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Zeit der Sehnsucht, Zeit des Glücks?

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1. KAPITEL

„Das ist das neue linierte Acrylpapier, von dem ich dir erzählt habe, Gilly. Es ist gerade hereingekommen. Hast du jemals eine so schöne Oberfläche gesehen? Die Streifen sind ein bisschen rau, gerade fein genug, um die Farbe aufzunehmen, aber es ist wunderbar gewebt.“

Gilly King hielt ein Blatt ans Licht. „Das ist perfekt. Ich kaufe den ganzen Stapel.“

„Brauchen Sie auch neue Farben?“

„Heute nicht, danke.“ Sie hatte das Acrylpapier von Brera aus Italien im Internet bestellt. Nur sie hatten dieses herrliche Grün für Landschaften von der Firma Hooker, das sie nirgendwo anders finden konnte.

„Gut. Ich rufe Sie dann an.“

Plötzlich fiel ihr Blick auf einen großen Rahmen aus Keramik. Bestimmt wäre er ideal als Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter. Sie reichte ihn dem Verkäufer.

Dann verließ sie das Geschäft für Malbedarf in Gardiner, Montana, mit ihren Einkäufen und ging auf ihren Wagen zu, der vor Willard’s Buchladen geparkt war. Spontan kaufte sie dort noch ein paar Krimis und eine Zeitung.

Die große Standuhr schlug Viertel nach zehn. Wenn sie sich beeilte, konnte sie sich den Rest des Tages mit ihrem aktuellen Projekt beschäftigen.

Nicht weit vom Yellowstone Lake gab es eine Wiese voller Wildblumen, die gerade zu blühen begonnen hatten. Bestimmt wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, sie zu malen.

Bevor Gilly durch den Nordeingang zurück in den Yellowstone Park fuhr, merkte sie plötzlich, dass ihr das Benzin auszugehen drohte. Wenn sie schon einmal hier war, konnte sie auch tanken. Leider standen vor allen Tanksäulen lange Autoschlangen. Allerdings war es im Park selbst noch schlimmer, denn dort gab es nicht viele Tankstellen.

Sie stellte sich hinten an und machte sich auf eine längere Wartezeit gefasst. In der Zwischenzeit konnte sie ja Zeitung lesen.

Schließlich war sie an der Reihe und stieg aus, um den Tank zu füllen. In diesem Moment bemerkte sie einen etwa fünfunddreißigjährigen Mann, der vor ihr aus einem blauen Ford Explorer gestiegen war, um seine Windschutzscheibe zu reinigen.

Er hatte blondes, kurz geschnittenes Haar. Manche der Strähnen waren von der Sonne gebleicht, wie bei Männern, die den ganzen Sommer mit Surfen verbrachten.

Er trug zwar nur ein T-Shirt und Jeans, wie die meisten Touristen, aber der Anblick seines athletischen Körpers nahm Gilly gefangen. Sie schätzte ihn auf einen Meter neunzig.

Sie betrachtete seine markanten Gesichtszüge, und ihr Blick blieb an seinem sinnlichen Mund hängen. Er wirkte sehr männlich, der Anblick berührte sie tief.

Dass sie körperlich so auf jemand reagierte, kam für sie völlig überraschend. Vor zwei Jahren hatte sie ihren Mann verloren und seitdem keinen anderen mehr angeschaut.

Sein Nummernschild zeigte, dass er aus Washington kam. Ob er hier Urlaub machte? Wenn er zu einer der Touristengruppen gehört hätte, die Gilly durch den Park führte, wäre er ihr bestimmt aufgefallen. Seine ausgeprägt männlichen Züge waren unvergesslich.

Als sie sich dabei ertappte, dass sie über seine Augenfarbe nachdachte, sah er sie plötzlich an. Seine Augen wirkten wie geschmolzenes Silber, sein Blick ging ihr durch und durch.

„Guten Morgen“, sagte er unerwartet. „Schöner Tag, nicht wahr?“ Seine Stimme war tief. Irgendwie hatte Gilly das Gefühl, als würde er nicht nur über das Wetter sprechen.

Unter seinem sinnlichen Blick, den er mit offensichtlichem Vergnügen über sie gleiten ließ, wurde ihr ganz heiß. Sie konnte kaum atmen und hätte um ein Haar den Zapfhahn fallen lassen.

„Es … Ja, ein wunderschöner Tag“, stammelte sie. Sie kam sich vor wie ein liebestrunkener Teenager und nicht wie eine vierundzwanzigjährige Witwe.

Mit weichen Knien betrat sie das Tankstellenhäuschen, um zu bezahlen. Als sie zu ihrem Auto zurückkehrte, fuhr der Ford Explorer gerade davon. Sehnsüchtig sah sie ihm nach. Bestimmt würde sie den Fremden nie wiedersehen.

Nie hätte sie es für möglich gehalten, dass ein Mann noch einmal ein so atemloses Begehren in ihr auslösen könnte.

Sie war schockiert über ihre Gefühle und empfand sie als einen Verrat an Kennys Andenken.

Ihr süßer, wunderbarer, lieber Kenny. Der Junge, den sie seit der zweiten Klasse geliebt hatte. Der Mann, den sie nach dem Abschluss der High School geheiratet hatte. Der Vater ihres gemeinsamen Babys, das tot zur Welt gekommen war. Der Fels, auf den sie sich in dem festen Glauben gestützt hatte, dass sie noch weitere Kinder bekommen konnten.

Sein Tod war zu einem Wendepunkt in ihrem Leben geworden. Es war Ende Mai gewesen, der Tag, an dem sie die Schlussexamen für das College abgelegt hatte. Kenny hatte zu ihr fahren wollen und war auf der Autobahn mit einem betrunkenen Fahrer zusammengestoßen, der auf der falschen Spur fuhr.

Der Verlust ihres Mannes und ihres Babys hatte Gilly völlig überwältigt. Sie konnte sich kaum daran erinnern, wie sie den Rest des Jahres überstanden hatte. Dazu war ihr noch schmerzhaft bewusst geworden, dass sie anders war als der Rest ihrer ehrgeizigen Familie.

Gilly war die jüngste Tochter des ambitionierten Bryson-Clans. Ihr Vater war Kanzler an der University of California in San Diego, ihre Mutter war Richterin. Ihr älterer Bruder Trevor arbeitete als Anwalt in einer der renommiertesten Kanzleien der Stadt, und ihr Bruder Wade, der nur ein Jahr älter war als sie, hatte gerade sein Medizinstudium abgeschlossen.

Aber Gilly war nicht wie sie. Ohne Kenny hatte sie nicht gewusst, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte. Sie war fest davon überzeugt gewesen, dass sie eine Familie gründen und für immer zusammenbleiben würden. Schlagartig waren ihre ganzen Zukunftspläne zerstört.

Obwohl sie einen Abschluss in Kommunikationswissenschaften gemacht hatte, hatte sie eigentlich geplant, ein zweites Kind zu bekommen und Hausfrau zu werden. Kenny arbeitete für ihren Vater und verdiente genug für beide, so dass sie nicht berufstätig sein musste.

Da sie völlig ratlos gewesen war, hatte ihre Mutter ihr vorgeschlagen, einen Karrieretest zu machen, um herauszufinden, was sie mit ihrem Diplom anfangen konnte.

Als Gilly die Auswertung bekam, stellte sie überrascht fest, dass sie offensichtlich am liebsten einen Beruf ausüben würde, der sich in der freien Natur abspielte. Andererseits war es auch wieder nicht so abwegig, denn Kenny und sie hatten jede Minute im Freien verbracht. Sie waren leidenschaftliche Segler gewesen und hatten jede Form von Wassersport geliebt. Alles, was mit dem Meer und der Natur zu tun hatte.

Nachdem sie die Liste der möglichen Berufe studiert hatte, sah sie die einzig halbwegs interessante Möglichkeit für sie darin, als Rangerin in einem Nationalpark zu arbeiten, wo sie den ganzen Tag draußen sein konnte. Ihre Eltern bestärkten sie darin, vor allem weil sie den Eindruck hatten, dass es Zeit für Gilly sei, sich langsam von Kennys Familie zu lösen.

Im Herbst hatte sie Montana verlassen und sich um eine Stelle im National Park Service beworben. Obwohl ihre eigene Familie diesen Schritt begrüßte, versuchte Kennys Familie, sie davon abzubringen. Sie hatten sie immer wie eine Tochter geliebt und den Verlust ihres Sohnes und des Babys nur schwer überwunden. Wenn Gilly sie jetzt auch noch verließe, wäre es, als würden sie alles verlieren.

Daher hatte sie sich auch vor dem Moment gefürchtet, an dem sie ihnen endlich mitteilen musste, dass sie ihre erste Stelle im Teton Nationalpark angenommen hatte. Aber schließlich musste sie es doch tun, und sie reagierten genau so, wie sie befürchtet hatte.

Deshalb waren die ersten zwei Jahre auch sehr schwer für sie gewesen, denn neben dem schmerzlichen Verlust hatte Gilly die ganze Zeit über noch das Gefühl gehabt, ihre Schwiegereltern enttäuscht zu haben. Um ihr Schuldbewusstsein zu überwinden, hatte sie sich mit Feuereifer auf die Arbeit als Rangerin gestürzt.

Obwohl es viele Möglichkeiten gegeben hatte, Männer kennen zu lernen, hatte sie daran keinerlei Interesse gezeigt.

Bis jetzt …

Allein der Gedanke an den unglaublich attraktiven Fremden, der ihr endlich wieder einmal das Gefühl gegeben hatte, eine Frau zu sein, traf sie mitten ins Herz. Doch diese unerwartete körperliche Reaktion erfüllte sie mit neuem Schuldbewusstsein.

Denn auf Kennys Beerdigung hatte sie sich geschworen, Kenny ewig zu lieben.

Wenn Alex Latimer nicht ein wichtiges Treffen im Büro des Chief Rangers gehabt hätte, hätte er sich bestimmt noch länger mit der attraktiven jungen Frau in der hellblauen Bluse und den Designerjeans unterhalten, die wieder in ihren roten Toyota gestiegen war.

Sie hatte wunderschönes Haar, ein warmes Braun, das in der Sonne glänzte. Ihm gefielen ihr Haarschnitt, ihre blauen Augen und der herzförmige Mund. Sie wirkte sehr gepflegt, makellos.

Es war schon lange her, dass er eine so starke physische Anziehung für eine Frau empfunden hatte, die wahrscheinlich mindestens zehn, wenn nicht zwölf Jahre jünger war als er.

Mit vierunddreißig war er zwar noch nicht alt, aber er hatte es sich zur Regel gemacht, sich auf niemanden einzulassen, der wesentlich jünger war als er selbst.

Es war schon eine ganze Weile her, seit er zuletzt eine intime Beziehung mit einer Frau gehabt hatte. Sie war vor einem Jahr zu Ende gegangen. Seitdem hatte er sich zwar ein paar Mal mit jemandem getroffen, aber das hatte zu nichts geführt.

In letzter Zeit hatte er sich schon gefragt, ob irgendetwas mit ihm nicht stimme. Aber die Tatsache, dass ihm ihr Nummernschild aus Wyoming aufgefallen war, bewies, dass er noch immer anfällig dafür war, wenn die Richtige seinen Weg kreuzte.

Vielleicht kam sie ja aus der Gegend von Jackson. Er könnte seinen Kollegen Larry, der für die Sicherheit im Park verantwortlich war, bitten, Erkundigungen über sie einzuziehen. Möglicherweise kam ihm ja auch der Zufall zu Hilfe, und sie liefen sich über den Weg.

Schließlich erreichte er das Hauptquartier in Mammoth und stellte seinen Wagen auf dem Parkplatz ab. Wenn die Touristen nicht wie die Fliegen mit ihren Wohnmobils und Kajaks eingefallen wären, hätte er die kurze Fahrt von Gardiner nach Mammoth bestimmt noch schneller hinter sich gebracht. Aber der Gedanke an die attraktive Brünette hatte ihn so beschäftigt, dass ihn der dichte Verkehr gar nicht gestört hatte.

Er betrat das Gebäude und ging an der Rezeption vorbei direkt zum Büro von Jim Archer. Dessen Sekretärin bat ihn, gleich einzutreten. „Quinn Derek ist auch schon da.“

„Danke, Roberta.“

Als er den Raum betrat, standen beide Männer auf.

„Quinn? Jim?“ Er schüttelte den beiden die Hand und ließ sich dann auf dem Stuhl vor Jims Schreibtisch nieder.

„Danke, dass Sie so schnell gekommen sind“, sagte Quinn. „Der Gouverneur des Staates Montana hat mich gebeten, ihm einen persönlichen Gefallen zu tun und mit Ihnen zu sprechen.“

Einen persönlichen Gefallen? Damit hatte Alex nicht gerechnet. Natürlich konnte er dem Leiter des Nationalparks nichts abschlagen. Sie waren seit Jahren miteinander befreundet, lange bevor Alex vor einem Monat Chief Ranger für Vulkanologie im Yellowstone National Park geworden war.

„Schießen Sie los!“

Quinn sah ihn amüsiert an. „Seien Sie vorsichtig, sagen Sie ja nicht zu schnell zu. Unter uns, wahrscheinlich würden die meisten Ranger ablehnen, aber wir dachten beide, dass Sie der perfekte Mann für diesen Job sind. Das ideale Rollenmodell, sozusagen.“

Rollenmodell? „Wofür?“

„Bevor ich diese Frage beantworte, kann ich Ihnen versichern, dass es nur für einen Monat sein würde.“

„Ab wann?“

„Ab übermorgen.“

Jim Archer sah Alex an und grinste. Was, zum Teufel, ging hier vor?

„Wie fänden Sie es, wenn ein Teenager Sie bei Ihrem Job begleiten würde?“

Damit hatte er nicht gerechnet. „Wenn Sie eines der Kids meinen, dessen Eltern hier im Park wohnen und arbeiten, bin ich gern dazu bereit. Gibt es da jemanden, der sich für Geologie interessiert?“

„Nein“, erwiderte Quinn. „Ich spreche von Jamal Carter, einem siebzehnjährigen Studenten aus Indianapolis, der seine Stadt bisher noch nie verlassen hat. Sein Vater sitzt im Gefängnis. Der Junge ist in Gefahr, sozial abzurutschen. Seine Mutter hat ihn nicht mehr unter Kontrolle. Sie bittet um Hilfe für ihren Sohn und sagt, alles, was er brauche, sei eine Chance. Es gibt eine nationale Stiftung, die sich zum Ziel gesetzt hat, solche gefährdeten Teenager, die Potenzial besitzen, mit Profis aus verschiedenen Berufen zusammenzubringen, um ihnen eine Perspektive aufzuzeigen.“

Quinn machte eine Pause und fuhr dann fort: „Sie wären Jamals Mentor, Alex. Er würde bei Ihnen schlafen, mit Ihnen essen und Sie jeden Tag bei der Arbeit begleiten. Es gibt keinen Ranger, der einen besseren Ruf hat als Sie. Was der Junge braucht, ist Disziplin und Verständnis. Sie sind jemand, für den man Respekt empfindet. Er könnte viel von Ihnen lernen, einfach dadurch, dass er in Ihrer Nähe ist.“

Quinn sprach noch weiter, aber Alex brauchte nichts mehr zu hören, denn er hatte sofort daran gedacht, dass auch er einmal ein so gefährdeter Teenager gewesen war. Er wusste genau, was Jamal brauchte. Das konnte man nicht in vier Wochen in Ordnung bringen.

„Der Junge muss lernen, was es bedeutet, mit einem Mann wie dir zusammen zu sein, der aus stabilen Verhältnissen kommt“, erklärte Jim.

Glücklicherweise hatte Alex damals bei seiner Bewerbung nicht alle Details seines Lebenslaufs enthüllen müssen. Die Verhältnisse, aus denen er stammte, waren nämlich alles andere als stabil.

„Ihre Kompetenz im Bereich Vulkanologie würden Jamal bestimmt faszinieren“, fügte Quinn hinzu. „Vielleicht brauchen Sie ja eine Nacht, um darüber zu schlafen. Aber der Gouverneur bittet Sie, im Gedächtnis zu behalten, dass Sie damit ein Leben retten können.“

Alex holte tief Luft.

Er würde nie den Besitzer des Lebensmittelgeschäfts vergessen, der ihn angestellt und ihm eine Chance gegeben hatte, als niemand an ihn geglaubt hatte. Damals war etwas in ihm in Bewegung gesetzt worden. Es war sein erster Schritt aus der Hölle gewesen.

„Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, Quinn. Ich bin dabei.“

Quinn sah ihn überrascht an. Mit einer so schnellen Reaktion hatte er anscheinend nicht gerechnet. „Das ist wundervoll. Ich stehe tief in Ihrer Schuld. Wenn das funktioniert, können wir es vielleicht als Programm einführen.“

„Was ist mit dem Apartment, das ich mir mit Bruce teile? Er müsste noch zustimmen. Es ist ja jetzt schon ziemlich eng.“

„Mach dir deswegen keine Sorgen“, fiel Jim ein. „Wie ich dir bereits am Anfang sagte, ist dies nur eine vorübergehende Lösung. Das möblierte Haus im Grant Village, das ich für dich ausgesucht habe, ist jetzt bezugsfertig. Du kannst deine Zeit nach Belieben zwischen West Thumb und Norris aufteilen.“

Er zog eine Schublade auf und reichte ihm einen Schlüsselbund. „Es ist die Nummer zehn. Nimm dir heute und morgen Zeit, um einzuziehen. Der Junge wird am Dienstag um drei Uhr nachmittags im West Yellowstone Flughafen eintreffen. Du kannst ihn am Freitag hierher bringen, dann stellen wir ihm die anderen vor.“

„Klingt ja so, als hättet ihr bereits alles organisiert.“

„Alex …“, Quinn wirkte besorgt, „… der Junge ist angewiesen, sich gut zu verhalten. Wenn er die Regeln nicht befolgt, schicken wir ihn wieder nach Hause. Sie können mich oder Jim jederzeit anrufen, wenn Sie den Eindruck haben, dass die Sache nicht funktioniert. Um Jamals willen hoffe ich, dass er von diesem Projekt profitiert.“

Jim sah Alex an. „Wenn er von dir nichts lernen kann, bedeutet es, dass er schon zu weit abgerutscht ist. Das ist hoffentlich nicht der Fall. Jedenfalls darf es deine Arbeit nicht beeinträchtigen. Wenn du das Ganze abbrechen willst, kannst du es jederzeit tun. Ich bin mir sicher, du wirst dein Bestes geben.“

Um des Jungen willen würde Alex sein Bestes geben. Aber vielleicht war es auch zu spät. Mit siebzehn … Bestimmt hatte der Besitzer des Lebensmittelgeschäfts genau dasselbe von ihm gedacht, als der Sozialarbeiter ihn gebeten hatte, ihm eine Chance zu geben.

„Ja, das ist nur fair.“ Er stand auf.

Quinn schüttelte ihm die Hand. „Wir hatten wirklich Glück, dass die Leute von Mount Rainer Sie haben gehen lassen. Wenn dieses Experiment funktioniert, kann das für den Yellowstone Park nur gut sein. Das wird den Gouverneur sowohl persönlich als auch auf politischer Ebene glücklich machen.“

Natürlich war das richtig, aber Alex ging es vor allem um den Jungen. „Ich nehme an, wenn Jamal wirklich in West Yellowstone landet, anstatt zwischendurch auszubüchsen, gibt es noch Hoffnung.“

Er sah die beiden Männer an. „Soll ich Ihnen jetzt oder später danken?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ er Jims Büro. Das Gelächter der beiden verfolgte ihn noch bis in den Flur.

Als er nach Cooke City fuhr, das direkt hinter dem nordöstlichen Eingang zum Park lag, überlegte Alex, ob sich Adoptiveltern auch so fühlten wie er. Menschen, die nie zuvor Eltern gewesen waren und gerade erfahren hatten, dass ihr Adoptivkind in Kürze eintreffen würde.

Wie bereitete man sich auf so etwas vor?

Schon vor Jahren hatte er jeden Gedanken an eine Ehe aufgegeben, und er schätzte, dass ihm die Vaterrolle nie wieder so nah sein würde wie jetzt. Das hieß, den Bungalow eines Rangers in ein Heim für einen Teenager zu verwandeln.

Er konnte für Jamal ein Telefon und einen PC bereitstellen. Außerdem gab es Satellitenfernsehen. Aber eines stand fest: Bestimmt würde er dem Jungen keine von diesen neuen Playstationen kaufen.

Glücklicherweise waren gerade Sommerferien. Wenn Jamal den ganzen Tag über mit ihm auf Streife fuhr, würde er hoffentlich viel zu beschäftigt sein, um irgendwelche Streiche auszuhecken. Das dürfte also kein Problem sein.

Aber etwas anderes machte ihm Sorgen. Tief im Innern hatte er immer befürchtet, dass er keinen guten Vater abgeben würde. Leider wusste er genau, was es hieß, ein schlechter Vater zu sein. Niemand wusste das besser als er, außer vielleicht Jamal.

In dieser Hinsicht hatten sie etwas Negatives gemeinsam. Was für ein Ausgangspunkt für eine Beziehung.

Alex’ Frustration stammte zum Teil natürlich auch daher, dass er nun befürchten musste, das Wiedersehen mit der attraktiven Brünetten könnte länger als geplant auf sich warten lassen.

„Warum heißt dieser Ort eigentlich West Thumb – westlicher Daumen?“, wurde Gilly von einem Jungen gefragt.

„Weil Yellowstone Lake wie eine Hand mit Daumen und Fingern aussieht.“

„Gibt es hier wirklich Wölfe?“, fragte seine kleine Schwester, die Gilly auf etwa sechs Jahre schätzte. Genauso alt, wie ihre eigene Tochter jetzt wäre, wenn sie noch lebte …

„Ja, Kleines. Die schwarzgrauen Wölfe des Soda Butte Packs findet man in der Südhälfte des Yellowstone Parks.“

„Oh.“ Das Mädchen sah sie erschrocken an.

Der Vater der beiden hob die Hand. „Wie groß ist der Park eigentlich?“

„Er erstreckt sich über achttausendneunhundert Quadratkilometer.“

„So viel?“

Die Touristen sahen sich erstaunt an. Heute war der sechste Juni, die Sommerferien hatten bereits begonnen.

Noch vor einer Woche hatte Gilly in Mammoth im Nordosten des Parks gewohnt, wo sie die letzten neun Monate gearbeitet hatte. Doch dann hatte sie die Stelle bekommen, um die sie sich schon lange beworben hatte.

Sie war in Windeseile aus der kleinen Hütte ausgezogen, die sie mit Beth Hayes, einer Kollegin, geteilt hatte, und wohnte nun in einem frisch renovierten Haus in der Gegend von Grant Village. Bis jetzt hatte sie es ganz für sich allein.

In den letzten Tagen war der Park von Touristen geradezu überschwemmt worden. Seit heute Morgen um neun Uhr hatte sie bereits vier Gruppen geführt mit jeweils zwischen fünfzig bis hundert Leuten. Diese war nun die letzte bis zu ihrem Feierabend um sechzehn Uhr.

Leider hatte sie den Bauarbeiter, der sich der Führung angeschlossen hatte, zu spät entdeckt. Sonst hätte sie einen ihrer Kollegen gebeten, die Tour für sie zu übernehmen.

In der vergangenen Woche war ein ganzer Trupp Bauarbeiter damit beschäftigt gewesen, die Schäden an den Häusern zu reparieren, die die schweren Schneefälle im Winter angerichtet hatten.

Dieser spezielle Mann hatte an Gillys Nachbarhaus gearbeitet. Weil das Dach teilweise eingebrochen war, waren ein Ranger und seine Frau gezwungen gewesen, ans andere Ende des Parks zu ziehen. Sobald das Haus instand gesetzt wäre, würde jemand anders einziehen.

Immer, wenn sie ihr Haus betrat oder verließ, sah sie den Mann bei der Arbeit. Er versäumte keine Gelegenheit, mit ihr zu flirten. Vor ein paar Tagen hatte er sie sogar gefragt, ob sie mit ihm ausgehen wolle. Natürlich hatte sie abgelehnt, aber heute Morgen hatte er es erneut versucht. Sie hatte ihn ignoriert, doch sein Erscheinen bewies, dass er sich nicht abwimmeln ließ.

Sie führte ihre Gruppe zurück zum Informationszentrum und erklärte die Führung für beendet. Alle bedankten sich bei ihr und stiegen in ihre Autos. Nur der Bauarbeiter blieb zurück.

Die Art, wie er dastand und sie anstarrte, war ihr nicht ganz geheuer. „Das machen Sie ziemlich gut“, sagte er. „Darf ich Sie etwas fragen?“

„Nein.“ Sie wandte sich zum Gehen, aber er holte sie ein.

„Warum weigern Sie sich, mit mir auszugehen? Habe ich etwa zwei Köpfe oder so etwas?“

„Warum können Sie mein Nein nicht einfach akzeptieren?“

„Weil Sie in Ihrer Ranger-Uniform so verdammt sexy aussehen!“

Darauf gab es nur eine Antwort. „Wenn Sie mich noch einmal ansprechen, melde ich Sie Chief Ranger Archer.“ Jim würde dieses Problem schnell aus dem Weg schaffen, dessen war sie sich sicher.

In der Hoffnung, den Mann endlich losgeworden zu sein, ging sie auf ihren Dienstwagen zu und stieg ein. Nach kurzem Zögern entschloss sie sich, nach West Yellowstone zu fahren, der Stadt, die hinter dem westlichen Parkeingang lag.

Dort wollte sie eine Jeansjacke abholen, die sie in einem der Läden bestellt hatte. Vielleicht würde es ihr so gelingen, den unangenehmen Zwischenfall zu vergessen.

Es war nicht das erste Mal, dass sie von einem Mann belästigt worden war. Wenn er einen erneuten Versuch starten würde, würde sie ihn anzeigen.

Alex warf einen Blick auf den Teenager, den er vom Flughafen abgeholt hatte. Jamal Carter war mittelgroß, trug seine Baseballkappe falsch herum und war in seinen weiten Hosen, über denen das Hemd hing, nicht zu übersehen.

„Ich mache dir einen Vorschlag. Wie wäre es, wenn wir nach deinem langen Flug erst einmal nach Hause fahren und es uns dort bis morgen gemütlich machen?“

„Das klingt cool.“

Der Junge war vielleicht nervös, aber das galt auch für Alex.

„Vorher würde ich dir gern ein paar neue Jeans und T-Shirts kaufen. Deine Kleidung ist bestimmt gut für die Schule, doch wir haben jetzt Sommer, und es wird hier ziemlich heiß. Was ich trage, passt besser zu diesem Klima. Vielleicht hast du schon beim Atmen gemerkt, wie dünn die Luft hier ist.“

„Ja, ich fühle mich ein bisschen komisch.“

Alex konnte nicht anders, er musste seinen Mut bewundern. Es war bestimmt nicht einfach, sich plötzlich in einer völlig fremden Umgebung wieder zu finden.

Er fuhr mit ihm zu einem Bekleidungsgeschäft ein paar Straßen weiter. „Man hat mir gesagt, dies sei dein erster Flug gewesen?“

Jamal sah ihn stirnrunzelnd an. „Das stimmt, Mann.“

Alex hätte es sicherlich auch gehasst, wenn man ihn gönnerhaft behandelt hätte. Daher hielt er es für das Beste, die Taktik zu wechseln.

„Ich heiße Alex. Bitte, nenn mich auch so. Die anderen Ranger kannst du mit Mr. oder Mrs. anreden. Und noch etwas – du kannst von Glück sagen, dass du eine Mutter hast, die nur das Beste für dich will. Obwohl dein Vater im Gefängnis sitzt, weißt du wenigstens, wer und wo er ist. Ich habe die erste Hälfte meines Lebens damit verbracht, meinen Vater zu hassen. Doch dann erschien der Besitzer eines ...

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