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Zeit der Zärtlichkeit, Zeit der Liebe

1. KAPITEL

Rebecca Hardaway geriet auf ihren wackeligen High Heels ins Wanken.

Einen kurzen, entsetzlichen Moment lang fürchtete sie, vornüberzustürzen – direkt auf den silbergrauen Sarg, der über dem geöffneten Grab hing.

Lieber Gott, bitte gib mir die nötige Kraft! betete sie, während sie eisern darum kämpfte, sich auf ihren zitternden Beinen zu halten und den Schwindel aus ihrem Kopf zu vertreiben.

Sie musste jetzt stark sein. Wenn schon nicht für sich selbst, dann wenigstens für jenen Menschen, der in wenigen Minuten in die Erde hinuntergelassen würde.

Bis vor fünf Tagen hatte Rebecca noch nicht einmal geahnt, dass sie eine Tante hatte – geschweige denn von Gertrude O’Dells Existenz gewusst. Hätte Gertrude bei ihrem Anwalt nicht die strikte Anweisung hinterlassen, Rebecca von ihrem Ableben zu informieren, hätte sie es wahrscheinlich nie erfahren.

Die Anwaltskanzlei von Barnes, Bentley & Barnes hatte im Bordeaux angerufen – jenem Kaufhaus in Houston, in dem Rebecca als Modeeinkäuferin arbeitete. Zunächst hatte sie gedacht, ein Kollege wolle sich einen Scherz mit ihr erlauben. Ihre Mutter hatte keine Zwillingsschwester in New Mexico! Bestimmt lag da irgendeine Verwechslung vor.

Doch zu Rebeccas Bestürzung war dem nicht so. Und nun hörten die Fragen nicht auf, sie zu zermartern. Wie konnte ein solches Geheimnis so lange bewahrt bleiben? Warum hatte Gwyn, ihre Mutter, das nur getan?

Ihr Vater war vor achtzehn Jahren gestorben. Hatte er von Gertrudes Existenz gewusst? Oder hatte Gwyn ihre Zwillingsschwester vor allen Menschen geheim gehalten?

Das verstehst du nicht, Rebecca. Gertrude und ich standen uns nie besonders nahe. Wir waren zwar Schwestern, dennoch waren wir sehr verschieden. Sie führte ihr eigenes Leben und ich meins. Wir beschlossen, getrennte Wege zu gehen.

Die ausweichenden Antworten ihrer Mutter auf Rebeccas bohrende Fragen waren absolut unbefriedigend. Gwyn drückte sich noch immer sehr vage aus. Und jeder weitere Tag ohne eine konkrete Antwort verstärkte Rebeccas Unmut und Verwunderung.

Bisher hatte sie geglaubt, bis auf ihre Mutter keine Angehörigen zu haben. Und nun wurde ihr klar, dass man sie um die Chance betrogen hatte, ihre Tante kennenzulernen.

Jetzt war es zu spät.

Am anderen Ende des Sarges las ein Pfarrer den 23. Psalm zu Ende, gefolgt von einem kurzen, tröstenden Gebet. Als Rebecca „Amen“ flüsterte, spürte sie, wie sich eine starke Hand auf ihren Ellbogen legte.

Sie hob den Kopf und blickte direkt in ein goldbraunes Augenpaar, das von dicken Wimpern umrahmt wurde. Das Gesicht war zum Teil unter der Krempe eines grauen Cowboyhutes verborgen, doch Rebecca erkannte in ihm einen der acht Menschen, die die Zeit und das Bedürfnis gehabt hatten, der schlichten Beerdigung beizuwohnen.

„Ich hatte den Eindruck, Sie könnten ein bisschen Unterstützung gebrauchen“, sagte er leise. „Heute ist ein heißer Tag. Und Trauer kann einen Menschen regelrecht austrocknen.“

Trauer. Oh ja, Trauer empfand sie auf jede nur erdenkbare Art. Rebecca hatte mehr verloren als nur eine Tante. Sie kam sich vor, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen. Der Glaube an die Familie war erschüttert. Und ihre Mutter ging der Wahrheit noch immer aus dem Weg. Das jedoch konnte dieser Mann ja nicht wissen. „Danke“, murmelte sie.

Ein paar Schritte weiter beendete der Pfarrer die Predigt, richtete noch einige mitfühlende Worte an Rebecca, und dann ging er.

Der junge Cowboy neben ihr hielt weiter ihren Ellbogen fest.

Er trug ein gestärktes weißes Hemd und dazu Bluejeans mit rasiermesserscharfen Falten. Er duftete nach Gras, Sonne und ihm selbst. Seine Hand war warm, und die Finger umschlossen ihre Haut mit unglaublicher Kraft.

Wer war dieser Mann? Und in welcher Beziehung stand er zu Gertrude O’Dell?

„Gleich lassen sie den Sarg hinunter“, sagte er mit tiefer, kräftiger Stimme. „Möchten Sie eine der Rosen als Andenken behalten?“

Dankbar für seine Umsicht, richtete sie den Blick kurz auf die einzeln auf dem Sarg verstreuten Blumen, dann wieder auf den Mann. „Ja, sehr gern.“

Er löste den Griff um ihren Arm und trat vor, um eine der langstieligen Rosen aus einem Gebinde zu lösen. Als er Rebecca die Blume reichte, schnürte sich ihre Kehle zu. Tränen schossen ihr in die Augen.

Bis zu diesem Moment hatte sie keine einzige Träne vergossen oder den Gefühlen nachgegeben, die in ihrem Inneren wie Sturmwellen tosten. Doch irgendetwas an der Freundlichkeit dieses Mannes hatte ihren Schutzwall durchdrungen.

„Danke“, sagte sie, hob den tränenfeuchten Blick von der Rosenblüte und richtete ihn wieder auf sein Gesicht.

Seine dunklen Züge waren männlich, sehr markant und ließen das sanfte Leuchten in seinen Augen umso mehr als Kon­trast erscheinen.

„Ich bin Rebecca Hardaway, Gertrudes Nichte. Kannten Sie meine Tante gut, Mr …?“ Sie errötete leicht. „Tut mir leid. Ich muss gestehen, dass ich keinen ihrer Freunde kenne.“

Wieder umfasste er ihren Ellbogen mit seiner Hand. Mit sanftem Drängen führte er sie weg von dem Sarg und hin zu der tief wachsenden, Schatten spendenden Krone eines frei stehenden Süßhülsenbaumes.

„Ich heiße Jake Rollins“, sagte er. „Leider muss ich gestehen, dass ich Ihre Tante nicht persönlich kannte. Ich habe sie nur hin und wieder gesehen, wenn ich an ihrem Haus vorbeigefahren bin. Zu ihrer Beerdigung bin ich gekommen, weil ich dachte, dass sie sich freuen würde, wenn jemand da ist, der sich von ihr verabschiedet.“

„Oh.“

Die Tränen rollten über ihre Wangen.

Der Mann zog ein weißes Taschentuch aus seiner Hosentasche und reichte es ihr.

Rebecca bedankte sich und wischte die feuchten Spuren mit dem weichen Baumwolltuch ab. Während sie sich weiter um Fassung bemühte, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf seine breite Statur. Und auf seine braunen Augen, mit denen er sie ganz genau unter die Lupe nahm.

Dieser Mann musste äußerst mitfühlend sein, wenn er zur Beerdigung eines Menschen ging, den er eigentlich gar nicht gekannt hatte.

Er begann zu erzählen. „Meine Freunde, die Cantrells – die Leute, mit denen ich hier bin – besitzen eine Ranch westlich des Anwesens Ihrer Tante. Die Ranch heißt Apache Wells. Vielleicht hat Gertie sie Ihnen gegenüber mal erwähnt?“

Rebecca schüttelte den Kopf. Wie sollte sie diesem Mann nur erklären, dass sie niemals mit Gertrude O’Dell gesprochen hatte? Dass sie sie nicht einmal kennengelernt hatte? All das war so schwer zu glauben und doch so entsetzlich wahr.

„Leider nicht. Dennoch bin ich Ihnen und Ihren Freunden sehr dankbar dafür, dass Sie heute gekommen sind. Ohne Sie und Ihre Freunde wären nur eine Handvoll Menschen da gewesen, um ihrer Beisetzung beizuwohnen.“

Ein schwacher Hauch von Zynismus legte sich auf seine Lippen. „Die Menschen reden sich heutzutage ein, dass ihnen die Zeit fehlt, um auf Beerdigungen zu gehen. An Ihrer Stelle würde ich mir über die wenigen Trauergäste keine Gedanken machen.“

Ein plötzliches Interesse blitzte in ihren verklärten blauen Augen auf. „Sie haben meine Tante Gertie genannt?“, fragte sie. „Haben sie alle in der Gegend so genannt?“

Jake versuchte, sich seine Verwunderung nicht anmerken zu lassen, während er die wunderschöne Frau intensiv musterte. Das kann unmöglich Gerties Nichte sein, dachte er. Die alte Frau hatte sehr zurückgezogen gelebt, sich immer altmodisch gekleidet und war bekannt dafür gewesen, jeden, der auf ihrem Land nicht willkommen war, mit der Schrotflinte zu begrüßen.

Rebecca Hardaway war das genaue Gegenteil. Sie sah exakt so aus wie die Frauen aus den Modezeitschriften.

Sie trug ein schwarzes Kleid, das sich eng um ihre schlanken Hüften schmiegte und dabei sittsam die Brüste bedeckte.

Ihre hochhackigen Schuhe waren genau das: hoch. Mit dünnen Riemen, die sich um ihre schmalen Knöchel schlangen.

Ein schwarzer Strohhut mit breiter Krempe und einem weißen Band aus Chiffon bedeckte ihr hellblondes Haar und umrahmte ihre blassen, feinen Gesichtszüge.

Ihre Lippen waren ebenso rot wie ihre kurz geschnittenen Fingernägel.

Und obwohl ihre blauen Augen tränenfeucht schimmerten, konnte Jake nur noch an eines denken: nämlich daran, was für eine unglaublich attraktive Frau sie doch war.

„Nun, da bin ich mir nicht so ganz sicher“, entgegnete er. „Abe, der alte Mr Cantrell, hat sie schon immer Gertie genannt. Ich nehme an, das trifft auch auf ihre Freunde zu.“

Niemand in der Gegend hatte geglaubt, dass Gertie noch Verwandtschaft hatte. In all den Jahren hatte nie jemand beobachtet, dass sie Besuch von außerhalb bekommen hatte. Wahrscheinlich hatte Jake übertrieben, als er das Wort „Freund“ in der Mehrzahl verwendet hatte.

Der einzige Mensch, mit dem diese Frau überhaupt Kontakt gehabt hatte, war Bess, eine ältere Dame, die in Alto in einem kleinen Lebensmittelgeschäft arbeitete. Gerade eben hatte Jake sie in ihr Auto steigen und davonfahren sehen. Wenn Rebecca etwas über ihre Tante wissen wollte, dann wäre Bess ihre beste Ansprechpartnerin.

„Verstehe“, murmelte sie.

In diesem Moment warf Rebecca einen kurzen Blick über ihre Schulter – gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie der Sarg hinuntergelassen wurde.

Jake, der spürte, wie schmerzhaft der Anblick für sie war, führte sie einige Schritte vom Grab weg. Dabei gab er sich größte Mühe, sie abzulenken. „Sind Sie ganz allein angereist?“, fragte er.

„Ja. Ich lebe in Houston und … niemand hatte Zeit mitzukommen.“

Keine Familie, kein Ehemann oder Partner?

Obwohl Jake ihre linke Hand bereits kurz nach einem Ehering abgesucht hatte, ertappte er sich erneut dabei, wie er ihre ringlosen Finger anstarrte. Er fand es schwer zu glauben, dass eine Frau wie sie nicht vergeben war. Und falls doch – was war das für ein Mann, der sie ganz allein eine so weite Reise zu einer so traurigen Zeremonie antreten ließ? „Zu schade“, entgegnete er. „In einem Moment wie diesem sollten Sie nicht allein sein.“

Rebecca streckte die Schultern, mehr um sich selbst zu beweisen, dass sie nicht kurz vor dem Zusammenbruch stand. „Manchmal bleibt einem Menschen keine andere Wahl als die Einsamkeit, Mr Rollins.“

Er verzog die Lippen zu einem schiefen Lächeln. Noch nie hatte ihn jemand so genannt. „Für Sie einfach nur Jake, Ma’am.“ Mit einem Kopfnicken deutete er in die Richtung der Familie Cantrell. Dann schlug er vor: „Ich würde Sie gern meinen Freunden vorstellen.“

„Sehr gern“, gab sie murmelnd zurück.

Für einen Mai in Lincoln County, New Mexico, brannte die Sonne ungewöhnlich heiß vom wolkenlosen Himmel. Hin und wieder brachte eine schwache Brise das Gras auf der Wiese neben dem kleinen Friedhof zum Rascheln und trug Rebecca Hardaways Duft in Jakes Nase. Ein Duft nach frischen Wildblumen. Süß und verführerisch.

Vergiss es, Jake! Sie ist keine Frau für dich. Also halt deine zügellosen Blicke gefälligst im Zaum.

Abe, Quint und Maura hatten sich inzwischen neben dem schmiedeeisernen Tor eingefunden, das den Ausgang des Friedhofs markierte.

Als Jake und Rebecca Hardaway die Gruppe erreichten, wurden sie als Erstes von Maura begrüßt, einer hübschen jungen Frau mit dunkelrotem Haar.

Quint, ein großer, gut aussehender junger Mann, der ungefähr in Jakes Alter war, folgte dem Beispiel seiner Frau.

Neben ihm gesellte sich Abe zur Gruppe. Der ältere Herr war etwas kleiner als sein Enkel, dazu spindeldürr. Sein dichtes Haar war schneeweiß und passte zu dem schlaff herabhängenden Walrossbart über seiner Oberlippe.

Abe war ein in der Gegend legendärer Viehrancher. Quint würde sehr bald in seine Fußstapfen treten. Beide Männer waren für Jake wie eine Familie.

Schnell stellte er alle einander vor. Er war kaum fertig, da griff Maura auch schon nach Rebeccas Hand.

„Sie müssen entsetzlich erschöpft sein, Ms Hardaway“, sagte sie freundlich. „Wir würden Sie liebend gern auf unsere Ranch zu einer Erfrischung einladen. Natürlich nur, wenn Sie noch nichts anderes vorhaben.“

Gerties Nichte warf Jake einen kurzen Blick zu, als wolle sie seine Meinung dazu einholen.

Dieser Gedanke überraschte ihn. Noch nie hatte eine so extravagante Frau ihn auch nur nach der Uhrzeit gefragt. Andererseits musste er bedenken, dass Rebecca Hardaway offensichtlich unter dem Eindruck ihrer tiefen Trauer stand – und sie somit vermutlich nicht ganz sie selbst war.

„Nun, ich weiß nicht so recht“, sagte sie zögernd. „Ich will Ihnen nicht zur Last fallen.“

„Unsinn, junge Dame“, meldete sich Abe zu Wort. „Eine Kanne Kaffee steht immer bereit. Bei uns ist jeder willkommen. Es wäre uns eine Freude, Ihre Gesellschaft genießen zu dürfen.“

Rebecca lächelte den alten Mann an, was Jake kaum überraschte. Abe war vielleicht Mitte achtzig, doch seinen Charme bei den Damen hatte er nicht verloren.

Was Jake jedoch überraschte, war das dankbare und warmherzige Lächeln dieser Frau.

„Vielen Dank, Sir“, sagte sie zu Abe. „Es wäre sicherlich angenehm, mich vor der Rückfahrt nach Ruidoso ein wenig auszuruhen.“

„Gut“, ergriff Maura das Wort. „Lassen Sie Ihr Auto einfach hier stehen und fahren Sie mit uns. Die Straßen sind für Ihren Mietwagen vielleicht etwas zu holprig. Einer von uns bringt Sie später wieder hierher.“

„Sehr freundlich von Ihnen“, erwiderte Rebecca. „Vor allem, weil … Ich bin mir nicht sicher, ob ich momentan in der Verfassung bin, um zu fahren.“

Quint meinte, dass es Zeit wurde, aus der brennenden Sonne zu kommen und sich auf den Weg zu machen.

Jake beeilte sich, Rebecca zu dem Truck zu geleiten und ihr auf den Beifahrersitz zu helfen.

Sie bedankte sich knapp, ohne dabei zu lächeln.

Während Jake neben Abe auf den Rücksitz kletterte, fragte er sich, was der alte Mann hatte und er nicht.

Verdammt, Jake, wenn du willst, dass eine Frau dich anlächelt, musst du nur runter nach Ruidoso fahren, auf eine Tasse Kaffee ins Blue Mesa schlendern oder auf ein kaltes Bier ins Starting Gate. Dort gibt es jede Menge Frauen, die dich nur allzu gern anlächeln würden.

Ja klar, erwiderte Jake der zynischen Stimme in seinem Kopf. Er kannte viele Frauen, die bereit waren, ihm alles zu geben, was er von ihnen wollte – wann er es wollte.

Doch keine von ihnen war wie Rebecca Hardaway. Und wenn doch, hielt er sich von ihnen fern. Ich bin ein einfacher Mann mit einem einfachen Geschmack, versuchte er sich einzureden. Wenn ein Mann seine Grenzen kannte, war die Wahrscheinlichkeit größer, dass er Ärger aus dem Weg ging.

Trotzdem … als Quint den Truck über die staubige Straße lenkte, wanderte Jakes Blick immer wieder zu Rebecca Hardaway.

Nachdem sie es sich in dem Ledersitz bequem gemacht hatte, hatte sie ihren Hut abgenommen. Und als sie nun den Kopf leicht zur Seite drehte, um Quints Worten zu lauschen, entdeckte Jake einige blonde Haarsträhnen, die ihr ins Gesicht fielen. Der Farbton der Strähnen war nuanciert und zweifellos echt.

Nichts an Rebecca Hardaway ist falsch, dachte er. Zumindest nichts Äußerliches. Wie es in ihr drinnen aussah, da konnte er nur Vermutungen anstellen. Denn es war völlig ausgeschlossen, dass sie einem Mann wie ihm einen Einblick in ihr Seelenleben gewährte.

Apache Wells, Abes Viehranch, umfasste einige Hundert Hektar und hatte bereits lange vor Jakes und Quints Geburt existiert.

Das Anwesen war nur eines von vielen im Besitz des alten Mannes. Und obwohl er reich war, lebte Abe in einer bescheidenen Blockhütte am piniengesäumten Fuß eines Hügels.

Kaum befanden sie sich im kühlen Inneren des Hauses, entschuldigten sich Maura und Quint, um in der Küche die Erfrischungen zuzubereiten.

Während Rebecca auf einer langen Couch Platz nahm, machte Abe es sich in einem zerschlissenen Ledersessel bequem. Jake blieb stehen und versuchte sich zu entscheiden, ob er zu seinen Freunden in die Küche flüchten oder die Gelegenheit wahrnehmen sollte, ein paar Minuten mit dieser texanischen Wildblume allein zu sein.

„Steh nicht einfach nur so herum, Jake. Setz dich!“ Abe bellte ihn förmlich an. „Ich werde schon müde, wenn ich dir nur zusehe.“

Jake unterdrückte einen Seufzer, nahm seinen Hut ab und ging damit zum anderen Ende der Couch.

Als er sich in die Kissen sinken ließ und seinen Hut neben seinen Stiefeln auf dem Fußboden ablegte, sagte er: „Tut mir leid, Abe. Ich dachte erst, ich sollte vielleicht Maura und Quint zur Hand gehen. Aber die kommen wahrscheinlich auch ohne mich klar.“

„Natürlich tun sie das“, gab Abe zurück. „Außerdem musst du mir dabei helfen, Ms Hardaway zu unterhalten.“

Seit wann benötigt Abe Hilfe beim Unterhalten einer Frau? dachte Jake sarkastisch, behielt den Gedanken jedoch für sich.

„Oh, bitte. Meinetwegen müssen Sie keine Konversation betreiben“, meldete sich Rebecca zu Wort. „Ich finde es schon angenehm und erholsam, hier im Kühlen zu sitzen.“

Sie lehnte den Kopf gegen die Nackenstütze der Couch und schlug die Beine übereinander.

Aus dem Augenwinkel heraus ließ Jake seinen Blick über ihre Hüften gleiten, bis hinunter zu ihren schlanken Knöcheln. Anstelle der schwarzen Lederriemen ihrer Schuhe konnte er sich auch gut seinen Daumen und seinen Zeigefinger vorstellen, die sich um ihren makellosen Knöchel schlangen, ihn zu sich heranzogen …

Abe unterbrach Jake in seinen lüsternen Gedanken. „Es tut mir wirklich leid wegen Gertie, Ms Hardaway. Der Umgang mit ihr war nicht immer ganz einfach, müssen Sie wissen. Sie schätzte ihre Privatsphäre, und ich habe das respektiert. Als Nachbarn sind wir gut miteinander ausgekommen, weil wir einander in Ruhe gelassen, nur hin und wieder ein paar Worte gewechselt haben.“ Er strich mit Daumen und Zeigefinger über seinen langen weißen Bart. „Sie war viel zu jung, um diese Welt zu verlassen.“

„Stimmt. Sie war erst sechsundfünfzig. Doch sie … litt an einer Art Herzschwäche.“ So zumindest hatte Gertrudes Anwalt Rebecca die Todesursache erklärt.

„Ein Jammer“, gab Abe zurück. „Vielleicht ging sie deshalb so wenig unter Menschen. Wahrscheinlich war ihr einfach nicht danach.“

Rebecca senkte den Kopf und starrte auf ihren Schoß. Wollte ihr der alte Mann auf nette Weise vermitteln, dass Gertrude O’Dell eine Einsiedlerin gewesen war? Wenn ja, dann fragte er sich wahrscheinlich auch, weshalb Rebecca oder andere Verwandte sie nie besucht oder nach ihr gesehen hatten.

Die ganze Situation war schrecklich. Rebecca wollte diesen Leuten nicht erklären, dass ihre Familie aus unbekannten Gründen in der Mitte auseinandergerissen worden war. Sie wollte sie nicht wissen lassen, dass ihre eigene Mutter sich geweigert hatte, an der Beerdigung ihrer Schwester teilzunehmen. Das war so peinlich und erniedrigend.

„Nun, das würde ich so nicht sagen, Abe“, hielt Jake dagegen. „Gertie hat hin und wieder Bess besucht.“

Rebeccas Blick ging zu dem Cowboy namens Jake. Sie bemerkte, dass seine dunklen Haare dicht wuchsen und in widerspenstigen Wellen auf seinem Kopf und in seinem Nacken lagen. Und trotz der schwachen Beleuchtung im Raum glitzerten die einzelnen Strähnen wie Juwelen.

Während ihr Blick seine breiten Schultern und seine langen, sehnigen Beine erfasste, dachte sie, dass dieser Mann sehr stark sein musste. Zweifellos arbeitete er fast nur im Freien. Mit seinen Händen und all seinen Muskeln … Sie schluckte. „Wer ist Bess?“

„Gerties Freundin, die ältere Frau auf der Beerdigung“, antwortete er. „Sie verließ den Friedhof, bevor wir die Gelegenheit hatten, sie Ihnen vorzustellen. Aus irgendeinem Grund war sie wohl sehr in Eile.“

„Oh, ja.“ Rebecca erinnerte sich dunkel an eine ältere, schwergewichtige Frau in einem einfachen, bedruckten Kleid, die am anderen Ende von Gerties Sarg gestanden hatte. „Ich hätte sie gern kennengelernt und ihr für ihr Kommen gedankt.“

„Jake kann Ihnen diesen Wunsch sicher erfüllen“, sagte Abe. „Er weiß, wo jeder hier arbeitet und wohnt. Er kommt viel herum.“

Das glaubte Rebecca gern. Auch wenn sie ihn nicht kannte, wirkte Jake Rollins wie jemand, der leicht Anschluss fand. Zumindest beim weiblichen Teil der Bevölkerung …

Er hatte dieses gewisse Etwas, das in ihr den Wunsch auslöste, herauszufinden, wie es sich anfühlte, ein bisschen wild und ungehemmt zu sein.

Rebecca fragte sich, ob auch Gertrude jemals einen Mann wie Jake angesehen und sich dabei gefragt hatte, wie es wohl war, ihn zu lieben? Von ihm geliebt zu werden?

Dem ersten Anschein nach war Gertrude als alte Jungfer gestorben. Und wenn Rebeccas Leben sich nicht änderte, stand ihr dasselbe bevor.

Zwar fühlten sich die Männer von ihr angezogen, blieben jedoch nie allzu lange. Wenn ein Mann erst einmal herausfand, dass sie einen zeitraubenden Job hatte, zog er meist weiter, um eine Frau zu finden, die mehr Zeit für ihn hatte.

Rebecca bemühte sich, diese unschönen Gedanken zu verdrängen, als Quint und Maura das Zimmer mit einem Tablett voller Erfrischungen betraten.

Dankenswerterweise wandte sich die Unterhaltung in der nächsten halben Stunde von Gertrudes verfrühtem Dahinscheiden ab und hin zu den Alltagserlebnissen ihrer Gastgeber.

Während Rebecca an ihrem Eistee nippte und an einem Keks knabberte, erfuhr sie, dass Maura und Quint seit beinahe zweieinhalb Jahren verheiratet waren. Sie hatten zwei Söhne, wobei der Jüngste erst vor ein paar Monaten geboren worden war.

Abe war verwitwet – und das schon seit fast zwanzig Jahren.

Bei Jake konnte sie nur vermuten, dass er alleinstehend war. Während ihres Gesprächs hatte er keine Familienangehörige erwähnt, und an seinem Finger steckte definitiv kein Ring. So viel war ihr schon aufgefallen, als er ihr auf dem Friedhof sein Taschentuch gereicht hatte.

Doch nicht der fehlende Ehering oder die unerwähnte Familie verrieten Rebecca, dass er alleinstehend war. Er hatte dieses unabhängige Aussehen. Wie ein Mustang, der genau wusste, wie man den von Menschenhand gemachten Stricken und Fallen aus dem Weg ging. Sie war vielleicht eine Großstadtpflanze, doch so viel sah sogar sie.

Trotz ihrer erregenden Wahrnehmung von Jake Rollins wurde Rebecca klar, dass sie stundenlang in Abes Haus sitzen und sich von den beiläufigen Gesprächen ablenken lassen konnte. Von all dem Schmerz und dem Gefühl des Verrats, das in ihr rumorte, seit sie von Gertrudes Existenz erfahren hatte.

Doch es wurde bereits spät, und vor ihrer Rückfahrt nach Houston hatte sie noch so viel zu erledigen.

Nachdem sie ihr leeres Glas auf dem Tablett neben dem Kaffeetisch abgestellt hatte, stand sie auf. „Vielen Dank für die Erfrischungen und Ihre Einladung in Ihr Heim“, sagte sie zu Abe und schloss die anderen in ihren Blick mit ein. „Sie waren alle so freundlich, aber vor Einbruch der Dunkelheit muss ich wirklich noch beim Haus meiner Tante vorbei. Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn mich jemand zum Friedhof fahren könnte, damit ich mein Auto abholen kann.“

Quint blickte fragend zu Maura.

Diese lächelte Jake auffordernd an. „Jake, du wärst doch bestimmt mehr als begeistert, unseren Gast zu ihrem Auto zu fahren, nicht wahr?“

„Was für eine idiotische Frage“, schnappte Abe in Mauras Richtung. „Jake würde sogar einen Eckzahn dafür geben, um Ms Hardaway überall hinfahren zu dürfen, wo immer ...

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