und zur Seite legte. Dann schaute ich mich ganz genau im Spiegel an, doch ich bemerkte keinen Unterschied. Ich sah aus wie immer. Ich überlegte, ob sich vielleicht irgendetwas anders anfühlte. Ein bisschen. Ich war jetzt achtzehn, und das war irgendwie cool.

Hätte ich gewusst, was ich mit meinem Leben anfangen wollte, wäre ich vielleicht erwartungsvoller gewesen. Aber ich hatte meine Bestimmung noch nicht gefunden, und das beschäftigte mich. Ich mochte alles, was mit Medizin zu tun hatte, aber ich war mir nicht sicher, ob ich Krankenschwester werden wollte. Mir schwebte etwas Aufregenderes vor, etwas, für das ich mich wirklich anstrengen musste. Doch jedes Mal, wenn ich an meine Zukunft denken wollte, war da nichts als Leere, und mir fiel einfach nichts ein. Ich verdrängte diese ungewissen Gedanken, und ohne noch einmal in den Spiegel zu blicken, putzte ich meine Zähne.

»Sophie!«, rief meine Mutter von unten.

»Ja?«, brüllte ich zurück.

»Komm runter. Das Frühstück ist fertig.«

»Okay, ich komme.« Schon von Weitem konnte ich den Schinkenspeck riechen und ging mit einem Lächeln die Treppe hinunter. Es roch gut, und ich hatte Hunger.

Ich setzte mich an den Tisch, und Mama bestand darauf, alle meine Lieblingsgerichte aufzufahren. Der Teller war beladen mit Rührei, Bratkartoffeln und Schinkenspeck. Außerdem gab es auch noch eine im Ofen gebackene, mit Zimt und Zucker bestreute Grapefruit. Meine Augen wurden groß. Zuerst nahm ich die Grapefruit in Angriff. Als mein Teller halb leer war, hielt meine Mutter es nicht mehr länger aus.

»Willst du dein Geschenk jetzt oder später?«, fragte sie und war schon fast von ihrem Stuhl aufgestanden.

»Jetzt ist gut«, antwortete ich, um sie nicht zu enttäuschen.

Sie sprang auf und kehrte mit einer Schachtel zurück, deren Anblick mich zum Lachen brachte. Hier saß ich, gerade stolze Achtzehn geworden, und sie hatte mein Geschenk in leuchtend rosa Papier mit Teddybären darauf eingepackt. Ich verdrehte die Augen.

»Mach es auf«, sagte sie.

Ich band die riesige Schleife auf und zog das Papier weg. Zum Vorschein kam ein Karton, in dem sich eine digitale Kamera mit 10.0 Megapixeln befand. »Mama!«

»Gefällt sie dir?«

»Natürlich gefällt sie mir. Aber was hast du dir dabei gedacht? Das wär wirklich nicht nötig gewesen.«

»Doch, Schatz. Du brauchst für deinen Kurs eine Kamera, und du redest die ganze Zeit vom Fotografieren.«

»Mama, ich brauche zwar eine Kamera, aber nur eine ganz normale Digitalkamera. Die hier ist viel zu übertrieben.«

»Nein, ist sie nicht. Du verdienst sie. Das ist etwas, was du lange benutzen kannst.«

Ich umarmte sie, und sie drückte mich, während sie mich auf die Wange küsste. »Danke«, sagte ich.

»Keine Ursache.«

Ich stand auf und stellte meinen Teller in die Spüle, doch sie redete weiter. »Ich bin noch nicht fertig.«

»Mama. Ich habe dir doch gesagt, dass du aus meinem Geburtstag keine große Sache machen sollst. Du tust schon genug für mich.« Ich drehte mich zu ihr um. Sie zog ein Gesicht. »Na gut. Raus damit.«

Es stellte sich heraus, dass sie Pläne für das Abendessen hatte. Sie würde diesen Meilenstein in meinem Leben nach Kräften feiern. Es hatte überhaupt keinen Sinn, sich zu sperren, also ruhte ich mich in meinem Zimmer aus, bis es Zeit war zu gehen. Den größten Teil des Nachmittags telefonierte ich mit Kerry und fotografierte die herrliche Aussicht von meiner Veranda. Gegen fünfzehn Uhr ließ meine Mutter mich wissen, dass wir gleich los müssten. »Ach, übrigens«, rief sie zu mir hoch. »Zieh dir etwas Nettes an.«

»Wie nett?«, schrie ich zurück.

»Nur keine Jeans«, hörte ich ihre sich entfernende Stimme.

Okay. Keine Jeans. Ich ging zum Schrank und inspizierte meine Garderobe. Ich besaß nicht viele wirklich schicke Sachen, aber ich fand eine schwarze Caprihose und ein schwarz-weiß gestreiftes Tankshirt. Außerdem besaß ich schwarze Sandaletten, die schick, aber bequem waren, und zog sie an. Meine überdimensionierte burgunderrote Tasche war für den Anlass eigentlich etwas zu lässig, aber ich mochte den Stil, und deshalb griff ich danach. Ohrringe trug ich keine, nur eine Halskette, einen mit braunen Steinen bedeckten Kreuzanhänger, den ich gebraucht gekauft hatte – das war’s für mich in Sachen Schmuck.

Meine Mutter hatte sich deutlich mehr Mühe gegeben. Sie hatte ebenfalls schwarze Capris an, doch dazu trug sie ein blaugrünes T-Shirt aus Satin, eine goldene Kette um die Hüften, Ohrringe und jede Menge Armbänder. Das Outfit war Welten entfernt von ihren Arztkitteln.

Es dauerte nicht lange, bis ich heraushatte, dass wir nach San Francisco fuhren.

Sie lud mich in ein Fischrestaurant mit Panoramablick über die Bucht ein. Es war definitiv nicht der richtige Ort für Jeans, und die Hauptgerichte waren erheblich teurer als alles, was wir sonst aßen. Ich fand das Ganze völlig übertrieben.

»Mama, das ist wirklich nicht nötig.«

»Sophie, du bist meine einzige Tochter. Ich will, dass du einen schönen Geburtstag hast. Mein kleines Mädchen wird erwachsen. Das ist ein großes Ereignis.«

Ich fühlte mich etwas unbehaglich. Sie scheute keine Mühe, mich glücklich zu machen, und ich machte mir Sorgen, was passieren würde, wenn ich einmal auszog. Ich konnte mir meine Mutter nicht allein vorstellen, schob den Gedanken daran aber erst mal beiseite und widmete mich der extravaganten Speisekarte. Die Hälfte der Gerichte kannte ich nicht einmal. Deshalb bestellte ich als Hauptgang das einzige vertraut Klingende, und das war ganzer Kabeljau aus dem Ofen. Laut Karte handelte es sich dabei um Backfisch mit Pommes nach Art des Hauses. Ich mochte Pommes, also schien es eine sichere Wahl zu sein. Doch dann wurde meine Bestellung gebracht und starrte mich im wahrsten Sinne des Wortes an.

Ich hatte nicht erwartet, dass ganzer Fisch tatsächlich ein ganzer Fisch war. Der Anblick des kleinen Kerls auf meinem Teller, komplett gebraten, schockierte mich. Meine Mutter lachte, aber ich fand das gar nicht witzig und würde auf keinen Fall etwas essen, was Augen hatte. Sie bot mir eilig an, meinen Fisch zu nehmen, und gab mir von ihrem Hummerschwanz ab, den ich mit meinen Pommes aß. Er war lecker, und ich war bald satt. Aber auch wieder nicht zu satt, um mir nicht noch den dreilagigen Schokoladenkuchen mit Vanilleeis vorzunehmen, der zu Hause auf uns wartete.

Am nächsten Morgen war es offiziell. Mein Abschlussjahr hatte begonnen. Ich fuhr meinen Rechner hoch und loggte mich auf der Homepage der Schule ein. Alle meine Kurse waren im Hauptmenü gelistet. Ich klickte einen nach dem anderen an und druckte den Lehrplan sowie die Aufgabenlisten aus. Anschließend arbeitete ich mich bei jedem Kurs durch die Anforderungen des ersten Tags, die meistens darin bestanden, mich im Forum vorzustellen, und auf Einträge anderer Klassenkameraden zu antworten. Es war der Versuch, die Schüler zur Kommunikation untereinander zu animieren. In einer normalen Schule würde der Lehrer irgendeinen Schüler nach vorn holen, der etwas über sich und seine Hobbys erzählen sollte; danach müsste ein anderer, ebenso zufällig ausgewählter Schüler auf diese Vorstellung eingehen.

Es war absolut blödsinnig, aber online kamen Lehrer damit durch, weil der Peinlichkeitsfaktor durch die Anonymität nicht ganz so hoch war. Wir hatten Glück, dass keiner von uns vor der Klasse stehen musste, doch es war auch so peinlich genug. »Hallo, ich heiße Sophie, und ich bin in der zwölften Klasse. Ich mag Musik und lese gerne auf der Veranda.«

Ich konnte mich darauf verlassen, dass einer meiner Mitschüler entsprechend antworten würde. »Cool. Ich bin auch in der Zwölf und mag Musik.«

Ich machte das für alle sechs Kurse. Als ich mit der Vorstellerei fertig war, ging ich noch einmal jeden Kurs durch, fand den Beitrag eines anderen Mitschülers, den noch niemand beantwortet hatte und schrieb, was alle anderen auch geschrieben hatten: »Cool. Nett, dich kennenzulernen. Ich bin auch in der Zwölf.«

Danach machte ich weiter und sah mir sämtliche Aufgabenlisten für das Semester an. Die Abgabetermine waren vorgegeben, und ich konnte loslegen, wann immer ich wollte. Ziemlich überrascht stellte ich fest, dass einige Aufgaben bereits in der ersten Woche fällig waren. Die zwölfte Klasse schien kein Zuckerschlecken zu werden. Ich griff nach meinem MP3-Player, legte mich aufs Bett und hörte meine Lieblingsmusik, um mich zu motivieren. Es dauerte eine Stunde, aber schließlich klappte es.

In der folgenden Woche hatte ich schon eine gewisse Routine entwickelt und war meinem Aufgabenplan sogar voraus. Ich erntete die Vorteile des Lernens im Internet und freute mich auf ein Fotoprojekt, für das ich ein Motiv aus der Natur nehmen konnte. Ich dachte sofort an den bizarren Krallenbaum auf dem Campus und hatte am Donnerstag meine Kamera in der Tasche, als ich zum Mittagessen fuhr.

Diesmal konnte mir das Essen nicht schnell genug gehen. Ich war ungeduldig, weil ich endlich die Fotos machen wollte, aber meine Mutter war extrem neugierig. Sie stellte mir Millionen Fragen über meine Klassenkameraden und wollte wissen, ob es jemanden mit den gleichen Interessen gab, weil sie es nicht abwarten konnte, dass ich Freundschaften schloss. Ich wollte sie nicht ganz entmutigen.

»Ja, Mama. Ich habe einige aus dem Abschlussjahr getroffen, die Musik mögen.«

»Wirklich?«, fragte sie und freute sich. »Das ist aber schön. Du bist doch auch im Abschlussjahr und magst Musik.«

»Ich weiß. Unglaublich, nicht wahr? Was für ein Zufall«, entgegnete ich und machte große Augen.

»Sehr witzig, Sophie. Du musst mehr aus dir herausgehen und Menschen kennenlernen. Geh zu den Partys. Möglicherweise wirst du dann merken, dass ihr viele Gemeinsamkeiten habt, nicht nur Musik.«

»Okay, mach ich«, sagte ich in der Hoffnung, dass sie Ruhe geben würde.

Nach dem Mittagessen nahm ich mir auf dem Campus mehr Zeit als sonst. Ich machte einige Fotos von der Eiche und ging dann zurück zu meinem Auto. Ich war gerade am Parkplatz, da erhielt ich eine SMS von Kerry: CHEMIELEHRER NUR GEIL. Ich lachte, als ich zum Auto ging, konnte ihr aber nicht gleich antworten, weil es unhöflich gewesen wäre, meinen Parkplatz noch länger zu blockieren, während die Geier darauf warteten. Stattdessen beschloss ich, ihr an der nächsten roten Ampel zu schreiben, setzte mich in den Wagen und legte das Handy in den Schoß.

Ich wollte gerade rückwärts rausfahren, als es wieder piepste. Was denn jetzt?, dachte ich, als ich einen Blick auf das Handy warf. Ich nahm es hoch und öffnete die Nachricht. Schon wieder Kerry: MMMMH, LECKER, schrieb sie. Ich grinste, legte das Handy in die Konsole und widmete mich wieder dem Ausparken.

Es gab gleichzeitig einen gewaltigen Stoß und ein krachendes Geräusch. Ich stieg auf die Bremse und brüllte etwas, was nicht die Zustimmung meiner Mutter gefunden hätte. Dann drehte ich mich um, um zu sehen, was passiert war und stellte fest, dass ich rückwärts in einen vorbeifahrenden Wagen gekracht war. Fragen schossen mir in schneller Abfolge durch den Kopf: Was ist passiert? Wie schlimm ist es? Was mache ich jetzt? Rufe ich Mama an? Rufe ich die Polizei? Steige ich aus? Bringt mich der andere um? Bin ich ein Idiot? Die einzigen Antworten, die mir spontan einfielen, waren: Ja, ich war ein kompletter Idiot, und ja, ich sollte schleunigst aussteigen und mich entschuldigen.

Ich öffnete die Tür und stieg aus. Den Schaden an meinem Wagen sah ich mir gar nicht an, ich war viel zu sehr damit beschäftigt, eine Entschuldigung zu formulieren. Die dicke Beule an der Seite des glänzend schwarzen Wagens riss mich abrupt aus meinen Gedanken. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, und hielt geschockt nach dem Besitzer des Autos Ausschau, der gerade um das Fahrzeug herumging und den Schaden inspizierte.

»Es tut mir so leid«, sagte ich und schaute verschreckt wie ein Reh im Scheinwerferlicht. »Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Ich habe dich nicht gesehen …« Mitten in meiner gestotterten Entschuldigung wandte sich der Junge von seinem Wagen ab und mir zu – und bekam große Augen. Na toll, dachte ich. Ich hab’s geschafft. Der Typ ist sauer. Wie peinlich. Muss der denn auch noch so niedlich sein? Ich schluckte, blickte auf und sah in ein unglaublich ebenmäßiges Gesicht. Nichts fiel irgendwie aus dem Rahmen; das i-Tüpfelchen dieser perfekten Inszenierung war das auffällige dunkelbraune Haar, das sich an den Spitzen leicht kräuselte. Ich war mir nicht sicher, was mir an dem Gesicht am besten gefiel, entschied mich dann aber für die ebenso dunklen Augen, die mich zu diesem Zeitpunkt durchdringend ansahen. Er wirkte gleichzeitig einschüchternd und stark, aber auch ein bisschen jungenhaft. Ich hatte keine Angst vor ihm, aber ich fühlte mich schrecklich schuldig und war total verlegen.

Dann machte er zwei große Schritte in meine Richtung, und ich hielt den Atem an, als er nur einen halben Meter vor mir stehen blieb. »Das kann nicht sein«, sagte er und starrte mich an. Weil er mindestens zehn Zentimeter größer war als ich – und ich war nicht gerade klein –, fühlte ich mich jetzt doch etwas eingeschüchtert.

»Es tut mir leid«, sagte ich unwillkürlich. »Ich habe dich nicht gesehen. Ich scheine nicht aufgepasst zu haben …«

»Was machst du hier?«, unterbrach er mich. Er sprach langsam und deutlich, so als wollte er sichergehen, dass ich die Frage verstand. Na super, ich war nicht nur dabei, einen bis dahin ganz normalen Nachmittag für uns beide zu ruinieren, sondern verlor gerade auch noch sämtliches Selbstwertgefühl, das ich besaß. Da stand ich nun, einen halben Meter von dem schönsten Gesicht entfernt, das ich je gesehen hatte, beobachtete, wie seine Kiefermuskeln sich anspannten, als er die Zähne zusammenpresste, und fühlte mich, als bräuchte ich dringend eine Auszeit.

»Ich weiß nicht«, antwortete ich. »Ich war der Meinung, dass ich geguckt hatte. Ich habe dich nicht gesehen.« Hatte ich das nicht schon gesagt? Ich laber schon wieder.

»Ich meine, studierst du hier?«

»Nein, ich habe gerade mit meiner Mutter gegessen.«

»Auf dem Campus?« Er kniff die Augen zusammen.

»Ähm, ja. Meine Mutter arbeitet hier.« Mittlerweile kam ich mir wie ein kleines Kind vor. Ich musste unbedingt damit aufhören, über meine Mutter zu reden, und aus diesem Albtraum herauskommen. »Ja, ich bin oft hier«, sagte ich bestimmt, warf meine Haare nach hinten und straffte die Schultern, um erwachsener zu wirken. »So was ist mir zum ersten Mal passiert, und es tut mir wirklich leid. Ich gebe dir meine Versicherungsdaten. Es war mein Fehler.«

»Bist du okay? Du hast dich doch nicht verletzt, oder?«, fragte er.

Ich blickte an mir herab und von außen sah alles völlig normal aus. Mein Hirn arbeitete etwas langsam, und mein Magen benahm sich irgendwie komisch, aber das ging ihn nichts an, und so sagte ich: »Alles in Ordnung. Ich hole die Versicherungsdaten.«

Ich drehte mich zu meinem Wagen um, als ich meinte, ihn sagen zu hören: »Das ist okay. Mach dir darüber keine Gedanken.«

»Willst du nicht …?«

»Ich sagte, du sollst dir darüber keine Gedanken machen.«

Er stieg in seinen Wagen und fuhr weg. Ich sah ihm verwirrt hinterher, seine Worte noch im Ohr. Inzwischen hatte sich eine kleinere Menschenmenge versammelt. Ein Typ mit einem Rucksack in der Hand fragte mich aus wie ein Reporter.

»Hat er dich angefahren? Bist du in Ordnung?«, wollte er wissen.

»Ja, ich meine, nein. Er hat nicht mich angefahren, sondern ich ihn, und ja, ich bin in Ordnung.«

»Kennst du den Typen?«

»Nein.«

»Und er ist einfach weggefahren?«

»Ähm, ja«, beantwortete ich die Frage, die mich selbst auch beschäftigte.

»Hast du eine Ahnung, was der Wagen kostet?«

»Nein.« Natürlich hatte ich keine Ahnung und überhaupt wusste ich noch nicht einmal, um was für einen Wagen es sich handelte.

»Also, du hast Glück. Das ist ein Maserati«, ließ er mich wissen. »Der kostet mehr als eine komplette akademische Ausbildung.«

»Na toll.«

»Nicht für ihn.«

An diesem Punkt begann der Typ mir auf die Nerven zu gehen. Ich schüttelte den Kopf und machte auf dem Absatz kehrt, um den Schaden an meinem Auto zu begutachten. Ein kaputtes Bremslicht und hinten links einige Kratzer im Lack. Es hatte deutlich weniger abbekommen. Ich seufzte tief und stieg in meinen Jeep. Wo war ich nur mit meinen Gedanken gewesen? Ich bringe Kerry um. Genau. Das war’s. Das waren zwar nicht meine Gedanken gewesen, bevor ich in den Wagen hineingefahren war, aber genau das, woran ich jetzt dachte. Ich würde die Vorkehrungen dafür treffen, nachdem ich meiner Mutter die großartigen Neuigkeiten überbracht hatte.

Kapitel 2

Schachmatt

Ich wollte meine Mutter nicht vom Campus aus anrufen, denn ich war ziemlich sicher, dass sie sich dann persönlich davon überzeugt hätte, ob mir auch wirklich nichts passiert war. Stattdessen wartete ich, bis ich zu Hause war, weil ich da die Chance hatte, die Sache herunterzuspielen. Doch ich hatte den Unfall kaum gebeichtet, als es auch schon losging.

»Bist du in Ordnung?«

»Ja, Mama. Mir geht es gut.«

»Wie ist das passiert?«

»Ich weiß nicht. Ich bin mir nicht sicher. Ich habe ihn einfach nicht gesehen.« Ich hoffte, dass sie sich damit zufriedengeben würde, denn ich hatte nicht vor, ihr von Kerrys SMS zu erzählen.

»Na gut. Ich rufe die Versicherung an. Wie groß ist der Schaden an dem anderen Wagen?«

»Na ja, er hat eine ziemliche Delle, aber so genau kann ich das schlecht einschätzen.«

»Ist schon okay, mach dir keine Gedanken. Die Versicherung wird das schon regeln.«

»Aber das ist ja das Merkwürdige, Mama«, sagte ich. »Der Junge ist einfach weggefahren.«

»Er hat was gemacht?«

»Er sagte, ich solle mir keine Gedanken machen und fuhr weg.«

»Komisch.«

»Ja, ich weiß.«

An ihrem Tonfall konnte ich ihre Zweifel an meiner Kurzfassung hören, aber ich blieb dabei, dass es so gewesen war. Wir einigten uns darauf, dass sie jemanden beauftragen würde, der sich meinen Wagen mal ansehen sollte. Danach war Kerry dran. Ich schickte ihr eine kurze Nachricht: RUF MICH AN!

Das tat sie auch, und ich klärte sie über die Folgen ihrer SMS auf. Sie lachte und wollte wissen, wo ich mit meinen Gedanken gewesen war.

»Ich habe daran gedacht, dass dein Chemielehrer so geil sein soll. Schon vergessen?«

»Ich kann zwar nichts dafür, wenn du nicht aufpasst, aber es tut mir wirklich leid«, sagte sie kichernd. »Und was jetzt? Wie kaputt ist das andere Auto?«

Ich erzählte ihr, wie der Junge einfach weggefahren war und dass ich wegen der ganzen Sache immer noch total durcheinander war. Wie nicht anders zu erwarten, hakte sie sofort nach, als von »ihm« die Rede war, und wollte wissen, ob er schnuckelig sei. Ich konnte schlecht lügen und ertappte mich dabei, wie ich ihn in allen Einzelheiten beschrieb, bis Kerry schließlich davon überzeugt war, dass er mich umgekehrt auch ganz nett gefunden haben musste.

»Ja klar«, antwortete ich. »Ich bin sicher, dass er mich toll findet. ›Eine Schwachsinnige fährt eine dicke Beule in mein Auto und labert dummes Zeugs. Ach ja, und sie hängt mit ihrer Mutter auf dem Campus rum.‹ Er war bestimmt sehr beeindruckt.«

Kerry dachte einen Moment darüber nach. »Da ist was dran. Aber warum hat er dich einfach so davonkommen lassen? Wer macht denn so was?«

»Ich habe keine Ahnung. Vielleicht wollte er keine Polizei.«

»Er mag dich«, kam die schnelle Antwort.

»Klar, sicher doch«, entgegnete ich sarkastisch.

Ich habe noch nie behauptet, ein Genie zu sein, aber in einem Punkt war ich mir sicher: Wen auch immer ich da gerammt und dann mit dem Gerede über meine Mutter vollgesülzt hatte, er war nicht an mir interessiert. Ganz abgesehen davon ging er aufs College und fuhr laut diesem Typen auf dem Parkplatz ein richtig teures Auto. Ich konnte mir deshalb beim besten Willen nicht vorstellen, was er von einem Mädchen wollte, dass noch auf der Highschool war.

Ich versuchte die Geschichte zu vergessen, aber sie ließ mich den ganzen Abend nicht los. Ich sah immer wieder sein Gesicht vor mir und überlegte, was ich statt der lahmen Entschuldigungen hätte sagen können, aber einfach so in ein fremdes Auto zu fahren, war schon hart an der Grenze. Dafür hatte ich mich entschuldigen müssen. Mama hätte ich jedoch nicht ins Spiel bringen sollen. Das war peinlich. Egal, dachte ich. Ich hielt es für ziemlich unwahrscheinlich, ihm jemals wieder über den Weg zu laufen, und deshalb musste ich jetzt an etwas anderes denken, was, wie sich herausstellte, ziemlich schwierig war.

Anfang der folgenden Woche kam jemand von der Versicherung vorbei, um sich mein Auto anzusehen. Die Reparatur würde etwa fünfhundertfünfzig Dollar kosten. Das war eigentlich nicht so schlimm, aber der Eigenanteil lag bei fünfhundert Dollar, und so viel hatte ich nicht gespart. Mir war klar, dass ich einen Job brauchte. Mama nahm mir das Versprechen ab, die Schule nicht schleifen zu lassen und unseren Donnerstagstermin einzuhalten.

Schließlich landete ich in der Secondhand-Buchhandlung, denn ich erinnerte mich an einen kleinen Aushang im Schaufenster, auf dem eine Aushilfe gesucht wurde. Der Zettel hing schon länger dort, was darauf hindeutete, dass der Job schlecht bezahlt war, aber das war mir egal. Ich brauchte dringend einen Job, wollte aber einen, der mir auch Spaß machte. Also beschloss ich hineinzugehen.

Als ich den Laden betrat, waren dieselben Leute an der Kasse wie beim letzten Mal. Ich war etwas nervös und tat so, als würde ich mich umsehen. Während ich im Kopf meinen Spruch aufsagte, fiel mir ein Mädchen auf, das Bücher stapelte. Es war etwa in meinem Alter, sein kastanienbraunes, im Nacken kurz geschnittenes Haar hatte es hinter die Ohren gestrichen. Das Mädchen war hübsch, auch wenn sein Lidstrich etwas zu üppig ausgefallen war. Ich ging zu ihm und sprach es an.

Es freute sich, dass sich jemand in seinem Alter für den Job interessierte. Die Sache war völlig problemlos, denn der Besitzer war ihr Vater. Sie hieße Dawn, sagte sie und stellte mich ihrem Vater vor, als würde sie mich schon ewig kennen. Ich hatte kaum zwei Worte gesagt, als er mich schon hinter die Kasse bat, um mit mir die Tage durchzugehen, an denen ich arbeiten sollte.

Nach dem einfachsten aller Vorstellungsgespräche einigten wir uns auf drei Nachmittage in der Woche, Donnerstag bis Samstag. Das passte gut. So hatte ich die erste Wochenhälfte, um meine Schulaufgaben voranzubringen, konnte mit Mama essen und samstags ausschlafen. Es klang nach einem guten Angebot, das ich ohne zu zögern annahm.

Für Samstag hatten wir eine Einarbeitung vereinbart, und ich gab bei den Hausaufgaben Gas. Donnerstagmorgen lag ich noch etwas zurück und war versucht, das Mittagessen abzusagen, tat es dann aber doch nicht. Ich redete mir ein, dass ich meine Mutter nicht enttäuschen wollte, aber um ehrlich zu sein, hoffte ich, den kleinen schwarzen Wagen wiederzusehen. Ich überlegte, ob er wohl immer noch in der gleichen Ecke oder ganz bewusst am entgegengesetzten Ende des Campus parken würde.

Während ich nach einem freien Parkplatz suchte, hatte ich gleichzeitig ein Auge auf die anderen Autos. So langsam kam ich mir albern vor. Was würde ich tun, wenn ich ihn sehen sollte? Hingehen und ihm ein Gespräch aufdrängen? »Hi, erinnerst du dich an mich? Ich habe die Beule in dein Auto gefahren.« Lächerlich. Genauso lächerlich wie nach ihm Ausschau zu halten. Doch dann grübelte ich wieder, warum er wohl einfach weggefahren war. Das war unhöflich gewesen. Je länger ich darüber nachdachte, desto ratloser wurde ich. Hatte er sich vielleicht so sehr geärgert, dass er sich erst mal abreagieren musste? Ich wurde zunehmend gereizter, weil das alles keinen Sinn machte und ich nicht weiterkam.

Am Ende des Parkplatzes fand ich eine Lücke und machte mich auf den Weg zu meiner Mutter, immer noch ein bisschen sauer auf mich selbst, weil ich nach jemandem suchte, der mich aus der Fassung brachte. Ich konnte es nicht ausstehen, wenn ich etwas nicht verstand. Deswegen lagen mir ja auch die Wissenschaften. Da gab es immer etwas zu ergründen und auf alles eine Antwort. Man musste ein Problem nur analysieren, auswerten und lösen. Darin war ich gut. Folglich störte es mich, dass ich ein Problem verursacht hatte, dessen Lösung nicht greifbar, aber wie ein Flüstern im Ohr immer präsent war. Die meisten Menschen mochten sich glücklich schätzen, so einfach davongekommen zu sein. Ich nicht.

Ich schaffte es, mich zumindest zeitweilig auf meine Mutter zu konzentrieren. Doch ich ertappte mich dabei, wie ich mich nach ihm umsah, natürlich vergeblich. Mama spürte, dass mich etwas beschäftigte, und fing an mich auszufragen. Schließlich knickte ich ein und gab zu, dass ich wissen wollte, ob der Typ, dessen Wagen ich angefahren hatte, irgendwo auf dem Campus war. Als sie fragte, ob ich Angst vor ihm hätte, musste ich lachen.

»Nein, Mama, ich habe keine Angst. Was kann er schon tun? Mich zwingen, seinen Wagen zu reparieren? Das Ergebnis wäre gruselig.«

»Nun ja, er hatte etwas Zeit zum Nachdenken und möchte jetzt vielleicht doch die Versicherungsdaten haben«, meinte sie.

»Ja, du hast vermutlich recht, aber selbst wenn, wäre das doch verständlich. Schließlich habe ich seinen Wagen angefahren.«

»Aber trotzdem hätte er sich die nötigen Informationen an Ort und Stelle geben lassen sollen, nicht später. Jetzt deswegen nach dir zu suchen wäre ziemlich merkwürdig.«

Ich hatte keinen Hunger mehr. Zwar hatte ich kaum etwas gegessen, aber ich wollte dieses Gespräch beenden. Es hatte sowieso keinen Sinn. Hier liefen 35 000 Studenten herum, und die Chance, ihn wiederzusehen, lag irgendwo zwischen ganz klein und null. Wir aßen zu Ende, und ich ging zu meinem Wagen zurück, immer noch nicht sicher, wie weit ich diese Sache vorantreiben wollte. Wenn ich seinen Namen wüsste, würde ich dann im Adressbuch nachsehen? Würde ich ihm nachstellen? Ich schüttelte den Kopf angesichts dieser Gedankengänge und rief mich schleunigst zur Ordnung.

Als ich mich dem Parkplatz näherte, hatte ich mir eingeredet, dass er nur irgendein Junge war. Zwar ein heißer Typ mit Augen, die Eis zum Schmelzen brachten, aber mehr auch nicht. Was wäre schon dabei, wenn er genau in diesem Augenblick lässig an meinem Jeep lehnte?

Ungläubig blinzelte ich mehrmals, um mich davon zu überzeugen, was ich sah. Kein Zweifel, da stand er. Meine Hände wurden feucht, und mein Herz setzte mindestens vier Schläge aus. Sich eine zufällige Begegnung auszumalen war eine Sache, ihn dann tatsächlich zu treffen, eine völlig andere.

Weil mir eine Million Dinge durch den Kopf gingen, schlenderte ich ganz langsam weiter, um Zeit zu gewinnen. Ich hatte keine andere Wahl, als direkt auf ihn zuzugehen, denn er lehnte mit verschränkten Armen lässig an der Fahrertür. Er trug dunkle Jeans und einen dicken dunkelgrauen Pullover mit V-Ausschnitt, was ich ein bisschen merkwürdig fand, denn draußen waren es über achtzehn Grad. Das Outfit passte aber perfekt zu der ganzen Situation, die irgendwie unwirklich war. Ich fragte mich gerade, ob ich mir das alles vielleicht nur einbildete, da sprach er mich an.

»Du schon wieder.«

»Bist du hier, um abzurechnen?«

»Nein«, sagte er mit dem Ansatz eines Lächelns.

»Also, was …« Ich zog die Brauen hoch und hoffte auf ein Stichwort.

»Ich habe nur einige Fragen. Wollen wir?« Er deutete auf einen nahegelegenen Weg. Ich blickte mich um, bemerkte einige Autofahrer, die auf meinen Parkplatz warteten, und hielt es für besser weiterzugehen. Ich nickte bestätigend mit dem Kopf und wartete, dass er vorging.

»Nach dir«, sagte er und lächelte leicht.

Ich ging vor ihm her zu dem Weg zwischen den Bäumen und war froh, dass er mein Gesicht nicht sehen konnte. Ich grinste breit. Als ich den Weg erreichte, hatte ich mich wieder im Griff und drehte mich um.

»Also?«

»Also«, sagte er, mehr nicht. Stattdessen sah er mich mit diesen eindringlichen Augen an, was mich völlig aus der Fassung brachte. Die Situation war so peinlich, ich musste irgendetwas sagen.

»Also, wenn du nicht deshalb hier bist, dann …«

»Wie heißt du?«, fragte er völlig gelassen.

Ich ignorierte die Frage. »Machst du das öfter?«

»Was?«

»Anderen ins Wort fallen.«

Er lachte. »Okay, das habe ich wohl verdient. Es tut mir leid. Nein, ich bin nicht hier, um irgendetwas abzurechnen«, antwortete er und kam etwas näher. »Also, sagst du mir, wie du heißt?«

»Sophie«, sagte ich, während ich versuchte aus ihm schlau zu werden.

»Sophie«, wiederholte er, als wolle er den Namen auf sich wirken lassen. »Das ist ein schöner Name. Wie alt bist du, wenn ich fragen darf?«

Meinetwegen hätte er mich alles fragen können, jederzeit, und zum ersten Mal war ich richtig froh, schon achtzehn zu sein. Ich konnte kaum abwarten, es laut auszusprechen.

»Achtzehn«, sagte ich selbstbewusst.

»Wann bist du achtzehn geworden?«, fragte er neugierig.

»Vor einigen Wochen.«

»Wann genau?«

Ich sah ihn an und versuchte herauszufinden, warum das so wichtig war. Sein Gesichtsausdruck sagte mir, dass mir nichts anderes übrig bleiben würde, als einzuräumen, dass es noch nicht lange her war. Er wollte es eben genau wissen. »Zweiter September«, antwortete ich. »Und wie alt bist du?«, schoss ich ebenso neugierig zurück.

»Neunzehn.« Er sah mich eigentümlich an, entspannte sich aber ein bisschen.

»Und hast du auch einen Namen?«, fragte ich.

»Ja.«

»Wirst du ihn mir sagen?«

»Wes.« Er unterdrückte ein Grinsen.

»Was ist daran so komisch?«, fragte ich und fühlte meine Befangenheit zurückkehren.

»Nichts. Ich bin nur überrascht, dass ich dich hier getroffen habe.«

»Eigentlich war das umgekehrt. Erinnerst du dich? Wo wir schon dabei sind, was macht dein Auto? Ich fühle mich schrecklich.«

»Das brauchst du nicht. Der Wagen ist in Ordnung. Was man von deinem nicht sagen kann.«

»Ich spare noch dafür.«

»Was wird es kosten?«

»Etwa fünfhundert Dollar, aber ich will nicht, dass meine Mutter das bezahlt. Also habe ich mir einen Job gesucht und werde das dann selbst regeln. Kein Problem.«

»Du sprichst oft von deiner Mutter«, sagte er mit seinem angedeuteten Lächeln. »Sie arbeitet hier, nicht wahr? Wie heißt sie?«

Na toll. Schon wieder Mama. Am liebsten hätte ich mich unter dem nächsten Stein verkrochen, aber er beugte sich vor und wartete aufmerksam auf meine Antwort.

»Sie heißt Gayle.«

»Und wo arbeitet sie?«

»In der Klinik. Sie ist Radiologin.«

Aus irgendeinem Grund schien er das interessant zu finden. Er wollte gerade etwas sagen, als seine Armbanduhr piepste. Er warf einen Blick darauf und meinte, dass er zu seinem nächsten Kurs müsste. Auf dem Weg zurück zu meinem Wagen bekam ich mein verzücktes Starren wieder in den Griff. Wir tauschten keine Telefonnummern aus, und ich war zu feige, nach seiner zu fragen. Ich entschuldigte mich erneut wegen des Wagens, und er versicherte mir zum wiederholten Mal, dass ich mir keine Gedanken machen sollte.

Auf der Heimfahrt war ich in einer so euphorischen Stimmung, dass mit mir nichts anzufangen war. Obwohl ich eigentlich schlimmer dran war als vorher, fühlte ich mich besser. Für mich stand außer Frage, dass er das perfekteste Wesen auf diesem Planeten war. Alles, was mir wieder und wieder durch den Kopf ging, war: Wes, neunzehn Jahr alt, nur ein Jahr älter als ich. Es könnte funktionieren, wenn ich nur wüsste, was ich tun sollte. Ich hatte mich das ganze letzte Jahr zum Lernen in meinem Zimmer vergraben, doch jetzt wünschte ich mir mehr Erfahrung im Umgang mit Menschen – ganz besonders mit Jungs.

Mein Magen fühlte sich wieder so eigenartig an. Wenn ich meine Hausaufgaben irgendwie schaffen wollte, musste ich mich zusammenreißen, sobald ich zu Hause war. Aber während der Autofahrt genoss ich das Hochgefühl.

Nur mit voll aufgedrehter Musik konnte ich mich zumindest etwas konzentrieren. Ich versuchte die wirren Gedanken in meinem Kopf zu übertönen, um mich auf die öden Staatswissenschaften zu konzentrieren. Etwas zu analysieren und zu verstehen machte mir Spaß, mich mit Fakten auseinanderzusetzen lag mir dagegen überhaupt nicht, ganz besonders nicht, wenn sich meine Gedanken ständig selbstständig machten.

Mir gelang es zwar, mich durch einige Fragen zu arbeiten, aber ich musste mir unbedingt auch den Ablauf der Ereignisse einprägen. Ich versuchte mit dem Rhythmus der Musik im Kopf zu den Fakten kleine Reime zu dichten. Doch das klappte nicht. Stattdessen schlug ich das Buch zu, legte mich aufs Bett und lauschte der Musik.

Als meine Mutter an diesem Abend von der Arbeit kam, rief sie schon in der Haustür nach mir. Das tat sie sonst nie, es musste also etwas passiert sein. Ich ging zur Treppe, und sie bedeutete mir, nach unten zu kommen. In der Hand hielt sie einen Umschlag, der an Gayle Slone adressiert war. Sie gab ihn mir und sagte: »Ich glaube nicht, dass du noch nach ihm suchen musst.« Ich öffnete den Umschlag und fand einen Scheck über fünfhundert Dollar, den Weston C. Wilson III. auf meine Mutter ausgestellt hatte. Dazu einen Brief in schönster Schreibschrift:

Liebe Mrs Slone,

Ich hoffe, es geht Ihnen gut. Lassen Sie mich auf diesem Wege helfen, die Last zu lindern, die ich Ihnen und Ihrer Tochter aufgebürdet habe. Wir hatten vor einer Woche auf dem Parkplatz einen Zwischenfall mit unseren Autos, und ich habe seither wegen des entstandenen Schadens ein schlechtes Gewissen. Ich hoffe, dass der beiliegende Scheck die Reparaturkosten an Ihrem Fahrzeug deckt.

Bitte nehmen Sie ihn als Zeichen meines aufrichtigen Bedauerns an.

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