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Zeit des Verrats

MATTI RÖNKÄ

Zeit des Verrats

KRIMINALROMAN

Aus dem Finnischen
von Gabriele Schrey-Vasara

BASTEI ENTERTAINMENT

Prolog

Der Mann war eigentlich völlig unscheinbar. In seinem Beruf war das durchaus von Vorteil.

Die große Nase, die hellen Augen und der Mund befanden sich da, wo sie hingehörten, und das Gesicht hatte nichts an sich, was einem im Gedächtnis haften blieb. Auch die Kleidung des Mannes war grau und unauffällig, und die Brille war stets vom gleichen Modell, er suchte im Regal mit den Sonderangeboten nach einem dünnen Metallgestell, in das er ungetönte Gläser einsetzen ließ.

Seine braunen Haare waren kurz geschnitten. Ich vermutete, dass er sich nicht um die Fragen des Friseurs scherte, sondern nur brummte, Waschen sei nicht nötig, und dann stur in der »Welt der Technik« las, weder über das Wetter plaudern wollte noch über die Spiele der Eishockeymannschaft HIFK.

Oder vielleicht war er Fan eines anderen Eishockeyvereins, SaiPa zum Beispiel. Die Mannschaft, die so heißt wie ich, Kärppä, zählte wohl nicht zu seinen Favoriten.

In einer anderen Situation hätte ich über diesen Gedanken gelächelt. Jetzt nicht. Der unauffällige Mann, der mir gegenübersaß, war Marko Varis, Ermittler bei der staatlichen Sicherheitspolizei Supo.

»Ich interessiere mich nicht für unbezahlte Rentenversicherungsbeiträge oder Steuerschwindel. Wir reden hier von großen Dingen, Kärppä, in Großbuchstaben«, drohte Varis, sprach allerdings leise. »Geplante Sabotage. Gegen die Interessen Finnlands gerichtete Tätigkeit im Auftrag eines fremden Staates. Oder Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines mit Finnland befreundeten Landes, Gefährdung seiner Sicherheit …«, führte Varis aus. Es klang wie eine alte politische Liturgie.

Ich blickte auf einen Punkt über seinen Augen und wartete schweigend.

Der zweite Polizist, Teppo Korhonen, stand am Fenster. Er faltete eine Raute in die Jalousien und blickte durch die Öffnung auf den Hof, drehte sich dann wieder zu uns um.

»Ich stimme Kaisa voll und ganz zu. Du Hermelinchen steckst bis zur Bartspitze in der Kacke. Und da hilft dir kein WWF und kein Birdlife Finland oder wie diese Grünpieper heißen«, laberte Korhonen mit bierernstem Gesicht.

»Lass den Scheiß, Korhonen«, murrte Varis.

»Das mag er nicht«, flüsterte Korhonen laut. »Varis. Natürlich wird er Kaisa genannt, nach der Skiläuferin. Aber die Leute von der Supo haben keinen Sinn für Humor.«

»Teppo, verdammt noch mal! Ihr Kripoflaschen könnt es euch nicht leisten, große Töne zu spucken, und du schon gar nicht«, wies Varis ihn in scharfem Ton zurecht.

»Na, immerhin hab ich eine feste Stelle mit Pensionsanspruch. Aber in Viktors Fabrik scheint Flaute zu herrschen.« Wieder blickte Korhonen auf den leeren Hof. »Hast du die Ressourcen auf neue Märkte allokiert? Oder ist die Produktion von Fertigbauelementen nicht mehr deine Kernkompetenz?«

Ich überlegte, ob ich überhaupt antworten sollte. Kriminalhauptmeister Teppo Korhonen hatte die Angewohnheit, draufloszureden, ohne echtes Interesse für das, was andere zu sagen hatten.

»So spät am Abend wird nicht mehr gearbeitet«, sagte ich. »Einige meiner Leute sind auf Montage, Fertighäuser zusammenbauen. Und dann habe ich noch ein paar Renovierungsaufträge, an der Grenze und drüben in Karelien.«

So genau hätte ich gar nicht zu sein brauchen. Korhonen kannte meine Tätigkeit. Er verfolgte Berufs- und Gewohnheitskriminalität – speziell die Machenschaften von Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion. Und auch ich kannte Korhonen. Der Polizist war beinahe mein Freund. Schlimmer noch: Ich war ihm zu Dank verpflichtet.

Korhonen ließ die Lamellen der Jalousie zurückschnellen, setzte sich auf das niedrige schwarze Ledersofa und legte die Füße auf den Tisch. Ich mochte die Einrichtung meines Büros in der Industriehalle nicht. Mein ehemaliger Geschäftsführer hatte in jeder Hinsicht zu viel Aufwand betrieben, nur mit seiner Effektivität hatte er gegeizt. Für sein Büro hatte er eine dunkle Holzvertäfelung, teure Möbel und ein Signallicht an der Tür verlangt. Mir hätten Secondhand-Schreibtische und Anklopfen genügt. Diplomingenieur Jaatinen hatte denn auch gehen müssen, ohne goldenen Händedruck.

»Mach mir keinen Kratzer auf den Tisch«, moserte ich. Korhonen grinste zufrieden.

»Guck an, du hast also gemerkt, dass ich neue Schuhe anhabe.« Er hob seine spitzen braunen Treter, damit ich sie bewundern konnte, und ließ sie dann wieder auf den Tisch knallen.

»Ach je, unser Teppo spielt mal wieder Mannequin.«

»Halt dich aus der Modewelt raus, mein lieber Viktor. Oder sollen wir einen Schwulen engagieren, der dich stylt? Aber über dem netten Geplauder vergessen wir am Ende noch, weshalb wir hier sind. Yes, yes, back to business, sagt Eliot Ness.«

Korhonen nahm die Füße vom Tisch und setzte sich gerade.

»Viktor, in deiner Geschichte gibt es eine ganze Menge Lücken. Es klingt nicht unbedingt glaubhaft, dass irgendein Typ in dein Büro spaziert und sagt: ›Hallo Viki, long time no see. Hör mal, lass uns das globale Hungerproblem lösen und nebenbei ein paar unangenehme Zeitgenossen abmurksen. Und wenn du nach Hause kommst, gleichst du das Demokratiedefizit in Russland aus und stoppst den Klimawandel.‹«

»So war es nicht«, sagte ich.

Varis hob die Hand, stoppte Korhonens Redefluss.

»Wie war es denn dann? Am besten erzählst du uns alles.« Varis lehnte sich vor wie ein empathischer Therapeut: Sprich dir nur alles von der Seele, das erleichtert.

Wieder sah ich Varis ausdruckslos an, eine Spur zu lange. »Gut, ich rede, aber nur, weil ich nichts damit zu tun habe. Ich bin doch völlig unpolitisch.«

Ich begann mit den Worten, dass ich nicht überrascht war, als Arseni Kasimirow mein Büro betrat. Ich hatte gewusst, dass er kommen würde.

»Hattest du einen präkognitiven Traum?«, fiel mir Korhonen prompt ins Wort.

»Geträumt hatte ich auch von ihm«, antwortete ich geduldig.

»Du bist eine Wahrsagerin. Solltest dich mit einem Zelt auf den Markt stellen«, spöttelte Korhonen.

Ich brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen. »Ich war ihm schon früher begegnet. Bei der Armee, vor Jahren. Während der Spezialausbildung. Und dann sind wir uns im letzten Sommer über den Weg gelaufen, in Petrozawodsk. Inzwischen weiß ich, dass es keine zufällige Begegnung war.«

Korhonen spitzte die Lippen. »So langsam verliere ich den Faden. Liefer mal ein bisschen Hintergrund. Und eine Chronologie wäre eine wunderbare Überraschung.«

Ich wusste, dass »wunderbar« in seinem Wortschatz ausschließlich für Frotzeleien reserviert war, ging aber nicht darauf ein.

»In Petrozawodsk hat er sich Wronskij genannt«, erzählte ich.

1

Das Grundstück lag auf einer Halbinsel, die sich in den Saimaa-See schob. Es war aus jeder Richtung schwer zugänglich. Die letzten Kilometer auf der Forststraße musste ich vorsichtig fahren, damit die Ölwanne meines Mercedes nicht über die Steine schrammte, die sich in den Grasbüscheln verbargen. Die Straße endete in einer Kehre, wo die Holzlaster beladen wurden und wenden konnten.

»Da wächst kräftiges Jungholz«, erklärte Viljo Ripatti beflissen. Der alte Landwirt fürchtete, ich würde es mir anders überlegen und das Grundstück doch noch ablehnen. Der Kahlschlag sah tatsächlich traurig aus. Weidenröschen, wilde Himbeeren und mannshohes Gras hatten das Gelände erobert. Einige Ebereschen standen noch, aber alles halbwegs wertvolle Holz war bis zum letzten Klotz gefällt worden.

Der Anblick überraschte mich nicht. Ich hatte die Grundstücksparzellen auf der Karte studiert und Kopien des Waldbauplans bekommen. Vor Ort wollte ich mich lediglich vergewissern, dass das Uferareal weit genug von den Nachbarn entfernt lag, verborgen und friedlich. Ich kaufte keinen Nutzwald, sondern ein Grundstück für ein oder zwei Ferienhäuser, für Kunden aus St. Petersburg. Und die wollten ihre Ruhe haben.

Doch das wusste Viljo Ripatti nicht.

»Das Faserholz kann schon in zwanzig Jahren gelichtet werden«, pries er den nachwachsenden Wald.

»Was ist mit dem Weg? Ist dafür eine Wegedienstbarkeit registriert?«

»Nein. Kein Durchgangsverkehr. Er führt nur hierher auf unser Land. Beziehungsweise auf Ihres …«, erklärte Ripatti eilig. »Am nordöstlichen Rand gibt es eine Strecke für Motorschlitten. Im Winter. Da fahren die Leute aus dem Feriendorf entlang«, fügte er hinzu, wie um seine Aufrichtigkeit hervorzuheben.

»Aha«, sagte ich. Die Leute wurde man los. Man konnte ihnen die Durchfahrt verbieten oder den Mietvertrag für die Strecke kündigen, falls es einen gab. »Und das Jagdrecht, ist das verpachtet?«

»Sind Sie Jäger? Als Landbesitzer dürfen Sie sicher an der Elchjagd teilnehmen«, freute sich der Bauer.

Ich verneinte und stellte keine weiteren Fragen. Die örtlichen Jäger und Sammler würden ungestört bleiben, und die zukünftigen Bewohner der Ferienhäuser würden keinen Anteil an der Beute fordern. Wer mit Erlaubnis im Wald umherstreifte, würde automatisch auch darauf achten, dass am Ufer alles in Ordnung war, er würde es merken, wenn sich Unbefugte auf dem Grundstück herumtrieben.

Selbstverständlich würden in den Villen Sicherheitsanlagen installiert werden, das wusste ich, obwohl die Häuser bisher nur auf den Zeichenblättern des Architekten existierten.

Wir gingen ans Ufer. Ein kleiner Birkenwald bot Schutz vor dem Wind, und hinter den Uferfelsen erstreckte sich der weite, saubere See. Ripatti wiederholte noch einmal, dass ich eine Sondergenehmigung für die Uferbebauung bekommen würde, das habe er sich von der Kommune bestätigen lassen.

Ich auch.

Wir fuhren zurück in das Ortszentrum. Die Hauptstraße verlief über einen zum Ufer abfallenden Hügel und war von einigen würfelförmigen Supermärkten und Banken gesäumt, ausnahmslos aus Betonelementen gefertigt. Dazwischen waren wie aus Versehen einige schöne alte Häuser stehen geblieben, und die Holzkirche schlummerte friedlich hinter einer Steinmauer.

Ich hielt vor einer der Banken. Wir hatten uns hier getroffen, und Ripatti hatte seinen Wagen auf dem Parkplatz der Bank zurückgelassen, auf einem Stellplatz, der dem Schild zufolge für die Mitarbeiter reserviert war.

Viljo Ripatti war mit Leib und Seele Kunde der Genossenschaftsbank. Auf der Fahrt hatte er ausgiebig über seinen Werdegang als Landwirt gesprochen und das vorsichtige Verhalten seiner Bank in den Turbulenzen der Kasinowirtschaft gepriesen. Jetzt marschierte er geradewegs in das Büro des Filialleiters, rief den Schalterangestellten kurz zu, der Kaufabschluss sei getätigt und der Termin reserviert.

Der Filialleiter war ein junger Mann, breitbügelige Brille, das Hemd ein wenig zu kariert für die gestreifte Krawatte. Seine Haare hatte er mit irgendeinem Gel so verklebt, dass sie in allen Richtungen vom Kopf abstanden. Der Leiter gab Ripatti die Hand, als fürchte er, das Alter sei eine ansteckende Krankheit, hielt ihm nur schlapp die Finger hin und zog sie gleich wieder zurück. Mich musterte er mit größerem Interesse, schnupperte, ob ich nach Reichtümern roch oder zumindest nach einem Mann, der über Geld verfügte.

»Ich sehe mal nach, ob die Mädchen die Papiere schon fertig haben«, sagte er und ging in die Schalterhalle. Ich dachte bei mir, dass er vermutlich gar nicht fähig war, den Kaufvertrag selbst aufzusetzen, nicht einmal anhand einer fertigen Vorlage. Spätestens beim Ausdrucken würde es Probleme geben, einen Papierstau oder Ähnliches, und er müsste den EDV-Experten aus dem Pausenraum holen.

Der junge Filialleiter kehrte zurück, versicherte, die Papiere seien gleich fertig, und fragte, ob uns ein Kaffee schmecken würde. Ich lehnte dankend ab. Ich rechnete damit, dass der Mann über Hedgefonds, die Finanzkrise in den USA und die unzureichende Leitzinssenkung des FED plaudern und Begriffe einstreuen würde, die man am Ufer des Saimaa-Sees nur brauchte, wenn man das Handelsblatt las.

Na ja, internationalen Handel treiben wir hier ja auch, dachte ich schließlich versöhnlich.

Ein etwa fünfzigjähriges »Mädchen« brachte die Unterlagen, erläuterte sachkundig den Inhalt der Bögen und kreuzte die Stellen an, wo wir unterschreiben sollten. Ich vermutete, dass sie die kompetentere Führungskraft gewesen wäre. Der Leiter dankte der Frau, schickte sie weg und blätterte in den Papieren, als sähe er dergleichen zum ersten Mal.

»Scheint alles in Ordnung zu sein. Die Kaufsumme wurde dem Vorvertrag entsprechend auf ein Sperrkonto überwiesen …«

»Mir hätte ein Handschlag genügt«, warf Ripatti ein. Man sah dem Bauern an, dass er es gewöhnt war, sich ein wenig größer zu machen, den Rücken zu straffen und mit tiefer Stimme zu sprechen, der kleine Mann.

»Und Käufer ist die VH-Trading, sehen wir uns mal die Prokura an … Ja, in Ordnung, zeichnungsberechtigt ist Viktor Kärppä. Wenn ich noch einen Blick auf den Ausweis werfen dürfte …«, sagte der Filialleiter. »Nur eine Formalität, die Kärppä-Unternehmen sind mir ja bekannt. Ich war früher in Lappeenranta, in der Immobilienabteilung. Damals haben wir Ihnen ein ähnliches Ufergrundstück in Rautjärvi vermittelt. Stehen dort schon die Villen für die Urlauber aus dem Nachbarland?«, fragte er schmeichlerisch.

»Ja«, sagte ich und unterschrieb.

Ich ahnte, ohne hinzusehen, dass Viljo Ripattis Stift in der Luft verharrte, über dem letzten Bogen. Der Daumen des Landwirts knipste die Mine des Kugelschreibers rein und raus.

»Das hatte mein Traum also zu bedeuten«, seufzte Ripatti und setzte endlich seinen Namen doch noch unter den Kaufvertrag. Auch seine Handschrift war übergroß. »Ich hätte kapieren müssen, wer hier auf Uferwälder aus ist. Geld im Rücken und einen Mercedes unter dem Hintern. Fragen hätte ich sollen, wer dieser V. Kärppä ist … oh, oh zum Teufel, Viktor«, sagte er eher gequält als fluchend.

Ich hätte gern erwidert, Sie haben aber nicht gefragt, doch ich wollte den Bauern nicht weiter beschämen. Er hörte in Gedanken bereits das Gerede der Nachbarn, das Gewisper der Lions-Brüder und des Vorstands der Handelsgenossenschaft oder wer weiß welcher Viehprüfungsgesellschaft, dem Vernehmen nach habe nun auch der Viljo Ripatti seine Halbinsel an die Reichen aus Russland verkauft. Und dann wäre man bald bei den Abwehrkämpfen von Tali-Ihantala im Krieg gegen die Sowjetunion angelangt und würde sich darüber auslassen, dass das Opfer der gefallenen Helden vergeblich war, weil manche Menschen heutzutage aus Geldgier ihr Vaterland verschacherten.

Andererseits hätte ich mich auch verteidigen und den Bauern fragen können, bin ich wirklich ein schlechterer Mensch, nur weil ich jenseits der Grenze geboren und aufgewachsen bin? Und wenn ich euch gut genug bin, fast ein Finne, wo will man die Grenze ziehen? Genau wie ihr legen sich auch die Russen abends ins Bett und träumen, schauen am nächsten Morgen zum Fenster hinaus, wieder ein neuer gesegneter Tag und derselbe alte Himmel.

Doch ich schwieg und ließ Viljo Ripatti mit seinem Gram alleine. Die traurige Miene und die gekrümmte Haltung hatte ich schon einmal an ihm gesehen, als er mir erzählt hatte, wie er seine Kühe aufgeben musste, wie er und seine Frau auf den Wagen vom Schlachthof gewartet hatten und ins Haus geflohen waren, als die letzte Färse verladen wurde.

»Hätte ich das gewusst, dann hätte ich nicht verkauft«, klagte Ripatti.

»Viljo, Geld stinkt nicht«, versuchte der Bankdirektor ihn mit den falschen Worten zu trösten. Ich dachte bei mir, dass ich diesen jungen Schnösel ohne Gewissensbisse schlagen könnte. Oder seine Frau vögeln, während sie am Telefon besprachen, was einzukaufen war. Vergiss den Käse und den Rucola nicht.

Ich schlug nicht zu und verteidigte mich nicht, sondern packte den Kaufvertrag in meine Aktentasche, gab dem Landwirt und dem Filialleiter die Hand und marschierte hinaus.

2

Die Fernstraße sechs in Richtung Norden war fast leer. Ich beschloss, zu fahren, wie es mir gefiel, ohne Eile. Höflich ließ ich eine Horde Motorradfahrer passieren, die in einer nicht ganz ungefährlichen Kurve dröhnend vorbeizogen. Ich war beinahe stolz auf mich, weil ich die Geduld aufbrachte, eine sichere Gerade abzuwarten, als ich hinter zwei Lastern hing.

Gleich hinter Lappeenranta hielt ich an einer großen ABC-Station, um zu tanken und Lebensmittel zu kaufen. Ich traf in Kitee ein, bevor die minimale Abenddämmerung einsetzte.

Meine Bauarbeiter-Crew errichtete am Rand des Ortszentrums eine Reihenhaussiedlung, in der ich bereits zwei Dreizimmerwohnungen an Abnehmer in St. Petersburg verkauft hatte. Die Käufer waren keine Geldprotze, aber wohlhabend genug, um Wert auf eine Zweitwohnung in Finnland, in sauberer Umgebung zu legen.

Ich machte mir keine Sorgen über die unverkauften Wohnungen, die Bruttomarge der Firma oder das Tempo des Kapitalumlaufs, obwohl auch in diesem Geschäftsbereich die ersten Anzeichen der Rezession zu sehen waren. Aber ich arbeitete hier nicht auf eigenes Risiko. Und nicht mit eigenem Geld.

Die Euros kamen aus St. Petersburg. Von dem Geld kaufte ich auf meinen Namen Parzellen, Baugrundstücke und auch alte Häuser und Eigentumswohnungen. Auf den leeren Grundstücken errichtete ich nach den Wünschen der Abnehmer Blockhauspaläste oder Häuser im amerikanischen Stil mit umlaufender überdachter Terrasse. Bei den fertigen Häusern und Reihenhausteilen renovierten meine Leute die Wände und Fußböden, verlegten etwas dunklere Kacheln und buntes Parkett. Ich befasste mich mit Präzisionsbau, auf Bestellung, und wurde in der Regel im Voraus bezahlt.

Ich wusste sehr wohl, dass ich in erster Linie mein vertrauenerweckendes Gesicht vermietete, das den Kaufabschluss gewährleistete. Nicht alles in dieser Businesswelt schmeckte mir, doch ich konnte immerhin sagen, dass es sich um ehrliche Geschäfte handelte. Oder um legale, nach den in Finnland geltenden Paragraphen. Nach der Herkunft der russischen Gelder fragte ich nicht.

Die Bauleute waren gerade dabei, ihre Arbeit zu beenden. Sie machten lange Tage, von früh um sieben rund um die Uhr bis abends und auch noch länger. Sie waren zu viert, ein kleiner Trupp, der keinen Polier brauchte. Antti Kiuru, ein Ingermanländer, der schon seit Langem für mich arbeitete, verstand sich bestens darauf, die Bauzeichnungen zu lesen, gab auch den anderen Anweisungen und besorgte das Zubehör.

Letzteres war allerdings selten nötig. Die Reihenhäuser wurden aus Bauteilen zusammengesetzt, die in Helsinki produziert worden waren. Nägel, Eisen und Beschläge, Badezimmermöbel, Elektrozubehör … alles wurde mit den Wandelementen und Dachstühlen zu dem fertig gegossenen Fundament transportiert, wo die Einzelteile zusammengebaut wurden. Die Profilbleche für die Dächer kamen maßgefertigt direkt von der Fabrik, ordentlich in Plastik verpackt.

Antti Kiuru rollte gerade den Druckschlauch des Naglers auf, als ich eintrat. Er war hochgewachsen und bewegte sich, als müsse er sich jeden Schritt überlegen. Ein wenig mühsam richtete er sich auf. Mir ging durch den Sinn, dass auch Antti älter wurde, er musste bald sechzig sein.

»Na, Herr Direktor«, grüßte Antti und zündete sich eine Zigarette an. Wie immer trug er eine alte Anzughose und ein Flanellhemd, an dem die obersten Knöpfe offen waren, sodass die Sonne ihm ein rotes Dreieck auf die Brust brannte.

»Es geht voran«, stellte ich fest. Alles deutete darauf hin, dass die Männer nicht faul herumgelegen und Wettkämpfe im Präzisionsspucken ausgetragen hatten.

Antti sagte, ohne zu prahlen, sie seien dem Zeitplan voraus. Sie hätten sich überlegt, dass sie den Freitag freinehmen und erst am Dienstag wieder an die Arbeit gehen würden. Dann könnten die Jungs ein langes Wochenende in Karelien verbringen, und auch er, Antti, hätte Gelegenheit, seiner Familie in Vantaa ein wenig länger zur Last zu fallen.

Ich stimmte zu, obwohl Antti Kiuru nicht um Erlaubnis gebeten hatte. Ungesagt blieb, dass die Familie nur aus Anttis Frau Olga bestand, denn Eino, der eine der beiden Kiuru-Söhne, hatte sich dem Drogenhandel verschrieben und war spurlos verschwunden, und sein Bruder Matti war inzwischen auch schon erwachsen, kam allein zurecht und leistete gerade seinen Wehrdienst ab.

Die Männer hatten als Erstes die Wohnung an der Südseite so weit fertiggestellt, dass sie dort schlafen konnten. Im Wohnwagen wurde es für vier Leute rasch ungemütlich. Es war doch etwas anderes, wenn man fließendes Wasser hatte, wenn einige Lampen brannten und die Küchenmaschinen funktionierten. In das Esszimmer hatten sie sogar einen alten rustikalen Esstisch mit zwei Bänken geschleppt. Immerhin waren die Fußböden sorgfältig mit Baupappe abgedeckt, sodass auf dem Parkett keine Spuren zurückbleiben würden.

»Die Sauna ist bald heiß und das Teewasser kocht auch gleich«, sagte Antti und richtete geschäftig ein Zimmer für mich ein. Ich holte meinen Schlafsack aus dem Wagen. Es war Ausschussware der schwedischen Armee, aus einem Schrottladen, der solche überzähligen Dinger verkaufte, und für die derzeitigen Temperaturen allzu mollig. Ich legte meinen Proviant auf den Tisch, Brot, Käse und Wurst sowie einige Tomaten, und forderte die Männer auf, sich meine bescheidenen Mitbringsel schmecken zu lassen. Dann schraubte ich eine Flasche Wodka auf, und nach zweimaliger Aufforderung goss Antti jedem ein Glas ein. Mehr zu trinken, erlaubten sich die Männer nicht.

Ich ging mit Antti in die Sauna. Die jüngeren Bauarbeiter sagten, sie würden erst nach uns baden. Sie scherzten miteinander und begannen, ihr eigenes Ding zu machen, nannten Antti Opa. Wir saßen schweigend auf der Schwitzbank. Antti Mihailowitsch war kein großer Schwätzer, und auch ich war mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt.

Ich lag bäuchlings auf dem geöffneten Schlafsack und tippte auf dem Laptop. Ich hatte eine Abneigung gegen Computer, gegen ihre seltsamen Befehle, überraschend abstürzende Programme und das leise Rattern der Festplatte. Dennoch musste ich zugeben, dass ein tragbarer Rechner und ein drahtloser Breitbandanschluss für meine Bedürfnisse genau das Richtige waren. Auch jetzt hatte ich nur den Laptop aufgeklappt und das Klötzchen mit dem kurzen Kabelstummel in seine Buchse gesteckt, und schon konnte ich Bankangelegenheiten erledigen und meine Mails lesen.

Ich hatte es längst aufgegeben, mich über Spam zu wundern, obwohl mir nicht einleuchtete, warum man die Spermamenge vergrößern sollte. Soweit ich es verstand, steigerte es den Genuss der Beteiligten in keiner Weise, wenn ein ganzer Deziliter Samenflüssigkeit zum Einsatz kam. Wer zum Teufel glaubte daran, dass ein Penis durch Gymnastikgeräte zum Wachstum angeregt wurde? Und in St. Petersburg hatte ich genügend Apothekertätigkeit im Kleinformat gesehen, um keine Viagra-Tabletten im Internet zu bestellen. Im günstigsten Fall bestand die Lieferung aus blau gefärbten Kalktabletten.

Marja hatte mir eine Mail geschickt, deren Inhalt zur Gänze in die Re-Zeile passte. Ruf an, stand da, ohne Abmilderung oder Erklärung. Ich selbst hätte hinzugefügt, »wenn du Zeit hast« oder »nichts Dringendes«.

Mein Bekannter bei der Polizei, mein Beinahe-Freund Teppo Korhonen, hatte eine Rundmail verschickt, in der Schwule, Schweden und Tierschützer veräppelt wurden. In meiner Antwort dankte ich ihm dafür, dass er mein Vertrauen in die Toleranz und Vorurteilslosigkeit der finnischen Behörden gestärkt hatte. Außerdem äußerte ich die Vermutung, dass die Typen vom Datenschutz bei der Helsinkier Polizei mit großem Interesse verfolgten, was der Kriminalhauptmeister einem eingewanderten Geschäftsmann mitzuteilen hatte.

Nutze deine Dienstzeit, um zu arbeiten, Gruß, Ein unzufriedener Steuerzahler, schloss ich.

Ich musste lächeln. Korhonen würde meine Frotzelei genießen. Er würde mir den Ball zurückspielen mit der Frage, welche steuerähnlichen Zahlungen ich denn wohl entrichtete. Im letzten Steuerjahr habe er seines Wissens deutlich mehr ans Finanzamt abgeführt als ich. Wenn er richtig in Fahrt kam, würde er seine Verwunderung darüber zum Ausdruck bringen, dass er, ein von der Steuerbehörde als gut verdienend klassifizierter Staatsbeamter, in einer Sozialwohnung lebte und einen alten Renault fuhr, während ich, arm und mittellos, ein prächtiges Eigenheim und einen Mercedes besaß.

Ich trödelte herum, aber schließlich musste ich doch zu Hause anrufen. Ich wollte Annas Stimme hören, bevor die Kleine schlafen ging.

»Der Herr hat es mal wieder so eilig, dass er nicht dazu kommt, bei seiner Familie anzuklingeln«, begann Marja.

»Stimmt«, sagte ich und dachte, was hat dich daran gehindert, selbst anzurufen.

»Wahnsinnsstress in der Firma. Schon wieder zwei Mädchen krank. Ich musste ein Attest verlangen. Es geht doch nicht, dass die Mädchen einfach wegbleiben, wenn sie keine Lust auf Arbeit haben«, klagte Marja. »Könnte jemand in dem Heim in Mankkaa vorbeigucken … da ist eine Duschkabine kaputt. Der alte Rikkilä ist so tatterig, er hat es irgendwie geschafft, die Tür von der Duschkabine abzureißen.«

Ich versprach, gleich am nächsten Morgen in meiner Werkstatt anzurufen und einen meiner Männer vorbeizuschicken. Gab es sonst noch etwas?

»Es geht mir gut, danke der Nachfrage, Bussi-Bussi«, sagte Marja gehetzt.

»Schlafen die Kinder schon?«

»Die sind beim Abendbrot.«

»Gib mir mal Anna.«

»Dann beschmiert sie den Hörer mit Brei.«

»Na, wisch ihr halt das Gesicht ab. Nun gib sie mir schon.«

In der Küche waren Geklapper und gedämpfte Stimmen zu hören. In Gedanken sah ich Anna auf ihrem Hochstuhl sitzen, ein Lätzchen um den Hals. Mitunter hielt der Löffel vor dem geöffneten Mund an, weil die Kleine sich in ihren Gedanken verlor und erst nach einer Weile plötzlich wieder zu sich kam. Das Telefon wurde angehoben, jemand pustete hinein.

»Ist das Erkki?«, neckte ich.

»Nein, ich bin Anna.«

»Ach was, du bist Erkki, das höre ich doch an deiner Stimme.«

»Nein, Anna«, gurrte das Mädchen.

»Anna klein, Schwämmelein, schläft jetzt gleich, warm und weich. Die Nacht ist leis wie Butterreis.«

»Mehr, Papi-i-i, mehr.«

»Kartoffelbrei, Honigei und Allerlei. Alles in den Kessel, dazu ein kleiner Sessel. Rafft die Segel, schaut nach dem Pegel. Die Ruder hoch, wir schlafen doch. Danke für das Essen.«

»Papi ist ganz plem-plem«, sagte Anna. Sie hatte offenbar genug, denn das Handy polterte auf den Tisch.

Gleich darauf war Marja wieder dran und schimpfte: »Musstest du die Kleine so aufdrehen? Was glaubst du, wie schwer es ist, sie zum Einschlafen zu kriegen! Und jetzt will Erkki dich auch noch sprechen.«

Ich wartete, bis ich wieder Atemgeräusche hörte.

»Na, großer Mann, was gibt’s?«

»Nichts weiter.«

»In der Schule alles in Ordnung?«

Der Junge schwieg eine Weile. »Ein bisschen haben die mich wieder geärgert.« Der Seufzer blieb irgendwo über dem Küchentisch hängen.

»Verdammt«, sagte ich, um klarzustellen, dass ich die Sache ernst nahm. »Soll ich mit dem Lehrer sprechen? Oder mit irgendwem sonst in der Schule?«

»Nein.«

»Vielleicht würde das auch nichts helfen. Die dich da ärgern, sind einfach dumme Blödköpfe.«

»Genau«, sagte Erkki so überzeugend wie ein Abo-Werber. Sie sind uns als Kunde so wichtig, dass ich befugt bin, Ihnen ein Superangebot zu machen, Brigitte-Sabine-Küchenbiene plus Wunder der Technik sechs Monate lang für nur einmal zehn und drei Euro und ein praktisches Kehrblech gratis dazu.

»Na, versuch es durchzustehen. Und das schaffst du auch.« So, wie ich redete, hätte ich glatt Abo-Werber ausbilden können.

Marja meldete sich wieder zu Wort, sie klang etwas versöhnlicher. Ich erzählte ihr, dass ich nach Petrozawodsk fahren musste und mein Handy möglicherweise ein paar Tage lang keinen Empfang haben würde.

»Pass auf die beiden auf, und auf dich«, sagte ich zum Schluss.

»Du auch. Fahr vorsichtig.«

In den Worten schwang ein leises Echo, ein Hauch von der alten Marja mit.

Von dem Mädchen, das mich unter ihrer Mütze und dem dichten dunklen Haar angeschaut hatte wie ein Fuchsjunges. Inzwischen war sie wohl ein ausgewachsener Cityfuchs.

Meine Frau. Nun ja, verheiratet waren wir nicht. Meine Mitbewohnerin. Meine Freundin. Die Mutter meiner Tochter.

Ich probierte die Worte aus. Marja war einfach Marja, so war es am besten.

Aber sie hatte sich sehr verändert.

Schon gegen Ende ihres Studiums war sie irgendwie härter geworden. Sogar mit ihrer Familie hatte sie sich beinahe überworfen. Ich ahnte, dass ich daran nicht ganz unbeteiligt war. Einem Bauernpaar aus Südostfinnland fiel es nicht leicht zu akzeptieren, dass ein Rückwanderer mit der Tochter das Bett teilt. Marja hatte ihre Wahl verteidigen müssen. Oder ihre Selbstständigkeit, ihr Recht auf eigene Entscheidungen. Aber eine Mutter war eine Mutter und ein Vater war ein Vater, man konnte sie nicht einfach verstoßen.

Vor zwei Jahren hatte Marja eine Geschäftsidee entwickelt. Die Bevölkerung alterte, für alte Leute gab es nicht genug Helfer und nicht genug Einrichtungen, wo sie wenigstens halbwegs selbstständig leben konnten. Marja ließ sich von mir ein Reihenhaus in Espoo bauen, das den Normen für Pflegeheime entsprach, besorgte sich die Genehmigungen und Diplome, stellte Migrantinnen und zwei finnische Krankenschwestern ein und machte meine zuverlässige Sekretärin Oksana Pelkonen zur Assistentin.

Das Pflegeheim Abendstern war von Anfang an voll belegt, und auf der Warteliste standen weitere zahlungskräftige Senioren. Inzwischen betrieb Marja nach demselben Konzept bereits drei Wohnheime. Oder »Einheiten für ein Wohnen wie zu Hause«, wie sie es nannte.

So ähnlich empfand ich auch unser neues Haus. Meine alten Möbel waren mit unserem früheren Zuhause verbrannt, aber der Geschirrschrank aus Nussbaum oder der Sofatisch mit seinen Intarsien hätten vor Marjas Augen wohl ohnehin keine Gnade gefunden. Ganz gleich, in wie hohen Tönen ich den spiegelartigen Glanz des Schranks gepriesen hätte, und die reich verzierten Beine des Tischs, graziös wie die Tatzen einer Raubkatze. Marja wollte kühle Farben, helles Holz, seltsam glatte, einfarbige Tassen, Tischtücher mit großflächigen Mustern.

Auch mit Erkki war sie manchmal zu streng. Es war nicht Erkkis – oder eigentlich Sergejs – Schuld, dass er verstoßen, verwaist war. Ich musste für ihn sorgen, für meinen entfernten Verwandten, das war klar.

Eine schlechte Mutter liebt nur ihre eigenen Kinder, das hatte meine Mutter immer gesagt. Und sie hatte recht gehabt, fast immer und in fast allen Fragen.

Aber es war leicht für mich, Marja aus der Ferne Vorwürfe zu machen.

Ich goss mir den Rest aus der Wodkaflasche ein und studierte den Grundstücksmarkt an der Ostgrenze. Die Kommunen boten auf ihren Webseiten billiges Bauland an den Seeufern an wie Sauerbier.

3

Die Melkmaschinen der Kolchose brummen gleichmäßig, ich weiß, dass es Morgen ist. Aleksej und ich schlafen im breiten Bett, ich liege an der Wand, hinter dem Rücken meines großen Bruders. Gleich wird die Tür knarren, dann kommt Oma und sagt, na los Jungs, fangt mal an, euch zu lupfen. Ich weiß nicht, was lupfen bedeutet, kein anderer sagt das außer Oma, jeden Morgen, auf Finnisch, und jeden zweiten Morgen fügt sie seufzend hinzu, euer Schlafplatz ist so schön warm. Im Winter lächeln wir heimlich darüber, denn auf dem Wassereimer liegt oft eine Eisschicht.

Ich weiß, dass auch Mutter bald kommt, um von der Getreidesuppe zu essen, die Oma gekocht hat, und dass sie frisch gemolkene Milch mitbringt. Mutter ist Hauptbuchhalterin der Kolchose, und wir wohnen jetzt hier, in dem aus grauen Ziegeln gebauten Kolchosenheim. Wir haben noch kein Haus in der Stadt, aber ein Zimmer und eine eigene Küche und fließendes Wasser, und Vater ist mit seinem Regiment nach Norden abkommandiert. Im Herbst kommt er zwei Wochen auf Urlaub, und danach wird er vielleicht nach Sortavala versetzt. Fährt er dann mit dem Panzer zur Arbeit, überlege ich und merke, dass hier etwas schief ist und falsch, all die Menschen sind doch schon tot, außer Aleksej und mir.

Ich wachte auf und begriff, dass die Melkmaschine der Kompressor des Naglers war und dass nicht meine Oma durch die Tür spähte, sondern Antti Kiuru.

»Dobroe utro«, wünschte er mir einen guten Morgen. »Vom Wecken war keine Rede gewesen, aber ich habe mit den Jungs schon ein paar Stunden gearbeitet, und jetzt essen wir eine Kleinigkeit, also, wenn du frühstücken möchtest …«

Ich stand auf, reckte mich, ging auf die Toilette und wusch mir das Gesicht. Am Kinn schoben sich Bartstoppeln ans Licht, doch ich schob die Rasur hinaus. In Petrozawodsk musste ich mein Äußeres ohnehin in Ordnung bringen.

Früher hätte ich ein schlechtes Gewissen gehabt, wenn meine Männer früh aufstanden und arbeiteten, während ich noch eine Runde schlief und dann sauber gekleidet über die Baustelle stolzierte. Inzwischen war es mir egal. Die Männer erwarteten gar nicht, dass ich Mörtelsäcke schleppte.

Ich aß mit den Männern, wünschte ihnen schöne Tage, packte meine wenigen Sachen und fuhr ab.

Auf der finnischen Seite des Grenzübergangs schien immer noch alles voller Holz zu sein. Tausende Kubikmeter Fichtenstämme füllten ein provisorisches Lager, die Güterwagen waren bis an den Rand mit Birkenholz gefüllt, und ein Dutzend Holzlaster wartete auf die Zollabfertigung.

Nachdem der Grenzschützer einen flüchtigen Blick auf meine Papiere geworfen hatte, fuhr ich über eine offene Fläche zu der neuen Kontrollstelle auf der russischen Seite. Sie war aus rotem Backstein gemauert. Die Träger der Schutzdächer waren aus dunkelgrauem Stahl. Schwalben witschten in ihre Nester hoch oben in den Dachstühlen. Die blau-weißen Windsäcke hingen schlaff herab und demonstrierten die Windstille des ungewöhnlich heißen Tages.

Die Leutnantin fertigte die Wartenden ab, ohne sich zu hetzen. Sie war blond und schön, ein wenig zu stark geschminkt. Und sie hatte nichts unternommen, um ihrem Arbeitsplatz hinter der Glasscheibe, einem sauberen, kargen Verschlag, ein wenig Gemütlichkeit zu verleihen. Auf dem Tisch stand ein neuer Computer, alle Firmenaufkleber noch an ihrem Platz, die Tastatur makellos rein. Die Leutnantin gab meine Personaldaten ein, überprüfte unter einem Leuchtgerät die Echtheit meines Passes und griff dann zum traditionellen Stempel. Feierlich drückte sie ihn auf meine Papiere und schrieb anschließend Namen und Zahlen auf Listen aus gelblichem Papier.

Früher hatte man sie gebraucht, all die Papiere und Bestätigungsvermerke. Oder zumindest lebte man in der Furcht, dass in den bumagas irgendeine Unterschrift fehlte oder der Stempelabdruck verwischt war. Diese Unruhe hatte mich lange begleitet. An der Kontrollstelle der Verkehrsmiliz oder im Hotelfoyer, wenn ein Mann in Lederjacke seinen Ausweis zückte und nach den Papieren fragte, hatte sie mich mit kalten Fingern im Nacken gepackt. Ich hatte mir befehlen müssen, meinen Namen in der finnischen Form anzugeben, Viktor Kärppä, nicht Gornostajew, und immer daran zu denken, dass ich mit einem finnischen Pass unterwegs war.

Die Grenzschutzoffizierin wünschte mir in russisch gefärbtem Finnisch einen schönen Tag. Ich bedankte mich auf Russisch bei der Genossin Leutnant. Dafür, dass ich die Sterne auf ihren Epauletten erkannt hatte, belohnte sie mich mit einem strahlenden Lächeln.

Draußen wartete eine finnische Reisegesellschaft neben ihrem Bus auf die Erlaubnis, die Grenzstation zu betreten. Die Leute wirkten wie Mitglieder einer Missionsgesellschaft oder eines wohltätigen Vereins, der gebrauchte Kleidung und Spielzeug für Karelien sammelt. Ich überlegte, ob sie sich überhaupt nicht darüber wunderten, dass ein Transporter nach dem anderen neue Pkw nach Russland brachte, während sie in ihrem alten Bus Gesangbücher und abgetragene Trainingsanzüge transportierten.

Zwei Kinder balancierten auf dem Rand der Plattform. Ich schätzte, dass sie Geschwister waren. Das kleinere Kind, ein ernst und entschlossen dreinblickendes Mädchen, versuchte, seinen großen Bruder aus dem Gleichgewicht zu bringen, und ...

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