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Zeit der Zärtlichkeit

1. KAPITEL

Habe ich dir schon einmal gesagt, dass du perfekt bist, mein Liebling? Vielleicht ein bisschen klein geraten, aber für mich bist du einfach vollkommen.

Gina erwachte aus ihrem Tagtraum und blickte sich um. Sie fürchtete, ihre Gedanken laut ausgesprochen zu haben. Doch niemand schien es bemerkt zu haben. Erleichtert wandte sie sich wieder dem kleinen Wagen zu und strich zärtlich über die Heckscheibe.

Da es bereits zwölf Jahre alt war, hatte sie das winzige Auto zu einem äußerst günstigen Preis bekommen. Die meisten Leute mussten ein Lächeln unterdrücken, wenn sie es zum ersten Mal zu Gesicht bekamen. Aber es hatte ihr immer treue Dienste erwiesen, und sie liebte die Art, wie es fröhlich auf der Straße dahintuckerte.

Plötzlich bemerkte Gina, dass ihr Auto zugeparkt war. Auf der einen Seite war eine Mauer, auf der anderen stand ein Rolls-Royce. Dessen Besitzer war ganz offensichtlich der Meinung, ihm würde mehr zustehen als ein einzelner Parkplatz.

“So eine Unverschämtheit”, empörte sie sich. “Ich bekomme nicht einmal die Tür weit genug auf, um einzusteigen.”

Zum Glück war der Kofferraum nicht abgetrennt, sodass sie durch die Heckklappe hineinklettern konnte. Als sie mit einiger Mühe auf den Fahrersitz gelangte, war sie verschwitzt und schlecht gelaunt.

“Was glaubt der eigentlich, wer er ist?”, fragte sie erbost.

Vorsichtig begann sie, rückwärts auszuparken. Zuerst schien alles zu klappen, doch plötzlich machte das kleine Auto einen Ruck, drehte sich und rammte mit einem lauten Knirschen den sorgfältig polierten Rolls-Royce.

Erschrocken krabbelte Gina wieder durch den Kofferraum ins Freie. Sie kniete sich hin, um den Schaden zu begutachten. Beide Autos hatten Kratzer abbekommen, den Rolls-Royce hatte es allerdings schlimmer erwischt.

“Gut gemacht”, hörte sie plötzlich jemanden hinter sich ironisch sagen. “Ich habe ihn gerade neu lackieren lassen – wirklich perfektes Timing!”

Von ihrem Blickwinkel aus wirkte der Mann sehr groß. Er hatte dichtes, dunkles Haar und breite Schultern. Schnell stand sie auf, aber noch immer überragte er sie um mindestens fünfundzwanzig Zentimeter.

“‘Gut gemacht’ ist wohl nicht der richtige Ausdruck”, entgegnete sie. “Ich würde die Person als egoistisch und arrogant bezeichnen.”

“Wen?”

“Denjenigen, der für den Rolls-Royce zwei Parkplätze beansprucht hat, sodass ich nicht genügend Platz hatte, um einzusteigen.”

“Sehr viel Platz kann diese Erdnuss auf Rädern wohl kaum benötigen.”

“Nun, nicht alle Menschen haben das Glück, einen Rolls-Royce zu fahren”, erwiderte Gina, empört darüber, dass man ihren Liebling beleidigt hatte. “Sie haben Ihren Wagen auf meinem Parkplatz abgestellt. Dazu hatten Sie kein Recht – ich konnte nicht einmal die Tür öffnen.”

“Eigentlich habe nicht ich ihn geparkt, sondern mein Chauffeur.”

“Das hätte ich mir denken können.”

“Dann ist es also ein noch schlimmeres Verbrechen, einen Chauffeur zu haben, als einen Rolls-Royce zu besitzen?”

“Es passt einfach zusammen. Jemand, der sich so einen Wagen leisten kann, braucht keine Rücksicht auf andere Menschen zu nehmen. Warum haben Sie Ihren Chauffeur nicht davon abgehalten?”

“Weil ich nicht dabei war und es nicht wusste. Ich gebe zu, dass er nicht gerade eine Glanzleistung vollbracht hat. Aber Sie hätten ausparken können, ohne einen der Wagen zu beschädigen, indem Sie rückwärts gefahren wären, ohne einzuschlagen. Hat man Ihnen das nicht in der Fahrschule beigebracht?”

“Wenn man nicht meinen Parkplatz in Anspruch genommen hätte”, erwiderte Gina ärgerlich, “dann hätte ich den Rolls-Royce nicht gerammt, auch wenn ich eingeschlagen hätte.”

“Mit Ihrer Lenkung ist etwas nicht in Ordnung”, erklärte der Mann beneidenswert gelassen. “Sie können von Glück reden, dass Sie es beim Ausparken bemerkt haben und nicht erst bei einem Überholmanöver.”

Insgeheim musste sie ihm recht geben. Unwillkürlich dachte sie an die Reparaturen, die nun auf sie zukommen würden.

“Wie sollen wir vorgehen?”, fragte der Mann. “Geben Sie mir Ihre Versicherungsnummer, oder wollen wir uns bei Sonnenuntergang zum Duell treffen?”

“Das ist wirklich nicht komisch …”

“Sollten Sie es auf ein Gerichtsverfahren ankommen lassen, hätte ich einiges über Ihre lausige Lenkung anzumerken …”

“Hören Sie endlich auf, mein Auto zu beschimpfen!”

“Wenn man bedenkt, welchen Schaden es an meinem Rolls-Royce angerichtet hat, gehe ich noch sehr sanft mit ihm um, finde ich. Ich glaube nicht, dass Sie von der Versicherung auch nur einen Penny für diesen Blechhaufen bekommen.”

“Hören Sie mal …”

“Wie wäre es also, wenn ich die Verantwortung für den Schaden übernehmen und für sämtliche Reparaturen aufkommen würde?”

Mit diesem unerwarteten Entgegenkommen nahm er ihr völlig den Wind aus den Segeln.

“Das würden Sie tun?”

“Ja. Stellen Sie sich vor – obwohl ich einen Rolls-Royce besitze und einen Chauffeur habe, verfüge ich über einige menschliche Züge.”

“Vielen Dank”, sagte Gina unsicher.

Ein Mann mittleren Alters war hinzugekommen. Der Besitzer des Rolls-Royce wandte sich an ihn.

“Harry, was um alles in der Welt haben Sie sich nur dabei gedacht, den Wagen so zu parken?”

“Der Wagen, der vorhin auf der anderen Seite stand, nahm fast die Hälfte meines Parkplatzes in Anspruch, sodass ich … Ach du meine Güte!”, rief der Chauffeur, als er die Kratzer erblickte.

“Das ist nicht weiter schlimm. Fahren Sie bitte das … Auto dieser Lady zu meiner Werkstatt, und lassen Sie alle notwendigen Arbeiten vornehmen. Dann kommen Sie bitte zurück und bringen den Rolls-Royce ebenfalls zur Reparatur.”

“Wie kommt man hinein?”, fragte Harry.

“Durch den Kofferraum”, erwiderte Gina ein wenig schadenfroh.

Mit Mühe und Not gelang es ihm, sich in den kleinen Wagen zu quetschen und aus der Parklücke zu fahren, ohne den Rolls-Royce ein zweites Mal zu streifen. Dessen Besitzer warf ihr einen vielsagenden Blick zu, enthielt sich jedoch eines Kommentars.

“Es tut mir wirklich leid”, bemerkte sie zerknirscht.

“Heute ist nicht Ihr Tag, stimmt’s? Gibt es hier in der Nähe ein Café, wo wir die Angelegenheit in aller Ruhe besprechen können?”

Sie gingen in Bob’s Café, ein überfülltes und nicht sonderlich vornehmes kleines Lokal, wo in erster Linie Menschen aßen, die wenig Geld und ebenso wenig Zeit hatten. Ginas Begleiter schien überhaupt nicht hierher zu passen. Er war über einen Meter achtzig groß, wirkte sehr selbstbewusst und strahlte eine natürliche Autorität aus. Sein perfekt sitzender Anzug musste ein Vermögen gekostet haben.

Entmutigt ließ Gina den Blick an sich hinuntergleiten. Sie war geschmackvoll und angemessen gekleidet, aber der graue Hosenanzug war der billigste gewesen, den sie gefunden hatte. Sie versuchte immer, ihr Outfit mit Schmuck und Halstüchern aufzupeppen, doch neben diesem Mann fühlte sie sich richtig unscheinbar.

Obwohl es Mittagszeit und das Lokal gut besucht war, fand ihr Begleiter einen freien Tisch am Fenster. Männer wie er finden immer einen Fensterplatz, dachte Gina.

“Ich möchte Sie zum Kaffee einladen”, sagte sie. “Das ist das Mindeste, was ich tun kann, um Ihnen zu danken.”

“Das kommt nicht infrage.” Er begann, die Speisekarte zu lesen. “Ich habe Hunger, und ich esse nicht gern allein. Also suchen Sie sich etwas aus.”

“Zu Befehl, Sir.”

Ihr Begleiter verzog das Gesicht. “Es tut mir leid, ich bin es so gewohnt, Anweisungen zu erteilen, dass ich mich manchmal schlecht umstellen kann.”

Seine Stimme war angenehm tief und wohlklingend.

Gina wählte ein Gericht, und er winkte die Kellnerin herbei. Nachdem er bestellt hatte, wandte er sich wieder an sie. “Ich habe mich Ihnen noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Carson Page.”

“Ich bin Gina Tennison. Mr. Page, ich möchte Ihnen noch einmal danken. Sie hatten völlig recht, meine Lenkung ist wirklich nicht in Ordnung – und das, wo ich den Wagen gerade erst habe reparieren lassen.”

“Dann sollten Sie sich einen guten Anwalt nehmen und die Werkstatt verklagen.”

“Ich bin selbst Anwältin.”

“Tatsächlich?”

“Eine Frau hat in einer Autowerkstatt, in der nur Männer arbeiten, keinen leichten Stand”, verteidigte sie sich. “Es hilft mir gar nichts, dass ich Anwältin bin – sie tun einfach, was sie wollen, weil sie mich für eine dumme Frau halten, die von Autos nicht die geringste Ahnung hat.”

Um seinen Mund zuckte es verdächtig.

“Sagen Sie ruhig, was Sie denken”, forderte sie ihn auf.

“Ist das wirklich nötig?”

Sie mussten beide lachen. Wenn Carson Page lachte, wirkte sein Gesicht weniger streng. Doch sofort wurde er wieder ernst, als wäre es ihm unangenehm, fröhlich und ausgelassen zu sein.

Sein Gesicht wirkte angespannt. Er hatte Ringe unter den dunklen Augen und Sorgenfalten um den Mund.

Gina versuchte, sein Alter zu schätzen. Er musste in den Dreißigern sein. Sein Körper war schlank, muskulös und durchtrainiert. Seine Bewegungen waren schnell und geschmeidig wie die eines jungen Manns, aber gleichzeitig wirkte er nachdenklich und ernst, als würde er eine schwere Last mit sich umhertragen.

“Sie sind also Rechtsanwältin. Arbeiten Sie hier in der Nähe?”

“Ja, ich bin bei Renshaw Baines angestellt.”

“Tatsächlich? Ich bin ein Mandant von Renshaw Baines – besser gesagt, ich werde es nach einem Treffen heute Nachmittag möglicherweise sein.”

“Ach du meine Güte – ich habe einen potentiellen Mandanten verärgert!”

“Ich verspreche, niemandem von dem Vorfall zu erzählen. Aber wenn Sie möchten, können Sie sich bei mir revanchieren, indem Sie mir etwas über Philip Hale erzählen. Er wird sich um meine Angelegenheiten kümmern, und ich kenne ihn noch nicht.”

“Er ist ein Juniorpartner bei Renshaw Baines”, begann Gina vorsichtig, “und arbeitet dort erst seit kurzer Zeit. Man sagt, er sei ein ausgezeichneter Anwalt.”

“Sie mögen ihn nicht, stimmt’s?”, bemerkte Carson Page, der ihre Gedanken zu lesen schien.

“Ja, das heißt, nein … eigentlich ist es eher so, dass er mich nicht mag. Er hält nicht viel von meinen Fähigkeiten, und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte man mich sicher nicht eingestellt.”

Wieder huschte ein Lächeln über sein Gesicht. “Warum traut er Ihnen denn nichts zu?”

“Er ist sehr anspruchsvoll, und vielleicht werde ich seinen Ansprüchen nicht gerecht. Allerdings kann selbst er an meiner Aktenarbeit nichts aussetzen. Einige Male musste er bereits zugeben, dass ich ausgezeichnete Arbeit leiste.”

“Aktenarbeit? Keine dramatischen Auftritte im Gerichtssaal?”

“Nein, ich stehe nicht gern im Vordergrund, sondern arbeite lieber für mich.”

“Ist das nicht ein bisschen zu langweilig für eine junge Frau?”

“Nein, gar nicht”, entgegnete Gina ernsthaft. “Wissen Sie, ich war jahrelang …” Sie verstummte.

“Erzählen Sie weiter.”

“Ich rede die ganze Zeit nur über mich, das ist sonst gar nicht meine Art.”

“Aber es interessiert mich. Was waren Sie jahrelang?”

“Nun, ich … ich war krank, das ist alles. Und ich dachte, ich könnte nie wieder ein normales Leben führen. Doch jetzt tue ich genau das. Für Sie mag es langweilig klingen, aber mir kommt es noch immer wie ein Traum vor. Ich habe alles, was ich mir je erhofft hatte.”

Fasziniert betrachtete er ihr Gesicht. Ihre Augen leuchteten, und er fragte sich, ob er tatsächlich einem Menschen begegnet war, der die seltene Gabe besaß, mit dem, was er hatte, glücklich und zufrieden zu sein.

“Was für eine Krankheit hatten Sie denn?”, fragte er sanft.

Doch Gina schüttelte den Kopf. “Ich habe wirklich schon mehr als genug von mir erzählt.”

Zu ihrer Erleichterung ließ er es darauf beruhen.

Sie hatte sich ihr Studium hart erkämpft, und ihre Abschlussnoten waren sehr gut gewesen. Renshaw Baines war zwar nicht die größte Anwaltskanzlei in London, hatte allerdings einen ausgezeichneten Ruf, und man wählte neue Mitarbeiter sehr sorgfältig aus. Sie war stolz darauf, dort zu arbeiten.

Sie war sechsundzwanzig Jahre alt und recht hübsch, denn sie war schlank, hatte rötliches Haar, einen hellen Teint und außergewöhnliche, smaragdgrüne Augen.

Doch schmerzhafte Erfahrungen hatten sie gelehrt, vorsichtig und zurückhaltend zu sein. Daher kleidete sie sich unauffällig und drängte sich nie in den Vordergrund. Ihre Arbeit gab ihr Selbstvertrauen, und sie führte eine Beziehung mit einem Mann, der ihr bereits seit der Kindheit vertraut war. Sie war mit ihrem Leben zufrieden.

Carsons Handy klingelte. Es war Harry, der von der Werkstatt aus anrief.

“Die Mechaniker haben gesagt, dass ein neuer Motor in diesen Schrotthaufen eingebaut werden müsste. Das wäre ziemlich kostspielig.”

“Sie sollten einfach alles tun, was notwendig ist”, erwiderte Carson, ohne zu zögern.

“Aber Sie brauchen dieser Frau wirklich keinen neuen Motor zu kaufen …”

“Tun Sie einfach, was ich gesagt habe”, unterbrach er Harry und beendete das Gespräch. Dann wandte er sich an Gina. “Ihr Auto wird bereits repariert.”

“Wird es sehr teuer?”

Er zuckte die Schultern. “Machen Sie sich deswegen keine Gedanken.”

“Aber …”

“Vergessen Sie es.” Er klang ungeduldig. “Sie werden Ihr Auto in fahrtüchtigem Zustand wiederbekommen. Als Anwältin sollten Sie sich eigentlich einen besseren Wagen leisten können.”

“Vermutlich haben Sie recht. Ich werde darüber nachdenken.” Impulsiv vertraute sie ihm an: “Sie werden mich bestimmt für verrückt erklären, aber es wird mir schwerfallen, mich von der kleinen ‘Erdnuss’ zu trennen. Für mich ist das Auto fast wie ein Freund, und die Vorstellung, dass es auf einem Schrottplatz vor sich hinrostet, macht mich traurig.”

“Wenn das Auto aus der Werkstatt kommt, wird es in einem sehr guten Zustand sein. Sie können es dann jemandem verkaufen, der genauso verrückt ist wie Sie.”

“Und der es auch genauso lieben wird.” Ihre Miene hellte sich bei diesem Gedanken auf. Gina aß den Salat, den die Kellnerin gebracht hatte, und lächelte strahlend.

Carson biss in sein Sandwich und betrachtete sie fasziniert. Er wunderte sich über sich selbst, denn er hatte immer von sich behauptet, er wäre nicht sentimental. Und doch hatte er heute bereitwillig die Verantwortung für etwas unternommen, dass nicht gänzlich seine Schuld gewesen war.

Und warum? Weil er Gina hatte lächeln sehen wollen.

Dann hatte er sein völlig irrationales Verhalten noch übertroffen, indem er mit dieser merkwürdigen jungen Frau in einem schäbigen kleinen Lokal zu Mittag aß. Dabei hatte er wirklich Wichtigeres zu tun.

Oder etwa nicht?

Plötzlich verspürte er einen stechenden Schmerz und rieb sich die Augen.

“Haben Sie Kopfschmerzen?”, fragte Gina besorgt.

“Nein, mir geht es gut”, wehrte er schnell ab.

Ihm tat wirklich der Kopf weh. Das kam in letzter Zeit allerdings so häufig vor, dass er sich daran gewöhnt hatte.

“So sehen Sie aber nicht aus”, beharrte sie.

Einen Moment lang war Carson verärgert, dass sie ihn nicht in Ruhe ließ. Doch in ihren Augen las er echte Anteilnahme, und sein Ärger verrauchte.

“Ich habe im Moment sehr viel zu tun und stehe unter starkem Stress”, gab er zu.

Einen Moment lang war er versucht, ihr von all den Problemen und Katastrophen zu erzählen, die ihn zu erdrücken drohten. Vielleicht war es leichter, einer Fremden anzuvertrauen, wie einsam er sich fühlte, seitdem sich herausgestellt hatte, dass die Frau, die er so geliebt hatte, kaltherzig und berechnend war.

Fast hätte er Gina von dem erzählt, was ihn am meisten bedrückte – von seinem kleinen Sohn, auf den er einmal so stolz gewesen war und für den er jetzt außer einer verzweifelten Liebe nur noch Mitleid empfinden konnte.

Doch dann riss er sich zusammen. Nichts lag ihm ferner, als anderen Menschen gegenüber Schwäche zu zeigen. Wie hatte er nur im Ernst mit dem Gedanken spielen können, einer Fremden sein Herz auszuschütten?

Außerdem wollte er die angenehme Stimmung nicht verderben. Gina war gutherzig und lustig, und es machte Spaß, sich mit ihr zu unterhalten.

Spaß.

Er hatte schon fast vergessen, was das Wort bedeutete. Ja, es machte Spaß, mit dieser jungen Frau Zeit zu verbringen, die an ihrem klapprigen kleinen Auto hing und mit so wenig zufrieden war. Er war froh, dass er dem Impuls nachgegeben hatte, mit ihr zu Mittag zu essen. Manchmal tat es gut, Leute kennenzulernen, die lächelnd durchs Leben gingen.

Carson blickte auf die Uhr und stellte erstaunt fest, dass bereits mehr als eine Stunde vergangen war. “Ich muss bald zu meinem Termin mit Philip Hale. Sind Sie fertig?”

“Du meine Güte!” Schnell trank Gina den Kaffee aus. “Könnten Sie mir einen kleinen Vorsprung lassen? Mir wäre es lieber, wenn wir nicht gleichzeitig bei Renshaw Baines ankommen würden. Sonst würde man mir sicher Fragen stellen, und dann …”

“Dann würde man womöglich noch Ihr dunkles Geheimnis lüften. Einverstanden, ich gebe Ihnen fünf Minuten. Hier ist meine Visitenkarte. Ich habe die Telefonnummer der Werkstatt auf die Rückseite geschrieben. Am besten rufen Sie dort gleich morgen an.”

“Vielen Dank. Und danke für das Essen.”

“Es war mir ein Vergnügen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.”

Sein Händedruck war so fest, dass ihr der Atem stockte. Gina hatte das Gefühl, bei der kurzen Berührung würde ein Funke zwischen ihnen überspringen. Schließlich ließ Carson ihre Hand los und nickte ihr zum Abschied kurz zu.

Schnell ging sie zurück in ihr Büro. Sie war verwirrt. Noch nie war sie einem Mann wie Carson Page begegnet. Mit seinen dunklen, ausdrucksvollen Augen war er äußerst attraktiv, und sicher wäre er auch sehr charmant, wenn er sich nur einmal entspannen würde. Allerdings war er vermutlich zu sehr Geschäftsmann, um auch nur für einen Moment zu vergessen, dass er mit ihr seine Zeit verschwendete.

Carson Page sah Gina nach, bis sie aus seinem Blickfeld verschwand. Plötzlich hatte er das Gefühl, als wäre mit ihr auch der Sonnenschein verschwunden. Was hatte ihn nur dazu gebracht, eine ganze Stunde für etwas zu vergeuden, das sich in wenigen Minuten hätte regeln lassen können?

Er rief sich zur Ordnung. Das Essen mit Gina war sehr angenehm gewesen – wie ein Kurzurlaub, den er dringend benötigte. Doch jetzt musste er in die Realität zurückkehren, und sicher war es besser für ihn, sie nicht wiederzusehen.

Gina betrat ihr Büro. Ihre Sekretärin Dulcie war in Schreibarbeiten vertieft und sehr beschäftigt. Sie war mittleren Alters und arbeitete bereits seit über zwanzig Jahren für Renshaw Baines. Ihren Vorgesetzten gegenüber legte sie normalerweise eine ironische Gelassenheit an den Tag, doch sie hatte Dulcie sofort ins Herz geschlossen.

Vor ihr ließ sich nur schwer etwas geheim halten. “Habe ich mich getäuscht, oder haben Sie wirklich mit Carson Page in Bob’s Café Mittag gegessen?”, war ihre erste Frage.

“Du meine Güte! Sie haben doch hoffentlich niemandem etwas davon erzählt?”

“Keiner Menschenseele. Wenn Philip Hale den Eindruck bekommt, dass Sie ihm seinen vielversprechendsten Mandanten wegschnappen wollen, dann ist hier die Hölle los!”

“Ich weiß. Wenn Sie mir versprechen, es für sich zu behalten, erzähle ich Ihnen alles ganz genau.”

“Ich schweige wie ein Grab.”

Gina berichtete, was passiert war.

Dulcie lachte ungläubig. “Sie haben Carson Pages Wagen zerschrammt und sind mit dem Leben davongekommen? Und er will auch noch für sämtliche Reparaturen aufkommen? Wie haben Sie das nur angestellt?”

“Ich habe eigentlich gar nichts getan. Er ist eben einfach ein sympathischer und äußerst großzügiger Mann.”

“Oh nein, das ist er nicht”, widersprach Dulcie sofort. “Eine Freundin von mir arbeitet für die Anwaltskanzlei, bei der er früher Mandant war. Sie sagt, er wäre ein fürchterlicher Mensch. Immerhin gehört ihm Page Engineering, und wenn er nicht so aggressiv wäre, dann hätte er das Unternehmen nicht dahin gebracht, wo es heute steht.”

“Du meine Güte!”, rief Gina. “Sie meinen, es ist der Carson Page? Ich hätte nie geglaubt … Ich meine, ich …”

Carson Page hatte Page Engineering praktisch aus dem Nichts aufgebaut und dabei rücksichtslos jede Konkurrenz beiseite gefegt. Er hatte zahlreiche kleine Unternehmen aufgekauft und sich so einen großen Marktanteil gesichert. Nichts und niemand schien ihn aufhalten zu können. Wenn man den Kommentaren in den Fachzeitschriften Glauben schenken durfte, verwandelte sich alles, was er berührte, in Gold.

Es war nicht ratsam, Carson Page zum Feind zu haben, denn er schien keine Skrupel zu kennen. Und sie hatte seinen Rolls-Royce zerschrammt!

“Allem Anschein nach ist er ein ausgezeichneter Geschäftsmann”, gab Dulcie zu, “aber auch sehr anspruchsvoll und unnachgiebig.” Sie warf ihr einen vielsagenden Blick zu. “Bei Ihnen scheint er allerdings eine Ausnahme gemacht zu haben.”

“Ach, hören Sie auf, Dulcie.” Gina errötete. “Er wollte sich mir gegenüber einfach freundlich verhalten. Allerdings kam es mir so vor, als wäre er darin etwas ungeübt.”

“Das passt genau zu den Dingen, die ich über ihn gehört habe. Er ist nicht gerade für seine Freundlichkeit bekannt. Sie müssen ihn sehr beeindruckt haben. Wenn Sie sich ein wenig Mühe geben, könnten Sie eines Tages mit ihm in dem Rolls-Royce herumfahren.”

“So ein Unsinn. Ich werde ihn nie wiedersehen. Und außerdem habe ich doch meinen tollen Dan.”

“Mir fallen viele passende Beschreibungen für Dan ein, aber ‘toll’ gehört eindeutig nicht dazu”, erwiderte Dulcie trocken. “Er ist langweilig und ignorant, und er weiß gar nicht, was er an Ihnen hat. Außerdem sind Sie nur deshalb mit ihm befreundet, weil Sie ihn schon seit Ihrer Kindheit kennen.”

“Und was ist so schlimm daran? Ich finde es beruhigend, jemanden sehr gut zu kennen.”

“Du meine Güte”, murmelte Dulcie und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu.

Es stimmte, dass sie, Gina, Dan bereits seit ihrer Kindheit kannte und ihre Beziehung mehr von gegenseitiger Vertrautheit geprägt war als von romantischen Gefühlen, doch was war daran falsch? Nach ihrer langen Krankheit freute sie sich über jedes kleine Glück, das ihr zuteilwurde.

Abends hatte sie sich mit Dan in einem kleinen Restaurant verabredet, das einige Meilen entfernt von ihrem Büro lag. Sie bestellte ein Taxi. Einer plötzlichen Eingebung folgend, rief sie bei der Werkstatt an, um sich nach ihrem Auto zu erkundigen.

“Sie können sich wirklich glücklich schätzen”, sagte der leitende Mechaniker. “Es war alles andere als einfach, einen passenden Motor für Ihren Wagen aufzutreiben. Aber für Mr. Page haben wir natürlich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt.”

“Einen neuen Motor?”, fragte sie entgeistert.

“Die einzige Möglichkeit, das Auto instand zu setzen. Wir haben auch eine neue Lenkung eingebaut.”

“Das kostet doch ein Vermögen!”

“Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Schließlich bezahlt Mr. Page die Rechnung.”

“Aber ich kann wirklich nicht zulassen …”

“Für Einwände ist es leider zu spät. Wir haben bereits mit den Arbeiten begonnen.”

Wie benommen legte Gina den Hörer auf. Sie konnte sich unmöglich von einem Fremden einen neuen Motor bezahlen lassen!

Doch Mr. Page war reich, und sicher war es für ihn einfacher, alles zu bezahlen. Ich sollte mir wirklich keine Sorgen machen, dachte sie, denn ebenso wenig wird er noch einen Gedanken an mich verschwenden.

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