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Zeit der Dornen

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin:
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Prolog
      1. Berlin, Deutschland, Januar 2000
      2. Steinkirchen im Salzburger Land, Österreich, Januar 2000
  9. TEIL 1 1908 – 1920
    1. 1
      1. Mitternbach, Österreich-Ungarn, 8. September 1908
    2. 2
      1. Steinkirchen, Österreich, Januar 2000
    3. 3
      1. Steinkirchen, Januar 2000
    4. 4
      1. Mitternbach, Österreich-Ungarn, Juli 1912
    5. 5
      1. Steinkirchen, Österreich, Januar 2000
    6. 6
      1. Sippbach, Österreich-Ungarn, August 1912
    7. 7
      1. Ramsegg, Bayern, Januar 2000
      2. Mitternbach, Österreich-Ungarn, September 1912
      3. Mitternbach, Österreich-Ungarn, Ende Juni 1914
    8. 8
      1. Mitternbach, Österreich-Ungarn, August 1914
      2. Sippbach, Österreich-Ungarn, September 1914
    9. 9
      1. Ramsegg, Bayern, Januar 2000
      2. Mitternbach, Österreich-Ungarn, Mai 1915
    10. 10
      1. Mitternbach, Österreich-Ungarn, Mai 1915
    11. 11
      1. Sippbach, Österreich-Ungarn, April 1917
      2. Sippbach, Österreich-Ungarn, Dezember 1917
    12. 12
      1. Sippbach, Österreich-Ungarn, Januar 1918
      2. Mitternbach, Österreich-Ungarn, Sommer 1918
      3. Mitternbach, Österreich, Dezember 1918
      4. Sippbach, Österreich, Sommer 1919
  10. TEIL 2 1926 – 1952
    1. 13
      1. Sippbach, Österreich, September 1926
    2. 14
      1. Sippbach, Österreich 31. Januar 1933
      2. Steinkirchen, Österreich, Juli 1935
      3. Steinkirchen, Österreich, Februar 1936
    3. 15
      1. Steinkirchen, Österreich, Januar 2000
      2. Freilassing, Bayern, Januar 2000
    4. 16
      1. Steinkirchen, Österreich, Mai 1936
      2. Steinkirchen, Österreich, März 1938
      3. Steinkirchen, Österreich, Januar 2000
    5. 17
      1. Steinkirchen, Ostmark, September 1939
      2. Steinkirchen, Ostmark, August 1940
    6. 18
      1. Steinkirchen, Österreich, Januar 2000
    7. 19
      1. Limanova, Polen, Januar 1942
    8. 20
      1. Nahe Krakau, Polen, Januar 2000
    9. 21
      1. Steinkirchen, Alpen- und Donau-Reichsgaue des Großdeutschen Reichs, September 1942
      2. Mitternbach, Alpen- und Donau-Reichsgaue des Großdeutschen Reichs, Oktober 1942
    10. 22
      1. Mitternbach, Alpen- und Donau-Reichsgaue des Großdeutschen Reichs, November 1942
      2. Steinkirchen, Alpen- und Donau-Reichsgaue des Großdeutschen Reichs, März 1943
    11. 23
      1. Ostfront bei Shishdra, Russland, März 1943
      2. Steinkirchen, Alpen- und Donau-Reichsgaue des Großdeutschen Reichs, Mai 1944
    12. 24
      1. Steinkirchen, Alpen- und Donau-Reichsgaue des Großdeutschen Reichs, Oktober 1944
      2. Krakau, Polen, Januar 2000
    13. 25
      1. Steinkirchen, Alpen- und Donau-Reichsgaue des Großdeutschen Reichs, Januar 1945
    14. 26
      1. Steinkirchen, Österreich, Januar 2000
      2. Mitternbach, Alpen- und Donau-Reichsgaue des Großdeutschen Reichs, Februar 1945
    15. 27
      1. Krakau, Polen, Januar 2000
    16. 28
      1. Mitternbach, Österreich, September 1952
      2. Mitternbach, Österreich, Januar 2000
      3. Berlin, Februar 2000
  11. Nachwort

Weitere Titel der Autorin:

Das Bernsteincollier

Über dieses Buch

Leonie kommt zu spät ans Sterbebett ihrer geliebten Großmutter. Umso mehr will sie deren letzten Wunsch erfüllen und die düsteren Umstände aufklären, die ihre Familie vor Jahren entzweiten.

Gemeinsam mit ihrem Vater und dem sympathischen Krankenpfleger Jan, der ihre Oma in den letzten Monaten betreut hat, versucht Leonie, mehr über das Familienzerwürfnis herauszufinden. Ihre Suche führt sie in die harten Kindheitsjahre ihres Großvaters in den Alpen, die entbehrungsreiche Zeit während der Weltkriege und gipfelt in einer Reise nach Krakau, wo sie ein schreckliches Geheimnis lüftet. Und auch Jan, dem Leonie im Laufe ihrer Recherchen näherkommt, scheint etwas zu verbergen ...

Über die Autorin

Eva Grübl-Widmann wurde 1971 in Wien geboren. Sie studierte Grundschullehramt und Gehörlosenpädagogik.

Nach achtjährigem Auslandsaufenthalt in Stockholm und Mailand, lebt sie heute mit ihrer Familie wieder in Österreich und unterrichtet an einem Kompetenzzentrum für hörbeeinträchtigte Kinder. Ihre Freizeit gehört ganz ihren drei Leidenschaften, ihrer Familie, dem Schreiben von Romanen und dem Reisen in ferne Länder.

Eva Grübl-Widmann

Zeit der Dornen

Für Sarah und Nicolas

Prolog

Berlin, Deutschland, Januar 2000

Leonie lauschte dem regelmäßigen Ticken der alten Pendeluhr, während ihr Blick durch den dunklen Raum wanderte. Sie erahnte die bekannten Gegenstände, die sich hinter grauen Schattengestalten verbargen. Die Dunkelheit verwandelte sie in farb- und gesichtslose Gebilde. Der Straßenlärm war lange verebbt, die laute Diskussion der Nachbarn, die unter Leonie wohnten, verstummt. Es war spät, und immer noch wälzte sie sich von einer Seite auf die andere, den Kopf so voller Gedanken, dass an Schlaf nicht zu denken war. Lebhafte Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend drehten sich unaufhörlich in ihrem Kopf und hinderten sie seit Stunden daran einzuschlafen. Gedankenverloren hob sie ihre müden Glieder aus dem Bett, zog die Gardinen zurecht, die eine kühle Nachtbrise zu großen, bauchigen Gestalten aufblähte, und schloss das Fenster. Sie schlurfte in die Küche, wärmte sich ein Glas Milch, ließ einen Löffel zähen Honig in die weiße Flüssigkeit tropfen, und trottete träge ins Wohnzimmer. Dort sank sie mit einem Seufzer auf ihr sandfarbenes Sofa, zog die Wolldecke über ihre nackten Beine und legte den Kopf in den Nacken. Bilder blitzten vor ihren Augen auf, wie Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus alten Stummfilmen, begleitet von Gerüchen, die sich jahrzehntelang in ihrem Gedächtnis festgesetzt hatten: frisch gehacktes Holz, der süße Duft roter Äpfel und üppig blühender Hortensienbüsche. Lächelnd und mit einem Hauch Melancholie in ihrer Brust begab sie sich auf die gedankliche Zeitreise in ein kleines Dorf in den österreichischen Alpen.

Das blassgelbe Häuschen ihrer Großmutter schmiegte sich an den Waldrand. Versteckt und unscheinbar stand es da und trotzte den mächtigen Fichten, die drohten, es mit ihren tief herunterhängenden Ästen zu verschlingen. Es roch nach feuchter Rinde und Nadelbäumen. Auf den Waschbetonplatten vor dem Haus wucherte Moos, daneben standen der alte Holzschuppen und der knorrige Blutapfelbaum mit seinen dunkelroten, winzig kleinen Äpfeln, unter dem die Großmutter so gern saß und ihre Zeitung durchblätterte.

Leonies Gedanken wanderten durch das Haus. Sie sah sich selbst neben der damals noch rüstigen Frau, in kurzen Hosen, die Knie eng an den Oberkörper gezogen – ein kleines Kind aus der deutschen Großstadt Berlin, das seine jährlichen Sommerferien in dem idyllischen Bergdorf im Salzburger Land verbrachte und alle Handgriffe seiner Großmutter mit Bewunderung beobachtete. Die Frau flocht ihr hüftlanges, silber-schwarzes Haar geschickt zu einem langen Zopf, den sie dann zu einem Knoten drehte und mit Haarnadeln im Nacken feststeckte. Darüber band sie ihr braun-gelb geblümtes Kopftuch. Tiefe Falten umgaben ihre Augen, die vor Gutmütigkeit und Ruhe strahlten. Stumm führte sie Leonie hinaus in den Schuppen und bedeutete ihr, sich in sicherer Entfernung hinzusetzen. Sie redete nicht viel. Doch wenn sie sprach, war es wie ein Gesang in einem fremd klingenden Dialekt. Bekleidet mit ihrem einfachen Hauskittel, fasste sie ein Holzscheit und positionierte es auf dem Hackstock. Der Hieb saß, das Holz splitterte, und Leonies Augen folgten den hinunterfallenden Scheiten. In der Stube hob die Großmutter mit dem Schürhaken den Eisendeckel des Tischherds an und füllte diesen durch die obere Öffnung mit Zeitungspapier und den gehackten Scheiten, um ihn dann von unten zu befeuern. Der Tischherd diente in der kalten Jahreszeit als Heizung und zugleich als Kochstelle, auf der alle Mahlzeiten zubereitet wurden. Die Flammen züngelten hungrig nach dem trockenen Holz, ließen es knacken und knistern. Das Feuer ging bis spät abends nicht aus. Es war folgsam. Es kannte die Großmutter seit vielen Jahren.

Die Erinnerungen zogen Leonie in diese längst vergangene Zeit, in das kleine abgewohnte Häuschen, dessen Erdgeschoss nur aus drei kleinen Räumen bestand: einer Stube, dem Jungenzimmer und dem Schlafzimmer, in dem neben dem Elternpaar früher auch die zwei Mädchen geschlafen hatten. Feuchtes Mauerwerk, kühle Kammern, knarrende Betten mit unbequemen Rosshaarmatratzen. Leonie liebte das schlichte Heim der Großmutter. Selbst der PVC-Boden im Vorhaus, bedruckt mit einem üppigen, beigefarbenen Blütenmuster und unsauber verlegt, strahlte mit seinen Luftblasen und löchrigen Stellen eine unerklärliche Schönheit aus. Übertrumpft wurde er noch von der Speisekammer – einer Geruchsexplosion, einem köstlichen Gemisch aus dem Duft nach Würsten, Brot, Obst und Orangensirup. Das Haus glich einer Ansammlung geheimnisvoller Verstecke, Kammern und Nischen, deren Wände Geschichten erzählten. Und dann war da der geheimnisvolle Dachboden, für Kinder die verbotene Zone, die Aufbewahrungsstätte für Gerümpel, Lavendelsträußchen und verstaubte Fotografien von längst vergessenen Verwandten. Leonie wusste nur wenig über sie. Manche wären vor oder während des Krieges gestorben, darüber hinaus sei nichts von Bedeutung, einfache Leute, Bauern eben. Die knappe Auskunft der Großmutter hatte alle zufriedengestellt, und die Erinnerungen verschwammen mehr und mehr im Dunst der Vergangenheit. Nie hatte Leonie nachgehakt, nach Namen, Erzählungen, alten Verwandten gefragt. Hätte sie es irgendwann in all den Jahren getan, so wäre ihr vielleicht der Schmerz im Blick der Großmutter aufgefallen, die Wehmut und die Qual der Erinnerung.

Leonie öffnete die Augen, und die Bilder lösten sich in nichts auf. Ihre Großmutter würde sterben und mit ihr viele unerzählte Geschichten. Sie knipste die Leselampe an, öffnete den Wohnzimmerschrank und kramte ungeduldig in der Fotokiste. Ganz unten fand sie eine alte Ansicht des Hauses im Salzburger Land. Aus dem Fenster lugte ihre Mutter – so jung, so glücklich. Das Sommerparadies ihrer Kindheit existierte immer noch, doch ihre Mutter Sabine, die ihr auf diesem Foto entgegenlachte, war schon lange von dieser Welt gegangen. Als sie im Frühjahr 1986 bei einem Autounfall starb, hatte sie ihre fünfzehnjährige Tochter in einem Chaos aus Gefühlen zurückgelassen. Damals war ihre Großmutter Katharina Leonies Anker gewesen. Ihr Vater war versunken in einem Meer aus Trauer, Dunkelheit und Wut. Nie war er wieder der Alte geworden, hatte nicht aus dem Dickicht aus Selbstvorwürfen und Depression herausgefunden. Selbst heute noch, so viele Jahre nach dem Unglück, litt Leonie unter dem, was geschehen war. Damals hatte ihr Vater gewütet und mit wilden Ideen um sich geworfen. Vincent hatte kurzerhand beschlossen, seine Tochter aus Berlin fortzubringen, nach Österreich zu ziehen und Großmutters altes, baufälliges Häuschen abzureißen. Ein neues Haus hatte er im Sinn gehabt, wo er mit Leonie und seiner Mutter leben wollte – weit weg von der Erinnerung an seine Frau, weg von der gefährlichen Großstadt, die Leonie verderben würde. Die modrigen Gerüche sollten einem modernen, frischen Duft, strahlend weißen Wänden, Badezimmer und Parkettboden weichen. Er wollte einen Neuanfang, doch Leonies Großmutter hatte nicht mitgespielt. Katharina Lausegger hatte keine der verrückten Ideen hören wollen, kein neues Haus, kein Umzug ihres Sohnes und ihrer Enkelin. Niemand würde in ihrem Garten graben, ihre Wände zerschlagen, ihre Gemüsebeete zerstören. Und Leonie hatte nicht fortgewollt aus Berlin.

Es war der letzte gemeinsame Sommerurlaub bei der Großmutter gewesen. Er endete mit Streit, Vorwürfen und Schuldzuweisungen. Leonie hatte rebelliert, sich stur geweigert, ihre Heimat und ihre Freunde aufzugeben. Im Herbst nach Mutters Tod war sie aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Ihr Vater hingegen hatte seine Pläne, nach Österreich zu ziehen, verworfen und sich gekränkt in ein tiefes Loch aus Gram und Zorn verkrochen. Tochter und Mutter sah er kaum noch und machte sich damit sein Leben noch schwerer. Leonies Besuche in Österreich waren mit den Jahren, in denen sie zu einer jungen Frau herangewachsen war, immer seltener und kürzer geworden.

Das Alter holte die Großmutter ein, hatte ihr fast vollkommen den Gehörsinn genommen, nicht aber den Verstand und ihre Eigenwilligkeit. Die Gewohnheiten, die sie mit ihren dreiundneunzig Jahren begleitet hatten, konnte sie nicht ablegen. Die moderne Welt war nichts für sie. Noch immer stand die abgeschlagene Waschschüssel aus Email, Lappen und Seife mitten in der alten Stube. Eine Dusche, die ohne Aufwand heißes Wasser lieferte, hatte die Großmutter ihr Leben lang abgelehnt. Die Jahre waren wie Sand durch ein Sieb gelaufen, hatten Katharina Falten, Krankheit und Alter gebracht. Das schwarze Haar war nun grau, die Leichtigkeit, mit der sie einst ihre Arbeiten verrichtet hatte, war verschwunden. Leonies Großmutter lag in ihrem Krankenhausbett und wartete geduldig auf ihre Verwandten, die ihr in ihrer letzten Stunde beistehen würden.

Ein silbergrauer Streifen am Horizont kündigte einen neuen wolkenlosen, klirrend kalten Tag an. Leonie, die ein paar Stunden auf dem Sofa im Wohnzimmer eingenickt war, trottete erschöpft ins Badezimmer und drehte den Wasserhahn über der Wanne an. Sie musterte sich im Spiegel und bürstete müde ihr langes, kastanienbraunes Haar. Dann ließ sich mit einem tiefen Seufzer ins heiße Wasser sinken.

Nach dem Bad zwängte sie sich fluchend in ihre Jeans, die wie jedes Jahr nach den üppigen Weihnachtstagen, die sie mit einigen guten Freunden verbracht hatte, überall zwickte, und schlüpfte in einen weiten, bunt gestreiften Pulli, der alle ungewollten Rundungen und Röllchen verdeckte. Sie trank eine Tasse Kaffee und registrierte zufrieden, dass ihre Lebensgeister in ihren Körper zurückkehrten. Als die Sonne langsam die schlafende Stadt in sanftes Morgenlicht tauchte, nahm Leonie ihren Koffer und machte sich auf den Weg zum Flughafen.

Es war wenig los auf den Straßen. Sie stieg in die menschenleere Straßenbahn, ließ sich auf einen freien Sitzplatz fallen, kramte das Handy aus ihrer Umhängetasche und wählte die Nummer ihres Geschäftspartners und guten Freundes Marian:

»Guten Morgen, Leonie!«

Sie lächelte, als sie seine fröhliche Stimme hörte, die schon so früh vor Tatendrang strotzte. In der Zeit, die sich Marian und Leonie kannten, war eine enge Bindung, wie zwischen Geschwistern, zwischen ihnen entstanden.

»Hallo, Marian! Alles in Ordnung bei euch im Café?«

»Aber ja! Ein paar Tage ohne dich werden wir schon schaffen!«

»Es tut mir leid, dass ich dich so plötzlich im Stich lasse.«

»Deine Oma liegt im Sterben. Das ist doch selbstverständlich. Hast du etwas von ihr gehört?«

»Die Situation ist unverändert! Sie liegt immer noch im Krankenhaus. Es geht ihr nicht gut. Ich weiß gar nicht, ob sie mich noch erkennt!«

»Das tut mir leid!«

»Ja, danke. Ich habe dir noch die Nummer der Fotografin gemailt für die Ausstellung nächste Woche«, lenkte sie ab.

»Super, vielen Dank. Ich glaube, es bekommen richtig viele Besucher.«

»Ja, nach dem Flop der letzten Ausstellung haben wir das auch dringend nötig.«

»Mach dir nicht immer so große Sorgen. Unser Kunstcafé läuft gut. Nicht jede Ausstellung wird vom Publikum begeistert angenommen. Das gehört eben dazu. Die Bilder dieser Fotografin sind aber wirklich toll. Wir haben schon jetzt etliche Karten für die Vernissage verkauft.«

Leonie lächelte. Manchmal wünschte sie sich, sie hätte ein wenig mehr von Marians Optimismus.

»Bist du schon am Flughafen?«, fragte er.

»Nein, auf dem Weg dorthin. Der Flug geht in drei Stunden. Hör mal, Marian. Wenn es Probleme gibt, oder du mich dringend brauchst, dann melde dich!«

Er schwieg.

»Marian?«

»Ja, schon gut. Es wird keine Probleme geben.«

»Aber du meldest dich, versprochen?«

»Das muss ich gar nicht, du meldest dich ja ohnehin jeden Tag bei mir.«

Leonie lachte auf. »Na, das stimmt wohl … bin ich wirklich so schlimm?«

»Kein Problem! Ich freu mich, wenn du anrufst.«

»Na dann … Ich melde mich. Wir hören uns bald. Mach’s gut und vielen Dank, Marian!«

Schmunzelnd sank sie in ihren Sitz. Marian hatte auf die Ankündigung ihrer Reise so gelassen reagiert, wie er stets jede spontane Entscheidung seiner Freundin aufnahm. Leonie dachte an die vielen anstrengenden Stunden und Tage, als sie vor zwei Jahren gemeinsam ihr kleines »Café Kunst« eröffnet hatten. Eine Menge Arbeit und Herzblut steckten in dem Projekt. Ihr Vater, der ihre Entscheidung für ein Kunststudium ebenso befremdlich gefunden hatte wie später die Wahl ihres Berufes, hatte sich noch nie die Mühe gemacht, ihr Café zu besuchen. Wenn sie daran dachte, fühlte sie einen stechenden Schmerz in ihrer Brust. Wenn sie sich trafen, was selten genug vorkam, war die Stimmung frostig, und die Worte kamen ihm nur schwer über die Lippen. Leonie hatte nie verstanden, warum ihr Vater in allem, was sie tat, eine Enttäuschung sah. Sie fragte sich, wo der lebenslustige und tolerante Mann, der er vor dem Tod ihrer Mutter gewesen war, hingeraten war. Manchmal empfand sie einfach nur Mitleid für ihn, und manchmal war sie sogar dafür zu erschöpft.

Dabei war ihr Café Kunst auf dem Weg zum Erfolg. Marian und sie waren mittlerweile recht geschickt darin, neue Künstler oder Musiker zu finden, die ihre Vernissagen oder kleinen Konzerte in ihrem Café veranstalteten. Sie hatten hinter den beiden Räumen, in denen Kaffeespezialitäten, kleine Speisen, Torten und Kuchen serviert wurden, einen Ausstellungsraum geschaffen, wo jeden Monat andere Künstler ihre Werke präsentierten oder Konzerte gaben. Der Anteil am Erlös, den sie beim Verkauf der Kunstwerke erhielten, war nicht hoch, aber die meisten Gäste blieben noch eine Weile, nachdem sie die Ausstellung angesehen hatten. So hatte sich das Café nach und nach zu einem beliebten Treffpunkt für Kunstliebhaber und Studenten entwickelt.

Die Fotografin, die in der kommenden Woche ausstellen würde, hatte sich bereits einen beeindruckenden Ruf erworben. Ihre Fotos erschienen in Berliner Magazinen und Zeitungen. Es war die erste bekannte Künstlerin im Café Kunst, doch wie es das Schicksal entschieden hatte, würde Leonie ihre Ausstellung verpassen.

Steinkirchen im Salzburger Land, Österreich, Januar 2000

Kalte dicke Nebelschwaden hüllten den kleinen Dorffriedhof ein. Sie krochen träge zwischen die dunklen Grabsteine und verschleierten die Sicht auf die Gräber und Kreuze. Die trauernden Gesichter verschwammen hinter dem grauen Dunst. Auf dem Grab der Großmutter häuften sich Blumen und Kränze. Sie verdeckten die Inschriften auf dem schwarzen Grabstein: den Namen des Großvaters, der hier schon ein halbes Jahrhundert ruhte, und die neu eingravierten goldenen Buchstaben: Katharina Lausegger.

Die Trauer legte sich wie eine Eisenfessel um Leonies Herz. Kurz vor ihrer Ankunft war ihre Großmutter friedlich eingeschlafen und hatte ihr die letzte Möglichkeit genommen, sich zu verabschieden. Die Menschentraube löste sich auf, während Leonie nachdenklich vor dem Grab ausharrte. Der Kies knirschte unter den Füßen der Trauergäste, die sich auf den Weg zum Leichenschmaus im Dorfgasthof machten. Langsam verebbte das Geräusch der Schritte und murmelnden Stimmen. Leonie sah den Menschen nach, bis der Nebel sie verschluckte. Dann richtete sie die Augen wieder auf den Grabstein, den schwarzen Granit, die Kränze.

Leonies Vater Vincent näherte sich, blieb aber in einiger Entfernung stehen und beobachtete seine Tochter. Leonie fühlte den stechenden Blick in ihrem Rücken. Ihr Herz wurde schwer, als sie sich an die Beerdigung ihrer Mutter vor vierzehn Jahren erinnerte. Deren sinnloser Tod hatte alles verändert, ihr eigenes Leben und das ihres Vaters vollkommen aus der Bahn geworfen. Die Stille, in die Vincent sich zurückgezogen hatte, war für Leonie unerträglich geworden, später die täglichen Diskussionen, Vorwürfe, Streitereien, als hätte sie eine Mitschuld am Tod ihrer Mutter.

Leonie hatte geahnt, dass sie hier in Österreich auf ihren Vater treffen würde. Er wohnte sogar in derselben Pension, aber noch waren sie sich nicht über den Weg gelaufen. Leonie sah ihren Vater in Berlin höchstens ein- oder zweimal im Jahr. Es war besser so, fand er doch immer Gründe, ihr Leben, ihren Beruf und ihre Freunde zu kritisieren, allen voran Marian, ihren Geschäftspartner und besten Freund, den er für einen halbstarken Hippie hielt. Anfangs hatte er befürchtet, sie würde ihm Marian als Schwiegersohn präsentieren. Leonies Offenbarung, dass er homosexuell wäre, brachte keine Entspannung, im Gegenteil: Er lehnte den Umgang mit solch »besonderen« Leuten ab.

Sie wandte sich um. Immer noch stand er in einigen Metern Entfernung, den Blick auf sie gerichtet. Sie zog ein Taschentuch aus der Manteltasche, tupfte sich Tränen aus den Augen und ging schließlich einige Schritte auf ihn zu.

»Hallo, Papa.«

»Leonie.« Sein Gesicht zeigte keine Regung.

Mit einem zaghaften Lächeln versuchte sie, das Eis zu brechen. »Wir haben uns lange nicht gesehen. Wie geht es dir?«

Er sah sie mit ausdrucksloser Miene an und schüttelte den Kopf. »Lassen wir den Small Talk. Ich möchte dir jemanden vorstellen«, sagte er und zeigte auf einen jungen Mann, der am Friedhofstor stand und freundlich lächelte. Leonie folgte ihrem Vater schweigend und fassungslos zum Ausgang. Er zeigte sich weder an ihrem Leben interessiert, noch gab er etwas von sich preis. Bei jedem Treffen schien er noch ruppiger und unnachgiebiger geworden zu sein. Die Tage hier würden in einer Katastrophe enden, wenn es so weiterginge.

»Das ist Jan«, erklärte ihr Vater, als sie den Mann erreichten. »Er ist Krankenpfleger und hat sich um Oma gekümmert.«

»Freut mich, ich bin Leonie!«, sagte sie und schüttelte Jan die Hand.

»Hallo!« Der dunkelblonde Mann begrüßte sie mit einem warmen Lächeln. »Mein herzliches Beileid. Ihre Großmutter war eine großartige Frau.«

Leonie musterte ihn. Er hatte markante Züge und trug einen Dreitagebart. Seine grünen Augen mit bernsteinfarbenen Sprenkeln blickten fast unangenehm durchdringend zurück. Verlegen zupfte Leonie an ihrem Schlapphut. Sie war es gewohnt, außerhalb von Berlin wegen ihres auffälligen Outfits beäugt zu werden, aber er schien nicht an ihrem knöchellangen schwarzen Ledermantel, ihrem Schmetterlingstattoo am Hals und den Boots mit Schlangenleder interessiert zu sein, sondern schaute ihr konzentriert ins Gesicht.

»Sie haben sie gekannt, bevor sie krank geworden ist? Soweit ich weiß, war Oma doch kaum noch ansprechbar in letzter Zeit …«

»Ich bin schon länger hier.« Nur ein leichter Akzent verriet seine Herkunft aus einem der Staaten im Osten.

»Leider bin ich zu spät gekommen, um sie noch mal zu sehen«, murmelte Leonie und schluckte.

»Fahren Sie heute wieder nach Salzburg zurück?«, erkundigte sich Vincent.

Jan schüttelte den Kopf. »Ich habe noch ein paar Dinge im Ort zu erledigen. Außerdem habe ich noch Sachen im Haus von Frau Lausegger.«

»Sie kommen aus Salzburg?«, fragte Leonie.

»Ja, ich wohne da.«

»Ich würde sie gerne begleiten, wenn Sie Ihre Sachen abholen. Ich möchte Omas Haus noch mal sehen. Vielleicht haben wir auch Zeit, ein bisschen über sie zu sprechen …«, sagte Leonie.

»Ja, gerne!«, entgegnete Jan.

»Passt es Ihnen morgen? Sagen wir, um 14 Uhr?«

Er nickte, und ein Handschlag besiegelte die Verabredung. Der junge Mann entfernte sich. Leonie sah ihm nach, während er langsam im Nebel verschwand.

»Wir sollten jetzt gehen. Wir werden im Gasthof erwartet«, sagte Vincent mit ausdrucksloser Stimme.

Leonie seufzte. Mit schwerem Herzen sah sie ihren Vater an, der seine kühle, abweisende Art nicht einmal am Beerdigungstag seiner Mutter ablegen konnte.

Leonie betrat die Gaststube und ließ den Blick über die Tische und Sessel schweifen. Vincents Schwestern und Brüder mit ihren Familien waren bereits versammelt, und leises Gemurmel erfüllte den Raum. Es war eine große Familie, drei Brüder und zwei Schwestern, alle jünger als Vincent und eine große Schar von Cousinen und Cousins. Leonie hatte sie lange nicht gesehen. Nach der obligatorischen Begrüßungsrunde mit Händeschütteln, Umarmungen und Beileidsbekundungen, nahmen Leonie und ihr Vater am Tisch von Vincents Schwester Ingrid Platz. Sie stand Leonie am nächsten. Als der Leichenschmaus zu Ende war, kam der Pfarrer auf die beiden zu:

»Ich wollte noch etwas mit Ihnen beiden besprechen«, begann dieser mit dem typisch salbungsvollen Ton eines Geistlichen.

»Ach so?« Leonie sah zu ihrem Vater.

»Dann kommen Sie doch noch auf ein Glas Wein in unsere Pension, Herr Pfarrer. Da ist es ruhiger.«

Verwundert über die Gastfreundschaft ihres Vaters, begleitete Leonie die beiden zum Wagen. Sie spürte eine gewisse Erleichterung, nicht allein mit ihm zurückfahren, seine mürrische Art stillschweigend ertragen zu müssen. Vincent lenkte den Wagen zurück ins Dorfzentrum, wo die kleine Pension lag, die schon seit Jahren existierte und billige Gastzimmer anbot. In der Gaststube bestellte er eine Flasche Wein und setzte sich mit einem angestrengten Seufzer an einen Tisch.

»Was gibt es denn nun noch so Wichtiges zu besprechen?«, fragte er, während er langsam den Wein in die Gläser goss. Er schielte neugierig unter seiner Brille hoch und hob auffordernd die Augenbrauen.

»Ich habe Ihrer Mutter die letzte Beichte abgenommen«, sagte der Pfarrer.

Vincent sah ihn überrascht an. »Beichte? Ich dachte, meine Mutter wäre in den letzten Wochen verwirrt gewesen?«

»Ja, ganz recht. Aber wissen Sie, unser Gehirn hat die Fähigkeit, manchmal Schnipsel aus der Vergangenheit in die Erinnerung zurückzubringen, und plötzlich erscheinen uns bei unseren letzten Atemzügen Personen, die wir lange vergessen hatten.«

»Worauf wollen Sie hinaus?«

»Ihrer Mutter lag etwas auf der Seele, was sie sehr belastete, und sie wollte, dass ich mich mit Ihnen und Ihrer Tochter Leonie darüber unterhalte. Sie sprach von Vergebung und Sünde, von Verrat und immer wieder von Erwin, Anna-Maria und einem Stanislas.«

Leonie beugte sich gespannt vor. »Wer sind denn diese Leute?«.

Der Pfarrer studierte Vincents Gesicht, der sich nachdenklich mit den Fingern über die Stirn strich.

»Erwin ist mein Cousin«, sagte ihr Vater langsam. »Ich hab ihn über fünfzig Jahre nicht gesehen. Anna-Maria ist seine Mutter, meine Tante.« Er zuckte mit den Schultern. »Einen Stanislas kenne ich nicht.«

»Und was soll das jetzt bedeuten? Was wollte Oma uns damit sagen? Kanntest du denn diesen Erwin gut?«, fragte Leonie. Vincent sah seine Tochter an. Er schürzte angestrengt die Lippen, als würde er abwägen, ob er auf die Frage antworten sollte.

»Na ja, als Kind schon«, sagte er schließlich. »Sein Vater, mein Onkel Hans, ist im Krieg gefallen. Danach haben Erwin und seine Mutter ein paar Jahre bei uns gewohnt … und dann waren sie plötzlich weg.«

»Wie meinst du das? Plötzlich weg?«

»Von einem Tag auf den anderen waren sie verschwunden. Ohne sich zu verabschieden. Das war schon sehr seltsam«, erwiderte Vincent.

»Ihre Mutter bestand darauf, dass Sie und ihre Tochter Erwin aufsuchen. Es gab da wohl irgendeinen Vorfall, einen schlimmen Streit in der Familie … Ich glaube fast, es muss sich um eine Tragödie handeln, so aufgewühlt, wie ihre Mutter war, Herr Lausegger.« Der Pfarrer beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Leonies Vater diese Nachricht aufnahm.

»Sie hat Sie tatsächlich gebeten, mir aufzutragen, meinen Cousin Erwin zu besuchen?«, fragte Vincent, der die letzten Tage bei seiner sterbenden Mutter verbracht hatte.

»Nun, ich bin mir nicht sicher, ob sie noch wusste, wer ich bin. Sie hat mit mir gesprochen, als wäre ich ihr Ehemann, und hat mich Valentin genannt.«

»Aber mein Vater ist seit fünfzig Jahren tot …«

»Ihre Mutter war kurz davor, vor das Angesicht des Herrn zu treten. Sie konnte Realität und Erinnerung nicht mehr unterscheiden. Das Gehirn spielt uns da oft einen Streich. Aber es war ihr sehr wichtig, und sie wollte unbedingt, dass sie sich gemeinsam mit Ihrer Tochter auf die Suche nach Ihrem Cousin machen.«

»Kannst du dich überhaupt noch an deinen Vater erinnern?«, fragte Leonie vorsichtig.

»Natürlich! Ich war doch schon fünfzehn, als er gestorben ist!«

»Hast du denn eine Ahnung, wo dein Cousin wohnt, Papa?«

»Nein. Wie gesagt, sie sind damals einfach verschwunden«, entgegnete Vincent nachdenklich. »Ich denke, sie wollten nicht, dass wir sie suchen, und das haben wir auch nie getan.«

»Könnte es sein, dass er in Bayern lebt?«, warf der Pfarrer ein. »Ihre Mutter hat so etwas erwähnt.«

Vincent zuckte mit den Schultern und schwieg.

Leonie stützte die Ellbogen auf den Tisch. »Das können wir im Internet recherchieren. Die Adresse lässt sich ja sicherlich rausfinden, und dann können wir ihn besuchen.« Sie schenkte ihrem Vater ein optimistisches Lächeln.

»Wir müssten uns einen Mietwagen nehmen. Und nach Bayern ist es weit. Ich weiß nicht … was soll denn das alles bringen?« Vincent lehnte sich zurück und verschränkte die Arme.

»Aber wenn Oma es doch unbedingt wollte? Kamen Oma oder Opa ursprünglich aus Bayern?«

Vincent schüttelte den Kopf. »Nein, meine Mutter ist in ärmlichen Verhältnissen auf einem Hof nicht weit von hier aufgewachsen. Und mein Vater stammte aus Mitternbach, das liegt auch ganz in der Nähe. Er hatte eine furchtbar schwere Kindheit.«

»Davon hast du mir nie was gesagt.«

Er sah sie lange an. In seinem Blick verbarg sich ein Hauch von Traurigkeit. »Wir haben ja auch nie viel geredet.«

Leonie wurde rot. »Erzähl es mir jetzt … bitte!«

Er betrachtete sie nachdenklich und nickte dann langsam. »Nun ja … wo soll ich anfangen. Es ist so lange her … Als mein Vater geboren wurde, war alles anders. Damals waren Österreich und Deutschland noch Monarchien. Ignaz und Rosana Lausegger, die Eltern deines Großvaters, waren Bauern. Sie hatten vier Kinder, zwei Jungen und zwei Mädchen. Sie waren nicht arm, sondern besaßen einen schönen großen Hof, viel Gesinde, weitläufige Felder und Wälder und Ställe voller Vieh …«

TEIL 1
1908 – 1920

1

Mitternbach, Österreich-Ungarn, 8. September 1908

Der Wind säuselte und pfiff um die Wände des Hofes, rüttelte an den Fensterläden, kroch durch die Ritzen zwischen den Holzlatten und kündigte den bevorstehenden Herbst an. Der September hatte außergewöhnlich kühl begonnen. Die letzten Wochen waren für Rosana beschwerlich gewesen. Das Gewicht des Kindes, das sie in ihrem Leib trug, erschwerte den Alltag, trieb ihr trotz der Kälte den Schweiß ins Gesicht und das Wasser in die Beine. Das Ungeborene trat gegen Magen und Blase und raubte ihr den Schlaf, Nacht für Nacht. Rosana schlug die Decke zurück und wandte ihren Kopf zur Seite. Ignaz schlief noch. Sie erhob sich träge, zog ihr Nachthemd aus und schlüpfte in ihr Kleid. Im Dunkeln band sie sich die Schürze um, kämmte ihr hüftlanges dunkles Haar und steckte es zu einem festen Knoten hoch. Zitternd rieb sie die Hände aneinander und klopfte sich die Glieder warm. Sie schlich zur Tür, schlüpfte in ihre Stiefel und griff nach der Petroleumlampe.

Um von der Schlafkammer in die Stube und die anderen Wohnräume zu gelangen, musste sie einen überdachten Gang durchqueren. Der ausgiebige Regen der letzten Wochen hatte Wasser in den Gang geschwemmt und den festgestampften Erdboden aufgeweicht. Ignaz hatte Bretter auf den Matsch gelegt, aus Sorge, Rosana könnte ausrutschen.

Die morgendliche Kühle schlug ihr ins Gesicht. Vorsichtig bewegte sich die schwangere Frau vorwärts, gab acht, nicht von den Brettern abzugleiten, und öffnete, auf der anderen Seite des Ganges angekommen, die Tür zur Stube. Der Kachelofen war noch nicht abgekühlt. Der Raum empfing sie mit einer wohligen Wärme und dem Geruch des am Vortag gebackenen Brotes. Sie ging in die Küche und begann, Holzscheite in den Tischherd zu schichten. Vom oberen Stockwerk aus den Kinderkammern drangen leise Geräusche zu ihr herunter. Sie befeuerte den Ofen, und kämpfte sich dann schwerfällig die Leiter hinauf, Sprosse für Sprosse. Der steile Aufstieg war für eine hochschwangere Frau nicht ungefährlich und der Grund, warum Rosana das obere Stockwerk seit Wochen am liebsten mied. Sie spähte durch die Luke. Ihr Blick fiel auf Elisabeth und Maria, die friedlich auf ihren mit Maisblättern gefüllten Matratzen schliefen. Rosana betrachtete die Mädchen einen stillen Augenblick lang und stieg die letzten Sprossen hinauf. Sie schlich zu der zweiten Kammer. Fast geräuschlos drückte sie die Klinke nach unten und öffnete die Tür einen kleinen Spalt, gerade so weit, dass sie ihren Kopf hindurchschieben konnte. Hans, ihr ältestes Kind, saß aufrecht im Bett und sah sie mit verschlafenen Augen an: »Guten Morgen, Mutter, müssen wir schon aufstehen? Ist alles in Ordnung mit dir?«

»Ja, Hans, alles in Ordnung! Schlaf noch ein bisschen.« Der Achtjährige nickte und schlüpfte wieder unter seine Decke. Erneut machte sich das Ungeborene in ihrem Leib mit einem kräftigen Tritt bemerkbar. Da sie zu früh aufgewacht war und das Gesinde noch schlief, nahm Rosana den Holzeimer, um an diesem Tag selbst das Melken zu übernehmen und dabei nach der trächtigen Kuh zu sehen. Eines ihrer fünfzehn Tiere sollte in den nächsten Tagen kalben. Wenn sie Glück hätten, noch bevor sie niederkam.

Als sie die Tür öffnete, blies ihr ein eisiger Wind ins Gesicht. Sie stützte sich am Türstock ab, keuchte und wartete, bis das Kleine in ihrem Bauch aufhörte zu treten. Rosana fröstelte und fasste nach dem Schultertuch, das neben der Tür hing. Sie schlang es eng um ihren Oberkörper. Die ungewöhnlich niedrigen Temperaturen setzten die Bauern unter Zeitdruck, da noch viel Arbeit auf den Höfen anstand, bevor der Winter übers Land ziehen und den Landwirten etwas Ruhe gönnen würde. Die Äcker mussten noch gepflügt werden, und die Äste der Obstbäume ächzten unter dem Gewicht der reifen Früchte. Bis zum Sauschlachten im Dezember wollte Rosana auf jeden Fall wieder voll einsatzfähig sein. Sie ging zum Brunnen und wusch sich ihr Gesicht, um die Müdigkeit wegzuspülen. Das kalte Wasser weckte die Lebensgeister und brachte Farbe in ihre Wangen zurück. Sie trocknete sich mit der Schürze ab und machte sich auf den Weg zum Abort.

Benommen und verwirrt fuhr Ignaz aus dem Bett. Sein Herz pochte. Der Bauer blickte von links nach rechts, sammelte sich, versuchte, sich zu konzentrieren und zwischen Traum und Wirklichkeit zu unterscheiden. Noch schlaftrunken, bemerkte er die leere Bettseite. Es war ihm, als hätte er einen Schrei wahrgenommen. Im Nachtgewand hetzte er aus dem Haus, hielt inne, ballte nervös die Fäuste und ließ seinen Blick vom Brunnen über das Gemüsebeet bis zum Abort schweifen. Sein Herzschlag beschleunigte sich, als er seine schwangere Frau entdeckte, die zusammengekrümmt auf dem Boden lag. Sie wimmerte leise und streckte ihm hilfesuchend ihre Hand entgegen. In zwei kurzen Sätzen war er bei ihr.

»Schnell … die Hebamme, schnell! Die Fruchtblase ist geplatzt, aber irgendetwas stimmt nicht. Ich … ich kann nicht aufstehen«, stöhnte Rosana. Ignaz hob seine Frau auf, eilte mit ihr auf den Armen ins Haus, während er sich für seinen tiefen Schlaf verfluchte. Er hätte sie früher hören müssen. Gott weiß, wie lange sie dort schon gelegen hatte! Mit einem kräftigen Ruf weckte Ignaz seine drei Kinder und das Gesinde. Er schrie unkontrolliert Befehle durch die Stube, wies die Kinder an, sich anzuziehen und mit den Mägden das Frühstück zuzubereiten.

Die Mädchen und Hans kletterten die Leiter herunter und sahen sich mit verschlafenen Augen um.

»Vater? Oh Jesus, da ist ja Blut!« Sissi kreischte hysterisch. Verängstigt wanderten ihre Augen über die roten Flecken auf seinem Nachtgewand.

Ignaz schob die Mädchen grob beiseite. »Ich hol Fine, das Kind kommt.«

»Aber Vater, was …«

Hans, der den Ernst der Lage sofort erkannt hatte, unterbrach seine Schwester Sissi und zog sie an sich. »Ich kümmere mich um alles, Vater. Beeil dich!«

Ignaz nickte ihm dankbar zu, lief in die Schlafkammer und kleidete sich rasch an. »Ich gehe jetzt.«

Rosana versuchte, ihren Mann zuversichtlich anzusehen, aber in ihren Augen schimmerten Furcht und Ungewissheit. Bis zum Hof der Hebamme waren es zehn Gehminuten. Es blieb keine Zeit, den Wagen anzuspannen. Ignaz hastete durch das taunasse Gras, hielt immer wieder kurz inne, atmete ein paarmal keuchend durch und lief weiter. Er ignorierte die Seitenstiche, wusste, dass er nicht mehr lange in diesem Tempo durchhalten würde, doch er wollte keine Zeit verstreichen lassen. Endlich erschien das Haus der Hebamme hinter dem Hügel, und er verlangsamte seine Schritte ein wenig.

In der Stube schimmerte ein Lichtschein. Ignaz trommelte gegen die Tür, wartete ungeduldig einige Atemzüge und klopfte erneut. Fines Mann zog die Türe einen Spalt auf und lugte mit fragendem Blick hinaus. Als er seinen Nachbarn in dem morgendlichen Gast erkannte, erschien eine Mischung aus Neugierde und Verärgerung auf seinem Gesicht. »Ignaz! Du bist‘s. Was ist denn los in aller Herrgottsfrüh?« Der Bauer rieb sich verschlafen die Augen und starrte sein Gegenüber auffordernd an.

Ignaz schnappte nach Luft. »Das Kind kommt. Mit der Rosana stimmt was nicht. Wo ist die Fine? Schnell!«

Augenblicke später stand die Hebamme vor ihm, schob das Kinn ungeduldig nach vorn und trieb Ignaz an. »Gehen wir! Hopp, hopp!« Sie zog die Türe hinter sich zu und eilte dem verstörten Mann festen Schrittes voraus.

In der Küche hatten die Mägde Gerstenkaffee und Sterz zubereitet. Der süßliche Duft erfüllte den Raum, doch niemand wagte, etwas zu essen. Die Kinder saßen um den Küchentisch herum, schlürften Milch und beobachteten betreten die Mägde. Diese knieten vor dem Kreuz und murmelten unaufhörlich Gebete vor sich hin. Das einzige Geräusch in der sonst beklemmend wirkenden Stille. Fine grüßte mit einem kurzen Nicken und ging sofort in die Schlafkammer, um nach der Gebärenden zu sehen. Die Farbe war aus Rosanas Gesicht gewichen, die Adern schimmerten bläulich durch die blasse Haut, und sie konnte nur mit großer Anstrengung ihre Augen offenhalten. Die Finger in die Balken des Bettes verkrallt, warf sie ihrem Mann einen hilfesuchenden Blick zu.

Fine schätzte in Sekundenschnelle die Lage ein, während sie Ignaz unsanft aus dem Raum schob. »Koch Wasser und bring’s her! Und sauberes Leinen.« Die Hebamme holte ein frisches Tuch aus ihrer Tasche, rollte die Frau behutsam auf die Seite und zog das blutbefleckte Laken vom Bett. Das saubere Laken breitete sie unter Rosanas Hüften aus.

»Da stimmt was nicht, ich sag es dir, der Herrgott will mich strafen, weil ich unbedingt einen Jungen wollte! So viel Blut … das ist nicht normal. Der Pfarrer … der Pfarrer muss kommen und das Kind nottaufen … es wird vielleicht … oder kannst du, Fine?« Unter heftigem Keuchen stieß Rosana die Worte hervor, packte die Hand der Hebamme und starrte sie verzweifelt an.

»Schsch! Ruhig bist! Red nicht so einen Unsinn, Rosana. Über das Taufen können wir später auch noch reden.« Sie schob der Schwangeren ein Stück Holz in den Mund, auf das sie beißen konnte, und legte ihr ein kühlendes Tuch auf die Stirn. Das Letzte, was sie jetzt brauchte, wäre ein betender Pfarrer, der ihr Angst einjagte. Ignaz brachte das kochende Wasser und fuhr beim Anblick der blutigen Tücher in der Ecke entsetzt zurück.

»Fine, um Gottes willen …«

»Raus hier! Das ist Frauensache.«

Stumm setzte sich Ignaz zu seinen Kindern und dem Gesinde und starrte benommen in die Flamme der Lampe.

»Vater?« Hans sah ihn fragend an.

»Wir müssen warten«, erwiderte er, ohne seinem Sohn den Blick zuzuwenden. Er legte das Gesicht in seine Hände, schloss die Augen und versank im stillen Gebet.

Die Geburtswehen zogen sich lange hin. Die Sonne stand im Zenit, senkte sich wieder und verschwand. Immer noch war kein erlösender Kinderschrei zu hören. Knechte und Mägde hatten sich nach zahlreichen Gebeten an ihre Arbeit gemacht. Der Alltag würde sie von der beunruhigenden Situation und dem Warten ablenken.

Ignaz blieb in Rosanas Nähe. Gelähmt von der Angst um seine Frau betete er – Stunde um Stunde. Sein Gesicht war aschfahl. Gegen Abend kehrte das Gesinde in die Stube zurück, setzte sich wortlos an den Tisch und streifte den Bauern mit bedauernden Blicken. Rosanas Wehklagen hatten ihn den ganzen Tag über begleitet. Er hatte sich beinahe daran gewöhnt, als die Schreie mit einem Mal verstummten. Die um den Tisch Versammelten hoben die Köpfe, bis endlich ein kräftiger Kinderschrei die Anspannung in den Gesichtern löste. Ignaz schickte ein kurzes Dankgebet gen Himmel und lief, begleitet von den Glückwunschbekundungen seines Gesindes, zu seiner Frau. Ein kleines Bündel lag in Rosanas Arm. Fine wusch sich Hände und Arme und befreite sich von der beschmutzten Schürze. Einige Strähnen hatten sich aus ihrem Haarknoten gelöst und klebten in ihrem schweißnassen Gesicht. Sie sah abgekämpft aus.

»Na also, ein Bub. Verdreht war er, wollt nicht mit dem Kopf zuerst raus!«

»Ich danke dir Fine, ich danke dir.« Ignaz setzte sich an die Bettkante und strich seiner Frau über den Arm.

»Schau, Ignaz«, flüsterte sie, »ein schöner Bub, unser Valentin, nicht wahr?« Sie seufzte, sank in ihr Kissen und schloss erschöpft die Augen.

Trotz seiner frühen und schweren Geburt war Valentin ein gesunder, kräftiger Säugling. Die Mädchen schleppten ihren kleinen Bruder abwechselnd herum, sahen zu, wie man wickelte und Windeln auskochte. Doch die Freude der Familie über den Zuwachs war von Rosanas Zustand getrübt. Er hatte sich nicht wesentlich verbessert. Rosanas Haut schimmerte bläulich, das Atmen fiel ihr schwer, und bereits am Tag nach der Niederkunft hatte sie Fieber bekommen. Die Kräfte wollten nicht in den Körper zurückkehren. Ignaz vertraute auf Gott, übte sich in Geduld und versuchte sich mit Arbeit von der Sorge abzulenken.

»Mutter?« Hans steckte seinen dunklen Lockenschopf durch die Tür der Kammer.

»Hansl, komm nur rein.« Rosana rang sich ein Lächeln ab und streckte ihrem Ältesten die Hand entgegen.

»Der Herr Pfarrer ist da, wegen der Taufe. Vater sagt, wir sollen sie später machen, weil es dir noch nicht so gut geht, oder zumindest auf das Fest danach verzichten.«

»Aber nein!« Rosana bemühte sich, ihren schwachen Körper im Bett etwas aufzurichten. »Der Kleine muss getauft werden, und auf das Fest freut ihr euch doch schon seit Tagen. Wir warten auf keinen Fall, Hansl, hol mir bitte den Vater! Ich muss mit ihm reden.«

Wahrscheinlich würde sich das halbe Dorf einfinden – eine der seltenen Gelegenheiten, etwas Erfreuliches zu feiern, wurde von niemandem gern ausgelassen. Obwohl Rosanas körperliche Verfassung noch nicht gut war, hatte sie das Bedürfnis, dass sich alle mit Freuden an die Taufe ihres jüngsten Sohnes erinnerten. Sie empfing ihren Mann mit von Unbeugsamkeit zeugendem Blick und vorwurfsvollem Unterton in der Stimme.

»Der Kleine wird getauft! Da gibt’s nichts zu überlegen.«

Ignaz zog den Stuhl an Rosanas Bett heran und schüttelte den Kopf. »Sei doch vernünftig! Der Pfarrer hat gesagt, es geht auch nächsten Monat. Du bist noch zu schwach.«

»Nein, Ignaz.« Rosana umfasste die Hand ihres Mannes und sah ihm ernst in die Augen. Wie konnte er nur zweifeln? »Ich bittʼ dich. Lass uns die Taufe machen. Wenn dem Kind was zustößt … Es braucht doch Gottes Segen!«

Ignaz stand auf, ging einige Schritte durch den Raum und wandte sich wieder seiner Frau zu. »Das ist nicht gescheit, Rosana.«

»Es geht mir gut.« Entschlossen verschränkte sie die Arme vor der Brust und rutschte tiefer in ihr Kissen. Ignaz betrachtete sie mit ratlosem Blick, in den sich auch ein Hauch von Bewunderung für ihre Hartnäckigkeit mischte.

»Also gut, Herrgott noch mal, wenn du es unbedingt willst.«

Sie nickte und lächelte, während Ignaz mit einem beklommenen Gefühl in der Brust das Schlafzimmer verließ, um dem Pfarrer Bescheid zu geben.

Am Tag der Taufe waren alle früh auf den Beinen. Als der Morgen dämmerte, waren die Kühe gemolken, das Vieh gefüttert, und der Wagen stand angespannt vor dem Haus. Es herrschte Gedränge in der Stube, und endlich schallte wieder lange verstummtes Kinderlachen über den Hof. Mit flinken Händen flochten die Mägde den Mädchen das Haar, banden ihnen rote Schleifen in die Zöpfe und halfen ihnen in ihre Sonntagskleider. Hans versuchte seinen unbändigen Schopf zu kämmen, schimpfte leise vor sich hin und beschloss schließlich, mit Zuckerwasser seiner Mähne Herr zu werden, wie er es von seinem Vater kannte. Ignaz saß bei Tisch, schlürfte von seinem Kaffee und beobachtete zufrieden seine Kinder.

»Geh, Anna, und hilf der Mutter!«, wies er die Magd an, die sich sogleich mit dem gebügelten Kleid zu Ignaz‹ Frau aufmachte.

Rosana rieb sich die Augen und lauschte. Als sie das fröhliche Lachen aus der Stube vernahm, wurde ihr warm ums Herz. Sie schlug entschlossen die Decke zurück und schreckte bei dem Anblick, der sich ihr bot, zurück. Die Stoffbinden, die um ihren Unterkörper gewickelt waren, trieften vor Blut. Der Wochenfluss war wieder stärker geworden, statt zu versiegen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, die sie rasch mit dem Handrücken wegwischte. Wie viele Tage waren seit der Geburt vergangen? An einige konnte sie sich kaum erinnern. Wie in Trance hatte sie die warme Haut ihres neugeborenen Jungen wahrgenommen, der an ihrer Brust gesaugt hatte. Rosana wusste, wie es um sie stand, beeilte sich, die blutgetränkten Tücher verschwinden zu lassen und mit frischen Binden auszutauschen, bevor ihr Mann einen Blick darauf erhaschen könnte. Sie rieb ihre zittrigen Hände aneinander, kniff sich einige Male in die Backen, um etwas Farbe in ihr Gesicht zu bringen, als Anna klopfte und zaghaft die Türe öffnete. Hübsch zurechtgemacht in einem dunkelblauen Kleid und mit einer weißen Spitzenhaube auf dem Haar begrüßte sie die Bäuerin. In der Hand schwenkte sie fröhlich lächelnd Rosanas Kleid.

»Guten Morgen. Ein Festtag wird das heute.« Als ihr Blick auf das Bündel blutiger Tücher fiel, sackten die Schultern der Magd zusammen, und sie schlug die Hand vor den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken.

Rosana schob mit einem Kopfschütteln die Laken weiter unter das Bett und sah die Magd mit strengem Blick an. »Kein Wort, Anna!«

»Wird’s denn gehen, Bäuerin?«

Rosana lächelte aufmunternd und streckte die Hand nach ihr aus. »Es muss ja. Komm, hilf mir beim Anziehen und Frisieren, damit ich nett ausschaue beim Fest. Es ist der wichtigste Tag für meinen Sohn. Aber ich brauche etwas für das Blut.«

Anna biss sich auf die Lippe, nickte und half Rosana aus dem Bett.

»Oje, das Kleid ist zu weit!«, klagte diese, während sie sich vor dem Spiegel hin und her drehte. Sie sank erschöpft auf den Stuhl, starrte einen Augenblick abwesend in ihren Schoß und wandte sich erneut ihrer Magd zu. »Danke, Anna.« Sie räusperte sich, hob den Blick und sah die junge Frau mit ernster Miene an. »Hör mir zu! Ich möchte dich um etwas bitten. Ich fühl mich schwach, ich weiß nicht, wie viel Zeit mir der Herrgott noch gibt. Der Ignaz wird ganz allein sein mit den Kindern, wenn ich nicht mehr da bin …«

»Aber, nein! Was reden’S denn da.« Anna schüttelte den Kopf und sah sie erschrocken an.

»Anna, du bist ein gescheites Mädchen und weißt, wie es um mich steht.«

Die Magd wandte sich mit feuchten Augen ab.

»Du hast Tag für Tag meine blutigen Laken ausgewaschen und, Gott sei dir gnädig, immer darauf geachtet, dass Ignaz und die Kinder nichts merken.« Rosana erhob sich schwerfällig, trat näher an ihre Magd heran und fasste sie sacht bei der Hand. »Ich bitt dich, du hast ein gutes Herz. Schau, dass es meinen Kindern gut geht, wenn ich nicht mehr bin. Wirst du das tun, Anna? Zumindest, bis der Ignaz eine neue Bäuerin gefunden hat.«

Für einige Augenblicke herrschte ein beklemmendes Schweigen zwischen den beiden, bis Anna ein lauter Schluchzer entfuhr. »Ja, ich versprech‘s, ich werd tun, was ich kann.«

Die Bäuerin atmete erleichtert aus und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Aber jetzt … jetzt schau nicht so traurig. Heute ist ein Festtag. Hilf mir rüber, sie warten alle sicher schon.«

Als Rosana die Stube betrat wurde es für einen Augenblick still. Die Kinder sahen ihre Mutter mit ungläubigem Blick an, bevor sie der Reihe nach aufstanden, um sie zu begrüßen. Rosana schwankte leicht und drückte ihre Kinder gerührt an sich. Alles vor ihren Augen verschwamm hinter einem Schleier aus Tränen.

»Warum weinst du denn, Mutter?«, fragte Sissi.

Rosana schluckte und drückte den zarten Körper ihrer Tochter an sich. Mit zittrigen Lippen suchte sie den Blick ihres Mannes und nickte ihm zu.

Während die drei Kinder sie langsam zur Bank zogen, schaute sie hinüber zu Anna, die den Kopf gesenkt hielt, um von ihrem tränennassen Gesicht abzulenken, während sie Wasser aus dem Kessel schöpfte. Rosana nahm ihren Sohn, der in seiner Wiege schlummerte, setzte sich auf den Stuhl und wiegte den Säugling in ihren Armen. Als der Kleine sie mit seinen meerblauen Augen ansah, vergaß die geschwächte Mutter die Welt um sich herum und sah nur das zarte Gesicht ihres Kindes.

Das Pferd war festlich geschmückt und tänzelte nervös hin und her, irritiert durch den ungewohnten Kopfschmuck, den es zur Feier des Tages trug. Der kühle Fahrtwind blies Rosana ins Gesicht, und sie erlaubte sich einen Augenblick lang, der Wahrheit zu entfliehen. In ihren Gedanken sah sie ihren Jüngsten, wie er als kräftiger Bursche an seines Vaters statt den Wagen führte, sie an seiner Seite, älter, jedoch rüstig und gesund. Es wäre ein Geschenk Gottes, würde sie Valentins Jugend noch erleben. Ihr Körper war so schwach, dass sie spürte, wie er Stunde um Stunde an Lebenskraft verlor. Maria, ihre jüngere Tochter, drückte ihr Näschen in ihre Armbeuge und schlüpfte unter das Schultertuch ihrer Mutter. Rosana fuhr mit den Fingerspitzen über die rosigen Wangen der Kleinen.

»Mama traurig?«, fragte die Dreijährige und deutete auf eine Träne.

»Nein, mein Liebes, ich bin nur müde.«

Maria wandte das Gesicht ab und lächelte. Vor der Dorfkirche wurde der Wagen von einer kleinen winkenden Menschenmenge erwartet. Nicht, dass das Interesse an Taufen im Ort generell so groß war. Doch da Rosanas Schicksal immer noch in Gottes Hand lag, kamen viele, um für sie und ihre Familie zu beten und um sich, von Neugierde getrieben, selbst ein Bild von ihrem Zustand zu machen. Der Pfarrer hielt den Gottesdienst kurz, um Rosanas Kräfte zu schonen. Danach folgte sie, von ihrem Mann gestützt, der plaudernden Menge. Im Gasthof angekommen ließ sie sich erschöpft auf einen Stuhl sinken und beobachtete ihre Familie. Die Augen ihrer Kinder leuchteten, als das Essen aufgetragen wurde, man aß, lachte, tanzte.

Rosana fühlte sich so müde, als hätte sie nächtelang nicht geschlafen. Sie hatte sich etwas abseits auf die Ofenbank gesetzt, um sich auszuruhen. Sie wollte stark sein, doch sie merkte, dass sie den Kampf verlor und ihre Kräfte immer mehr schwanden, das Fieber wieder stieg, das Blut aus ihrem Körper floss wie aus einer unstillbaren Quelle. Dennoch war sie erfüllt von Dankbarkeit für diesen Moment. Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. Ihr Herz war von Liebe und Wärme überflutet und besiegte ihre Furcht vor dem herannahenden Tod.

»Geh mit Gott, mein Sohn«, murmelte sie, warf einen letzten Blick auf ihre Kinder, seufzte, sackte auf der Bank zusammen und schloss für immer die Augen.

2

Steinkirchen, Österreich, Januar 2000

Nach all den Jahren der Abwesenheit genoss Leonie die Nähe ihrer Familie. Die vier Geschwister ihres Vater, die allesamt immer noch in dem Bergdorf Steinkirchen wohnten und ihre Cousinen und Cousins, die sich rund um Salzburg angesiedelt und zum Teil bereits eigene Familien gegründet hatten, freuten sich üben die seltene Besucherin und die spannenden Erzählungen aus Berlin. Leonie stattete ihren Tanten und Onkeln Besuche ab, und genoss es, die bekannten Gesichter, die Straßen, Geschäfte und Wege wiederzusehen, die sie als Kind hunderte Male gegangen war. Die Zeit war auch hier nicht stehengeblieben, und große Supermärkte hatten sich dorthin gepflanzt, wo sie als Kind mit bloßen Füßen im Gras gespielt hatte, oder wo jahrelang ein kleiner Tante-Emma-Laden dem Aufstreben der großen Ketten getrotzt hatte. Irgendwann hatte auch er den Kampf verloren und musste weichen. Verborgen hinter diesem Aufblitzen der Moderne war Steinkirchen aber immer noch das, was es immer gewesen war: ein kleines Nest inmitten der Alpen, idyllisch und verschlafen. Leonie schlenderte den Schotterweg, der hinten den Eisenbahnschienen verlief, entlang, marschierte den Hügel zu den Weiden hinauf, öffnete und schloss die Gatter, wie sie es als Kind gelernt hatte, obwohl das Vieh im Winter in den Ställen auf wärmere Tage wartete und die Weiden leer waren. Sie freute sich, wenn sie Häuser entdeckte, die schon vor zwanzig Jahren gestanden hatten, und begutachtete interessiert die Veränderungen im Ort.

Ihre Gedanken kreisten um ihre Vorfahren, den Cousin, der in Bayern lebte, und um den seltsamen Namen slawischen Ursprungs. Seitdem der Pfarrer mit ihnen gesprochen hatte, verspürte Leonie eine unbändige Neugierde und das dringende Bedürfnis, den letzten Wunsch ihrer Großmutter zu erfüllen. Die Faszination der Vergangenheit kribbelte unter ihren Fingernägeln. Niemand drängte sie, Nachforschungen anzustellen. Sie hätte die Bitte ihrer verstorbenen Großmutter mit Leichtigkeit abtun können, denn mit ihrem Vater konnte jedes Unterfangen zu einer Katastrophe werden. Doch wenn sie sich an die Traurigkeit in seinen Augen erinnerte, überkam sie Mitleid. Vielleicht war die Aussöhnung zwischen ihnen das, was sich Großmutter insgeheim gewünscht hatte.

Leonie bog von dem Schotterweg ab auf den Pfad, der sich hinunter in die kleine Talsenke schlängelte, in der das kleine gelbe Haus ihrer Großmutter stand. Kurz davor blieb sie stehen, sog das Bild ein, warf einen Blick auf den dichten Wald, die riesigen Fichten, die der Wind im Takt bewegte, das unscheinbare Häuschen, das immer noch aussah wie vor zwanzig Jahren, den kahlen Blutapfelbaum und den Holzschuppen neben dem Lieblingsleseplatz ihrer Großmutter.

Leonie stieß einen tiefen Seufzer aus, schloss die Augen und stellte sie sich mit der Zeitung auf dem Schoß unter dem Baum mit den leuchtend roten Früchten vor. Das Rauschen der Fichten und der Duft der Nadelhölzer weckten Erinnerungen, die ihre Brust erwärmten. Hier hatte sie all ihre Sommer verbracht, unter dem Baum mit ihrer Großmutter »Mensch ärgere dich nicht« gespielt, hatte im Sand Tunnel gegraben, war den ganzen Tag barfuß umhergelaufen und auf Bäume geklettert.

»Entschuldigung?«

Leonie zuckte zusammen und riss die Augen auf.

»Ach! Ich war ganz in Gedanken versunken!«, murmelte sie verlegen.

Jan stand vor ihr, auf den Lippen ein zögerliches Lächeln. Er folgte ihrem Blick.

»Hier saß die Kathi am liebsten …«

Verblüfft nickte Leonie. »Wie gut kannten Sie meine Großmutter eigentlich?«

»Ich war knapp zwei Jahre bei ihr.«

»Zwei Jahre! So lange!«, stieß Leonie verwundert aus. »War ich wirklich schon so lange nicht hier?« Sie schüttelte den Kopf. »Haben Sie auch bei ihr gewohnt?«

»Ja, ich war als 24-Stunden-Pflegekraft angestellt. Das Haus ist zwar nicht groß, aber Ihre Großmutter sagte immer, früher hätten neun Leute darin gelebt, da wäre wohl genug Platz für zwei.« Er lächelte. »Am Wochenende bin ich immer heim nach Salzburg gefahren. Dann hat sich Ihre Tante Ingrid um Katharina gekümmert.«

Leonie senkte schuldbewusst den Kopf. Sie hätte öfter hier sein sollen.

Jan zog den Schlüssel aus seiner Tasche und öffnete die Tür. »Ich gebe ihn Ihnen nachher, okay?«

Sie traten ins Haus, und der altbekannte Geruch, der Leonie entgegenströmte, versetzte ihr einen Stich in der Brust.

»Ich hole meine Sachen«, sagte Jan und ging in den Raum, der einst das Jungenzimmer gewesen war. Leonie schritt langsam den schmalen Flur entlang, betrachtete wehmütig noch einmal jedes Detail des löchrigen PVC-Bodens, der kahlen Wände. Sie drückte die alte Türklinke zur Stube hinunter, und das Gefühl, ihre Großmutter würde sie dort erwarten, überkam sie. So war es immer gewesen. Doch so würde es nie wieder sein.

Sie trat in das kalte, aufgeräumte Zimmer. Alles sah aus wie immer. An den Wänden hingen die alten Fotografien, die kitschigen Heiligenbilder, auf dem Tisch lagen eine aufgeschlagene Zeitschrift und Großmutters Brillen, die vergeblich auf ihre Besitzerin warteten. Leonie stiegen die Tränen in die Augen. Sie ging weiter ins Schlafzimmer, den einzigen Raum, der in den letzten Jahren erneuert worden war. Das Bett war noch mit der geblümten Bettwäsche bezogen, getrocknete Lavendelsträußchen hingen im Fenster und verbreiteten ihren angenehmen Duft. Mit einem tiefen Seufzer setzte sich Leonie auf das Bett und saugte ein letztes Mal die vertrauten Eindrücke und Gerüche auf.

Sie hörte, wie Jan die Stube betrat und ging hinüber.

»Hier sind noch ein paar Sachen von mir«, sagte er leise und packte mit einigen Handgriffen alles in seine Tasche, was auf der Fensterbank lag. Leonie erhaschte einen flüchtigen Blick auf handschriftliche Aufzeichnungen und einige Skizzen. »Sie malen?«

»Ähm … nein, eigentlich schnitze ich.«

»Mit Holz und Taschenmesser?«

»Na ja, eigentlich eher mit Baumstämmen und einer Motorsäge oder einem Meißel und Feilen.«

»Interessant! Kunst ist mein Beruf, wissen Sie?«

Er musterte sie mit einer Mischung aus Verlegenheit und Interesse, nickte aber nur, ohne sich dazu zu äußern.

»Sie sprechen sehr gut Deutsch, aber Sie sind nicht von hier, oder?«

»Ich bin Pole.«

»Haben Sie sich gut mit meiner Oma verstanden, Jan? Darf ich Jan sagen?«, fragte Leonie, während sie die Fotos an der Wand betrachtete.

»Ja, natürlich. Wirklich gut. Sie hat mir sehr viel erzählt.«

»Erzählt?«

»Ja, von früher. So ein Tag kann lang werden, wissen Sie. Alte Leute erzählen gerne.«

»Wovon?«

»Ach … von allem Möglichen. Sie hat mir auch von Ihnen erzählt.«

»Tatsächlich? Was denn?«

Er wich ihrem auffordernden Blick aus. Das dumpfe Gefühl beschlich sie, er würde etwas verbergen, doch es verflüchtigte sich ebenso schnell wieder, wie es gekommen war. Wahrscheinlich drückten nur ihr schlechtes Gewissen und die Eifersucht auf ihre Brust. Das Wissen, dass er ihrer Großmutter in ihren letzten Wochen und Monaten nahe gewesen war, während sie tausend Kilometer entfernt Kaffee und Kunst verkauft hatte und ihren Kopf nicht freibekommen hatte für die wesentlichen Dinge des Lebens.

»Ich würde gern noch einen Kaffee mit Ihnen trinken. Sie könnten mir vielleicht ein bisschen von den letzten Jahren meiner Oma erzählen. Ich mache mir Vorwürfe, dass ich nicht da war, als …«

Jan nickte. »Café Mayr?«

Sie war einverstanden. Möglicherweise diente der junge Krankenpfleger ihr letztendlich nur als Trostspender, aber er hatte irgendetwas Geheimnisvolles an sich, und sie wollte herausfinden, was es war.

Als Leonie wenig später mit Jan das belebte Café betrat, stieg ihr ein köstlicher Duft nach frischem Gebäck und Kaffee in die Nase, und ihr wurde bewusst, dass sie noch nichts gegessen hatte. Sie setzten sich an einen freien kleinen Tisch am Fenster.

Anfangs herrschte eine natürliche Verlegenheit zwischen den beiden, die sich aber nach kurzer Zeit auflöste. Jan erzählte von seiner täglichen Arbeit, den Eigenheiten der manchmal störrischen Großmutter, an die sich Leonie mit Wehmut erinnerte, an Ausflüge, die er noch mit ihr unternommen hatte und an die traurigen Stunden, als sich ihr Lebensende abzeichnete. Leonie hörte interessiert zu, lachte und weinte. Die Sonne war bereits hinter dem Gebirgskamm verschwunden, als sie das Lokal verließen, und Leonie fühlte sich ein Stück weit von ihrem schlechten Gewissen befreit.

Gedankenversunken schlenderte Leonie am nächsten Tag den Weg über die verschneiten Weiden zum Haus ihrer Tante Ingrid entlang. Beim Frühstück hatte es wieder unnötige Auseinandersetzungen mit ihrem Vater gegeben, der immer noch versuchte, sie von der – wie er es nannte – brotlosen Kunst abzubringen. Tief gekränkt und mit aufkeimenden Selbstzweifeln hatte sie die Frühstückspension mit der Erkenntnis verlassen, dass ihr Vater ihren Berufsweg und ihre Art zu leben nie akzeptieren würde.

Nach zehnminütigem Fußmarsch erreichte sie das Haus, das am Rande eines Birkenwäldchens stand. Die kahlen Äste der Bäume eröffneten den Blick auf die dahinter liegenden Eisen- und Stahlwerke, die seit Jahrzehnten wichtiger und nahezu einziger Arbeitgeber in der Gegend waren. Ihre Tante lehnte am geöffneten Fenster, in der linken Hand eine Zigarette, in der rechten eine dampfende Kaffeetasse. Leonie beobachtete sie einige Minuten, stapfte dann durch den meterhohen Schnee zum Gartenzaun und machte sich durch Winken bemerkbar.

»Leonie? Bist du den Umweg über die Weiden gegangen?«

»Ja, kann ich den Hintereingang nehmen?«

»Klar, komm durch den Garten!« Mit einer lässigen Handbewegung schnippte Ingrid die Zigarettenkippe in weitem Bogen auf den Komposthaufen und ging ihrer Nichte entgegen.

Das Haus war alt und seit Jahren nicht renoviert worden. Seit Ingrids Mann an Krebs gestorben war, lebte sie allein mit ihrem schwarzen Rauhaardackel namens Wastl in dem dreistöckigen Gebäude, das einst eine fünfköpfige Familie und Ingrids Schwiegereltern beherbergt hatte. Die Älteren waren verstorben, die Kinder in ein nahegelegenes Städtchen gezogen, so wie jeder aus dem Dorf es tat, der nach mehr als einem Pflichtschulabschluss strebte. So hatte sich das einmal mit so viel Leben gefüllte Haus zu einem gespenstisch ruhigen Gerüst aus Erinnerungen gewandelt. Die Einsamkeit und der frühe Verlust ihres Mannes hatten Ingrid träge gemacht. Seit sie nicht mehr arbeitete, kam sie nur noch selten aus ihren vier Wänden heraus. Sogar ihre Geschwister besuchte sie viel zu selten, nur an Feiertagen und zu besonderen Anlässen. Leonie hatte das dumpfe Gefühl, als wären Zigaretten, Kaffee und Bücher der einzige Trost im tristen Alltag ihrer Tante.

»Lass uns mal einen Spaziergang machen. Ich glaube, du bist zu oft allein in diesem riesigen Haus«, sagte sie.

Ingrid schnitt eine resignierte Grimasse und zog den Kopf zwischen ihre Schultern. Sie gingen in die Küche, und Leonie setzte sich auf die altmodische Eckbank am Fenster. Ihre Augen wanderten über die Bilderrahmen, die auf der Fensterbank standen. Es war eine bunte Mischung aus alten und neuen Fotos, in Farbe und schwarz-weiß, viele zeigten Ingrids Kinder und Enkelkinder, manche ihre Geschwister. Auch Leonies Vater Vincent war darunter – als junger, fröhlich strahlender Mann, lange vor dem Tod ihrer Mutter. Ingrid stellte zwei Tassen Pfefferminztee auf den Tisch, setzte sich und folgte Leonies Blick, der an einem Bild haftengeblieben war, auf dem ihr Vater mit ihrer Mutter und sie selbst als kleines Kind abgebildet waren.

»Was ist los, Liebes? Du siehst traurig aus.«

Leonie räusperte sich und zwang sich, den Kopf abzuwenden, um von dem bittersüßen Gefühl der Wehmut abzulenken, das sie immer überkam, wenn sie zu lange Fotos ihrer Mutter betrachtete.

»Ach, die alte Geschichte. Papa findet, ich hätte was anderes studieren sollen, mein Leben wäre eine Achterbahn, und außerdem würde ich wie ein buntes Huhn rumlaufen … und so weiter …«

»Ach, Leonie!« Ingrid seufzte. »Er meint es nicht böse. Mein Bruder ist ein einsamer Mann.«

»Das mag ja sein, aber so macht er unsere Beziehung kaputt. Er war noch nicht ein einziges Mal in meinem Café. Er weiß überhaupt nicht, was ich mache!«

Ingrid tätschelte tröstend ihre Hand.

»Es ist eine Krankheit, weißt du – diese Depression. Nach Sabines Tod ist er nie wieder der Alte geworden.«

»Er gibt mir immer noch die Schuld.«

»Nein, Leonie! Das tut er nicht und hat es nie getan. Du warst noch ein Teenager. Deine Mutter hat selbst entschieden, loszufahren und dich zu suchen. Ich glaube eher, Vincent macht sich selbst Vorwürfe, dass nicht er gefahren ist.«

Leonie fühlte, wie das Brennen in ihrer Brust wiederaufflackerte, die Schuld, die seit dem tödlichen Unfall auf ihr lastete. Hätte sie nicht in ihrem jugendlichen Leichtsinn alle Regeln missachtet, hätte ihre Mutter sich damals niemals ins Auto gesetzt, um sie zu suchen. Aber es war müßig, sich noch mehr Stunden ihres Lebens mit Selbstvorwürfen zu quälen. Es würde ihre Mutter nicht zurückbringen.

»Für mich war das auch nicht einfach. Ich war fünfzehn und hätte ihn gebraucht«, flüsterte Leonie.

»Das weiß ich doch, Schätzchen!«

Leonie räusperte sich, um den Kloß in ihrer Kehle zu vertreiben. »Was soll’s! Ich werde auf jeden Fall nach eurem Cousin suchen. Angeblich lebt er in Bayern, und wenn Oma sich das gewünscht hat, dann …«

»Sie hat sich gewünscht, dass ihr gemeinsam nach ihm sucht – dein Vater und du«, fiel ihr Ingrid ins Wort.

»Ich weiß nicht. Papa scheint kein Interesse daran zu haben.«

»Das glaube ich nicht. Gib ihm eine Chance. Bis zu dem Unfall war er ein liebevoller Vater.«

»Das ist so lange her«, murmelte Leonie.

»Deshalb solltet ihr ja auch endlich versuchen, euch wieder zu vertragen. Es gibt keinen Grund für euren Streit.«

»Aber er hat einfach an allem, was ich mache, etwas auszusetzen. An meinem Café, meinem Beruf, meinem Aussehen, meinen Freunden. Marian hat er nur einmal getroffen und nennt ihn einen nutzlosen Hippie.«

»Wer ist Marian?«

»Mein Freund und Geschäftspartner. Wir haben das Café Kunst gemeinsam eröffnet.«

»Trotzdem«, beharrte Ingrid, »Oma wollte, dass Vincent und du das zusammen macht. Vielleicht versteht ihr euch dann wieder besser.«

Leonie nickte. »Das war wohl ihr Plan. Sogar aus dem Grab heraus versucht sie noch, die Welt zu verbessern.«

Ingrid schmunzelte. Ihr sanftes Lächeln erinnerte Leonie an ihre verstorbene Großmutter.

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