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Zeit der Rache – Zeit der Liebe

Trish Morey

Zeit der Rache – Zeit der Liebe

PROLOG

Sydney, Australien

Schöner konnte das Leben nicht mehr werden.

Voll sehnsüchtiger Erwartung sank Saskia Prentice in die weichen Kissen. Immer noch glaubte sie seinen Kuss auf ihren Lippen zu spüren, und ein heißes Prickeln überlief sie, spannungsgeladen und hocherotisch.

Das Mondlicht fiel durch die dünnen Gardinen und tauchte den Raum in silberiges Licht. Seine Haut schimmerte, und Saskia sah in seine dunklen Augen, als er sich zu ihr legte.

Die Augen des Mannes, den sie liebte.

Das wurde ihr in diesem Moment klar. Sie war noch nicht einmal achtzehn und hatte bereits den Partner gefunden, der für sie bestimmt und mit dem sie seelenverwandt war. Sie zweifelte nicht daran, dass er der Richtige für sie war. Und sie würden viele Jahre glücklich zusammenleben.

Wie viel Glück konnte eine Frau haben?

Dann dachte Saskia nicht mehr nach, sondern gab sich ganz ihren Gefühlen hin. Es war wundervoll, ihn so zu spüren, und sie sehnte sich danach, eins mit ihm zu werden. Verlangend bog sie sich ihm entgegen, damit er endlich in sie eindrang …

Erneut sahen sie sich in die Augen, sobald ihre heißen Körper sich zu vereinen begannen.

„Ich liebe dich“, flüsterte sie und sprach damit aus, was sie in ihrem tiefsten Inneren bereits gewusst hatte. Dann schloss Saskia die Augen, schmiegte sich noch enger an ihn und forderte ihn damit auf, die letzte Barriere zu überwinden.

Eine Sekunde später war es vorbei. Er war verschwunden.

Und sie fröstelte in dem kühlen Luftzug.

Saskia öffnete die Augen und blinzelte schockiert, während sie sich nach ihm umsah. Doch er hatte bereits das Zimmer durchquert, um seine Jeans anzuziehen und in ein Hemd zu schlüpfen. Seine Miene war finster, der Ausdruck in seinen Augen wütend.

„Zieh dir etwas an. Ich rufe dir ein Taxi.“

Seine Stimme klang ungewohnt heiser und schroff. Entsetzt blickte Saskia zu ihm auf, denn auf einmal fühlte sie sich schrecklich verletzlich und minderwertig.

„Alex? Was ist?“

Tsou“, stieß er hervor und warf den Kopf zurück, als würde er sich vor sich selbst ekeln. Seine Augen funkelten kalt im Mondlicht, als er ihre Sachen aufs Bett warf. „Das hier war ein Fehler.“

Vor Scham brannten ihr die Wangen. Sie hielt ein Kleidungsstück hoch, um ihre Blöße zu bedecken. War ihre Unschuld so abschreckend?

„Habe ich etwas falsch gemacht? Es tut mir leid …“

„Zieh dich an!“, befahl er in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete, und sie erkannte seine Stimme nicht wieder.

„Aber …“ Saskia zwang sich, sich anzuziehen. Tränen schnürten ihr die Kehle zu. „Aber warum?“

In dem fahlen Licht wirkten seine Züge hart, und seine Bewegungen verrieten größte Anspannung.

„Verschwinde!“, fuhr er sie an. „Mit Jungfrauen kann ich nichts anfangen!“

1. KAPITEL

London, acht Jahre später

Saskia Prentice atmete den süßen Duft des Erfolgs ein, als sie auf die Tür zum Sitzungssaal zuging.

In weniger als fünf Minuten würde es offiziell sein – man würde sie zur Chefredakteurin des Wirtschaftsmagazins AlphaBiz ernennen.

Und sie hatte so hart dafür gearbeitet!

Zwölf Monate lang hatte sie sich mit ihrer Kollegin, der Journalistin Carmen Rivers, einen erbitterten Konkurrenzkampf geliefert. Carmen hatte kein Geheimnis daraus gemacht, dass sie alles tun würde, um den Job zu bekommen, und war ihrem Ruf sicher auch gerecht geworden. Sie, Saskia, hingegen hatte beständig die besten Storys aus der ganzen Welt geliefert und Porträts über Wirtschaftsbosse verfasst, an die man nicht so leicht herankam. Erst vor zwei Tagen hatte der Vorstandsvorsitzende angedeutet, dass man sich für sie entschieden hätte und man sie in der heutigen Sitzung zur Chefredakteurin ernennen würde.

Den ganzen Tag hatte sie angespannt darauf gewartet, dass man ihr Bescheid sagte. Endlich würde sie den Posten bekommen. Und endlich würde sie in der Lage sein, ihren Vater aus dem schmuddeligen Einzimmerapartment herauszuholen und ihm einen Platz in einem guten Pflegeheim zu besorgen. Sie hatte schon alles bis ins kleinste Detail geplant. Sie würde sich in der Nähe ein Cottage mit einem kleinen Garten suchen, in dem er am Wochenende herumwerkeln konnte. Mit der großzügig bemessenen Sonderzahlung, die mit der Beförderung einherging, und ihrem höheren Gehalt würde sie sich all das und noch mehr leisten können.

Während Saskia eine Hand auf die Klinke legte und sich mit der anderen vergewisserte, dass sich keine Strähne aus dem strengen Knoten in ihrem Nacken gelöst hatte, atmete sie ein letztes Mal tief durch. Dies war ihre große Chance. Sie würde das Ansehen der Familie Prentice in der Geschäftswelt wiederherstellen und dafür sorgen, dass ihr Vater nach all den Jahren seinen Stolz zurückbekam.

Nachdem Saskia leise an die Holztür geklopft hatte, öffnete sie sie.

Sonnenlicht fiel durch das große Fenster und blendete sie für einen Moment. Saskia blinzelte überrascht, als sie dann feststellte, dass sie wider Erwarten nicht alle Vorstandsmitglieder sah, sondern nur den Vorsitzenden. Da er am Kopfende saß, zeichnete sich seine Silhouette gegen das helle Licht ab, und seine Miene war unergründlich. Obwohl der Raum angenehm temperiert war, fröstelte es Saskia plötzlich.

„Ah, Miss Prentice … Saskia“, begrüßte er sie leise und bedeutete ihr, ihm gegenüber Platz zu nehmen. „Vielen Dank, dass Sie gekommen sind.“

Sie antwortete automatisch, während sie weiter blinzelte. Ein unbehagliches Gefühl beschlich sie.

Irgendetwas stimmte hier nicht.

Sir Rodney Krieg war ein Hüne mit einer dröhnenden Stimme, aber an diesem Tag klang er beinah sanft, was er sonst nie tat. Und wo steckten die anderen Vorstandsmitglieder? Warum waren sie nicht anwesend?

Der Vorsitzende stieß einen langen, beinah resignierten Seufzer aus. „Sie wissen, dass wir bei der Planung dieser Sitzung vorhatten, Sie offiziell zur Chefredakteurin zu ernennen?“

Saskia nickte. Da ihr die Kehle wie zugeschnürt war, brachte sie kein Wort über die Lippen. Seine Worte dämpften ihre anfängliche Euphorie.

„Leider mussten wir unsere Pläne etwas ändern.“

„Das verstehe ich nicht“, brachte sie hervor, während sie die Enttäuschung zu unterdrücken versuchte, die sie überkam. Trotzdem hielt sie beharrlich an ihren Träumen fest. Vielleicht zögerte sich das Ganze nur hinaus?

Es sei denn, man hatte den Job doch Carmen gegeben

„Hat der Vorstand beschlossen, Carmen zur Chefredakteurin zu machen?“

Sir Rodney schüttelte den Kopf, und sekundenlang war Saskia erleichtert.

„Oder zumindest noch nicht“, fügte er hinzu.

Erneut schwand ihre Hoffnung.

Doch sie wollte sich nicht kampflos geschlagen geben. So einfach würde sie sich nicht wegnehmen lassen, wofür sie so hart gearbeitet hatte. Während Saskia sich zwang zu antworten, flammte Wut in ihr auf. „Was soll das heißen, ‚noch nicht‘? Was ist passiert? Erst vor zwei Tagen haben Sie mir gesagt …“

Er brachte sie zum Schweigen, indem er die Hand erhob. „Ich gebe zu, dass es gegen die Vorschriften verstößt, aber Carmen hat von einem Vorstandsmitglied einen Tipp bekommen und es beeinflusst …“

Saskia erstarrte. Carmen hatte also von der Entscheidung des Vorstands gehört und beschlossen, sie aus dem Feld zu schlagen? Saskia wollte Carmen nichts unterstellen, konnte sich allerdings ausmalen, auf welche Art und Weise diese das Vorstandsmitglied für sich eingenommen hatte, wenn sie die Stelle unbedingt haben wollte.

„Und um es kurz zu machen“, fuhr Sir Rodney fort. „Der Vorstand ist übereingekommen, dass man die Entscheidung, wer Chefredakteurin wird, nicht übereilen sollte.“

„Davon kann wohl kaum die Rede sein“, protestierte Saskia. „Der Vorstand verhandelt schon seit einem Jahr darüber.“

„Trotzdem haben wir jedoch den Eindruck, dass Carmen womöglich recht hat. Sie haben in dieser Zeit an verschiedenen Projekten gearbeitet. Vielleicht hatte Carmen noch nicht die Möglichkeit, ihr Potenzial voll zu entwickeln.“

Beinah hätte sie einen verächtlichen Laut ausgestoßen, doch sie musste an ihren Traum von dem kleinen Cottage auf dem Land denken, der nun wie eine Seifenblase zu zerplatzen drohte. Was sollte sie bloß ihrem Vater sagen? Er hatte sich so darauf gefreut, aus der Stadt wegzuziehen. Da sein Gesundheitszustand sich zunehmend verschlechterte, konnte er schon in wenigen Jahren bettlägerig sein. Sie konnte es sich nicht leisten, ihre Pläne aufzuschieben, geschweige denn sich diese Chance entgehen zu lassen.

„Und was passiert jetzt?“, fragte sie. Sie war sehr deprimiert, weil sie so hart gearbeitet hatte und die Beförderung zum Greifen nah gewesen war. Dass man ihr diese nun verweigerte, war mehr als unfair. „Wie lange braucht der Vorstand voraussichtlich, um eine Entscheidung zu fällen?“

„Ah. Das hängt einzig und allein von Ihnen ab – und natürlich von Carmen.“

Saskia zog eine Augenbraue hoch. „Was soll das heißen?“

Sir Rodney schaffte es tatsächlich, begeistert zu wirken. „Wissen Sie, wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir am besten durch einen Wettbewerb herausfinden können, wer von Ihnen beiden sich mehr für den Posten eignet. Sie bekommen beide ein Thema gestellt, das wir ausgesucht haben – in diesem Fall sollen Sie über erfolgreiche Geschäftsmänner berichten, die sich aus irgendeinem Grund dafür entschieden haben, völlig zurückgezogen zu leben. Sie zeigen sich so selten in der Öffentlichkeit, dass wir kaum etwas über sie wissen. Carmen und sie sollen herausfinden, was sie bewegt und sie antreibt. Diejenige, die das beste Porträt liefert, kommt damit auf die Titelseite unserer jährlichen Sonderausgabe und wird zur Chefredakteurin ernannt.“

„Aber Sir Rodney, ich habe das ganze Jahr über tolle Porträts geschrieben …“

„Dann sollte diese Aufgabe kein Problem für Sie darstellen! Es tut mir leid, Saskia, aber der Vorstand will es nun mal so. Carmen und Sie sollen es untereinander ausfechten, und deshalb bleibt Ihnen nichts anderes übrig.“

„Verstehe“, meinte sie kurz angebunden und hoffte, das Thema wäre nicht zu weit hergeholt. Bisher hatte sie viel reisen müssen, und sie hatte darauf gezählt, dass dies mit der Beförderung vorbei wäre, damit sie sich mehr um ihren Vater kümmern konnte. Was ihr allerdings Mut machte, war der Zeitrahmen. Man hatte ihr eine Frist von vier Wochen gesetzt, und sie würde zusehen, dass sie es schneller schaffte. Und dann hätte sie den Job in der Tasche, denn sie würde die bessere Story liefern. Das Ganze bedeutete also nur einen kurzen Aufschub.

„Und wen hat man mir zugedacht?“, fragte Saskia.

Sir Rodney setzte seine Brille auf, während er eine Mappe aufschlug, die vor ihm auf dem Tisch lag, und das Blatt darin überflog.

„Offenbar eine sehr interessante Persönlichkeit. Jemanden aus Sydney, der inzwischen Geschäfte auf der ganzen Welt macht. Anscheinend handelt es sich um eine dieser typischen Erfolgsstorys eines Australiers griechischer Abstammung.“

Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Ein Australier griechischer Herkunft aus Sydney?

Nein, das konnte unmöglich sein …

Es musste Dutzende von Männern geben, auf die diese Beschreibung zutraf …

Es war unmöglich …

„Er heißt Alexander Koutoufides. Haben Sie schon von ihm gehört?“

Plötzlich hatte Saskia das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Ob sie schon von ihm gehört hatte? Trotz der bitteren Gefühle, die nun in ihr aufstiegen, hätte sie beinah hysterisch gelacht.

Er war der Mann, den sie damals naiverweise zu lieben geglaubt hatte, derselbe Mann, der sie einfach aus dem Bett geworfen hatte – bevor er sich abgewandt und ihren Vater ruiniert hatte.

Und ob sie Alexander Koutoufides kannte!

Und auf keinen Fall würde sie einen Artikel über ihn schreiben. Unter keinen Umständen würde sie diesem Kerl je wieder gegenübertreten, geschweige denn sich lange genug in seiner Gegenwart aufhalten, um ihm zwanzig Fragen zu stellen.

Sir Rodney hatte nicht auf ihre Antwort gewartet, weil er offenbar mit einer Zusage rechnete. Saskia riss sich zusammen und versuchte, sich auf seine Worte zu konzentrieren.

„Anscheinend hat er vor ungefähr acht Jahren in der Geschäftswelt für Aufsehen gesorgt, als er sich völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat. Er hat alle Interviews abgelehnt, gleichzeitig aber seine geschäftlichen Interessen auf die Nordhalbkugel ausgeweitet …“

Sie hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. Mehr musste sie nicht hören. „Es tut mir leid, Sir Rodney. Ich halte es für keine gute Idee, wenn ich über Alexander Koutoufides berichte.“

Er schwieg einen Moment und beugte sich so langsam vor, dass sein Stuhl knarrte. „Ich habe Sie nicht nach Ihrer Meinung gefragt, sondern Ihnen Ihre Aufgabe zugeteilt.“

„Nein“, beharrte sie. „Nicht Alexander Koutoufides. Auf keinen Fall.“

Ungläubig betrachtete er sie, bevor er die Mappe auf den Tisch knallte. „Aber warum, in aller Welt, lassen Sie sich diese Gelegenheit entgehen, wenn Ihre Beförderung auf dem Spiel steht?“

„Weil ich Alexander Koutoufides kenne. Wir …“ Nervös befeuchtete sie sich die Lippen, während sie nach den richtigen Worten suchte. „Man könnte es so ausdrücken, dass wir eine gemeinsame Vergangenheit haben.“

Nun richtete er sich auf, und seine Augen begannen zu funkeln. „Hervorragend!“, rief er in der für ihn typischen Lautstärke. „Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Damit dürften Sie schon im Vorteil sein. Wie ich gehört habe, ist Mr. Koutoufides der Presse gegenüber sehr misstrauisch – was in Anbetracht der letzten Eskapaden seiner Schwester mit diesem Formel-1-Fahrer allerdings auch kein Wunder ist.“

Saskia blinzelte, als ihr die Bedeutung seiner Aussage bewusst wurde. „Marla Quartermain ist Alexander Koutoufides’ Schwester?“ Sie hatte die Artikel gesehen, denn die Zeitschrift Snap!, die im selben Verlag wie AlphaBiz erschien, hatte eine Titelgeschichte über den Skandal gebracht und die Affäre damit weltweit bekannt gemacht. Sie erinnerte sich daran, dass Alex eine ältere Schwester hatte, doch Saskia war ihr nie begegnet, und sie hatte die glamouröse Frau aus dem Jetset nie mit ihm in Verbindung gebracht. „Das hat er mir verschwiegen.“

„Weil er es zweifellos so wollte. Sie hat ja auch den Namen ihres ersten Mannes angenommen. Das war irgend so ein Witzbold, den sie mit sechzehn geheiratet und von dem sie sich ein Jahr später wieder getrennt hat. Es war die erste von vielen gescheiterten Ehen und traurigen Affären.“ Sir Rodney seufzte, während er mit seinem Füller spielte. „Aber diesmal ist sie offensichtlich zu weit gegangen. Alex muss beschlossen haben einzugreifen. Er wurde von einem unserer Fotografen dabei beobachtet, wie er sie aus dem Hintereingang eines Hotels in Sydney führte. Zuerst dachte man, er hätte eine neue Liebe, aber die Recherchen ergaben, dass sie seine Schwester ist – was natürlich für alle Beteiligten viel interessanter ist.“

Saskia dachte über diese Informationen nach. In dem Artikel war Marla Quartermain nicht besonders gut weggekommen. Jeder Mann hätte seine Schwester vor derartigen Enthüllungen schützen wollen.

„In Anbetracht dessen, was Snap! über Marla veröffentlicht hat“, brachte sie ihre Bedenken zur Sprache, „wird Alex sicher nicht erfreut auf die Anfrage nach einem Porträt in unserem Magazin reagieren, auch wenn die beiden Zeitschriften Welten trennen.“

Sir Rodney breitete die Hände aus. „Und genau da sind Sie aufgrund Ihrer früheren Beziehung zu ihm im Vorteil, meinen Sie nicht?“

„Auf keinen Fall.“ Energisch schüttelte sie den Kopf. „Alexander Koutoufides …“ Sie machte eine Pause, um ihre Worte sorgfältig zu wählen. Schließlich musste Sir Rodney nicht alle schmutzigen Details erfahren. „Wissen Sie, vor mehr als zwanzig Jahren hatten unsere Väter in Sydney geschäftlich miteinander zu tun, aber mein Vater hat einen Auftrag an Land gezogen, der Alex’ Vater ruiniert hat. Alex hat es ihm nie verziehen. Vor acht Jahren hat er aus Rache die Firma meines Vaters zerstört. Er war völlig skrupellos, und ich wage zu behaupten, dass er sich nicht zum Positiven entwickelt hat. Ich hasse ihn abgrundtief. Und ich werde keinen Artikel über ihn schreiben.“

„Sie machen Witze, oder? Sie haben doch schon alle Voraussetzungen für ein brillantes Porträt!“ Er betrachtete sie, als würde er seinen Ohren nicht trauen. „Ich habe noch nie erlebt, dass Sie vor irgendetwas oder irgendjemandem zurückschrecken. Wovor haben Sie solche Angst?“

„Das habe ich nicht! Ich möchte diesen Mann nur niemals wiedersehen.“

„Dann betrachten Sie es als Ihre Chance, es ihm zurückzuzahlen!“ Energisch schlug er mit der Hand auf den Tisch. „Decken Sie all seine schmutzigen Geheimnisse auf. Er muss noch andere haben. Finden Sie heraus, was es ist.“

AlphaBiz bringt keine schmutzigen Enthüllungsstorys! Und ich erst recht nicht“, fuhr Saskia ihn an. „Nicht, dass es eine Rolle spielt, denn ich werde es ohnehin nicht tun.“

„Sie wollen sich also die Chance auf die Beförderung entgehen lassen?“

„Warum soll ich ausgerechnet über ihn berichten? Es gibt doch sicher noch andere Geschäftsleute, über die ich schreiben kann, oder?“

Sir Rodney schnaufte und lehnte sich zurück. „Die Vorstandsmitglieder werden sich davon sicher nicht beeindrucken lassen, aber es lässt sich bestimmt einrichten, wenn Sie so empfinden. Vielleicht könnten Sie mit Carmen tauschen.“

Damit sie Carmens Thema bekam und diese stattdessen Alex porträtierte? Mühsam unterdrückte Saskia ihre unguten Gefühle diesbezüglich. Vielleicht hatte Sir Rodney recht. Warum sollte Carmen nicht damit betraut werden? Wahrscheinlich verdienten die beiden einander. Sobald Carmen erfuhr, wie attraktiv Alex war, würde sie ganz versessen darauf sein, ihre berüchtigten horizontalen Interviewmethoden anzuwenden. Und wenn sie ihn erst einmal ins Bett bekam, hätte er keinen Grund, sie hinauszuwerfen – zumindest nicht aus demselben Grund wie sie damals!

O ja, vielleicht hatten die beiden einander wirklich verdient. Nun konnte Saskia es sich lebhaft vorstellen … Vor ihrem geistigen Auge tauchten die schockierendsten erotischen Bilder auf …

Carmen mit Alex. Carmen eng an Alex geschmiegt, wie sie seinen Körper berührte, ihn liebkoste und wie ihr Haar dabei seine Haut kitzelte. Und Alex, der sich Carmen hingab, ihre empfindsamste Stelle fand …

Bittere Gefühle stiegen in Saskia auf und schnürten ihr die Kehle zu.

Carmen kannte Alex überhaupt nicht. Sie war ihr gegenüber tatsächlich im Vorteil. Sie wusste, wie er war, und sie hatte einen zwingenden Grund. Also konnte sie die Aufgabe genauso gut übernehmen.

Vielleicht war dies die ideale Gelegenheit für sie, sich an dem Mann zu rächen, der das Leben ihres Vaters zerstört und sie gedemütigt hatte. Und vielleicht war dies ihre Chance, Alexander Koutoufides dabei in seine Schranken zu weisen.

„Sir Rodney“, begann Saskia ruhig und erkannte ihre Stimme dabei selbst kaum wieder. „Es kann sein, dass ich etwas voreilig war …“

Erwartungsvoll beugte ihr Gesprächspartner sich vor. „Dann machen Sie es also? Sie schreiben ein Porträt über Alexander Koutoufides?“

Sie blickte zu ihm auf und schluckte. Noch immer fragte sie sich, worauf sie sich einließ und warum sie es tat.

Ich tue es für meinen Vater, sagte sie sich, während ihr das Herz bis zum Hals klopfte.

Aus Rache

„Ja, ich übernehme die Aufgabe“, erklärte sie, bevor sie es sich womöglich anders überlegte. „Wann soll ich anfangen?“

2. KAPITEL

Alexander Koutoufides spielte den Unnahbaren. In Sydney hieß es, er wäre untergetaucht, bis das öffentliche Interesse an der Affäre seiner Schwester nachgelassen hatte. Das ist durchaus möglich, überlegte Saskia, während sie langsam den schattigen Sandstreifen an der Bucht in der exklusiven Wohnlage entlangging. Schon bald würde ein anderer Skandal die Titelseiten beherrschen.

Nun blieb ihr nichts anderes übrig, als sich auf ihr Gefühl zu verlassen. Und genau deswegen hatte sie sich an das mehrstöckige Gebäude am Strand geschlichen.

Dasselbe Haus, in das Alex sie vor acht Jahren gebracht hatte.

Ihr Magen krampfte sich zusammen, doch sie versuchte es zu ignorieren, als sie im Licht der untergehenden Sonne Ausschau nach irgendeinem Lebenszeichen hinter den Glasfronten hielt. Wenn sie sich auf ihre Aufgabe konzentrieren wollte, durfte sie nicht an jene Nacht denken.

Die Garagen an der darüber liegenden Straße waren alle verschlossen gewesen, und auch auf ihr Klingeln am Tor hin hatte niemand geöffnet. Außerdem hatte sie bei ihren Recherchen keinen Hinweis darauf gefunden, dass das Anwesen Alex oder einer seiner Firmen gehörte. Vielleicht war es nie seins gewesen.

Trotz des Unbehagens, das sie bei der Aussicht auf ein Wiedersehen mit ihm beschlich, verspürte sie einen gewissen Kick. Alex wollte offenbar nicht gefunden werden. Und falls niemand von dem Strandhaus wusste, war es vielleicht das ideale Versteck?

Saskia ließ den Blick über das edle Gebäude aus Holz und Glas schweifen, das stufenförmig an den Hang gebaut war und auf jeder Ebene umlaufende Balkone hatte. Soweit sie sich erinnerte, waren die Räume genauso beeindruckend.

Sie zuckte zusammen, als drinnen plötzlich Licht eingeschaltet wurde. Genau in dem Zimmer hatte sie nackt auf dem Bett gelegen, während die Vorhänge sich in der sanften Brise bauschten und unten leise die Wellen an den Strand schlugen. Selbst jetzt konnte sie sich an die Magie jener Nacht erinnern. Und das Entsetzen nach Alex’ grausamer Zurückweisung spüren …

Saskia kniff die Augen zusammen und versuchte, sich zusammenzureißen. Auf keinen Fall würde sie diesen Schmerz noch einmal durchleben. Sie war darüber hinweg! Außerdem hatte sie jetzt wichtigere Dinge im Sinn. Irgendjemand war in dem Haus, und sie musste näher herankommen.

Nachdem sie den Kragen ihrer dunklen Jacke hochgeschlagen und sich vergewissert hatte, dass ihre hellen Locken nicht unter der Mütze hervorschauten, drehte sie sich um. Wie sie nicht anders erwartet hatte, war niemand zu sehen, denn der Privatstrand war nur über einen steilen Pfad von der Straße zu erreichen. Man hörte nur das Rascheln der Blätter im Wind und das Tuten einer Fähre in der Ferne.

Dann erregte das Geräusch einer Tür, die geöffnet wurde, ihre Aufmerksamkeit. Die Gardinen wurden zurückgezogen, und Saskia versteckte sich schnell hinter einem Busch, als ein Mann auf den Balkon trat. Er trug nur Jeans, und obwohl es schnell dunkel wurde, erkannte sie ihn sofort an der beinah arroganten Haltung, den breiten Schultern und dem muskulösen Oberkörper.

Erst danach ließ sie den Blick zu seinem Gesicht schweifen. Er war unrasiert, und sein feuchtes Haar rahmte seine markanten Züge.

Ihr Herz schlug schneller. Sie hatte ihre Beute gefunden!

Alex lehnte sich ans Geländer, und sie stellte fest, dass er sich kaum verändert hatte. Lediglich seine Züge wirkten etwas härter und seine Schultern breiter. Langsam ließ sie den Blick zu seiner muskulösen Brust gleiten und dann tiefer zum Bund seiner engen Jeans …

Prompt wurden wieder Erinnerungen in ihr wach, und ein heißes Prickeln überlief sie. Sie war wütend, weil sie immer noch so auf ihn reagierte, und weil sie geglaubt hatte, sie könnte je vergessen, was damals passiert war.

Saskia hob ihre Digitalkamera hoch und machte einige Aufnahmen. Sir Rodney würde begeistert sein. Welch eine Ironie des Schicksals, dass sie Alex ausgerechnet an dem Ort gefunden hatte, an dem er vor so vielen Jahren all ihre Träume zerstört hatte! Sie musste lächeln, als sie den Apparat wieder in ihre Tasche steckte.

Sie würde Alex dazu bringen, ihr das Interview zu geben, damit sie befördert wurde und ihren Vater unterstützen konnte. Ansonsten würde sie einige Dinge über ihn veröffentlichen, die er sicher nicht gedruckt sehen wollte. Nun musste sie nur noch die nächste Gelegenheit ergreifen, um zu ihrem Wagen zurückzukehren und darin zu warten.

Als Alex plötzlich in ihre Richtung blickte, duckte Saskia sich automatisch. Dabei verlor sie das Gleichgewicht und griff automatisch nach einem Ast, sodass man sie für einige Sekunden sehen konnte.

Die frische Luft tat gut. Das Wasser kräuselte sich in der sanften Brise, während überall in der Bucht die Lichter angingen. Die letzten Tage waren sehr anstrengend gewesen, weil Marla sich ständig beschwerte, dass er sie hier einsperrte. Aber was hatte er für eine Wahl? Noch immer wurde sein Büro in Sydney von Paparazzi belagert, die auf ihn warteten. Und da jeder Reporter in der Stadt momentan über ihn recherchierte, lag es nahe, dass man bald auch von der Existenz des Strandhauses erfuhr. Erst vor einer Stunde hatte jemand bei ihm Sturm geklingelt, was sicher kein Zufall war.

Doch sie würden bald von hier verschwinden. Er wartete nur noch auf den Anruf, mit dem man ihm bestätigte, dass Marla einen Platz in der Privatklinik in der Nähe von Lake Tahoe bekam, die gleichzeitig ein Hotel war. Dort konnte sie Tennis spielen, sich massieren lassen oder was immer sie für ihre Schönheit tun mochte. Wenn ihr Aufenthalt beendet wäre, hätte die Presse längst das Interesse verloren. Und vielleicht schaffte Marla es diesmal ja und wurde endlich vernünftig.

Wenig begeistert nippte Alex an seinem Sodaglas. Was er in diesem Moment wirklich brauchte, war ein Laphroaig. Der starke Single Malt Whisky hätte perfekt zu der rauen Seeluft gepasst. Doch er hatte eine Abmachung mit Marla getroffen – er würde nicht in ihrer Gegenwart trinken. So hoffte er, dass es mit ihrer Abreise am nächsten Tag klappte. Er musste sie lediglich zum Flughafen bringen, ohne gesehen zu werden.

Langsam ließ er den Blick über den Strand schweifen. Wenigstens waren sie hier allein.

Er führte gerade sein Glas an die Lippen, als er im Unterholz etwas rascheln hörte. Sofort sah er wieder nach unten. Ein Eindringling? Oder handelte es sich nur um ein Opossum?

„Alex?“, rief Marla von drinnen. „Wo bist du? Was brauche ich …?“

„Bleib da!“, befahl er ihr schroff über die Schulter hinweg. „Ich komme gleich.“

Nachdem er ein letztes Mal den Blick über den Strand hatte schweifen lassen, stieß er sich vom Geländer ab und kehrte ins Haus zurück. Energisch schloss er die Schiebetür hinter sich.

Langsam atmete Saskia aus. Das war knapp gewesen. Hätte die Frau ihn nicht gerufen, hätte Alex sie entdeckt. So wäre es ihr sicher nicht gelungen, sein Einverständnis zu einem Interview zu bekommen. Saskia schwang sich ihre Tasche über die Schulter und zog die Mütze tiefer ins Gesicht, um den Hang hinaufzuklettern. Wenn Alex ihr wieder nicht öffnete, würde sie auf ihn warten. Irgendwann musste er schließlich einmal das Haus verlassen.

Und die Frau? Saskia unterdrückte einen Anflug von Groll. Nein, sie war nicht eifersüchtig. Außerdem lag es nahe, dass es sich um seine Schwester handelte. Andererseits hatte er lediglich Jeans getragen.

Saskia seufzte gereizt. Es spielte ohnehin keine Rolle. Bestimmt war sie nicht die Einzige gewesen, die Alex mit hierhergenommen hatte.

Vorsichtig ging sie den Strand entlang. Es war noch dunkler geworden, und der überwucherte Zugang zu dem Pfad war kaum auszumachen. Noch immer suchte sie danach, als sie hinter sich Sand knirschen hörte.

Ihr blieb keine Zeit mehr, sich umzudrehen. Mit stählernem Griff umfasste jemand ihren Arm. Sie stieß einen schockierten Laut aus und versuchte sich zu befreien. Dabei verlor sie das Gleichgewicht und stolperte. Mit dem Gesicht nach unten fiel sie in den Sand, während ihr Angreifer, der auf ihr lag, ihr den Arm umdrehte und ein höllischer Schmerz ihre Schulter durchzuckte.

„Wer sind Sie, und was wollen Sie?“

Angst stieg in ihr auf. Dass sie ihren Widersacher kannte, beruhigte Saskia nicht im Mindesten, weil sie wusste, wozu er fähig war. Zudem würde er sie nicht gerade willkommen heißen, wenn er erfuhr, wer sie war.

Saskia zuckte zusammen und hob den Kopf, als Alex sie hochzog. „Du tust mir weh“, keuchte sie.

„Was, zum Teufel …?“

Sofort ließ er sie los und rollte sich zur Seite, entsetzt, weil er eine Frau zu Boden geworfen hatte. Allerdings hatte er auch nicht ahnen können, wer sich unter der Mütze und der weiten Jacke verbarg, und außerdem hatte sie hier nichts zu suchen. Ohne sie aus den Augen zu lassen, hatte er ihr den einzigen Fluchtweg abgeschnitten.

„Was machen Sie hier? Das ist ein Privatstrand.“

Vorsichtig stützte sie sich auf ihren Ellbogen und setzte sich auf, wobei sie trotzig das Kinn hob. Er betrachtete sie stirnrunzelnd und versuchte, ihr Gesicht zu erkennen. Als sie ihre Position veränderte, wurden ihre Züge vom Mondlicht erhellt. Im selben Moment nahm sie die Mütze ab und schüttelte ihr goldblondes Haar, das ihr dann in Wellen über die Schultern fiel. Und schließlich lächelte sie humorlos.

„Ich bin deinetwegen hier, Alex.“

Nun wurde ihm alles klar.

Theos!“, rief er und sprang auf. „Was, zum Teufel, tust du hier?“

„Ich wollte dich interviewen“, erwiderte sie ruhig, bevor sie ebenfalls aufstand und sich den Sand von den Sachen klopfte. „Aber erst musste ich dich finden.“

Kaum hatte sie den Satz zu Ende gesprochen, schnappte er sich ihre Tasche und begann sie zu durchsuchen.

„He, was soll das?“, protestierte sie und entriss sie ihm wieder.

Doch er hatte bereits ihr Handy und ihre Kamera herausgenommen und schaltete diese nun ein, um sich die Bilder anzusehen.

Vlaka!“, fluchte er leise, sobald er die Fotos von sich auf dem Balkon sah. Wie hatte er nur so unvorsichtig sein können? Das hier war keine unschuldige Besucherin. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern, bis die Paparazzi sie belagerten. Marla und er waren in dem Haus nicht mehr sicher.

Er öffnete die Kamera, nahm die Chipkarte heraus und warf sie ins Meer.

„Das kannst du nicht machen!“

„Ich habe es aber getan.“

Daraufhin wandte er sich wieder zu ihr um, um sie ausgiebig zu betrachten. Die kleine Saskia Prentice war erwachsen geworden. Noch immer rahmten die langen Locken ihr herzförmiges Gesicht, noch immer hatte sie diesen etwas zu breiten Mund, helle, zarte Haut und ungewöhnlich grüne Augen. Doch die Kurven, die sich unter ihrer Jacke abzeichneten, ließen erahnen, dass sie nicht mehr die Figur eines Teenagers hatte. Und statt Unschuld verriet ihr Blick nun Härte und Zynismus.

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